"Holt mich ins Kinderheim" mit Jeremias Thiel - podcast episode cover

"Holt mich ins Kinderheim" mit Jeremias Thiel

Oct 20, 20241 hr 5 minSeason 1Ep. 9
--:--
--:--
Download Metacast podcast app
Listen to this episode in Metacast mobile app
Don't just listen to podcasts. Learn from them with transcripts, summaries, and chapters for every episode. Skim, search, and bookmark insights. Learn more

Episode description

Jedes Jahr veröffentlich das statistische Bundesamt Zahlen zur Armutsgefährdung in Deutschland. Armut ist ein vieldimensionales Phänomen und umfasst nicht nur die finanzielle Lage, sondern auch soziale Faktoren. Wie es aussehen kann, in einer betroffenen Familie aufzuwachsen, erzählt uns Jeremias Thiel. Jeremias’ Eltern sind beide langzeitarbeitslos, die Familie lebt von Arbeitslosengeld. In der Schule und der Nachbarschaft hat er zwar Freunde, aber zu Hause herrscht Chaos. Jeremias ist mangelernährt, wird regelmäßig zu Hause eingesperrt, sammelt Pfand und trotzdem bleibt kein Budget für ihn, jeder Cent fließt in die Haushaltskasse - und die Spielsucht seiner Mutter. Sein Vater wohnt mittlerweile in einer anderen Wohnung. Jeremias’ Kindheit wird von vielen Schamsituationen begleitet. Kurz nach seinem 11. Geburtstag ereignet sich ein Zwischenfall, nach dem Jeremias das Jugendamt eigenständig bittet, ihn aus seiner Familie zu holen. Das SOS-Kinderdorf ist sein Wendepunkt, es bietet klar strukturierte Tage und Regeln, man finanziert ihm Hobbys, Jugendfreizeiten und ein kleines Taschengeld. Jeremias blüht auf und politisiert sich. Ein Vollstipendium ermöglicht ihm später nach Minnesota in die USA zu ziehen, um Politikwissenschaften zu studieren. 2020 veröffentlicht er ein autobiografisches Buch, es ist umfasst Beschreibungen, Statistiken und Zahlen zu Kinderarmut, sozialer Benachteiligung und fehlender Chancengerechtigkeit - davon ist auch diese Folge geprägt - das Buch wird ein Spiegel-Bestseller. Zuletzt arbeitete Jeremias als Referent der SOS-Kinderdörfer - langfristig sieht er sich aber in der Politik, sein größtes Anliegen ist dabei Pluralismus und Repräsentation diverser Gesellschaften. Seinen Eltern macht Jeremias keine Vorwürfe, er sieht ihr Verhalten, damals wie heute, als Produkt ihrer Erfahrungen.

Mehr zu Jeremias und seinem Engagement auf LinkedIn „Jeremias Thiel“. Jeremias’ Buch: https://www.piper.de/buecher/kein-pausenbrot-keine-kindheit-keine-chance-isbn-978-3-492-99618-1-ebook

Immer auf dem Laufenden über Philipp und seine Projekte auf Instagram @philippfleiter

Dieser Podcast ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMynd im Auftrag von Podimo. Neue Folgen alle 14-Tage Montags überall, wo es Podcasts gibt.

Redaktion: Philipp Fleiter und Laila Keuthage | Produktion: WeMynd

Abonniert den Podcast, um keine Folge zu verpassen. Teilt die Folgen mit euren Liebsten und lasst uns eine Bewertung da


Transcript

Wenn der Kühlschrank leer ist und die Mutter den ganzen Tag weg ist und man sie abends in der Tankstelle findet und dort irgendwie die Lottoscheine am Ausfüllen ist. Ich hatte eine Brandhandel, die hat mir damals zu Ostern 50 Euro gegeben. Das war damals natürlich eine völlig hohe Summe, wenn man irgendwie zehn ist und denkt sich, boah, hast du ein Geld, Batzen? Und den habe ich damals meiner Mutter gegeben mit der Bitte,

dass sie den Kühlschrank wieder nachvoll machen soll. Und dann kommt sie abends zurück und das Geld ist verspielt. Aber ja, der Kühlschrank war leer und der Magen eben auch. Manchmal sind es nur ganz kurze Momente, die ein Leben komplett verändern können. Ein Augenblick, eine Entscheidung, ein Ereignis, ein Wimpernschlag und danach ist alles anders.

Ich bin Philipp Fleiter und ich treffe in diesem Podcast Menschen, um mit Ihnen genau über diesen einen Moment zu sprechen, der Ihr Leben für immer verändert hat. Hallo und herzlich willkommen bei dieser einen Moment. Ich habe heute einen Gast, der noch sehr jung ist, 23 erst und trotzdem in seinem Leben schon einiges erlebt hat und sehr krasse und weitreichende Entscheidungen getroffen hat. Ich spreche heute mit Jeremias Thiel, der in einer armen Familie aufgewachsen ist.

Aber was heißt überhaupt arm? In Deutschland gilt man als alleinstehende Person als relativ arm, wenn das monatliche Einkommen unter 1250 Euro netto liegt. Davon betroffen sind vor allem arbeitslose Menschen, Alleinerziehende, besonders häufig Frauen und Menschen mit Migrationsgeschichte. Aber auch Erkrankungen, ob körperlich oder psychisch, können ganz schnell dazu führen, dass man in die Armut rutscht.

Bei Jeremias Eltern kommen gleich mehrere Dinge zusammen und er spürt schon als kleines Kind, was es bedeutet, in unserer Gesellschaft kein Geld zu haben. Seine Geschichte ist deshalb so spannend für uns, weil sie uns ganz viel darüber verrät, wie wir auf Armut schauen als Gesellschaft und was das für Betroffene und vor allem auch für Kinder bedeuten kann. Hallo Jeremias, schön, dass du dir Zeit genommen hast. Hallo Philipp, schön, dass ich da sein kann. Vielen Dank.

Ja, der Moment, über den wir heute reden, der ist jetzt mittlerweile, glaube ich, zwölf Jahre her. Du bist damals elf Jahre alt und gehst mit deinem Zwillingsbruder und deinem Halbbruder zum Jugendamt. Was sagst du da, als du beim Jugendamt aufläufst? Im Grunde genommen, als ich zum Jugendamt gelaufen bin, habe ich gesagt, dass ich von meiner Familie weg will und meine Familie verlassen möchte. Ich bin natürlich auch darauf eingegangen, warum das der Fall war.

Zum einen natürlich die Erkrankung meiner Mutter, die mangelnde Fürsorge meiner Eltern, die Überforderung meiner Eltern waren sicherlich die Gründe dafür, dass ich zum Jugendamt gegangen bin. und meine Jahre danach in der Jugendhilfe verbracht habe. Also nur, dass man sich das vorstellen kann, du bist elf Jahre alt. Das ist ja noch ein Kind. Und du hast trotzdem diesen festen Willen, ich will hier aus meiner Familie raus.

Ja, ich glaube, kein Kind, das elf ist, sollte jemals so eine Entscheidung für sich treffen müssen. Weil man natürlich irgendwie davon ausgeht, die Eltern bekommen Kinder und haben dieses Verantwortungsbewusstsein natürlich auch, sich um das Kind zu sorgen. Und natürlich zu der Feststellung zu kommen, dass meine Eltern nicht in der Lage dazu sind und ich mich natürlich auch schon seit jeher viel um mich auch kümmern musste.

Ja, das desillusioniert schon ganz, ganz früh im Alter und prägt einen fürs ganze Leben natürlich. Ja, aber es zeigt natürlich auch, dass du ein sehr straighter Typ bist, weil ich glaube, mit elf hätte ich das nicht geschafft. Aber wir kommen gleich nochmal auf diesen Moment zurück. Ich möchte erstmal vielleicht ein bisschen beleuchten, beleuchten, in deine Vergangenheit gucken, wie es überhaupt so weit kommen konnte.

Lass uns mal ein bisschen in deine Kindheit schauen. Was ist so deine früheste Kindheitserinnerung? Da fallen mir gerade so zwei bis drei sehr wichtige Schlüsselerinnerungen irgendwie ein. So eine Schlüsselerinnerung ist sicherlich meine Einschulung mit meinem Dinosaurierranzen vom Scout in der Grundschule. So wie man sich das vorstellt eigentlich. Genau. Und dann natürlich die Schultüte und dieser gewisse Familienfrieden, der noch bis dato existierte.

Ich glaube, das ist vielleicht jetzt keine ganz konkrete Erinnerung, aber zumindest ein Zustand gewesen, an die ich mich gerne erinnere. Bis natürlich wir zur zweiten Erinnerung kommen und das ist der Tod meiner Oma, was auch der Tod meiner Oma war zwei Tage, drei Tage vor meiner Einschulung und es war auch so der Wendepunkt, in dem sich unser Familienleben. Ja, wo der gewisse Frieden irgendwie fehlhaft war.

Mein Vater eine starke, depressive Episode hatte, die da begonnen hat und er eigentlich von dann fortan nur auf dem Bett war, auf der Couch und nicht mehr so wirklich funktionsfähig im Leben. Aber das klingt für mich so, als hättest du eigentlich bis zu einem gewissen Punkt eine glückliche Kindheit gehabt. Bis zum gewissen Punkt, der eben mit dem Alter von sechs irgendwie vielleicht auch schon zu Ende war.

Aber ja, es gab natürlich auch Schönes in Erinnerungen an dieses Leben, das ich hatte zu Hause mit meiner Familie. Und die sollte man natürlich auch nicht wegstreiten, neben all den Negativen und den Erschwernissen, die ich auch erfahren habe. Du bist kein Einzelkind, das habe ich ja gerade schon erwähnt. Du bist Zwilling. Ich bin Zwilling, genau. Ich habe einen Zwillingsbruder, Pascal, der ist genauso alt wie ich.

Natürlich Zwilling und ja, der lebt jetzt mittlerweile in Freiburg, ist dort als Gabelstapler arbeitend unterwegs und einen Halbbruder habe ich auch, der ist allerdings aus der ersten Ehe meiner Mutter und in Polen groß geworden. Und witzigerweise, als ich dann, ich muss zehn Jahre alt gewesen sein, kam er aus Polen wieder zurück, nachdem er dort aufgrund einer Maßnahme angeordnet vom Jugendamt zurückkam mit gebrochenem Deutsch, mit einem sehr polnisch gesprochenen Deutsch.

Das war natürlich extrem fremdartig für mich als Kind. Wenn du auf einmal mit zehn einen Bruder hast, den du vorher gar nicht wirklich kanntest. Aber wie ist denn deine Familie bis zu diesem Alter von sechs Jahren, wo du sagst, wo alles sich verändert? Also wie sind die Familienverhältnisse? Die Familienverhältnisse sind so, meine Eltern waren zu dem Zeitpunkt, also 2007, waren sie schon geschieden.

Zuvor, ich weiß, dass die Scheidung eingereicht wurde, etwa in dieser Zeit, 2006, 2007, wann genau das weiß ich nicht, aber wie soll ich das am besten beschreiben? Meine Eltern waren füreinander da in der prekären Lage, in der sie waren. Und sie waren da für sich, weil zum einen niemand anderes da war. Sie haben sich kennengelernt auf dem Kottenviertel, wo ich auch groß geworden bin, in dem gleichen Haus. Und es war funktional, aber nicht unbedingt immer liebevoll.

Meine Mutter war trotz alledem, auch in den früheren Jahren, daran erinnere ich mich sehr, sehr gut, erste, zweite Klasse, trotzdem natürlich gewalttätig in ihrer Sprache, ab und an natürlich auch körperlich und auch indem wir weggesperrt wurden. Ja. Das war schon irgendwie Teil meiner Kindheit, aber ich würde sagen, es gibt natürlich auch andere Aspekte, die auch überwiegen und nicht nur diese doch sehr negativen Erinnerungen. Ja, so würde ich es beschreiben. Funktional, aber nicht liebevoll.

Du hast gerade schon gesagt prekär. Ich habe das Glück, dass ich in einer gesunden und wohlhabenden Familie aufgewachsen bin und das lange gar nicht verstanden habe, dass das nicht die Normalität ist in Deutschland. Das hat ein paar Jahre gedauert, weil da, wo ich aufgewachsen bin, hatten alle Einfamilienhäuser. Was bedeutet prekär das für die Menschen, die sich das vielleicht nicht vorstellen können?

Prekär heißt für Menschen, die in Arbeitslosigkeit sich befinden, Langzeitarbeitslosigkeit sich befinden, damals von 423 Euro zu leben. Mit jedem Euro versuchen, über die Runden zu kommen, Defizite aufzuweisen. Vor allem Kinder und Jugendliche, die in Armut oder prekär aufwachsen, haben häufig Sprach- oder Logikdefizite, die sich natürlich auch auf den schulischen Erfolg auswirken.

Das heißt also für Kinder, sie sind im frühesten Alter schon benachteiligt und für Erwachsene heißt das häufig, dass sie psychisch erkranken, natürlich ständig über Probleme nachdenken anstatt über Möglichkeiten, über die Zukunft und man dementsprechend immer sich in so einem Sog befindet, aus dem man dann auch nur schwer rauskommt.

Und um das mal ein bisschen zu verallgemeinern, in Deutschland leben 500.000 Menschen, die langzeitarbeitslos sind, die strukturell keine Chance mehr und auch keine Teilhabe mehr spüren. Und ich glaube, das heißt es auch, prekär aufzuwachsen, dass man nicht teilhaben kann am gesellschaftlichen und am kulturellen Leben. Das heißt, deine Mutter und dein Vater sind beide arbeitslos, beide keine Jobs und sind auch lange schon arbeitslos zu dem Zeitpunkt.

Das heißt, ihr seid arm, um das Wort so auszusprechen oder ärmer als andere Leute. Wann ist dir das als Kind bewusst geworden? Ja, da gibt es natürlich eine Fülle an Beispielen. In der Schule angefangen, in der Grundschule, als wir montags über unser Wochenende gesprochen haben. Da haben natürlich manche Mitschülerinnen und Schülern über Fußballspiele, auf denen sie gespielt haben, gesprochen oder über die Go-Kart-Turniere, die irgendwie stattfanden.

Und worüber konnte ich denn berichten? Dass ich halt nur auf dem Bolzplatz war oder bis Spätabends 10 auf dem Spielplatz war mit meinen Freunden und meine Möglichkeiten damit beschränkt waren, Aber auch materiell spürt man das insofern, als dass man vielleicht ein paar Schuhe hat, die stinken oder dass man nicht zu jedem Zeitpunkt über den Tag quasi immer Nahrung hat.

Muss man auch sagen, auch in einem Land wie Deutschland gibt es Kinder, die nicht jeden Tag Mittagessen sehen und darauf verzichten müssen.

Also es ist nicht nur materieller Defizit und vielleicht ein anderer Aspekt, der ganz, ganz wichtig ist zu erwähnen, auch immer diese gesellschaftliche Abwertung, die Menschen erfahren in Deutschland, die man ja häufig als asozial abstempelt, was übrigens ein von den Nazis definierter Begriff ist, indem man eben Menschen, die sozial am unteren Ende sich befinden, dadurch natürlich konstant Abwertung erfahren und auf dem Amt Abwertung man erfährt.

Und ein anderes Beispiel war natürlich auch die fehlende Gymnasialempfehlung. Dass man nur gesagt hat, der Eremias, der schafft es auf der Realschule, vielleicht auf einer Gesamtschule. Aber dass Menschen einem Potenziale absprechen und ich will gar nicht wissen, wie viele Talente wir dadurch auch in Deutschland verlieren, die vielleicht, Krebs in der Zukunft forschen und Lösungen finden und Heilungsmethoden finden.

Ich frage mich manchmal einfach, wie viel Potenzial dadurch verloren geht, dass wir diese Menschen abwerten. Das ist ein total wichtiger Gedanke. Habe ich tatsächlich noch nie so drüber nachgedacht, aber du hast recht. Da sind ja Menschen, die ganz viele tolle Sachen machen könnten, aber denen man es nicht zutraut. Du hast gerade von Abwertung gesprochen, von anderen Menschen.

Hast du dich damals, also als Kind hast du das ja irgendwann dann verstanden, dass ihr nicht so viel Geld habt, die andere Familien. Hast du dich dafür geschämt vor anderen? Ich habe mich insbesondere damals während meiner Kommunion sehr, sehr stark geschämt, weil ich schon auch wusste, wie meine Eltern wahrgenommen werden inmitten dieser doch sehr bürgerlichen Mitte, die sich in dieser Kirche befunden hat.

Von Menschen, die durchaus auf meine Mutter geguckt haben, von unten nach oben herab oder von oben nach unten herab und immer da so ein gewisser subtiler Ton noch mitschwingt, wenn das Sinn macht. Da war ich schon immer sehr empfänglich für. Also ich habe auch generell heutzutage eine sehr hohe Sensibilität dafür, wie Menschen vielleicht auf mich blicken und was denen da vielleicht hervorschwirbt im Kopf und wie ich wahrgenommen werde. Ich glaube, das ist sehr, sehr ausgeprägt bei mir.

Du hast das gemerkt, also dass die Leute so ein bisschen auf euch herabgeblickt haben und gesagt haben, ach, das ist ja die Familie. Wie fühlt sich das denn an als Kind? Unangenehm, extrem unangenehm und auch was wie Peinlichkeit zu spüren. Darüber denkt man schon sehr aktiv als Kind nach. Kinderarmut in Deutschland ist ein echtes Problem.

Laut den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 2023 sind rund 24 Prozent, also ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland, von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Und das in einem Land wie unserem, das zu den reichsten der Welt gehört. Die Gründe dafür sind vielfältig. Arbeitslosigkeit der Eltern, zu niedrige Löhne, vor allem aber auch Teilzeit für Alleinerziehende.

Auch Familien mit drei oder mehr Kindern und Familien mit Migrationsgeschichte sind häufiger von Armut betroffen. Und Armut betrifft nicht nur Materielles. Studien zeigen, dass die soziale Herkunft das Leben stark beeinflusst. Zum Beispiel gehen nur 21 von 100 Kindern aus Arbeiterfamilien auf die Universität, während es bei Kindern aus Akademikerfamilien 74 von 100 sind. Also das Verhältnis komplett umgedreht.

Kinder, die in Armut aufwachsen, können außerdem oft nicht am sozialen Leben teilnehmen. Das kann man sich ja vorstellen, sie laden seltener Freunde und Freundinnen nach Hause ein, können nicht irgendwelche teuren Hobbys machen, können sich keine Schulausflüge oder auch Geschenke für Kindergeburtstage leisten. Das wiederum führt zu sozialer Ausgrenzung und die belastet sie psychisch. Dass Jeremias sich mit nur elf Jahren schon selbst aktiv Hilfe sucht, finde ich so, so beeindruckend.

Ich meine, mit elf, wie krass ist das bitte? Wenn eine Familie arm ist, dann dauert es im Schnitt in Deutschland sechs Generationen, um den sozialen Aufstieg zu schaffen. Das heißt, wenn mein Ur-Ur-Ur-Urgroßvater in die Armut gerutscht wäre, wäre ich statistisch gesehen wohl die erste Generation meiner Familie, die aus dieser Armut wieder herauskommt. Und das, obwohl ich diesen Menschen ja niemals kennengelernt habe, weil er wahrscheinlich 150 bis 200 Jahre vor mir gelebt hat.

Das zeigt nochmal ganz deutlich, hinter jeder Armut stehen Gründe und auch eine Geschichte, so auch bei Jeremias. Ein Teil deiner Geschichte ist ja auch, dass deine Mutter spielsüchtig war, zumindest zu dem Zeitpunkt. Kriegt man das als Kind schon mit? Ja, das kriegt man ganz, ganz stark mit, weil wenn der Kühlschrank leer ist und die Mutter den ganzen Tag weg ist und man sie abends in der Tankstelle findet und dort irgendwie die Lottoscheine am Ausfüllen ist, natürlich bekommt man das mit.

Ich habe das damals so auch erlebt. Ich hatte eine Patentante, die lebt nicht mehr und die hat mir damals zu Ostern 50 Euro gegeben. Das war damals natürlich eine völlig hohe Summe, wenn man irgendwie zehn ist und denkt sich, boah, was ein Geldbatzen. Und den habe ich damals meiner Mutter gegeben mit der Bitte, dass sie den Kühlschrank wieder voll machen soll. Und dann kommt sie abends zurück und das Geld ist verspielt.

Und vielleicht nochmal auch zu sagen, nicht jeder Mensch, der arm ist, um Gottes Willen, gibt sein Geld so aus. Zumal es ja auch ein Problem ist, zumal es eine psychische Krankheit ist. Aber ja, der Kühlschrank war leer und der Magen eben auch. Und so habe ich es gespürt. Das heißt, deine Mutter war dann in der Spielothek oder wo hat sie das Geld verspielt? Oder mit Lottoschein? Mit Lottoschein. Also wir reden hier wirklich von einer relativ hohen Summe.

Mit dem Geld, was meine Eltern hatten, wurde alles dafür ausgegeben. Für Lottoscheine voll zu machen. Und mit Gewinne war da natürlich nicht viel. Trotz alledem, es ist eine sehr, sehr starke Erinnerung, die irgendwie noch präsent ist. Klar, mittlerweile bin ich viel älter, habe da natürlich einen großen Abstand zu.

Aber ja, was bei mir immer so mitschwingt, ist diese, wie soll ich das jetzt beschreiben, die Hoffnung auf diesen großen Gewinn, wenn man eh in so einem prekären Zustand lebt und existiert und dass meine Mutter da anscheinend jede Hoffnung hatte drin. Das finde ich, da habe ich sehr viel Empathie für und fühle da eigentlich nur Mitleid. Das ist jetzt natürlich der Erwachsene Jeremias, der da spricht. Aber du als Kind, 50 Euro, Wahnsinnssumme Geld, das ist dein eigenes Geld.

Und du gibst es deiner Mutter, damit sie den Kühlschrank vollmacht, damit ihr was zu essen habt. Und sie verspielt es. Du musst doch wahnsinnig sauer gewesen sein, oder? Ich war enttäuscht. Ich war sehr, einfach sehr enttäuscht und natürlich am Boden zerstört, weil...

Ich hatte ja auch nur gute Intentionen gehabt in dem Moment. Aber zum anderen, das war einfach super bedrückend, weil ich da schon auch festgestellt habe, und danach gab es ja noch eine Folge an anderen Konsequenzen, dass meine Mutter in der Psychiatrie war, ich meine Mutter auch in der Psychiatrie besucht habe und dann im Zustand, was ich keinem Kind wünsche in dem Alter, wirklich nicht. Aber einfach zu sehen, dass diese Frau krank ist und einfach den Ärger, den man natürlich auch spürt.

Aber mehr, glaube ich, heutzutage überwiegt allemal Mitleid. Und Tatsache, dass eine erwachsene Frau sich so entschieden hat, zu handeln. Du hast im Vorgespräch ja erzählt, dass es dann nochmal diesen ganz harten Cut gab in deiner Kindheit, nämlich den Tod deiner Oma. Also zu Grundschulzeiten, als du so sechs warst. Kannst du da vielleicht mal ein bisschen von erzählen? Ja, natürlich. Ich meine, Oma war für mich auch, weil wir es ja auch ganz zu Anfang hatten

von positiven Erinnerungen. Meine Oma war für mich auch eine ganz, ganz wichtige Person, da wir da schon auch viel Zeit verbracht haben in jungen Jahren, also bevor ich in die Schule kam. Und da gab es ein Butterbrot, an die ich mich immer sehr, sehr gerne erinnere. Und das war so ein bisschen der Ruheort und der Anker auch für meinen Vater, der, wie gesagt, mehr schlecht als recht in dieser Beziehung mit meiner Mutter ist und war.

Und natürlich, als sie gestorben ist, ist für meinen Vater auch ein ganz, ganz wichtiger Anker weggestorben, so kann man das sagen, denn mein Vater hatte auch schon immer eine sehr, sehr schwierige Beziehung zu seinem Vater gehabt und auch dort sehr viel Gewalt erfahren und als dieser Anker wegbrach, ist mein Vater wirklich komplett in dieser Depression hängen geblieben und dann sah ich ihn, wie ich vorhin beschrieben habe, auch immer nur auf der Couch,

der hat eigentlich den ganzen Tag durch weggeschlafen, er war morgens nie anwesend, es gab keine Vater-Kind-Aktivitäten mehr so ziemlich eigentlich ab der ersten Klasse, an die ich mich irgendwie erinnern kann. Und dementsprechend war das auch im Moment, in dem eine Verantwortungsperson mehr oder minder weggebrochen ist. Für meinen Bruder und mich. Das heißt, dein Vater schwergradig depressiv?

Liegt auf der Couch, deine Mutter verspielt draußen irgendwo das Geld, deine Oma ist nicht mehr da, die sich ein bisschen um euch gekümmert hat. Wer hat sich denn dann um euch noch gekümmert, wenn du sechs Jahre alt warst? Da würde man sich ja zumindest wünschen, dass jemand für ein Kind im Alter von sechs Jahren da ist. Wichtiger Ankerpunkt waren auch meine Tante, Tante Karin, bei der wir häufig waren, auch häufig was gegessen haben, falls es zu Hause ein bisschen schwieriger war.

Wo wir auch zum PlayStation 2 gespielt haben mit meinem Cousin und das eigentlich immer auch, als die PlayStation 3 dann später rauskam, genau das Gleiche. Es war so ein bisschen einfach ein Ort, auch mal zu vergessen, was zu Hause passiert ist und ganz generell gab es ja diese Fürsorge in dem Sinne nur, wie gesagt, bei meiner Tante und der Rest lag in unserer Hand.

Ich hatte also insofern auch eine sehr freie Kindheit, wenn das Sinn macht, weil ich für meine Alltagsgestaltung irgendwie verantwortlich war und einen sehr unabhängigen Geist auch entwickelt habe und nur auf dem Spielplatz war und mit Freunden viel draußen. So würde ich sagen, war man auch aufgefangen. Und ja, nicht nur wir, sondern auch die Nachbarskinder, die vielleicht aus einem eben solchen Hintergrund entstammen.

Das heißt, du hast damals schon gemerkt, wir sind anders als andere Familien, aber es gibt noch mehr so Familien wie uns, sage ich jetzt mal. Auf jeden Fall. Dafür hatte ich, glaube ich, schon, wenn man es mal heute so ein Klassenbewusstsein gehabt hat, wenn man das in dieses schöne Wort verfassen will. Aber ja, doch, das hatte ich schon. Aber das heißt auch, dass du wahrscheinlich nie Freunde nach Hause einladen konntest, weil ging ja nicht, dein Vater lag ja da auf der Couch.

Freunde waren immer viel am Platz bei uns zu Hause. Zum einen natürlich, weil da auch wieder eine Rolle wie Charme einfach eine große Rolle spielt. Zum zweiten, was hätte ich denen dort anbieten können? Eine schreiende Mutter, einen leicht verwahrlosten Haushalt, eine sehr kinderunfreundliche Atmosphäre und Umwelt. Das hätte ich nicht gewollt. Zeitgleich hatte ich auch ganz, ganz wenig Kontakt nach außen zu freuen, weil ein Geburtstag kostet Geld, wenn man ein Geschenk mitbringen will.

Freizeitgestaltung kostet auch Geld, wenn man in den Landesgarten schauen möchte oder in die Socker-Five-Arena oder in den Schwimmbad. Dementsprechend hatte ich mich da natürlich auch schon früh von isolieren müssen.

Das sind ja Sachen, die für viele selbstverständlich sind, dass Kinder schon ganz früh in Vereinen sind, dass sie Musikunterricht bekommen, so diese ganzen Sachen, die für die meisten Menschen in Deutschland wahrscheinlich normal sind, aber die für dich einfach gar nicht möglich waren und für deinen Bruder, weil das Geld dafür gefehlt hat. Du hast gerade gesagt, eine schreiende Mutter, also ich will jetzt nicht zu sehr ins Detail gehen, wenn dich das stört, aber deine Mutter war gewalttätig

euch gegenüber. Ja, natürlich. Zum einen körperlich, dass wir dann mal einen Klaps auf den Hintern bekommen haben. Mental hatte ich ja schon vorhin angesprochen, insofern, dass wir eingesperrt wurden, als wir dann um 18 Uhr nach Hause gekommen sind. Das ist immer mal wieder passiert in meiner Kindheit und es war auch übrigens Auslöser dafür, dass ich überhaupt an diesem 11. September, 10. September rum überhaupt zum Jugendamt gegangen bin, dass wir eingesperrt worden waren.

Und Alarmstufe Rot, um es mal so auszudrücken. Und in den früheren Jahren, als wir noch in der Grundschule waren, war das einfach so Erfahrungen, die ich einfach noch in meinem Kopf ganz, ganz klar habe. Das Licht aus, Tür zu. Und dann waren wir da. Euch selbst überlassen. Uns selbst überlassen, genau. Es ist ja nicht so, dass niemandem was auffällt. Dein Zwillingsbruder wird in der Zwischenzeit wegen seiner Lernschwäche in eine Kindereinrichtung gebracht, wo er ab dann wohnt und gefördert wird.

Du aber bleibst bei deinen Eltern. Das Einzige, was passiert ist, dass eine Lehrerin in der zweiten Klasse dafür sorgt, dass du nach der Schule in einer Tagesgruppe für Kinder betreut wirst. Da helfen dir die Betreuenden zum Beispiel mit den Hausaufgaben und ab und zu gibt es auch mal Ausflüge. Das ist schon eine kleine Verbesserung. Aber hättest du dir gewünscht, dass früher Menschen erkennen, diese Zustände sind so unhaltbar, wir holen dich da jetzt raus?

Hätte ich mir das früher gewünscht? Ich finde die Frage schwer zu beantworten. Ich denke natürlich, aus heutiger Sicht, dann würde ich ganz klar sagen, ja, das hätte ich mir gewünscht. Damals als Kind ist man natürlich irgendwie in der Situation gefahren, dass man diese Realität als seinen einzigen Nullpunkt anerkennt, weil man ja keine andere Nullpunkte kennt. Du kennst es nur so, ja. Genau.

Und insofern würde ich sagen, früher nö. Heute würde ich natürlich sagen, ganz klar hätte ich mir das gewünscht. Irgendwann kommt ja dann dieser Punkt, dass du selbstständig zum Jugendamt gehst, also dieser eine Moment. War das etwas, wo du dir schon länger vorher Gedanken darüber gemacht hattest, dass du das machen willst? Also hast du einen Plan gefasst oder war das dann spontan aus einer Situation heraus? Die Entscheidung, zum Jugendamt zu gehen, die war sehr spontan.

Die haben wir sehr, sehr spontan getroffen. Und das war eigentlich so ziemlich ein Abend, bevor ich meine Familie verlassen habe, also als dieser eine Moment eben eintrat. Und zwar war die Situation so, dass mein Bruder und ich im Zimmer waren und wir dort schon für eine Stunde oder so gespielt haben. Und wir waren einfach in unserem Fokus da mit der Super Nintendo beschäftigt und haben dann festgestellt, okay, wir sind von außen eingesperrt. Dann haben wir nach unten geschrien zu meinem Vater.

Der kam natürlich dann hoch, hat die Tür eingetreten von außen und dann ziemlich schnell danach kam dann die Polizei dazu, die natürlich gegangen ist, weil mein Vater schon da war und dementsprechend nicht mehr die Notwendigkeit da war.

Aber da war natürlich völlig klar, dass ich da nicht mehr leben kann und dass ich da auch nicht mehr weiterbleiben kann und dementsprechend haben wir diese Entscheidung am Abend zuvor schon getroffen und am nächsten Morgen, da hatte ich noch irgendwie 10, 15 Euro gefunden auf dem Boden, dann waren wir noch bei so einem kleinen Bäcker am nächsten Tag und dann gab es da Süßigkeiten und allerlei Leckereien, die wir uns noch geholt haben. Mit dem vollen Bauch sind wir dann dahin.

Und dann war ich am Stadtjugend da mit dem Kaiserslautern, gleich ging man vom Rathaus und habe dann da geklopft. Und dann ging das eigentlich auch schnell flott auf flott. Dann bin ich in die Einrichtung gekommen, wo mein Bruder schon sich befand, weil er war ja schon stationär untergebracht in Waldfischbach, Burgalben, also 40 Kilometer entfernt von Kaiserslautern. Und dort war ich dann in so einem O-Kloster-ähnlichen Gebäude für sechs, sieben Tage, ungefähr, genau sechs, sieben Tage.

Und das war halt auch eine krasse Erfahrung, weil man muss sich das vorstellen, man ist dann da so in Dreier-, Viererbetten. Dann gibt es so einen Gang mit Zimmern links und rechts. Und dann mussten wir da schon um 19.30 Uhr ins Bett. Und das war schon auch irgendwie ganz, ganz ... Das hat mein Bild von einem Heim, von einer Jugendhilfeinrichtung irgendwie sehr negativ geprägt.

So wie aus einem Film eigentlich, wie man sich das vorstellt, das böse Heim, in das die Kinder dann gesteckt werden, wenn sie nicht artig sind. Genau, und das hatte ich natürlich Heidenangst vor dem, was dann noch anstand. Denn nach sieben Tagen war klar, ich muss wieder zurück. Meine Schule war in Kaiserslautern.

Und dann bin ich in das SOS Kinderdorf, in die Jugendwohngruppe vom SOS Kinderdorf gekommen und hatte so eine Heidenangst, weil du denkst ja wirklich ganz so an so ghettoähnlichen Zuständen. Und dann bin ich da angekommen, war im Mittelbereich, wurde da ganz freundlich empfangen. Ich weiß noch, ich bin in Tränen ausgebrochen. Und dann wurde ich in den Arm genommen von Simone, einer Betreuerin, die dort noch zu der Zeit arbeitete.

Und dann bin ich in mein Zimmer und dann hatte ich, das war für mich auch ganz unartig, einen Schlüssel bekommen für mein Zimmer, dass ich von außen zumachen kann und von innen zumachen kann. Dann lag da ein Teddybär und das war einfach mein Zimmer mit einem kleinen Balkon. Das war für mich so wie, als wäre ich in einer Vollpension und dann durfte ich noch, daran erinnere ich mich auch noch ganz gut, mir ein Axtduschgel kaufen, was für mich als Kind irgendwie das Größte war.

Und ja, hatte dann dort meine ersten Tage, die ganz, ganz, ganz schwer waren, weil man ist ja doch Kind und man liebt ja auch seine Eltern und man hat ja auch eine Bindung. Man fühlt Verantwortung ganz stark gegenüber seinen Eltern und ja, und das war so, das war der erste Tag im Jugendhaus. Du hast gerade einen ganz interessanten Satz gesagt, man fühlt Verantwortung gegenüber seinen Eltern. Du bist zehn Jahre alt, das müsste eigentlich andersrum sein.

Müsste, ja. Deine Eltern müssten Verantwortung dir gegenüber gefühlt haben. Wenn Kinder Verantwortung für Aufgaben übernehmen, die eigentlich Eltern zugeschrieben werden, wird das in der Psychologie auch Parentifizierung genannt. Dabei unterscheidet man zwischen zwei verschiedenen Formen. Bei der instrumentellen Parentifizierung schmeißen Kinder den Haushalt, kochen, kümmern sich um jüngere Geschwister oder auch um ihre kranken Eltern.

Bei der emotionalen Parentifizierung werden Kinder zur emotionalen Stütze ihrer Eltern. Sie übernehmen Verantwortung für ihre Gefühle und ihr Wohlbefinden. Wohlbefinden, kümmern sich also darum, dass es den Eltern gut geht, obwohl es ja eigentlich andersrum sein sollte. Die Forschung zeigt, dass Parentifizierung jetzt nicht unbedingt negative Folgen für das Kind haben muss und sogar das Selbstbewusstsein stärken kann. Das gilt aber nur, wenn der Grad der Parentifizierung nicht zu hoch ist.

Also ein paar Pflichten übernehmen ist okay, vor allem wenn es offen kommuniziert wird und wenn es noch eine andere Ansprechperson für wie das Kind gibt, zum Beispiel Großeltern oder Geschwister. Besonders die emotionale Form kann aber Kinder schnell überfordern und starken Stress auslösen und wird sogar mit Depressionen im Erwachsenenalter zusammengearbeitet.

Viele Betroffene können später schlecht über ihre eigenen Gefühle sprechen, weil sie in ihrer Kindheit gelernt haben, dass das für ihr Gegenüber eine Belastung ist. Ich würde noch mal gerne kurz zurück, war dir in dem Moment, als du zum Jugendamt gegangen bist, völlig klar, ich verlasse jetzt meine Familie? Also warst du dir der Konsequenzen bewusst oder warst du einfach nur hilflos und hast sozusagen, das war ein Hilfeschrei oder war dir schon klar, was da jetzt passieren würde?

Mir war klar, was passieren würde, dass ich als so eine Wohngruppe kommen werde, was mir aber natürlich zu dem Zeitpunkt überhaupt gar nicht klar war, dass ich für immer weg sein werde von meiner Familie und in der Jugendhilfe groß werde. Das war mir zu dem Zeitpunkt keineswegs klar. Es gab aber für ein ganzes Jahr doch schon auch so diese Situation, dass meine Eltern mich jeden Abend irgendwie angerufen haben und von einem neuen Leben geredet haben und von einer neuen Wohnung.

Und dass es daher notwendig wäre, dass ich wieder komme, dass eben die Wohngeldsätze, die ja natürlich höher sind, wenn das Kind mit Erstmundsitz bei den Eltern gemeldet ist, ja, dass ich doch mit meinem Umzug zurück zu meinen Eltern dazu beitragen könnte. Und wenn ich das nicht tue, dann ist halt mit dem neuen Anfang, mit der neuen Chance alles dahin.

Und diesen Druck, wenn man elf ist, das habe ich ein ganzes Jahr, jeden Abend hatte ich diese Gespräche, die häufig auch in Tränen natürlich geendet sind. Wenn man das jeden Abend mitmacht, das war hart. Und ich erinnere mich noch, das war dann 2013, kurz vorm Sommer auf dem Sommerfest vom SS-Kinderdorf in Karlslautern. Da gab es ein Gespräch mit dem Jugendamt und mit meinen Eltern. Und da habe ich meinen Eltern klargemacht, dass ich nie wieder dort hinziehen werde.

Und auch dort nicht mehr über das Wochenende irgendwie erscheinen werde, weil ich war ja im ersten Jahr auch dann doch jedes zweite Wochenende zu Hause. Auch da gab es so Sätze, die meine Eltern bekommen haben, Geldsätze. Aber das war ein Moment, das zu offenbaren, seine Eltern zu enttäuschen, so ein bisschen der Buhmann zu sein dann auch. Das finde ich überhaupt keinem Kind. Das ist so schwer. Also man trifft mal eine Entscheidung gegen seine Eltern. Und ja, das war sehr, sehr, sehr hart.

Wie alt warst du da? Zwölf? Ja, ich zwölf. Das heißt, du hast mit zwölf zu deinen Eltern gesagt, ich möchte nie wieder zu euch zurück. Genau. Aber wenn man das so hört, wie du das erzählst, auch dass sie dann in dem Moment vor allem das Geld gesehen haben, was du darstellst. Du bist Kindergeld. Du bedeutest Geld, deswegen sollst du zurückkommen. Nicht, weil du Jeremias bist, der Sohn, den sie vermissen, sondern vornehmlich, weil das Geld fehlt, was jetzt nicht mehr da ist, weil du weg bist.

Vornehmlich, das würde ich sagen, trifft nochmal ein bisschen mehr auf meine Mutter zu, als auf meinen Vater. Aber andererseits weiß ich nicht, ob ich sie dafür verteufeln soll, weil wenn man ständig ökonomischen Zwängen unterlegen ist und jeder Tag überleben heißt, dann machen 200 Euro einen extrem essentiellen Unterschied. Oder auch 14 Euro, die man als Tagessatz bekommt vom Jugendamt, machen da einen essentiellen Unterschied.

Um das auch nochmal ein bisschen zu vergegenwärtigen, wenn ich jetzt mit meinen Eltern jetzt spreche, dann ist es auch normal, von denen zu hören, okay, von der Grundsicherung zum jetzigen Zeitpunkt sind dann nur noch 20 Euro irgendwie verfügbar. Also deshalb mache ich das meinen Eltern auch nicht zum Vorwurf. Aber natürlich ist es trotzdem etwas, ich will nicht sagen, entmenschlichend, wenn man erstmal nur an die Euros denkt, anstatt an seinen Sohn.

Natürlich. Und du wirst ja trotzdem deine Eltern vermisst haben wahrscheinlich in der Zeit. Zumindest am Anfang noch mehr, oder? Absolut. Also natürlich, man hat ja seine Eltern lieb. Ich meine, ich glaube, die Bindung zu den Eltern, die ist auch eine, die ist ja nochmal ganz, ganz anders und sehr stark gekoppelt an Emotionen, an.

Also Loyalität vielleicht auch ein bisschen und mich schon meinte an Verantwortung, muss man sich auch so vorstellen, wenn man so ein starkes Verantwortungsbewusstsein auch gegenüber seinen Eltern hat und plötzlich aus dieser Familie ist, dann rattert ja auch bei einem selbst der eigene Kopf im Sinne von, werden die Rechnung bezahlt, wie geht es gerade meinen Eltern, sieht die Wohnung sauber aus.

Also so Fragen, die, ja, die einen beschäftigen, weil man hat ja seine Eltern lieb und man will ja trotzdem das Beste auch für seine Eltern irgendwie, denke ich. Und trotzdem finde ich, dass man als elf- oder zwölfjähriges Kind sich diese Fragen eigentlich nicht stellen sollte. Eben, das ist völlig klar. Das ist nicht deine Verantwortung eigentlich.

Jetzt hast du da dein eigenes Leben in diesem SOS-Kinderdorf und hast ja schon so ein bisschen erzählt, du hast erst mal geweint, als du da reingekommen bist. Geweint, weil du überwältigt warst oder geweint, weil du traurig warst, dass du weg musstest von zu Hause? Ich habe geweint damals, das kann ich ganz, ganz klar noch sagen, vor allem aus Überwältigung. Weil ich einfach natürlich sehr so überwältigt war, da hocken jetzt, da stehen vor mir zig Erwachsene.

Du lernst ja auch andere Jugendliche kennen. Du bist ja da in einem völlig anderen Umfeld, von dem einen an den anderen Tag quasi reingeschmissen. Und damit umzugehen, das überwältigt, ganz klar einen. Ja, und ich denke auch, dass Angst eine ganz, ganz große Rolle gespielt hat, weil man kommt ja mit ganz, ganz großen Horrorvorstellungen dahin und hat Angst, dass es noch schlimmer wird, als vielleicht zu Hause.

Und dann trotzdem auf dem Gegenteil überzeugt zu werden, das war auch eine ganz, ganz schöne Erfahrung. Wir hatten ja auch, da könnte ich noch eine Stunde drüber erzählen, was es noch sonst so gab. Da hatten wir auch in den ersten Monaten auch so eine Zusammenkunft von den beiden Gruppen in der Jugendherberge. Und dann gab es das Spiel, da mussten wir zum Beispiel ein Ei irgendwie schützen mit verschiedenen Utensiven, Strohhelme und so weiter.

Und dann mussten wir das so runterschmeißen. Das war so eine Erinnerung, die mir irgendwie super in den Kopf hängen geblieben ist. Ja, und da gab es einfach so eine gewisse Sorgenlosigkeit, die ich nicht kannte. Und dann macht man natürlich auch Blödsinn mit den Jugendlichen, die nächtlichen Wanderungen in die andere Gruppe. Das war auch schon toll, so groß zu werden. Also es war nicht nur alles schlecht, sondern ganz viel in dieser Zeit war auch sehr schön.

Jeremias ist damals eines von weltweit 40.000 Kindern, die in einem SOS-Kinderdorf aufwachsen. SOS-Kinderdorf ist eine Organisation, die der Österreicher Hermann Gemeiner 1949, Sein Ziel war es ursprünglich, Kindern ein Zuhause zu geben, die ihre Eltern im Krieg verloren haben. 1956 hat er das erste deutsche SOS-Kinderdorf eröffnet, am Ammersee. Die Idee dahinter ist, Jugendlichen ein stabiles und liebevolles Umfeld zu bieten, sie zu schützen und ihnen eine Perspektive zu geben.

Das heißt jetzt aber nicht immer direkt, dass Kinder in einem dieser Kinderdörfer leben, sondern das Angebot ist breit gefächert. Es gibt auch einfach Jugendtreffs, Kindergruppen und Hausaufgabenbetreuung oder auch Beratungsangebote für Eltern. Wenn Kinder stationär aufgenommen werden, leben sie in Kinderdorffamilien, Hausgemeinschaften und Wohngruppen, so wie Remias. SOS Kinderdörfer sind inzwischen auf der ganzen Welt verteilt.

Es gibt sie in 137 Ländern und allein in Deutschland arbeiten über 5000 Menschen für sie. Weitere 1300 sind ehrenamtlich. In einer eigenen Studie hat die Organisation Menschen, die als Kinder in einem der Dörfer gelebt haben, gefragt, wie sie ihren Aufenthalt dort bewerten würden. Und 81 Prozent geben an, die Zeit im SOS-Kinderdorf war, Zitat, das Beste, was ihnen passieren konnte.

Hattest du denn das Gefühl, jetzt wo du in diesem SOS-Kinderdorf bist, dass du die Armut so ein bisschen hinter dir gelassen hast? Ja, ich würde sagen, ich bin mittlerweile sehr in der bürgerlichen Mitte irgendwie angekommen. Und natürlich erlebe ich auch ganz viel Ignoranz und Unwissenheit in dieser bürgerlichen Mitte, die ja doch schon auch manchmal sehr abwertend blicken kann. Nicht jeder, der in dieser Mitte angehört. Aber ja, mittlerweile habe ich Armut hinter mir gelassen.

Aber ich kriege jeden Tag immer noch natürlich durch Telefonate mit meinen Eltern mit, wie es ihnen geht, die Nachbarn meiner Eltern, denen es auch schlecht geht. Aber auch dieser ganz krasse Kollektivismus, den man erlebt, gerade in so sozialen Brennpunkten, da hilft man sich so unglaublich untereinander. Da fährt einer den anderen irgendwo hin, dann hilft der andere mit drei Zigaretten jemand anderem aus.

Also so diese, wenn ich im Kontakt noch zu diesen Menschen stehe, die in Armut leben, dann erlebe ich da auch ganz, ganz viel Unterstützung untereinander. Und das ist eine Solidarität, die ich, glaube ich, weniger wahrnehme innerhalb dieser bürgerlichen Mitte, wenn das Sinn macht. Total. Also das ist ja eigentlich was Schönes, dass wenn man wenig hat, dass man das Wenige, was man hat, dann trotzdem noch teilt. So sollte es ja eigentlich sein.

Du bist dann mit 15, glaube ich, in eine Partei eingetreten, in die SPD und bist ein sehr politischer Mensch. Das merkt man in jedem Satz, den du sagst. Hat das was damit zu tun, dass du diese Ungerechtigkeit und diese Klassenunterschiede, von denen viele Politiker nur reden, dass du die am eigenen Leib erlebt hast? Also was hat dich so politisiert? Ja, was hat mich politisiert? Ich glaube, für mich der entscheidendste Punkt war 2014. Ich bin mit 14 in die SPD eingetreten. Ah, 14 sogar. Genau.

Und wir hatten Menschen aus dem Syrien bei uns, unbekleidete minderjährige Flüchtlinge. Wir hatten, ich erinnere mich an eine Mutter mit ihrem kleinen Kind aus Äthiopien. Also ich bin mit Geflüchteten groß geworden und zeitgleich habe ich eine Gesellschaft erlebt, die absolut in so Polaritäten übergegangen ist. Also es war ja auch die Zeit, in dem die AfD zum ersten Mal stark wurde, die ersten Landtagswahlen gewonnen wurden. Und ich dachte mir, ich erlebe mit diesen Menschen zusammen.

Zeitgleich erlebe ich Menschen in meiner Familie, die... Eine Antihaltung haben, gegen Flüchtlingsheime sind, gegen Einwanderungen ganz generell. Und andererseits habe ich diese große Not erfahren, einen jungen Kai-Sieser aus Afghanistan, der mit zwölf kam, mit der Verantwortung zu arbeiten, die er aufgelegt bekommen hat von seiner eigenen Mutter. Und dann kommt er plötzlich hierher und merkt, oh, er kann hier gar nicht arbeiten

aufgrund von Jugendschutzthemen. Und er hat eine Mutter und hat Geschwister zu Hause. Die warten auf das Geld. Und die warten auf das Geld und er kommt.

Und du erlebst dann zeitgleich auch Handlungen, wenn dann junge Menschen, junge Geflüchtete Drogen nehmen zum Beispiel, jetzt in dem Fall von Kais, du blickst dann darauf nicht mehr so mit einer Schablone und denkst, oh Gott, die sind kriminell, sondern du siehst die absolute Not und auch den prekären Zustand dahinter und das hat mich politisiert und später hinaus habe ich mich natürlich, ein zweiter Strang, der ganz, ganz wichtig ist, ist auch die UN-Kinderrechtskonvention,

ich setze mich schon seit Jahren dafür ein, dass sie in das Grundgesetz implementiert wird, dass eben Kinder als Subjekte wahrgenommen werden und nicht nur als Objekte in unserer Gesetzgebung. Das ist vielleicht der zweite Strang, für den ich mich schon seit Jahren einsetze. Und deshalb bin ich in die SPD eingetreten. Und dann kommt noch ein weiterer Schritt in deinem Leben, wo richtig was passiert.

Du ziehst aus aus dem SOS Kinderdorf mit 16, weil du auf eine internationale Schule gehen möchtest oder dann auch gehst in Freiburg. Du hast dich da beworben, United World College. Und du bekommst dann einen Platz, was glaube ich gar nicht so einfacher ist und ein Vollstipendium, weil das hättest du dir ja sonst wahrscheinlich gar nicht leisten können. Warum wolltest du unbedingt auf diese Schule gehen?

Ich weiß noch, zu dem Zeitpunkt war ich schon auch sehr wohngruppenmüde und ich habe auch in dem Alter von 16 oder 15 damals auch gemerkt, ich bleibe in Kaiserslautern irgendwie unter meinen Potenzialen und es geht irgendwie nicht mehr weiter. Und habe dann ganz zufällig über UWC gehört, witzigerweise auch im Landtagswahlkampf, als ich für die SPD da Plakate aufgehangen habe und am Wahlstand war, da kam eine Passantin zu mir.

Die wurde gesagt, ja, ich wurde am UWC angenommen und du solltest dich auch dafür bewerben. Und dann gebe ich nur uwc.de ein. Und dann lese ich mir so diese Form, also die Schule, die Idee, die Bildungsidee von Kurt Hahn dahinter durch. Und sehe, okay, die Schule gibt es 17 Mal auf der Welt. Die geben Stipendien nach Bedarf. Man wird erst ausgewählt und erst dann schauen die auf die Finanzen. Und da wusste ich, okay, das ist genau die Schulform, die zu mir passt.

Und wichtig ist zu wissen, also in meinem Jahrgang, waren 103 Nationen repräsentiert. Menschen, die vormalig obdachlos waren, die aus Kriegsregionen kommen, die eine, wie soll ich das sagen, eine Pluralität darstellen an Erfahrungen, die man eigentlich in keinem anderen Kosmos bekommt. Das war so ein Mikrokosmos der Welt und das hat mich schon sehr, sehr stark geformt, dann auch mit drei anderen Jugendlichen in Zimmer zu leben.

Im ersten Jahr aus dem Irak bei einer, aus Kolumbien und aus dem Afghanistan. Krass. Und in meinem zweiten Jahr aus Laos, Russland und Kolumbien. Und wenn man natürlich jeden Tag in so einem Kosmos sich befindet, dann wird auch der eigene Horizont, der eigene Perspektivgrad um 2000 Prozent erweitert. Aber auch ein krasser Sprung aus dieser Sozialwohnung, aus dieser Enge raus in die Welt. Das war wahrscheinlich auch ein Grund, warum du diese Schule ausgewählt hast oder da unbedingt hin wolltest.

Definitiv. Aber es bleibt ja nicht dabei. Also nach deinem Schulabschluss gehst du dann für vier Jahre in die USA, um da auf dem College zu studieren. Was hast du da studiert? Ich habe auf dem St. Olaf College in Minnesota ein, Ich habe Politikwissenschaften studiert. Nicht überraschend, ehrlich gesagt. Genau, ich habe in den USA Politikwissenschaften studiert, aber mit einer Spezialisierung, Schwerpunkt in politische Geschichte und politische Philosophie.

Also in der politischen Philosophie ist die unterliegende Frage, was ist die Wichtigkeit und Relevanz von Ordnung und Frieden. Aber noch viel wichtiger, was begünstigt Frieden und Ordnung? Man merkt, das ist ein Studium, was dich wahnsinnig interessiert hat und wo du dich voll reingeworfen hast. Aber es passt auch irgendwie gut zu dir, finde ich. Ich habe natürlich vorher ein bisschen geguckt, so Instagram, und da habe ich gesehen, dass du ganz viele Fotos von den USA auch noch im Profil hast.

Was bedeutet dir dieses Land? Ich meine, wenn man vier Jahre lang irgendwo anders gelebt hat, dann wird dieses Land oder dieser Ort auch Heimat. Für mich waren diese vier Jahre geprägt, auch von Krisen, muss man auch mal ganz gut, ganz, ganz, ganz wichtig dazu sagen. Aber auch von ganz vielen Menschen, die mir unglaublich Gutes getan haben, mit denen ich bis heute sehr, sehr gut in Kontakt stehe. Freunde, zu denen ich absolute Loyalität spüre.

Und auch eine Bildung, die ich erfahren habe in Norfield, in dieser kleinen College-Stadt im Mittleren Westen. Und die meisten Menschen. Blicken manchmal gerne schon auch auf diese Regionen der USA ein bisschen. Dieses ländliche Flyover States nennt man das ja, glaube ich. Also da, wo man nur drüber fliegt, wo man nicht stehen bleibt, ist nochmal eine ganz andere Geschichte als San Francisco oder New York. Ja, das stimmt wohl.

Das allemal. Aber ich glaube auch, da nochmal vielleicht Beispiele zu geben, die sehr einprägsam waren. Da erinnere ich mich an den Präsidentschafts-Wahlkampf, als ich für Bernie Sanders in Des Moines zum Beispiel war, in Iowa. Und dort dann mit Menschen geredet habe und von Hausfühl zu Hausfühl gegangen bin. und da kam ein Mann mir entgegen, da hat mich erst mal so eine Sekunde komisch angeguckt und gefragt, sind Sie Bernie unterstützt?

Und ich hatte so fette Bernie-Machen überall und dann hat eines, zwei Sekunden gewartet und gesagt, get the fuck out of my property right now. Und es war halt so ein Pro-Trump.

Ja, man hätte sich's denken können. Man hätte sich's denken können, aber auch da einfach zu leben, wie die Gesellschaft polarisiert ist, dass ich zeitgleich in einem Kosmos College war, wo das mittlere Einkommen bei 150.000 Dollar lag, also wo die Menschen überspringlich sehr vermögend sind beziehungsweise die Kommilitonen von mir aus solchen Haushaltern kommen.

Und ich komme da mit meiner Erfahrung daher, war in einem Jugendhaus, in einer Wohngruppe, bin in der Jugendhilfe groß geworden, komme also aus einem völlig anderen Kosmos. Und interessant an der Uni war deshalb auch für mich und überwiegend auch in den USA, aber vor allem an der Uni, wie selektiert auch dieses selektierte Bewusstsein, dieser doch eintönigen Klasse, die da vorfindbar waren, auch die Lehre beeinflusst hat und auch wie weitreichend Lehre sein kann.

Also wenn du dann immer nur ähnliche Perspektiven hörst, dann entsteht da so ein gewisser Einheitsbrei. Und ich hatte manchmal so das Gefühl ... Dass wir nicht so divers aufgestellt waren an der Uni, auch was Meinung angeht und Perspektiven auf Gesellschaft. Ich finde das total spannend. Das mag ich auch an diesem Podcast so sehr, weil das meine eigenen Perspektiven mich dann auch hinterfragen lässt. Weil natürlich bist du aufgewachsen, so wie du aufgewachsen bist.

Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in einem Einfamilienhaus mit gut verdienenden Eltern. Und für mich war das völlig normal. Ich habe wirklich bis zu einem gewissen Alter gedacht, alle Eltern sind noch verheiratet. Also ich kannte auch nicht mehr viele Leute, die geschiedene Eltern überhaupt hatten und alle leben in Einfamilienhäusern mit großen Gärten. Also diese Lebensrealität, die du hattest, ist ja gar nicht meine und andersrum.

Und deswegen finde ich das auch so spannend, sich auszutauschen und weil man sich ja selber dann auch so hinterfragt. Was ich bei dir wirklich bewundernswert finde ist dass du sachen machst ja du bist mit 16 auch dieses internat gegangen du bist mit 18 in den usa mit 20 hast du glaube ich den buch rausgebracht was dann einfach auch mal spiegel bestseller geworden ist woher kommt dieser mut dinge einfach zu machen der mut kommt.

Von der eigenen Abgrenzung, von äußerer Wertung. Ich bin es ja gewohnt, dementsprechend, also wenn Menschen sich gegenüber mir wertend äußern, da blicke ich drüber hinweg. Also ich will nicht sagen, mir ist es egal, aber es ist wichtig, glaube ich, aus seiner Überzeugung, die Dinge zu tun, die man für sich selbst auch richtig hält, dass man für sich denkt. Aber nicht nur für sich alleine, sondern auch seinen Weg nutzt und die Möglichkeiten, die einem entgegenkommen.

Ich hatte ja auch viel Glück gehabt, dass ich die richtigen Menschen, auch die richtigen Möglichkeiten, wirklich von den richtigen Chancen und Möglichkeiten gehört habe. Aber ich finde, man hat auch Verantwortung. Und ich glaube, ich bin mir meiner Verantwortung sehr bewusst, dass es hier nicht nur um mich geht und mich als Einzelschicksal, sondern dass es um 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche geht, die in Deutschland in Armut leben. Das sind 20 Prozent.

Es geht um die Menschen, die in Deutschland gesellschaftlich systematisch ignoriert werden. Was ich damit sagen will, wir brauchen wichtige Stimmen, die sich dafür einsetzen, dem ein Gesicht geben und die Menschen auch authentisch dort abholen, wo sie sich befinden.

Und ich hoffe, dass ich das repräsentiere und auch verkörper, aber auch immer meine Möglichkeiten nutze, dieses Ziel zu erreichen, dass Menschen und vor allem Kinder und Jugendliche nicht in Armut groß werden, keine Defizite erleiden müssen, in unserem Bildungssystem benachteiligt werden, sondern wie du und viele andere Menschen, die vielleicht normal groß geworden sind, was auch immer das bedeuten mag, aber die gleichen Möglichkeiten haben.

Ich will keine Chancengerechtigkeit, ich will eine Teilhabegerechtigkeit. Das ist mir wichtig. Wichtiger Gedanke. Du lebst jetzt in einer der Schickimiggi-Städte Deutschlands. Mittlerweile in München. Und du hast letztes Jahr angefangen, selbst für SOS Kinderdorf. Heißt die Organisation Kinderdorf oder Kinderdörfer? SOS Kinderdorf. Es gibt den SOS Kinderdörfer weltweit. Die sind aber eher für die Arbeit außerhalb Deutschlands verantwortlich. Es gibt den SOS Kinderdorf Verein.

Ah, okay. Und das ist der, für den du jetzt arbeitest? Das ist der, für den ich arbeite, genau. Wie ist es dazu gekommen. Ich bin dann letztes Jahr im Mai fertig mit der Uni gewesen, hatte dann zwischenzeitlich mich natürlich schon entschieden, zurück nach Deutschland zu kommen, damals noch wegen meiner Beziehung jetzt mit meiner Ex-Freundin, die im Frühjahr dieses Jahr geendet hat.

Und für mich war aber auch klar, ich möchte nochmals bewegen, ich will zurückgeben mit der Bildung, die ich erfahren habe und in welcher Funktion kann ich das gut machen?

Habe ich gemeint, okay, habe mal geguckt, welche Möglichkeiten gibt es, bin auf SOS Kinderdorf gestoßen, also dort, wo ich auch groß geworden bin, dass sie einen Referenten gesucht haben für ihren Fundraising-Bereich, ihren Großspender-Fundraising-Bereich, und in der Verantwortung bin ich, dass wir also schauen a, wo gewinnen wir neue Großspender und b, welche Maßnahmen sind vielleicht dafür relevant, aber am allerwichtigsten man

muss diesen Menschen auch verkörpern, für was SOS Kinderdorf steht und SOS Kinderdorf ist ja ganz, ganz viel vor allem vor Ort aktiv in Strukturschwanzungen Regionen in Form von Schulsozialarbeit, mit Familienhilfezentren, Jugendwundgruppen, SS-Kinderdorf und welche Arbeit verkörpert also mehr Sinnhaftigkeit als dieser Job? Und deshalb habe ich mich für diesen Job entschieden. Ja, und wer könnte das besser verkörpern als du, der selber weiß, wie es da ist, da aufzuwachsen, ne?

In deinem Buch schreibst du, dass Bildung dein Rettungsanker war, um es aus der Armut so ein bisschen rauszuschaffen und das finde ich, kommt auch immer wieder zwischen den Zeilen durch, dass du schon als Jugendlicher genau wusstest, ich muss noch mehr schaffen oder ich kann. Du hast eben gerade gesagt, hier bleibe ich unter meinen Möglichkeiten. Ich glaube, das hätten wenige 15-Jährige gedacht, die sind meistens mit anderen Sachen beschäftigt.

Glaubst du, dass es jeder aus der Armut heraus schaffen kann, wenn er sich nur genug anstrengt? Also der amerikanische Traum im Prinzip. Ja, ich glaube an den amerikanischen Traum nicht. Ich glaube auch nicht daran, dass es nur durch eigene Kraft zu schaffen ist. Weil in Deutschland, wie ich schon sagte, beginnt ja schon Bildungsungerechtigkeit im frühesten Kindesalter.

Es macht schon einen Unterschied, ob meine Eltern darauf achten, ob ich sprachliche Defizite aufweise, Defizite eventuell insgesamt in meiner Entwicklung und dann dafür alles getan wird, um diese Defizite auszuloten und zu verbessern.

Da beginnt es ja schon. Und wenn da schon irgendwie wegweisende Fehler gemacht werden, indem man halt eben nicht diese Defizite aufhebt, dann ist man systematisch benachteiligt und wird niemals die gleichen Möglichkeiten haben zur Sozialmobilität nach oben sozusagen. Als das vielleicht jemand tut, bei dem darauf geachtet wurde. Zeitgleich ist es auch so in Deutschland, dass wir verschiedene Formen von Kapital haben.

Es macht einen Unterschied, ob ich soziales, kulturelles Kapital habe, Menschen kennen, die mir vielleicht mal ein Praktikum anbieten, die vielleicht auch im Bildungssektor an der ganz besonderen Schule waren und mir davon berichten können oder ob ich unter meinesgleichen bleibe. Um das nochmal zu darmauern, einer der wichtigsten kritischen Faktoren auch für soziale Mobilität ist innerstädtische Mobilität.

Auch außerhalb seines Quartiers zu kommen und seine Perspektive auch dementsprechend erweitern zu können. Extrem wichtig. Und das Zweite, und das finde ich eine hohe, hohe Scham, auch für was die Bundesregierung gemacht hat, mit der Kindergrundsicherung, die wurde mit zwei Milliarden Euro finanziert. Wissenschaftler sagen, dass sie komplett ausfinanziert ist, müssten etwa 17 bis 20 Milliarden Euro investiert sein.

Und zeitgleich schafft es die Bundesregierung nicht, dieses Geld aufzubringen und... Löst einer der dringendsten gesellschaftlichen Probleme nicht, was nur zu höherer Unzufriedenheit führt. Das war ein großer Weiterwurf, aber das ist es ja. Es ist ja kein einfaches politisches Thema. Aber jetzt mal abgesehen von der Politik, wenn wir auf die Gesellschaft schauen, was kann ich denn machen als normaler Mensch, wie auch immer normal zu definieren ist?

Es gibt eine Fülle an Dinge, die man machen kann als normaler Mensch, als normaler Bürger. Man kann Mentor sein. Man kann mit seinem Netzwerk Perspektiven ermöglichen Möglichen über Netzwerkchancen zum Beispiel. Netzwerkchancen ist eine Organisation, da kann man sich als normaler Mensch bewerben sozusagen und die Mentorenschaft für junge Menschen übernehmen, die vielleicht auf diese Guidance angewiesen sind, die ja sonst fehlhaft ist.

Ich finde auch, jeder Mensch kann spenden, nicht nur, weil es steuerlich absetzbar ist, sondern auch, weil wirklich Geld was bewirken kann, ob man das realisieren will oder nicht, wenn man das Geld hat. Andererseits kann man sich lokal in Vereinen einbringen, bei der Tafel zum Beispiel. Es gibt ganz, ganz viele, in der Partei kann man sich auch einbringen, indem man ganz pragmatisch, man der Typ dafür ist, natürlich Anträge schreibt, inhaltlich mitarbeitet.

Man kann an Schulvereine spenden, vielleicht an Schulvereine auch, die weniger stark finanziert, wo vielleicht nicht der reiche Papi und die reiche Mami sind, sondern vielleicht eher Kinder aus dem Arbeitermilieu oder aus denen Eltern vielleicht gar nicht arbeiten.

Ich glaube, damit fängt es an und auch in der eigenen Aufklärung und der eigenen Bildung über Armut und dass man eben nicht in dieser Ideologie festhängt bleibt, dass arme Menschen nicht wissen, wie man Geld umgeht, was ja alles schon wissenschaftlich widerlegt ist. Also auch in der eigenen Bildung, in der eigenen Aufklärung. Das ist ja gerade im Moment wieder ein großes Thema. Wir haben es schon so ein bisschen angeschnitten, diese ganze Bürgergelddiskussion. Könnte ich kotzen?

Ja, darauf wollte ich tatsächlich hinaus. Da wird ja diskutiert, aus einigen Richtungen wird ja so getan, als ob das alles Menschen sind, die zu faul sind zum Arbeiten und die sich ... Ich will nicht sagen, dass es solche Leute nicht gibt. Die wird es geben, aber das ist wahrscheinlich Promille-Bereich. 0,4 Prozent. Ja, aber es werden ja eigentlich, Bürgergeldempfänger werden unter den Generalverdacht gestellt, eigentlich faul zu sein.

Und man hat im Moment das Gefühl, dass da auch gesellschaftlich was ins Rutschen gekommen ist in Deutschland. Dass viele Leute mittlerweile so denken. Wie empfindest du das selbst, also für dich persönlich, als jemand, der so aufgewachsen ist, wenn andere Menschen so über dich und dein Leben reden? Es zeigt mir wieder zum einen, dass Ideologie die Meinung beeinflusst dieser Menschen, weil im Vordergrund steht ja immer auch die eigene Arbeit.

In Deutschland zählt ja die eigene Arbeitsethik, die ist extrem wichtig für die eigene gesellschaftliche Stellung und die Achtung, die man auch bekommt von den Menschen um einen herum, die dreht sich ja um Arbeit. Und dementsprechend glaube ich, haben wir auch diese Debatte um das Bürgergeld, wie wir sie haben, weil da immer so das unterliegende Kredos, jeder soll da arbeiten und wer das nicht tut, wird sanktioniert.

Nicht nur ist es so, dass es dazu vom Verfassungsgericht, vom Bundesverfassungsgericht Beschlüsse gibt, die sagen, man muss schon ein gewisses Lohn einen gewissen Level haben an Einkommen, um lebenswürdig leben zu können. Um auch natürlich der Inflation irgendwie gerecht zu werden.

Aber zum anderen finde ich, wird auch diese Zahl, ich glaube, fünf Millionen sind es, die man sagt, fünf Millionen sind irgendwie Bürgergeldempfänger, aber die Menschen schauen gar nicht hinter der Zahl, wie viele Menschen davon alleinerziehende Mütter sind. Das müssen wir nochmal nachchecken. Die gar nicht arbeiten können, weil sie ein Kind großziehen. Und weil der Staat auch vielleicht gar nicht zu sehr Kindertagesstätten ausbaut.

Und ich sag mal, die Strukturen bieten, dass alleinstehende Mütter arbeiten gehen können. Und darunter zählen aber auch ganz viele Menschen, die noch unter Schule sind. Denn die Statistik beginnt ab dem 16-Lebensjahr, also wenn man 15 wird. All diese Menschen werden da schon inkludiert, die noch nicht arbeiten, aber vielleicht noch unter Schule sind, ihr Abitur machen, studieren, die deshalb keiner Beschäftigung nachgehen.

Und deshalb schmeißt man diese Zahl rein, fordert dann etwas und geht von dieser Annahme aus, jeder will nicht arbeiten, während das nur von allen Bürgergeldempfängern 0,4% sind. Das sind 16.000 Menschen, die keinen Bock haben auf Arbeit. Aber dann zu sagen, diese 5,6 Millionen Menschen, die wollen mal zur Arbeit riezen.

Das ist ein falscher Schluss und der Schluss hat aus meiner Sicht nur ein Ziel, das wieder die Menschen zu spalten, am unteren Rand der Gesellschaft einen Kampf zu befeuern, jener, die von ihrem Lohn vielleicht gar nicht leben können, schlecht bezahlt werden, vielleicht in der Leiharbeit sind oder in irgendeiner Form von prekärer Beschäftigung sich befinden, mit jenen, die gar nicht arbeiten oder die sehr hart arbeiten, aber nur wenig von ihrem Lohn sehen.

Also was ich damit sagen will, man lenkt eigentlich von den wirklich relevanten Themen ab, wie Umverteilung von Superreichen, die Milliardenvermögen haben und befeuerten Kampf am unteren Ende, der für mich im rein politischen Willen liegt, aber nicht wirklich weiter darüber hinaus geht. Das war jetzt die Antwort von Jeremias, dem Politiker. Aber ich würde gerne wissen, der Mensch Jeremias, wie fühlst du dich, wenn du diese Diskussionen hörst?

Ich finde, ich schwange da immer zwischen Resignation, Wut Verachtung für so eine Art von Menschenfeindlichkeit. Weil der Mensch als Mensch nicht mehr im Vordergrund steht, sondern der Mensch als Arbeitswesen, macht das Sinn? Ich weiß nicht, ob das Sinn ist. Total. Ist der Mensch nur das wert, was er erarbeitet? Oder ist er als Mensch schon mal was wert, weil er einfach nur ein Mensch ist? Richtig.

Da werde ich mal automatisch ein bisschen politisch. Ja, aber das ist ja gut, es ist ja Teil von dir. Du bist jetzt eben bei SOS Kinderdorf gerade aktuell tätig. Was sind denn deine Pläne für die Zukunft? Ich könnte mir vorstellen, dass du so einer bist, der auch so einen 5- und 10-Jahresplan hat und genau weiß, was er als nächstes machen will. Du lächelst, das heißt ja. Das heißt ja, ganz klar. Ich möchte und will in die Politik.

Nicht, weil ich es mir einfach machen will. Wenn man es sich einfach machen will, geht man auf gar keinen Fall in die Politik. Aber weil ich mich da, glaube ich, am wohlsten fühle. Weil ich bereit bin, auch in der Streitkultur zu sein. Und für die Menschen, die vielleicht wenig Achtung finden. Auch im Mitte-Links-Spektrum, weniger Achtung mittlerweile finden.

Abhole und im Namen dieser Menschen Politik mache und lautstark bin und an Anträge mitarbeite, an den Feinheiten, die in der Politik von Essen sind, wenn man in den Ausschüssen sitzt, da wird ja Politik gemacht, wenn es um die Feinheiten geht. Und ich glaube, ich habe den Intellektuellen, die intellektuelle Weitsicht dazu, den Willen, das Verständnis und werde immer auf die Menschen zugehen.

Unabhängig, was ihr Bildungsstand ist, unabhängig von irgendwelchen anderen Faktoren, weil dadurch definieren sich für mich die Menschen nicht. Du brennst da wahnsinnig für und das ist schön zu merken, dass du so für dieses Thema bist und ich hoffe sehr, dass dir das gelingt, weil wie du gerade schon gesagt hast, sind natürlich auch viele Leute in der Politik, die nicht so die Erfahrung haben, wie du sie hast und ich glaube, dass du da wirklich eine Bereicherung sein könntest.

Eine persönliche Frage habe ich noch zum Abschluss. Wie ist denn das Verhältnis zu deinen Eltern heute? Ich habe meinen Eltern ein sehr gutes Verhältnis. Also ich rede mit meinem Vater, und das habe ich im Übrigen auch über die Jahre meiner Zeit im Jugendhaus, fast jeden Tag, jeden zweiten, jeden dritten Tag. Das ist gut. Meine Mutter ist da sehr kühl, das Verhältnis und die Beziehung ganz generell. Also ich meine, wenn ich sie sehe, sage ich Hallo, ich frage mal nach, wie geht's ihr.

Aber meine Mutter und ich haben keine wirkliche Beziehung. Mein Vater und ich schon. Und ja, und ich helfe natürlich auch meinen Eltern ab und an mal aus, nach meinen Möglichkeiten auch, aber ich tue das, was ich eben kann und nehme meine Eltern sehr empathievoll wahr und für mich sind das keine schlechten Menschen.

Für mich sind meine Eltern auch Produkte ihrer Erfahrungen und ich muss sagen, dass ich durch diese Aufarbeitung und durch auch, ich hatte mein Vater zum Beispiel sieben Stunden lang mal gesprochen über seine Vergangenheit, dass es ganz viel auch in mir aufgelöst hat, weil man auf einmal die Eltern nicht als die Schlechten sieht. Du verstehst es mehr. Richtig. Und dementsprechend habe ich damit auch echt meinen Frieden gefunden.

Ja, auch wenn natürlich diese Erfahrung einen prägt, einen Zwischenmensch prägt, ob man immer ein bisschen anders ist, glaube ich. Sind denn deine Eltern, also dein Vater hatte ja Depressionen, ist er mittlerweile gesund oder gesünder oder leidet er immer noch drunter? Daran wird sich nichts mehr ändern, der Kader ist immer noch krank. Aber daran ist es, ich sage mal, ja. Aber man kann ja auch lernen, damit zu leben. Und wie ist es mit deiner Mutter, mit der Spielsucht? Hat sich das geändert?

Das da ist nichts mehr. Können die denn heute deine Entscheidung von damals verstehen, dass du weggegangen bist und mit deiner Familie bewusst gebrochen hast in dem Moment? Ich würde sagen, mein Vater ist da ganz, der sagt, das war vielleicht das Beste, was mir passiert ist, weil ich da halt die Unterstützung bekommen habe nach seinen Worten, die ich nicht zu Hause hätte bekommen können. Also mein Vater hat auf jeden Fall die Weitsicht zu verstehen, dass es sehr gut für mich war.

Was ich meinem Vater auch versprochen habe damals war schon, ich werde mich trotzdem melden, ich werde euch nicht vergessen. Ja, und ich habe mein Wort da immer gehalten und finde es auch wichtig. Denn, wie ich schon sagte, meine Eltern sind ja auch nur Menschen wie du und ich. Ja, wenn diesen Podcast jetzt junge Menschen hören, die vielleicht in einer ähnlichen Situation sind wie du damals, was würdest du so einem Menschen sagen?

Was ich dir empfehlen würde, falls du in so einer Situation bist, lass dich nicht zu sehr von deiner eigenen Scham beeinflussen. Es ist ganz arg so, dass es viele Menschen um einen herum gibt, sei es Lehrer, der Sozialarbeiter in der Schule, vielleicht der AStA in der Uni, das durchländische Hilfswerk. Es gibt ganz, ganz viele Ressourcen und es gibt ganz viele Menschen, die mit voller Selbstlosigkeit einen unterstützen und das auch wollen.

Und darauf sollte man Vertrauen haben, denn man schafft es im Leben nie alleine. Zu dem eigenen Erfolg gehören immer ganz, ganz viele Menschen und dass man auch diese Menschen nie irgendwie vergisst und immer sich im Kopf behält und immer proaktiv auch schaut, wie geht's denen. Aber das ist mir vielleicht wichtig zu sagen, man ist nie alleine.

Es gibt Menschen, die einem helfen und man soll sich nicht von seiner eigenen Scham zu sehr beeinflussen, sondern einfach die Hilfe suchen, wenn man sie braucht. Das ist eine schöne Botschaft, finde ich. Ich habe immer meine zwei Abschlussfragen in diesem Podcast, du hast ihn ja auch selber schon mal gehört, das heißt, du weißt jetzt, was auf dich zukommt.

Frage 1, wenn du heute auf diesen einen Moment zurückblickst, also diesen Moment, wo du ins Jugendamt marschiert bist, als Elfjähriger und hast gesagt, hallo, ich brauche mal Hilfe, ich muss weg von meinen Eltern, was fühlst du, wenn du heute an diesen Moment denkst? Was ich fühle, dass es ein Tiefpunkt war, aber zeitgleich auch so ein bisschen die Klimax. Weil von dort an hat sich ja schon doch sehr, sehr viel verbessert.

Ich fühle sehr viel Demut, Dankbarkeit, Respekt vor dem, was mein elfjähriges Ich sozusagen gemacht hat, geschafft hat. Würdest du sagen stolz? Bist du stolz auf den Elfjährigen Jeremias, dass er sich das getraut hat? Bisschen. Das kannst du auch sein. Das kannst du auf jeden Fall sein. Und Frage Nummer zwei, wie war das heute für dich, über diesen einen Moment zu sprechen? Ich finde, Philipp, du hast das so, du hast eine Tiefe an den Tag gelegt und eine Vertiefung.

Ich habe ganz, ganz starkes Interesse deinerseits gespürt. Denn man lernt ja schon auch so ein bisschen durch Erfahrungen dieser Art, wenn man vorher irgendwie im Podcast war oder in Talkshops war, dass da immer nur so flapsig daher gefragt wird, was halt so draufsteht. Aber dass man nochmal nachhakt oder nochmal tiefer geht in die Materie, was eigentlich gesagt wird, das fand ich war heute sehr bezeichnend.

Und insofern war das eine tolle Erfahrung und auch deswegen, weil einfach vor mir ein extrem kompetenter, ein extrem einfühlsamer Mensch ist, der, ja, der diesen Podcast auch, glaube ich, hoffentlich, liebe Zuhörer, zu einem Erfolg gemacht hat. Jeremias, vielen Dank. Ich habe heute ganz viel Neues gelernt und habe ganz viele Einblicke in eine, ja, andere Welt, klingt so nach Zoo, aber in eine Welt, die ich so nicht kannte, bekommen. Und ich glaube, das werden auch viele, die den Podcast hören.

Deswegen danke dafür. Ich habe auch zu danken. Ich muss sagen, ich bin wahnsinnig beeindruckt von Jeremias, der nicht nur mit gerade mal 23 Jahren so klar Missstände auf den Punkt bringt und Forderungen stellt, sondern der eben auch schon mit elf Jahren entschieden hat, dass es für ihn so nicht weitergeht. Eine Sache, die er gesagt hat, ist bei mir total hängen geblieben. Er kann so mutig sein, weil er sich von äußerer Bewertung abgrenzt.

Und ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Punkt, wenn wir über Armut sprechen. Scham spielt bei Armut eine so große Rolle und hält so viele Menschen zurück. Und diese Scham entsteht nun mal dadurch, weil ein großer Teil der Gesellschaft von oben herab auf Arme schaut, vorschnell Urteile bildet und sie schnell in Schubladen steckt. Das sehen wir jetzt gerade erst wieder bei diesen politischen Diskussionen über das Bürgergeld. Faul, keine Lust zu arbeiten, selber schuld und so weiter und so fort.

Es gibt eine wissenschaftliche Studie, die zeigt, dass bereits sechsjährige Kinder arme Männer für dümmer und weniger kompetent halten als reiche Männer. Dabei zeigt die Wissenschaft auch ganz klar, dass es zahlreiche Faktoren gibt, die es Menschen unglaublich schwer machen, sich aus der Armut wieder heraus zu befreien. Gerade bei uns in Deutschland. Das ist das, was mich so fertig macht, weil wir einfach ein so reiches Land sind und die Möglichkeiten hätten, diese Probleme anzugehen.

Ich fand es total spannend, die persönliche Geschichte von Jeremias zu hören und sie macht ja auch Hoffnung, weil man kann es schaffen, auch wenn dazu ganz schön viel. Die richtigen Begegnungen und ein großes Opfer gebraucht werden. Er hat dafür seine eigene Familie verlassen. In der nächsten Folge geht es hier um ein ganz anderes Thema. Ich spreche mit einer Mutter, die miterleben musste, wie ihr Sohn von der niederländischen Polizei erschossen worden ist.

Justine berichtet von dem Tag, an dem ihr Sohn Sammy im Urlaub eine Psychose erlitten hat und verschwunden ist. Die Suche nach ihm und der Versuch, ihn nach Hause zu bringen, endet tödlich. Und dabei wurden mutmaßlich einige Fehler gemacht. Ich würde mich freuen, wenn ihr auch in zwei Wochen wieder dabei seid. Und wenn ihr in der Zwischenzeit Langeweile habt, dürft ihr natürlich sehr gerne ein Abo dalassen und auch eine Bewertung.

Ich sage es immer wieder, das ist so, so wichtig, gerade für neue Podcasts. Wir hören uns in der nächsten Folge wieder. Tschüss. Eine Moment. Der Podcast mit Philipp Fleiter ist eine.

Transcript source: Provided by creator in RSS feed: download file
For the best experience, listen in Metacast app for iOS or Android