Hallo ihr Lieben und herzlich Willkommen zu einer neuen Folge von Starke Frauen. Der Podcast, der euch seit sieben Jahren inspirierende Frauen von damals und auch heute präsentiert. Und auch seit Folge 1 an meiner Seite die großartige, fantastische, die fröhliche Kim Seidler. Da ist aber wieder der Tusch, Kim. Da ist er wieder. Und es ist so krass, sieben Jahre. Unser Kind ist sieben Jahre alt.
Das kommt schon in die Schule. Ja. Und an meiner Seite die ebenso großartige, heute besonders nostalgisch gestimmte Katrin. Katrin, ich sag's dir. Diese Folge heute, die hat mich wirklich emotional ziemlich erwischt. Wie aber auch dein T-Shirt. Das erinnert mich so ein bisschen an die guten alten Zeiten. Damals, als wir noch bei ProSiebenSat1 gestartet sind, dann bist du rüber zu Spotify.
Genau. Wow, also für diejenigen, die jetzt nur diese Folge hören, ihr könnt gerne mal schauen, was ich für ein T-Shirt anhabe. Da stehen vier Namen drauf, aber ich setze mich jetzt auch wieder hin. Zurück zu dem Ursprung unserer Folge und der Aufgewühltheit bei der Vorbereitung.
Ich muss sagen, du bist nicht allein mit deinem Aufgewühltsein oder Berührtsein von dieser Geschichte, denn unsere Frau der Woche war eine, aus deren Leben man wirklich auch mehrere machen könnte und vor allem mehrere Dramen. Sie war Dichterin, Tänzerin, Sängerin, Aktivistin, Professorin und vor allem eine der wichtigsten literarischen Stimmen des 20. Jahrhunderts, nicht nur in Amerika. Ihr kennt sie vielleicht von ihrem berühmten Buch I Know Why the Caged Bird Sings.
Heute sprechen wir über die unglaubliche Maya Angelou. Ja, und ich kriege direkt Gänsehaut, Katrin. Und wir starten nicht direkt am Anfang, sondern mit einem Moment, der alles verändert hat. April 1968, New York City. Eine Frau sitzt allein in ihrer Wohnung. Die Vorhänge sind zugezogen, das Telefon klingelt immer wieder. Aber sie geht nicht ran. Diese Frau ist Maya Angelou und sie schweigt.
Nicht, weil sie nichts zu sagen hätte, sondern weil einer der wichtigsten Menschen ihres Lebens gerade ermordet wurde, Martin Luther King Jr., und zwar an jenem 4. April, an ihrem eigenen Geburtstag noch dazu, es war der 40. Und sie feierte ihn danach viele Jahre nicht mehr. Ja und das ist wirklich kein kleines Detail, denn dieser Tag markiert einen Punkt, an dem sie wieder in eine tiefe Krise fällt, in eine Art Rückzug, der sie an etwas erinnert, das schon einmal passiert ist.
Sie hatte ihre Stimme schon einmal verloren. So und jetzt springen wir ganz an den Anfang, nämlich in die Kindheit, vielmehr direkt zu ihrem Geburtstag. Ja, Maya Angelou wird am 4. April 1928 als Margaret Johnson in St. Louis geboren. Ihre Eltern trennen sich früh und sie wächst bei ihrer Großmutter in Stamps, Arkansas, auf. Und Stamps, das ist wichtig zu verstehen, das ist nicht einfach irgendein Ort. Das ist der rassistische amerikanische Süden der 30er Jahre.
Mit anderen Worten Segregation und Gewalt. gesetzlich verankert durch die sogenannten Jim Crow-Gesetze. Die hatten wir schon ein-, zweimal in einigen unserer Folgen. Das waren jene Gesetze, die die Rassentrennung in den USA regelten, die von den 1870er-Jahren bis 1965 in den Südstaaten galten. Das ist noch gar nicht so lange her. Das betraf nahezu alle Lebensbereiche, von Schulen über Verkehrsmittel bis hin zu Restaurants.
Stamps ist also ein Ort, an dem schwarze Kinder wie Maya lernen, weißen Erwachsenen aus dem Weg zu gehen. Das beschreibt Maya Angelou sehr eindrücklich in ihrer Autobiografie, die ich eingangs nannte I Know Why the Caged Bird Sings, in der sie das Leben im segregierten Süden und die strikten sozialen Regeln zwischen Schwarzen und Weißen sehr minutiös schildert.
Ja und kurz zu Mayas Biografie, I Know Why the Caged Bird Sings, zu Deutsch übrigens, ich weiß, warum der gefangene Vogel singt, erschien 1969. Das Werk ist der erste Band einer insgesamt siebenteiligen Autobiografiereihe und gilt als Klassiker der afroamerikanischen Literatur sowie als Schlüsseldokument feministischer und antirassistischer Erzählkunst. Aber zurück zu Stamps, Mayas Heimatstadt. Dort ist der Rassismus, wie gesagt, allgegenwärtig.
Aber gleichzeitig ist die schwarze Gemeinschaft unglaublich stark, zum Beispiel in der Kirche. Und genau diese Mischung aus Schmerz und Gemeinschaft prägt Maya Angelou ihr ganzes Leben. Vielleicht müssen wir auch noch mal ganz kurz über Mayas Mutter sprechen, denn die ist eine ziemlich beeindruckende Frau.
Vivian Baxter heißt sie. Sie ist selbstbewusst, unabhängig und geht ihren eigenen Weg, was für eine schwarze Frau in den 30er und 40er Jahren, zumal in den Südstaaten in den USA, alles andere als selbstverständlich ist. Total. Sie arbeitet, sie organisiert ihr Leben selbst und sie vermittelt ihrer Tochter vor allem eins. Du musst dich behaupten können. Und auch wenn Maya einen großen Teil ihrer Kindheit bei der Großmutter verbringt, bleibt diese Prägung durch die Mutter extrem wichtig.
Denn sie ist auch jemand, die Entscheidungen trifft, Risiken eingeht und Verantwortung übernimmt. Und genau deshalb wird Maya irgendwann wieder zu ihr geschickt. Zurück in ihre Geburtsstadt St. Louis in Missouri. Das liegt etwa 500 Meilen weiter nördlich von Stamps. Und dann passiert etwas ganz Furchtbares, das wirklich alles verändert und so reinschlägt in diese Kindheit. Mit acht Jahren wird sie von dem Freund ihrer Mutter vergewaltigt.
Kein Fremder also, jemand, dem ihre Mutter auch vertraute. Ein unglaubliches Trauma und das als Achtjährige. Es ist wirklich widerlich. Und auch davon erzählt Maya in ihrer Biografie. Der Mann wird zwar verhaftet und verurteilt, aber nur zu einer sehr kurzen Haftstrafe. Und das entspricht leider auch der Realität dieser Zeit. Sexualisierte Gewalt an schwarzen Mädchen wurde oft nicht, wenn überhaupt, ernst genommen oder nur milde bestraft.
Nach seiner Entlassung allerdings wird der Mann getötet, vermutlich von Männern aus der eigenen Familie. Und das unglaublich Tragische daran, Maya, wie gesagt ein kleines Kind, glaubt, dass ihre Worte ihn getötet haben. Sie denkt, es war meine Stimme, die das getan hat. und daraus resultierend trifft sie eine ziemlich traurige Entscheidung, die kein Kind jemals treffen sollte. Sie hört auf zu sprechen.
Und daraus entsteht dieses Schweigen. Nicht einfach nur ein Trauma, sondern auch ein ganz konkreter Gedanke. Wenn ich spreche, passiert etwas Schlimmes. Maja verstummt und das für fast fünf Jahre. Das muss man sich mal vorstellen, ein Kind, das einfach still wird. Nicht, weil es nichts zu sagen hat, sondern weil es glaubt, seine Worte seien gefährlich. Nicht, weil es schüchtern ist, sondern als purer Schutzmechanismus.
Und das ist wirklich so unglaublich traurig. Fünf Jahre lang. Also Wahnsinn. Ja. Und vielleicht noch wichtig an dieser Stelle, nach diesem Ereignis wird Maya wieder zurück zu ihrer Großmutter nach Stamps geschickt. Also genau in dieses Umfeld, das wir am Anfang ja schon deutlich beschrieben haben. Und dann kommt eine dieser Begegnungen, die alles verändern im positiven Sinn. Eine Lehrerin, Mrs. Flowers, eigentlich Bertha Flowers, wird zu einer der wichtigsten Personen in Myers Leben.
Sie sieht dieses stille Kind und erkennt, da steckt etwas in ihr, da schlummert ja ein Schatz. Und sie gibt ihr Bücher, Shakespeare, Dickens, Poe, aber nicht einfach nur so. Sie sagt etwas Entscheidendes. Worte müssen gesprochen werden. Geschriebene Sprache lebt erst dann wirklich, wenn sie laut wird. Und auch das beschreibt Maya selbst in ihrer Biografie. Und weil sie nicht spricht, beginnt sie, die Welt ganz anders, also mit ihren eigenen Augen und Sinnen wahrzunehmen.
Ganz genau. Sie beobachtet extrem, genau, wie Menschen sprechen, wie sie sich bewegen, wie sie Dinge ausdrücken, auch ohne Worte. Gleichzeitig liest sie halt unglaublich viel, eben durch diese Lehrerin ermutigt. Nicht nur die Klassiker, sondern auch Literatur von schwarzen AutorInnen, die ihr zeigen, es gibt Geschichten wie meine. Und ich finde das so krass, denn das ist nicht nur eine persönliche Heilung auch für sie, das ist eigentlich auch der Ursprung von allem, was später kommt.
Ja, total. Ihre gesamte Karriere, ihre Bücher, ihre Gedichte, ihre Reden beginnen genau hier. In einem kleinen Ort mit einem stillen Kind und einer Frau, die gesagt hat, sprich. Wobei das Sprechen selbst noch ein bisschen dauern wird. Gleichzeitig erlebt sie natürlich weiterhin diesen Rassismus in ihrer Umgebung. Das ist jetzt nicht abstrakt, das ist ja wirklich ihr Alltag. Zum Beispiel gibt es diese eine Szene, die sie später auch beschreibt.
Sie hat starke Zahnschmerzen, ihre Großmutter bringt sie zu einem weißen Zahnarzt und eigentlich müsste man jetzt denken, der hilft, ist ja klar, aber das Gegenteil passiert. Der Zahnarzt weigert sich, sie zu behandeln und laut Maya sagt er sinngemäß, dass er lieber einem Hund in den Mund greifen würde als einem schwarzen Kind. Das ist schon krass. Nicht aus medizinischen Gründen, sondern aus purem Rassismus. Das macht einen wirklich wütend.
Und was ich da aber stark finde, ist, dass ihre Großmutter das auch nicht so stehen lässt. Sie konfrontiert ihn dann später. Und Maya bekommt also auch von dieser Frau Stärke vorgelebt. Erhebe deine Stimme. Oder es gibt noch eine andere Situation, die sich später beschreibt. Vor dem Laden ihrer Großmutter stehen weiße Mädchen. Und die kommen nicht, um etwas zu kaufen, sondern die kommen einfach, um sich über die Großmutter lustig zu machen.
Indem sie um sie herumtanzen, Gesichter ziehen, die Großmutter imitieren und sich über ihre Körperhaltung und ihre Sprache lustig machen. Das wirklich beeindruckende oder eigentlich auch traurige ist, ihre Großmutter reagiert nicht. Sie bleibt einfach stehen, still, aufrecht als Überlebensstrategie, weil ja auch jede Reaktion die Situation eskalieren lassen könnte.
Absolut. Und Maja steht daneben, schaut zu, nimmt alles auf und ich finde, das ist so ein Schlüsselmoment, weil sie lernt hier zwei Dinge gleichzeitig. Erstens, wie brutal Demütigung sein kann, auch ohne körperliche Gewalt und zweitens aber auch, was Würde bedeutet. Würde, weil sich die Großmutter eben nicht klein macht. Sie lässt sich nicht brechen. Und Maya, die speichert das alles ganz genau ab. Sie lernt aber auch, mit diesen unausgesprochenen Regeln zu leben.
Zum Beispiel das schwarze Kinderlernen, weißen Menschen nicht direkt in die Augen zu schauen. Dass sie zur Seite treten müssen, wenn ihnen jemand entgegenkommt. Also jemand weiß es, dass sie nicht widersprechen dürfen. Nicht laut werden, nicht auffallen.
Ja, Teil dieses rassistischen Systems, von dem du schon anfangs erzählt hattest, die Jim Crow Ära, in der Rassentrennung gesetzlich verankert ist und Maya wächst in einer Welt auf, in der sie permanent aufpassen muss und achtsam sein muss und in einer Welt, in der sie ja nicht spricht. Sie lebt in diesem System, nimmt alles wahr, aber hat ja erstmal keine Möglichkeit sich auszudrücken, zumindest nicht sprachlich. Könnte sie ja, aber sie ist halt verstummt.
Vielleicht ist das ja genau der Ursprung von etwas, das sie später einzigartig macht, nämlich dass sie dann irgendwann Worte findet für genau das, wofür sie vorher auch keine Sprache hatte.
Ihre Stimme, die kommt ja wie gesagt auch nicht auf einmal zurück, die wächst langsam über Jahre und das muss sie auch, da ist ja zum einen natürlich das Trauma, das überwunden werden muss und dann natürlich auch die Stimme, die Stimmbänder selbst, die jahrelang nicht benutzt wurden, aber diese Stimme kommt nach und nach langsam zurück mit jeder Erfahrung, mit jedem Ortswechsel, mit jedem neuen Kapitel ihres Lebens. Und eines dieser Kapitel beginnt dann mit einem ziemlich großen Schritt.
Maya verlässt nämlich den Süden und folgt ihrer Mutter nach Kalifornien. Denn diese starke Frau nimmt ihr Leben in die Hand und zieht dorthin, wo es Arbeit gibt und bessere Chancen als eben im segregierten Süden. Für Maya und Vivian geht es nach San Francisco, eine Großstadt, die wirtschaftlich mehr Möglichkeiten bietet, auch wenn die natürlich nicht ganz frei ist von Rassismus. Auch das nicht.
Als sie dort ankommen, ist Maya gerade Teenagerin und sie lebt dort zwar mit ihrer Mutter, aber weniger wie in einem klassischen Elternhaus, sondern man kann sich das eher so wie eine WG vorstellen. So beschreibt sie das auch. Die Mutter ist zwar da, aber sie fordert auch extrem früh diese Selbstständigkeit von ihr ein. Also nach dem Motto, du bist jetzt hier, das ist schön, aber du musst deinen Weg finden und dich auch um dich selbst kümmern.
Maya beschreibt diese Beziehung später auch als sehr, sehr prägend, liebevoll, aber gleichzeitig fordernd. Maya besucht in San Francisco noch die Mission High School. Und jetzt kommt wieder so ein einschneidender Moment, wo man denkt, dieses Leben läuft einfach nicht so ganz geradlinig, denn Maya wird mit erst 16 Jahren schwanger. Über den Vater ihres Kindes spricht sie später kaum öffentlich. Das ist eine bewusste Entscheidung von ihr.
Kurz nach dem Schulabschluss, Highschoolabschluss, bringt sie ihren Sohn zur Welt, Guy Johnson. Und ab diesem Moment geht es auch wirklich ums Überleben für sie und ihr Kind. Ja, nochmal deutlich formuliert, sie lebt ja zwar bei ihrer Mutter in San Francisco, aber sie trägt die Verantwortung für ihr Kind selbst. Der Vater spielt ja auch keine Rolle. Und Unterstützung im Sinne von, kümmer du dich doch mal bitte, die gibt es nicht.
Ich finde, man kann das nicht genug betonen. Sie ist ja erst auch 16. Halleluja. Mutter, aber selbst ja noch Kind. Eine schwarze Frau, eine schwarze, sehr junge Frau in den 40er Jahren in den USA. Das sind so viele Herausforderungen auf so vielen Ebenen. Ja, sie nimmt ihr Schicksal aber in die Hand. Sie arbeitet erst als Köchin, wird eine der ersten schwarzen Straßenbahnschaffnerinnen in San Francisco und kämpft sich irgendwie durch.
Und in dieser Zeit passiert aber auch noch etwas Schönes. Sie entdeckt ihre Formen, sich auszudrücken, also durch Tanzen, Singen, Performance. Das beginnt gar nicht direkt auf den großen Bühnen, das ist ja klar, sondern erstmal in kleinen Clubs und auf lokalen Bühnen und sie arbeitet sich Schritt für Schritt in die Kunstszene San Francisco hinein, tritt als Tänzerin und Sängerin auf und entwickelt ihre Bühnenpräsenz, wie sie auch in ihrer Biografie sehr ausführlich beschreibt.
Ja und irgendwann wird daraus mehr und sie bekommt die Chance, Teil der Opernproduktion Porgy & Best zu werden und tourt damit sogar auch durch Europa und Afrika, was natürlich riesig ist. Eine junge schwarze Frau aus den USA, die plötzlich die Welt sieht. Genau, aber genau in dieser Zeit macht sie natürlich auch ganz wichtige Erfahrungen auf Reisen, weil sie merkt, auch auf der Bühne ist sie nicht frei. Schwarze Künstlerinnen werden oft in bestimmte Rollen gedrängt.
Sie dürfen unterhalten, ja, sie dürfen glänzen, aber sie dürfen selten selbst bestimmen, was sie sagen wollen. Gleichzeitig erlebt sie im Ausland eine ganz andere Anerkennung. In Europa und vor allem in Afrika wird sie zum ersten Mal anders wahrgenommen. Ja, nicht nur als schwarze Amerikanerin, sondern als Künstlerin, als Teil eines großen Ganzen. Das erinnert mich irgendwie auch so ein bisschen an Josephine Baker. Über sie haben wir auch eine Folge gemacht, 74. Aber jetzt zurück zu Maya.
Ja, die Erfahrung beschreibt Maya nämlich später unter anderem in The Heart of a Woman. Sie beginnt zu verstehen, dass ihre Stimme mehr sein kann als nur Unterhaltung. Maya steht im Rampenlicht, aber sie merkt auch, das reicht ihr nicht so richtig. Sie will gehört werden und sie will auch etwas verändern. Und sie politisiert sich immer mehr. Sie zieht nach New York, schließt sich der Harlem Writers Guild an, also einem Netzwerk schwarzer AutorInnen und Intellektueller.
Und sie beginnt, sich aktiv in der Bürgerrechtsbewegung zu engagieren. Nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Organisatorin. Sie arbeitet unter anderem für die Southern Christian Leadership Conference, also die Organisation rund um Martin Luther King Jr. Und gleichzeitig steht sie im Austausch mit Malcolm X. Also zwei sehr unterschiedliche Strömungen innerhalb der Bewegung.
Und das zeigt auch, wie breit sie denkt. Sie bewegt sich zwischen Kunst, Politik und Aktivismus und sucht ihren eigenen Weg darin. Und dann geht sie noch einen Schritt weiter. Sie verlässt die USA und zieht nach Ghana. Weil Ghana zu dieser Zeit ein Zentrum für panafrikanische Ideen ist, also die Vorstellung, dass Menschen afrikanischer Herkunft weltweit verbunden sind. Vielleicht noch ganz kurz zur Einordnung. Malcolm X ist einer der wichtigsten Bürgerrechtler der USA, aber mit einem ganz
anderen Ansatz als Martin Luther King. Also die Black Panthers, habt ihr vielleicht auch schon mal gehört, gerne weiter recherchieren. Während King für gewaltlosen Protest steht, setzt Malcolm X zunächst stärker auf Selbstbestimmung, Selbstverteidigung und eine klare Abgrenzung von weißen Machtstrukturen. Und genau zwischen diesen beiden Polen, sagt es das gerade, sie denkt sehr weit, bewegt sich auch Maya Angelou. Echt eine spannende Phase auch für sie, sich da zu finden.
Total. Ghana hat sie ja die Chance, auch nochmal einen ganz anderen Job zu machen. Nämlich sie arbeitet als Journalistin für Zeitungen und Radio und bewegt sich in einem Netzwerk von Intellektuellen. Dort erlebt sie zum ersten Mal wirklich, was es heißt, nicht allein, sondern Teil einer globalen Bewegung zu sein. Und das verändert ihren Blick komplett.
Hier entsteht diese Verbindung, die ihr ganzes späteres Schreiben auch prägt, zwischen persönlicher Geschichte und auch der politischen Realität von Schwarzen. Das verändert ihren Blick auf sich selbst und auch auf ihre Rolle in der Welt. Maya wird immer politischer, nicht nur im Denken, sondern auch im Handeln. Sie organisiert, sie schreibt, sie vernetzt sich und sie bewegt sich in Kreisen, in denen über die Zukunft schwarzer Menschen weltweit diskutiert wird.
Genau. Und dann kommt ein weiterer Bruch. 1965 wird Malcolm X ermordet. Und das trifft sie persönlich sehr hart, weil sie mit ihm ja auch gearbeitet hat und weil sie seine Vision kannte und teilte. Sie macht trotzdem weiter und kehrt zurück in die USA, wo sie Teil der Bewegung rund um Martin Luther King Jr. Wird. Er bittet sie sogar, ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen und sie sagt zu. Und dann wieder zurück zum Anfang dieser Episode, es kommt der 4.
April 1968, den wir eingangs ja beschrieben haben, der Moment in ihrer Wohnung als Maya erfährt, auch Martin Luther King Jr. Ist tot, auch er wird ermordet und sie verstummt nicht vollständig wie als Kind, aber sie zieht sich dann wirklich emotional komplett zurück.
Genau, hier schließt sich dann ein tragischer Kreis, aber eine Person kommt ins Spiel, die extrem wichtig wird für Maya in dieser Zeit, nämlich James Baldwin, ein enger Freund und selbst eine der wichtigsten literarischen Stimmen ihrer Zeit oder dieser Zeit. Er ist für sie da und lässt sie nicht allein, er holt sie aus dieser Isolation nämlich raus, aber nicht indem er sie jetzt drängt, sondern indem er einfach da ist. Und James bringt sie zu einem Treffen mit einem Lektor von Random House.
Das ist auch ein weltweit großer Verlag. Das ist wirklich weit mehr als so ein nettes Kaffeetreffen. Das ist eher eine Herausforderung auch für Maya. Der Lektor Robert Loomis sagt sinngemäß, eine Autobiografie als echte Literatur zu schreiben, das sei fast unmöglich. Was sie wiederum herausfordert. Es trifft bei ihr nämlich einen Nerv, denn sie hat so viel erlebt, aber noch keine Form dafür gefunden.
Gleichzeitig steckt sie ja noch mitten in der Trauer, nach den Morden ihrer beiden wichtigsten politischen Weggefährten Malcolm X und Martin Luther King Jr. Doch nur wenig später beginnt sie zu schreiben. Sie macht es nicht öffentlich, also nicht auf Bühnen, nicht in Meetings, sondern allein. Und das ist ihr eigenes Refugium. Ja, sie zieht sich in ein kleines Zimmer zurück mit einer Schreibmaschine und einem Notizblock und beginnt alles aufzuschreiben.
Ihre Kindheit, den Rassismus, das Schweigen, die Gewalt, die Traumata, aber auch die Kunst, die Bühne, die Freude. Und das ist nicht nur Erinnerung, das ist auch schon Therapie. Das ist nämlich Konfrontation mit sich selbst. Genau.
Sie geht zurück an Orte, die sie selbst hinter sich lassen wollte und genau das macht dieses Buch auch später so besonders, diese tiefe Aufarbeitung und Verarbeitung, dass sie Dinge ausspricht, über die sie damals kaum gesprochen hat, ja wirklich literally nicht gesprochen hat. Und 1969 erscheint dann auch, du hattest es vorhin erwähnt, I know where the caged bird sings.
Ja, und dieses Buch bricht etwas auf, weil zum ersten Mal eine schwarze Frau so offen über ihr Leben schreibt, über dieses Trauma, den Rassismus und damit verändert sie nicht nur Literatur, sondern auch, wer überhaupt erzählen darf. Wie krass, ne? Dass die Stimme, die sie als Kind verloren hat, jetzt zu einer der lautesten Stimmen ihrer Zeit wird. Dieses Buch ist halt auch mehr als eine Biografie, eine Autobiografie.
Es ist ein politisches Statement, ein feministisches Statement, ein literarischer Durchbruch. Man kann es wirklich nur so formulieren und gleichzeitig ja auch erst ein Anfang. Das stimmt, ja, denn es bleibt ja nicht bei diesem einen Buch. Sie schreibt weiter und zwar nicht nur ein bisschen, sondern eine ganze Reihe autobiografischer Werke, in denen sie ihr Leben weitererzählt. Und dazu gehören unter anderem Gather Together in My Name und The Heart of a Woman.
Und parallel dazu passiert noch etwas. Sie wird zu einer öffentlichen Stimme. Sie hält Vorträge, sie tritt im Fernsehen auf, sie arbeitet als Drehbuchautorin, Schauspielerin. Und bringt ihre Perspektive in ganz unterschiedliche Bereiche ein. Und dann kommt noch ein wichtiger Schritt. Wir hatten ja eingangs auch gesagt, was sie alles so gemacht hat. Viele Leben gefüllt. Sie wird Professorin an der Wake Forest University und unterrichtet dort über viele Jahre hinweg American Studies.
Und das ganz ohne einen klassischen Universitätsabschluss. Und sie wird zu einer der wichtigsten akademischen Stimmen ihrer Zeit, weil ihre Autorität nicht aus Titeln kommt, sondern aus Erfahrung und aus ihrer Fähigkeit, diese Erfahrungen in Sprache zu verwandeln. Das Jahr 1993 markiert dann einen absoluten Höhepunkt. Maya Angelou steht plötzlich an einem Ort, der kaum größer sein könnte. Nämlich bei der Amtseinführung von Bill Clinton trägt sie ihr Gedicht On the Pulse of Mourning vor.
Darin heißt es sinngemäß Die Geschichte trotz ihres Schmerzes kann nicht geleugnet werden Aber wenn wir ihr mutig begegnen, muss sie sich nicht wiederholen, Und plötzlich spricht sie nicht mehr nur für sich, sondern für ein ganzes Land, Ja, und vielleicht sogar darüber hinaus, denn das, was sie geschafft hat, ist ja auch größer als Literatur. Sie hat etwas sichtbar gemacht, das lange unsichtbar war oder gehalten wurde.
Und sie hat Geschichten erzählt, die niemand hören wollte. Und sie so erzählt, dass man nicht mehr weghören konnte. Von diesem stillen Kind in Stamps, Arkansas zu einer der bedeutendsten Stimmen des 20. Jahrhunderts und das als schwarze Frau, das ist wirklich sehr, sehr ungewöhnlich und nicht nur das, sondern auch einfach unglaublich. Ja, total. Maya Angelou stirbt am 28. Mai 2014 im Alter von 86 Jahren in North Carolina.
Und was bleibt, ist nicht nur ein Werk, sondern die Erinnerung an eine absolut starke Frau mit einer dermaßen beeindruckenden Geschichte, beziehungsweise, du hast schon gesagt, mehrere Leben in einem Leben gelebt, also mehrere Geschichten. Auch oder gerade die schwierigen sind es ja, die besonders hängen bleiben. Sie hat sie sich von der Seele geschrieben und so in Stärke verwandelt. Boah Kim, heute sind wir wirklich auch total poetisch, aber das passt irgendwie auch. Ja, natürlich, natürlich.
Wir versuchen Maya ein bisschen gerecht zu werden. Und zum Schluss möchten wir nochmal dieses Zitat von Maya vorlesen, das nicht besser zu ihrem Leben passen könnte. Die Geschichte trotz ihres Schmerzes kann nicht rückgängig gemacht werden, aber wenn wir ihr mutig begegnen, muss sie sich nicht wiederholen.
Zitat Ende. Ja und wenn man sich daran erinnert, dass dieses Leben einmal mit einem Kind begann, das fünf Jahre lang kein Wort sprach, dann verstehen wir eigentlich erst, wie kraftvoll diese Stimme wirklich war. Ein passenderes Schlusswort finden wir ganz sicher nicht mehr jetzt. Ihr Lieben, wenn euch diese Folge gefallen hat, dann teilt sie gern mit jemandem, der sie hören möchte. Und auch hören sollte. Hören sollte, genau.
Lasst uns ein Abo da, ein Kommentar, ein Herz, ein bisschen Liebe und bleibt wie immer neugierig. Und natürlich auch gesund oder werdet es. Und wir hören uns in der nächsten Folge von Starke Frauen. Alles Liebe. Tschüss. Tschüss.
