"Keine Macht den Drogen" mit Jennifer - podcast episode cover

"Keine Macht den Drogen" mit Jennifer

Aug 25, 202455 minSeason 1Ep. 5
--:--
--:--
Download Metacast podcast app
Listen to this episode in Metacast mobile app
Don't just listen to podcasts. Learn from them with transcripts, summaries, and chapters for every episode. Skim, search, and bookmark insights. Learn more

Episode description

Die Anzahl an Drogentoten steigt in Deutschland seit den letzten 15 Jahren stetig.In dieser Folge trifft Philipp Jennifer, eine alleinerziehende Mutter zweier Kinder. In ihrer Jugend gerät Jennifer über ihr soziales Umfeld zunächst ans Kiffen, mit der Zeit sucht sie aber nach einem stärkeren Rausch und bleibt letztlich an Crystal Meth hängen - eine synthetische Droge mit extrem hohen Suchtpotenzial, Jennifer ist von Tag eins an abhängig.

An dem Tief- und Wendepunkt ihres Lebens, von dem sie uns in dieser Folge erzählt, findet sich Jennifer erst mit 29 Jahren. Heute ist sie seit knapp 11 Jahren clean. Das hat sie "nach einem krönenden Abschied" und mit vier Tagen Schlaf vom einen auf den anderen Tag geschafft. Auch während ihrer Schwangerschaften hat Jennifer nicht konsumiert.

Davor und danach befand sie sich aber in einer Drogensucht, wie sie im Buche steht - ihr ganzer Alltag dreht sich um den nächsten Rausch - und dann ist da noch das Jugendamt, das die vernachlässigten Kinder nach einem besonders schweren Zwischenfall in Obhut nimmt. Jennifer existiert zwischen Entgiftung und Rückfall.

Zu dem Zeitpunkt, wo sie für sich selbst erkennt, dass sie körperlich und seelisch völlig am Ende ist, kontaktiert sie das Jugendamt und nimmt dessen Hilfsangebote in Anspruch, die sie zuvor so oft abgelehnt hat. Sie bekommt einen Platz in einer Einrichtung für süchtige Mütter mit ihren Kindern. Hier verhilft man ihr über drei Jahre hinweg, zurück in klare Strukturen zu finden. Jennifer berichtet sehr positiv von der Einrichtung und hat sich einige der dort gesetzten Regeln bis heute beibehalten.

Im Rückblick macht sich Jennifer große Vorwürfe, dass sie ihre Kinder während der Sucht so vernachlässigt hat und auf der anderen Seite glaubt sie, dass es sie ohne ihre Kinder noch viel schlimmer hätte treffen können, weil die ihr zumindest einen letzen Funken Restverantwortung abverlangt haben.

Jennifers Folge ruft dazu auf, unser Schicksal in die Hand zu nehmen und diese Erkenntnis hält sie auch für den einzig wahren Weg aus der Sucht. Jennifers Geschichte gibt dazu vor allem eins: Mut.

Immer auf dem Laufenden über Philipp und seine Projekte auf Instagram @philippfleiter

Solltest du Hilfe benötigen oder für jemand anderes suchen, findest du hier Unterstützung:

Caritas Suchtberatung: https://www.caritas.de/glossare/suchtberatungNarcotics Anonymous: https://narcotics-anonymous.de/Telefonseelsorge: https://www.telefonseelsorge.de/ Telefon: 08000 110111Sucht und Drogen Hotline: https://www.sucht-und-drogen-hotline.de/ Telefon: 01806 313031Kostenlose DRK-Hotline: https://www.drk.de/hilfe-in-deutschland/gesundheit-und-praevention/suchtberatung/ Telefon: 08000 365 000Sorgentelefon für Angehörige: https://www.drk.de/hilfe-in-deutschland/gesundheit-und-praevention/suchtberatung/#:~:text=Ein%20bundesweites%20Sorgentelefon%20f%C3%BCr%20Angeh%C3%B6rige,%2806062%20%2F%20607%2067%29. Telefon: 06062 60767Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V., Suchthilfeverzeichnis: https://www.dhs.de/suchthilfeDrugcom Drogenberatung Chat: https://www.drugcom.de/beratung/chat/

Dieser Podcast ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMynd im Auftrag von Podimo. Neue Folgen alle 14-Tage Montags überall, wo es Podcasts gibt.

Redaktion: Philipp Fleiter und Laila Keuthage | Produktion: WeMynd

Abonniert den Podcast, um keine Folge zu verpassen. Teilt die Folgen mit euren Liebsten und lasst uns eine Bewertung da.

Transcript

Da war meine Tochter relativ klein noch. Ich hatte gerade abgestillt und die haben gesagt, Mensch, guck mal hier, willst du mal eine Bahn C ziehen? Und da habe ich gesagt, nee, ich glaube nicht, damit habe ich noch nie experimentiert. Dann haben die mir meine erste Bahn Crystal MeV gelegt und das war der Anfang vom Ende, würde ich sagen. Und somit kommst du immer, kommst du in diese Spirale ganz schnell rein und eh du dich versiehst, sind dreieinhalb Jahre rum.

Manchmal sind es nur ganz kurze Momente, die ein Leben komplett verändern können. Ein Augenblick, eine Entscheidung, ein Ereignis, ein Wimpernschlag und danach ist alles anders. Ich bin Philipp Fleiter und ich treffe in diesem Podcast Menschen, um mit Ihnen genau über diesen einen Moment zu sprechen, der Ihr Leben für immer verändert hat. Hallo und herzlich willkommen bei dieser eine Moment. Ich freue mich sehr, dass ihr auch in dieser Folge wieder mit dabei seid.

Heute treffe ich Jennifer, eine wirklich starke Frau und Mutter, die was ganz Tolles geschafft hat, sich nämlich nach jahrelanger Drogenabhängigkeit aus diesem Teufelskreis zu befreien. Sie hat mir im Vorgespräch verraten, dass sie sehr großer Verbrechen von Nebenan-Fan ist und sich deshalb besonders auf dieses Gespräch mit mir und diesen Podcast, Und ja, ich freue mich natürlich auch, dass sie zu mir gekommen ist, weil sie eine ganz, ganz spannende Geschichte zu erzählen hat.

Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass es sich für euch lohnt, bei Jennifers Geschichte bis zum Ende dran zu bleiben. Denn ohne zu viel vorwegzunehmen, also ohne Spoiler, sie geht gut aus. Ja, hallo Jennifer. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast für diesen Podcast. Hallo. Vielleicht kurz zur Erklärung. Du hast ja auch gerade selber kurz gezögert. Wir müssen uns beide ein bisschen daran gewöhnen, weil eigentlich heißt du gar nicht, Jennifer.

Wir haben deinen Namen geändert, um deine beiden Kinder zu schützen. Und das bringt uns eigentlich direkt auch schon zu diesem einen Moment am 31.07.2013, über den wir heute sprechen wollen. Das ist nämlich der Moment, in dem du, ich glaube damals 30 Jahre alt, dich freiwillig beim Jugendamt meldest und sagst, ich brauche Hilfe. Warum tust du das? Also zuerst, ich war 29. Ich hatte die 30 noch nicht erreicht, aber es ist kein Problem.

Das halten wir fest, du warst 29, das ist wichtig. Verstehe ich voll. Ich kann das gar nicht in Worte fassen, aber ich habe die Augen aufgeschlagen, habe mich umgeguckt und wusste, jetzt ist hier Schluss. Um vielleicht kurz zu erklären, mit was du dann in dem Moment Schluss machen willst oder wo du diese Entscheidung triffst, du warst schwer drogenabhängig zu dem Zeitpunkt.

Also ich war schwer Crystal Meth abhängig und es waren verschiedene Substanzen, von denen ich abhängig war, aber vordergründig war es das Crystal Meth, was halt mein Denken und Handeln bestimmt hat. Noch dazu hatte ich einen achtjährigen Sohn, der nicht mehr bei mir gelebt hat und eine kleine Tochter, die noch bei mir gelebt hat. Und, ja, ich war halt ganz unten angekommen. Ich hatte keine Familie, keine Freunde, keine finanziellen Bezüge mehr.

Ich hatte eine verwahrloste Wohnung und ein verwahrlostes Selbst. Und es ist mir an diesem Morgen mit einmal schlagartig bewusst geworden. Ich weiß nicht, ob es die Sonne war, die durch die kaputten Jalousien geschieden hat oder das klingt klischeehaft, aber es war tatsächlich so. Oder der Blick, eigentlich war es der Blick in den Spiegel, der für mich, wenn ich mich an den Tag erinnere, hängen geblieben ist. Willst du sagen, was du gesehen hast, als du in den Spiegel geguckt hast an diesem Tag?

Ja, also ich habe mich selbst ganz klar gesehen. Ich habe eine total übermüdete, unterernährte, ungepflegte Frau gesehen. Mir hat die Verzweiflung aus dem Blick gesprochen und die Hoffnungslosigkeit. Und ja, das war ein wirklich einschneidender Moment. Ich habe mir ja immer nur in Etappen gelebt. Also entweder tagelang nur geschlafen oder tagelang nur wach. In der Zeit hat man ja gar nichts mehr mitgekriegt. Und so hat sich das von Woche zu Woche, von Monat zu Monat immer weiter, von Tag zu Tag.

Du hast ja gar nicht mehr dich selber gesehen. Und an diesem Morgen habe ich, ja, sprichwörtlich wie eingangs, beschrieben mich selbst gesehen. Und du wendest dich dann von dir aus an das Jugendamt, fährst deinen Mut zusammen und sagst, hallo, ich brauche Hilfe. Kannst du dich noch erinnern, wie du das genau verpackt hast, also was du genau zu denen gesagt hast? Also ich war ja da nicht neu, ich war ja da bekannt.

Dadurch, dass mir ja zwei Jahre vorher oder anderthalb Jahre vorher mein großer Sohn und auch meine Tochter weggenommen wurde, war ich ja in mehr oder weniger stetiger Betreuung. Dadurch, dass ich da einen festen Ansprechpartner hatte, Da habe ich da angerufen und habe gesagt, ich brauche Hilfe. Ich brauche jetzt Hilfe. Und dann hatten die auch sofort einen Termin für mich. Und dann saß ich eine Stunde später nach dem Aufstehen da am Tisch und habe dasselbe nochmal gesagt.

Und dann hatten die auch innerhalb von, ich glaube, einer halben Stunde einen Platz in der späteren Einrichtung für mich. Und wie fühlt sich das an, zuzugeben, dass man diese Hilfe braucht und das auch auszusprechen? Weil du gibst ja in dem Moment auch die Kontrolle über dein Leben ab, so ein bisschen. Das war ganz, ganz leicht. Ich habe mich vorher immer geweigert. Als ich noch Bezug zu meiner Familie hatte, ist das ja immer ein Thema.

Wenn du so einen stark süchtigen Menschen in deinem Umfeld hast, ist das ja ein Evergreen, den man spielt. Du musst was tun. Geh doch zur Therapie, lass dir helfen. Und ich habe immer vehement, nein, nein, nein. Also das war auch mein fester Glaube. Ich brauche das nicht. So schlimm ist es bei mir nicht. Das wird schon alles wieder gut. Und als ich dann an diesem Tag den Entschluss gab, war das ganz einfach.

Das ging mir ganz leicht über die Lippen und meine große Hoffnung war, dass es ganz, ganz schnell geht. Und das ging es auch. Vielleicht, um mal zu verstehen, wie du an diesen Punkt gekommen bist, gehen wir mal ein paar Schritte zurück in deiner Lebensgeschichte. Du wirst 1983 geboren, wächst in Weimar auf. Wie würdest du deine Kindheit in Weimar beschreiben?

Also ich bin vom Dorf gekommen. Wir sind erst so in meiner frühen Pubertät nach Weimar gezogen und ich war da so ein richtiges Bauernmädchen, was so in die große Stadt gekommen ist, so kann man das beschreiben.

Also das waren alles Kids, die haben schon Erfahrungen gemacht mit Rauchen und die hatten alle coole Klamotten an und mein Lieblingseindruck von damals ist, ich bin da in die Schule gekommen, in so einem Randgebiet und ich hatte so einen apfelgrünen Mickey Mouse Pullover an und so Jeans, wo so Schleifchen hinten dran waren und um mich rum waren alles Jugendliche. Die hatten diese Jeanshosen an, die so auf Hüfte hängen und die großen Kapuzen-Hoodies.

Und ich stand da wie das kleine Dörfchen. Und um da möglichst schnell in den Strom mitzuschwimmen, habe ich dann halt auch mich ziemlich schnell versucht anzupassen mit allem. Ist das auch da, wo du dann das erste Mal mit Drogen in Kontakt kommst, weil du dazugehören willst, dich anpassen willst? Vielleicht kannst du das mal erzählen, wie das war. Ja, das Kiffen war da damals irgendwie ganz normal. Das hat man halt so gemacht.

So, also jetzt auch nicht alle, aber es gab halt so die Leute, mit denen ich mich gerne abgegeben habe, mit denen ich gerne zusammen war, da war das Kiffen halt schon normal, sag ich mal, und, Irgendwie saß man dann mit da und die Neugier hat es gemacht. Die Neugier hat mich zum Zigarettenrauchung gebracht. Die Neugier hat mich zum Kiffen gebracht. Und so war das immer. Also ich hätte jetzt nie gesagt, nee, das will ich nicht machen, weil es irgendwie halt auch alle gemacht haben.

Ich weiß, das ist ein Klischee, aber für mich war es das so. Das haben halt alle gemacht. Da versuchst du es halt auch mal. Kannst du dich noch daran erinnern, wie sich das angefühlt hat, den ersten Joint, den du geraucht hast? Also hat es dir direkt gefallen oder war das eher so, ja, geht so? Mir hat bei allen den Substanzen, die ich konsumiert habe, Ich habe das erste Mal immer super gefallen.

Das heißt also, diesen Zweifel, dass das vielleicht was Falsches ist oder dass das gefährlich sein könnte, hattest du in dem Moment noch gar nicht. Dieser Gedanke kam mir nie, weil es immer irgendwie gut war. Und ich glaube auch, du hast es ja gerade schon so ein bisschen anklingen lassen, weil alle in deinem Umfeld das gemacht haben. Du hast dich jetzt gar nicht als etwas Unnormales gefühlt, weil jeder hat es ja irgendwie gemacht. Genau.

Das heißt, am Anfang fängst du an mit Kiffen. Das ist sozusagen deine Einstiegsdroge. Wie geht es danach weiter? Ach, das zieht sich eine ganze Weile. Dann kommt so ein bisschen die ersten Erfahrungen mit Alkohol dazu. Beides zusammen ist nicht so der Burner. Dann versucht man sich weiter und dann fängt man an wegzugehen. Dann kommt dann irgendwann das Ecstasy in Form von Pillen. Und das war dann auch nicht mehr so toll. Und irgendwie bin ich dann über einen Bekannten zum Speed gekommen.

Und das war so der Einstieg, glaube ich, in die Droge, die man quasi... Per Nase konsumiert. Das war ja dann ziemlich lange das, was ich favorisiert habe, mehr oder weniger. Und dann hatte ich eine ziemlich lange Phase, in der wir Speed konsumiert haben. Dann ein bisschen Kokain.

Ja, und dann mal eine Weile nix, weil Schwangerschaft. Aber also um das jetzt ein bisschen verstehen zu können, also zum Beispiel ich habe noch nie Speed genommen, das ist wahrscheinlich was ganz anderes als Kiffen vom Gefühl her, oder? Ja, das ist total kontär von der Wirkungsweise.

Also das Kiffen macht dich ja eher so ein bisschen entspannt, das lässt dich chillen und dich leicht und luftig fühlen und Speed ist halt so eher die Partydroge, wenn du so ein bisschen, also so war es jedenfalls damals, ich denke, wenn du jetzt in der Szene rumfragst, wirst du da auch andere Aussagen bekommen, aber für uns war damals Speed das, was du genommen hast, wenn du richtig auf Zack sein wolltest, wenn du durchgucken wolltest und Party machen und ja.

Aber man merkt schon, es ist ein Weg, dass die Drogen immer stärker werden, so klingt das gerade für mich, ne? Ja, definitiv. Irgendwann reicht der eine Rausch eben nicht mehr aus und du willst dann mehr. Und du hast gerade schon gesagt, du bist schwanger geworden, relativ früh, ich glaube mit 19. Genau. War das geplant? War das ein Wunschkind in dem Moment? Wolltest du das alles so?

Nee, das wollte ich nicht. Ich war ja noch in der Ausbildung und war noch nicht lange mit meinem Partner damals zusammen und hatte eigentlich auch gar nicht die Lebensumstände und das war nicht geplant, nein. Und dann bist du jetzt schwanger und bist aber eigentlich schon drogenabhängig. Also hast du dann bewusst die Entscheidung getroffen, okay, jetzt darf ich keine Drogen mehr nehmen, weil da ist jetzt gerade ein Kind in meinem Bauch.

Genau, ich habe das relativ früh gemerkt, dass ich schwanger bin und habe von dem Tag an nichts mehr genommen. Ist dir das schwer gefallen? Nee, tatsächlich nicht. Das ist ja wahnsinnig, wenn man überlegt, was für ein Kampf es dann sozusagen später war. Aber in dem Moment dann zu sagen, okay, jetzt für das Kind höre ich auf. Aber es ist ja nicht beim Aufhören geblieben. Also nachdem dann das Kind da war, bist du einige Zeit clean und dann fängst du wieder an.

Erklär mir das mal, weil vom Gefühl hat man ja vielleicht schon das Gröbste überstanden, wo man denkt, ich bin jetzt eigentlich drüber hinweg und dann sagst du aber, ich mache weiter oder fange wieder an. Naja, wenn man einmal von der süßen Frucht gekostet hat im Sinne von, das ist ja nicht nur ein Konsum, du bist ja auch gesellschaftlich in einer Gruppe drin, da ist es für dein Empfinden immer lustig, da ist immer was Cooles los und der blöde Alltag ist da nicht so viel vorhanden.

Und das ist ja das, mit dem du dich dann gegensätzlich wieder auseinandersetzen musst. Gerade so das Leben einer Mutti, was, ich liebe es Mama zu sein, aber damals eben einfach langweilig war, weil ich ja den Gegensatz kannte. Und da ja nach wie vor mein gesamter Wirkungskreis irgendwo Konsumenten waren, ist man da einfach relativ schnell wieder reingerutscht, weil sonst wäre ich ja alleine geblieben.

Also jetzt für mein Empfinden damals hätte ich ja sicherlich neue Kontakte knüpfen können, aber du fühlst ja erst mal, du kennst ja gar keinen, was willst du machen? Willst du ja auch mal deine Freunde wiedersehen? Und da kommt man ganz automatisch dann wieder da rein in den Kreislauf. Wie ist die Beziehung zu deinem ersten Kind damals? Du hast gesagt, Mutti sein fandst du einerseits ein bisschen langweilig, aber ich höre auch raus, dass du es auch schön fandest, oder?

Ja, also mein Großar und ich, wir sind tatsächlich sehr, sehr eng miteinander. Der kommt auch sehr nach mir, also auch optisch sehen wir uns sehr ähnlich und... Das ist ein ganz tolles Kind, ein großes Kind mittlerweile, aber der vergöttert mich, wie ich ihn vergöttere und wir sind uns sehr nah. Ich finde das so schön, weil man sieht, wie stolz du bist, wenn du über ihn redest. Ja, bin ich wirklich. Man kann es richtig toll sehen, das strahlt irgendwie aus deinen Augen raus.

Aber dein Sohn ist nicht dein einziges Kind, du bekommst auch noch eine Tochter. Genau. Und das war, glaube ich, im Juli 2009, dass die geboren wird. Ist die Situation da ähnlich wie bei der Schwangerschaft mit deinem Sohn, dass du auch erst wieder mit Drogen aufhörst während der Schwangerschaft? Genau. Also ich habe ja dann, man hat dann immer so ein bisschen alles konsumiert. Ich war da auch in einer Beziehung, die nicht ganz so glücklich war, sage ich mal vorsichtig und ziemlich isoliert.

Und meine Tochter war tatsächlich wirklich ein Wunschkind. Also die wollte ich, die wollte ich unbedingt, die habe ich mir gewünscht. Es sollte halt ein Mädchen werden. Und als ich diesen positiven Schwangerschaftstest in der Hand gehalten habe, wusste ich, das ist ein Mädchen, da habe ich von da an auch einen Cut gemacht. Also ich habe auch die Beziehung beendet, ich habe die Wohnung gewechselt, ich habe den Großen mitgenommen und bei Null angefangen und ja.

Also ein Neustart eigentlich. Ja, ein kurzer Neustart, aber ein Neustart, ja. Aber du warst, das heißt, du warst dann schon alleinerziehend, das heißt, der Vater deiner Tochter ist nicht der Vater deines Sohnes. Ah, okay. Ja, aber dann bist du sozusagen wieder auf dich alleine gestellt, also auch durchaus nach deiner Wahl. Du hast ja gesagt, du hast dich getrennt, du wolltest eine neue Wohnung, du wolltest irgendwie neu durchstarten.

Wolltest du auch ganz bewusst neu starten, um von den Drogen auch loszukommen? Nee, das war tatsächlich kein Thema. Das war eben einfach so, dass ich keine nehmen konnte, weil ich habe ja gestillt und ich war mit den Kids alleine in der neuen Umgebung und ich hatte mich da gerade abgekapselt, mehr oder weniger von dem Bekanntenkreis, den ich durch den damaligen Partner hatte und habe dann Freundinnen wieder getroffen und die habe ich zu mir eingeladen und da war meine Tochter relativ klein noch.

Ich hatte gerade abgestillt, würde ich sagen. Ja, das passt. Ich hatte gerade abgestillt und die haben gesagt, Mensch, guck mal hier, willst du mal eine Bahn C ziehen? Und da habe ich gesagt, nee, ich glaube nicht, damit habe ich noch nie experimentiert. Und doch, das war damals irgendwie im Kommen, jedenfalls in den Kreisen, in denen ich verkehrt habe. Und dann haben die mir meine erste Bahn Christelmeff gelegt und das war...

Und ja, das war der Anfang vom Ende, würde ich sagen. Aber ich finde es so wahnsinnig spannend, dass du einerseits so willensstark bist, dass du sagst, okay, Schwangerschaft ist das positiv. Ich höre sofort auf mit der Scheiße. Und dann kommt ein Kumpel und sagt, komm, probier doch mal. Und dann, also da schlagen so zwei Seelen irgendwie in deiner Brust so ein bisschen. Ja. Du hast gerade gesagt, das war der Anfang vom Ende. Warum ist Crystal Meth für dich der Anfang vom Ende?

Also wie war überhaupt die erste Erfahrung? Vielleicht steigen wir da mal ein. Also wie hat sich das angefühlt, die erste Bahn? Wahnsinn. Also das war ein Erlebnis, wie ich es noch nie hatte. Man hat sich gefühlt wie der König von Europa, sag ich mal, wie der König der Welt. Ich war euphorisch, ich war stark, ich war mutig, ich habe mich wunderschön gefühlt. Ich hatte das Gefühl, dass ich egal welche Situation sowieso mit links rocken kann.

Und das war alles, das Alleinsein mit den Kindern, das Ungewisse, wie es in der Zukunft weitergeht, das war alles nicht mehr wichtig, weil das Zeug so gewirkt hat. Also es war von jetzt auf gleich an. Und ich glaube, es ist auch so, dass man dann auch weniger Appetit hat. Manche nehmen das ja tatsächlich auch zum Abnehmen. War das bei dir auch so? Ja, also ich habe es nicht genommen zum Abnehmen. Das war mir gar nicht bewusst, dass das eine der Nebenwirkungen ist.

Das hat sich nur automatisch eingestellt. Also man hat dann einfach keinen Hunger. Experten sagen ja, dass Crystal Meth wohl zu den gefährlichsten Drogen überhaupt gehört. Und du hast ja jetzt, wie wir schon gehört haben, einiges ausprobiert. Würdest du das auch im Vergleich zu den anderen Drogen, die du schon genommen hast, so sagen? Ja, ich habe halt keine Erfahrung mit Heroin. Ich habe aber genug Bekanntschaften,

wo ich gesehen habe, wie das endet. Und ich denke, Crystal Meth und Heroin sind da fast auf einer Stufe, würde ich sagen. Warum, glaubst du, ist das so gefährlich? Weil das Crystal Meth ja so viele Auswirkungen auf die Psyche hat. Wie gesagt, ich bin ja nicht die Einzige, die sagt, von der ersten Bahn an abhängig. Also du machst die erste Erfahrung und von da an brauchst du genau dieses Gefühl immer und immer und immer wieder mit.

Egal, was das kostet, egal, was du dafür tun musst, egal, was es bedeutet, du willst einfach dieses Gefühl. Und der Körper geht voll mit. Ich glaube, an dieser Stelle sollten wir ganz kurz einordnen und klar machen, welches Potenzial die Droge birgt, die Jennifer ab jetzt konsumiert und wie absolut lebensgefährlich sie ist. Crystal Meth, auch bekannt als Methamphetamin, ist eine synthetische Droge mit sehr hohem Suchtpotenzial.

Jennifers Schilderungen ihrer ersten Bahn, also dem ersten Konsum, bestätigen das, wie ich finde, ziemlich eindrücklich. Schon in geringen Mengen kann Crystal Meth eine starke Wirkung auf das Gehirn ausüben. Kurzfristig führt der Konsum zu einer massiven Ausschüttung von Dopamin, das in unserem Gehirn für Gefühle wie Freude oder Belohnung zuständig ist.

Diese übermäßige Dopaminausschüttung verursacht die sogenannten Heiß und dieses Gefühl intensiver Euphorie, das viele konsumentinnen und konsumenten suchen doch nach jedem high das ist bei anderen drogen auch so folgt eine down phase durch die übermäßige dopaminausschüttung sind die dopaminvorräte im körper erschöpft und das gehirn überstimuliert und auch überfordert infolgedessen wird es für die konsumenten immer schwieriger freude und belohnung ohne die droge zu empfinden

und das ist genau wo der gefährliche. Langfristig kann regelmäßiger Crystal Meth Konsum die Nervenzellen beschädigen und sogar zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führen. Also dauerhafte kognitive Defizite, Gedächtnisprobleme und emotionale Instabilität können die Folge sein. Der Schaden, den die Droge anrichtet, geht aber auch über das Gehirn hinaus und betrifft den ganzen Körper. Das bedeutet unter anderem ein erhöhtes Risiko für schwere körperliche und psychische Erkrankungen.

Und jeder von euch kennt ja wahrscheinlich die Bilder von Crystal Meth Usern vor und nach der Droge. Das ist wirklich sehr, sehr erschreckend. Jennifer sagt selbst, das ist der Anfang vom Ende. Hier stürzt man richtig in die Sucht. Ich möchte von ihr wissen, ob sie das in dieser Zeit auch so wahrnimmt oder alles eher nach und nach geschieht und sozusagen ein schleichender Prozess ist.

Ja, das ist ein schleichender Prozess. Es hat lange gedauert, bis ich überhaupt an dem Punkt war, wo ich gedacht habe, scheiße, ich glaube, du bist abhängig. Aber wahrscheinlich, weil man es am Anfang auch nicht so regelmäßig nimmt und dann immer öfter, oder? Wie war das bei dir? Genau, es geht ja gar nicht mehr. Also du kommst ziemlich schnell an den Punkt, wo du nicht mehr sagen kannst, nehme ich heute was oder nehme ich nicht, weil nimmst du nichts, bist du völlig kaputt.

Also körperlich völlig kaputt, seelisch völlig kaputt, geht halt gar nichts. Dann ist halt nur liegen. Und um aus diesem Zustand wieder rauszukommen, brauchst du eine neue Dosis Crystal Meth. Und somit kommst du in diese Spirale ganz schnell rein. Und ehe du dich versiehst, sind dreieinhalb Jahre rum. Kannst du beschreiben, wie das ist, wenn man auf Turkey ist? Also wenn man jetzt sagt, ich habe jetzt nichts oder ich nehme jetzt nichts, wie sich das anfühlt?

Also bei mir war es tatsächlich so, ich höre immer wieder, ich habe Glück, was das angeht. Ich hatte halt keine körperlichen Schmerzen. Ich war halt fraglich, ich war unruhig, ich war furchtbar übellaunig. Und, ähm, ja, schlecht gelaunt und halt dann müde. Also ich bin dann ins komatöse Schlafen gekommen. Also wirklich komatös. Und ich hatte ja teilweise die Kleine zu Hause, den Großen dann nicht mehr, aber die Kleine.

Und, ähm, die konnte dann machen, was sie wollte und ich hab's nicht mitgekriegt. Also bis zum alleine aus der Wohnung gehen und ich hab's nicht gemerkt. Das wollte ich dich gerade fragen, weil du bist ja nicht alleine auf der Welt, sondern du hast ja zu dem Zeitpunkt eine kleine Tochter. Dein Sohn ist da schon weg. Der wurde dir sozusagen schon weggenommen? Wegen des Drogenkonsums oder okay. War das denn für dich nicht so ein Weckruf, dass du gemerkt hast, du kannst nicht weitergehen?

Oder wie fühlt sich das an für eine Mutter, wenn der Sohn weggenommen wird? Das muss ja schrecklich sein. Also tatsächlich ist mir die Frage schon oft gestellt worden. Und ich kann immer nur beschämt, wirklich beschämt sagen, nein. Weil es war zwar ein Grund, da mal ein Vierteljahr aufzuhören und eine Entgiftung zu machen auf Drängen des Jugendamtes hin, aber es war kein Grund, es gänzlich zu beenden. Weil das mein gesamtes Leben ja auf den Kopf gestellt hätte.

Es war ja alles aufgebaut auf dem Fundament Konsum, also Beschaffungskriminalität. Ich war ja dann auch irgendwann diejenige, die es für andere besorgt hat und weitergegeben hat. Ich hatte dann jemanden, wo ich mit viel Geld hingegangen bin, mit viel Stoff zurückgekommen bin und es weitergegeben habe und, und, und. Also... Ich konnte das gar nicht mehr aufhören und außerdem wollte ich nicht klar durch die Welt gehen, jetzt rückblickend betrachtet.

Das ist, glaube ich, das, was es am besten trifft von der Erklärung, ja. Beschaffungskriminalität heißt, du warst auch kriminell, um dir Geld zu organisieren für die Drogen. Ja, ja. Ich habe viel geklaut, also alles, was nicht nid- und nagelfest war, Parfüms und was so in den Läden rumsteht, was man irgendwie zu Geld machen konnte, Computerspiele. Ich habe mal eine 600 Euro Strafe bekommen, weil ich ein Dildo geklaut habe und erwischt worden bin. An Heiligabend.

Ich wusste nicht, dass man Dildos auch zu Geld machen kann. Du wolltest dich wundern, was man alles zu Geld machen kann. Okay, aber das ist ja das eine. Also die drogensüchtige Frau, die kriminell wird. Aber du bist ja auch noch Mutter und hast ja die Tochter noch zu Hause. Also wie ist Familienalltag von einer Mutter, die auf Crystal Meth ist? Wie muss man sich das vorstellen? Meine Tochter lief immer auf Remote, also immer nebenher.

Ich hatte dann einen ziemlich schnellen Partner gefunden, der sich so ein bisschen der Papa-Geschichte angenommen hat. Das war er nicht, aber der hatte da irgendwie noch mehr ein Auge drauf. Wenn ich halt kein Auge drauf hatte, man teilt sich da dann irgendwie rein. Der, der gerade so halbwegs zurechnungsfähig ist, der bringt das Kind früh in den Kindergarten. und holst sie dann kurz vor Kindergartenschluss wieder ab.

Dann gibt es was zu essen und dann geht es ab ins Bett. Und das zieht sich dann halt. Am Wochenende machst du so Sachen wie, gehst mal irgendwo anders hin zu Konsumenten, die zum Glück auch Kinder haben. Da können die sowas wie spielen. Da hat man erst mal, die meiste Zeit ist es halt einfach nur dafür sorgen. Dass es ruhig ist, dass es was zu essen und was zu trinken hat und aber nicht, dass es ihm nicht schlecht geht.

Aber man ist jetzt auch nicht, man hat nicht den Gedanken, da jetzt in irgendeiner Art mütterliche oder familiäre Erlebnisse zu schaffen. Also das gab es halt gar nicht. Ich höre das jetzt gerade so ein bisschen raus. Hat dich deine Tochter manchmal gestört bei deinem Konsum und bei dem Beschaffen in dem Moment dann? Nee, gestört hat die nicht, weil die war immer dabei. Also immer mitgezerrt, entweder im Kinderwagen oder...

Ja. Aber du erzählst ja, du bist rausgegangen, ihr habt die zum Kindergarten gebracht, ihr habt die abgeholt. Da ist ja auch ein Umfeld, also wer kriegt das, das kriegen doch Leute mit normalerweise, oder nicht?

Wir haben tagelang geschlafen in unserer Neubauwohnung und wir hatten Nachbarn und wenn das Kind dann rausgegangen ist, weil es halt langweilig war oder und hat bei den Nachbarn geklingelt, die haben uns dann wachgeklingelt, damit wir das Kind wieder übernehmen oder ob es die Kindergärtner Erzieherinnen sind, die dann per Brief einen daran erinnern, dass man Frühstück mit einpacken muss oder mal eine Wechselwindel. Also das haben, glaube ich, schon alle mitbekommen, würde ich sagen.

Hättest du dir denn gewünscht, dass jemand aus diesem Umfeld eingreift und sagt, du pass auf, das ist nicht cool, was du da machst, das muss aufhören? Oder hätte das sowieso nichts gebracht zu dem Zeitpunkt? Das hätte nichts gebracht. Es gab ja genug Leute, die gesagt haben, du musst da was machen, das geht so nicht. Aber das... Durch den Rausch, in dem man ja ist, denkt man ja, was wollen die denn? Das ist doch gar nichts, doch alles super.

Die hat zu essen, die hat zu trinken, die ist ordentlich angezogen. Spielzeug ist auch genug da. Was wollen die denn? Die haben doch alle keine Ahnung. Also es hätte mir nicht, ich wäre nicht freiwillig gegangen. Wenn du jetzt an diese Zeit zurückdenkst oder vielleicht auch mit deiner Tochter drüber redest, gibt es da Erinnerungen, vielleicht auch wenigstens an schöne Zeiten, die man gemeinsam hatte in dieser Zeit?

Nee, das ist tatsächlich, glaube ich, ein blinder Fleck, Die Kleine erinnert sich. Wir sprechen nie über die Phase, auch mit dem Großen nicht. Ich habe das immer mal angefangen, aber schöne Erinnerungen gab es, wenn wir bei meiner Mama waren. Das waren so Weihnachtsfeste, als die Beziehung noch bestanden hat oder Ostern oder so Familienfeste, die man dann mal aufeinander gehockt hat, sage ich jetzt mal so, oder miteinander verbracht hat.

Aber wir zu Hause, also ich habe mit dem Großen Erinnerungen, wo er klein war. Wir haben viel gebastelt und der hatte ein Bobbycar, was er sehr geliebt hat und so ein Lauflernfahrrad, was immer überall mit hin musste. Da sprechen wir viel drüber, aber meine schlimme Konsumzeit, da sprechen wir nicht drüber. Die Kleine weiß, glaube ich, nichts mehr davon.

Ich denke nicht, ich habe die mal an Silvester alleine gelassen, weil ich bei einer Freundin war und die ist wach geworden von dem Knallern und dem Gewitter. Das ist tatsächlich nachhaltig hängen geblieben. Die hatte viele Jahre noch Angst vor Gewitter. Aber so, dass die mal gekommen ist und gefragt hat oder... Wie alt war sie da, als du sie alleine gelassen hast an Silvester?

Zweieinhalb. Oh, krass. Ich habe gelesen, 2011 gibt es eine Situation, die sehr krass ist, dass sie, glaube ich, dann beide Kinder weggenommen werden. Kannst du erzählen, was da passiert ist? Das war am Geburtstag von meinem Großen. Wir waren schon viele, viele Tage wach und ich war ziemlich drüber und ich habe den Großen früh in die Schule geschafft.

Das war fußläufig zehn Minuten und habe so ein bisschen dekoriert und einen Kuchen vorbereitet und habe die Kleine in ihr Bettchen gelegt nach dem Mittag und habe gedacht, jetzt legst du dich mal lieber noch zwei Stunden hin und rufst dich aus, dass du nachher wenigstens zu der Geburtstagsfeier halbwegs geradeaus gucken kannst.

Und habe mich hingelegt und bin dann irgendwann wach geworden vom Hämmern gegen die Tür und vom Sturmklingeln und vom lauten Brüllen von der Kleinen und habe auf die Uhr geguckt und habe gesehen, es ist dreiviertel acht abends. Draußen vor der Tür stand die Polizei und das Jugendamt, die mir mitgeteilt haben, dass ich meinen Sohn nicht aus der Schule abgeholt habe, niemand erreichbar war, die Kleine seit Stunden schreit und dass sie gerne mal in meine Wohnung kommen wollen.

Da hat es nicht lange gedauert, da haben sie ihren Rundgang gemacht und da war eigentlich klar, dass ich nicht in der Lage bin, für Kinder zu sorgen und das ist mir mit sofortiger Wirkung entziehen. Dann waren beide erst mal weg. Genau, der Große ist zu seiner Oma gekommen, zur Mutti von seinem Papa. Und die Kleine musste sich in eine Pflegefamilie bringen. Und wie lange warst du wach zu dem Zeitpunkt am Stück, dass du so eingeschlafen bist?

Ich meine, irgendwas gelesen zu haben von anderthalb Wochen, kann das sein? Ja, das haut hin. Anderthalb Wochen? So sieben bis neun Tage war damals normal, ja. Aber wie fühlt man sich an? Also weißt du, wenn ich jetzt mal schlecht geschlafen habe, da bin ich den ganzen Tag nicht zu gebrauchen. Aber anderthalb Wochen wach, also wie ist das? Da bist du eigentlich nur noch Zombie. Also da geht gar nichts mehr. Da gehen die leichtesten Handlungen, fallen schon unglaublich schwer.

Und da handelt man nur noch auf Autopilot, glaube ich. Aber jetzt, also in dem Moment, wo dir die Kinder weggenommen werden, kannst du nachvollziehen, warum? Also bist du dann noch so vernünftig, dass du siehst, ja, okay, das ist besser für die, wenn die nicht bei mir sind? Oder wie hast du dich da gefühlt, als die Kinder weg waren? Also ich war völlig verzweifelt. Ich musste ja die Kleine in so eine Pflegefamilie bringen.

Mich haben die erst mal eingewiesen für eine Nacht, weil ich völlig hysterisch war. Und als ich dann zwei Tage später, glaube ich, wieder in meine Wohnung kam und das Ausmaß des Ganzen gesehen habe, war mir schon bewusst, dass es richtig war. Aber ich habe auch von diesem Moment an, als sie sie mir weggenommen haben, habe ich gebettelt und gekämpft, dass ich sie wiederkriege.

Also die haben aber halt gesagt, wenn sie eine Entgiftung gemacht haben und wieder draußen sind und die überstanden haben, kriegen sie die Kinder wieder. Und dann war das mein oberstes erklärtes Ziel. Das heißt, du hast dir schon fest vorgenommen, ich höre jetzt mit den Drogen auf, ich will meine Kinder wiederhaben. Das ist jetzt mein Ziel. Nee, ich habe gesagt, ich mache eine Entgiftung und dann kriege ich die Kinder

wieder. Aber ist das nicht das Ziel von der Entgiftung, dass man mit den Drogen aufhört? Von der Sache her schon, ja. Okay, aber eigentlich wolltest du nicht aufhören. Du hast gesagt, das mache ich jetzt oder das spiele ich denen jetzt vor, damit ich die Kinder wiederkriege. Genau, dann mache ich jetzt halt eine Entgiftung und dann habe ich die Kinder wieder. Und wie ist dann euer Leben, also deine Tochter ist dann wieder bei dir, dein Sohn nicht zu dem Zeitpunkt. Der ist ja bei der Oma.

Wie ist das Leben mit dir und deiner Tochter bis zu dem Tag, an dem du dich dann an das Jugendamt wendest? Weil es ist ja, glaube ich, dann nicht besser geworden von da an, sondern im Gegenteil eher. Von da an war das ein ganz stumpfer Tagesablauf. Aufstehen, Kind in den Kindergarten, Stoff besorgen oder konsumieren oder irgendwo rumsitzen. Abends Kind wieder abholen, bespaßen, ins Bett bringen. Dann ging der Zyklus wieder los. Wir haben ja meistens in der Nacht gelebt.

Also tagsüber war ja nicht viel. Und wie ich schon gesagt habe, dann vergehen eben mal ganz schnell zweieinhalb Jahre oder dreieinhalb. Also du bist ja dann trotzdem vom Jugendamt betreut. Die haben ja dir sozusagen die Tochter wiedergegeben und eigentlich würde ich mir das jetzt in meiner naiven Weltsicht so vorstellen, dass die dann so Kontrollbesuche machen und gucken, ob es der Tochter gut geht, wie du dich machst und so.

Wie kann das denn sein, dass da von denen keiner eingegriffen hat in dieser Zeit? Das kann ich dir tatsächlich auch nicht beantworten. Es gibt da Verträge, die man unterschreibt. Wenn nicht, dann wird da so ausformuliert. Wenn du nicht funktionierst und die vorgegebenen Termine einhältst, dann Kind weg. Wenn du nicht regelmäßig bei der Suchtberatung sitzt und deine Gespräche führst und das dokumentieren lässt, dann Kind weg.

Wenn die Kleine unentschuldigt im Kindergarten fehlt und es kommt zum Jugendamt, dann Kind weg. Also ich hatte bestimmt drei oder vier solche Ausfertigungen und ich habe auch unangemeldete Besuche gehabt, aber entweder war ich nicht zu Hause oder aber ich habe an der Sprechanlage gesagt, das passt mir jetzt gerade nicht, ich melde mich und dann ging das immer irgendwie. Also eigentlich hast du die ein bisschen verarscht. Ja. Aber dass du das machst, finde ich total nachvollziehbar.

Aber dass du damit durchkommst, das finde ich krass irgendwie, dass die da nicht hinterhergehen so. Ja, das war schon auch großes Glück, dass da klar nie was passiert ist. Also, dass das... Wirklich, also dass das irgendwie immer funktioniert hat und die sich nicht durch unsere Unachtsamkeit oder Unmöglichkeit da irgendwie was getan hat, das war schon großes Glück. Und gibt es dann diesen einen ausschlaggebenden Punkt, wo du sagst, jetzt geht es so nicht mehr weiter?

Also passiert was, bevor du an dem Morgen in den Spiegel guckst oder ist das wirklich der Moment, wo du sagst, jetzt geht es gar nicht mehr? Das war dann, also bis zu diesem Morgen, es war dann halt so ein stetiger Abbau. Also ich bin aus der Beziehung raus, ich habe mit dem Menschen gebrochen, von dem ich meinen Stoff bekommen habe.

Es haben sich eigentlich alle von mir abgewendet, weil ich ja für Geld, also ich habe das Geld von anderen Leuten genommen und nicht wiedergebracht, habe mich dafür selber versorgt. Und die im Kindergarten, die haben mich immer nur noch schräg angeguckt. Das war ein einzigster Krampf. Ich habe keine staatlichen Gelder mehr bezogen. Also ich hatte nichts. Und um was zu bekommen, musste ich halt immer entweder klauen oder jemanden bescheißen. Und dann war ich in einer Partnerschaft.

Der ist dann ins Gefängnis gekommen über Nacht. Und damit war so mein letzter Bezugspunkt weg. Meine Mutter hatte schon lange, lange, lange mit mir gebrochen. Und meine Schwester wollte auch nichts mehr mit mir zu tun. Also ich war wirklich mutterseelenallein mit der Kleinen. Zu dem Großen konnte ich nicht mehr, weil ja immer so durch war. Da konnte ich nicht hingehen, das wollte ich dem auch nicht antun. Also habe ich den auch kaum noch gesehen und ich war, wie gesagt, abgemagert.

Es hat nichts mehr ausgesehen an mir. Und ja, und irgendwie an dem Morgen, es war ja kein Morgen, es war ja Mittag. Ich bin Mittag wach geworden. Die Kleine hatte in ihrem Zimmer schon wieder, ich glaube, die Wände voll. Also irgendwie hatte sie sich selber beschäftigt. Aber es war nichts im Kühlschrank. Und ich hätte mit dem Bus fahren müssen, um die in den Kindergarten zu kriegen. Aber ich habe keine Buskarte gehabt. Das heißt, ich musste wieder schwarz fahren.

Vorher war das alles immer irgendwie normal. Also es gab immer mal solche Morgende, wo wir dann halt erst zum Bäcker gegangen sind und was zu essen, ihr besorgt haben oder oder. Aber an diesem Morgen war halt einfach, ja, sprichwörtlich, das Maß war voll. Und ich höre jetzt raus, dass auch diese Einsamkeit eine große Rolle gespielt hat, dass du niemanden mehr hattest, der an deiner Seite war. Glaubst du, dass du überhaupt an diesen Punkt nur gekommen bist, weil du so alleine warst?

Oder wenn du jetzt noch einen Partner gehabt hättest, der weiter konsumiert, dann wäre es vielleicht so weitergelaufen, oder? Ich denke ja, also es ist jetzt rein hypothetisch, aber ja, ich denke, man muss ganz, ganz allein sein. Ganz, ganz mutterseelenallein und niemand. Weil wenn da noch jemand ist, der dich in irgendeiner Art und Weise, sei es jetzt emotional oder finanziell unterstützt und subventioniert, kommst du ja gar nicht an den Punkt zu sagen, oh, jetzt kracht aber die Realität.

Und erst wenn dieser Faktor eingetreten ist, dass man ganz, ganz, ganz alleine ist, dann kommt man, glaube ich, dazu, sich vollends zu reflektieren und zu sehen, dass es Ende erreicht ist auf einer Stange. Also wirklich dieses Klischee, dass man erst ganz am Boden ankommen muss, bevor es wieder besser werden kann. Aber dir ist in dem Moment schon bewusst, dass du jetzt alles auf den Kopf stellst, wenn du die jetzt in dein Leben lässt vom Jugendamt und sagst, ich brauche Hilfe.

Also du weißt, dass sich in diesem Moment dein Leben ändern wird. Genau, ich bin ja nicht einfach so zum Jugendamt und habe gesagt, ich brauche jetzt Hilfe. Ich hatte, warum auch immer, alle Zusammenhänge sind mir leider nicht mehr vertraut. Ich hatte damals eine Familienhilfe am Anfang von der Betreuung, die war sehr bemüht, hat die mir versucht so Optionen aufzuzeigen, wie es halt sein könnte und ist mit mir.

In meine spätere Einrichtung gefahren und hat gesagt, wir gucken uns das einfach mal an und wie sowas aussieht. Und das ist ein Mutter-Kind-Heim und vielleicht ist das ja was für dich. Und da habe ich gesagt, naja, ihr seid mir weiter auf die Nerven geguckt, du guckst es dir mal an. Und das liegt total ländlich im Grünen und der Weg dahin, es war so schrecklich alles.

Wir sind da durch diesen wunderbar sonnendurchfluteten Wald gefahren und ich habe gedacht, oh Gott, oh Gott, oh Gott, du willst hier einfach nur noch weg. Und auch dieser Einrichtung, wo man von früh bis spät in irgendeiner Art und Weise reglementiert wird und alles vorgegeben ist, man darf nicht raus, man darf seine Kontakte nicht mehr pflegen. Alles in mir hat dann Nein geschrien und das habe ich da auch so kommuniziert. Ich will hier weg, das ist überhaupt nichts für mich.

Und irgendwie ist das aber hängen geblieben. Und an diesem Morgen wusste ich eben, du gehst da jetzt hin, du machst jetzt Schluss mit dem ganzen Mist und hier ist jetzt Feierabend, du packst deine Koffer und nur noch hier weg, dich hält hier nichts mehr und da geht es jetzt für dich hin. Und dann bist du dahin in dem Wissen, dass dein Leben sich ändert, dass du aufhören willst mit den Drogen?

Genau, ich habe mich auch verabschiedet. Das wäre jetzt meine Frage, hast du dich von den Drogen verabschiedet? Wie verabschiedet man sich von Drogen? Genau, ich hatte dann wieder den Kontakt zu meiner Mutti aufgebaut und die hat gesagt, ich fahre dich, Kind. Und an diesem Morgen, ungefähr eine halbe Stunde, bevor meine Mama kam, hatte ich mir nochmal eine große Ladung Crystal Meff besorgt und habe mir da quasi meine letzte Bahn gelegt.

Und die war unglaublich groß und überdimensioniert und habe für mich gesagt, das ist das allerletzte Mal in deinem Leben, dass du das tust. Und das habe ich gemacht und saß ziemlich neben mir sitzend, neben meiner Mutter. Und die hat mich dann dahin gefahren. und ich habe nicht eine Träne nachgeweint, also auch nicht, als wir aus der Stadt rausgefahren sind. Ich wusste, hier ist für mich Schluss.

Kein Zurück mehr. Auf einmal ist da so eine große Stärke wieder in dir, die dich da leitet und die dich das machen lässt. Ja. Wahnsinn. Wie ist das in so einer Einrichtung? Ich stelle mir das ganz schlimm vor, auch den Entzug körperlich. Wie war das bei dir? Ja, ich habe geschlafen. Ich habe vier Tage lang sehr gut geschlafen, wie ein Stein.

Ich bin da angekommen, da haben die mich aufgenommen und die haben für mich auch ihr Regelwerk ziemlich ausgedehnt, weil normalerweise kommen die Muttis, die da hinkommen, die kommen direkt aus Entgiftungseinrichtungen, das heißt, die sind schon mindestens drei Wochen drogenfrei und ich bin da hingekommen und habe gestrahlt wie drei Atomkraftwerke, aber die haben irgendwie, haben die für mich halt gesagt, okay, dann machen wir eine Ausnahme,

du hast nicht nur vier Wochen Ausgangssperre, du hast dafür sechs Wochen Ausgangssperre, und das war mir alles egal, ich wollte eigentlich mich nur hinlegen und schlafen und wie gesagt, die ersten vier Tage habe ich wie im Koma geschlafen Und die Kleine wurde da in der Kindereinrichtung quasi betreut und dann abends von, das sind ja immer Betreuer, die haben sich dann um die Kleine gekümmert und am vierten Tag saß dann irgendwann

mal jemand bei mir am Bett und hat mich freundlich darauf hingewiesen, dass wenn ich jetzt nicht in die Gänge komme, dann müsste ich in die Entgiftung und da habe ich mich dann hochgekämpft und... Da zurück ins normale Leben gekämpft, würde ich jetzt mal sagen. Ich meine, das ist ja auch spannend, das normale Leben, was für uns alle jetzt eben das normale Leben ist, das gab es ja für dich ganz lange nicht mehr. Also du musst eigentlich nochmal komplett alles neu lernen, wie man so einen

Alltag auch nüchtern gestaltet, oder? Ja, du lernst alles nochmal. Also ich hatte ja auch, ich hatte keine Tagesstruktur. Ich hatte keine Körperhygiene jetzt im weitesten Sinne, aber so, dass man regelmäßig duschen geht und Sachen wäscht und Mahlzeiten zu sich nimmt und macht, dass man vor und hinter sich aufräumt, dass man Ordnung hält, dass man, also schon alleine, dass früh um sieben, Punkt um sieben am Frühstückstisch sitzen, das war wirklich eine Herausforderung.

Aber dadurch, dass das Regelwerk eben so eng war und der Tagesplan so eng gestrickt und verbindlich gestrickt war, fiel es mir nach kurzer Zeit unglaublich leicht, dem nachzugehen. Und die Zeiten habe ich irgendwie heute noch drin in vielen Dingen. Also bis vor einem Jahr gab es bei uns Punkt zwölf Mittag, weil das eben in der Einrichtung so war. Punkt zwölf gab es Mittag. Und das hat mir viel geholfen.

Und wie ist der Kontakt zu deinem Sohn in der Zeit? Der ist ja noch bei Oma, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Also sieht man sich da in so einer Einrichtung zwischendurch auch mal? Du hast ja die ersten sechs Wochen die Schonfrist, also absolutes Kontaktverbot. Das funktionierte dann über Briefe schreiben. Und danach, meine Mutti hat den Kontakt zu meinem Sohn immer sehr eng gehalten. Die haben sich sehr regelmäßig getroffen. Eigentlich jedes zweite Wochenende war der bei ihr.

Und als es dann endlich hieß, Besuchszeit, das war tatsächlich sogar zu seinem Geburtstag, Dann kamen sie mit ihm zu uns und da haben wir, das waren immer so kleine Wohneinheiten, da haben wir zwei Muttis mit ihren Kindern zusammengelebt. Jeder hatte sein eigenes Zimmerchen, Schlafzimmer und Wohn- und Essbereich waren zusammen und da haben wir alles schön dekoriert und von da an war der Große jede zweite bis jede dritte Woche übers Wochenende mit bei uns.

Und was ist damals dein Ziel oder denkst du da überhaupt schon an ein Ziel? Sagst du, ich möchte gerne alleine leben, ich möchte wieder einen Job finden oder was ist dein Antrieb in dieser Zeit? Das ist mir fast ein bisschen peinlich, aber ich hatte damals eine Beziehung, als ich in die Einrichtung gekommen bin. Und als ich dann da rein bin, habe ich gesagt, okay, ich mache das jetzt ein Jahr. Und dann suche ich uns eine Wohnung in der nächstgrößeren Stadt, die da daneben liegt.

Und dann fangen wir da ein total supi, tolles Leben zusammen an.

Der junge Mann hatte da aber nach kurzer Zeit schon überhaupt keinen Bock mehr drauf und ich stand dann vor dem Scherben meiner geplanten Zukunft und wusste dann gar nicht mehr so wirklich und habe mich dann aber mit viel Hilfe mit der psychologischen Betreuung, die es da gab und den Sozialarbeitern einfach erst mal auf die ganze Sache so eingelassen, dass ich gesagt habe, ich gebe mir jetzt einfach Zeit zu heilen und bleibe da erst mal und schaue und lasse das unser Zuhause werden.

Und das wurde es auch dann ziemlich schnell und ziemlich intensiv. Und dann gab es eigentlich nur noch das für mich als Lebensmittelpunkt. Und hätte ich nicht gehen müssen, würde ich da, glaube ich, auch immer noch wohnen. Das wäre jetzt mal eine Frage gewesen. Wie lange warst du dann in der Einrichtung? Ich war drei Jahre. Ein Jahr ist vollstationär, ist festes Reglement. Also diese zwölf Monate, die muss man durchlaufen.

Und dann hat man die Möglichkeit zu sagen, okay, ich erprobe mich im Teilstationären, und ziehe in so eine Wohnung, die auf dem Gelände ist. Aber man ist dann quasi mehr oder weniger, man versorgt sich selber, man plant und bestreitet den Alltag alleine, aber hat halt immer noch die Schutzfunktion der vollstationären Betreuung, 50 Meter Luftlinie, sage ich mal.

Man hat immer noch einen Ansprechpartner, man hat immer noch die psychologische Unterstützung, aber grundsätzlich bestreitet man seinen Alltag ganz alleine. Und das geht nochmal zwölf Monate. Und ich war halt dann nochmal zwei Jahre da. Aber irgendwann hast du dann wirklich so ganz, ganz, ganz alleine gewohnt in einer eigenen Wohnung im normalen Leben.

Genau, als sie dann irgendwann kamen und gesagt haben, also es wäre jetzt mal an der Zeit, dass du vielleicht mal ganz alleine auf eigenem Bein stehst, habe ich mir nicht weit von der Einrichtung entfernt, einfach weil die Kinder an die Schule gegangen sind, am nächsten Ort, habe ich mir da am nächsten Ort eine Wohnung gesucht.

Genau, du hast gerade schon gesagt, die Kinder, Das heißt, irgendwann kommt dann auch der Zeitpunkt, wo du, glaube ich, noch in dieser Einrichtung bist, wo dein Sohn dann auch wieder zu dir zurückkommt, nach langen Jahren, wo er nicht bei dir gelebt hat. Kannst du beschreiben, wie es dazu kam?

Also irgendwann wird das einfach eine Last oder eine Qual, wenn du jedes zweite Wochenende und die Ferien miteinander verbringst und es immer damit endet, dass du zum Bahnhof fährst und den Jungen in den Zug setzt und sagst, gut, wir sehen uns in 14 Tagen. Und es haben einfach alle Rahmenbedingungen gepasst. Also ich war stabil, die Kleine war wohlauf, wir hatten uns soweit eingelebt.

Als wir dann irgendwann im Frühjahr oder nach Ostern am Frühstückstisch gesessen haben, zusammen zu dritt, habe ich gesagt, Großer, wenn das neue Schuljahr losgeht im August, ziehst du zu uns. Und hat er gesagt, ja okay, Mami, das mache ich. Und so war es dann auch. Ich sehe gerade, das bewegt dich sehr, dieser Moment. Ja, jedes Mal. Aber es sind Tränen der Freude, oder? Wenn du daran denkst. Weil du wusstest, jetzt wächst es wieder zusammen, was zusammengehört.

Genau, jetzt gehört, dann gehört wieder zusammen, was zusammengehört. Wenn du heute daran denkst, ich sehe, das macht dich immer noch sehr emotional, oder? Ja, immer. Also ich spreche nicht viel drüber, aber viel verdrängt man ja auch automatisch. Schiebt man nach hinten und weg, weil die Schuld einem ja eigentlich immer auf den Schultern liegt. Und wenn ich dann mal tiefer in die Materie gehe und drüber spreche, dann blitzt das schon immer wieder auf.

Du hast es gerade selbst angesprochen, Schuld. Schuldgefühle sind, glaube ich, also du hast, glaube ich, große Schuldgefühle, oder? Ja. Ja. Geht das weg? Wird das besser mit der Zeit? Oder tut dir das immer noch weh?

Nee, das geht irgendwie nicht weg. Also tatsächlich, weiß ich nicht, das bedeutet ja auch, also ich weiß nicht, wie das bei anderen ist, aber bei mir äußert sich das halt darin, dass ich es allen oder beziehungsweise meinen Ängsten immer so schön wie möglich machen will und allen immer alles recht mache. Auch den Kindern, also die haben, den lese ich eigentlich jeden Wunsch von den Augen ab. Was auch nicht immer so gut ist oder zielführend ist, aber das wird man nie

so richtig los. Das lässt dann irgendwann mal nach. Irgendwann ist es nicht mehr so oben auf, dass man jetzt denkt, ich muss da wieder gut machen, ich muss da wieder gut machen. Aber ja, es ist schon ständiger Begleiter. Ist das ein Thema, also deine Sucht, die ja gerade bei deinem Sohn, der war ja noch älter und hat vielleicht auch noch mehr mitgekriegt,

die hat ja schon Teile seiner Kindheit bestimmt. Also ist das was, worüber ihr redet, was ihr zusammen aufarbeitet oder wie muss man sich das vorstellen? Nee, der Große will nicht drüber sprechen und die Kleine war als kleines Mädchen in psychologischer Betreuung und damals habe ich gedacht, vielleicht lässt du den Großen einfach auch mal.

Da zu Wort kommen, vielleicht gibt es ja Dinge, die ausgesprochen werden müssen, die er bei mir nicht kann, weil wenn ich ihn drauf anspreche, sagt er immer, wir müssen über nichts reden, es ist gut jetzt, wie es ist und du brauchst dir keine Sorgen machen, es ist alles in Ordnung, ich habe nichts, worüber ich reden muss und ich dachte, vielleicht liegt es ja daran, dass er mit mir nicht drüber sprechen will und ich habe ihn da mal begutachten lassen und mal ein Gespräch führen lassen und

die amtliche Meinung war, da ist nichts mit dem, der sich irgendwie nachträglich noch auseinandersetzt. Er hat das verarbeitet und ja, da ist alles soweit gut. Bei deiner Tochter ist das ein bisschen anders, habe ich so rausgehört, obwohl sie noch sehr klein ist. Also die hat schon ein Stückchen davon mitgenommen, oder? Ja, die hat schon ein bisschen Bindungsängste. Ist auch nicht klar, ob diese, die hat ja mit der Aufmerksamkeit zu kämpfen, so die ersten Schuljahre.

Und die hat halt auch Bindungsängste und Und so ein bisschen Probleme mit ihrem Selbst, wo ich mir vorstellen könnte, dass das vielleicht alles so ein bisschen damit, gerade so diese Bindungsstörung, die sie hat, das geht schon sicherlich alles so, lässt sich auf die Zeit zurückführen. Das eine ist ja, glaube ich, Schuldgefühle zu haben. Du hast gesagt, die sind irgendwie immer noch da. Das andere ist ja das Verzeihen. Kannst du dir selbst verzeihen? Nee, das kann man sich nicht verzeihen.

Also das wird ja in vielen Sitzungen bei der Psychologin und in den Gruppen, die man da hat, wird das alles durchgekaut. Und ja, da lernt man auch, damit umzugehen und sich zu verzeihen. Aber unterm Strich, verzeih dir das doch mal. Denk mal darüber nach und lass das auf dich wirken und sag dann ja, ich vergebe dir. Also an dem Punkt weiß ich nicht, ob man da jemals hinkommt, Als jemand, der da in der Situation wirklich war und der da auch ehrlich und offen ist.

Also ich kenne keinen, der sagt, ja, ich verzeih mir das. Ich kann es mir nicht verzeihen. Ich kann auch nicht sagen, ob es anders hätte gehen können im Umkehrschluss, aber verzeihen kann ich mir nicht nehmen. Ich finde, das merkt man bei dir sehr, dass du ein wahnsinnig ehrlicher Mensch bist, der sich auch selber überhaupt nicht schont.

Also das ist ja, wenn du so Gespräche führst, merkst du manchmal, wenn Leute ihre Geschichte erzählen, dass die sie selber so erzählen, dass sie in einem guten Licht erscheinen. Weißt du, wie ich das meine? Und du bist ja gar nicht so. Du haust dir auch selber ordentlich einen dabei mit. Das finde ich sehr, sehr beeindruckend. Und du bist jetzt seit diesem Moment, wo du die letzte Line da gezogen hast, bist du clean. Wie lange ist das jetzt her? Am 31.07.11 Jahre.

Wow. Erstmal dazu herzlichen Glückwunsch. Dankeschön. Nach so langer Zeit hat man dann noch Angst, rückfällig zu werden oder begleitet dich das nicht mehr so? Nee, gar nicht. Also es war wirklich, ich habe damals diesen Abschiedsmoment gewählt und da war das auch gut. Also ich habe auch nie viele Sachen, ja, ich kriege, wenn ja jemand drüber spricht, Suchtdruck oder da erinnern mich Geräusche dran oder da, wenn ich einen Film gucke, kriege ich Suchtdruck.

Ich hatte das tatsächlich nie. Also ich habe gesagt, damit ist jetzt Schluss und das war auch so. Und ich habe ja dann auch meinen Wirkungskreis komplett verändert. Ich habe jetzt niemanden mehr, wo ich sagen würde, das hätte mich auch damals, hätte mich verleiten können. Also... Nee. Du hast ja nach deinem Entzug eine Umschulung gemacht, hast inzwischen einen richtig guten Job, du lebst mit deinen beiden Kindern zusammen. Kannst du stolz auf das sein, was du geschafft hast? Habe ich sowas von.

Absolut, das kannst du wirklich. Aber ich weiß es von mir selbst, ich kann nicht gut auf mich stolz sein. Und ich finde, du hast auf jeden Fall allen Grund, stolz zu sein. Und schön, dass du das kannst und dass du dir das eingestehen kannst. Ja, ich habe jetzt seit drei Jahren meinen Führerschein und es vergeht kein Morgen, an dem ich nicht in mein wunderschönes Auto einsteige und mir auf die Schulter klopfe und sage, das hast du so mega geil gemacht.

Wirklich, wirklich, wirklich. Das ist so schön zu hören. Gibt es was, was du anderen Menschen, die vielleicht süchtig sind und eventuell diesen Podcast hören, denn du bist ja auf eine Art auch ein Vorbild, zumindest für den Weg, den du dann gegangen bist, was du aus deinem Leben gemacht hast, finde ich schon, dass du ein Vorbild bist. Gibt es etwas, was du solchen Menschen sagen wollen würdest? Ja, hab den Mut und geh es an.

Hab den Mut und geh es an es gibt ein Leben außerhalb der Sucht es gibt ein danach es gibt auch beruflich und, den sozialen Aspekt es gibt ein Leben danach und es kann weitergehen und es kann viel viel schöner werden also, ja, das ist unterm Strich das und alles was einem immer erzählt wird wie schlimm es sein kann und wie elend man sich fühlt das lässt alles nach, selbst wenn man an diesen Punkt kommt das lässt alles nach und danach wird es auch schön. Man muss es nur angehen.

Hätte damals irgendjemand oder irgendetwas dir helfen können, es früher rauszuschaffen? Nein. Nee. Nur du selbst? Ja, nur ich selbst. Ich habe immer zwei Abschlussfragen, die ich meinen Gästen stelle. Und die erste ist, wenn du heute auf diesen Moment, also diesen einen Moment zurückblickst, wo du sagst, ich brauche Hilfe, was löst dieser Moment in dir aus?

Gänsehaut und ein Stück weit Freude, weil ich sage immer, es wäre nicht, wie es ist, wenn ich gewesen wäre, wie es war und das trifft eigentlich. Das stimmt, das ist ein sehr schlauer Satz, je länger man darüber nachdenkt. Und dann die zweite Frage, wie war das für dich heute mit mir über diesen einen Moment zu sprechen. Auch wieder Gänsehaut.

Aber tatsächlich erinnere ich mich wieder ein bisschen dran, durch welche steinige Strecke wir gelaufen sind, wir drei, also die Kids und ich und auch meine Familie und es macht mir aber auch wieder bewusst, wie toll wir es jetzt haben. Wie gut wir es haben, was wir uns geschaffen haben, was ich uns geschaffen habe. Und darauf kannst du verdammt stolz sein. Vielen Dank. Ich habe heute ganz viel gelernt als jemand, der Zigaretten raucht und trinkt und sich sonst nicht so gut mit Drogen auskennt.

Aber du kannst so wahnsinnig stolz auf dich sein. Also danke für deine Ehrlichkeit. Danke. Was für ein Gespräch. Ich finde, man hat gemerkt, dass Jennifer diese Zeit immer noch sehr bewegt, was ich absolut nachvollziehen kann und dass sie auch immer noch damit kämpft, was sie damals gemacht hat und damit auch ihren Kindern angetan hat. Trotzdem ist sie eine sehr humorvolle und starke Frau, die ich wirklich nur bewundern kann, denn diesen Weg zu gehen, das ist wahrlich nicht einfach.

Und der Weg in die Drogensolvenz Das klingt halt so absolut klassisch, in der Jugend mal probiert und irgendwie falsches Umfeld und dann dran hängen geblieben. Aber deshalb finde ich es umso bemerkenswerter, wie ehrlich Jennifer heute mit sich selbst ins Gericht geht. Und ich freue mich so sehr für sie, dass sie und ihre Kinder nach allem, was passiert ist, ein gutes Verhältnis pflegen und sie einen Neustart geschafft hat.

Wir hören uns in zwei Wochen wieder mit der nächsten Folge dieser einen Moment. In der Zwischenzeit könnt ihr natürlich gerne Gastvorschläge rüberschicken. Und zwar per Mail an dieser eine Moment in einem Wort. Dieser eine Moment at wemind.de und wemind schreibt man wemind.de Ich freue mich auf eure Gastvorschläge und ich freue mich natürlich noch mehr, wenn wir uns in zwei Wochen wiederhören. Tschüss. Dieser eine Moment, der Podcast mit Philipp Fleiter.

Transcript source: Provided by creator in RSS feed: download file
For the best experience, listen in Metacast app for iOS or Android