"Plötzlich blind: Leben im Dunkeln" mit Marie - podcast episode cover

"Plötzlich blind: Leben im Dunkeln" mit Marie

Aug 10, 20251 hr 14 minSeason 2Ep. 29
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Episode description

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Contentwarnung: In dieser Folge werden Misshandlungen und ein Suizidversuch thematisiert.


Ein einziger Moment verändert alles: Im Dezember 2012 trifft ein Ball Marie im Sportunterricht am Kopf – und plötzlich ist alles schwarz. Was zuerst wie eine harmlose Schockreaktion wirkt, wird zu einem Wendepunkt in ihrem Leben. Ihr Augenlicht kehrt nicht zurück. Obwohl sie schon von Geburt an nur eingeschränkt sehen konnte, bleibt der vollständige Verlust ihres Sehvermögens medizinisch ungeklärt. Die Diagnose lautet: psychosomatische Erblindung. 


Es beginnt ein langer Leidensweg – geprägt von Zweifeln, Hilflosigkeit und dem Gefühl, von der Welt übersehen und nicht ernst genommen zu werden. Erst in einem Internat für sehbehinderte Jugendliche findet Marie langsam zu sich zurück. Dort lernt sie, sich in einer neuen Realität zurechtzufinden – und entdeckt dabei auch ihre innere Stärke. Stück für Stück wächst ihr Mut, und mit ihm kehren Hoffnung und neue Lebensziele zurück.


Heute lebt Marie selbstbestimmt, studiert, arbeitet und liebt. An ihrer Seite ein Blindenführhund, der sie überallhin begleitet. In dieser Folge erzählt sie, wie es ist, wenn andere einem die Selbstbestimmung absprechen, warum gut gemeinte Hilfe oft weh tun kann und was es bedeutet, sich sein Leben zurückzuerobern.


Marie spricht offen über Verlust und Schmerz – aber auch über Mut, Würde und die Kraft, wirklich gesehen zu werden.



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Dieser Podcast ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMynd im Auftrag von Podimo.



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Redaktion: Philipp Fleiter und Laila Keuthage | Produktion: WeMynd



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Transcript

Was ich tatsächlich noch gesehen habe vor meiner Erblendung, waren die Nordlichter. Und bis heute habe ich das immer noch so in meinem Kopf, wie wir damals da am Deck vom Schiff waren und diese Nordlichter gesehen. Es war so schön. Ich war in der Sporthalle ganz normal. Wir haben Fußball gespielt. Ein Mitschüler von mir hat den Fußball geschossen. Der ist gegen den Kopf gekommen von mir. Ich bin umgefallen und plötzlich konnte ich nichts mehr sehen.

Manchmal sind es nur ganz kurze Momente, die ein Leben komplett verändern können. Ein Augenblick, eine Entscheidung, ein Ereignis, ein Wimpernschlag und danach ist alles anders. Ich bin Philipp Fleiter und ich treffe in diesem Podcast Menschen, um mit Ihnen genau über diesen einen Moment zu sprechen, der Ihr Leben für immer verändert hat. Hallo und herzlich willkommen zu diesem einen Moment. Heute spreche ich mit Marie. Marie ist 26 Jahre alt und sie ist blind, aber das war nicht immer so.

Hälfte ihres Lebens konnte sie nämlich sehen, bis ein Vorfall alles verändert. Marie wird dadurch sehr viel mehr als nur ihre Sehkraft verlieren und ich finde es total stark von ihr, dass sie heute mit mir über diesen Weg spricht. Hi Marie. Hallo. Für den Moment, der dein Leben für immer verändert hat, gehen wir heute zurück in den Dezember 2012. Du bist damals 13 Jahre alt, Du hast Sportunterricht, zwei Wochen vor Weihnachten und da kriegst du auf einmal einen Fußball an den Kopf.

Was passiert in diesem Moment? Ja, ich habe einen Fußball an den Kopf bekommen und wurde blind. Also diese Vorstellung irgendwie, dass das da so plötzlich mit sowas Alltäglichem passiert, was ja jeden Tag im Sportunterricht passieren kann. Also nimm uns mal ein bisschen mit, du bist in dieser Sporthalle und auf einmal ist schwarz und du siehst gar nichts mehr. Ja, ich war also in der Sporthalle ganz normal. Wir haben Fußball gespielt.

Ein Mitschüler von mir hat den Fußball geschossen. Der ist gegen den Kopf gekommen von mir. Ich bin umgefallen und plötzlich konnte ich nichts mehr sehen. Und was ist dir in diesem Moment, im wahrsten Sinne des Wortes, durch den Kopf gegangen? Also was hast du gedacht im ersten Moment? Was ist denn jetzt los? Klarliegen, ne? Hat irgendwer das Licht ausgemacht? Was ist gerade passiert? Also ich habe das in dem Moment nicht richtig realisiert.

Und ja, meine Schwester, wir waren in der gleichen Klasse zu dem Zeitpunkt. Ich wurde mir ja zu früh eingeschult. Sie hat einen ja wiederholt und dann haben wir uns getroffen. Und die kam dann zu mir, weil ich da halt stand und mich beziehungsweise noch so auf dem Boden saß und total desorientiert war. Und sie meinte, Mensch, ist alles in Ordnung? Und ich so, ich sehe nichts mehr. Also eigentlich ist ja ein Sportlehrer dabei, war ja in deinem Fall auch so.

Wie hat der denn auf diese Situation reagiert? Ja, der hat eher weniger gut drauf reagiert. Er hat es mir nicht geglaubt. Was man dazu sagen muss, ich war damals auf einer Hauptschule und da ist ja öfter mal dieses Klischee, die haben dann einfach keinen Bock und sowas und er hat es nicht geglaubt. Achso, der hat gedacht, das wäre eine Entschuldigung, um den Sportunterricht zu schwänzen. Ja. Okay, das heißt, ich sehe nichts mehr und der hat gesagt, komm jetzt,

stell dich mal nicht so an Mädchen. Ja. Wow. Was hat denn deine Schwester gemacht, die ja zum Glück, muss man heute sagen, an deiner Seite war in dem Moment? Ja, meine Schwester ist in die Umkleide gerannt und wir hatten damals ein Handy zu zweit. Und die hat dann meine Mutter angerufen und gesagt, Mama, Mama, die Marie sieht nichts mehr.

Und ja, dann ist meine Mutter halt sofort zur Schule gekommen und in die Sporthalle gestürmt und hat meinen Sportlehrer zur Sorge gemacht, weil ich ja auch von Geburt an eine Sehbehinderung habe und ich auch Kunstlinsen drin habe und die können auch verrutschen. Und die müssen dann halt auch operiert werden, wenn das so ist. Und er meinte so, oh, ja, das wusste ich ja gar nicht. Ja, dann sollte die vielleicht zum Arzt.

Okay, wir gehen jetzt mal ein bisschen zurück, bevor wir weiter über diesen Dezembertag sprechen, der dein Leben komplett verändert hat. Du hast es gerade schon kurz angesprochen. Du bist mit einer Sehbehinderung zur Welt gekommen. Also eigentlich von Anfang an hattest du diese Sehbehinderung, aber am Anfang weiß das niemand. Also woran haben denn deine Eltern gemerkt, bei der Marie ist ein bisschen was anders als bei anderen Kindern? Das fing eigentlich schon sehr, sehr früh an.

Ich bin nie frei gelaufen, sondern immer nur an der Hand von meiner Mutter oder meinem Vater. Ich habe nie nach Dingen gegriffen, ich bin immer gegen Sachen gelaufen und ich bin auch nie gekrabbelt. Ich bin immer nur auf den Po gerutscht und habe meine Füße oder Hände vor mich gestreckt. Und dann ist halt meine Mutter immer mit mir zum Augenarzt, zum Kinderarzt gegangen. Und die meinten halt, nee, da ist alles in Ordnung, alles super.

Und bei uns ist halt erblich bedingt der graue Stahn der Familie, der Angeborene. Und da hieß es dann immer, nee, also das Kind hat nichts. Und bei irgendeiner Untersuchung von meiner Mutter an den Augen hatte sie mich mitgenommen. Und dann ist dem Augenarzt von meiner Mutter aufgefallen, dass irgendwas mit meinen Augen nicht stimmt und hat gefragt, ob er mal reingucken darf. Ja, und es war, wie es kommen musste.

Ich hatte den grauen Starr und der wurde dann erst mit vier Jahren festgestellt und meine Linsen waren schon fast komplett zu. Vielleicht kurz zur Erklärung. Es gibt eben diesen genetisch bedingten grauen Starr und der lag ja schon in eurer Familie. Das heißt, es ist ja naheliegend, dass wenn man denkt, das Kind sieht schlecht, dass es damit was zu tun haben kann.

Aber die Ärzte damals vor dieser Diagnose, deine Mutter wird das ja auch wahrscheinlich genauso angesprochen haben, gesagt, ja grauer Starr ist bei uns in der Familie. Was haben denn die Ärzte dann gesagt? So glaube ich nicht, stimmt nicht oder wie haben die reagiert? Das sehe ich nicht. Also ich sehe da keinen Starr. Und das war dann erst dieser Arzt, der gesehen hat, Moment mal, die Linsen sind zu, wie soll das Kind denn bitte auch sehen?

Und dann war auch direkt eine Woche später die erste OP und dann ein paar Wochen später die zweite OP. Kannst du dich noch daran erinnern, ich meine vier Jahre ist ja schon ein Alter, wo man nicht mehr vielleicht alles weiß, aber kannst du dich noch ein bisschen an die Zeit erinnern, wie das für dich war?

Nicht mehr wirklich. Einfach weil das Einzige, woran ich mich noch erinnern kann, ist, wie ich aus der Narkose aufgewacht bin und irgendeinen Menschen in diesem grünen Outfit gefragt habe, ob sie die grünen Frösche sind. Wie man mit vier so ist, ja. Meine Mutter hat mir das damals gesagt. Ja, du wachst dann bei den grünen Fröschen auf. Weil ich hatte halt auch Panik, dass ich dann da halt mitgehen muss. Und meine Mama ist dann nicht da.

Und die meinte so, nein, die sind total nett. Du wachst bei den grünen Fröschen auf und dann habe ich die Leute auch dort gefragt, ob das die grünen Frösche sind. Ich kann mich aber nicht mehr an die Antwort erinnern. Sie waren auf jeden Fall grün. Also du bist operiert worden, bekommst Kunstlinsen eingesetzt. Das ist halt ein üblicher Eingriff, wenn man am grauen Stahl erkrankt ist. Ist denn nach dieser OP alles gut? Also gibt es da eine Verbesserung? Ja, also ich konnte dann auch sehen.

Und alle dachten ja, okay, dann sieht das Kind ja jetzt gut. Und ich dachte das auch, weil für mich war das halt so normal. Besser als vorher auf jeden Fall. Und dann... Ist in der fünften Klasse. Bis dahin habe ich mich immer so ein bisschen durchgemogelt und immer, wenn was an der Tafel stand, jemand anders gefragt hat, ob er mir das kurz sagen kann, was da steht. Ich kann die Schriften nicht lesen oder irgendwas.

Meine Noten waren jetzt auch nicht so entsprechend gut damals und bis dahin habe ich mich durchgemogelt bekommen. Und dann ist tatsächlich, hatte ich zufällig ein Mädchen in der Klasse, die auch schlecht sieht und die hatte eine Lehrerin von der Blinden- und Sehbindertenschule dort, das nennt man GU, also gemeinsamer Unterricht.

Da kommt dann ein Lehrer von so einer entsprechenden Förderschule und erklärt den Lehrern irgendwie, wie sie sowas besser machen können und Umgang mit den Hilfsmitteln und sowas. Und der ist dann aufgefallen, die sieht mir nicht so aus, als könnte sie gut sehen und hat dann mit meiner Klassenlehrerin Kontakt aufgenommen und mit meiner Mutter und hat gefragt, darf ich mal einen Sehtest machen. Dann hat die mit mir einen Sehtest gemacht und dann kam raus, dass ich 10% Sehkraft habe.

Wow. Aber ich will noch mal ein bisschen zurückgehen auf dieses Durchgemogelt, weil das finde ich interessant. Das heißt, du hast schon gemerkt, ich kriege manche Sachen nicht mit, die andere Schüler mitkriegen. Aber du wolltest wahrscheinlich auch nicht auffallen. Also wie hat dieses Durchmogeln im Unterricht, in der Schule, wie genau hast du das gemacht? Wenn jetzt was an der Tafel stand, dann habe ich immer gefragt, eine Freundin, die daneben mir war, das habe ich dann immer gefragt,

du könntest mir mal kurz sagen, was da steht. Ich kann das irgendwie gerade nicht gut lesen. Oder gerade bei so Arbeitsblättern, früher war das ja ganz schrecklich mit diesen grauen Kästchen, wo man dann irgendwelche Zahlen draus sah. Ja, ja, ja. Das konnte ja nicht mal meine Schwester, die Adleraugen hatte, richtig gut daraus erkennen. Und für mich war das einfach ein grauer Kasten. Und bei solchen Aufgaben, die habe ich dann halt gar nicht gemacht, weil ich das nicht konnte.

Aber bei den Lehrerinnen und Lehrern ist angekommen, das Mädchen ist ein bisschen faul, die macht ihre Aufgaben nicht. Oder haben die dich mal irgendwie angesprochen und gefragt, warum füllst du diese Sachen nie aus oder so, war das mal Thema. Nee, das war nie Thema. Und ich habe das auch nicht wahrgenommen, dass darauf zurückzuführen ist, dass ich das einfach nicht sehen kann, weil das für mich halt in dem Moment normal war. Du kanntest es ja nicht anders. Ich kannte es nie besser.

Aber das war ja trotzdem wahrscheinlich kein schönes Gefühl, weil du ja schon gemerkt hast, du kommst nicht so ein bisschen mit, was die anderen können, kann ich nicht, oder? Oder hast du da gar nicht so drüber nachgedacht? Da habe ich gar nicht drüber nachgedacht. Wie ist denn deine Mama damit umgegangen? Weil so wie du die schilderst, scheint ja schon ein sehr starker Mensch zu sein, die für ihre Kinder kämpft.

Hatte die denn mal den Verdacht, dass es vielleicht mit deinen Augen immer noch nicht so dolle ist? Sie hatte den Verdacht, aber hat halt auch mal mit dem Augenärzt gesprochen. Aber es wurde halt nie ein Sehtest oder irgendwas gemacht. Es hieß dann immer nur, ja, die braucht einfach nur eine andere Brille. Und dann gab es eine andere Brille und es ist trotzdem nicht besser geworden. Ja. 10 Prozent Sehkraft ist... Ziemlich schlecht, würde ich sagen. Rückblickend betrachtet doch schon recht viel.

Stimmt, ja, also jetzt in deinem Fall schon. Aber ich meine jetzt für jemanden, der gar nie Probleme mit den Augen hatte. Also ich zum Beispiel habe ja auch eine Brille und das ist immer so, die Leute mich fragen, wie siehst du dann wirklich gar nichts, wenn du die Brille nicht auf hast? Und dann denke ich so, ja, setz mal meine Brille auf als Mensch, der keine Augenprobleme hat. Dann hast du eine ungefähre Vorstellung davon, wie verschwommen das dann alles

aussieht. Und jetzt kriegst du diese Diagnose in der fünften Klasse. Was bedeutet das für dich, dann zu erfahren, okay, ich kann wirklich schlecht gucken und zwar, ja, hab nur 10% von einer normalen Sehkraft? Ich hab das damals nicht so wirklich wahrgenommen. Ich hab das auch nicht wahrgenommen, dass ich somit sehbehindert war. Für mich war das einfach nur so, warum muss ich hier zu diesen ganzen medizinischen Tests? Bei diesen ganzen Tests kam halt damals dann raus, okay, der Sehnerf hat sich

nie richtig entwickelt. Weil wie auch, der Graustar wurde halt viel zu spät operiert und der entwickelt sich nur bis zum fünften, sechsten Lebensjahr. Und das kam dann halt auch irgendwann raus, dass es genau da dran lag.

Ja, und dann das erste Mal, als ich das so richtig realisiert habe, dass ich gar nicht richtig sehen kann, ist, als ich dann so ein Bildschirm-Lesegerät bekommen habe, was halt auch mit so einer Kamera-Funktion für die Tafel, und man konnte die dann auch umklappen und dann konnte die halt die Arbeitsblätter vergrößern und ich dachte mir so, ach, das steht da. Ah, okay.

Und dann war das auch so, dass die Lehrer direkt die Zahlen zum Beispiel neben die grauen Kästchen für mich geschrieben haben, dass ich das dann halt so lesen konnte. Und plötzlich wurden meine Noten tatsächlich sogar besser.

Das wäre jetzt meine nächste Frage gewesen. Ich kann mir auch vorstellen, auch für deine Familie, hatte das vielleicht auch ein bisschen Erleichterung auch, weil es auch eine Erklärung auf einmal war und ihr wurdet dann ja auch ernst genommen, weil deine Mutter hat ja die ganze Zeit immer gesagt, irgendwas mit den Augen ist da nicht in Ordnung, oder? Ja, auch da erst ... Wurde dann gesagt so, oh, ja, dann sieht die wohl doch nicht so gut.

Und dann war das auch bei Freizeitaktivitäten, als das dann rauskam. Also ich habe es immer versucht, so wenig wie möglich anderen Leuten zu kommunizieren, weil es mir einfach peinlich war damals. Krass. Anderen Leuten so zu sagen, hey, ich bin behindert. Ja, das möchte man als Teenie nicht so gerne. Nee, gerade nicht in dem Alter. Ja, da ist einem eh alles peinlich eigentlich. Ja, stimmt. Und sowieso auch die Mutter war natürlich immer peinlich, das Obligatorische.

Und also ich habe immer versucht, das nicht anmerken zu lassen und habe das auch nie offen kommuniziert. Und damals habe ich zum Beispiel Gardetanz gemacht, könnte ich mir jetzt nicht mehr von mir ansatzweise vorstellen zu machen. Und dann ist aber meine Mutter immer zu den Trainerinnen hingegangen und hat gesagt, ja, sprecht sie nicht drauf an, aber die sieht nicht so gut. Und stellt euch am besten, wenn ihr irgendwas vormacht, vielleicht mal so direkt vor sie, damit sie das sehen kann.

Und damit das aber auch in der Gruppe nicht so ganz auffällt. Und hat dann halt so versucht, mir quasi hinter meinem Rücken Hilfe zu beschaffen, dass ich es nicht kommunizieren muss, aber halt trotzdem diese Hilfe bekomme. Das ist ja eigentlich ein total nachvollziehbarer Ansatz zu sagen, man möchte, dass du ein möglichst normales Leben sozusagen führst. Auf der anderen Seite, würdest du das heute noch mal genauso machen, dass du so ein Geheimnis daraus machst, aus deiner Sehschwäche?

Ich glaube, ja. Also wenn ich jetzt nur... Diese Sehschwäche hätte, würde ich damit nicht so offen umgehen, wie jetzt mit der Erblindung. Ja, okay. In der Schule ändert sich ja dann auch einiges. Vielleicht können wir da nochmal kurz drüber sprechen, weil es ja jetzt anerkannt ist. Du hast nur noch 10 Prozent Sehkraft. Was für Hilfsmittel oder Hilfen bekommst du dann dadurch in der Schule?

Dann in der sechsten Klasse. Also es hat insgesamt ein Jahr gedauert, bis man eine Diagnose gestellt bekommen hat und ich die Hilfsmittel auch bewilligt und in die Schule gestellt bekommen habe. Ich habe dann in der sechsten Klasse das Bildschirm-Lesegerät bekommen und habe dann auch eine, also auch so eine GU-Lehrerin bekommen und musste dann aber leider die Schule verlassen, weil meine Noten halt damals nicht gut genug waren auf der Realschule und ich musste deswegen auf die Hauptschule.

Und habe dann aber halt auf der Hauptschule trotzdem noch diesen GU-Unterricht bekommen, habe das Bildschirm-Lesegerät mit Tafelkamera bekommen und ich hatte dann auch eine Integrationshelferin. Ah, okay, das gibt es ja heute an vielen Schulen aus unterschiedlichen Gründen, aber allein schon dieses Lesegerät ist ja wahrscheinlich voll der Gamechanger, weil du auf einmal lesen kannst, was da steht, was du vorher nicht konntest.

Und du hast ja auch schon, ja, fünfte Klasse, Da hast du ja schon fünf Jahre lang richtig viel verpasst an Inhalten eigentlich. Also es ist ja klar, dass die Noten dann nicht sofort wieder besser werden. Du hast jetzt diese Diagnose, das wird so alles ein bisschen darauf eingerichtet. Hast du irgendwann in der Zeit mal darüber nachgedacht, dass diese zehn Prozent Sehkraft auch mal ganz weg sein könnten? Nein.

Also ich wusste, dass bei uns in der Familie, dass das so ist, dass man dann so mit Ende 20 ungefähr eine Netzwerdablösung noch so mit dazu kommt. Die ist aber auch heutzutage komplett behandelbar. Und dass man dann im Alter so eine altersbedingte Makuladegeneration. Das war für mich halt nie so greifbar, weil ich halt nie daran gedacht habe, das könnte ja irgendwann einfach gar nicht mehr da sein. Weil ich mir dachte, ach, das passiert mit 80.

Ich habe noch so viel Zeit. Zeit, aber für mich war auch diese Sehbehinderung, ich habe das nie realisiert, dass ich so eine Behinderung auch an sich habe. Ich habe damals zum Beispiel auch gedacht, ja und dann, wenn ich später Auto fahren kann, was ich ja nie im Leben gedurft hätte mit so wenig. Auch nicht mit 10 Prozent, ja klar. Was auch definitiv besser ist, wenn ich das nicht tue. Aber du hast es ja von dir weggeschoben, beziehungsweise konntest ja auch gar nicht wissen, was da passiert.

Hättest du jetzt im Nachhinein, das ist wieder so eine sehr Hätte-Wenn-und-Aber-Theorie-Frage, aber hättest du im Nachhinein, wenn du gewusst hättest, es dauert nicht mehr lange, bis ich gar nicht mehr sehen kann, hättest du Sachen anders gemacht? Das ist eine gute Frage. Ich glaube tatsächlich, dass ich, ich weiß gar nicht, ob ich so viel anders gemacht hätte, weil ... Alles, was ich jetzt sagen würde, was ich gerne mal sehen würde, hätte ich damals halt niemals sehen können.

Also wie jetzt zum Beispiel meinen Hund, hätte ich ja damals niemals sehen können. Der war ja noch gar nicht da. Richtig, der war noch gar nicht geboren zu dem Zeitpunkt. Also mein Partner schon, aber nicht mein Hund. Ja, ja, klar. Und solche Sachen. Das heißt, es sind dann eher so Personen, Menschen, Tiere im weitesten Sinne. Jetzt nicht, dass du sagst, keine Ahnung, ich möchte einmal den Grand Canyon sehen oder sowas. Nee, also was ich tatsächlich noch gesehen habe vor meiner Erblendung,

waren die Nordlichter. Oh toll. Und das war ein totaler Zufall, auch ein Jahr, bevor ich erblindet bin tatsächlich. Und bis heute habe ich das immer noch so in meinem Kopf, wie wir damals da am Deck vom Schiff waren und diese Nordlichter gesehen. Es war so schön.

Ich habe gerade richtig Gänsehaut, wenn du das so erzählst, weil das sagt ja auch viel darüber aus, dass uns oft in Momenten, wenn wir schöne Sachen machen, gar nicht bewusst ist, dass es vielleicht das letzte Mal sein könnte, dass wir solche Sachen sehen und eigentlich muss man sich das viel öfter bewusst machen und wie schön, dass du zumindest diese Erinnerung an diesen Moment hast. Lass uns mal über diesen Dezembertag 2012 sprechen. Du bist mit deiner Schwester in dieser Umkleidekabine.

Deine Mutter kommt sofort in die Schule, macht den Lehrer richtig lang und fährt dann mit euch, glaube ich, in die Uniklinik. Kannst du dich an diese Fahrt noch erinnern? Nein. Ich kann mich nur noch daran erinnern, wie wir dann da im Wartezimmer saßen. Und da war ein Mann, der hatte dann auch ein Problem mit seinem Auge, weil er irgendwie von der Leiter gefallen ist. Deswegen konnte er dann auf dem einen Auge nichts mehr sehen.

Und an dem Tag war auch ein Ärztestreik, wenn ich mich richtig erinnere. Und deswegen, wir haben da irgendwie acht Stunden oder so gesessen, bis dann meine Assistenzärztin kam und meinte, ja, also die ist kurzsüchtig. Und meine Mutter so, ja, deswegen trägt sie ja auch die Brille, aber das ändert nichts daran, dass sie ja jetzt nichts sieht. Ja, da kann ich jetzt auch nichts sehen. Kommen Sie morgen wieder, wenn es nicht besser ist.

Aber das heißt, Sie haben jetzt nur überprüft, ob diese Kunstlinsen verrutscht sind durch den Ball und das konnte nicht festgestellt werden und deswegen…, Wurde dann gesagt, ja, vielen Dank, dass Sie da waren. Auf Wiedersehen. Ja, es hieß dann, ist wahrscheinlich ein Anpralltrauma und das wird dann morgen wieder weg sein. Das heißt, du gehst dann wahrscheinlich auch davon aus, dass es besser wird. Wie wachst du dann am nächsten Morgen auf?

Es ist ja immer noch dunkel. Zuerst war ich halt so, schlafe ich noch, schlafe ich nicht. Und dann so, es ist noch dunkel. Das kann ja nicht irgendwie richtig real sein. Das war ja irgendwie ein Albtraum. Und ich habe das nicht richtig realisiert. Ich habe auch in der Zeit sehr viel von mir abgespalten, was diese ganzen Empfindungen betrifft, weil ich so überfordert war in diesem Moment.

Ja, nachvollziehbar. Ich glaube, das wäre auch für einen erwachsenen Menschen, und war es ja zu dem Zeitpunkt noch nicht, aber für einen erwachsenen Menschen auch absoluter Horror, wenn das auf einmal so plötzlich kommt. Und dann seid ihr an diesem Tag wieder ins Krankenhaus gefahren, weil es ja entgegen der Aussage vom vorherigen Tag nicht besser geworden ist. Wie läuft denn die zweite Untersuchung im Krankenhaus ab? Ja, ab dann begann so mehr oder weniger der Horror.

Wir waren dann dort auch in der Uniklinik und da wurden dann auch nur ganz normale Untersuchungen gemacht. Also es wurde jetzt nichts Spezielles auch mal geguckt, Also sprich ein MRT, ein CT, sowas wurde gar nicht gemacht oder meinen Sehnerv nochmal untersucht mit einem VEP. Also da werden die Leitungen zwischen Auge und Sehnerv getestet. Das wurde halt auch nicht gemacht.

Wir haben es schon einige Male gehört, dass Marie oder ihre Mutter vom medizinischen Personal nicht ernst genommen werden, sei es, als Marie noch kleiner war und der graue Star nicht diagnostiziert wurde, der ja sogar in der Familie lag, sei es in der Notaufnahme oder am Tag darauf die Situation, die Marie gerade schildert. So etwas nennt man Medical Gaslighting. Gaslighting ist ein Begriff, den ihr vielleicht schon aus einem anderen Podcast kennt.

Gemeint ist damit ein psychologisches Machtspiel. Eine Person manipuliert eine andere so lange, bis die irgendwann an sich selbst zweifelt. Passiert so etwas im medizinischen Kontext, spricht man von Medical Gaslighting. Und das kann ein Grund dafür sein, dass manche Patientinnen und Patienten jahrelang keine Diagnose oder sogar gar keine Hilfe bekommen.

Es beschreibt eine Situation, in der Ärztinnen oder Ärzte Symptome oder Sorgen herunterspielen, ignorieren oder komplett abtun, ohne eine angemessene Untersuchung durchzuführen. Typische Aussagen sind dann so etwas wie, das ist nur Stress. Ihre Werte sind in Ordnung, es kann also nichts Ernstes sein oder sie bilden sich das vermutlich nur ein. Was dabei passiert, ist subtil, aber fatal.

Der Eindruck, der vermittelt wird, ist, mit dir stimmt etwas nicht, aber nicht körperlich, sondern in deinem Kopf. In den meisten Fällen ist Medical Gaslighting keine böse Absicht, sondern ein Systemproblem, medizinisch und gesellschaftlich, was es aber natürlich nicht entschuldigen kann. Die ärztliche Ausbildung legt kaum Wert auf Gesprächsführung. Unser Gesundheitssystem honoriert keine langen Gespräche.

Wer sich also Zeit nimmt, um Betroffenen wirklich zuzuhören, macht das auf eigene Rechnung. Hinzu kommen gesellschaftliche Schieflagen, zum Beispiel das Bild der hysterischen Frau oder Stereotype gegenüber marginalisierten Gruppen wie zum Beispiel People of Color. Besonders häufig betroffen sind Menschen mit schwer greifbaren Symptomen oder chronischen Krankheiten wie Erschöpfungszuständen oder hormonellen Problemen oder psychisch vorerkrankte Betroffene.

Und das ist gefährlich, denn wenn man in einer ohnehin verletzlichen Situation abgewiesen wird, erspart man sich manchmal die nächste Vorsorgeuntersuchung oder den nächsten Arztbesuch. Deshalb ein wichtiger Tipp, falls ihr auch davon betroffen seid, dokumentiert eure Symptome. Schreibt mit, führt ein Tagebuch, nehmt jemanden mit in die Praxis. Eine zweite Person, die sich einmischt, wenn euch die Worte fehlen und informiert

euch vorab. Wissen gibt Sicherheit. In Maries Fall folgt dann aber noch die Krönung. Und dann hieß es so, ja, das kann ja nicht sein. Und sie und ihre Mutter, sie haben ja auch eine sehr enge Beziehung zueinander. Und ja, dann wurde meiner Mutter das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom unterstellt. Das war jetzt gerade mein Verdacht, wenn die Frage in diese Richtung abzielt. Also ich hatte das ja auch mal in einer Folge von Verbrechen von dem an.

Das ist ja etwas, was es gibt, was vorkommt, wo eben oft, meistens sind es Mütter, ja ihren Kindern Krankheiten zuschreiben meistens, um Aufmerksamkeit zu bekommen und teilweise auch wirklich dafür sorgen, dass diese Kinder wirklich krank werden. Also es ist schon eine sehr krasse Unterstellung, mit denen Ärzte eigentlich eher zurückhaltend sind. Also das... Höre ich nur sehr selten, dass ein Arzt das ausspricht. Das heißt aber auch im Prinzip, die glauben dir nicht, oder?

Die haben mir nicht geglaubt, die haben meiner Mutter nicht geglaubt. Die haben das auch meiner Mutter gegenüber nicht geäußert. Wir haben das erst dann erfahren, also ich habe das sowieso erst viel später erfahren als meine Mutter. Ich habe das erst erfahren, als meine Schwester und ich, wir hatten dann irgendwann früher Schule aus. Keine Ahnung mehr, warum. Auf jeden Fall sind wir dann spontan nach Hause gefahren und haben dann so gesagt, Mensch, Überraschung, wir sind schon da.

Und ja, dann saß da plötzlich ein fremder Mann in der Küche. Und dann waren meine Schwester und ich total verwirrt und haben dann so gesagt, Mama, was ist denn hier los? Wer ist das? Warum ist denn der Papa auch schon zu Hause? Der muss doch eigentlich arbeiten um die Uhrzeit noch. Und dann hat Mama nur so gesagt, wir sprechen da später drüber, geht bitte hoch in euer Zimmer. Ja, dann weiß man, es wird ernst als Kind.

Und dann sind wir direkt hochgegangen, weil wir dachten, okay, wir möchten gar nicht hier irgendwie in Streitgeschehen noch mit reinraten und dann hat Mama später erzählt, ja, das war ein Mann vom Jugendamt, kannst du dich noch an die Frau Dr. Sohn zu erinnern? Und ich so, ja, so grob ungefähr. Die hat mir das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom unterstellt Und ich habe dann erst mal gefragt, was ist das? Weil sowas kennt man in dem Alter einfach noch gar nicht.

Und die hat das direkt im Jugendamt gemeldet. Und ja, das Jugendamt ist dann wohl sehr oft vorstellig geworden bei meiner Mutter und meinem Vater zu Hause. Auch in der Schule von mir und meiner Schwester. Und auch in der Schule von meinem Vater. Also mein Vater war Lehrer zu dem Zeitpunkt.

Also auf der anderen Seite ist es ja auch gut, dass man so einem Verdacht nachgeht, weil das gibt es ja wirklich und wenn das so ist, das ist ja ganz schlimm, dann muss man den Kindern ja helfen, aber ich will nochmal zurück zu dem, was das mit dir gemacht hat, im Prinzip haben diese Ärzte dir unterstellt, nö, du bist ja gar nicht blind, du tust ja nur so oder denkst dir das aus, also das ist ja auch ganz schlimm oder nicht.

Ich habe das nicht wahrgenommen damals. Die haben das auch nie mir gegenüber so kommuniziert. Die haben das immer nur, ich musste auch zu sämtlichen Arztgesprächen rausgehen. Das hat mich damals schon unfassbar gestört, weil ich dachte, es geht um mich, ich möchte dabei sein. Ich möchte nicht ausgeschlossen werden. Und es wurde immer alles nur hinter meinem Rücken besprochen. Und ich habe dann auch irgendwann zu meiner Mutter gesagt und auch zu meinem

Vater, ich möchte dabei sein, wenn sowas besprochen wird. Weil es geht hier um mich und ich möchte da nicht vor irgendwas geschützt werden oder sonst was, sondern ich möchte da dabei sein. Aber sie durften mich tatsächlich nicht dabei haben lassen. Also sie durften mich nicht daran teilhaben lassen.

Ja, das Jugendamt ermittelt, macht seine Arbeit, führt Gespräche, weil eben dieser Verdacht im Raum steht, Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, das bekommst du zu dem Zeitpunkt noch gar nicht so richtig mit, aber es hat, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, auch noch eine andere Konsequenz, nämlich, dass du in eine Klinik kommst für zwei Wochen und da auch isoliert wirst von deiner Familie. Wie wird dir das damals erklärt, dass du da hinkommst zu dieser Klinik?

Es hieß dann, dass ich stationär in ein Krankenhaus gehen soll, damit sämtliche Untersuchungen gemacht werden können, wie MRT, CT und alles. Also ich kann gar nicht aufzählen, welche Untersuchungen da noch alles gemacht werden sollten. An vieles kann ich mich auch gar nicht mehr von diesem... Aufenthalt erinnern und meine Mutter hat halt gesagt, ja, damit man das alles auch ausschließen kann, dass ich dich krank mache, darf ich da nicht dabei sein.

Das heißt, die haben ja den Kontakt zwischen deiner Mutter und dir dann erstmal unterbunden, um das auszuschließen. Das versteht man ja wahrscheinlich in dem Alter auch noch gar nicht. Also was war das für ein Gefühl? Angst oder wie kann man das beschreiben, als du da in diese Klinik musstest? Ich war total verwirrt. Ich weiß nicht, ob es so richtig Angst war zu dem Zeitpunkt. Ich glaube, es war einfach so ein, ich weiß nicht, was hier los ist, aber ich muss das jetzt wohl machen.

Es war mehr oder weniger ein Funktionsmodus, in dem ich in dem Moment geschaltet war. Ganz davon abgesehen, was da alles passiert ist. Also was man dazu sagen muss, mein Vater ist auch gestorben in dem Zeitraum. Und weshalb wir auch damit noch total zu kämpfen hatten. Und der ist ja plötzlich gestorben. Und das war ein kompletter Funktionsmodus, wo es einfach nur so, okay, jetzt soll ich ins Krankenhaus. Gut, dann gehe ich jetzt wohl ins Krankenhaus. Das ist viel, das ist so viel.

Lass uns ein bisschen über das Krankenhaus sprechen. Wenn dir das zu viel wird, dann sag es mir direkt. Wir müssen nicht so sehr in die Tiefe gehen. Du kommst in ein Einzelzimmer und du kriegst auch eine Magensonde. Was ja ungewöhnlich ist bei Leuten, die irgendwas mit den Augen haben. Warum das Einzelzimmer und warum die Magensonde? Also so richtig genau weiß ich nicht, warum sie mir die Magensonde gelegt haben.

Es war in der Anfangszeit dann so, dass ich vermutlich darüber Medikamente bekommen habe. Ah, okay. Weil es sonst keine Indikation gab, mir einen Zugang zu legen oder ähnliches. Und es hieß dann, ja, die verweigert die Nahrung, was ich niemals getan habe. Und auch jetzt, ich bin ja vollkommen normal vom Gewicht her und allem. Deswegen eine Magensonne macht man ja, wenn Leute nicht mehr selbstständig essen

können oder sowas. Ja, oder wenn die so unternährt sind, dass da wirklich eine Magensonne Pflicht sein muss. Also das macht man nicht einfach mal eben so.

Und es gab halt sonst keine Indikationen und dann hieß es halt, ja, sie verweigert das Essen und dann wurde mir eine Magensonde gelegt und ich weiß, dass immer nachdem ich diese Medikamente bekommen habe also nachdem, jemand kam und da was gegeben hat dass ich dann auch immer sehr, sehr müde war und ich weiß, noch einige Situationen da war ich halb da und halb nicht da ich konnte mich auch nicht bewegen zu dem Zeitpunkt.

Und da lag dann jemand auf mir drauf. Da sind Dinge passiert, die nirgendwo und niemals passieren sollten und du warst komplett hilflos in dem Moment. Ja, ich habe das damals auch nicht richtig verstanden zuerst. Das war dann, mir musste dann die Magensonne auch gezogen werden, weil ich mich beschwert habe, dass ich gesagt habe, ich verweigere die Nahrung nicht. Ich finde, das ist ein unfassbar ekelhaftes Gefühl auch einfach.

Ich weiß nicht, man merkt es halt auch einfach, dass da dieser Schlauch liegt und es ist einfach richtig ekelhaft. Und dann musste mir die auch gezogen werden, weil ich dem Kinderpsychiater, der damals auch regelmäßig kam, um zu gucken, ob da nicht doch irgendwas ist, wegen dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom.

Und dann musste die Magensonne gezogen werden und ab dann habe ich auch angefangen zu realisieren was in dieser Zeit mit mir gemacht wurde und, Damit ich mich nämlich nicht wehren konnte, hat man mich ans Bett fixiert. Du warst damals 13 Jahre alt, oder? 14. Das ist so unvorstellbar und es ist so schrecklich zu hören, dass du das erleben musstest, dass dir das angetan wurde von Menschen, die eigentlich für Heilung da sind, die Menschen helfen sollten.

Du wirst dann nach zwei Wochen entlassen, hast blaue Flecken am Körper. Und als deine Mutter dich sieht, fragt sie sich natürlich, woher diese blauen Flecken kommen, was jede Mutter tun würde. Was sagt denn das Personal von der Klinik, woher die blauen Flecken kommen? Sie ist irgendwo gegengelaufen. Und es war auch zu dem Zeitpunkt so, dass ich halt auch, ich habe über ein Jahr lang geblutet. Oh Gott.

Und ich habe es meiner Mutter tatsächlich nicht erzählt. Hast du es irgendjemandem erzählt? Nein. Also nicht deiner Schwester und auch nicht irgendwie Freundin oder so? Ich wurde damals so erpresst, dass ich das nicht erzähle. Dass ich es mich auch nicht getraut habe. Das heißt, dir wurde gedroht? Ja. Willst du sagen, mit was? Sowohl damit, dass sie dafür sorgen, dass ich aus der Familie rauskomme, dass sie mich als unzurechnungsfähig darstellen, dass mir oder meiner Familie etwas passiert.

Das ist so schlimm. Ich weiß, das ist wahrscheinlich schwer, in Worte zu fassen, aber wie kannst du oder kannst du irgendwie den Zustand von dir beschreiben? Also in welchem Zustand du warst nach diesen zwei Wochen? wie du dich gefühlt hast? Ich habe nichts mehr gespürt. Ich habe nichts mehr gefühlt. Ich war zerstört, als ich daraus kam. Deine Mutter versucht natürlich dir zu helfen, ohne zu diesem Zeitpunkt zu wissen, was wirklich Schlimmes passiert ist.

Aber da kommt jetzt noch ein weiteres Problem obendrauf, als ob es nicht schon schlimm genug wäre, nämlich die Bürokratie. Und ich finde das total absurd, aber weil halt niemand genau weiß, warum du nichts mehr siehst, wirst du offiziell nicht als blind eingestuft. Habe ich das richtig verstanden? Ja, das ist auch tatsächlich bis heute so. Also es ist jetzt letztens nochmal, also ich war jetzt nochmal in einem anderen Krankenhaus, weil jetzt neue Probleme mit meinen Augen dazugekommen sind.

Das ist auch total surreal und die können sich nicht erklären, wo das herkommt. Aber man weiß halt nicht genau, woran es liegt und deswegen hieß es dann, sie haben keinen offiziellen Befund, also können sie ja nicht blind sein und deswegen wurde ich halt nie als blind anerkannt. Aber nicht, also die haben dir das geglaubt, dass du blind bist, aber konnten sie es nicht erklären oder waren auch welche, die überhaupt die Blindheit auch angezweifelt haben?

Es war dann irgendwann so, dass alle gesagt haben, man kann das so lange gar nicht vorspielen. Das wäre jetzt meine Frage gewesen, wenn hättest du es jetzt sehr, sehr lange durchgezogen. Ja, über zehn Jahre also. Und auch, weiß ich nicht, gibt es ja auch coolere Hobbys ehrlich gesagt als das. Tatsächlich schon. Ja. Also ich kann mir Schöneres vorstellen. Aber am Anfang waren wirklich Leute dabei, die gesagt haben, ein bisschen kann die bestimmt noch sehen.

Ja, obligatorisch. Aber ich glaube auch einfach, weil für viele Leute das nicht real ist, dass es wirklich Menschen gibt, die von heute auf morgen nichts mehr sehen können. Das ist ja auch so, wie wenn Leute urplötzlich einfach im Rollstuhl sitzen. Das ist sowohl für die Person an sich, als auch für das Umfeld ist das total schwierig zu realisieren. Moment mal, die sieht das ja gar nicht. Also die kann nichts mehr sehen.

Und das kann ja nicht sein, dass sowas passiert, das gibt es ja nur im Fernsehen. Ja, aber was macht es denn mit dir, wenn du da sitzt und einer sagt, naja, also richtig blind bist du ja auch nicht? Ich habe das nie richtig wahrgenommen. Also entweder war ich dann nach diesem Aufenthalt im Krankenhaus so zerstört, dass ich das gar nicht mehr mitbekommen habe. Und davor hat man das nie mir gegenüber geäußert, sondern immer nur meiner Mutter gegenüber.

Es wurde nie mit dir, sondern immer über dich gesprochen. Ja, das tun Leute sehr gerne. Ehrlich gesagt, ganz oft bei Menschen mit Behinderung, dass so getan wird, als wäre die Person nicht im Raum. Das ist ein ganz großes Thema. Das ist heute noch so. Das ist ganz schlimm. Wir waren bei Douglas und die Verkäuferin hat mit meinem Freund darüber gesprochen, welches Parfüm ich haben möchte. Und er hat dann irgendwann gesagt, fragen Sie sie doch selber. Ja.

Sie hat einen eigenen Willen. Die steht direkt hier. Sie steht vor Ihnen. Direkt fragen. Die weiß besser, was ihr gefällt. Was bedeutet das denn ganz praktisch, dass deine Blindheit nicht anerkannt wird, also für dein Leben? Nach damaligem Stand, ich habe erstmal kein Blindengeld bekommen und nicht den entsprechenden Nachteilsausgleich, den ich benötigt hätte, um an einer Uni damals zu studieren.

Auch da vielleicht kurz zur Erklärung, Nachteilsausgleich bekommt man, wenn man eine körperliche oder auch seelische Einschränkung in irgendeiner Form hat in der Schule, damit es ausgeglichen wird, den Nachteil, den du jetzt durch deine Blindheit hast. Was wäre jetzt in deinem Fall der Nachteilsausgleich gewesen? Also Schreibzeitverlängerung oder auch die Nutzung eines Laptops mit Sprachausgabe oder Breilzeile.

Eine Breilzeile ist quasi ein Gerät, wo alles in Blindenschrift draufsteht, was für normale Leute in normaler Schrift auf dem Bildschirm steht. Also für normale Sehnte. Damit du es so mit den Fingern ablesen kannst. Das heißt, da sind eigentlich ganz viele Baustellen in Anführungsstrichen in dem Moment. Wie geht es dir psychisch in dieser Zeit 14, 15?

Ich habe damals das nicht so richtig mitbekommen, dass ich da auch so bürokratisierende Probleme habe, weil sich da meine Mutter damals auch drum gekümmert hat. Ich habe dann halt nur das mitbekommen, dass ich dann halt gesagt habe, Mama, ich möchte aufs Internet gehen. Du wolltest weg aus der Schule. Ich wollte weg aus dieser Schule und grundsätzlich weg aus diesem kompletten Umfeld. Ich wollte da weg und auch gar nicht mehr so da in dieser Nähe sein.

Ich hatte auch in dem Zeitraum sehr viel mit Mobbing zu tun in der Schule. Man kann also sagen, dass deine Mitschülerinnen und Mitschüler nicht so besonders cool mit deiner Behinderung umgegangen sind? Nee, das komplette Gegenteil. Haben die sich über dich lustig gemacht oder dich ignoriert oder wie war das? Alles. Also sowohl ignoriert als über mich lustig gemacht. Oder das Schönste war, als ich da mit meinem Blindenstock verprügelt wurde. Ganz toll.

Oder das Klassische natürlich, in die Toilette gesteckt, wahlweise auch gerne benutzt. Ja, also es ist, ich kann es auch, wahrscheinlich kann man das auch als normaldenkender Mensch einfach nicht verstehen, wieso Leute das tun, weil das einfach so weit, dass es von dem eigenen Gedanken entfernt liegt, das geht nicht. Absolut. Das ist wahrscheinlich ein Schritt, der ganz wichtig ist für dich, dass du dann da wegkommst und auf ein Internat für Sehbehinderte kommst.

Und du hast es, glaube ich, so ausgedrückt, dass dir dieses Internat das Leben gerettet hat. Wie meinst du das? Erstmal hatte ich da auch einen Suizidversuch. Tatsächlich wollte ich auch dorthin, damit ich weit weg bin und meine Mutter mich da nicht findet. Das heißt, das war dein eigentlicher Plan? Du wolltest dir da das Leben nehmen? Ja. Ich wurde dann aber rechtzeitig tatsächlich gefunden von einem Klassenkameraden und er wusste, was man tun muss in solchen Momenten, weil seine Mutter sich

auf die gleiche Art und Weise versucht hat, das Leben zu nehmen. Und. Auf der Schule selbst, nachdem du dann gescheitert bist, glücklicherweise mit dem Suizidversuch, hast du dann gemerkt, es ist doch besser hier, als ich erwartet habe? Ja, also es war auch überhaupt, ich meine, es ist ja auch gar nicht möglich an so einer Schule. Haha, du siehst nichts. Ja, du auch nicht. Ja, es war bei allen so. Du warst nicht mehr alleine auf einmal.

Ja, und ich habe halt, damals war es auch für mich so, okay, ich bin jetzt blind, mein Leben ist vorbei. Und ich kam damals in eine Klasse, wo noch andere Menschen waren, die vor kurzem erblindet sind. Wir haben dann extra Programme quasi gemacht für Menschen, die gerade vor kurzem erblindet sind und das alles lernen müssen. Wir waren alle in einem Alter und alleine das zu sehen, okay, es geht auch anderen so und dieser ganze Austausch untereinander, das hat mir wahnsinnig gut getan.

Dass ich dann sehen konnte, okay, es gibt ja doch noch Alternativen und mein Leben ist nicht vorbei, weil, ja, ich kann die Küchenwagen jetzt nicht mehr lesen, aber es gibt auch sprechende Küchenwagen. Ja, und wenn man selber nicht betroffen ist, beschäftigt man sich da ja gar nicht mit, was es für tolle Möglichkeiten gibt. Ein paar haben wir ja schon angesprochen, Bildschirmlesegerät, Reilzeile am Computer, sowas gibt es ja heute alles.

Vielleicht kannst du mal ein paar Beispiele nennen, was du da gelernt hast, weil du bist ja in Anführungsstrichen neublind, wenn du jetzt von Geburt an blind bist, dann lernst du das ja wahrscheinlich so mit Aufwachsen, aber für dich waren das ja viele neue Sachen, die du da gelernt hast. Ja, also so auf der... Was so das Täschliche betrifft, ich habe erst mal den Umgang mit dem Computer gelernt. Das war damals ja noch nicht so. Wir hatten einen Familiencomputer, der unten im Flur stand.

Und da wurde dann halt nur maximal, durfte man da mal kurz etwas bei Google googeln. Wir hatten ja noch damals, wenn einer telefoniert hat, funktionierte das WLAN nicht. Oder grundsätzlich das Internet nicht. Also das gab es ja zu der Zeit noch gar nicht. Und deswegen, ich wusste gar nicht, wie geht man mit so einem Computer um? Das haben wir dann alle gelernt. Und wie geht Blindenschrift? Wie funktioniert dieses Sechs-Punkte-System?

Am Computer gibt es das Acht-Punkte-System, was da alles noch so hinter steckt. Dann habe ich tatsächlich auch von der Lehrerin gezeigt bekommen, wie schminkt man sich. Ja, klar. Die schminkt man sich, wenn man nichts sehen kann. Richtig. Also natürlich jetzt so Sachen wie Kajal und Eyeliner kriege ich nicht hin, aber Mascara und Foundation und sowas kann man auch mit Tricks dann hinbekommen. Und ja, auch der Umgang mit dem Blindenstock, da steckt ja eine richtige Technik eigentlich auch hinter.

Das ist ja nicht nur, dass man den einfach mal so ein bisschen vor sich her pendelt, sondern wirklich ... Auch guckt, okay, das linke Bein ist vorne, also ist der Stock rechts und immer hin und her pendelt, was es da für verschiedene Möglichkeiten an Hilfsmitteln überhaupt gibt. Wie koche ich, wenn ich nichts mehr sehen kann? Und solche Sachen. Gute Frage. Und wie schmeckt es vor allen Dingen dann am Ende?

Wahnsinn. Dass man nicht das große Fach vom Salz aufmacht, sondern nur von Streuer. Ja, klar. Und da, ich merke jetzt gerade wieder, wie ich mich mit dir unterhalte, es sind so viele Sachen, die man für selbstverständlich nimmt in seinem eigenen Leben, weil man es nicht anders kennt. Und es ist eigentlich nicht selbstverständlich. Man hört ja komplett raus, dass dir das wahnsinnig gut getan hat.

Nicht nur das Praktische, das zu lernen, sondern auch in der Umgebung zu sein, wo du nicht alleine bist, sondern wo du eine von vielen bist und merkst, das Leben geht weiter. Du schaffst dort deinen Realschulabschluss. Den Realschulabschluss habe ich schon vorher. Den habe ich auf der Hauptschule gemacht. Ich habe dort mein Abitur gemacht. Also eigentlich viel mehr, als dir vorher zugetraut wurde.

Und 2018 zieht dann jemand sehr Wichtiges bei dir ein, der auch hier gerade bei uns ist, der zu deinen Füßen liegt und der mich gerade schon fröhlich beschnuppert hat. Wer ist das? Das ist mein Blittenführhund. Und den habe ich dann 2018, als ich mich für die Abi-Prüfungen vorbereitet habe, ist er dann bei mir eingezogen zum gleichen Zeitpunkt. Und da ist ja, man lernt so einen Hund kennen und weiß, okay, der wird jetzt hoffentlich ganz lange bei mir bleiben.

Wie war so euer erstes Kennenlernen? Wie war euer erstes Date sozusagen? Ich war unfassbar nervös. Vorher war es so ein Hin und Her, da hieß es dann so, ja, ich weiß noch nicht, ob du dann den Jack bekommst. Vielleicht kriegst du auch die Bella oder vielleicht kriegst du auch den Hund. Und ich war so, oh mein Gott, welchen Hund kriege ich jetzt? Und mir war von Anfang an klar, ich möchte irgendwann einen Blinden für und haben. Ich mag den Stock einfach nicht. Und dann, ja.

Kam dann halt der Trainer mit ihm. Und es war eigentlich schon fast so direkt Liebe auf den ersten Blick. Es war auch, wir saßen da auf dem Fußboden und haben gekuschelt. Und er hat dann tatsächlich, ist er eingeschlafen mit dem Kopf auf meinem Fuß. Und der Trainer meinte zu mir, das ist wirklich ein Zeichen. Das machen die nicht einfach mal eben so, sondern der hat sich gerade für dich entschieden. Der wollte zu dir, ne? Oh, wie schön.

Aber er ist ja nicht nur dein Freund und Wegbegleiter, sondern er ist auch dein Alltagshelfer sozusagen. Vertraust du dem Max sofort, dass der jetzt das alles für dich übernimmt, dass er sozusagen dein blinden Stock wird? Am Anfang überhaupt nicht. Ich war unfassbar nervös. Ich kann mich noch daran erinnern, wir sind das erste Mal am Bahnhof gewesen, und ich stand so unter Stress, weil ich panische Angst habe, er lässt mich jetzt gleich auf dieses Gleisbett laufen.

Und dieser Stress hat sich so auf ihn übertragen, dass er sich auch erst mal auf dem Bahnhofschrohrplatz erleichtern musste, weil er so einen Stress hatte durch mich. Das hat auch ungefähr ein Jahr gedauert, bis ich mich so auf ihn einlassen konnte und ihm komplett vertraut habe. Und mittlerweile, das ist...

Es gibt niemandem, dem ich so vertraue wie ihm. Ja, weil das ist, wenn jetzt der blinden Führhund nicht mitspielt, kann das natürlich ganz böse enden, weil du dann vielleicht auf die Straße läufst, obwohl da noch Autos sind oder wie auch immer. Deswegen ist nochmal ganz wichtig zu sagen, einem blinden Führhund im Dienst niemals streicheln, locken oder ähnliches. Oh ja, stimmt, natürlich, klar. Wenn ich den jetzt welcher, hallo, und er rennt dann los, das ist ja eine ganz schlechte Idee.

Ja, das machen unfassbar viele Menschen. Ja, die meinen es wahrscheinlich nicht böse, aber das ist ein sehr guter Hinweis. und der ist auch wirklich sehr süß, muss man auch dazu sagen. Der sieht doch einfach süß aus. Genau, das kann man gut verstehen. Also der Max ist eine schöne Neuerung in deinem Leben, aber es ist ja nicht die einzige Veränderung.

Du hast jetzt Abitur gemacht an diesem Internat und möchtest eigentlich studieren, nämlich Jura. Ja. Und auch da sind wir wieder bei diesem Nachteilsausgleich, den du dafür bräuchtest. Den kriegst du aber nicht, weil du offiziell immer noch nicht blind bist. Ja, den habe ich nicht bekommen. Und das war dann auch der erste Moment, wo ich realisiert habe. Das ist Bürokratie. Und was bedeutet das für deinen Lebenstraum vom Jurastudium?

Der fiel aus zu dem Zeitpunkt. Ich habe mich damals für Ausbildung beworben, und habe ja dann eine Ausbildung im öffentlichen Dienst im Beamtenverhältnis gemacht. Und da habe ich dann sämtliche Nachteilsausgleiche bekommen. Nachteilsausgleich. Dieses Wort ist in dieser Folge recht oft gefallen Und vielleicht hat der eine oder die andere schon mal was am Rande darüber aufgeschnappt. Es geht dabei tatsächlich um etwas ganz Wichtiges für viele Betroffene.

Der Nachteilsausgleich ist ein Instrument, um Menschen mit Behinderung faire Chancen zu geben. In der Schule, im Studium, bei Prüfungen oder auch im Arbeitsleben. Es geht darum, äußere Bedingungen so anzupassen, dass eine beeinträchtigte Person ihre Leistung unter möglichst vergleichbaren Voraussetzungen erbringen kann. Das heißt nicht, die Anforderungen werden gesenkt, sondern nur, dass der Weg zur Leistung ein anderer sein darf.

Zum Beispiel geht es da um so Sachen wie, dass Schülerinnen und Schüler mit einer Leserechtschreibschwäche mehr Zeit bei Klassenarbeiten erhalten oder ihre Texte am Computer schreiben können. Könnte Betroffene mündlich statt schriftlich prüfen oder die Bearbeitungsdauer verlängern. In Maries Fall ist zum Beispiel ein Bildschirmlesegerät unabdingbar.

Das hat sie ja auch bewilligt bekommen. Was man dazu aber wissen sollte, man muss keine offiziell anerkannte Schwerbehinderung haben, um Anspruch auf so etwas zu haben. Entscheidend ist eher, ob eine gesundheitliche Beeinträchtigung die Leistungsfähigkeit in einer konkreten Situation nachweislich einschränkt. Ein Attest, ob ärztlich oder psychologisch, reicht oft aus. Aber wie es dann oft so ist, sieht es trotz allen Regelungen in der Praxis nicht immer so einfach aus.

Viele Betroffene zögern, so einen Antrag zu stellen, sei es aus Scham, aus Angst vor Stigmatisierung oder weil sie gar nicht wissen, dass ihnen dieser Ausgleich zusteht. Und selbst wenn ein Nachteilsausgleich gewährt wird, bedeutet das noch lange nicht, dass er auch konsequent umgesetzt wird. Die Beratungsstelle Mittendrin e.V. Berichtet zum Beispiel davon, dass Schulen Nachteilsausgleiche oft nicht einhalten, manchmal aus Unwissenheit, manchmal einfach aus organisatorischen Gründen.

Und wenn das passiert, ist das kein kleiner Fehler, sondern ein klarer Verstoß gegen das Benachteiligungsverbot des Grundgesetzes. Betroffene können dann zum Beispiel eine schriftliche Beschwerde einreichen. Die Schule muss darauf reagieren und wenn sie den Ausgleich nicht gewähren will oder kann, muss der Fall an die zuständige Schulaufsicht weitergeleitet werden.

Was ich hier jetzt aber nochmal ganz fett unterstreichen will, weil es oft anders dargestellt wird, ein Nachteilsausgleich ist keine Sonderbehandlung, sondern einfach nur eine faire Möglichkeit, das zu zeigen, was man wirklich kann. Aber nochmal zurück zu Jura, um das zu verstehen. Der Nachteilsausgleich, den hättest du jetzt in deinem Studium gebraucht. Mach mal vielleicht ein Beispiel, wo der dir geholfen hätte,

wenn du ihn bekommen hättest, dass man es besser versteht. Ja, erst mal hätte ich diesen Nachteilsausgleich gebraucht, um den Hund überhaupt mit in die Uni nehmen zu dürfen. Stimmt, ja klar. Und dann kommt es ja auch noch weiter darauf an, dass ich die Schreibzeitverlängerung in die Klausuren brauche. Ich muss den Laptop benutzen dürfen, ich kann nicht per Hand schreiben, ich brauche die Gesetzestexte digital und muss auch auf die Kommentare digital zugreifen können.

Ich muss die Breizeile mitnehmen in die Klausuren und solche Sachen. Und aber völlig klar, wenn du das nicht kriegst, kannst du das Studium nicht machen. Warst du sehr sauer, als du das erfahren hast, dass es nicht geht? Oder wie war das? Ich war verdammt enttäuscht. Es war für mich halt so, dass ich gesagt habe, wie viele Steine werden hier eigentlich noch mehr in den Weg gelegt? Ich möchte ja, ich möchte ja, dass irgendwas aus meinem Leben wird.

Wie kann es denn sein, dass mir so viele Steine in den Weg gelegt werden. Wir hatten auch einen Termin tatsächlich bei der Agentur verarbeitet, bei einem Rehaberater damals und der hat dann gesagt so, ja, aber warum haben sie denn überhaupt Abitur gemacht? Sie hätten ja auch einfach ins Callcenter gehen können. Ja, also spätestens nach dem zweiten Anruf hätte ich irgendwen umgebracht, glaube ich. Ja, aber das ist ja dieser Umgang mit Behinderten, denen ganz oft nichts zugetraut wird.

Und dann gesagt wird, mein Gott, du kannst doch froh sein, wenn du irgendwo Schrauben sortieren darfst, dann hast du wenigstens einen Job. Gehen Sie doch in die Behindertenwerkstatt. Genau, gehen Sie doch in die Behindertenwerkstatt, die ja auch für viele Menschen ein guter Ort ist. Das möchte ich gar nicht in den Innenabkommen. Auf jeden Fall. Aber eben nicht für jeden. Und du wolltest ja gerne auch ein selbstbestimmtes Leben führen, wahrscheinlich in dem Alter irgendwie ausziehen von zu Hause.

Und diese ganzen Sachen. Ausbildung war dann ja die zweite Möglichkeit, die du hattest. Aber da nochmal zurück auf den Bewerbungsprozess. Auf wie viele Stellen hast du dich beworben? 100. Und wie viele Zusagen oder Einladungen hast du bekommen? Einladungen habe ich tatsächlich sehr viele bekommen. Würde ich mal so sagen ungefähr 80. Dann war es oft so, dass dann spätestens nach dem Test gesagt wurde, nee.

Oft war es auch so, dass ich dann zum mündlichen Vorstellungsgespräch eingeladen wurde und mir dann ganz offen gesagt wurde, ja also wir sind hier nicht auf Blinde eingestellt, deswegen können wir sie nicht nehmen, aber sie wären theoretisch ein guter. Kandidat. Das ist total super. Dafür bin ich jetzt nach Frankfurt gereist. Toll. Du bekommst dann schließlich einen Ausbildungsplatz bei der Bundeswehr. Zu was wirst du dort ausgebildet? Ich mache die Ausbildung im mittleren nicht-technischen

Verwaltungsdienst. Okay. Und sogar doch noch ein bisschen Studium. Ja, nach der Ausbildung habe ich dann ganz normal Vollzeit angefangen zu arbeiten, und habe neben der Arbeit ein Fernstudium gemacht an der Fernuniversität in Hagen. In was? In Rechtswissenschaften. Ah, also hat sich dein Traum dann doch noch erfüllt. Wie schön. Hast du jetzt den Abschluss schon gemacht? Ja, den habe ich bekommen. Und wie hat sich das angefühlt, doch den Bachelor zu haben? Das war schon geil.

Das kann ich mir vorstellen, vor allem, wo du so dafür gekämpft hast. Wir müssen jetzt nochmal über ein anderes schlimmes Thema sprechen, was wir eben schon gestreift haben. Es ist ja dann nochmal was passiert, was deinen persönlichen Lebensweg, was auch wichtig ist. Du bist bei deiner Gynäkologin und die spricht dich auf was an, was du eigentlich ganz lange weggeschoben hast. Was sagt die zu dir?

Ja, ich war dort ganz normal zur Kontrollenuntersuchung und dann sagte sie zu mir, also wir hatten so einen kleinen Dialog und ich habe gesagt, ja ich weiß auch nicht, warum ich da so große Probleme mit dieser Untersuchung immer habe und sie meinte zu mir, sie müssen mit mir da nicht drüber sprechen, aber ich sehe diese Vernarbungen. Und dann habe ich gefragt, was für Vernarbungen. Und dann meinte sie zu mir, hier unten ist fast alles vernarbt. Und auch noch schlecht verheilt alles.

Ja, und dann habe ich gefragt, inwiefern. Und dann meinte sie so, hat das ihre alte Gynäkologin eh nicht gesagt? Und ich so, nein. Und da habe ich dann erfahren, dass ich tatsächlich durch diese Sache, die damals passiert ist, unfruchtbar geworden bin auch. Och du Scheiße. Und das war auch der Moment, also ich habe jahrelang das alles vor mir weggeschoben und dachte, ich habe mir das nur eingebildet oder das ist niemals passiert.

Das ist, keine Ahnung, was mein Kopf sich in dem Moment gedacht hat. Aber ich habe da dann realisiert, das ist alles tatsächlich wirklich passiert. Und du hattest den, in Anführungsstrichen, Beweis dafür. Wie lange ist das jetzt her, diese Untersuchung? Die ist jetzt zweieinhalb Jahre her.

In der Zeit davor, du wirst ja wahrscheinlich dann auch Schmerzen gehabt haben, oder? Ja. Aber hast das auch weggeschoben, weil der Körper und der Geist kann ja viele Sachen verdrängen, die man nicht wahrhaben will in dem Moment. Und ist das das erste Mal, dass jemand dich dann so darauf anspricht, also dass du über diesen Missbrauch sprichst? Sprichst mit deiner Ärztin? Nein, ich habe vorher schon mit jemandem darüber gesprochen.

Ich hatte nochmal in diesem Krankenhaus einen Termin und bin in diesem Menschen von damals über den Weg gelaufen. Und das hat in mir sehr viel ausgelöst. Logischerweise. Und damals habe ich mich in Therapie begeben. Und sie hat zu mir dann halt gesagt, ja, ich weiß nicht, woher ihre ganzen Symptome kommen. Das passt alles zu einer posttraumatischen Belastungsstörung, aber ich weiß nicht, wo die herkommen.

Und ja, sie meinte dann zu mir, vielleicht sollten sie mal in eine Klinik gehen, damit man das da vielleicht besser rausfinden kann. Weil wenn wir uns jetzt nur einmal die Woche sehen, das ist schwierig. Und da habe ich dann irgendwann gesagt, dass da was passiert ist. Und das war vor deinem Frauenarztbesuch? Das war vor meinem Frauenarztbesuch. Und ich habe gesagt so, ja, ich weiß es nicht. Irgendwie denke ich mir halt auch seit Jahren, vielleicht habe ich mir das eingebildet.

Und dann hatte ich halt den nächsten Frauenarzttermin. Sie hat zu mir gesagt, man sieht das dort alles. Hat mich auch darauf angesprochen. Und dann war für mich alles vorbei. Ich hatte am nächsten Tag tatsächlich auch Therapie. Ich saß bei ihr und ich habe gesagt, ich kann nicht mehr. Das ist doch nicht normal. Also ich habe den Beweis, es ist wirklich passiert, aber irgendwie kann ich es nicht realisieren, dass es wirklich passiert ist.

Da war dann eine Wunde, die dann im wahrsten Sinne des Wortes so aufgebrochen ist. Ja. In dem Moment. Hast du einen Weg gefunden, damit umzugehen durch die Therapie? Noch nicht. Du arbeitest noch dran? Ja. Steht jetzt auch an, dass ich in eine Traumaklinik gehe. Aber da muss ich das noch alles abklären, was auch den Zutritt von Max betrifft. Na klar, das ist auch wieder alles mehr Organisation als bei jemand anderem.

Ich wünsche es dir auf jeden Fall sehr, weil ich glaube, es ist ganz wichtig, da mit Fachleuten, Trauma ist ja nochmal eine ganz andere Sache, drüber zu sprechen. Davon, abgesehen von dieser, ich nenne es jetzt mal Baustelle, wie sieht dein Leben sonst heute aus? wenn man von dem Ganzen absieht, ganz gut. Klingt wild, aber das Leben ist ja facettenreich. Also was machst du jetzt gerade so in deinem Leben? Du arbeitest?

Ich gehe arbeiten, ganz normal, Vollzeit auch. Immer noch bei der Bundeswehr auch. Habe auch durch den Abschluss im Studium jetzt eine höhere Stelle angetreten. Konnte ich dann intern aufsteigen. Lebe mit meinem Partner gemeinsam. In unserer Wohnung mit dem Max zusammen. Den durfte ich ja gerade schon kurz kennenlernen, ein Partner, der ist sehend. War das für den jemals irgendwie ein Thema, das du nicht sehen kannst? Nein.

Als wir uns kennengelernt haben, hatte das am Anfang nicht ganz verstanden, warum die alle so komisch mit mir umgegangen sind, warum ich Hilfe brauchte, um das also wir haben uns auf einer Geburtstagsparty kennengelernt, warum ich dann Hilfe brauchte, um das Bad zu finden. Der dachte halt, ich hätte ein bisschen zu viel getrunken. Dabei hat sich dann irgendwann rausgestellt, ich trinke gar keinen Alkohol. Und ja, dann war es dann aber so, dass ich irgendwie auch abends nach Hause kommen musste.

Und die Bahn ist nicht mehr gefahren und er musste sowieso wieder nach Hause fahren. Und dann hat er dann gefragt, ja komm, ich kann den Umbi kurz machen und dich nach Hause bringen. Das hat er dann auch gemacht. Also es ist auch nichts mehr passiert an diesem Abend. Es wird immer gesagt, ja, ja, hat dich nach Hause gebracht. Aber nein. Und da hat er dann auch so realisiert, ach, die sieht gar nichts. Das ist nicht der normale Hund, das ist ein Blindenhund.

Okay, aber es war nie irgendwie ein Problem. Ich finde es ganz toll, weil ich euch ja gerade schon zusammen erlebt habe und er ist so ein bisschen auch so, dein Beschützer hält sich aber auch sehr im Hintergrund. Also das ist irgendwie schön zu sehen, wie ihr miteinander umgeht. Die Frage klingt total komisch, aber es interessiert mich wirklich. Würdest du sagen, du bist zufrieden mit dem, was du erreicht hast zu diesem Punkt? Ich denke schon.

Also natürlich, man kann immer sagen, ich hätte total gern das und das und das und das noch. Aber ich glaube, wenn diese andere psychische Baustelle nicht wäre, würde es mir auch bemerken. Deutlich besser gehen und abgesehen von dem Ganzen muss ich sagen, dass ich doch schon recht zufrieden bin.

Was ich gut finde, dass man das trotz der schrecklichen Dinge, die du erlebt hast, sagen kann, aber wenn man sich jetzt die Hard Facts anguckt, du hast einen Job, du hast eine Beziehung, du hast eine Wohnung, dann ist das schon viel, was du erreicht hast und was du dir, erkämpft hast, trotz der Steine, die dir von allen Seiten in den Weg gelegt worden sind. Hast du denn die Hoffnung, dass du irgendwann doch wieder sehen kannst auf irgendeine Art und Weise? Mittlerweile nicht mehr.

Ich war vor ein paar Monaten war ich beim Augenarzt, weil ich ein Flimmern vorm Auge hatte. Und ich dachte mir irgendwann, das geht mir total auf die Nerven. Bin zum Augenarzt gegangen und dann hieß es so, ja, also ich kann es mir jetzt nicht erklären, aber sie haben Ablagerungen auf der Makula. Das sieht aus wie eine altersbedingte Makuladegeneration. Aber sie sind nicht mal 30.

Ja, und seitdem bin ich jetzt auch noch mal in einer Uniklinik in Behandlung, weil auch die nicht verstehen, was da mit meinen Augen momentan los ist, warum ich da jetzt beidseitig solch krasse Ablagerungen auf der Makula kriege. Aber eigentlich ist da jetzt auch schon gesagt worden, die Sache ist eigentlich durch. Sie werden nie wieder was sehen können. Das heißt, bis dahin hattest du schon noch so ein bisschen Resthoffnung, dass es irgendwie mal eine neue Technik oder irgendeine Diagnose gibt.

Und du lebst aber jetzt ja auch schon ein paar Jahre als blinde Person. Also wie war das dann, diese Hoffnung endgültig begraben zu müssen? Es war so ein Zeichen von Endgültigkeit. Aber ich glaube auch, dass das nicht so viel in mir ausgelöst hat. Weil ich ja schon seit Jahren vor diese verendete Tatsache gestellt wurde und sich deswegen nicht mehr viel verändern wird. Und ich mein Leben ja auch eigentlich danach ausgerichtet habe, blind zu sein.

Denn Realität war ja schon ganz lange so zu dem Zeitpunkt. Ich habe meinen Job danach ausgesucht. Die Wohnung ist auch an alle Sachen angepasst. Also jetzt nicht, dass ich da irgendwie irgendwas bräuchte, was barrierefrei ist, aber zum Beispiel Bus- und Bahnanbindung sollte auf jeden Fall vom Haus sein. Der Supermarkt nicht so weit entfernt sein, weil man ja alles zu Hause tragen muss. Stimmt.

Und Autofahren ist halt schlecht. Richtig. Ich verstehe es nicht, aber ich falle immer durch den Sehtest. Das ist total... Die wollen mir einfach nicht das attestieren. Ja, manche Leute, die das jetzt hören, denken, die beiden sind komplett wahnsinnig geworden. Aber manchmal ist der Humor auch ein guter Mechanismus, mit solchen irren Sachen umzugehen.

Aber was mich noch interessieren würde, gibt es jetzt mittlerweile dann nach diesen ganzen Untersuchungen und nach über zehn Jahren mal eine Erklärung dafür, dass du erblindet bist, nachdem du diesen Fußball in den Kopf gekriegt hast? Keine hundertprozentige. Aber eine 90 oder 80 prozentige oder auch nicht? Nicht wirklich. Grundsätzlich nach dieser Erblindung ist dann ja auch nochmal rausgekommen, dass ich zu dem grauen Starr auch einen grünen Starr habe.

Der ist plötzlich auch irgendwann aufgetaucht. Dann kam ja jetzt noch die Veränderung mit der Makula hinzu, die sich auch keiner erklären kann. Und ich bin jetzt in einem Zentrum für seltene Augenkrankheiten auch drin und auch der Arzt meinte, er ist mit seinem Latein am Ende. Er kann sich diese ganze Konstellation, dass da immer mehr was dazukommt, nicht erklären.

Sie machen jetzt gerade einen Gentest mit mir, ob da vielleicht irgendwas nicht dran stimmt, aber dass da immer wieder mehr was dazukommt, es kann sich keiner erklären. Aber das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass du bis heute offiziell nicht als blind anerkannt bist. Ja, aber einen Blinden für und habe. Ja, immerhin das. Aber ich meine, was würde sich denn dann ändern. Wenn deine Blindheit jetzt offiziell auch dann noch anerkannt würde für dich?

Also jetzt mittlerweile würde es nur noch heißen, dass ich das Blindengeld bekomme und einen höheren Steuerpauschbetrag, den ich am Ende des Jahres zurückbekomme. Ah, okay. Also da, ehrlich gesagt, wird es dein Leben jetzt nicht so krass jetzt noch verändern. Das hättest du schon früher gebraucht wahrscheinlich. Das hätte ich früher deutlich besser gebrauchen können. Mittlerweile ist das nicht mehr so. Du hast es dir selber erarbeitet eigentlich.

Wenn du heute Menschen begegnest, die was Ähnliches durchmachen, wo es auch auf einmal heißt, das Augenlicht wird weniger oder geht sogar ganz weg. Was würdest du denen mitgeben oder was gibst du denen mit? Ich würde tatsächlich sagen, auch wenn man es jetzt noch nicht so richtig wahrnimmt, es löst viel in einem aus und es ist nicht verkehrt, sich Hilfe zu suchen. Und es ist auch nicht verkehrt, mit Menschen darüber zu sprechen, wie es einem geht, auch damit.

Denn ich habe jahrelang nicht darüber gesprochen, wie es mir eigentlich geht. Ich habe auch heute, es ist bei mir ein richtiger Coping-Mechanismus, dass ich immer anfange zu lachen. Es ist auch in der Therapie, umso schlimmer es wird, umso schlimmer ist mein Lachanfall. Das ist deine Art damit umzugehen, wie jeder eine andere Art hat damit umzugehen. Ja, manche Leute können das einfach nicht verstehen, dass man dann einfach anfängt zu lachen.

Aber da würde ich tatsächlich eher sagen, dass ich den Leuten nur mitgeben kann, es löst viel in einem aus, auch wenn man das jetzt noch nicht versteht. Es ist in Ordnung, darüber zu sprechen, es ist in Ordnung, darüber zu weinen. Und auch wenn die Leute sagen, hör auf zu weinen, ist es doch nicht so schlimm. Doch, es ist schlimm und man darf weinen und es ist gut, wenn man das rauslässt. Egal, eigentlich, das kann man auf alle beziehen. Ja, das kann man eigentlich auf alles beziehen.

Jeder darf weinen. Und auch wenn mir der Fingernagel abbricht, dann darf man auch darüber zur Not weinen. Auch das, auch das. Das wäre jetzt schon wieder fast das perfekte Schlusswort. Aber eine Frage habe ich noch, bis wir zu den Abschlussfragen kommen. Nämlich, was würdest du dir wünschen von der Gesellschaft, also von den Menschen um dich herum, im Umgang mit Menschen mit Behinderung? Mehr Akzeptanz und dass man definitiv normaler behandelt wird.

Denn nur weil ich eine Seheinschränkung habe, heißt das nicht, dass ich auch eine kognitive Beeinträchtigung habe. Wenn ich irgendwo bin und ich möchte etwas haben, dann möchte ich das haben und nicht mein Partner oder eine Freundin von mir möchte das haben. Viele Menschen haben ein Problem damit, mit mir persönlich zu sprechen. Dabei bin ich komplett mündig. Ich hatte eine Situation, da war ich bei der Hausärztin und die wollte mich nicht behandeln ohne meinen gesetzlichen Vertreter. Wow.

Ich bin volljährig, ich habe keinen gesetzlichen Vertreter. Ich mache das selber. Und ich würde mir da tatsächlich mehr Akzeptanz wünschen. Ich würde mir wünschen, dass grundsätzlich die Behinderungen mehr akzeptiert werden. Was ich auch sehr wichtig finde, ist, fasst mich einfach irgendwelche Menschen mit Behinderung an. Es passiert mir so oft, dass ich dann am Bahnhof stehe und mein Hund möchte mir den Eingang vom Zug zeigen, weil ich ihn da hinschicke und die Leute fassen mich einfach an.

Um dir den Weg zu zeigen oder was? Ja, die wollen mich dann irgendwie, ich hatte auch eine Situation, da war ich damals noch mit dem Blindenstock unterwegs und die haben mich aus dem Bus rausgehoben. Und das ist halt tatsächlich, man will halt aussteigen und urplötzlich hebt rechts und links einer einen hoch und man denkt sich, wo ist der Fußboden hin? Oh Gott, die meinten das wahrscheinlich gut, aber das ist ja komplett übergriffig.

Aber es ist halt einfach, niemand möchte direkt angefasst werden. Also traut behinderten Menschen was zu und ja... Wie gesagt, ich glaube, dass das oft eben auch aus dieser Unsicherheit herauskommt. Man will den Leuten irgendwie helfen und nicht auf die Füße treten. Aber ich habe zumindest die Erfahrung gehabt und ich habe seit meiner Kindheit oft mit behinderten Menschen zu tun gehabt, weil in der Familie, also mein Cousin ist sehbehindert und sitzt auch im Rollstuhl.

Und da habe ich ehrlich gesagt die Erfahrung gemacht, dass man sich gar nicht so große Sorgen machen muss, weil man meistens die behinderten Menschen das eher mit Humor nehmen als man selbst. Also wenn man zu einem Blinden, darüber hatten wir ja gerade vor der Podcast-Ausnahme schon gesprochen, ob man bei der Begrüßung sagt, schön dich zu sehen, da lachen die blinden Leute meistens mehr drüber als die Nichtbehinderten.

Ja, es ist auch tatsächlich oft so, ich bin ein Mensch, der sehr gut mit Sarkasmus und schwarzem Humor umgehen kann. Und dann ist das auch so, wenn ich Leute direkt kennenlerne, die ja sagen, ach Mensch, schön dich endlich mal zu sehen. Ja, ich kann dich aber nicht sehen. Und dann sind die direkt erst mal so, oh mein Gott, was habe ich gesagt? Und dann ist es so, alles gut, es war nur ein Scherz.

Um dann halt auch den Leuten so ein bisschen das Gespräch auch zu erleichtern, dass man da auch so ein bisschen etwas lockerer mit allem umgeht. Ja, ich glaube, das haben wir heute auch ein Stück weit geschafft, trotz der teilweise sehr schweren Themen. Du weißt ja wahrscheinlich, dass ich am Ende des Podcasts immer zwei Fragen stelle.

Die erste ist, wenn du heute auf diesen einen Moment zurückblickst, also den Moment, als du da den Ball an den Kopf bekommen hast und nichts mehr siehst, welches Gefühl löst das in dir aus? Ich habe tatsächlich die letzten Tage sehr viel darüber nachgedacht, was ich darauf antworten sollte. Und ich bin mir nicht sicher. Es ist so ein Mix aus, ohne das wäre ich nicht jetzt die Person, die ich bin. Stimmt. Aber es ist halt auch so ein bisschen, dass es auch in mir Wut und Verzweiflung auslöst.

Es ist durch diesen ganzen Rattenschwanz, den das Ganze nach sich gezogen hat, löst es sehr, sehr viel in mir aus. Und deswegen ist es für mich sehr schwierig, diese Frage richtig zu beantworten. Es ist ein Mix aus, es ist gar nicht so schlimm. Und Wut, Verzweiflung und Trauer ist, Ja, das ist doch eine Antwort, ein Mix aus Gefühlen. Ja. Und die zweite Frage, vielleicht ist die einfacher für dich zu beantworten. Wie war das für dich heute mit mir über diesen einen Moment zu sprechen?

Gar nicht so schwierig wie gedacht. Das ist schön eigentlich. Ich hatte sehr große Bammel davor, also ein bisschen auch über alles zu sprechen, auch über den Missbrauch, der damals passiert ist. Aber ich finde, dass du ein sehr angenehmer Gesprächspartner wirst. Und ja, hast es mir auf jeden Fall sehr leicht gemacht. Ich hatte auch ein bisschen Bammel, dadurch, dass momentan meine PDBS extrem ist. Dass ich dann quasi mit einem Mann alleine dann hier sitze.

Voll. Aber das klingt jetzt auch so ein bisschen blöd. Dann habe ich herausgefunden, dass du schwul bist und dann ging das. Ja, das finde ich absolut nachvollziehbar. Das finde ich absolut nachvollziehbar. Aber überhaupt nichts geht. Damit kann ich gut umgehen. Okay. Nein, wenn das dazu führt, dass du dich wohler fühlst, ist es ja umso schöner. Kleiner Disclaimer, ich bin nicht nur deswegen schwul geworden, damit du dich nicht wirklich wohlfühlst.

Aber ja, also das ist ein schönes Kompliment und ich habe mir auch im Vorhinein viele Gedanken gemacht, weil ich natürlich bei der Recherche gedacht habe, das ist natürlich eine Geschichte, das ist ja zwölf Leben in einem eigentlich. Und deswegen bin ich auch so froh, dass wir heute, auch wenn es komisch klingt, auch so viel zusammen gelacht haben. Finde ich auch sehr schön. Deswegen vielen Dank für deine Offenheit und dass du die Zeit dir genommen hast. Ich habe zu danken.

Was für ein beeindruckender Mensch. Ich bin mir ganz sicher, dass Marie in ihrem Leben noch ganz viel erreichen wird. Und ich freue mich total für sie, dass sie gerade dabei ist, all das, was ihr passiert ist, aufzuarbeiten. Das ist garantiert alles andere als einfach, aber ein wichtiger Schritt. In zwei Wochen spreche ich hier mit Manfred Vowinkel und der Name könnte euch eventuell was sagen, wenn ihr regelmäßig Verbrechen von dem anhört.

In Folge 51, das Metro-Millionen-Ding, habe ich über seinen Fall gesprochen. Manfred ist 85 Jahre alt und wird aus einer Zeit erzählen, in der er wirklich den absoluten Traum von ganz vielen von uns erlebt hat. Und als Millionär ist er nicht einfach nur über die Düsseldorfer Kö oder die Pariser Champs-Élysées geschlendert, sondern er ist auch nach Rio de Janeiro an die Copacabana gezogen, um dort mit seinem Partner das Highlife zu leben. Mit Shampoos, teurem Schmuck und Haushälterin.

Warum jetzt dieser Reichtum nur wenige Monate angedauert hat und wie Manfred an das Geld gekommen ist, das ist wirklich eine absolut irre Geschichte. Freut euch drauf, falls ihr sie noch nicht kennt. Und ansonsten könnt ihr gerne mal bei Verbrechen von dem Anfolge 51 reinhören. Die neue Folge Dieser eine Moment hört ihr, wie ihr wisst, immer zuerst kostenlos in der Podimo App. Zwei Wochen später dann überall sonst, wo es Podcasts gibt. Wir hören uns. Tschüss.

Dieser eine Moment, der Podcast mit Philipp Fleiter, ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMind im Auftrag von Podimo. Redaktion Philipp Fleiter, Laila Keuthage und WeMind. Sounddesign und Schnitt Marius Fuchtmann für WeMind.

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