Also, dass das kommen würde, war mir schon klar, weil wir hatten ja im Grunde in den letzten Monaten darauf hingearbeitet, dass das überhaupt möglich war. Aber wenn dann so ein konkretes Datum genannt wird, und du weißt genau, am Samstag, dem 18.3., gegen 15 Uhr endet das Leben, das war schon eine Sache, die man erstmal wegstecken muss. Manchmal sind es nur ganz kurze Momente, die ein Leben komplett verändern können.
Ein Augenblick, eine Entscheidung, ein Ereignis, ein Wimpernschlag und danach ist alles anders. Ich bin Philipp Fleiter und ich treffe in diesem Podcast Menschen, um mit Ihnen genau über diesen einen Moment zu sprechen, der Ihr Leben für immer verändert hat. Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von dieser eine Moment. Heute spreche ich mit Rainer Schiefer. Rainer ist 75 Jahre alt, Rentner und hat sich bei uns gemeldet, weil ihm ein Thema sehr am Herzen liegt.
Rainer musste sich vor etwas mehr als zwei Jahren für immer von seiner großen Liebe Gabi verabschieden. Gabi hatte Brustkrebs und hat eine Entscheidung getroffen, die niemand leichtfertig fällt. Gabi wollte sterben. Und zwar nicht dann, wenn ihr Körper entscheidet, dass es nicht mehr geht. Nein, sie wollte das selbst entscheiden. An dieser Stelle also ein kleiner Hinweis. In dieser Folge wird es um assistierten Suizid gehen.
Falls ihr euch mit dem Thema nicht wohl fühlt, dann hört die Folge am besten nicht alleine. Und jetzt geht's los. Hallo Rainer, herzlich willkommen. Philipp, danke schön. Rainer, der Moment, über den ich heute mit dir sprechen will, das ist ein sehr emotionaler Moment. der spielt sich zu Hause bei dir und deiner Frau Gabi ab. Ihr sitzt 2023 zusammen auf dem Sofa. Du hast Kaffee gemacht und Kuchen geholt, so wie ihr das häufiger macht.
Und dann sagt deine Frau Gabi diesen Satz zu dir, der alles verändert. Sie sagt nämlich, ich will am 18. März sterben. Das ist ganz genau so. Geht in dir vor, als du das hörst? Das wird schon wieder einiges hochgekocht durch diese Aussage. Und ich muss sagen, in dem Moment war ich zwar schockiert, aber irgendwo... Ich konnte da gar nichts zu sagen. Ich habe da jetzt nicht irgendwie versucht, wie kommt das denn, wieso, warum und hast dir das gut überlegt.
Nee, ich habe das einfach zunächst mal hingenommen und nur gedacht, das sind noch drei Wochen, mir ist das nicht mehr. Das ist sehr kurz. Das war schlimm. War es denn für dich ein Schock im Sinne einer Überraschung oder hattest du ein Stückchen damit gerechnet, dass das irgendwann kommen könnte? Also dass das kommen würde, war mir schon klar, weil wir hatten ja im Grunde in den letzten Monaten darauf hingearbeitet, dass das überhaupt möglich war.
Aber wenn dann so ein konkretes Datum genannt wird und du weißt genau, am Samstag, dem 18.03. Gegen 15 Uhr endet das Leben. Das war schon eine Sache, die man erstmal wegstecken muss. Kannst du erzählen, warum es der 18. März sein sollte für deine Frau? Das habe ich sie gefragt. Dann sagte sie mir ja, am 18.01. eines anderen Jahres ist ihr Vater gestorben, am 18.02. Eines wieder anderen Jahres ihre Mutter. Und sie hat sich dann für den 18.03. entschieden.
Wie so eine Art Fortführung der Familiengeschichte, könnte man sagen. Du hast es gerade schon so ein bisschen anklingen lassen. Du wusstest schon, wo die Reise hingeht. Also ihr habt darüber gesprochen. Du wusstest, dass Gabi sich einen assistierten Suizid wünscht. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht leicht ist, damit umzugehen, wenn ein geliebter Mensch gehen möchte. Also dieser Wunsch von deiner Frau, aus dem Leben zu treten, Was hat der in dir ausgelöst?
Großes Verständnis und auf jeden Fall sofort in mir der Vorsatz, du hilfst dir, wo du nur kannst, unterstützt sie beim Vorbereiten dieser Freitodbegleitung und machst alles, damit das ein Tag wird, der ist auch mal in Anführungsstrichen schön in ihrem Sinne verläuft. Vielleicht, um das zu erklären, wie ihr dahin gekommen seid, müssen wir ein bisschen zurückspringen. Erstmal würde ich gerne so ein bisschen wissen, wer war Gabi?
Also wie hast du sie kennengelernt? Vielleicht fangen wir damit mal an. Gabi und ich waren Kollegen an der Schule. Sie war schon ein, zwei Jahre im Kollegium. Damals war die Sache mit den Festanstellungen von Lehrern nicht so ganz einfach. Sie hatte immer so Verträge über ein halbes Jahr und ähnliche Geschichten.
Und da ich damals noch rauchte und sie nicht und damals in der Schule noch geraucht werden durfte, halt nur in unterschiedlichen Räumlichkeiten, haben wir uns eigentlich so gut wie gar nicht gesehen. Und dann habe ich den heroischen Entschluss gefasst, aufzuhören mit Rauchen. Und dann mitzuhöge ich um ins andere Lehrerzimmer. Und dann sah ich Gabi zum ersten Mal richtig. Und wir sind dann sehr schnell ins Gespräch gekommen.
Und da hat sie auch sehr schnell eine wirklich tiefe Freundschaft daraus entwickelt, dass sie dann auch wiederum sehr schnell mehr wurde. Was würdest du sagen, was war so dein erster Eindruck von ihr? Weil du gerade gesagt hast, da habe ich sie das erste Mal so richtig gesehen. Da muss sie dir ja schon ins Auge gesprungen sein. Ja, ich hatte sie einmal gesehen bei einer Schulveranstaltung mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern und sie war mir einfach nur aufgefallen als Familie. Oh, schön.
Und dass ich sie mit anderen Augen sah, kam dann natürlich erst ein bisschen später. Sie war ein. Sehr ruhiger, aber offener, ehrlicher Mensch. Die hielt mit ihrer Meinung nicht zurück. Da ist sie manchmal nicht angestoßen. Aber da war sie sehr konsequent. Was würdest du sagen, wenn ich es gerade richtig rausgehört habe, war sie in einer Beziehung, du glaube ich auch zu dem Zeitpunkt, als ihr dich kennengelernt habt. Was an ihr war so das Ding, an das du dich so verliebt hast in der Zeit?
Wo du gemerkt hast, aus der Freundschaft wird ein bisschen mehr. Wir konnten sehr schnell über alles sprechen. Und das hatte ich lange vermisst, aus ganz anderen Gründen, und sie auch, und da sind wir uns sehr schnell näher gekommen, weil das so eine Basis war, mit einem reden zu können, über alles und jedes, das war einfach toll. Das schönste Gefühl, wenn man das mit einem Menschen kann, glaube ich, also so kenne ich es auch aus meiner Beziehung.
Ihr seid dann zusammengekommen als Paar, habt euch also von euren Partnern getrennt. Was war so, oder wie war so euer Alltag als Paar, Was habt ihr gerne gemacht? Womit habt ihr eure Zeit verbracht? Also erstmal ist das eine Beziehung gewesen, die man heute als 24-7 bezeichnet. Wir waren beide an der gleichen Schule. Den ganzen Vormittag verbringt man dann schon mehr oder weniger gezwungen miteinander. Und dann nachmittags ist man zusammen und abends ist man zusammen.
Und dann hat man erstmal relativ wenig Zeit füreinander, um Dinge zu unternehmen. Das Show war meist aufs Wochenende und dann viel Fahrrad gefahren, viele Ausflüge gemacht, einfach nur den Garten genossen. Und das war für sie, das ist auch wichtig für den ganzen weiteren Prozess, ein richtiges Lebenselixier. Sie hat über Jahre hinweg da ein Naturparadies geschaffen. Und ja, das war einfach nur ihr Leben.
Ihr habt geheiratet, ihr lebt zusammen in einem Haus mit einem großen Garten, über den du gerade schon gesprochen hast. Du sagst oder hast im Vorgespräch gesagt, dass es die schönsten 25 Jahre deines Lebens waren. Eindeutig. Ich hatte zwei Ehen vorher, über die wir jetzt nicht sprechen wollen, das ist auch nicht das Thema. Aber diese 25 Jahre, das war schon der Höhepunkt dessen, was ich so bisher erlebt habe.
Woran denkst du, wenn du an diese Zeit zurückdenkst? Ja, einfach an unheimlich viel Liebe und gegenseitiges Verständnis. Wir hatten uns, als wir zusammenzogen, dann vorgenommen, wenn wir mal irgendwie in Streit geraten, das wird nicht mit in den nächsten Tag genommen. Das wird geregelt, bis wir ins Bett gehen. Und das haben wir bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen auch durchgehalten.
Das ist toll. Vor allem, wenn man sich 24-7 sieht, wie du gerade gesagt hast, da geht man sich ja wahrscheinlich naturgemäß auch irgendwann mal ein bisschen auf den Zeiger. Sicher kommt das vor, gar keine Frage. Aber das haben wir immer schön hingekriegt. Wir werden gleich auch noch darüber sprechen, wie es halt dazu kommt, dass Gabi ihren eigenen Tod so klar und so bewusst plant. Aber diese Geschichte beginnt ja noch viel früher, nämlich damit, dass sie einen Knoten in ihrer Brust erfüllt.
Wie erfährst du davon? Sie war ... Wir wohnen also sehr abseits im dörflichen Bereich. Sie war in der Stadt zum Einkaufen, dachte ich. Und dann kommen sie zurück nach einer Stunde oder so und nichts dabei. Das hat mich schon gewundert. Du wolltest doch irgendwie einkaufen. Nee, ich war bei meinem Frauenarzt. Und das Ergebnis war jetzt nicht so toll, wie ich dachte. Ich habe einen Knoten in der Brust. Das kam so einfach, trocken und hart aus ihr raus.
Und dann war relativ schnell klar, dass das eben kein gutartiger Knoten in dem Sinne ist, sondern Krebs. Ja, wir haben dann sehr schnell den Termin für eine Gewebeentnahme bekommen. Und dann war es natürlich sofort klar, dass es Krebs war und das Schlimme an der Geschichte war. Es war die aggressivste Form, die es gibt. Kannst du dich noch daran erinnern, als diese Diagnose kam, es ist eben das Worst Case eingetreten, dieses Krebs, was du da gedacht hast?
Der erste Gedanke war sofort, oh, wie lange haben wir wohl noch? Das war der erste Gedanke. Weil ich wusste da schon, dass sie eine Chemotherapie nicht machen würde. Weil sie hatte eine schreckliche Angst vor Medikamenten. Und wenn sie mal Medikament nehmen musste, hatte sie immer die Nebenwirkungen von 1 bis 132. Das war einfach so. Und darum war mir klar, das ist jetzt eine Zeit, die wir nur noch sehr begrenzt haben.
Wie hat sie denn reagiert auf die Diagnose? Also sie war, als sie da kam, erst relativ gefasst. Dann haben wir uns in den Arm genommen und hat sie geweint. Ich auch. Das kann ich mir vorstellen. Das war 2018, glaube ich. Die erste Diagnose war 2018. Man müsste vielleicht noch, um zu verstehen, warum Gabi so sicher war, dass sie diese Freitodbegleitung haben wollte.
Ihre Schwester war 2013 ebenfalls an Brustkrebs erkrankt, aber nicht die ganz aggressive Form, sondern eine, die mit Operation und Chemo behandelt werden konnte. Aber auch Kerstin hatte sich damals dahingehend geäußert, dass sie, wenn das jetzt alles so ganz schlimm wird, will ich das nicht erleben, dann möchte ich Sterbehilfe in Anspruch nehmen.
Und dann kam 2015 das Bundestagsgesetz zum Paragrafen 217 raus, die ja dazu führte, dass alle Sterbehilfevereine ihre Arbeit eingestellt haben, weil das ja in dem Sinne verboten war. Und daraufhin hat sie dann zwei Jahre sehr gelitten. Sie hatte dann am Schluss zwei Krebsarten, noch einen Knochenkrebs in der Wirbelsäule und einen Blutkrebs. Es war einfach fürchterlich. Und das hat meine Frau Gabi natürlich hautnah mitbekommen.
Und das war, als dann Kerstin gestorben war, hat sie damals schon gesagt, also im Grunde, Sieben Jahre vorher, das will ich so nicht erleben. Da müssen wir uns um kümmern. Die Debatte um Sterbehilfe in Deutschland ist alt, aber gleichzeitig hochaktuell. Schon 1872 mit dem ersten deutschen Strafgesetzbuch gilt, die Beihilfe zum Suizid ist nicht strafbar, solange der Wille des Betroffenen freigebildet ist. Verboten ist damals nur die aktive Sterbehilfe, also das gezielte Töten auf Verlangen.
Und ich glaube, es macht vielleicht Sinn, hier mal die verschiedenen Formen abzugrenzen. Zum einen gibt es die passive Sterbehilfe. Das bedeutet, der Patient verzichtet auf eigenen Wunsch auf lebenserhaltende Maßnahmen. Das ist rechtlich komplett zulässig. Ganz im Gegensatz dazu steht die aktive Sterbehilfe. Davon wird gesprochen, wenn ein Mensch auf Verlangen getötet wird, etwa von ärztlichem Personal, das ihm eine tödliche Spritze setzt. Das ist in Deutschland strikt verboten.
Was Gabi aber anstrebt, ist ein assistierter Suizid. Ein Mensch nimmt sich das Leben, erhält dabei aber Unterstützung, zum Beispiel durch ein Medikament, das ein Arzt oder eine Ärztin bereitstellt. Entscheidend ist hierbei, das tödliche Mittel wird nicht vom Helfenden verabreicht, sondern der oder die Betroffene geht diesen letzten Schritt selbst.
Ein Arzt kann zum Beispiel den Zugang für ein Medikament legen, aber die betroffene Person muss selbst dafür sorgen, dass das Medikament dann durch den Schlauch und die Nadel in den Körper gelangt. Und um genau diese Form der Sterbehilfe gab es in den letzten Jahrzehnten ganz, ganz viel hin und her. Seit 1980 gibt es die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben, die sich ganz klar für Selbstbestimmung und für den assistierten Suizid ausspricht.
Wichtiger Schritt erfolgte dann 2009. Patientenverfügungen wurden rechtlich klar geregelt. Damit wurde die passive Sterbehilfe gestärkt und das Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende gesetzlich verankert. 2015 kam dann aber ein Rückschritt. Der neu eingeführte § 217 StGB stellte die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung unter Strafe. Das heißt, Vereine, die Menschen bei ihrem letzten Wunsch helfen wollen, konnten nicht mehr legal arbeiten.
Aber das Bundesverfassungsgericht hat dieses Verbot 2020 gekippt. Seitdem steht fest, selbstbestimmtes Sterben ist ein Grundrecht nach Artikel 1 und 2 des Grundgesetzes. Die Beihilfe zum Suizid ist nicht an die Diagnose einer unheilbaren Krankheit geknüpft, aber Voraussetzung ist, dass Betroffene ihren Willen frei verantwortlich gebildet haben. Seitdem ist der assistierte Suizid in Deutschland wieder zulässig, auch durch Organisationen. Doch eine rechtliche Grauzone bleibt z.B.
Bei psychisch Erkrankten, bei denen es manchmal schwer zu beurteilen ist, ob sie sich ihren Tod aus wirklich freiem Willen wünschen. Für Gabi jedenfalls stand der Entschluss fest, sie will sterben. Da gab es auch noch mehr Vorgeschichte. Hatte nicht Ihre Mutter auch schon Brustkrebs gehabt?
Ihre Mutter hatte Brustkrebs, aber der war auch in relativ harmlose Form, wo die Betreuung der Ärztin damals sagte, in dem Alter, ich glaube Schwiegermutter war damals 73, stirbt man da nicht mehr dran, müssen sich keine Sorgen machen. Die ist operiert worden, alles war gut. Und das hat also auch so eine bestimmte Grundhaltung meiner Frau, das gerade den Garaus verschafft. Sie hat immer gesagt, meiner Familie, da wird es keinen Krebs geben, da kannst du dich drauf verlassen.
Das habe ich einfach im Gefühl, das gibt es bei uns nicht. Und dann gleich zwei Fälle von Krebs, da war dieses, ich sage jetzt mal Weltbilder, ein bisschen hochgestochen, da war das kaputt. Und seitdem war sie sich nicht mehr sicher, dass sie wirklich, Am Krebs vorbeikäme, sage ich mal. Das heißt, ein bisschen hat diese Angst schon über euch geschwebt, nachdem ihre Schwester gestorben war, dass da was kommen könnte?
Ich habe mir immer gesagt, also gut, zwei in der Familie haben Krebs gehabt, das heißt ja nicht, dass der dritte auch noch. Aber ich glaube, ihr war da schon ziemlich weit drin. Nach dieser Diagnose begibt sich Gabi dann in Behandlung. Wie läuft das ab, die Behandlung? Das Schlimmste war zunächst mal diese Biopsie. Das wird ja betäubt, aber offensichtlich hat die Ärztin das unterschätzt, dass da schon starke Entzündung drin war.
Und ich weiß noch wie heute, ich habe da auf den Flur gewartet und plötzlich höre ich sie schreien, das war ganz schlimm. Weil sie nicht genug betäubt war und doch die Schmerzen spürt. Spürte ich die Schmerzen gewesen noch. Und das war so ein ganz schlimmes Erlebnis in dieser ersten Zeit. Und dann hatten wir Gott sei Dank einen sehr, sehr guten Arzt gefunden, im Buszentrum in Osnabrück.
Und der hat ja dann klipp und klar gesagt, es gibt Richtlinien für die Behandlung ihrer Krebsart und die ist eindeutig Operation, Bestrahlung, Chemotherapie. Aber eins sage ich Ihnen auch und das fand ich toll. Die Richtlinien sind für den Menschen gemacht und nicht die Menschen für die Richtlinien. Das fand ich toll und somit hatte Gabi quasi von ihm auch den Freibrief, in Anführungsstrichen, sich so zu entscheiden, wie sie es für richtig hielt.
Das heißt sozusagen, von ärztlicher Sicht wäre halt dieser normale Dreiklang, OP, Bestrahlung, Chemo angesagt gewesen, aber wenn ich das richtig weiß, hat sie sich dann, oder ist ihr sogar aber von der Chemo auch abgeraten worden. Ja, wir haben dann, oder sie hat von der Bekannten den Tipp bekommen, es gibt da in der Pfalz unten eine Klinik, das ist eine Bio-Onkologie-Klinik. Die fahren ganz andere Methoden an, fahr doch da mal hin, da sind wir hingefahren.
Und dann haben wir einen Termin mit dem Chefarzt gehabt. Den konnte sie nicht wahrnehmen. Sie war fix und fertig. Dann habe ich mit dem Arzt gesprochen. Und er sagte mir dann, ich habe ja Ihre Frau nun nur ganz kurz gesehen. Ist ja eine sehr zierliche Person. Ich kann mir vorstellen, dass die mit der Chemotherapie große Schwierigkeiten kriegt. Dass das für sie eine Methode ist, die sie nicht ertragen wird. Und das habe ich dann so gesagt. Gott sei Dank, dass ein Arzt mir auch sowas
sagt, also Reiner Chemo mache ich nicht. Und Bestrahlung mache ich auch nicht. Das heißt also Chemo kommt nicht in Frage, Bestrahlung kommt nicht in Frage, bleibt noch die Möglichkeit der Operation. Genau und die OP hat sie dann auch machen lassen und die war insofern erfolgreich, dass alles entfernt werden konnte an der Brust. Es ist auch dann der berühmt-berüchtigte Wächterknoten entfernt worden, aber auch nur prophylaktisch, da war nichts los. Es waren nirgendwo Metastasen zu sehen.
Und Gabi hatte so einen Leitspruch, den sie mir auch immer ins Herz gelegt hat. Rainer, wenn du irgendwas hast, dann wartest du drei Tage ab und dann gehst du zum Arzt. Der Körper hilft sich auch schon mal selbst. Und darauf hat sie sehr gesetzt, auf diese Selbstheilungskräfte ihres Körpers und hat darauf vertraut. Und sie hat sich regelmäßig kontrollieren lassen, immer wieder zum Frauenarzt gegangen.
Und es war immer alles in Ordnung. Und da hatten wir auch im Bekanntenkreis, ich weiß noch, da trafen wir einmal ein Bekannte, Freundes, Ehepaar im Theater und dann war das mittlerweile drei Jahre rum und sie hatte nichts, der Krebs war weg, keine Metastasen und da sagte noch die Bekannte, Mensch hast du ja alles richtig gemacht.
Und dann ein paar Monate später kam die Katastrophe. Bevor wir über die Katastrophe sprechen, würde ich gerne mal wissen, was das mit Gabi psychisch gemacht hat, diese Zeit, also diese Zeit der ersten Krebserkrankung. Du hast ja gesagt, einerseits war da schon diese Hoffnung, mein Körper kann sich selber heilen, aber wenn du das so erzählst mit dem Arzt, dass sie sich das gar nicht anhören konnte, muss das ja psychisch schon auch
viel mit ihr gemacht haben. Ja, man muss da ein bisschen zurückgehen. Ich bin elf Jahre älter als Gabi und ich bin dann 2013 in Pension gegangen und sie blieb an der gleichen Schule zurück und das schreibt sie auch in ihrem Lebenslauf, das hat ihr einfach den Halt genommen, den sie in ihrer Persönlichkeitsstruktur brauchte. Also sie war halt nicht so, die sie selbst wehren konnte. Sie hatte immer so ein bisschen meine schützende Hand über sich im Kollegium.
Und als ich dann weg war, da haben ganz wenige so gemeint, jetzt können wir mal ein bisschen mobben. Und das hat ihr sehr zu schaffen gemacht. Sie ist dann auch erkrankt, auch psychisch erkrankt. Und ist dann 2014 auch verrentet worden, zunächst mal auf Zeit. Und 2018 in dem Jahr, als sie auch die Krebsgeschichte hatte, dann voll verrentet worden. Und diese Jahre von 13 bis 18, die waren für sie sehr, sehr schwer.
Weil sie halt immer das Gefühl hatte und einige Kollegen brachten das oft zum Ausdruck. Du bist ja nur krank, weil du wolltest in Rente folgen. Also solche fiesen Sachen. Dann war sie ohnehin psychisch ziemlich angeschlagen. Und hatte im Rahmen dieses Verrentungsverfahren so viele Arzttermine und da waren so viele. Mir fehlt das passende Wort dazu. Ärzte dabei, die den Namen Arzt und Empathie und Mitgefühl nicht verdient haben.
Und das hat ja eine Angst vor Ärzten verschafft. Und das spielt nachher auch eine große Rolle. Sie wollte halt nicht diesen Ärzten in ihrer letzten entscheidenden Phase ausgeliefert sein. Das heißt also, sie hat das Vertrauen schon verloren in Ärzte? Vorher schon, bevor das alles passiert ist? Es gibt wenig Ärzte bis zum Schluss, vielleicht drei, zu denen sie wirklich Vertrauen hatte. Und das hat schon sehr früh bei ihr den Gedanken gefestigt.
Also ich lasse da nicht jeden an mich ran und die dürfen mir nicht machen, was sie wollen. Ich will das so zu Ende bringen, wenn es dann soweit ist, wie ich das möchte. Und dann gibt es diese OP, die OP verläuft gut, es kann alles entfernt werden, die Kontrolltermine sind unauffällig, es bildet sich nichts Neues und dann passiert 2022 das, was du eben die Katastrophe genannt hast. Wie fängt das an? Das fängt damit an, dass die... Immer über Rückenschmerzen klagte.
Und sie sagte immer, ich habe mich da irgendwie verbogen beim Garten. Und das war durchaus denkbar, weil sie hat da Steine bewegt, die konnte ich allein auch nicht bewegen. Und dann war das schon eine Idee. Und dann war ich derjenige, der ans Denken kam, weil ich wusste von ihrer Schwester, von der Kerstin, dass bei ihr diese schlimme Phase ihres Krebses auch damit anfing, dass sie im Nacken, in den Gelenken wahnsinnige Schmerzen hatte.
Und da habe ich dann schon gedacht, hoffentlich ist da jetzt nicht irgendwas in der Wirbelsäule. Und dann war eines, einen Nachmittag 2018 im Mai, da hatte sie so starke Schmerzen, dass ich mit ihr ins Krankenhaus gefahren bin, in die Notaufnahme. Und die haben dann ein Röntgenbild gemacht und CT gemacht. und dann sagte die Ärztin da in der Notaufnahme. Also, ich will jetzt nicht hier den Teufel an die Wand malen, aber ich sehe in der Leber, in der Lunge und in der Wirbelsäule mit der Strasen.
Dann ist sie dann im Krankenhaus, es gibt ein paar Tage zur Beobachtung, weiter Untersuchungen, wurden auch noch gemacht, MRT und was dann alles gemacht wird. Und dann, weiß ich noch, dann kam die Stationsärztin zu uns aufs Zimmer. Ich war bei ihr an einem Nachmittag, auch zwei Tage später. Und dann fragte Gabi, was passiert, wenn ich das nicht behandeln lasse? Tja, dann würden sie daran sterben. Da war klar, der Krebs ist zurück. Und zwar viel schlimmer als sein erstes Mal.
Und du warst erst mal allein zu Hause, weil sie im Krankenhaus war. Weißt du noch, was in dir vorgegangen ist? Ich habe halt sehr viel geweint. Das kann ich mir vorstellen. Und dann kam zur Überlegung, haben wir überhaupt Weihnachten noch? ist Weihnachten schon alles vorbei und das war schlimm, das war ganz schlimm.
Und da hat Gravi dann doch noch sich behandeln lassen, obwohl auch Davida, der Onkologe, alles andere als eine, empathische Genie war, weil sie hatte eine riesen Angst davor, dass aufgrund der Metastasen in den, wirbeln sie querschützgelähmt werden könnte weil man hat ihr gesagt sie dürfen bloß nicht fallen sie dürfen nicht springen das kann sofort alles kaputt brechen und daraufhin hat sie dann die bestrahlung machen lassen.
Die war auch erfolgreich. Die haben also das Wachstum der Krebszellen stoppen und zurückdrängen können, sodass also die Gefahr einer Lähmung zunächst mal ausgeschlossen war. Aber ich weiß auch noch, da ist sie einmal über die Türschwelle am Balkon gestolpert. Was hatte die Schmerzen? Und dann kamen diese Ängste und alles, das war. Weil das für sie das Schlimmste gewesen wäre, sich nicht bewegen zu können und den Garten und all das, was sie geliebt hat, nicht zu machen? Absolut.
Und vor allen Dingen war Gabi immer schon eine Person, die nicht versorgt gepflegt werden wollte. Wenn sie krank war, dann, gut, ich durfte immer das Wasser ins Bett bringen, aber ansonsten machte die alles selbst. Und das wäre für sie eine Horrorvorstellung oder war für sie eine Horrorvorstellung, jetzt völlig auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Und da hat sie mich mit eingeschlossen. Das wollte sie sich nicht zumuten und mir auch nicht.
Ich weiß nicht, ich hätte da sicherlich, sage ich jetzt mal so, kein Problem gehabt, sie zu pflegen, aber sie wollte nicht gepflegt werden. Das war der nächste Gedanke, der sie bewogen hat, recht früh zu sagen, will ich alles nicht. Und wie du schon sagtest, der Garten. Sie hat in ihrem Antrag auf Sterbehilfe an Dignitas geschrieben, wir haben da ein schönes ökologisches Paradies aufgebaut. Ich habe alles fertig und bin jetzt nicht mal mehr in der Lage,
das instand zu halten, geschweige denn zu genießen. Darum will ich das nicht mehr. Das kann man nur verstehen, wenn man gesehen hat, mit welchem Eifer sich Gabi auf diese Arbeit gestürzt hat. Die konnte den ganzen Tag im Garten wullacken, sag ich mal, wie verrückt. Und sie war abends zufrieden. Glücklich und zufrieden. Mit dem Ziel, den Garten eines Tages so zu haben, wie sie ihn dann hatte, als sie erkrankt ist. Genau.
Das Schicksal ist manchmal wirklich ein Arschloch. Ja, sie hat ja eine Chemotherapie auch noch gemacht, nicht nur die Bestrahlung. Sie hat sie auch noch in einer Chemotherapie unterzogen, weil halt die Metastasen, die schritten immer voran. Und die war auf sechs Therapien angelegt. Und nach der vierten Behandlung hatten wir wieder einen Termin bei Onkologen. Bin dann auch mit. Und dann sagt sie ja zu mir, warum kommen Sie mit? Bester Befund. Die braucht keine Unterstützung.
Das heißt, die ersten vier Chemotherapien hatten also so angeschlagen, dass die Metastase in Lunge und Leber zum Stoppen gekommen sind und sogar verkleinert worden sind. Und dann sagte der Onkologe, wenn sie dann ein bisschen brachia angeweilt, und wenn sie jetzt aufhören, sage ich Scheiße. Er meinte also, machen sie bloß weiter. Und dann meine Frau, Ravi, hat dann zu Hause gesagt. Ich für mich habe das Gefühl, dass ich die Nächsten nicht machen sollte.
Was meinst du denn? Ich habe gesagt, du, das ist eine Sache, die musst du entscheiden, die trage ich dann genauso mit, wie das andere auch. Ja gut, dann mache ich die nächsten zwei noch. Und dann haben sie noch zwei Therapien gemacht, zwei Chemositzungen. Und dann sind wir nach La Palma geflogen, auf ihrer Lieblingsinsel. Da sind wir noch gewandert durch den Vulkan. auf La Palma. Es war einfach toll. Und sie hatte mittlerweile ja auch einen Port.
Und als wir auf La Palma waren, fing der Port immer stärker an zu schmerzen und sagte einer, der Port muss raus. Ich kann den Arm nicht mehr beheben, der muss weg. Und dann sind wir da zum Arzt und dann sagte er, das können wir hier machen, aber wenn irgendwie die Komplikationen auftreten, besser ist, sie machen das vielleicht in Deutschland.
Und dann sind wir ein paar Tage vorher zurückgeflogen. Dann haben wir den Arzt angerufen, der uns den Port eingesetzt hat und ihm gesagt, meine Frau möchte, dass der rauskommt. Kommt nicht in Frage. Die hat doch noch ein paar Chemotherapien vor sich. Dann haben wir suchen müssen, bis wir einen Arzt gefunden haben, der so viel Verstand im Kopf hatte, dass er sagte, wenn Sie das Ding raushaben wollen, weil es Ihnen wehtut, dann nehmen wir das jetzt raus.
Und der Port war raus und die Schmerzen im Arm waren weg. Also war es der Port? Dann war es der Port. Und das hat sie auch wieder gesagt, ich weiß, was in meinem Körper vorgeht und die Ärzte können mir nicht erzählen, dass das nicht stimmt, ich spüre das. Das war auch wieder so ein Punkt. Mit Ärzten will ich nicht mehr allzu viel zu tun haben. Du hast das gerade so gesagt, sie hat eine Entscheidung getroffen und die trage ich als Partner mit.
Was ich erstmal ganz, ganz großartig finde. Ich glaube, viele Menschen würden sich das wünschen, dass sie so unterstützt werden. Aber hast du manchmal für dich gedacht, mach doch noch diese zwei Behandlungen oder versuch nie? Nein. Wir haben noch nie in den ganzen Jahren nicht gesagt, wir hätten ja auch sagen können, hättest du doch damals 2018 die Bestrahlung, die Chemotherapie gemacht. Das haben wir nie.
Wir haben nie gesagt, hättest du doch. Wir haben immer gesagt, das war damals unsere, und das betone ich auch, unsere Entscheidung. Und die war richtig in dem Moment und gut ist. Und das ist nie der Fall gewesen. Und das finde ich auch ganz wichtig. Ich glaube, wenn du anfängst, so zu denken und Sachen von der anderen Seite her zu denken, dann frisst dich das irgendwann auf. Das ist, ja, absolut. Du hast jetzt schon häufiger Dignitas angesprochen, die Organisation.
Und ich glaube, aber ziemlich kurz nach diesem Befund setzt ihr euch auch schon mit dem Gedanken auseinander und setzt euch auch mit der Organisation in Verbindung. Vielleicht kannst du mal erzählen, wie es dazu gekommen ist. Also Gabi Schwester war ja auch Mitglied bei Dignitas, ist dann aber wieder, weil der Verein sich auflöste oder die Tätigkeit einstellte, wieder ausgetreten. Und als Gabi die erste Diagnose bekam 2018, hat sie als 1. Rheiner Hannover anmelden.
Und dann haben wir sie als Mitglied angemeldet. Und haben dann, ich habe das nochmal nachgelesen, im Januar 2023 sehr konkret Kontakt mit denen aufgenommen, im Sinne von, ich brauche jetzt eure Hilfe. Dignitas, das ist ein Verein, der in Gabis Geschichte eine ganz zentrale Rolle spielt und sich für ein zutiefst menschliches Anliegen einsetzt, das Recht auf selbstbestimmtes Sterben.
Ich habe ja eben schon erzählt, dass es Organisationen in Deutschland zeitweise verboten war, Menschen beim Suizid zu assistieren und genau so eine Organisation ist Dignitas. Die Dignitas Deutschland e.V. wurde 2005 gegründet als Ableger der bekannten Schweizer Sterbehilfeorganisation. Bei der Dignitas geht es aber nicht nur um Sterbehilfe. Im Mittelpunkt stehen beratende Gespräche über Patientenverfügung, palliativmedizinische Angebote, psychologische Begleitung und auch soziale Unterstützung.
Außerdem bietet Dignitas den Mitgliedern des Vereins rechtliche Unterstützung darin, ihre Selbstbestimmung durchzusetzen. Denn häufig wird übersehen, maßgeblich ist in allen Fragestellungen zur medizinischen Behandlung ausschließlich der Patientenwille und der von niemandem sonst. Eine Behandlung gegen den Willen der Betroffenen ist nicht erlaubt. Dass ein Arzt zur Lebenserhaltung und nicht zur Beachtung des Patientenwillens verpflichtet sei, ist schlicht falsch und widerspricht dem Grundgesetz.
Das haben das Bundesverfassungsgericht und der Bundesgerichtshof wiederholt festgestellt. Der Verein steht gleichermaßen Ärztinnen und Ärzten, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen beratend zur Seite und betont immer wieder, es geht nicht darum, den Tod als Ausweg zu verkaufen, sondern darum, Alternativen aufzuzeigen und echte Selbstbestimmung zu ermöglichen.
Wenn es dann soweit ist und eine betroffene Person sich für assistierten Suizid entscheidet, dann hilft Dignitas bei der Vermittlung eines Arztes oder einer Ärztin und schickt zum Sterbetermin auch eine Person, die den ganzen Prozess begleitet und protokolliert. Selbstbestimmtes Sterben, das ist auch Gabis Wunsch und deshalb nimmt sie auch direkt nach ihrer erneuten Diagnose 2022 Kontakt mit Dignitas auf.
Das heißt aber auch, dass dieser Wunsch immer konkreter wurde und auch die Planung dieses Wunsches von deiner Frau, was zu passieren hat, was sie möchte, was passiert. Also sie bereitet sich im Prinzip darauf vor zu sterben und organisiert das auch alles schon. Ja, ja und das war auch mit in unserem Plan und ihrem Plan drin. Wir sind also in den letzten sechs Monaten sind wir nur unterwegs gewesen. Wir wollten nochmal gerne zusammen Sylt sehen, La Palma, Cuxhaven, was weiß ich, was alles.
Das haben wir alles noch gemacht und da freue ich mich so drüber im Nachhinein. Das haben wir beide auch genossen. Da haben wir einfach diese blöde Krankheit ein bisschen ausblenden können und haben diesen Urlaub wirklich genossen, bis es dann in der Palma einfach nicht mehr ging. Wie ist das denn für dich als Partner in der Zeit? Also ihr macht natürlich Sachen, von denen ihr beide immer schon geträumt habt, aber du hast ja schon diese Uhr, die im Hintergrund tickt.
Also ich habe nicht gedacht, gut, dass wir Sylt noch gemacht haben, schafft man wahrscheinlich nicht mehr. Oder schön, dass wir noch La Palma gemacht haben, aber das letzte Mal. Nee, das haben wir wirklich geschafft, den Moment zu genießen. Das ist toll. Ich weiß noch, als sie mir die erste Diagnose sagte und mich in den Arm genommen hatte und wir da beiden voneinander standen und da hat sie gesagt, oh Rainer, ganz egal was jetzt kommt, jetzt wird jeder Tag genossen.
Und das haben wir jetzt auf ganz wenige Ausnahmen auch geschafft. Es kamen mal Tage, da ging es ja schlecht. Da hat sie ja gesagt, Rainer, ich bin im Jammerzahn, entschuldige. Muss man sich mal vorstellen. Sie war für dich auch noch stark ein bisschen, ne? Ja, also das muss man sich wirklich wegtun. Ihre größte Sorge war, dass ich damit klarkomme. Wahnsinn.
Was würdest du sagen, sind von dieser Zeit, wo ihr so viel gemacht habt, die schönsten Erinnerungen, wo du besonders gerne daran zurückdenkst? Auf jeden Fall La Palma nochmal. Ja? Ja. Da haben wir das, wir waren da schon einige Male über die über 10-Jahres-Wechsel. Und beim letzten Mal haben wir dann ein Restaurant gefunden, so ein kleines, das nannte sich eigentlich Kiosk. Das war direkt am Strand und so eine kleine Terrasse und so tolle Leute und so tolles Essen, das war ein Traum.
Wie schön. Ihr müsst dann etwas früher nach Hause, hattest du gerade ja schon angesprochen. Ja. Der Port wird dann doch noch rausgenommen, nachdem ihr lange gesucht habt. Wie geht es Gabi zu diesem Zeitpunkt dann, als ihr wieder zurück in Deutschland seid? Sie ist körperlich schwach. Sie isst noch und kann auch noch alles essen, wird mit der Zeit aber weniger, aber erstaunlicherweise hat sie wieder Gewicht zugelegt. Ich weiß noch, da stand sie einmal im Bad und hatte sich gerade gewogen.
Er sagte, ich habe nur 46 Kilo, die machen mich alle. Das war in der Zeit der Bestrahlung. Und hatte sie sich wieder auf 52 Kilo hochgepäppelt. Und ihr ging es nicht so schlecht. Sie hatte aber dann zunehmend Schmerzen. Und dann kamen wir dann im Januar, haben wir dann die Knetas angesprochen. Und dann sagten die, ja, dann müssen sie sich einen Antrag stellen. Und haben wir gemacht, dann kriegten wir Post von denen.
Mit dem, was wir alles noch zu erledigen hätten. Dazu gehörte einmal ein Lebenslauf und eine ausführliche Begründung, warum sie diese Sterbehilfe in Anspruch nehmen wollte. Und dann stand er drin, ja, und von dem Zeitpunkt an, bis wir alle Unterlagen haben, da kommt es darauf an, welcher Arzt das jetzt machen soll. Wenn Sie einen Arzt haben, der das Medikament verschreibt und Ihnen auch verabreicht, dann können wir das, wenn alles gut geht, in vier Wochen hinkriegen.
Sonst dauert das drei Monate. Und da hat man natürlich ein problem weil gabi sagte reiner wir können nicht mehr ewig lange warten ich muss ja immerhin noch so viel kraft haben dass ich dieses rädchen an der infusion, selbst umlegen kann und dann ja arzt dann sind wir zum hausarzt gefahren und er dachte das wäre so eine routine geschichte es wollte wieder blut abnehmen und dann sagten wir zu ihm ich weiß nicht wir, ich sag mal, wir haben zu ihm gesagt, also Uli Gabi möchte am 18.3.
Sterben und wir brauchen einen Arzt, der uns das Medikament verschreibt und der auch die Sterbegleitung man selbst macht. Würdest du das machen? Und ohne zu zögern, ja klar mache ich das für dich. Toll. So einen Hausarzt würde man sich wünschen. Ja, und da haben wir alle drei geheult. Das kann ich mir vorstellen. Weil es halt eine wahnsinnige Erleichterung war, dass wir jetzt nicht noch einen Arzt suchen müssten. Oder Dignitas besorgt dann auch einen Arzt, der das dann alles macht.
Aber was nützt dir einen Arzt, den du nicht kennst, zu dem du kein Vertrauen haben kannst, weil du ihn noch nie gesehen hast? Und der legt diese entscheidende Infusion an, das wäre gar nicht gegangen. Ja, die Vorstellung, das ist ja schon ein sehr intimer Moment eigentlich, dass da ein Fremder mit im Raum ist, der Infusion legt, ist natürlich eigentlich, ja, es ist furchtbar, es ist schrecklich. Das heißt aber schon, man muss dann diesen Antrag auch bei Digitas so richtig bürokratisch begründen.
Wie hat deine Frau das begründet, dass sie gesagt hat, ich möchte Sterbehilfe in Anspruch nehmen? Ich habe es heute Morgen nochmal mir durchgelesen, wörtlich kann ich es nicht hier vortragen, aber der Hauptgrund war, sie möchte nicht leiden, sie will die Schmerzen nicht mehr länger haben, sie kann nicht mehr das essen, was sie gerne möchte, sie hat da keinen Genuss mehr und sie möchte nicht ein Pflegefall sein und dann vor allen Dingen,
ich kann nicht mehr in meinem Garten. Ich habe das Ding da unten fertig. Ich habe sonst immer für den Nabu-Vögel gezählt und was er alles gemacht hat. Ich kann da nichts mehr machen. Das will ich nicht mehr. Das war so ihre Begründung. Und das ist dann von Dignitas auch akzeptiert worden. Es wirkt sehr klar für mich, so wie du das erzählst. Hattest du das Gefühl, dass sie irgendwann mal gehadert hat oder war das für sie? Nicht einen Moment.
Nicht einen Moment. Die hatten nicht einmal, ach Rainer, ist das wohl richtig, was ich da mache oder was meinst du denn oder so. Nein, überhaupt nicht. Das war von Anfang an klar von diesem, ich glaube der 23. Januar war es, wo wir diesen Antrag gestellt haben, dass das jetzt seinen Weg geht muss. Und du bist die ganze Zeit an ihrer Seite, was ja für dich auch wahnsinnig schwer gewesen sein muss.
Wie hast du das geschafft? ich habe einfach abgeschaltet ja ich habe nur funktioniert ich habe dafür gesorgt dass sie alles hatte was sie brauchte wie oft bin ich dann auch irgendwo sonntags rumgefahren dass sie irgendwas haben wollte und solche geschichten alles ich habe dann nicht mehr gedacht glaube ich jedenfalls und ich war ja vorher auch schon und immer noch in der, Wenn ich sage in Therapie, das ist so eine Praxis, die nennt sich Impulse,
ist eine Coaching-Praxis und da war Gabi jahrelang in Behandlung wegen ihrer Schulgeschichte, wo sie da gemobbt wurde und da psychische Probleme gekriegte. Und ich wäre wegen einer Herzphobie, die ich schon seit ewigen Zeit mit mir rumtrage. Und die sagte also damals schon auch in meinen Sitzungen die hat nicht einmal mich gefragt oder mir gesagt, ich bin unsicher oder wie, nein, überhaupt nicht, das war für sie klipp und klar.
Und da war doch niemand versucht, weder ihre Kinder noch ich, sie davon abzubringen. Das wäre jetzt meine nächste Frage gewesen, ist da nicht einer irgendwie von außen gekommen und hat gesagt, überlegst du dir doch nochmal oder so? Ne, das war toll, die haben das alle akzeptiert. Vor allen Dingen ihre beiden Jungs auch, die sind dann am 18.03. Das war das Schöne auch. Das Datum stand fest. Man konnte alles, was noch zu regeln war, so an Beziehungsgeschichten, konnte man alles noch regeln.
Ihr Ex-Mann war auch noch da, hat sie am vorletzten Tag besucht. Also das war einfach nur toll. Und am Schluss, es ist viel geweint worden, ganz klar, aber am Schluss waren alle. Nicht damit einverstanden, aber voller Unterstützung für ihren Schritt. Was bedeutet dir das, dass ihr euch alle so einig wart? Das ist schon ein tolles Erlebnis. Also wenn da einige oder ein oder andere gesagt hätte, wie kannst du das nur zulassen? Du musst auch darauf hinarbeiten, dass sie noch länger lebt.
Das war alles nicht der Fall und das war für uns dann eine Sache. Macht es ein bisschen leichter. Die letzten Wochen vor diesem Termin, vor dem 18., wie geht es Gabi da?
Es geht ihr zusehends schlechter sie muss stärkere Schmerzmittel nehmen, sie hat mittlerweile Morphiumflaster ihr ist häufiger übel, sie war dann auch im ambulanten Palliativnetz untergebracht, das es bei uns gibt da habe ich nochmal einen Arzt angerufen wegen der Übelquatsch, wenn sie das und das jetzt nimmt, mehr geht nicht, und dann kam der Donnerstag vor dem Samstag, da ging es ihr so schlecht, dass sie sagte, ich schaffe das
Samstag gar nicht, diesen blöden Knopf da umzulegen. Ich bin so schlapp. Und da habe ich nur gesagt, pass auf, das schaffst du. Ich nehme dir ein bisschen ab, lege dir auch mal in den Schuss und dann sammelst du wieder Kräfte und dann kommst du da schon wieder hin. Und am Freitag ging es ja besser. Und Samstagmorgen, da kamen ja noch ihre Kinder kamen noch, Freund und Freundin kamen noch und haben sich ausgesprochen, verabschiedet und da haben wir uns noch eine halbe Stunde.
Und dann war es 15 Uhr. Du musst jetzt sagen, wenn dir das zu privat ist, aber wenn ich jetzt vorstelle, mich von meinem Partner verabschieden zu müssen und noch eine halbe Stunde zu haben, will man wahrscheinlich so viele Sachen sagen, oder? Wir hatten alles vorher gesagt, was zu sagen war. Es ging auch um die Frage lange Zeit, was machst du? Willst du hier in diesem riesen Anwesen alleine weiterleben oder willst du woanders hinziehen oder wie machst du das?
Und dann habe ich überlegt, wie mache ich das wirklich, weil dieses Gelände haben wir zu zweit kaum geschafft. Und dann habe ich gesagt, zu mir erst, Also wenn du jetzt einfach weggehst, dann verkommt dieses ökologische Gebiet innerhalb kürzester Zeit. Das kannst du und willst du nicht zulassen. Das ist, glaube ich, das Vermächtnis. Und da habe ich das, glaube ich, so erklärt und gesagt, ich bleibe hier wohnen. Und das bereue ich bis heute nicht. Es ist eine Wahnsinnsarbeit.
Ich komme ohne Hilfe auch nicht klar. Aber das ist, wenn ich das nicht mehr machen würde, würde ich mich als Verräter fühlen. Und das hat dir, glaube ich, auch gefallen, dass ich diese Entscheidung getroffen habe. Das wäre jetzt genau das Ding gewesen, ich kann mir vorstellen, weil dir das ja auch so wichtig war, dass es schön ist, das in guten Händen sozusagen zu wissen. Wir gehen nochmal in diesen Tag rein, mit was für einem Gefühl bist du morgens aufgewacht an diesem 18. März 2023?
Ich bin mir eben mal aufgestanden und hab funktioniert. Das war glaube ich so eine Schutzvorrichtung, die sich da aufgebaut hat. Und dann sagtest du ja eben schon, kam 15 Uhr, ging es auf 15 Uhr zu, das war der Termin, der sozusagen gesetzt ist. Ihr seid aber nicht alleine, vielleicht muss man das auch noch kurz sagen zu diesem Zeitpunkt. Also wir sind zunächst mal am Morgen alleine und dann im Laufe des Vormittags kamen ihre Kinder mit ihren Partnerinnen und ihr Ex-Mann kam auch noch.
Und dann kam noch eine gute Freundin von ihr mit ihrem Mann. Und dann kam diese schon erwähnte Therapeutin, die Anke heißt die, und mit ihrem Mann. Der Mann ist Theologe. und den hatten wir eigentlich erst. 14 Tage vor dem Termin kennengelernt, weil Anke hat immer Wert drauf gelegt, hier ist Therapie und Praxis und das ist mein Privatleben und ihren Mann kannten wir eigentlich gar nicht, und nachdem wir da zwei, drei Stunden zusammengesessen hatten und gesprochen hatten, sagte Gabi.
Gerd, darf ich dir mal einen Gefallen bitten? Tja, was denn? Würdest du bitte die Trauerfeier moderieren? Ist dir noch eingefallen. Ja, und dass sie diesem, ihr im Grunde ja noch fremden Menschen, mit ihrer Menschenkenntnis, die sie zweifellos immer hatte, sofort so ins Herz geschlossen hat, dass sie ihm das anbot, das war toll. Und er hat sich so gefreut, hat das auch gemacht. Das ist ja auch ein riesiger Vertrauensbeweis eigentlich. Ja, auf jeden Fall.
Angeboten bekommt. Ihr habt dann überlegt, also jetzt wirklich rein organisatorisch, wo das Ganze stattfinden soll, oder? Haben wir darüber gesprochen. Dann sagte Gabi gleich, ihr nicht hier oben. Also wir hatten damals eine Situation, es ist ein großer ehemaliger Bauernhof, aber umgebaut mit zwei schönen großen Wohnungen. Wir wohnten oben, Schwiegermutter wohnte, solange sie lebte unten.
Und wenn Schwiegermutter tot war, das war noch schon zwei Jahre knapp, stand das da unten leer, aber war eingerichtet, nur kein Mieter oder sonst irgendwas. Und dann sagte sie, wir machen das nicht hier oben, wir machen das unten in Mamas Stube. Und da waren wir uns sofort einig. Wir brauchten nicht zu diskutieren, warum. Wenn ich also in meinem heutigen Wohnzimmer immer das Bild vorweg hätte, da liegt meine sterbende Frau. Total.
Wäre nicht gegangen. Dann haben wir das unten gemacht. Und das war auf jeden Fall die richtige Wahl. Ich konnte dann in der ersten Zeit immer dieses Zimmer vermeiden. Ja, so haben wir es gemacht. Und dann ist ja euer Hausarzt mit dabei. Der Hausarzt ist dabei. Und eine Mitarbeiterin, glaube ich, von Dignit. Ja, die eigentliche Sterrebegleiterin ist dabei, Sonja in diesem Fall. Und Gabi wollte noch, dass Anke und Gerd dabei sind.
Alle anderen, einschließlich der Kinder, die schon nicht mehr da waren und mein Sohn war da und Freunde noch zwei, die wollten sie nicht dabei haben, sie wollten nur die Konstellation. Und dann bereiten die da alles vor, also die Infusion und das Ganze. Wo seid ihr? Also wo sind Gabi und du in dem Zeitpunkt? Sprecht ihr miteinander? Was macht man in diesen letzten Minuten? Sie hatte sich aufs Sofa gelegt und in ganz normaler Kleidung.
Nicht irgendwie schick gemacht oder Nachthemd oder sonst irgendwas. Nein, ganz normal. Sie liebte es die ganzen Jahre, die wir zusammenwohnten. Wenn Sport im Fernsehen war, dann sagte sie, ist Fußball, komm her. Das bedeutet, ich musste mich da auf ihr Sofa setzen. sie legte den Kopf auf meinen Schoß und ich habe ihr in die Haare nur gekraut und im Fußball geguckt und sagte, ich möchte, dass jetzt Fußball ist, komm her.
Dann habe ich mich dann hingesetzt, den Kopf auf ihren Schoß, dann habe ich sie gestreichelt und es ist nicht mehr viel gesprochen worden, wir hatten alles gesagt und dann kamen dann diese... Sterbegleiterin von Dignitas und sagte, so können sie nicht sitzen bleiben. Wir müssen, wir dürfen, wenn der Tod festgestellt worden ist, nichts mehr verändern, bis die Kripo da war. Und so lange können sie da nicht sitzen bleiben, glaube ich.
Achso, du hättest dann, wenn sie so gestorben wäre, hättest du die ganze Zeit in dieser Position fahren müssen, bis die Kriminalpolizei kommt. Genau. Und dann habe ich mich halt neben sie auf den Stuhl gesetzt, habe ihre Hand gehalten und das war in Ordnung. 15.30 Uhr ist das dann, glaube ich. So in etwa 15.30 Uhr, da hatte der Arzt mit der Sonja die Ampullen, das ist eine relativ große Menge, zusammengeschüttet, hat auch diese NACL-Lösung
vorbereitet und dann kam sie rein und mit Uli und sagte, wir sind jetzt soweit. Tja, dann mach mal. Ganz, ganz entspannt. Und dann hat der Arzt die Infusion angelegt. Und dann die Kochsalzlösung einlaufen lassen. Und man merkte schon, so richtig läuft das Zeug nicht. Man musste immer mit dem Finger so ein bisschen die Nadel annehmen, dass sie da mehr nachlaufen konnte. Und dann sagte Sonja, müssen wir einen neuen machen? Nee, nee, da kriegen wir es schon hin.
Und dann wurde immer wieder, also erstmal muss man auch sagen, dass dieser ganze Vorgang minutiös protokolliert wird. auf die Minute genau von dieser Sterbeleiterin. Für später sozusagen. Für später. Was ja auch dann eine Sicherheit ist für den Arzt. Uli wird sich das, glaube ich, im Vorfeld nochmal erkundigt haben. Und die hatten ja auch einen Termin mit Dignitas. Wo sind die Risiken für mich? Und so weiter und so fort. War ja nicht.
Und dann sagten sie so, wir sind soweit, die HCL-Lösung läuft. Können wir. Ja, ja, mach mal. Und dann hat sie meine Hand noch richtig schön festgehalten. Und dann hat Uli gesagt, gut, dann musst du jetzt hier dieses Ding anstellen. Also ohne zu zögern, nicht mehr nachgedacht. Was mache ich da? Und dann tropfte es so langsam rein. Und dann sagte Uli so, Rabbi, eine halbe Minute, Minute müsstest du eigentlich müde werden und einschlafen.
Das ist das erste Zeichen dafür, dass das Medikament anschlägt. Und dann nach einer knappen Minute, merkst du schon was? Nee, mach voran, Uli. Also unglaublich. Und dann hat er den Fluss intensiviert und dann hat sie noch dreimal tief geatmet. Und dann war sie tot. Und das nenne ich halt. Selbstbestimmtes, würdevolles Sterben. Und wer das so machen möchte, der soll es tun. Es war für Sie der Tod so, wie Sie sich ihn gewünscht hat, oder?
Also ein schöner Tod, wenn man das überhaupt sagen kann. Ich sage ganz bewusst, das war ein schönes Sterben, ja. Du sitzt da ja die ganze Zeit so nah dran Und in dem Moment ist es ja dann das passiert, worauf ihr schon lange ja eigentlich hingearbeitet habt. Wie hast du dich denn da in dem Moment gefühlt? War das so ein Gefühl von jetzt ist es getan oder wie muss ich mir das vorstellen? So ein Gefühl von, jetzt ist das genauso gelaufen, wie sie es sich immer gewünscht hat.
Da bin ich dankbar für. Das war das, was ich gefühlt habe. Wahnsinn. Also jetzt, wo du es sagst, total nachvollziehbar. Aber wenn du jemandem einmal sagst, Dankbarkeit war in dem Moment dein Gefühl, wird man ja erstmal denken, der ist bekloppt. Aber das ist total nachvollziehbar, so wie du es jetzt gerade gesagt hast. Trotzdem ist es ja nicht so, dass es dann damit in Anführungsstrichen gut ist, sondern dann fangen ja die richtigen Formalitäten erstmal an eigentlich. Die Polizei kommt ins Haus.
Ja, das geht so, dass die Sterbeleiterin von Dignitas bei der Kripo angerufen hat und gesagt, wir hätten hier einen unnatürlichen Todesfall. Der müsste, wie es Vorschrift ist, müsste die Kripo sich das angucken kommen, aber sie sagt dann auch, tun Sie uns einen Gefallen, wir sind hier im ländlichen Bereich, kommen Sie nicht mit Blaulicht. Und das hat die Kripo auch gemacht. Die kam also nach längerer Zeit,
eine Stunde hat es bestimmt gedauert, bis die kamen. Ein Mann und eine Frau, Sehr nett, sehr einfühlsam, aber ich sage es mal so krass, keine Ahnung. Das war für sie das allererste Mal in meinem ganzen Kreis, wo ich wohne, dass das überhaupt relevant geworden ist. Die mussten also immer wieder mit dem Staatsanwalt telefonieren. Was müssen wir jetzt eigentlich alles machen? Das war für die eine völlig neue Situation. Aber die haben das wirklich toll gemacht.
Wir hatten den Bestatter, den hat mir auch vorab informiert, dass er am späten Nachmittag Arbeit bekommt. Und dann wusste er Bescheid. Und dann habe ich dann gefragt, kann ich den Bestatter schon verständigen, dass er irgendwann Gabi abholen kann? Nee, sagt er bloß nicht. Das muss der Staatsanwalt erst regeln, weil der muss die insofern freigeben, als der Bestatter die auch abholen darf. Weil man Angst hat, dass da irgendwas geklügelt sein könnte. Ach so.
Ja, okay, verstehe. Aber da hat er dann irgendwann gesagt, nein, ist in Ordnung, der Bestatter, der von der Familie bestellt ist, der kann das auch machen. Und dann ist noch, nicht in unserem Beisein, da sind wir natürlich raus, noch eine Leichenbeschau gemacht worden. Wenn Gabi das gewusst hätte, das wäre ihr nicht so angenehm gewesen, weil sie dachte, dann ist alles erledigt. Und ich denke, so gegen 20 Uhr war dann alles vorbei.
Wir hatten noch ich bin kein gläubiger Mensch aber in diesem Moment fand ich es schön dass der Theologe sagte, wollen wir jetzt alle zusammen weiter unter sprechen das war stimmig. Du hast ja die ganze Zeit eigentlich, immer was gemacht. Also Vorbereitung, hast Gabi unterstützt, hast die ganze Organisation drumherum und jetzt ist das Haus leer. Das war fürchterlich. Die ersten Tage und Woche waren fürchterlich. Weil das dann alles so richtig
erst auf dich eingeprasselt ist. Ja, das sagte Anke auch immer. Solange du organisieren kannst und was zu tun hast, ist alles gut. Aber warte mal ab, das wird dich überkommen irgendwann. Und das war genau so. Wie war die Trauerfeier für dich? Die hatten wir ja auch ein bisschen detail geplant. Die fand dann nicht in der Kirche statt, sondern wo? In ihrem Garten.
Wie schön. Wir hatten einen großen Teich, weil schlechtes Wetter war, haben wir so Zelte aufgebaut und dann hatten wir eine richtig schöne Trauerfeier mit unseren Lieblingsliedern. Mein Chor war da, hat noch ein Lied gesungen. Es war einfach toll. Genauso wie er sich das vorgestellt hat. Was wir nicht geschafft haben, sie hat dieses Lied von Sarah Connor, Das Leben ist schön, wollte sie dabei haben. Und da kommt dieser Vers drin vor, lasst Luftballons steigen mit dem Text Das Leben ist schön.
Das habe ich nicht geschafft, die zu besorgen, aber wir haben dann Luftballons im Herz drauf aufsteigen lassen. Ich glaube, das wird sie dir verzeihen, bin ich mir ganz sicher. Hat sie schon. Hat sie schon, guck mal. Du hast gerade gesagt, du bist in ein richtiges Loch gefallen danach, wie es wahrscheinlich vielen Menschen geht, die einen geliebten Menschen verloren haben. Was hat dir geholfen, damit umzugehen oder aus diesem Loch wieder rauszukommen?
Gabi hat mir geholfen. Das klingt jetzt blöd, war aber so. Samstag in der letzten halben Stunde, die wir noch hatten, wir beide, da sagte sie zu mir und Rainer, das Leben geht weiter, das weißt du. Und am Montag ist Chorprobe und da gehst du hin. Und ich bin da hingegangen. Pach, wir haben dich da alle angeguckt, weil die wussten ja, was passiert war. Riesenaugen. Ja. Und ich habe dann gesagt, ich mache nur das, was Gabi wollte.
Und die will, dass ich jetzt schon wieder hier bin und das mache ich auch. Und das hat wirklich sehr geholfen. Und sie hat mir auch gesagt, wird jetzt bloß nicht hier ewig alt und wenn du eine neue Partnerin findest, meine okay, hast du. Die hat mir von vornherein absolut zuerteilt für alles. Und das hat, hilft bis heute. Ich habe keine neue Partnerin, aber es hat bis heute geholfen. Weil du dich nicht fragen musst, wäre sie einverstanden mit dem, was ich jetzt mache. Genau.
Ich weiß noch, als wir die Vorbereitung für die Trauerfeier machten, dann mussten wir einige Zelte aufbauen und vor unserem Gartenort ist so eine kleine Holsterrasse und da sollte noch so ein Pavillon hin, wo dann der Tisch mit den Blumen und ihrem Bild stehen sollte. Und dann sagte ihr Sohn, am einfachsten wäre, wenn man diese Dinger da unten jetzt einfach einnageln würde, aber dann gibt es einen Donner von oben. Und bisher hat es, denke ich, nicht geblitzt und gedonnert.
Sie ist ganz zufrieden mit dem, was da jetzt ist. Du hast ja schon erzählt, dass ihr im ländlichen Raum gelebt habt und da verbreiten sich solche Geschichten natürlich schnell. Das heißt, ich kann mir vorstellen, viele Leute wussten, welchen Weg Gabi gewählt hat, aus dem Leben zu gehen oder das, was überhaupt passiert war. Hast du gemerkt, dass Leute anders mit dir umgehen in dieser Anfangszeit, dass sie dich irgendwie komisch angeguckt haben oder so? Nee.
Ich bin mir auch nicht sicher. Ich sagte ja, mich hat nur einer mal angesprochen, ob dieser Text auf der Todesanzeige, es war Zeit für mich zu gehen, ein Hinweis dafür ist, dass sie eine Freitodbegleitung gemacht hat. Ich bin sonst von niemandem mehr angesprochen worden aus der Nachbarschaft, aus dem engeren Bekanntenkreis, weil ich wirklich denke, dieses Thema ist immer noch ein Tabuthema.
Und darum mache ich das auch heute, weil ich möchte, dass die Leute wissen, es gibt diese Option und ich weiß von zwei Fällen aus der letzten Zeit, dass ich einer ... Der den Krebs nicht mehr ertragen wollte, erschossen hat. Und der andere hat gelitten bis zum Gehtnichtmehr. Und hätten die gewusst, dass es diese Möglichkeit gibt, wären sie vielleicht diesen Weg gegangen.
Und das ist mein Anliegen, dass diese Geschichte dazu beiträgt, dass die Leute einfach ein bisschen mehr Wissen darüber und vielleicht nicht die Angst haben, was passiert da alles. Wir hatten bis drei Wochen vor dem 18. März noch im Kopf, wir müssen in die Schweiz fahren. Ja, von wegen, das geht alles zu Hause. Keine Reise in die Schweiz mehr und das ist schon eine wahnsinnige Erleichterung, dass man im häuslichen Umfeld einfach so friedvoll, selbstbestimmt aus dem Leben gehen kann.
Ich bin auch seit März 2023 Mitglied bei Dignitas. Ja, also ich habe dir im Vorgespräch gesagt, dass ich es so wahnsinnig toll finde an diesem Podcast, dass ich selber was lerne und das habe ich heute wieder gelernt. Ich wusste auch nicht, dass das geht. Also eine Person hast du schon damit erreicht. Was glaubst du, warum das für Leute so schwierig ist, über dieses Thema zu reden oder dich anzusprechen? Weil du bist ja ein offener Mensch.
Du redest da ja offen drüber, hast da keine Scheu. Was glaubst du, wo das herkommt? Das ist einfach, glaube ich, die Unsicherheit, mit sowas umzugehen. Das ist für die meisten in meinem Umfeld wichtig. Keine Sache, die sie jeweils erfahren oder auch nur sich vorgestellt haben. Und mich jetzt darauf anzusprechen, sag mal, wie war das damals mit Gabi, die Anzeige und so, das trauen die sich nicht, weil sie sehr verunsichert sind.
Und ich hätte mir manchmal gewünscht, in den letzten zwei Jahren, war mir oft danach, das einfach mal wieder zu sprechen darüber. Ich gehe ja regelmäßig noch zu Anke und ich nenne das mittlerweile betreutes Weinen, weil da kann ich hingehen, erzähle wieder, was mir alles so in den Kopf gegangen ist, bezogen auf Gabi und dann weine ich und dann ist alles wieder gut. Und das hätte ich manchmal gebraucht und mit dieser Verlegenheit können die Leute häufig oft nicht umgehen.
Ja, ich glaube, dass Verlegenheit ist genau das, was du gerade sagst. Also, wenn man es konkreter formulieren würde, was würdest du dir denn wünschen von der Gesellschaft, wenn man es jetzt so groß fasst, im Umgang mit dem Thema assistierter Suizid? Also, was könnte sich da noch verbessern? Ich würde es mal einfach offen damit umgehen. Dass man nicht Angst hat, das zu thematisieren. Dass man sich erkundigt, dass man fragt, dass man hinterfragt auch, auf jeden Fall.
Aber nicht einfach auf sich zukommen lässt und sagt, weiß ich auch nicht, mal gucken, mal sehen. Das ist nicht gut. Es ist besser vorbereitet zu sein, wenn es dann soweit ist. Ja, auf jeden Fall. Und dieses davon Lernen oder dass sich was verändert, hast du ja zumindest bei eurem Hausarzt schon erreicht.
Vielleicht magst du das auch mal ganz kurz erzählen ja also uli haben damals auch noch darüber gesprochen dass dieser dieser tag wo ich da für gabi da war der hat in mir selbst so viel verändert ich habe ja in meiner praxis. Viele Patienten, die an dieser Krankheit leiden. Und ich bin jetzt nach dieser Erfahrung mit Gabi, bin ich so weit, dass ich den Leuten zumindest sage, es gibt eine Option, die ihr vielleicht nicht kennt, denkt mal drüber nach.
Und ich habe ihn auch, bevor ich jetzt hier zu euch kam, gesagt, ich würde die Geschichte erzählen und ich würde deinen Namen nicht sagen. Aber es kann ja sein, dass Leute aus meinem Umfeld aufgrund der Geschichte auf deine Praxis kommen. Hast du ein Problem damit? Nein, sagt er, überhaupt nicht. Und wenn Patienten in meiner Praxis, die ich gut genug kenne, das von mir verlangen, erwarten, sich wünschen, ich würde es wieder machen.
Nicht gewerblich oder wie auch immer, aber wenn ich Leuten helfen kann, würde ich das wieder machen. Und das ist schon toll. In seiner Aufgabe eben als Arzt, als Hausarzt. Was hat denn Gabis Entschluss mit deinem Blick auf das Thema assistierter Suizid gemacht? Du hast es gerade schon ein bisschen angedeutet, dass du bei DIGITAS jetzt auch Mitglied bist. Das heißt, du kannst dir auch vorstellen, diesen Weg irgendwann mal zu gehen. Also ich bin jemand, der bei Schmerzen ganz schnell auerschreit.
Und ich würde das nicht ertragen können. Ob ich dann den Mut hätte zu sagen komm gib mir die Ampulle und dann ist es vorbei.
Da bin ich mir nicht so sicher wie Gabi dass ich ihrer Sache war Was denkst du wenn Gabi uns jetzt gerade zuguckt was sie jetzt sagen würde über dieses Gespräch Habe ich mich gefragt, würde es wohl blitzen und donnern dass ich ihr Sterben so in die Öffentlichkeit zerre sag ich mal ganz bewusst aber eigentlich sind wir uns im ganz engen Freundeskreis das sind halt nur drei Personen,
Ziemlich sicher, dass die das gut findet. So wie du sie mir geschildert hast und so wie wir sie jetzt kennengelernt haben, kann ich mir das auch ziemlich gut vorstellen. Rainer, ich habe in meinem Podcast am Ende immer zwei Fragen, die ich all meinen Gästen stelle. Die erste, wenn du heute auf diesen einen Moment zurückblickst, also den Moment, wo Gabi zu dir sagt, 18. März, da will ich sterben. Was für ein Gefühl löst das in dir aus?
Das löst im Moment oder immer dann mehr Traurigkeit aus als damals in dem Augenblick. In Erinnerung wirkt das noch brutaler als in dem Moment selbst. Klingt blöd, aber ist so. Ich war damals im Grunde darauf vorbereitet, dass das irgendwann kommt. Nicht in der Form, dass sie beim Kaffee trinken und sagt, so drei Wochen noch, dann ist gut. Aber dass sie sterben würde, wollte und so auf diese Art sterben wollte, das war einfach da. Aber heute aus der Rücksicht macht mir das immer noch sehr
traurig. Ja, das kann ich verstehen. Und die zweite Frage, wie war das für dich heute mit mir über diesen einen Moment zu sprechen? Es hat mir gut getan. Das ist ganz schön, dass du das sagst. Das ist schön, weil, Ist auch für mich kein einfaches Thema, hat man glaube ich zwischendurch auch mal gehört, dass auch bei mir so ein bisschen die Augen feucht geworden sind, nicht nur bei dir. Hast du sehr gut gemacht, sehr einfühlsam.
Dankeschön und ich finde es ganz, ganz toll und ganz wichtig, dass wir heute über das Thema gesprochen haben, weil wie du schon gesagt hast, ich glaube, da kann man Leute mit erreichen, die gar nicht wissen, dass es diese Möglichkeit gibt. Also danke für deine Ehrlichkeit und für deine Offenheit. Ich danke euch. Wow, was für eine Folge, das hat mich wirklich mitgenommen, ich glaube euch auch und ich bin wirklich dankbar, dass Rainer mit diesem Thema auf uns zugekommen ist.
Es ist ihm, und ich glaube, das hat man gehört, nicht leicht gefallen, über den Verlust seiner großen Liebe Gabi zu sprechen und deswegen finde ich es umso großartiger zu hören, wie bedingungslos und wie respektvoll er den Wunsch seiner großen Liebe akzeptiert und unterstützt hat. Dass er nun auch über ihren Tod hinaus mehr Sichtbarkeit für das Thema schaffen will, finde ich einfach nur groß und ich hoffe, dass ihr aus Reiners und Gabis
Geschichte etwas mitnehmen könnt. Ich konnte es auf jeden Fall. In der nächsten Folge haben wir ein ganz anderes Thema. Ich spreche mit Annik Adele. Annik macht Comedy und lebt in New York. Dabei ist Annik in Paris geboren und in Frankfurt aufgewachsen. Das alleine klingt schon crazy, aber es wird noch ein bisschen crazier. Wie es zu diesem Lebenslauf kam und welche sehr, sehr mutige Entscheidung Anniks Leben für immer verändert hat, das hört ihr zuerst in der Prodimo App.
Ganz kostenlos und ohne Anmeldung. Und zwei Wochen später gibt es die Folge dann überall, wo es Podcasts gibt. Ich freue mich, wenn wir uns wiederhören. Tschüss! Dieser eine Moment, der Podcast mit Philipp Fleiter, ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMind im Auftrag von Podimo. Redaktion Philipp Fleiter, Laila Keuthage und WeMind. Sounddesign und Schnitt Marius Fuchtmann für WeMind.
