"Verlust und Sucht - Aufwachsen mit suchtkranker Mutter" mit Melli - podcast episode cover

"Verlust und Sucht - Aufwachsen mit suchtkranker Mutter" mit Melli

Mar 09, 20251 hr 19 minSeason 1Ep. 19
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Episode description

Melli wächst in einem stabilen Umfeld auf – bis sich der Gesundheitszustand ihres Vaters plötzlich dramatisch verschlechtert. Mit gerade einmal 11 Jahren muss sie erleben, was es bedeutet, einen geliebten Menschen zu verlieren. In genau diesem Moment erfährt sie ihre erste Panikattacke.


Nach dem Verlust ihres Vaters hat ihre Mutter einen neuen Partner, doch gleichzeitig beginnt ihr Alkoholkonsum zuzunehmen. Melli merkt die Veränderungen, erkennt aber nicht, dass es sich um eine Suchterkrankung handelt. Einige Jahre später eskaliert die Situation: Ihre Mutter fährt betrunken mit dem Auto davon, und Melli ruft die Polizei. Daraufhin kommt ihre Mutter in den ersten Entzug – und kehrt nie wieder nach Hause zurück. Melli und ihre Schwester stehen plötzlich alleine da. Sie müssen Verantwortung übernehmen, sich um organisatorische und finanzielle Probleme kümmern und dabei trotzdem ihr eigenes Leben weiterführen – obwohl sie selbst noch Teenager sind.

Trotz mehrerer Entzugsversuche entkommt ihre Mutter der Sucht nicht. Ein Schlaganfall verändert alles: Sie ist gefangen im Locked-In-Syndrom – fünf Jahre voller Bewusstsein, aber ohne körperliche Kontrolle. Am Ende trifft sie die wohl schwerste Entscheidung: Sie will sterben.


Eine Geschichte über Verlust, Sucht und das Erwachsenwerden unter schwierigen Bedingungen.



Melli möchte euch Hörer*Innen das Hilfetelefon 'Redezeit für Dich': https://www.virtualsupporttalks.de/de empfehlen. Ein tolles, niedrigschwelliges Angebot, welches sogar mehrsprachige Unterstützung in allen Lebenslagen anbietet.

Außerdem das FAQ der Stadt Hamburg zur rechtlichen Betreuung: https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/bezirke/altona/themen/soziales/betreuungsrecht/faq-zur-betreuung-51360


Und auch sie selbst möchte euch ihre Hilfe anbieten, meldet euch gerne unter: mellis.moment@gmx.de



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@philippfleiter



Dieser Podcast ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMynd im Auftrag von Podimo.


Neue Folgen alle 14 Tage montags überall, wo es Podcasts gibt.


Redaktion: Philipp Fleiter und Laila Keuthage | Produktion: WeMynd


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Transcript

Da haben wir dann von dem Pflegepersonal die Aussage bekommen, Mädels, stellt euch bitte darauf ein, eure Mutter wird nie wieder fit werden. Eure Mutter wird für immer eine Art Behinderung mit sich tragen. Also das ist ja so eine Nachricht, die man von jetzt auf gleich bekommt, wo du denkst, ey, das ist hier schon die letzten Monate und Jahre so schief gelaufen irgendwie alles. Das ist jetzt, also das kann doch jetzt nicht auch noch passieren.

Manchmal sind es nur ganz kurze Momente, die ein Leben komplett verändern können. Ein Augenblick, eine Entscheidung, ein Ereignis, ein Wimpernschlag und danach ist alles anders. Ich bin Philipp Leiter und ich treffe in diesem Podcast Menschen, um mit Ihnen genau über diesen einen Moment zu sprechen, der Ihr Leben für immer verändert hat.

Heute spreche ich mit Melly. Melly hat mir schon vor einigen Wochen eine E-Mail geschrieben, die mich sehr beeindruckt hat, weil sie darin sehr offen über ihre Lebensgeschichte geschrieben hat. Melly ist zwar erst 28, aber sie hat schon so viele Dinge erlebt, die man niemandem wünscht und die eigentlich für mehrere Leben reichen. In dem Gespräch, das jetzt folgt, wird es um Familie gehen, um Krankheit, um Sucht und um den Tod.

Und auch darum, wie man es schaffen kann, ein gutes Leben zu führen, auch wenn man in jungen Jahren so viele schlimme Erfahrungen machen musste. Melli hat einen langen Weg hinter sich und ihr Gedanke war, dass es anderen vielleicht helfen kann, wenn sie offen über ihre Geschichte spricht und darüber, was ihr mittlerweile hilft, um damit besser umzugehen.

Genau das ist ja die Idee hinter diesem Podcast, hinter diesem einen Moment und deshalb freue ich mich sehr, dass Melli so mutig war und heute mein Gast ist. Hi Melli, schön, dass du da bist. Hi Philipp, freut mich. Wir beginnen heute mit einem Moment, der dir, wie du selbst sagst, später noch zum Verhängnis geworden ist. Es ist 2015, du bist damals 21 und erleidest eine Panikattacke. Was ist der Auslöser für diese Panikattacke? Also was ist an diesem Tag passiert?

Ja, das war ein Tag, wo ich nicht mit gerechnet habe, dass der Nachmittag dann so aussehen wird, wo ich tatsächlich meine erste, aber auch leider nicht letzte Panikattacke dann hatte. Und zwar waren meine Schwester und ich im Krankenhaus. Meine Mutter hatte einen kalten Entzug im Krankenhaus und der ist leider nicht so gut verlaufen.

Dass sie danach wieder auf die Beine gekommen ist. Sondern wir haben die Nachricht bekommen, sie wird wahrscheinlich für immer in einer Behinderung bleiben und sind nach Hause gefahren. Und da kam dann die erste Panikattacke. Ja, und dann habe ich mich der Frage gestellt. Und da kam auch der eine Moment bei mir. Entweder ziehe ich jetzt die Decke über den Kopf oder ich mache weiter. Und habe mich dann für Letzteres entschieden.

Wir sprechen da gleich noch mal ganz ausführlich drüber. Aber vielleicht erst mal so zur Einordnung. Viele Menschen wissen ja wahrscheinlich gerade gar nicht, die uns jetzt zuhören, zum Glück nicht, wie sich so eine Panikattacke anfühlt. Kannst du das mal ein bisschen beschreiben? Also gerade bei der ersten Panikattacke wusste ich gar nicht, was da gerade los ist. Mein Herz hat total schnell gerast und ich habe gar keinen klaren Gedanken mehr

greifen können. Also das war ganz zentral, dass ich gar nicht mehr wusste, links, rechts, oben, unten. Das war alles in so einem komischen Raum gefühlt und alles war zu viel. Und gleichzeitig war man aber komplett leer auf der anderen Seite. Dann die Tränen kullerten ungewollt und sich da zu beruhigen war schwer. Und dann kam dieser klare Gedanke auch auf, der mich aus der Panikattacke dann auch rausgerissen hat, sozusagen.

Dieser eine klare Gedanke, genau, aber im ersten Moment, das war gar nicht greifbar, was da gerade abgeht.

Und dieser klare Gedanke war für dich, ich stecke jetzt nicht den Kopf in den Sand, ich mache weiter, ich bleibe stark und ich könnte mir vorstellen, dass jetzt viele, die das hören, sagen, wow, super, wie stark, du bist auch ein starker Mensch, das werden wir, glaube ich, im Laufe des Gesprächs noch merken, aber du sagst eben auch, dass dir diese Einstellung auf lange Sicht total geschadet hat.

Und um zu verstehen, wie es überhaupt zu diesem Moment kommt, würde ich gerne mal erst mit dir über deine Familie sprechen. Also du wächst in einem Dorf auf in Niedersachsen mit deiner Mutter Ulrike, mit deinem Vater und mit deiner großen Schwester Luisa. Klingt jetzt erstmal nach der klassischen Kleinfamilie, wie man das so kennt, die typische deutsche Mittelstandsfamilie. Wie würdest du deine Kindheit beschreiben?

Also da hast du es schon recht gut getroffen. Also das ist so das klassische Bild in einem 2000-Seelendorf, knapp Haus, Hof, großer Garten, zwei Familienhunde. Wir sind regelmäßig in den Dänemark-Urlaub auch gefahren mit dem Auto immer und das war eigentlich eine sehr unbeschwerte Kindheit. War leider doch geprägt durch die Krankheit meines Vaters, aber wir als Kinder, meine Schwester Luisa und ich, haben da sehr wenig von mitbekommen.

Bis zu einem gewissen Zeitpunkt und wurden da auch sehr von unseren Eltern behütet, sage ich mal. Genau und all die Probleme, die da im Hintergrund dann auch liefen, die haben wir als Kinder gar nicht mitbekommen. Du hast es gerade gesagt, dein Vater ist krank. Als Kind ist dir gar nicht klar, wie krank er eigentlich ist. Kannst du vielleicht mal kurz erzählen, was dein Vater hatte,

also welche Krankheit? Also mein Vater hatte einen Autounfall, da war er 28 Jahre alt und da gab es meine Schwester und mich noch gar nicht. Und das ist ja dann auch dementsprechend schon ein paar Jahre her und dort wurde seine, soweit ich das alles weiß, seine Tiere dann gequetscht während dieses Autounfalls und das kam aber erst später raus. Und dementsprechend war er sehr nierenkrank und war irgendwann angewiesen auf ein Spendeorgan. Hat es dann auch bekommen.

Und leider hat aber die andere Niere, die das immer auffangen musste, dann auch irgendwann leider den Geist aufgegeben und war dann wieder angewiesen auf ein zweites Spenderorgan. Das heißt aber, wir gehen jetzt noch mal ein bisschen zurück, das ist geprägt von sowas wie Dialyse, von starken Medikamenten, die dein Vater nehmen muss, also so in die Richtung, das kann sich vielleicht der eine oder andere vorstellen.

Und dann kommt eben noch dazu, dass deine Eltern sich trennen, da bist du ungefähr neun. Kannst du dich noch daran erinnern, wie du von der Trennung erfahren hast? Ja, das haben meine Schwester und ich sehr lebhaft erfahren, sage ich mal. Also wir haben nicht mitbekommen davor, dass es zu Streitigkeiten, Auseinandersetzungen oder sonstiges kam zwischen unseren Eltern.

Von daher war dieser Tag auch sehr einprägsam, als wir es dann erfahren haben, weil wir sozusagen vor vollendete Tatsachen gestellt wurden. Und wir kamen die Treppe runter, weil wir gehört haben, die Haustür geht auf und da ist ein bisschen Geräume, was ist da los? Und dann stand mein Vater schon mit den Umzugskatfunks in der Hand und belut sein Auto.

Und unsere Mutter hat uns dann zur Seite genommen und wir haben angefangen, Bilder auch zu malen und sind aus dieser Situation dann rausgezogen worden, also ich nehme jetzt mal später an, um uns davor auch dann zu schützen. Das heißt, diese Trennung deiner Eltern kommt für euch als Geschwister vollkommen überraschend. Ja.

Wie war das denn damals für dich als Kind? Jetzt geht der Papa auf einmal weg und ihr habt ja auch gar keine Chance irgendwie gehabt, weil die Umzugskartons waren ja schon gepackt, wie du gerade gesagt hast, ihr wurdet vor vollendete Tatsachen gestellt. Wie war das für dich? Also es war nicht ganz greifbar, was da alles gerade passiert.

Wie gesagt, wir wurden gut aufgefangen, dann auch von unserer Mutter, dass das alles gar nicht den Raum eingenommen hat, den es letztlich dann ja auch aber hatte. Und es war dann auch so, wir haben regelmäßig unseren Vater besucht. Also es war ganz klar, da ist jetzt kein Beziehungskat in unserer Familie oder Papa ist weg und kommt dann nicht mehr wieder. Und deine Mama Ulrike, die lernt dann relativ bald einen neuen Mann kennen und kommt mit ihm zusammen.

Und du und deine Schwester, ihr seid am Anfang jetzt nicht so super begeistert davon, glaube ich. Nee, das war auch eine spannende Zeit. Unsere Mutter hat ihren neuen Partner schon etwas vorher kennengelernt, bevor dann unser Vater ausgezogen ist und ich glaube jetzt rückwirkend war das dann auch ein Punkt, weshalb unsere Eltern sich dann auch getrennt hatten. Ganz kann ich das natürlich nicht mehr sagen. Aber genau, der neue Partner kam dann auch.

Wir haben uns ab und zu getroffen, sind dann gemeinsam ins Schwimmbad oder in den Park gegangen, bevor er dann überhaupt zu uns kam in das Familienhaus. Und als es dann soweit war, bis dato war dann auch alles gut und war ja schön, dann ein Freund an der Seite unserer Mutter zu sehen. Sie hat wieder gestrahlt, gefühlt ganz neuen Lebensmut geweckt, ist wieder weggegangen abends.

Und das war einfach schön, unsere Mutter dann auch mal so ein bisschen aufatmen zu sehen und ein bisschen wie ein neuer Mensch, aber natürlich haben wir ihn nicht direkt akzeptiert, muss ich sagen. Also das hat auch gedauert, da sind dann auch manchmal die Fetzen geflogen, dass ich gesagt habe, du bist nicht mein Vater, du darfst mir gar nichts sagen, wenn er gesagt hat, du kommst aber um 18 Uhr nach Hause und nicht um 19 Uhr.

Also er war dann auch knapp sieben Jahre bei uns in der Familie und das waren auch schöne Jahre auf jeden Fall, die wir da auch gemeinsam hatten in der Patchwork-Familie. Ja, ich glaube am Anfang ist das ja auch ganz normal. Ihr wart ja dann auch in so einem Alter, wo man sowieso mit sich selbst zu kämpfen hat, so Anfang Pubertät und da kommt jetzt ein neuer Mensch. Aber von dem, was ich gelesen habe, seid ihr mit der Zeit eigentlich immer mehr auch zusammengewachsen.

Genau, also meine Schwester ist knapp zweieinhalb Jahre älter als ich. Also wie du schon sagst, wir waren da dann auch voll in der Pubertät drin, wo man dann auch sehr mit den Ellbogen auch kämpft. Und das ist meins, das ist deins. Und du hast mir gar nichts zu sagen. Und gerade wenn dann ein neuer Partner kommt oder ein neuer Mann. Das war dann schon natürlich ein bisschen der Kampf auch. Aber wir haben gemerkt oder uns dann auch gefragt, wo gegen kämpfen wir denn eigentlich gegen an?

Und letztlich möchten wir alle ein harmonisches Familienleben haben. Er hat dann auch eine Tochter und einen Sohn in fast dem Alter von meiner Schwester und mir auch mit in die Familie gebracht. Und dann hat sich das Blatt so ein bisschen gewendet. Und man hat das dann auch in vollen Zügen genossen, plötzlich quasi zwei neue Geschwister zu haben, mit denen man sich sehr gut versteht.

Wir sind in die Urlaube gefahren, in die Türkei oft und hatten da so ein bisschen die andere Seite des Lebens kennengelernt. Gelernt, nicht immer das Ruhige und darauf achten, sondern auch mal zu leben und rauszukommen. Und das hat uns dann natürlich auch viel Sonnenschein-Momente, sage ich mal, auch geschenkt, dass wir das dann auch genießen konnten, wenn es mal nicht so und lief.

Also eine richtige Patchwork-Familie. Ich muss jetzt gerade noch über dieses Pubertätsding nachdenken, weil jetzt so im Nachhinein, wenn ich an diese Zeit zurückdenke, ich war manchmal so scheiße zu meinen Eltern. Ich schäme mich da wirklich mal für, wie ich mit 13 oder 14 war. Aber ich glaube, das geht wahrscheinlich jedem so. Ist auch normal, ist glaube ich Teil der Pubertät. Das heißt, ihr habt da jetzt dieses Patchwork-Familienleben.

Auf der anderen Seite geht es aber deinem Papa immer schlechter. Und als du elf Jahre alt bist, kommt dann der Tag, an dem deine Mutter mit euch ins Krankenhaus fährt und eine furchtbare Entscheidung treffen muss.

Vielleicht kannst du da ein bisschen was drüber erzählen. Genau, also dadurch, dass es ja schon immer bekannt war, dass mein Vater sterbenskrank ist und es war auch abgeklärt, also was heißt abgeklärt, aber es war klar, dass es zu so einem Moment kommen könnte, dass eine Entscheidung getroffen werden muss und da hatte meine Mutter dann auch die Fürsorge und Entscheidungspflicht dementsprechend dann auch, was passiert, wenn er nicht mehr entscheiden kann.

Und er hat auf ein Spendeorgan gewartet, was leider nicht rechtzeitig kam. Und die Wassereinlagerungen in den Beinen wurden so schlimm, dass er irgendwann die Treppen gar nicht mehr zu seiner Wohnung hochgehen konnte, und musste ins Krankenhaus. Und da war es dann so, dass meine Mutter den Anruf bekommen hat. Bitte kommen Sie ins Krankenhaus, es sieht nicht gut aus. Und hat uns beide Kinder mit ins Auto gepackt und wir sind dann ins Krankenhaus gefahren. Das war so knapp 30 Kilometer entfernt.

Und während dieser Fahrt, kurz bevor wir dann auch da waren am Krankenhaus, haben wir gemerkt, also das ist eine Ausnahmesituation. Meine Mutter ist ganz schnell Auto gefahren, was sie sonst nicht gemacht hat und ganz hektisch. Wir haben angefangen zu kreischen im Auto, weil wir wussten, da ist gerade was mit Papa, wir wussten aber nicht was.

Und dann kam der Anruf, als sie im Auto saß und sie ist rechts rangefahren und da wurde dann seitens Krankenhaus die Frage gestellt, wir müssen jetzt entscheiden, entweder wird ein Bein amputiert werden müssen von ihrem Mann aufgrund der schweren Wassereinlagerung oder es sieht wirklich nicht gut aus und er könnte versterben. Und meine Mutter hat dann die Entscheidung getroffen, dass das Bein nicht amputiert wird Und das war aber abgeklärt mit meinem Vater.

Deswegen finde ich das auch wahnsinnig wichtig, da nochmal drauf aufmerksam zu machen, vorher schon mit seinen Angehörigen solche Ernstfälle auch mal zu besprechen. Da kommen wir später dann auch nochmal zu. Weil das natürlich auch in so einem Moment, für was entscheidet man sich? Also da passiert ja ganz viel emotional. Und deswegen war das auch so wichtig, dass die beiden das vorher abgeklärt hatten. Mein Vater hat sich dagegen entschieden, sollte es zu so einem Fall kommen.

Es wird nichts amputiert oder Sonstiges. Und dann hat meine Mutter sich dementsprechend auch dagegen entschieden. Und dann war für uns, aber in dem Moment schon klar. Unser Vater und auch der Ehemann, weil sie haben sich auch nie scheiden lassen, wird versterben. Du bist elf Jahre alt damals und verlierst deinen Papa. Wie ging es dir damit? Das war surreal. Also ich weiß noch, damals war es noch Zeiten MSN und ICQ.

Und ich hatte damals meinen zwei Freundinnen geschrieben. Das war ein, zwei Tage danach. Wollen wir mal Fahrrad fahren? Mein Papa ist gestorben. Und dann haben die nur zurückgeschrieben, also so ein paar Lachsmilies und ja, können wir machen. Und dann sind wir Fahrrad gefahren. Und ich habe das auch erzählt und musste irgendwie ein bisschen lachen, weil die haben auch gelacht, weil sie dachten, ich mache einen Joke. Und ich habe mitgelacht. Und dadurch hat das einfach einen Moment gedauert.

Und ich habe dann gesagt, nein, das ist wirklich so. Mein Papa ist tot. Aber ich weiß noch, das hat so knapp zwei Monate später erst richtig Klick bei mir gemacht. Da habe ich das richtig begriffen. Und zwar, ich hatte einen Kater, den habe ich mir immer gewünscht und habe dann irgendwann auch einen Kater bekommen, den ich wahnsinnig geliebt habe. Und der ist genau zwei Monate, nachdem mein Vater verstorben ist, leider nicht mehr nach Hause gekommen.

Und wir haben ihn dann am Straßenrand gefunden. Und da habe ich gedacht, das jetzt auch noch. Und da habe ich auch noch mal so richtig gemerkt, da ist jemand, der ganz eng an meiner Seite ist, der mir auch Halt gegeben hat, weg. Und da hat das so alles bei mir Klick gemacht. Mein Papa, mein Kater. Und da lag ich auf dem Boden und habe nur noch gesagt, warum, warum, warum. Und dann kam aber auch unsere Mutter und hat uns immer in den Arm genommen, aufgefangen.

Viel Zweisamkeit dann auch gehabt. Und das war dann so der Moment, wo du wirklich realisiert hast, der Papa kommt nie wieder, der ist jetzt wirklich für immer weg. Genau und ich glaube auch diese Endlichkeit, dann so ein bisschen zu begreifen und nicht, das ist jetzt hier alles nur ein schlechter Traum und morgen wache ich wieder auf und dann fahren wir wieder am Wochenende zu Papa und essen gemeinsam Eis, sondern wirklich das war es jetzt.

Auf der anderen Seite, ihr seid Kinder, ihr seid eine Familie, euer Leben muss ja irgendwie weitergehen und es geht ja auch weiter. Deine Mutter, hast du gerade schon erzählt, hat einen neuen Partner, ihr seid eine Patchwork-Familie, der bringt auch so ein bisschen Schwung in euer Zuhause, habe ich da jetzt so ein bisschen rausgehört. Deine Mutter scheint auch aufzublühen, vielleicht kannst du da noch ein bisschen mehr drüber erzählen.

Ja, also es war aufgrund der Krankheit meines Vaters dann auch dementsprechend so, dass wir jetzt nicht wirklich, ich sag mal High-Life-Urlaube gemacht haben oder Aktivitäten, sondern wenn, dann waren wir auch in Dänemark, wo dann das Klima gut ist, wo alles ruhig ist und man richtig zur Ruhe kommen konnte. Und meine Mutter ist aber immer eine sehr Lebefrau gewesen und hatte Lust rauszugehen, hatte Lust was zu machen.

Das war aber die ganzen Jahre über dann auch nicht möglich, weil die Pflege meines Vaters dementsprechend und die Sorge um die Kinder dann auch im Vordergrund stand. Und ja, da hat sie den neuen Partner kennengelernt. Frisch verliebt nochmal sozusagen der zweite Frühling und die sind dann auch gemeinsam tanzen gegangen. Da hat sie das Tanzen wieder für sich entdeckt und auf Schützenfeste beispielsweise gemeinsam. Und ja, da hat das natürlich auch auf uns übergeschwappt.

Wir haben gesehen, sie hat wieder richtig Lust am Leben und es macht Spaß. Wir haben viel mehr Freunde von ihm dann auch zu Hause bei uns gehabt, gemeinsam Gartenpartys gemacht. Also da war wirklich dann das, was sozusagen auf ihren Schultern dann auch lastete, so ein bisschen wie weggewischt. Und ja, sie war wieder am Strahlen und hat das Leben auch wieder genossen. Das klingt ja erstmal alles ganz toll, dieser neue Lebenswandel, aber der ist eben nicht nur positiv.

Dir fällt nämlich irgendwann auf, dass deine Mutter nicht nur mehr strahlt und mehr feiert, sondern auch immer mehr Alkohol trinkt. Wie äußert sich das? Unsere Mutter hat vorher nie wirklich Alkohol getrunken. Also mal auf einer Familienfeier ein halbes Glas Wein und dann war aber auch wieder gut. Also das war nie Thema bei uns gewesen. Und ja, dann haben die Feiern angefangen, die langen Nächte und so.

Er kam auch, oder er kommt vom Bau. Und da war das ganz klassisch, dass dann irgendwie nach Feierabend, man kommt nach Hause und dann ist ganz klar, dann steht nochmal ein Feierabendbier auf dem Tisch. Also da kam ich das erste Mal so ein bisschen in Berührung mit einem Feierabendbier, dass Alkohol auch normaler Teil des Lebens ist. Jetzt weiß ich, ist es nicht. Aber damals war das einfach so. Und da hat meine Mutter dann mitgetrunken.

Und da ist uns das dann irgendwann aufgefallen, dass die Tage zu der Nacht wurden und die Nächte dann auch zum Tag. Also, dass sie über den Tag über viel geschlafen hat, viel längere Mittagsschläfe gemacht hat als sonst. Ja, fast den ganzen Tag dann im Bademantel zum Beispiel war, sich gar nicht mehr richtig fertig gemacht hat. Und das wurde aber alles abgetan mit Schlafproblemen oder ich komme jetzt in die Wechseljahre, das ist nicht so einfach und so weiter. Und dann war das für uns auch...

Okay, weil immer die passenden Ausreden auf jeden Fall parat waren. Und doch hat man sich so ein bisschen gefragt, na ja, warum fängt das dann abends an zu klimpern, so ab 22 Uhr? Genau, und warum hat Mama so ein bisschen oder riecht sie so ein bisschen anders? Und das war dann, ob es lieh, eine Fahne. Aber damals wurde das dann, wenn man es ansprach, immer mit den passenden Aussagen oder Ausreden, sage ich mal, dann auch wieder wettgemacht.

Das wäre jetzt mal eine Frage gewesen. Das heißt, du hast dich schon darauf angesprochen, deine Schwester auch und dann kam so, ja, ja, alles halb so schlimm, oder? Genau, genau. Also es war immer das Passende, da ich kann mich auch noch gut an eine Situation erinnern. Da waren wir gemeinsam auch mit dem neuen Partner in einem Restaurant, sind da hingefahren, wollten da zu Abend essen. Und an dem Tag haben wir sehr viel Zeit gemeinsam verbracht.

Dementsprechend hatte meine Mutter auch keine Gelegenheit, nebenbei heimlich zu trinken. Und das war dann, aber es war dann schon zu einem späteren Zeitpunkt, wo es dann schon echt extremer wurde. Und wir mussten diesen Restaurantbesuch abbrechen, bevor das Essen kam, weil unsere Mutter das Glas gar nicht mehr halten konnte, so gezittert hat. Dann musste ein Strohhalm angereicht werden, weil sie zittert so, dann hat sie geschwitzt.

Und es wurde damals auf die Wechseljahre geschoben, das weiß ich aber jetzt, das war nicht so. Sondern das war, dass sie dann einfach ein, zwei Tage nicht getrunken hat. Und da musste das dann abgebrochen werden. Das Abendessen haben wir einpacken lassen und mitgenommen nach Hause. Und da haben wir dann schon gemerkt, okay, das geht hier wirklich in eine Richtung zurück. Die nicht mehr so wegzureden ist, dass da wirklich gar nichts ist. Und die Ausreden haben sich dann irgendwann wiederholt.

Und das ging so ab dem Zeitpunkt, wo sie angefangen hat zu trinken nebenbei, bis es dann wirklich soweit war, dass wir sie auch zur Rede gestellt haben und damit konfrontiert haben. Das waren so knapp zwei, drei Jahre, würde ich sagen. Ja, es ist so oft ein schleichender Prozess, der dann immer schneller geht irgendwann. Also da kommt dann sowas ins Rutschen. Der Alkoholkonsum ist aber nicht das Einzige, was deine Mutter vertuschen will.

Wie bekommst du davon mit, dass sie auch finanziell richtig dicke Probleme hat, die sie versucht für euch zu verbergen? Also das gab einige Momente. Das hat sich auch, wie du sagst, schleichend angekündigt, dass dann mal etwas Rechnung zu spät bezahlt wurde. Und dann fing es an, dass wir das selber am eigenen Leib gemerkt haben, dass da finanziell doch nicht alles so rosig ist. Also sie war selbstständig auch noch nebenbei. Sie hatte einen Wäscheservice und knapp drei Mitarbeitende dann auch.

Und da musste sie natürlich auch gucken, dass das Geld immer passt. Und dann hieß es, jemand hat Geld aus der Kasse geklaut bei ihr, aus dem Laden. Und irgendwer war das und sie traut jetzt keinem mehr. Viel später haben wir herausgefunden, dass sie das selber war, um das dann so zu vertuschen und einige Löcher dann auch zu stopfen, die sie hatte. Aber deswegen war das Thema... Geld fehlt irgendwo, aber niemand weiß, wo es richtig hin ist. Irgendjemand steckt ja da sozusagen hinter.

Das war schon öfter Thema gewesen. Und beispielsweise saß ich auch einmal im Unterricht für meine Führerscheinprüfung und wurde von dem Fahrlehrer dann rausgebeten und gesagt, Entschuldigung, aber die Rechnungen wurden nicht bezahlt. Das hattest du doch gesagt, es wurde schon alles beglichen. Und ich bin dann mit meinem Fahrrad nach Hause geradelt und sagte, Mutti, ich wurde hier gerade aus dem Unterricht entlassen, weil die Rechnungen nicht bezahlt sind. Aber ich dachte, du hast das überwiesen.

Und dann kam Ausreden, ja, dann hatte ich da einen Zahlendreher drin und komisch, dass es nie angekommen ist. Ich habe das doch gemacht. Und ja, solche Momente haben uns dann immer mehr darauf hingewiesen, dass da wirklich was am Argen ist, weil sich das immer gehäuft oder immer mehr gehäuft hat. Weißt du, wo das Geld hin ist? Also hat sie mehr ausgegeben, als sie hatte oder oder was ist denn mit dem Geld sozusagen passiert, was dann da gefehlt hat?

Also ich glaube, da kommen wir auch schon so ein bisschen zu dem Kern auch, denn ich glaube, es hat an vielen Enden und Ecken dann auch geagt, dass durch den Tod meines Vaters, der sich immer um den Papierkram, sage ich mal, gekümmert hat, da war dann plötzlich niemand da. Und meine Mutter war dann alleine mit uns beiden Kindern, noch mit der Selbstständigkeit nebenbei, mit dem Haus, was sie alleine getragen hat.

Und die Witwenrente war damals nicht so hoch, als dass dieser Lebensstil, den wir hatten, mit dem in Urlaub fahren und uns fast, sag ich mal, alles ermöglichen können, jede Klassenfahrt, jede Klamotte und so weiter, das war nicht mehr drin. Aber dieser Standard sollte beibehalten werden und es sollte uns an nichts mangeln.

Und das ging aber irgendwann nicht mehr. Vor allem, als dann der neue Partner in das Leben kam und hier Urlaube in der Türkei und plötzlich wurde der ganze Garten umgegraben, weil wir brauchen einen schönen Garten, wir brauchen eine neue Terrasse, ein neues Auto. Das war plötzlich alles möglich. Es wurde zu einem Ja gesagt, aber viel später ist uns dann aufgefallen, das war nie möglich. Also es gab dieses Geld nicht.

Wir konnten dann auch recherchieren, nachvollziehen, dass unsere Mutter ein Konto nach dem anderen aufgemacht hat, dort ins Dispo gegangen ist und wo da ein Loch war, hat sie zwei neue dann aufgemacht, um dieses eine zu stopfen. Und irgendwann, nehme ich sehr stark an, hat sie den Überblick dann auch verloren und Sie war auf sogenannten schwarzen Listen dann auch von Banken, also dass der Name, der Nachname schon bekannt war.

Und das ist natürlich auch ein großes Zeichen dafür, dass in der Vergangenheit einiges passiert ist, Schulden nicht beglichen wurden und der Schuldenberg wurde einfach immer größer, als dass man ihn überhaupt noch stemmen oder hätte stemmen können. Aber die Fassade musste halt aufrechterhalten werden irgendwie, es ist alles gut, weil sie hat sich auch keine Hilfe geholt, sie hat da nie mit jemandem drüber gesprochen, hat gesagt hier.

Okay, das heißt, da ist jetzt ganz viel ins Rutschen geraten, deine Mutter ist Alkoholikerin, deine Mutter hat Schulden, tut aber so, als wäre alles in Ordnung und dann passiert was, was ja nicht passieren sollte, deine Mutter lädt ihre Sorgen bei dir ab. Du bist, glaube ich, ungefähr 14, als sie dir völlig betrunken erzählt, dass sie als Kind sexuell belästigt wurde und dass sie das bis heute nicht loslässt.

Ich kann mir das gar nicht vorstellen, wie fühlt sich das an, wenn einem die eigene Mutter sowas erzählt, vor allem mit 14? Ja, das fühlt sich nicht schön an, wenn man das zu hören bekommt, denn in dem Moment, wie du schon richtig sagst, sie war betrunken und da sprudelt es ja dann sozusagen aus einem auch raus und man kann vielleicht nicht mehr so filtern, was sage ich denn jetzt hier gerade? Und was könnte das vielleicht auch für Auswirkungen haben?

Und da sagte sie auch zu mir, ich sei die Einzige, mit der sie darüber bisher geredet hätte und ich darf das auch keinem weitersagen, weil sonst würde die ganze Familie zerbrechen, wenn das dann auch rauskommt und da würde keiner hinter ihr stehen. Und von daher sei das so etwas wie unser Geheimnis. Und ich werde bald 30. Mittlerweile kann ich verstehen, sie hatte einfach wahnsinnig viel Last auch auf ihren Schultern. Sie musste es rauslassen.

Aber jetzt weiß ich, es war definitiv nicht der richtige Zeitpunkt und auch nicht der richtige Gesprächspartner. Und dann haben wir uns in den Armen genommen, beide geweint. Und ich weiß dann gar nicht mehr so recht, aber auf jeden Fall bin ich hoch ins Zimmer und habe da dann auch mit keinem drüber gesprochen, also ganz lange nicht. Vielleicht nochmal um das zu betonen, du bist zu dem Zeitpunkt 14 Jahre alt, als du dieses Geheimnis und diese Last auf deine Schultern bekommst.

Hast du damals das Gefühl, dass sich das Verhältnis so ein bisschen umdreht, weil deine Mutter ja krank ist zu diesem Zeitpunkt, alkoholkrank? Fühlst du dich für deine Mutter verantwortlich, also andersrum als es eigentlich sein sollte? Ja, also es war zu dem Zeitpunkt schon so, dass der neue Partner unserer Mutter dann auch mit den Situationen, die davor herrschten, nicht mehr ganz so gut klarkam und immer mal wieder eine Auszeit genommen hat und dann auch für mehrere Wochen nicht bei uns war.

Und von daher waren wir in dem Familienhaus zu dritt dann auch und meine Schwester und meine Mutter hatten damals nicht die allerbeste Beziehung zueinander. Meine Schwester war dann auch viel draußen und hat viel mit sich selbst ausgemacht und von daher war das Band zwischen mir und meiner Mutter und ich als Nesthäkchen, dann auch noch die kleine Schwester, war sehr, sehr eng, unser Band.

Und wir konnten über viele sprechen, haben viel auf dem Sofa abends gekuschelt, Sachen dann auch miteinander besprochen und von daher war das dann auch so ein bisschen ich glaube da verschwamm ist so bei ihr zwischen Tochter und das ist jetzt meine Freundin und von daher da konnte ich das damals noch gar nicht so abgrenzen und sehen was geschieht denn hier eigentlich gerade aber ich möchte ja natürlich für meine Mama da sein wenn es ihr schlecht geht weil vielleicht kann ich ihr dadurch

helfen wenn ich ihr zuhöre wenn sie das bei mir lässt und kann ihr dadurch eine Stütze sein. Kinder übernehmen die Verantwortung für Aufgaben, die eigentlich Eltern zugeschrieben werden. Das habt ihr vielleicht in eurem Umfeld auch schon mal beobachtet. In der Psychologie wird das Parentifizierung genannt. Dabei unterscheidet man zwischen zwei verschiedenen Formen.

Bei der instrumentellen Parentifizierung schmeißen Kinder den Haushalt, kochen, kümmern sich um jüngere Geschwister oder ihre kranken Eltern. Bei der emotionalen Parentifizierung werden Kinder zur emotionalen Stütze ihrer Eltern. Sie übernehmen Verantwortung für ihre Gefühle und ihr Wohlbefinden. Das, was Melly mir erzählt, passt eigentlich zu beiden Formen. Sie muss einerseits dafür sorgen, dass der Haushalt läuft, sie kocht Essen und achtet auf ihre Schulbildung.

Andererseits lädt ihre Mutter all ihren Kummer und all ihre Sorgen bei ihr ab. Melly hört sich das an als Teenie und tröstet ihre Mutter, obwohl es ja eigentlich andersrum sein sollte. Was ich spannend finde, die Forschung zeigt, dass Parentifizierung nicht unbedingt negative Folgen für das Kind haben muss, sondern sogar das Selbstbewusstsein stärken kann. Das gilt aber nur, wenn der Grad der Parentifizierung nicht zu hoch ist.

Also ein paar Pflichten übernehmen ist natürlich okay, vor allem wenn es offen kommuniziert wird. Besonders die emotionale Form kann allerdings Kinder und Jugendliche schnell überfordern und starken Stress auslösen. Dann wird Parentifizierung sogar mit Depressionen im Erwachsenenalter in Verbindung gebracht.

Bei vielen Betroffenen ist es außerdem später so, dass sie schlecht über ihre eigenen Gefühle sprechen können, weil sie in ihrer Kindheit gelernt haben, dass das für ihr Gegenüber eine Belastung ist. Über das Thema werde ich mit Melli auch noch sprechen. Das heißt, du nimmst auch zu dem Zeitpunkt ganz viele Rollen ein.

Du bist die Tochter deiner Mutter natürlich, du bist die Freundin deiner Mutter, du bist die Schülerin, die irgendwie gut in der Schule sein muss und du bist gleichzeitig auch selbst die Mutter, die den ganzen Haushalt schmeißt.

Also das alles ist ja so ein Muster, was ja so ein bisschen durchzieht, du funktionierst und ich glaube dazu kommt ja auch noch erschwerend, dass sich der Partner deiner Mutter dann irgendwann auch von ihr getrennt hat, also ihr seid dann alleine mit eurer alkoholkranken Mutter, die einen riesigen Berg Schulden hat und dann passiert halt das, wovor ihr euch die ganze Zeit Sorgen gemacht habt, dann zerbricht es nämlich komplett. Ich glaube, du bist 15 zu dem Zeitpunkt.

Deine Mama setzt sich betrunken ans Steuer und fährt einfach weg mit dem Auto. Du rufst die Polizei, weil ihr sie nicht finden könnt und ihr macht euch natürlich Sorgen. Was passiert dann als nächstes?

Und die Polizei hat erstmal alles aufgenommen, ist sie dann suchen, gefahren und kurze Zeit später kam sie dann auch gemeinsam nach Hause und unsere Mutter war gar nicht mehr Herr in ihrer Sinne, hat sich dann auch eingenässt und das war für uns ganz schwer zu sehen, dass unsere Mutter so einen starken Kontrollverlust hat, dass sie sich einnässt. Und das war für uns echt so ein Moment, dass wir gedacht haben, jetzt ist hier aber ordentlich was schief. Und genau, dann wurde sie auch mitgenommen.

Und der Freund oder Ex-Freund zu der Zeit unserer Mutter wurde angerufen, weil das die Kontaktperson auch war, die wir noch hatten. Er kam dann auch, damit wir Kinder nicht alleine sind. Aber unsere Mutter ist dann mitgenommen worden und hat dann auch ihren ersten Entzug gemacht. Das heißt, ihr sitzt da alleine zu Hause und eure Mutter ist weg und sie kommt, glaube ich, auch dann nie wieder nach Hause ab diesem Moment.

Genau, das war uns natürlich nicht bewusst, weil das, was wir dadurch bewirkt hatten, die Polizei zu rufen, wir wollten ja helfen, dass diese Situation wieder entspannt wird, sage ich mal. Wie du richtig sagst, sie kam dann nicht mehr nach Hause, das war dann der erste von... Ich würde mal sagen, knapp vier Entzügen, die sie dann auch gemacht hat. Und ab dem Moment war dann wieder der Ex-Partner unserer Mutter in unserem Leben, der gesagt hat, ich lasse euch Kinder da jetzt nicht alleine durch.

Und das rechne ich ihm bis heute auch wirklich sehr, sehr hoch an, dass trotz dessen, dass er das Band sozusagen oder die Beziehung gekappt hat, dass er wiederkam, um für meine Schwester und mich dann auch zu sorgen. Und dann haben wir erst mal die Tage danach angefangen, als sie dann auch nicht da war und nichts mehr verstecken konnte, alle Unterlagen, die wir finden konnten, rauszusuchen, auf den Tisch zu legen und erst mal so einen groben Überblick zu machen.

Was ist denn hier eigentlich gerade los? Und leider haben wir dann auch sehr schnell festgestellt, diese enormen Summen der Schulden sind nicht mehr zu deckeln. Die letzte Konsequenz ist, wo kommt das größte Geld dann auch her? Und das war das Familienhaus, in dem wir gelebt haben. Das heißt, die Entscheidung ist dann nach ein paar Tagen gefallen, wir müssen das Haus verkaufen, damit diese Schulden dann auch gedeckelt werden können.

Das heißt, du bist 15, deine Schwester ist 18 und ihr müsst das Familienhaus verkaufen. Verkaufen, ganz, ganz praktisch. Was habt ihr dann mit dem Geld gemacht, damit ihr euch eine Wohnung sozusagen leisten konntet und irgendwie weiterleben konntet? Oder wofür war das Geld gedacht? Das Geld ist in die Schulden geflossen, die unsere Mutter hatte. Also wir haben von dem Geld nicht wirklich was gesehen.

Was wir mitbekommen haben, ist, dass sich Leute angekündigt haben, die dann durchs Haus gegangen sind. Dass da dann Familien durchgegangen sind. Und wir saßen im Kinderzimmer am PC und haben Sims gespielt und plötzlich klopfte es an der Tür und zwei andere Kinder standen da, die sich das Zimmer angucken wollten. Und das war für uns eine ganz komische Situation. Wir haben es ertragen, weil es ging nicht anders. Was will man machen? Manchmal ist man geflüchtet mit dem Fahrrad raus.

Aber letztlich war das wirklich wie ein Film, der abgelaufen ist. Und man stand so ein bisschen daneben und hat das dann alles beobachtet. Aber konnte selbst keine Regie führen. Vielleicht nochmal, um das kurz zusammenzufassen, was bisher schon in deinem Leben passiert ist. Und es passiert ja noch mehr. Dein Vater ist tot, deine Mutter ist in einer Entzugsklinik, musst das Haus verkaufen. Du bist 15, deine Schwester ist 18. Sie hat dann, glaube ich, das Sorgerecht für dich übernommen.

Weil sonst wärst du wahrscheinlich in ein Kinderheim gekommen, oder? Genau, es wäre tatsächlich so gewesen, dass ich höchstwahrscheinlich in ein Kinderheim gekommen wäre und meine Schwester als Volljährige hätte sich dann sozusagen selber kümmern müssen, eine Wohnung oder sonstiges. Und das Schlimmste, was für meine Schwester hätte passieren können in dem Moment ist, dass wir beide getrennt werden und dass ich in ein Kinderheim komme.

Und da hat sie Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, das zu verhindern und hat sich selber auf ihr Fahrrad gesetzt.

Er ist zu dem Dorfanwalt gefahren und hat gesagt, ich habe kein Geld für eine Beratung, ich brauche aber dringend ihre Hilfe und hat sich da geäußert und dann hat sie kostenlos von dem Anwalt die Beratung bekommen, der hat sie dann auch durch diesen Prozess begleitet und so kam es dann letztlich zustande, dass meine Schwester das Sorgerecht für mich bekommen hat und wir beide dann gemeinsam in eine Wohnung gezogen sind.

Wie cool ist deine Schwester bitte, möchte ich an der Stelle kurz mal. festhalten. Das heißt, ihr zieht dann so in so einer Art Schwestern-WG, lebt dann zusammen, habt auch bestimmt gewisse Freiheiten. Gleichzeitig müsst ihr aber irgendwie mit Nebenjobs versuchen, Kohle ranzukriegen, weil ihr müsst ja auch von irgendwas leben. Und auf der anderen Seite ist dann eure Mutter, die gleich mehrere Entzüge macht, aber die es nie wirklich schafft, vom Alkohol loszukommen.

Wie war das? Also das muss natürlich auch ein heftiger Moment für sie gewesen sein und innerhalb kürzester Zeit Haus, Partner und dann auch noch das Sorgerecht für die Kinder verloren und ich glaube, das war dann natürlich einfach für sie too much, als dass sie das greifen konnte, handeln konnte und ja, ist dann von dem Entzug raus, da war sie dann recht klar wieder, soweit wie man dann halt klar ist danach, hat dort aber auf der Station Leute kennengelernt.

Die dort auch einen Entzug gemacht haben, die in der Nähe gewohnt haben und die gesagt haben, Ulrike, hier ist noch eine Wohnung frei. Du hast ja jetzt gerade nichts, dann zieh doch mal zu uns auf den Hof. Da sind so drei, vier Wohnungen. Und dadurch hatte sie, ich setze jetzt mal Anführungsstriche, neue Freunde, die das aber leider begünstigt haben, dass sie weiter Alkohol trinkt.

Weil das dann so eine Gemeinschaft, sage ich mal, war, wo dann schnell nachmittags auch noch das Bier auf den Tisch stand oder auch morgens schon. Genau, und dann sind sie immer wieder von Entzug und wieder zurück in diese Wohnung. Und dann wieder ins Krankenhaus. Das heißt, sie ist dann bei anderen Menschen untergekommen, die das gleiche Problem hatten wie sie und die sich dann irgendwie gegenseitig runtergezogen haben.

Du bist 18, als sich die Entzugsklinik bei euch meldet. Deine Mutter ist zu dieser Zeit mal wieder auf Entzug. Was genau möchte die Klinik von euch? Genau, die Klinik rief uns an und sagte, eure Mutter ist leider wieder bei uns. Bitte komm doch mal vorbei. Und dann sind meine Schwester und ich, haben uns ins Auto gesetzt, in den Schlüpferblauen Polo von damals noch, in das erste Auto.

Und sind dann dort in die Klinik gefahren. Und unsere Mutter lag dann im Krankenzimmer mit dem Tropf an der Seite. Und sie war aber noch da. Also sie hat mit uns geredet. Das war aber ganz wirr. Das konnten wir erst mal gar nicht einordnen. Plötzlich hat sie einen Hund gestreichelt, der gar nicht da war, mit dem gesprochen. Erzählte, dass da so ein Rabe in der Ecke sitzt, ob wir den nicht mehr rauslassen könnten, obwohl da keiner war.

Also sie hat mit uns gesprochen, aber komplett wirr. Das konnten wir gar nicht so greifen. Und ja, dann sind wir wieder nach Hause gefahren und wir haben gedacht, das ist ein klassischer Entzug, der da gemacht wird und dann ist man halt so ein bisschen verwirrt. Aber morgen ist ein neuer Tag und dann schauen wir noch mal und dann sind wir den zweiten Tag wieder hingefahren Und da war unsere Mutter leider gar nicht mehr ansprechbar und hat eigentlich nur noch geschlafen.

Und da wurden wir dann von dem Pflegepersonal zur Seite genommen und uns wurde gesagt, das kann alles etwas länger dauern, der Entzug hat nicht so gut geklappt, macht euch aber keine Sorgen, es dauert wohl nur länger. Was genau das bedeutet, das konnten wir gar nicht greifen. Dann sind wir wieder nach Hause und am nächsten Tag, am dritten Tag wieder hin. Und da haben wir dann von dem Pflegepersonal gesagt.

Ja, die Aussage bekommen, Mädels, stellt euch bitte darauf ein, eure Mutter wird nie wieder fit werden. Eure Mutter wird für immer eine Art Behinderung mit sich tragen. Und das war für uns, wir dachten, das ist ein schlechter Witz. Also das ist ja so eine Nachricht, die man von jetzt auf gleich bekommt, wo du denkst, ey, das ist hier schon die letzten Monate und Jahre so schief gelaufen irgendwie alles. Das ist jetzt, also das kann doch jetzt nicht auch noch passieren.

Und es war einfach nicht greifbar. Und wir sind ins Zimmer reingegangen, dann auch zu unserer Mutter. Und sie ist dann auch ins Delirium gefallen, kurze Zeit danach. Also ist ja wie eine Art Wachkoma, kann man das sagen, so ein Delirium. Man weiß nicht, wie viel kriegen die Personen mit. Und wir saßen dann am Bett und haben einfach nur geredet, geredet. Mama, das wird schon wieder. Du kommst wieder auf die Beine und es dauert nur ein bisschen länger.

Und haben uns das, glaube ich, aber selber versucht, in dem Moment auch schön zu reden. Und dann sind wir rausgegangen. Zu unserem Auto und sind da beide schon mal ein bisschen zusammengebrochen, um das mal nett zu formulieren. Wir mussten uns da knapp eine Stunde sammeln, weil wir gar nicht wussten, wenn wir jetzt morgen wiederkommen, vielleicht kriegen wir die Nachricht, dass Mama gar nicht mehr da ist.

Ich glaube, da kam dann so ein bisschen die Erinnerung auch hoch, wie das damals war, als unser Vater verstorben ist, diese Hiobsbotschaften zu bekommen, immer vom Krankenhaus. Ja, haben uns dann ein bisschen gesammelt und sind dann auch gemeinsam wieder nach Hause gefahren in unsere Wohnung. Und dann bist du da in deinem Zimmer, hast dir die Decke wahrscheinlich über den Kopf gezogen und dann passiert eben dieser eine Moment, diese Panikattacke.

Wir haben ja gerade schon ganz am Anfang darüber gesprochen, dass du total entschlossen bist, dass du weitermachen willst, dass du die Zähne zusammenbeißt, so wie du es eigentlich ja schon seit, zu dem Zeitpunkt, keine Ahnung, zehn Jahren machst. Du hast ja auch gesagt, dass das eben im Nachhinein ein großer Fehler war, diese Entscheidung zu treffen, diesen Moment so für dich zu interpretieren. Warum glaubst du, ist das im Endeffekt so schädlich für dich gewesen,

dieses Weitermachen? Also die Entscheidung beziehungsweise die Frage kam total auf. Ich habe mir nämlich wirklich die Decke über den Kopf gezogen. Ich wollte nichts mehr sehen, nichts mehr hören von der Welt. Ich wollte wirklich auf Pause drücken und sagen, ich möchte jetzt genau hier jetzt mal aussteigen. Aber das geht leider nicht. Die Welt dreht sich immer weiter. Es geht immer weiter. Und vor allem dachte ich auch in dem Moment, es muss auch weitergehen für meine Schwester und für mich.

Weil wenn wir jetzt die Decke über den Kopf ziehen oder den Kopf in den Sand stecken, dann bringt uns das nicht viel für den morgigen Tag, sondern wir müssen dafür sorgen, dass es uns auch gut geht. Und da kam dann auch dieser starke Entschluss her, koste es, was es wolle, wir müssen weitermachen. Aber dass das so unfassbar viel Kraft und Energie kostet, die nicht einfach mal so eben wieder zurückkommt, das habe ich damals nicht gewusst.

Ich finde diese Vorstellung, ihr seid ja dann natürlich, nächster Tag ihr macht weiter, wieder nächster Tag ihr macht wieder weiter, ihr seid dann ins Krankenhaus gefahren, ihr wart bei deiner Mutter und dieser Zustand, in dem sie zu dem Zeitpunkt ist, sie kann sich nicht bewegen, sie kann nicht sprechen, sie kann nicht essen, sie kann nicht trinken, sie liegt da einfach nur.

Das Krasse ist ja, dass ihr, glaube ich, ein Jahr lang, so mehr oder weniger im Unklaren seid, was mit deiner Mutter ist, weil am Anfang, oder mit eurer Mutter ist, am Anfang heißt es ja, Ja, das sind die Folgen des Entzugs, sie verträgt den nicht so gut und dann erfahrt ihr erst, dass sie eben unter dem Locked-In-Syndrom leidet, also dass sie ja geistig voll da ist, aber dass der Körper abgeschaltet ist. Weißt du mittlerweile, wie es dazu gekommen ist?

Ja, also unsere Mutter hat einen kalten Entzug bekommen und ich glaube, ich vermute sehr stark, dass das nicht hätte so passieren müssen, denn sie hat einen Hörnschlag erlitten und ist dadurch dann auch ins Delirium gefallen und letztlich ist sozusagen die Brücke hier hinten im Nacken angebrochen. Und dadurch ist dann auch das Locked-In-Syndrom entstanden. Denn die Signale, die gehen immer noch. Also man sendet ja Signale ab, ich hebe jetzt meinen rechten Arm, ich schließe jetzt meine Augen.

Das passiert ja alles am Kopf. Und erst dann wird es weitergegeben an die jeweiligen Körperteile dann auch. Und das funktionierte dann nicht mehr bei meiner Mutter. Sie hat es immer noch im Kopf gehabt, ich hebe jetzt meinen Arm, ich schließe meine Augen, aber es ist nicht passiert. Also sie war im Geiste voll da, so wie du denkst, so wie ich denke. Das hat alles geklappt.

Aber erst ein halbes Jahr später haben wir das rausgefunden, da haben wir mal ein Tablet mitgenommen, weil sie konnte ihre rechte Hand so ein ganz bisschen bewegen. Da haben wir ein Tablet mitgenommen, weil das eine große Tastatur hatte und haben ihr das mal hingehalten, um dann mal zu gucken, kann sie denn überhaupt vielleicht ein Wort schreiben.

Und dann hat sie ja einen Nachnamen dort aufgeschrieben und meine Schwester und ich waren komplett perplex, weil wir hatten wochenlang vorher drüber am Krankenbett geredet, Mensch, wie hieß denn nochmal der Nachbar unserer Großeltern, wir kommen nicht drauf, wie hieß er denn noch gleich? Das war dann schon Wochen her und wir halten ihr dieses Tablet hin und plötzlich schreibt sie den Nachnamen des Nachbarns komplett klar auf. Und da ist uns das so bewusst geworden.

Sie hatte das die ganze Zeit im Kopf. Sie hat jedes Gespräch gehört. Sie hat alles mitbekommen. Sie konnte sich nur einfach ein knappes halbes Jahr gar nicht äußern. Und ich rief dann sogar auch noch im Krankenhaus damals. Also dann war sie schon im Pflegeheim, als wir das rausfanden, dass sie noch voll da ist, dass dann auch das Locked-In diagnostiziert wurde. Das war damals im Krankenhaus gar nicht bekannt, dass es diese Krankheit überhaupt gibt.

Das weiß ich noch, da waren die Pflegekräfte, weil die halt so wahnsinnig selten ist, gar nicht drauf geschult, dass man da dann auch vielleicht mal andere Tests machen müsste, um zu sehen, die Patientin oder der Patient ist geistig noch voll anwesend. Und das hatte natürlich auch die Folge, dass sie ein halbes Jahr lang,

behandelt wurde wie ein Kleinkind. Also wie, wenn ein Mensch dort liegt und sich gar nicht mehr äußern kann, nur noch die Augen aufmacht, dass man dann so ein bisschen da auch redet, als wäre das ein Kleinkind oder wer weiß, was da alles passiert ist. Und sie hat alles mitbekommen. Ja, du kannst ja gar nichts sagen. Genau, das ist ja... Null. Was für ein Albtraum, was für ein Albtraum.

Die Ursache für das Locked-in-Syndrom ist, dass der Hirnstamm, die Verbindung zwischen unserem Gehirn und dem Körper, gekappt ist. Das führt dazu, dass Betroffene wie Mellys Mutter bei vollem Bewusstsein in ihrem bewegungslosen Körper eingeschlossen sind. Daher die Bezeichnung Locked-In, also eingeschlossen. Oft wird das Krankheitsbild oberflächlich erstmal als Wachkoma angesehen. Aber der große Unterschied ist eben die geistige Klarheit, die Locked-In-Patienten haben.

Die kognitiven Fähigkeiten sind voll erhalten. Sie können sogar trotz geöffneter Augen einen normalen Schlaf-Wachzyklus haben. Aber Betroffene können weder ihren Körper bewegen noch Mimik oder Sprache nutzen. Manche Betroffene können, wie zum Beispiel Mellys Mutter, Sprachtafeln oder Sprachcomputer bedienen und sich darüber ein wenig verständigen. Manchen bleibt nur die Möglichkeit, über Augenbewegungen zu kommunizieren.

Bis diese Möglichkeiten dem Umfeld bewusst werden, vergehen aber oft Wochen oder, wie im Fall von Mellys Mutter, Monate, in denen die Betroffenen behandelt werden wie Bewusstlose. Wenn sie medizinisch ansonsten stabil sind, haben Locked-in-Patientinnen und Patienten keine per se niedrigere. Habt ihr euch auch gerade dabei erwischt, nachzudenken, wie schrecklich das wäre, jahrelang in einem bewegungslosen Körper gefangen zu sein?

Ich denke, das passiert schnell, dass wir gesunde manche Lebensrealitäten allgemein als nicht lebenswert abstempeln. Eine Studie konnte aber zeigen, dass Angehörige und auch medizinisches Fachpersonal die Lebensqualität der Betroffenen häufig niedriger einschätzen als sie selbst. Viele Betroffene berichten von einer eher hohen Lebensqualität, z.B. durch Kommunikationsmittel wie Sprachkontrollen. Und sie berichten, dass sie einen Sinn in ihrem Dasein sehen.

Die Entscheidung, ob so ein Leben lebenswert ist, müssen also am Ende alle Betroffenen für sich selbst finden. Was das für Maddies Mama bedeutet, das wird sie mir noch erzählen. Und jetzt ist es wieder an euch, irgendwie als Schwestern da alles zu regeln, weil das bedeutet ja eben auch, Pflegeheim hast du gerade schon angesprochen. Ihr müsst euch um viele Sachen kümmern, bürokratischen Kram. Habt ihr von irgendwem Hilfe bekommen in dieser Zeit? Wenig.

Also seitens der Familie wenig. Wir hatten unsere Freundinnen und Freunde immer um uns rum. Und das hat uns wahnsinnig geholfen. Also wir hatten damals und haben ihn jetzt immer noch einen großen Freundeskreis. Und dann hat man seine beste Freundin angerufen, die dann schon ein anderes Auto hatte, mit dem sie fahren konnte, weil das eine war gerade weg. Und ich muss jetzt schnell ins Pflegeheim. Wer kann mich fahren?

Da hat man dann keinen Onkel angerufen oder sonst wen, sondern seine beste Freundin. Und ja, da sind wir dann auch gemeinsam viel durch. Aber es ist natürlich in dem Alter auch schwierig, darüber mit Gleichaltrigen zu sprechen. Denn die haben ganz andere Themen. Also da war es eher, man hat einen neuen Schwarm oder was auch immer. Oder die neue Party steht an, wollen wir da hin? Und meine Schwester und ich, wir hatten halt ganz, ganz andere Themen.

Wir hatten uns und deswegen haben wir alles versucht, das alleine hinzubekommen und auch bloß nicht am Anfang jedenfalls nach Hilfe zu beten. Denn muss ich auch ganz ehrlich sagen, das weiß ich jetzt auch, wir hatten auch einfach nicht diese Werkzeuge in der Hand, dass man weiß, ab wann ist jetzt das Problem passiert,

so groß, dass man um Hilfe bitten kann. Wir haben es ja auch nur so vorgelebt bekommen, sowohl die Krankheit meines Vaters, die Ehe, die in die Brüche ging und alles um meine Mutter herum. Das haben sie immer mit sich ausgemacht. Und dementsprechend wussten wir gar nicht, dass wir wirklich, dass das System Familie jetzt auch greifen könnte zum Beispiel. Wir haben das für uns gemacht. Die andere Seite der Familie hatte ihr Leben und das sollen sie auch weiter behalten.

Wir wollen sie nicht noch zusätzlich belasten mit den Problemen, die wir schon haben. Das zieht sich wirklich komplett durch bei dir. Also dieses Weitermachen, einfach weitermachen, nicht nach Hilfe fragen. Irgendwie kriegt man das schon hin, der nächste Tag wird besser. Ihr schafft es ja dann nach längerer Strecke ein Pflegeheim zu finden, in dem eure Mutter sich auch wohl fühlt. Und wie sehen denn dann deine Besuche bei deiner Mutter in den folgenden Jahren aus?

Also ich kann mir vorstellen, dass du ja schon da dann auch bei ihr vorbeischaust. Wie muss man sich das vorstellen? Also in der ersten Zeit war ich recht alleine, weil meine Schwester auch zu dem Zeitpunkt Schwierigkeiten hatte, dann auch zu unserer Mutter zu kommen, zu besuchen. Und was ich in der Zeit nicht nachvollziehen konnte, da hatten wir uns auch öfter mal in den Haaren. Mittlerweile ist das alles geklärt und ich kann das auch sehr gut nachvollziehen.

Aber zu dem Zeitpunkt war ich da wirklich alleine und habe dann unsere Mutter besucht. Ja, dann war das, man hat wirklich die, die Rollen haben sich getauscht. Also ich bin Klamotten einkaufen gefahren für sie. Ich habe Bruggerieprodukte besorgt. Wir haben zusammen abends einen Film geguckt. Ich habe meine Bücher mitgenommen, weil ich zu der Zeit dann schon studiert habe. habe dann nebenbei meine Hausarbeiten geschrieben. Also es war ja am Krankenbett und gleichzeitig.

Muss man dann immer gucken, dass da nicht der Sabber aus dem Mund läuft. Oder bei unserer Mutter ist gleichzeitig die Pflege und Hausarbeiten geschrieben. Das war schon ein bisschen schwierig. Aber man wollte ja auch unserer Mutter nicht zeigen, wie anstrengend das für uns ist, diese Situation, die da gerade passiert. Also wir mussten weinen, auf jeden Fall. Aber wir sind immer rausgegangen. Wir wollten nie vor ihrem Krankenbett weinen.

Und wenn uns das zu viel wurde, dann haben wir gesagt, wir müssen einmal ganz kurz auf Toilette und sind raus. Heimlich auf dem Klo geheult. Genau so ist es. Allein jetzt schon bis zu diesem Punkt, finde ich, wenn du das so erzählst, hat man das Gefühl, dass du fünf Leben gelebt hast in dieser kurzen Zeit, weil einfach so wahnsinnig viel passiert ist. Aber es geht ja noch so weiter.

Also fünf Jahre nach dem Hirnschlag deiner Mutter, ich glaube da bist du so 24, bekommt ihr von einer Pflegerin eine Nachricht, die nochmal alles in deinem Leben verändern wird, was schreibt sie euch? Also, sie schrieb uns, eure Mutter hat heute gesagt, sie möchte sterben. Das war die Nachricht, die wir bekommen haben. Ich weiß noch, da saß ich in der Vorlesung drin. Der Raum war voll und ich kriegte diese Nachricht aufs Handy und dachte, das ist jetzt ein schlechter Witz.

Und dachte, naja gut, dann fahre ich da heute mal hin und dann spreche ich mal mit Mutti, was denn da los ist. Und dann sind wir beide auch hingefahren an dem Tag. Und haben mit ihr gesprochen und in ihrem Rahmen, wie sie es konnte, hat sie dann noch angefangen zu weinen und dann mit den Fingern auf einer Schreibtafel schrieb sie dann, ich möchte jetzt zu Papa.

Und ihre Entscheidung war klar und das war für uns ein Moment, wo wir gedacht haben, okay, ich glaube, wir können das Ruder nicht mehr rumreißen.

Und für uns war auch diese Aussage weil sie unseren Vater gar nicht so groß immer thematisiert hat danach war für uns das war ein ganz tolles Zeichen, dass sie gesagt hat, ich möchte jetzt zu Papa, und wir sind dann auch rausgegangen, Mama hatte ganz ganz tolle Pflegerinnen in dem Pflegeheim, die waren so greifbar und auch immer für uns da, haben uns da sehr gut begleitet und die haben dann auch gesagt, Mädels, das ist schon so.

Wir haben auch versucht mit ihr zu sprechen, aber sie hat plötzlich so einen starken Willen, dass sie gehen möchte und ja, wir hatten dann auch natürlich drüber gesprochen, auch wenn es wahnsinnig schwer war, aber sie schrieb, ihr schafft das, glaube ich, auch ohne mich. Also sie hat diese ganzen, es waren so knapp fünf, sechs Jahre, in der sie da auch lag mit dem Locked-In-Syndrom und.

Sie hätte viel früher schon sagen können, wer weiß, wie lange ich oder du oder jeder andere das vielleicht ausgehalten hätte, aber sie hat wirklich jahrelang das ausgehalten, unseretwegen, damit sie nicht auch noch geht. Aber irgendwann war der Punkt, wir waren dann ja schon junge, erwachsene Frauen, dass sie gesagt hat, jetzt kann ich gehen, jetzt braucht ihr mich sozusagen nicht mehr als Stütze.

Aber die Entscheidung darüber, die musst du treffen, wenn ich das richtig verstanden habe, weil du hast die Vorsorgevollmacht und du musst jetzt entscheiden, ob du deiner Mutter diesen Wunsch erfüllst und ob das in die Tat umgesetzt werden kann oder nicht. Das ist doch auch ein wahnsinniger Druck wahrscheinlich, oder? Was macht das mit dir in diesem Moment?

Ja, also da hast du recht. Ich musste letztlich die Unterschrift setzen, dass das, was meine Mutter sagt, dann auch dementsprechend so umgesetzt wird. Aber letztlich, wenn ich sie nicht untersetze, dann wird es auch nicht gemacht. Also den letzten Zug daran habe dann doch ich gehabt, weil ich die Gesundheitsfürsorge dann auch für sie hatte. Und deswegen sprach ich ja auch am Anfang schon drüber. Meine Eltern hatten das miteinander geklärt, den Fall der Fälle.

Und Gott sei Dank war es so, dass auch meine Mutter und ich und meine Schwester, dass wir drüber reden konnten, was passiert denn. Also wir haben sie etwas gefragt und sie konnte ganz klar über den Sprachcomputer dann auch antworten. Und von daher war das für uns...

Natürlich wahnsinnig, wahnsinnig schwer, das dann sacken zu lassen, aber wir wussten, sie kann klar denken, sie ist da und es ist ihr Wunsch und wir haben auch so oft gedacht, wenn wir in der Situation wären, hätten wir schon wahrscheinlich viel früher die Reißleine gezogen und gesagt, ich möchte so nicht mehr leben. Und wenn man sich mal so das Bild vorstellt, was bleibt dann noch vom Leben, wenn man dort liegt in dieser Situation?

Du kannst nichts mehr machen. Du siehst die Welt draußen an dem Fenster des Pflegeheims an dir vorbeiziehen. Du siehst das zehnte Mal in Folge die Wiederholung einer Serie, weil du nicht umschalten kannst. Dir sitzt eine Fliege auf der Nase, du kannst sie nicht wegmachen. Es ist verständlich und sie hat sich nach Ruhe gesehnt und die sollte sie dann auch bekommen. Es wird dann ein Palliativprozess eingeleitet, das ist ja gesetzlich leider in Deutschland immer noch so eine Grauzone.

Deine Mutter wird von der Nahrungsversorgung abgeklemmt, bekommt aber noch 200 Milliliter Flüssigkeit pro Tag. Wie lange dauert es, bis sie stirbt? Das hat ungefähr drei bis vier Wochen gedauert tatsächlich. Also man weiß ja auch am Anfang gar nicht, was kommt da so auf einen zu? Wie läuft sowas überhaupt ab? Ich hatte wahnsinnige Angst, dass ich, wie du schon sagst, es ist eine echte Grauzone in Deutschland.

Dass ich dafür irgendwie verknackt werde, weil ich da die Unterschrift runtergesetzt habe. Und habe mir da von den Ärzten und Ärztinnen und Pflegepersonal auch die Bestätigung geholt, dass das, was ich jetzt hier tue mit meiner Unterschrift, ja auch rechtens ist und ich dafür nicht irgendwann später Probleme bekomme. Und genau, das ist halt die Möglichkeit, die man dann hat, dass man von der Nahrungsaufnahme auch abgekapselt wird, dass die Medikamente abgestellt werden, die sie bekommen hat.

Und dann ging es etwas bergab. Sie hat viel, viel geschlafen. Sie hat Schmerzmittel aber auch bekommen. Irgendwann wurde es dann auch Morphium, was sie bekommen hat. Dann war sie immer mal wieder wach und hat wieder geschlafen. Und das Pflegepersonal hat das wirklich wahnsinnig angenehm gemacht. Große Sessel reingestellt, damit wir nicht auf diesen Besucherstühlen sitzen, wenn wir da so viele Stunden verbringen.

Uns Essen gebracht. Wir waren da wirklich den halben Tag. Und dann gab es den einen Tag, da war ich einfach nicht bereit, ins Pflegeheim zu fahren. Es stand bei mir auch super viel an. Privat, ich musste viel machen und dachte, jetzt noch das und dorthin. Ich weiß nicht und hatte so ein schlechtes Gewissen, aber ich bin den Tag nicht hingefahren und hatte auch aber im Pflegeheim angerufen und gesagt, ich schaffe das heute nicht.

Uns wurde auch versichert, das ist kein Problem, nehmt euch bitte auch die Ruhe, die Zeit für euch. Wir waren ja dann nur zu zweit immer dort und am nächsten Tag, da hatte ich schon die Schuhe an am Vormittag, wollte dann ins Pflegeheim fahren. Da kam dann der Anruf aus dem Pflegeheim und die Pflegerin sagte, eure Mutter hat es jetzt geschafft.

Sie ist eingeschlafen. Und, Das war in dem Moment, ich habe mich so gehasst, muss ich ganz ehrlich sagen, weil ich nicht am Tag vorher im Pflegeheim war, weil ich die Schuhe anhatte, aber ich war nicht da. Das war wirklich wahnsinnig schwierig, aber es wurde uns auch gesagt, es war gut, dass ihr nicht da wart, denn so hatte eure Mutter auch die Ruhe, dann auch zu gehen. Weil jedes Mal, wenn wir da waren, dann war sie doch irgendwie noch ein bisschen

aktiv, hat das natürlich auch gespürt. Wir sind in ihrer Nähe. Und dadurch, dass wir dann auch mal einen Tag nicht da waren, konnte sie sich auch Zeit nehmen und ist dann friedlich auch eingeschlafen. Ja, vielleicht hat sie das für euch gemacht, in dem Moment sozusagen, wo ihr nicht da wart. Es war ja ein langer Prozess, drei bis vier Wochen, hast du gerade gesagt. Und es war ja auch klar, dass es irgendwie in die Richtung geht.

Trotzdem, als du dann erfährst, dass sie es geschafft hat und als dieses schlechte Gewissen, dass du nicht da warst, weg ist, was ist dann so dein vorherrschendes Gefühl, wenn du es in ein Wort fassen kannst? Das war auf der einen Seite totale Ohnmacht, denn jetzt ist auch die Mama weg und jetzt ist es wirklich so, ich habe schon viele Jahre davor mit der halbweisen Rente gelebt. Das bedeutet, ich hatte auch irgendwie immer den Stempel, ich bin halbweise.

Das hatte sonst keiner aus meinem Freundeskreis, da waren immer die Eltern noch da. und jetzt ist es tatsächlich so, jetzt ist auch Mama weg, jetzt bin ich voll weise in dem Alter. Und das erst mal zu begreifen, das hat gedauert. Und ja, dann kamen auf meine Schwester und mich natürlich die ganzen Dinge zu, mit denen man sich in diesen jungen Jahren auch eigentlich nicht so auseinandersetzen möchte oder sollte.

Dann mussten wir die Beerdigung organisieren, dann muss das ja auch alles ganz schnell gehen. Beispielsweise, dass Personen dann auch aus dem Pflegeheim abgeholt wird, ein Beerdigungsinstitut finden. Wie bezahlt man sowas? Wann macht man das? Welche Deadlines gibt es dafür? Und das war plötzlich so ein Batzen an Aufgaben, in denen wir uns dann auch reingestürzt haben.

Also das hat bei mir, ich sag mal leider, auch immer gut funktioniert, dass ich mich mit der Arbeit gut abgelenkt habe und deswegen haben wir uns schnell in diese Arbeit reingestürzt und so richtig... Geklickt hat es erst, als wir auf der Beerdigung waren. Du hast ja schon angedeutet, dass deine Geschichte und alles, was du mit deiner Mutter, mit deiner Familie, auch mit deinem Vater erlebt hast, dass das nicht spurlos an dir vorbeigegangen ist.

Wann war der Punkt, als du gesagt hast, ich schaffe das alleine nicht mehr? Nachdem du jahrelang immer machen, machen, machen, durchziehen, durchziehen, durchziehen, wann ist das zerbrochen? Also das war keine Entscheidung, die ich getroffen habe, bis hierhin und nicht weiter.

Dass ich das selber für mich entschieden hätte, sondern irgendwann hat mein Körper das für mich entschieden und mir über Monate und wahrscheinlich schon Jahre hinweg Signale gesendet, die ich aber sehr aktiv weggebringt habe. Irgendwann kam es dazu, da war ich 26 Jahre alt, dass ich vor der Entscheidung stand, weil ich die letzten Monate wirklich starke körperliche Beschwerden hatte. Ich bin jeden Morgen aufgestanden mit Bauchschmerzen. Ich habe geweint unter der Dusche.

Ich habe mich fast jeden Tag übergeben. Ich habe sehr, sehr viele Haare verloren. Ich habe Gewicht verloren. Dass ich gedacht habe, bis hierhin geht es irgendwie noch. Und ich mache jeden Tag weiter. Ich gehe jeden Tag arbeiten. Aber da ist echt was. Das ist nicht normal. Und dann bin ich auch in die Therapie gegangen. Und das hat gar nicht lange gedauert, bis mir das Burnout diagnostiziert wurde. und da wurde dann.

Mir auch ganz klar und deutlich gesagt, diese Symptome, die sie haben, das kommt von einem dauerhaften Stress über Jahre hinweg. Und das habe ich aber da zum ersten Mal begriffen, dass dieser Stresspegel bei mir die letzten Jahre so wahnsinnig hoch war. Das habe ich aktiv nicht mitbekommen, als ich drinsteckte, weil das war halt so. Ich kannte es ja nicht anders. Es war immer weitermachen und irgendwas ist ja dann immer noch passiert und noch mehr und noch mehr passiert.

Ja, und hätte ich mich da mal ein bisschen zurückgenommen in der Zeit, hätte ich mal wirklich diese Pause-Taste gedrückt, die ich mir auch so sehr gewünscht hatte zu der Zeit. Dann hätte ich das vielleicht auch begriffen mit einem gewissen Abstand. Aber dafür war zwischen Rechnung bezahlen und seinen Abschluss machen und sich um Mutti kümmern und alles, was dann mitkam, keine Zeit für das mal ein bisschen sacken zu lassen.

Also dieses, was ja auch Leute vielleicht an dir bewundern, dieses stark sein, nicht nach Hilfe fragen, dieses alleine schaffen, das ist ein Fehler gewesen, kannst du jetzt heute ganz klar so benennen. Ja, also das war, ich bin natürlich immer noch sehr dankbar darum, für diese ganze Stärke, die uns über diese Zeit auch gebracht hat, die uns geholfen hat, das alles auch irgendwo durchzustehen. Aber mittlerweile denke ich. Es hätte, oder wir hätten das nicht alleine machen müssen, nicht immer.

Hätten wir vielleicht früher schon mal mit jemandem, Geredet vielleicht mit den Eltern unserer Freundin oder schon damals versucht, professionelle Hilfe zu bekommen. Es muss ja nicht die direkte Familie sein, das können ja auch externe Leute sein, die dort in die Familie reinkommen, zu meiner Schwester und mir. Dann wäre mir oder uns auch alles, was danach kam, womit wir jetzt auch zu kämpfen haben, vielleicht etwas erspart geblieben.

Und wir hätten achtsamer mit uns auch in dem Moment sein können, auf jeden Fall. Ich würde jetzt gerne mal zum Heute kommen. Also dieses Muster, was sich ja durch dein ganzes Leben schon durchzieht. Also stark sein, weitermachen für den nächsten Tag und den nächsten Tag. Wie beeinflusst sich das heute? Also es ist heute immer noch so, dass ich wahnsinnig schwer Hilfe annehmen kann.

Also ich arbeite sehr stark dran. Ich glaube, dass man es schon mal begreift, das ist wirklich der erste Schritt, dass das definitiv keine Schwäche ist, um nach Hilfe zu beten oder auch Hilfe annehmen zu können. Und ja, das ist natürlich in vielen alltäglichen Situationen, dass es dann immer wieder auftritt. Warum will ich das denn jetzt unbedingt alleine machen? Warum triggert mich das, wenn mir jemand seine Hand reicht?

Ich glaube, das hat auch sehr viel mit Vertrauen zu tun, denn wir haben auch manchmal nach Hilfe gefragt. Wir saßen auch schon einmal beim Sozialamt, meine Schwester und ich, und haben nicht ins passende Programm gepasst, wurden wieder nach Hause geschickt. Wir waren irgendwo hilflos. Die Familie hatte sich in dem Moment auch abgewandt über die Jahre. Von daher war uns das etwas suspekt, glaube ich auch, wenn jemand dann seine Hand reicht und sagt, ich helfe euch jetzt.

Das haben wir eher als, oder die mich eher manchmal als Angriff war wie das bedeutet ich kann es nicht alleine schaffen oder was und jetzt erst recht und das ist natürlich eine Arbeit, die geht nicht über ein paar Wochen die zieht sich sehr sehr lange und da habe ich auch noch viel zu tun das dann auch zu begreifen, dass Hilfe annehmen, gar keine Form von Schwäche ist. Punkt. Ganz, ganz, ganz richtig. Genau. Hilfe annehmen ist wichtig und Hilfe annehmen ist richtig.

Mich würde noch interessieren, wie denkst du heute mit Abstand über deine Mutter? Also was ist da für ein Gefühl, wenn du an sie denkst? Ich habe wahnsinniges Mitleid, wenn ich an meine Mutter denke, denn ich habe viele Fotos auch hier. Und beispielsweise ist in unserer Küche das Hochzeitsfoto unserer Eltern. Und da sehe ich die beiden und denke, Mensch, ihr hattet den Traum von einer glücklichen Familie.

Und wie ist es letztlich geändert? Wir hatten schöne Jahre, aber damit, was da alles kam, da hättet ihr nicht mit rechnen können, was da in den nächsten Jahren auf euch zukommt. Und auch, dass jetzt die Tochter bei dir in dem Podcast sitzt und darüber erzählt. Ich glaube nicht, dass meine Eltern sich das damals irgendwie so vorgestellt haben und das tut mir wahnsinnig leid für meine Mutter und auch für meinen Vater, dass der Lebensweg dann doch so war, dass die Schicksalsschläge kamen.

Und manchmal empfinde ich auch, das ist sehr selten, aber empfinde ich auch Wut darüber, denn ich denke mir, wenn sie sich vielleicht früher geäußert hätte, wenn sie nicht die Sachen bei mir gelassen hätte als 14-, 15-Jährige, sondern professionelle Hilfe in Anspruch genommen hätte, dann hätte vielleicht, vielleicht sogar wahrscheinlich vieles abgewandt werden können. Und es hätte nicht zu dem nächsten Entzug geführt und so weiter, in diese Spirale immer weiter rein.

Und manchmal bin ich wütend drüber, aber auch einfach traurig, dass es dazu gekommen ist. Ich glaube, beide Gefühle sind vollkommen nachvollziehbar, aber man merkt, dass du auf dem Weg, glaube ich, dahin bist, damit im Reinen zu sein. Ich glaube, ganz im Reinen und alles cool kann man mit dem, was dir passiert ist, gar nicht sein, aber zumindest auf einem Weg zu der Akzeptanz und auch zu der Akzeptanz des Selbst, was ja auch wahnsinnig wichtig ist.

Zum Ende möchte ich nochmal ein bisschen über dich sprechen. Wie geht es dir gerade? Es geht mir ganz unterschiedlich, wenn man das so sagen kann. Also es gibt Tage und Wochen, da geht es mir richtig gut und ich vergesse, sage ich mal, so ein bisschen, was da alles war. Es ist nicht präsent, aber es gibt auch Tage und Wochen, da bestimmt das dolle meinen Alltag. Dass es mir schwerfällt, mir dann zum Beispiel meine Zukunft vorzustellen. Wird das sein, wenn ich Kinder bekomme?

Ich muss wahnsinnig darauf aufpassen, wie werde ich dann mit meinen Kindern sein? Nicht, dass ich das weitergebe beispielsweise. Und da kommen dann Zukunftsängste hoch. Und dann gibt es aber auch wieder Momente, wo ich einfach wahnsinnig dankbar meiner Schwester und mir bin und eine tiefe Ruhe auch habe. Und froh bin, dass diese ganze aufwühlende Zeit auch vorbei ist. Auch wenn mein Nervensystem das noch nicht so ganz verstanden hat. Aber das ist die Arbeit, die da noch vor uns liegt.

Dass es auch wirklich sagt, diese Momente sind jetzt vorbei. Ich habe eine schöne Wohnung, ich habe einen Job, ich kann arbeiten gehen. Ich habe einen wahnsinnig tollen Partner, eine super beste Freundin und ganz viele tolle Freunde um mich herum. Ein unfassbar tolles Verhältnis mit meiner Schwester. Wir sind wirklich beste Freunde und das ist so viel wert. Und das dann auch immer in den Vordergrund zu stellen, trotz all dem, was war, habe ich ein schönes Leben.

Und da kann ich auch meiner Schwester und mir sehr dankbar für sein. Ja, ihr könnt beide wahnsinnig stolz auf euch sein. Und vielleicht auch der Gedanke, das, was du und deine Schwester, was ihr geschafft habt, was ihr schon hinter euch gebracht habt, was kann jetzt eigentlich noch kommen? Also, wenn man es jetzt blöd ausdrückt. Also das, was ihr da gerockt habt, da kann euch rein theoretisch jetzt eigentlich nicht mehr so viel schocken.

Wir sind schon am Ende des Podcasts angekommen und da ich ja weiß, dass du diesen Podcast regelmäßig hörst, weißt du jetzt wahrscheinlich auch, was kommt, nämlich die beiden Abschlussfragen, die ich allen Gästen stelle. Wenn du heute auf diesen einen Moment zurückblickst, also die allererste Panikattacke sozusagen, welches Gefühl löst das in dir aus?

Also im ersten Moment bin ich echt aufgewühlt, wenn ich daran denke, weil ich mich dort sehe in dem Bett liegend und weiß gar nicht, wo oben und unten ist, wie der nächste Tag überhaupt aussehen soll. Und dieses Gefühl von der tiefen Angst, das macht mir auch heute noch Angst, weil ich es sehr gut noch nachvollziehen kann. Und im nächsten Moment, wenn ich ein bisschen tiefer reingehe in dieses Gefühl...

Dann gibt es mir komischerweise echt sehr viel Ruhe, weil ich jetzt sehe, wenn ich nach links und rechts gucke und ich kann wieder nach vorne schauen, ich habe wieder Perspektiven, die ich mir geschaffen habe. Gibt mir das sehr viel Ruhe, denn ich habe schon die Antwort darauf gefunden, auf die Fragen, die ich mir zu dem Zeitpunkt gestellt habe, wie soll das überhaupt funktionieren alles. Und das schenkt irgendwo etwas Sicherheit auch.

Aber ich würde mich wirklich gerne, wenn ich mich so bildlich dort liegen sehe im Bett als junges Mädchen, echt gerne in den Arm nehmen und sagen, das schaffen wir schon, wir haben ja uns. Sich selbst in den Arm zu nehmen, ist, glaube ich, ein schöner Gedanke. Ja, die letzte Frage, wie war das für dich heute, mit mir über diesen einen Moment zu sprechen und zum ersten Mal überhaupt deine Geschichte zu erzählen?

Also das macht man ja wahnsinnig selten, bis eigentlich gar nicht mal so seine Geschichte mal so am Stück chronologisch aufzuziehen, was da alles so passiert ist. Und ich glaube, das ist gar nicht verkehrt, wenn man das öfter mal macht, damit man einfach auch mal tiefer begreift, was ist da alles über die Jahre passiert. Und wenn ich heutzutage meine Struggles mal habe und mich selber vielleicht mal gar nicht verstehen kann, wieso ich so oder so reagiere.

Da dann auch sich bewusst zu werden, was ist dann eigentlich die letzten Jahre passiert. Das macht man ja sonst nicht so tagtäglich. Von daher war es für mich sehr aufschlussreich. Und... Ein entspanntes Gespräch, muss ich auch sagen. Ich danke dir für diese Geschichte, die wirklich, ja, ich glaube, wenn du sie jetzt pitchen würdest als Drehbuch für irgendeinen Film, würden die Leute sagen, ja, ja, ein bisschen unglaubwürdig.

Also du hast sehr viel Leben in deinen Lebensjahren schon drin gehabt und trotzdem glaube ich, dass deine Geschichte auch zeigt, dass man Sachen schaffen kann und du kannst ganz stolz auf dich sein. Also danke für deine Offenheit und für deine Zeit, Melli.

Ja, vielen Dank. Und ich danke dir, Philipp, dass du auch den Rahmen hier schaffst, dass man über seine Geschichte erzählen kann und die Leute da draußen dann auch vielleicht an den einem oder anderen Punkt auch relaten können und sagen, hey, das ist vielleicht gar nicht so eine schlechte Idee. Ich nehme jetzt vielleicht mal den Hörer in die Hand und rufe mal meine Freundin, meinen Freund an und dann reden wir mal. Schön, dass du so ein Format geschaffen hast. Sehr, sehr gerne.

Also ich habe es ja am Anfang schon gesagt, aber das, was Melly in ihren 28 Lebensjahren bisher erlebt hat, also so viele einschneidende und existenzielle Erfahrungen, das ist für mich wirklich unvorstellbar. Aber was ich toll finde, ist, dass Manny sich heute so mutig und offen über all das geäußert hat, über ihre Gefühle gesprochen hat, über das, was ihr passiert ist und wofür sie einfach überhaupt nichts kann. Also das macht mir dann auch irgendwie wieder Mut.

Wir Menschen entwickeln uns nicht nur in unserer Kindheit und in unserer Jugend, wir entwickeln uns ein Leben lang und haben damit auch immer die Möglichkeit, schwierige Lebenssituationen und furchtbare Erfahrungen auszupassen. Das soll jetzt natürlich nicht heißen, dass es einfach wäre und natürlich gibt es Fälle, in denen wir das nicht allein schaffen, sondern professionelle Unterstützung nötig wird.

Und da bin ich ja auch immer so, dass ich sage, holt euch diese Hilfe, wenn ihr es irgendwie könnt. Aber Mellys Geschichte zeigt auch nochmal deutlich, es lohnt sich, solche Wunden, die wir aus unserem früheren Leben mitgenommen haben, anzugehen, sich unseren Ängsten zu stellen... Melli hat inzwischen eine Therapie gemacht und es will damit auch weitermachen. Ich kann nur sagen, dass ich ihr von Herzen wünsche, dass sie bei ihren persönlichen Themen immer weiterkommt.

Ein kleiner Hinweis an dieser Stelle. Ich habe mit Melli sehr, sehr lange gesprochen. Das konnten wir gar nicht alles in eine Folge packen. Das heißt, das Gespräch ist eigentlich länger als das, was ihr hier gehört habt. Wir haben zum Beispiel darüber gesprochen, wie es für Melli und ihre Schwester war, plötzlich auf eigenen Beinen zu stehen und was da für Herausforderungen auf die Beine zugekommen sind.

Und es ging auch darum, dass ihr Vater, obwohl er nicht mehr da war, ihm trotzdem noch helfen konnte. Wenn ihr Lust habt, das komplette Gespräch zu hören, dann könnt ihr das machen bei Podimo. Podimo könnt ihr kostenlos für 90 Tage testen. Danach kostet euch das Abo 4,99 Euro im Monat und ist natürlich jederzeit kündbar. In der nächsten Folge spreche ich mit einer Frau, die ihr vielleicht schon kennt, zum Beispiel von TikTok oder Instagram.

Alina Bock ist Komedienne und Schauspielerin. Ihre ersten öffentlichen Auftritte hatte sie aber in den frühen 2000ern als Popsängerin auf Super RTL. Alina ist vor mehr als zehn Jahren nach L.A. ausgewandert, um ihre Träume zu verfolgen. Und das ist wirklich auch wieder eine wahnsinnig spannende Lebensgeschichte. Von der Popsängerin zum TikTok-Star.

Darüber sprechen wir in zwei Wochen. Ihr könnt gerne bis dahin ein Abo dalassen und natürlich auch eine positive Bewertung überall da, wo das möglich ist. Danke euch und wir hören uns in zwei Wochen. Tschüss. Dieser eine Moment, der Podcast mit Philipp Fleiter, ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMind im Auftrag von Podimo. Redaktion Philipp Fleiter, Laila Keuthage und WeMind Sounddesign und Schleifung.

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