Enzerz-Akzent. Das E-Bike ist so rot wie ein Ferrari, ein schickes Modell mit Carbonrahmen. Rund achttausend Franken ist es wert. Ende Oktober steht das angekettet an der Wallgasse in Bern drei Tage lang und dann steht es nicht mehr da. Es wurde geklaut. Sascha, da habt ihr euch schon gefreut oder? Ja ... Anders als wahrscheinlich alle anderen Velo-Besitzerinnen und Besitzer haben wir tatsächlich gejubelt, als es auf einmal weg war. Wir hatten das ein paar Tage zuvor angekettet.
Das war mitten in Bern, in der Nähe des Bahnhofs. Und dann war es tatsächlich auf einmal Weg! Wir wollten herausfinden was eigentlich mit all diesen Velos passiert wenn die gestohlen werden. Man muss dazu wissen... Die Zahl der gestohlenden Fahrräder geht seit Jahren hoch. auch die Schadenssumme für die Versicherungen steigt und wir wollten ein bisschen schauen, ob es da so was wie ein organisiertes Verbrechen gibt. Ob es organisierte Strukturen gibt oder eben sowas wie eine Velomafia.".
In der Schweiz werden im Schnitt jeden Tag einhundertvierzig Fahrräder und teure E-Bikes gestohlen. Welches System hinter vielen dieser Diebstelle steckt, haben NZZ-reporter Sascha Batiani und ein Journalistenteam im Selbstversuch herausgefunden? Ich bin Sarah Ziegler. Wir gehen einmal kurz zurück zum Anfang eures Selbstversuchs – dieses Achttausend Frankenrad war nicht dein eigenes, dass du einfach der journalistischen Recherche geopfert hast!
Wir hatten tatsächlich schon Monate zuvor verschiedene E-Bikehersteller angefragt und ihnen gesagt, was unser Plan ist und was wir herausfinden wollen. Und wir haben dann am Ende dreizehn E-bikes erhalten und die haben wir dann in der ganzen Deutsch Schweiz ausgesetzt. Wir haben sie mit GPS Treckern versehen damit wir dann eben herausfinden können wo sie hingelangen. Damit Sie uns erzählen von den Routen Und wo sie dann am Ende auch landen.
Wo habt ihr denn diese GPS Tracker so unauffällig am Rad verstecken können, dass da keiner drauf gekommen wäre? Also wir haben am Anfang ziemlich so ein bisschen rumprobiert und die ersten Versuche gingen dann alle in die Hose und haben uns dann auch Hilfe geholt von einem sehr guten Fahrradmechaniker. Und der hat uns geholfen, diese Tracker unter das Klingelgehäuse zu stecken oder ins Sattelrohr zu versenken oder unter die Flaschenhalter zu kleben. Das hat auch sehr gut geklappt.
also wir hatten dann auf unseren Handys, da hatten wir dann diese dreizehn Fahrräder und dann jeden Tag haben wir geguckt wurde eins genommen? ist das eine noch da oder ging schon weiter? Wo habt ihr denn ausgesetzt die dreizehn? Wir haben uns auf die Deutsch-Schweiz konzentriert und wir haben uns auch auf die Städte konzentiert, weil in den Diebstahlstudien darauf vorgeht dass das auf dem Land ein bisschen kleineres Problem ist als auf den Städten. Und wir haben in Zürich Basel Bern und Luzern.
unser Glück versucht Euer Glück, dass was gestohlen wird. Wie viele von den dreizehn haben die bitte am Ende mitgenommen? Sieben sind weggekommen. Bei manchen waren es nur drei Tage und auf einmal waren sie weg. Und bei anderen ging's dann länger. Die standen erst wochenlang an einem Ort und dann zack wie das beim Angeln auch so ist. Auf einmal habt ihr lange gebissen.
Ihr musstet also geduldig sein aber vom Ferrari-rotem Bike wissen wir jetzt schon, dass es euch in Bern nach drei Tagen geklaut wurde. Konntet ihr das mithilfe dieser GPS-Tracker tatsächlich dann auch verfolgen? Das hat da eigentlich sehr, sehr gut geklappt. Die erste Station war in der Nähe nicht weit vielleicht zweihundert Meter vom Ort wo es wegkam. Da wurde es zwischengelagert mit den anderen Fahrrädern. auch passiert also diese Zwischenlagerungen.
Und dann auf einmal war es laut Tracker auf der Autobahn, weil das vor mit hundert Stundenkilometer von Bern Richtung Zürich. Dann haben wir die Pferde aufgenommen und sind diesem GPS-Signal sozusagen nachgefahren aber es ist uns dann leider entwischt. Wir kamen dann über die Grenze nach Österreich und immer weiter in den Osten Sloweni Kroatien bis dass dann das Ziel erreichte nämlich ein kleines Dorf in den albanischen Alpen in Kosovo Und da blieb euch nur eine Sache übrig, oder?
Naja wir sind dann hingeflogen. Ein Team von Journalisten ist dann dahingeflogen und ist in dieses Dorf und hat das dann in einem Secondhand-Shop entdeckt. Stand da einfach rum? Stand da mehr oder weniger einfach rum! Da gab es Velohelme und Velobekleidung und Autokleidungen und es gab ein paar Fahrräder. unter anderem haben wir dann das Ferrari Rote Bergström und unseren Köder wieder entdeckt. Und dem Second Hand Shop Besitzer habt ihr dann gesagt, sorry, dass ist unseres? Genau!
Also darüber haben wir uns natürlich im Vorfeld lange unterhalten. wie nähern wir uns dann diesen Leuten an? Wir haben dann recht direkt ihm gesagt wer wir sind was wir hier machen und dass das unser Bike sei. Worauf er sagte, oh, er hatte schon ein schlechtes Gewissen als er dieses Bike übernahm und hat sich schon gedacht. Oh je! Ich hoffe es kommt alles gut mit diesem Faden. Ein glaubwürdig schlechtes gewissen oder ein gespielt schlechtes? Naja also wir haben ihn anonymisiert in unserem Text.
Wir nennen ihn Besnik ist nicht unbedingt so ein krimineller Typ eher einer der wenn er ein Geschäft widert einfach das Geschäft dann auch durchzieht. Der hat das angeboten bekommen Und er hat es dann einfach weiter verkauft und wollte so, wie man das halt so sagt. Das Kleingedruckte hat er nicht gelesen oder wollte er nicht sehen. Also er ist nicht verantwortlich dafür dass das Rad dort hingekommen ist sondern hat es Leuten abgekauft. aber wem?
Genau also er hat uns versprochen uns alles zu erzählen was er über dieses System weiß wenn er eben anonym bleiben darf. Und er hat uns dann von zwei Brüdern erzählt, der eine lebt in Bern und der andere in Macedonien. Die würden ihm quasi Bikes aus Bern oder aus der Schweiz vermitteln. Tatsächlich während wir mit ihm gesprochen haben kam schon eine Nachricht, eine WhatsApp mit neuen Bildern von neuen Fahrrädern.
Zum Teil war man auch aus dem Fotos ersichtlich dass die aus der schweiz kommen mussten die Fahrräder, weil man sagt zum Beispiel ein IB auf Kleber im Hintergrund usw. So hat er uns dann dieses System erklärt. diese beiden Brüder schicken ihm über Fotos Angebote und er sagt entweder zu oder ab. Habt ihr versucht diese Brüde zu kontaktieren? Ja dieser Besnik so wie nannten hat uns die Nummer gegeben und wir haben diese Bruder kontaktiert.
Wir haben uns als Betrüger ausgegeben und haben gesagt, wir hätten da Angebote und so. Und anfangs waren die ein bisschen interessiert aber irgendwie haben sie dann glaube ich gerochen dass wir doch keine Fahrraddiebe sind und haben uns dann geblockt. also wir konnten nicht mehr mit denen sprechen. Und wir haben in Luzern einen Mann ausfindig gemacht der eine zeitlang Fahrräder weiterverkauft hat und der hat uns dann zumindest was Lucerne betrifft, eigentlich nochmal erklärt wie das genau läuft.
Dann lass uns das System doch mal anschauen. am Anfang würde ich jetzt mal sagen steht ja jemand der ein Rad klauen muss damit es überhaupt in diesen Kreislauf sozusagen reingerät. wer sind in der schweiz diese Diebe? Also so generell kann man das natürlich nicht sagen, weil es gibt natürlich alles Mögliche. Es gibt vielleicht auch mal Gelegenheitstiebe oder keine Ahnung betrunkene Teenager die nach Hause müssen und dann steht da halt einfach ein schönes Rat und dann nimmt man das.
also da gibt's natürlich alles mögliche und es ist auch nicht jeder Diebstahl irgendwie gerade Velomafia. aber was uns dieser Mann in Lucerne zählte läuft das so ein bisschen im großen Stil folgendermaßen ab du hast Obdachlose oder Drogenabhängige, die diese Fahrräder knacken und die es dann zu einem Zwischenhändler bringen. Und diese Zwischen-Händler bezahlen in diesem Fall in Luzern in hundert Franken oder ein Gramm Kokain.
Wir haben sowohl mit dem Zwischenhandler gesprochen als auch mit diesen Obdachlosen die uns das alles quasi bestätigt haben. Wir sind dann auch mit denen durch Luzern gelaufen, die haben uns da erzählt wo denn die besten Fahrräder wann sind und so weiter und wie man auch diese Fahrrädern knackt. Das ist alles relativ einfach und man muss auch sagen die Fahrräde und die Qualität der Fahrräders ist unfassbar was da eigentlich darum steht mit relativ schlecht abgeschlossen.
Das hat uns schon auch sehr erstaunt. Wenn die Diebe das dann an die Zwischenhändler verkauft haben? landet das manchmal auch einfach irgendwo anders, dann in der Schweiz oder gehen die alle ins Ausland so wie das Ferrari-Rotebiken in den Kosovo gelangt ist? Genau. Wir haben eigentlich alles ein bisschen erlebt. eben wir haben die Sachen im Ausland. Das war ja nicht nur der Kosov.
Ein Fahrrad landete in Italien ein anderes Landete in einem Storage also in einer Lagerhalle In Frankreich Und dann gibt es natürlich genau die Fahrräder, die auch in der Schweiz bleiben. Also wir haben eines entdeckt in Basel das hat zwischen dem Novartis Campus und einer anderen Fabrik hat das so hin ist das hin und her gependelt. ein anderes haben wir dann wieder entdeckten in Mecken in einem Willenquartier mit Blick auf den Pilatus. also eure Räder sind wirklich ganz schön rumgekommen.
Wie groß ist denn dieses System, in dem das passiert? Sind die Zwischenhändler wie diese beiden Brüder dann eher so Kleinunternehmer oder gibt es da wirklich ein Riesennetzwerk? Nein. Ich glaube wir befinden uns hier in der Welt der Kleinkriminellen. also das sind kleine Fische Und jeder haut eigentlich den anderen so ein bisschen aufs Ohr. Jeder verdient zwei, drei, vierhundert Franken. Konntet ihr am Beispiel dieses roten Fahrrad nachvollziehen? Wer daran wie viel verdient hat?
Also der Dieb hat das für hundert Franken dem Zwischenhändler gegeben. Der Zwischenhängler hat es unserem Mann im Kosovo für tausend Einhundert Euro verkauft und der wiederum wollte es für tausend fünfhundert Euro verkaufen, also eine Marsche von vierhundert EUR. Und am schlechtesten stand dann der Diebter? Der hat am wenigsten mit der ganzen Nummer verdient. Was ist deine Einschätzung? Wissen die Kunden sei's im Kosovo oder in der Schweiz dass sie da gestohlene Ware kaufen?
Ja, ich glaube schon das ist die meisten Wissen und ich glaube auch dass die meisten einfach nicht so genau hinschauen. Auch wenn man zum Beispiel auf einem Flohmarkt ist und dann sieht man wirklich ein sehr, sehr gutes Fahrrad für zwei, drei Hundert Franken ist es natürlich schon seltsam und da schaut man ja oder schauen viele ja auch nicht so Genau hin. beispielsweise Auf meinem Handy war er dann meinen GPS Tracker mit einem Fahrrad eben, das habe ich schon erwähnt in Mecken Die Villa?
Und ich bin da hingefahren und habe geklingelt. Das ist natürlich immer so eine seltsame Situation, es hat dann eine ältere Dame aufgemacht und ich hab gesagt wer ich bin? Ich hab gesagt mein Fahrrad steht bei ihnen im Keller! Da ist sie aus allen Wolken gefallen oder nicht?!
Da ist ja am Anfang aus allen Volken gefallen, er hat gesagt das stimmt nicht, was denn für ein Fahrrad wäre ich denn überhaupt sei usw.. Und irgendwann hat sich dann das Platz ein bisschen gewendet und irgendwann hat sie dann zugegeben Sie habe tatsächlich vor ein paar Wochen einer Freundin einen Fahrrad abgekauft, die es wiederum von einer Drogenabhängigen abgekauft haben. Was man halt so macht? Genau! Sie fühlte sich überhaupt nicht schuldig.
sie fand in der ganzen Welt wird überall gestohlen Und alle sind irgendwie schuldig und deshalb mache sie halt einfach auch so mit. Und Sie habe schon eins, jetzt haben Sie ein zweites und es ist hier eigentlich egal. Also Sie sieht da kein moralisches Vergehen.". Wer mir vielleicht nicht egal sein sollte wäre das Gesetz. also über die Polizei haben wir in der ganzen Sache noch gar nicht gesprochen. An welcher Stelle sind die denn gerade aktiv?
um dieses Problem in der Schweiz mit den hundertvierzig gestohlenen Rädern am Tag zu lösen? Ja, also aus den Statistiken geht hervor dass die Aufklärungsquote dieser Diebstähle unter fünf Prozent ist. Wir haben natürlich nachgefragt bei den Polizeistellen in Zürich im Baselstadt in Bern in Luzern und dann heißt es halt immer naja wir haben anders zu tun und haben jetzt nicht so viele Ressourcen auch noch die Fahrraddiebstähne usw. denen nachzugehen.
Es wird schon so ein bisschen was getan, vor allem wenn es sich um E-Bikes handelt. Aber eben oft heißt das uns in die Hände gebunden. Ich habe jetzt gerade mal im Kopf hoffentlich richtig überschlagen bei hundertvierzig gestohlenen Bikes am Tag wäre eine Aufklärungskurte von unter fünf Prozent nicht einmal sieben Räder, die wieder zu ihren Besitzern zurückkommen und die anderen du hast es vorhin schonmal angedeutet da müssen dann die Versicherungen einspringen Genau.
Ein Polizist hat uns auch gesagt, dass der Velodiebstahl eigentlich ein Nischendelegt ist und das es auch den Besitzerinnen und Besitzern in den meisten Fällen nicht so wichtig ist weil die Versicherungen ja bezahlen. Und solange sie bezahlen und solange der administrative Aufwand sich in Grenzen hält nimmt man das halt zu hin. Die E-Bikes und auch die normalen Fahrräder sind ja nicht billig. Da kommt für die Versicherer so einiges zusammen, hast du da einen Überblick?
Ja also die Zahlen steigen, man spricht von einer Schadenssumme von achtzig bis hundert Millionen Franken. Es ist ein neuer Rekord im Jahr. Im Jahr. Die AXA bezahlt eben Schnitt zwei tausend dreihundertfünfzig Franken. das ist ein Rekorderwert. das hat damit zu tun weil einfach die Fahrräde immer teurer werden. Das wäre doch dann aber eigentlich für die Versicherer ein super Grund, dass die so eine Art Task Force Velomafia einsetzen und wirklich dafür sorgen das ihre Schaden zum Geringe werden.
Genau das haben wir auch gedacht. es gibt zb in den Niederlanden sogenannte Bike Hunter also Detektive die sich auf die Pferde machen nach diesen Fahrrädern Aber in der Schweiz gibt es das nicht. Ich kenne das von so Kunstdiebstellen, da haben die Versicherer dann ja oft so Detektive, aber da ist im Moment keine Interesse daran. Das heißt diese Kriminellen egal ob es jetzt ein größeres oder ein kleineres Netzwerk ist ihr Geschäftsmodell geht im Moment auf. Zynisch gesagt dass System geht auf.
also die gestohlen werden von den Versicherungen entschädigt, die Velo-Händler verkaufen immer wieder neue E-Bikes Die Diebe haben immer neue Ware und so könnte man auch sagen, dass die Versicherungen am Ende dieser Velomafia das Geschäft bezahlt. Vielen Dank Sascha! Sehr gerne. An dieser Recherche zu Fahrraddiebstellen in der Schweiz haben viele Menschen mitgewirkt, neben Sascha auch seine Co-Autorin Rafaela Roth und ein Team von SRF Investigativ.
Die ganze packende Geschichte findet ihr bei der NZZ – ich verlinke sie euch in den Shownotes und packe natürlich einen Link fürs Probeabo mit dazu! Das war NZZ Akzent, ich bin Sarah Ziegler, macht's gut!
