"Für sich einstehen" mit Anastasia Biefang - podcast episode cover

"Für sich einstehen" mit Anastasia Biefang

Jul 14, 20241 hr 9 minSeason 1Ep. 2
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Episode description

Anastasia Biefang ist Oberstleutnant bei der Bundeswehr. Vor fast zehn Jahren hatte sie ihr Coming-Out als Transfrau, zu diesem Zeitpunkt war sie 40 Jahre alt.Die Bundeswehr galt lang als hetero und männlich, das ist kein Vorurteil – tatsächlich ist es erst seit 2001 möglich, als Frau und als offen homo- oder transsexuell alle Laufbahnen bei der Bundeswehr einzuschlagen.Heute bezeichnet Anastasia die Bundeswehr als nicht queerfeindlich – aber auch nicht queerfreundlich. Die Abwesenheit von Diskriminierung sei noch lange keine Wertschätzung. Und trotzdem liebt Anastasia ihren Job. Dass sie sich erst so spät geoutet hat, ist auch nicht nur ihrem Job bei der Bundeswehr zuzuschreiben.In dieser Folge spricht Anastasia über ihren langen Weg hin zur Identifizierung als Trans für sich selbst, mangelnde Aufklärung, aber auch Unterstützung die sie erfahren hat. Wie ihr Elternhaus und ihre erste Ehe vor dem Coming-Out sie geprägt haben.Bis hin zu diesem Moment, als sie sich vor ihrem Vorgesetzten als Transfrau bekennt und mitteilt geschlechtsangleichende Maßnahmen ergreifen zu wollen und welchen Wendepunkt diese Situation für ihr Leben bedeutete. Entgegen der großen Erwartung, bedeutet das Coming-Out für Anastasia kein Karriere-Ende. Trotzdem wird sie zum Präzedenzfall für die Prozesse der Bundeswehr, denn vor ihr hatte noch niemand mit so hohem Dienstgrad ein Coming-Out als transident.2019 erhält Anastasia bei der Bundeswehr einen Verweis – wegen einer Beschreibung in ihrem Dating-Profil. Sie beweist ein weiteres Mal Haltung und hat mittlerweile Verfassungsbeschwerde gegen den Verweis eingelegt, die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts ist noch ausstehend.All das in dieser Folge „Dieser eine Moment“. Ein Interview mit Philipp Fleiter und seiner Gästin Anastasia Biefang.Heute engagiert sich Anastasia stark für queeren Aktivismus und Aufklärung. Eines liegt ihr besonders am Herzen: Jeder kann sich outen, in jedem Beruf.

Mehr zu Anastasia und ihrem Engagement auf Instagram @anastasiabiefang und @queerbwImmer auf dem Laufenden über Philipp und seine Projekte auf Instagram @philippfleiter

Dieser Podcast ist eine Produktion von Philipp Fleiter und WeMynd im Auftrag von Podimo. Neue Folgen alle 14-Tage montags überall, wo es Podcasts gibt.Redaktion: Philipp Fleiter und Laila Keuthage | Produktion: WeMynd

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Transcript

Meine Mutter hat es mir so schön gesagt, im Coming-out haben wir dich erstmal wieder lächeln sehen. Ich habe Hormontherapie, Neowahrgänger bekommen und habe Brüste. Als deutsche Offizierin, Frau und transzendente Person der afghanischen Armee und den Führungskräften, die allesamt alte Männer waren, zu erzählen, wie sie sich mehr für ihre Frauen einsetzen sollen. Das hätten die im Leben auch nicht erwartet, dass die mal so zum Thema Gendergerechtigkeit gebracht werden.

Manchmal sind es nur ganz kurze Momente, die ein Leben komplett verändern können. Ein Augenblick, eine Entscheidung, ein Ereignis, ein Wimpernschlag und danach ist alles anders. Ich bin Philipp Fleiter und ich treffe in diesem Podcast Menschen, um mit Ihnen genau über diesen einen Moment zu sprechen, der Ihr Leben für immer verändert hat. Hallo und herzlich willkommen zu dieser eine Moment.

Ich bin Philipp Fleiter, Podcaster, Journalist und Autor und ich spreche hier mit ganz unterschiedlichen Menschen über den Moment, der ihr Leben für immer verändert hat. Dabei will ich natürlich erstmal ganz viel über diese Menschen und ihre Geschichte erfahren. Aber es geht mir auch darum, was wir aus dem Leben dieser Personen für unser eigenes Leben, für unser eigenes Sein mitnehmen können. Heute treffe ich Anastasia Biefang.

Anastasia ist Oberstleutnant, also ein ziemlich hohes Tier bei der Bundeswehr und Anastasia ist eine Transfrau. Erst mit 40 traut sie sich, reinen Tisch zu machen und sich zu outen. Was diese jahrzehntelange Verdrängung mit ihr gemacht hat, aber vor allem, was dieser eine Moment verändert hat, darüber möchte ich heute mit dir sprechen. Hallo und herzlich willkommen, liebe Anastasia. Schön, dass du Zeit gefunden hast für das Interview.

Gleich zu Beginn würde ich gerne mit dir direkt voll einsteigen. Es ist Anfang 2015, du bist 40 Jahre alt, habe ich gerade schon gesagt, und hast jetzt einen Termin mit deinem direkten Vorgesetzten bei der Bundeswehr. Worum soll es bei dem Termin gehen? Also woran ich mich erinnern kann bei diesem Termin, weil ich ihn gemacht habe, ist, weil ich ihm sagen wollte, dass ich am nächsten Tag einen Termin im Bundeswehrkrankenhaus habe, in der psychiatrischen Abteilung und eingeleitet habe mit.

Aber er muss sich keine Sorgen machen. Ich bin nicht krank, ich bin transsexuell. Nicht krank, nur transsexuell. Das ist auch eine interessante Art, das zu sagen. Wie hat der geguckt? Verwundert, überrascht, nicht verloren. Das wäre das Wort einfach noch so suchend. Aber keine Schnappatmung gehabt. Also das war ja auch sehr unfair. Ich habe nur gesagt, ich brauche einen Termin bei Ihnen. Und du stellst dich vielleicht als vorgesetzte Person auf alles ein,

nur nicht auf das, was jetzt kommt. Und da musst du ja sicher auch sehr schnell reindenken. Und er hat sehr gut reagiert danach. Ja, ich glaube, das ist vielleicht für Menschen, die sich noch nie geoutet haben oder sich nie outen mussten, wenn ich jetzt so dran zurückdenke, Philipp, 16 Jahre alt, erzählt seinen Eltern, dass er schwul ist.

Das ist ja was, wo man sehr lange mit sich selber auch hadert und dann vielleicht auch gar nicht unbedingt erwarten kann, dass alle Leute sofort Juhu schreien oder das sofort verstehen, weil man selber ja viel länger Zeit hatte, sich auf dem Moment vorzubereiten, als die Person, die es dann in dem Moment erfährt. Ja genau, also ja, das ist so der Moment, wo man sagen kann, ich weiß etwas und gleich du auch. Wie hast du dich gefühlt? Wie war das für dich in dem Moment?

Das ist schon lang her, das sind jetzt so neun Jahre. Wenn ich jetzt sagen würde, das war alles ein ganz cooler Gang und ich war überhaupt nicht aufgeregt, dann ist das bestimmt gelogen oder meine Erinnerung trübt sehr stark. Nein, ich war durchaus aufgeregt. Da war schon so ein bisschen ein Gefühl von einer Anspannung schon da, aber es war keine Angst da. Also ich hatte nicht die Angst, dass jetzt irgendetwas Schlimmes passieren würde.

Aber eher so, wie reagiert er denn und wie geht er denn damit um? Und auch vielmehr, was passiert denn danach? Also wahrscheinlich nicht in der Sekunde danach, sondern was verändert sich jetzt in unserem dienstlichen Verhältnis? Wie arbeiten wir zusammen? Wie wird mir begegnet danach? Aber es war halt nicht die erste Person, die es gesagt hat. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich so geoutet habe. Es war das erste Mal, dass ich bei meinem Vorgesetzten geoutet habe. Okay, ja.

Ich glaube, wir müssen erst mal die Vorgeschichte erzählen, warum du auch mit 40 Jahren diesen Schritt gehst und warum du dich outest. Wir springen mal zurück und zwar in deine Kindheit. Du bist am 13. Juni 1974 in Krefeld geboren. Du hast nicht viel Zeit da verbracht. Ihr seid oft umgezogen auch innerhalb von deiner Kindheit und Jugend.

Genau, also so oft eigentlich gar nicht. Wir waren dann die meiste Zeit meines Lebens, habe ich in einem Ort verbracht, der heißt immer noch Dreierwalde, Nordrhein-Westfalen. Westfalen, irgendwo da sowas, das Emsland, glaube ich, gelegen und dort bin ich bis ich 13 war, 13 war, aufgewachsen. Das war im Wesentlichen der Ort, wo ich aufgewachsen bin. Aber hast du nicht auch mal Zeit in den USA verbracht? Das war danach, dann wurde es schöner.

Ah, da wurde es schöner. Das war dann mit 15, da sind wir dann umgezogen. Also von Dreyer Wald in Nordrhein-Westfalen sind wir einmal in die Nähe von Köln gezogen, aber in die Nähe, meine Eltern lieben anscheinend Dörfer, das war auch nur irgendwo auf dem Land dann da, Da nochmal ein Jahr gewohnt und dann sind wir für ein bisschen mehr als fünf Jahre in die Vereinigten Staaten gezogen. Da war ich aber schon dann so, das waren 89, da ging ich an die 15.

Du kommst sozusagen aus einer Militärfamilie, weiß nicht, sagt man das so, also dein Vater war auch bei der Luftwaffe. Wie würdest du deine Familie beschreiben? Ist es eine militärische Familie, in dem Klischee sind, wie man sich das vorstellt, also so streng hierarchisch? Oh Gott, oh Gott, überhaupt nicht. Ich glaube, mein Vater und meine Mutter würden auch nicht sagen, dass sie eine militärische Familie sind. Mein Vater hat halt den gleichen Beruf wie ich sozusagen.

Oder ich habe den gleichen WM im Sinne von, ich bin auch Soldatin geworden und Offizierin. Aber er würde von sich niemals behaupten, dass wir eine militärische Familie waren. Er hat auch immer mal gesagt, ich wäre der Einzige, die Soldat tatsächlich sein im Vergleich zu ihm. Also das beantwortet es dann schon. Nein, das war der Job meines Vaters. Es wirkt nicht sehr militärisch. Das ist wirklich höchstens sehr cool. Er war im pflegerischen Dienst und saß in so einem Jet drin. Das war schon mega.

Ist schon so, wo dann die in der Schule sagen, boah, cool, sowas macht dein Vater. Ja, genau. Das war schon so cool und das hat mich auch, glaube ich, die ganze Zeit fasziniert. Was warst du denn für ein Kind? Introvertiert, würde ich sagen. In sich geschlossen und ruhig. Das kann ich mit Stolz mittlerweile behaupten. Das klingt so, als ob du es nicht immer mit Stolz behaupten konntest.

Wer sagt denn schon gerne, dass man introvertiert ist, das war so halt für mich immer allein gewesen, ich hatte schon Freunde und so ein Kram, das war es nicht, aber so, Konnte mich gut in mich verlieren. Ich weiß ja, wie mein Grundschullehrer mal zu meiner Mutter gesagt hat, der macht sich keine Sorgen. Guckt öfter aus dem Fenster, aber es wird schon passen. Das ist aber sehr schön. Also nichts, wo ich sagen würde, dass es irgendwie

was Atemberaubendes oder so ist. Es war halt so ein ganz Standardaufwachsen in den 80er Jahren auf dem Dorf, wo wenig Abwechslung, wo wenig Vielfalt ist. Das können wir, was alle gemacht haben. Ich habe Fußballspielen versucht, das hat überhaupt nicht geklappt. Ich auch, also willkommen im Club. Jetzt bedienen wir auch noch Klischees. Ja, es ist furchtbar.

Aber es ist ja so, ganz so normal, Kindheit auf dem Dorf auf der einen Seite, aber du hast ja dann wahrscheinlich auch irgendwann so einen Moment gehabt, wo du gemerkt hast, so richtig irgendwie, ich bin vielleicht gar kein Junge. Wie stellt man sich das vor? Ich weiß nicht. Das ist so schwer zu erklären, weil ich, für mich in meiner eigenen Reflexion auch, kommt das tatsächlich erst sehr viel später, das ist, ähm,

Es waren so zwei Momente in meinem Leben. Der erste war, dass ich gemerkt habe, da war ich schon deutlich älter als die Zeit, die ich gerade beschrieben habe. Da haben wir nämlich schon in den Vereinigten Staaten gelebt. Da war so mit 16, wo ich so gemerkt habe, Mensch, guck mal, es gibt zwei Geschlechter und beide sehen für dich attraktiv aus. Das war so der erste Moment, wo ich dachte, oh, wie ist denn das?

Und das war mir so, einer der 80er, Anfang der 90er, war das auch noch nicht so die Offenheit, auch nicht in der amerikanischen Gesellschaft dafür. Und das hat mich total konfus gemacht, bis ich einen sehr empathischen Lehrer auf meiner Schule gefunden habe, der gesagt hat, du musst dich nicht entscheiden. Ist alles gut. Das war super. Und aus irgendeinem Grund konnte ich das da auch mit dem Lehrer besprechen. Das habe ich zu Hause keiner Person gesagt. Das weiß keiner.

Ich bin nicht mit 16 Jahren gehabt, da haben wir mit den Eltern über meine Sexualität gesprochen. Das ist auch ein Thema, was wir nie hatten. Und dann so, ich weiß nicht, ich sage einfach mal grob so ein Jahr später meine Erinnerung, dann war der Moment, ich beschreibe es mal gerne, habe ich mich im Kleiderschrank meiner Mama wieder gefunden. Das war so ein Erweckungsmoment, der da einherging mit, ich ziehe mal ihre Sachen an, ich weiß nicht, was sich das,

Ich kann ja nicht sagen, warum ich das getan habe. Ich weiß nicht, was mich an dem Tag dahin gezogen hat. Und ich weiß auch nicht mehr so richtig, was ich gefühlt habe. Außer, dass ich sagen kann, es fühlte sich gleichsam gut und falsch an. Das war das Gefühl, was ich dann auch die meiste Zeit mit mir genommen habe. Im Sinne von, das tut dir gut, aber irgendwie weißt du, das darf keiner rausfinden, dass du das gerade machst.

Aber erklären konnte ich mir das auch nicht. Warum? Weil ich wusste so, dass da ist, wenn jetzt Vater oder Mutter um die Ecke kommen, ich wüsste nicht mal, was ich hätte sagen sollten. Und ich wusste auch nur, dass ich wusste, ich will hier nicht, ich nehme das Wort bewusst, erwischt werden damit. Und auch das habe ich meinen Eltern nicht erzählt, dass sie das machen. Weißt du denn, was das war, was dich angezogen hat? Gab es ein bestimmtes Kleidungsstück,

wo du sagst, ich würde gerne sehen, wie ich darin aussehe? Oder war es so dieses ganze Gefühl? Nee, ich glaube, es war tatsächlich eher so von Neugierde, es war nichts Spezifisches. Und ich weiß, dass ich das später für mich genommen habe und dann, um es für mich handhabbar zu machen in meiner eigenen Welt, dass ich es dann für mich so als Aspekt von Fetisch genommen habe, als etwas, was mich erregt.

Das war ein Erklärungsmuster für mich, mit dem ich besser umgehen konnte, als entweder wo ich vielleicht noch nicht die Worte dazu hatte oder in mir schon ahnt, dass es etwas anderes sein könnte, mit dem ich überhaupt nicht umgehen wollte. Nämlich vielleicht tatsächlich schon zu sagen, ich bin trans. Also das Wort habe ich mit 17 auch nicht benutzt, um Gottes Willen.

Aber ansonsten war es einfach nur, ich saß, stand da drin in den Zeiten, wo ich es anhatte, ich konnte es mir nicht erklären, es war nur so ein Gefühl von Stimmigkeit, es fühlt sich irgendwie gut an, ich fühlte mich wohl, was immer das dann auch dann ausgelöst hat mir, aber auch dann das gleichsame Gefühl, das ist falsch, lass dich nicht erwischen, kannst mit keinem reden, dann begrenzt du dich ja selber auch und das habe ich auch nicht gerne gemacht.

Und dann blieb das so für mich eher sehr lange Zeit. In den USA gelebt, bis ich 20 war. Und ich bin dann auf so einer Nachmittagstalkshow, ich glaube, das war Philip Donoghue, der Hans Meiser von NBC damals. Und da gab es, ich glaube, eine Sendung, so eine Talkshow, die hatte den Titel, und ich weiß nicht, ich glaube, ich habe die auch nur zufällig gefunden, die hieß so ungefähr My Husband wears my clothes, so ungefähr, das muss so gewesen sein. Da habe ich reingeguckt.

Und da habe ich zum ersten Mal Menschen gesehen, die ähnlich. Sehr einfach gesprochen, ähnlich geschildert haben, was ich auch mache, die hatten keine Ahnung, die Kleidung ihrer Partnerin angezogen, fühlte sich darin wohl und dann gab es Bezeichnungen wie Crossdresser, Transvestite und so weiter und so fort. Da hatte ich zum ersten Mal Begrifflichkeiten und konnte einen Link zu einer Person machen. Aber es war eine Talkshow. Das heißt, es gab auch Reaktionen darum und was passiert.

Ich ganz stark daran erinnere, an dieser Erfahrung, wo ich jetzt meinen könnte, damit hast du etwas gefunden, um weiterzugeben, waren eher nicht die Geschichten, die die Menschen dort selber erzählt haben, sondern die Reaktion der Menschen, die sie mitbrachten, auch im Publikum.

Also es war auf einmal dann die Menschen dann quasi, die bemitleidend sind, weil sie nicht so sind, wie sie geboren wurden, die viel Mitleid bekommen hatten, die irgendwie anders sind, die auch nicht normal sind oder die in Fällen, wenn sie in einer Ehe sind, aufgrund ihrer Aktion ihres Lebens, ihrer Bedürfnisse, auf einmal Familienleben zerstören und das alles kaputt machen, weil die Partnerin damit nicht umgehen kann.

Sondern auf einmal waren sie jemand, der etwas zerstört, die etwas an sich entdeckt, was schön ist, was gut ist, was vielleicht eine Befreiung aus sich selbst heraus ist. Das wurde so gar nicht thematisiert. Und dann war die Reaktion im Publikum, wo du auch hattest von Mitleid bis Freak. Und diese Spanne zwischen Mitleid und Freak, die fühlte sich nicht gut an, sich darin zuwiderzufinden.

Und ich weiß nicht, was für dich war, aber in meiner Erfahrung war es halt auch immer, du brauchst ja nicht viel. Also ich habe nicht viel gebraucht, um mich zu verstecken.

Das waren so, ich glaube die Antennen waren bei mir da sehr sensibel drauf eingestellt und es hat ungefähr das bestätigt dieses Gefühl, was ich beim ersten Mal im Kleiderschrank meiner Mama hatte, lass dich bloß nicht erwischen dann hast du das gesehen, okay, damit reden wir besser über keinen Menschen, das ist so dein Geheimnis, Und das habe ich dann die ganze Zeit, wo ich dann mit meinen Eltern zusammengelebt habe, dann auch so für mich gehandhabt.

Man kapselt das so in sich ein. Du kapselt, also ich glaube, ich würde ja das Wort nehmen, ich habe das dann tatsächlich auch dann versucht zu verdrängen, weil das Schamgefühl auch so stark war und dann auch Scham mit Schuld verbunden war und dann drücke ich es lieber weg und will damit nicht umgehen, was in der Realität dann immer nur eine zeitliche Lösung war, weil es kommt dann auch wieder hoch, so ein Bedürfnis kam dann hoch.

Wenn wir Menschen, Wünsche oder Bedürfnisse haben, die nicht befriedigt werden können oder wenn wir schlimme Vorstellungen oder Erinnerungen haben, dann neigen wir dazu, sie zu verdrängen. Die Psychologie nennt Verdrängung einen innerpsychischen Abwehrmechanismus. Der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud hat den Begriff geprägt, habt ihr bestimmt schon mal gehört.

Demnach schieben wir diese unliebsamen Gefühle und Gedanken weit aus unserem Bewusstsein ins Unterbewusste, mit dem Ziel, Angst, Schmerz und Scham zu vermeiden. Kurzfristig ist das für uns also ein positiver Mechanismus, uns geht es besser. Langfristig gelingt es aber oft nicht, diese Verdrängung aufrechtzuerhalten, davon berichtet ja auch Anastasia. Ihr Bedürfnis danach, als Frau zu leben, bricht im Laufe der Jahre immer wieder hervor.

Man geht davon aus, dass Verdrängung langfristig dadurch auch negative Konsequenzen haben kann, wie zum Beispiel psychische Erkrankungen oder wiederkehrende, belastende Träume. Transmenschen sind im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung tatsächlich stärker von psychischen Belastungen betroffen. Studien zeigen aber auch, dass die Belastung nicht primär durch den Wunsch einer anderen Geschlechtszuschreibung an sich ausgelöst wird, sondern vielmehr durch den Umgang der Gesellschaft mit diesem Wunsch.

Transmenschen sind insbesondere häufig von Depressionen und Angststörungen betroffen und das eben häufiger als der Durchschnitt. Anastasia sieht damals keine andere Möglichkeit, mit ihren Gefühlen umzugehen, als sie zu verdrängen.

Ich hätte einfach mal gewünscht, dass, wenn ich da hätte drüber reden können, wenn jemand sagt, das, was ich fühle, ist völlig in Ordnung, ist okay und das ist eine Reise der Entdeckung für dich und wir gehen natürlich alle offen mit deinen Ängsten, deinen Gefühlen um und kommunizieren sie doch raus. Wie gesagt, 1991 habe ich die Welt so nicht gesehen und auch nicht erlebt.

Das wäre jetzt meine Frage gewesen, also hättest du, gab es da irgendjemanden, mit dem du hättest drüber sprechen können und auch gerade so, heute kannst du natürlich vieles im Internet nachlesen, das gab es ja damals in der Form auch noch nicht, dass du einfach mal googeln kannst, was bin ich eigentlich?

Nein, nein, ich hatte überhaupt, es war wirklich schwierig Bezug zu finden und das, was ich gefunden habe, das fühlte sich nicht an, als ob das wertgeschätzt wird von einer, wie auch immer, vermeintlichen Öffentlichkeit oder Gesellschaft und das hat natürlich so ein bisschen dann sehr stark auf das eigene Bedürfnis, ich verdränge das, ich will damit nicht umgehen, sehr stark natürlich das dann auch wieder forciert und verstärkt.

Ich finde, das ist so ein wichtiger Punkt. Ich bin ja in den 90ern aufgewachsen, Anfang der 2000er Jahre. Und da waren Schwule, die im Fernsehen stattgefunden haben, oft der lustige Schwule oder der Freak-Schwule im Glitzerfummel. Wenn du damit aufwächst und sitzt da mit elf, zwölf Jahren und denkst, eigentlich vielleicht bin ich das. Und dann siehst du so jemanden, also ich will all diesen prominenten Menschen, die damals schon stattgefunden haben, Schwulen, Männern, nicht das absprechen.

Aber es waren halt schon eher die schrilleren Schwulen. So Ralf Morgenstern und so, die man halt so kennt. Ja, also das war so der erste Schwule, den ich im Fernsehen gesehen habe. Ich habe gedacht, wenn der schwul ist, aber so bin ich doch nicht. Und ich habe das nicht zusammengebracht. Also genau das, was du gerade... Gesagt hast. Ich glaube, es würde schon helfen, ein Vorbild oder eine Orientierung zu haben in dieser wichtigen Zeit.

Also das auf jeden Fall und die Vorbilder oder die Orientierungspunkte, die gab es einfach nicht. Und da kommt ja der andere Teil auch noch hinzu, das war auch im Erwachsenwerden dann auch nicht einfach, auch die Vorstellung, was heißt eigentlich transgeschlechtlich zu sein, aber dann kommt immer dieses Wort da drin vor, was auch immer noch ist, der Leidensdruck, den Transpersonen empfinden für sich. Das ist erstmal auch kein schönes Wort, Leidensdruck. Was heißt denn das Ganze?

Und wenn du ein bisschen recherchierst, da wird immer von sehr viel Leid und schwierigen Erfahrungen gesprochen, die dann auch meistens nicht positiv enden. Das sind so Kleinigkeiten wie, keine Ahnung, Beziehungen zerbrechen und so weiter und so fort. Ich war zu einem Zeitpunkt mit meiner Freundin sehr glücklich zusammen. Wir haben auch später geheiratet. Und es war eine liebevolle Beziehung, die ich auch nicht gefährden wollte.

Und dieses Wort Leidensdruck war auch immer so hart. Und was heißt denn für mich Leiden? Und für mich war immer so, ich funktioniere doch. Ich bin doch eigentlich glücklich. Ich kann in meiner Arbeit nachgehen. Ich habe Freunde und so weiter und so fort. Also leide ich dann tatsächlich? Ach nee, komm, das ist so ein Ding in dir. Das versuche ich abzukapseln. Erstmal bist du ja zurück nach Deutschland gezogen. Ich glaube, 1994 war das.

Genau. Und bis dann hast du dann auch gesagt, ich will zur Bundeswehr. Da wolltest du eigentlich immer schon zur Bundeswehr. Ja und nein. Also erst mal hat der Staat gesagt, du kommst zu uns. Ja genau. War ja damals noch so. Genau. Ich bin eingezogen worden und er hat es mit mir leicht gehabt. Ich habe nicht nein gesagt. Und als ich auch eingezogen worden bin, habe ich auch meinen Antrag gestellt auf, ich möchte hier Zeitsoldat werden. Und dann brauche ich auch was machen. Das ist ja...

Und dann hast du die Frau kennengelernt, die später dann deine Frau geworden ist, an der Uni, glaube ich. Genau, wir haben uns an der Uni kennengelernt, als ich in München studiert habe, an der Bundeswehruniversität. Da sind wir uns bei einer Bundeswehrparty über den Weg gelaufen. Sie kannte jemanden, der auch da studiert hat und hat sie mitgeschleppt und haben uns kennengelernt.

Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, war sie dann auch die Erste, mit der du so ein bisschen darüber gesprochen hast, über diese Unsicherheiten bezüglich deines Geschlechtes, oder? Ja, aber auch da würde ich sagen, wenn du jetzt meine Ex-Frau fragen würdest, wie ich das erzählt habe, kommen bestimmt deutlich zwei unterschiedliche Geschichten raus. Ich versuche das achtsamer zu geben und auch so, dass das ihre Seite auch mit reflektiert wird.

Ich habe ihr zumindest gesagt, schau mal meinen Kleiderschrank, ich habe da so Sachen drin, ich ziehe Frauenkleider an, das war so etwas. Das ist eine Sache, die ich mache und so. Aber ich habe ihr das relativ früh gesagt. Ich meine, wir waren so gerade erst so drei Wochen so offiziell zusammen. wie ich das gesagt hatte, weil mir einfach klar wurde, ich werde mit einer Person vielleicht irgendwann zusammenleben. Dann kommt es eh raus. Und zusammenleben, vielleicht ja auch nicht.

Aber das wollte ich einfach nicht. Mir war irgendwie klar, ich muss hier zumindest in dem begrenzten Rahmen, wie ich sagen konnte, etwas sagen. Und ja, wie soll ich es beschreiben? Das hat auf der einen Seite auf... Anklang gefunden im Sinne von, okay, dann ist es halt eine Sache von dir. Und mit der Zeit hat sie dann auch gesagt, es wäre schön, wenn das kein anderer weiß. So soll ich das mal halten. Also du hast den Raum bei dir zu Hause für uns, aber das war es auch.

Und da kamen auch so die Sätze vor so ein bisschen wie, was sollen die Nachbarn denken, wenn die das wüssten. Als ob du dir die Gedanken nicht eh gemacht hättest. Nein, die machen wir uns ja schon, das stimmt, klar.

Aber es war natürlich Sorge auch, da und das war jetzt auch nicht böse gemeint, das waren auch da verinnerlichte gesellschaftliche Aspekte bei ihr drin, aber sie hat zumindest nicht gesagt, ich verstoße dich aus meinem Leben deswegen, also wir haben dann versucht einen Weg zu finden, haben wir nicht geschafft. Aber gab es dann dann irgendwann im Laufe der Zeit einen Moment, wo du zu ihr klipp und klar gesagt hast, ich bin eine Frau?

Nein, den gab es tatsächlich nicht, sie erinnert sich daran, dass sie mich mal explizit an den Moment gefragt hat, schon sehr weit unserer Beziehung war, ob ich eine Frau sein möchte. Und sie sagt, sie erinnert sich daran, dass ich gesagt habe zu dem Zeitpunkt, nein, das möchte ich nicht.

Ich glaube aber, wenn ich die Antwort so gegeben habe, dann zeigt das auch wieder darum, dass das mein Umgang immer noch nicht so war, dass ich da hundertprozentig bei mir stand, weil ich sagte, das kann nicht sein, weil die Konsequenz wäre etwas anderes dann daraus folgernd für die Beziehung und auch für mich. Also war ich vielleicht auch noch nicht da für soweit ready. Wie geht es dir denn in der Zeit? Ich möchte das Wort funktionieren, nicht zu sehr bemühen, aber es kommt mir wieder vor.

Meine Ex-Franien haben uns 2013 faktisch getrennt. Und da bin ich nochmal tatsächlich in so eine richtige Tiefe, ich will nicht sagen Depression, aber so ein richtiges Loch gefallen, bis ich dann mein Coming Out tatsächlich dann 2015 hatte, also die zwei Jahre danach. Ich glaube, das war einer der unglücklichsten Zeitpunkte, Zeiträume in meinem Leben für mich.

Die waren wirklich schwer, auch wenn ich versucht habe, Schritte zu nehmen, mich so ein bisschen nach außen zu öffnen, Wege zu finden dafür. Aber es war auch immer noch nicht, ich konnte selbst mich immer noch nicht ganz annehmen. Ich hatte auch mal so eine Zeit lang das Bild, vielleicht kann ich ja beides sein, so Superheld-Innen-mäßig. Tagsüber Mann, abends Frau. Keine Ahnung.

Also das, was ich gar nicht mehr gemacht habe, weil so ganz umfassend zu sagen, ich bin eine Frau, das hat so viel bedroht. Wie gesagt, die Beziehung, den Beruf vielleicht auch, wo ich nicht wusste, wie geht denn eine Bundeswehr mit dir als transgeschlechtliche Person um? Da hatte ich auch nicht das Vertrauen zu, dass das, wie ich am Anfang kurz geschildert habe, dass das so läuft. Sondern es war eher auch mit Angst, um Gottes Willen. Das wird keine Karriereförderung.

Keine Karriereförderung in der Aussage sein. Die queere Geschichte der Bundeswehr ist ja auch nicht die schönste. Da müssen wir auch mal ganz ehrlich sprechen. Also das war dann. Und deswegen das Wort funktionieren passt einfach echt gut einfach drauf. Für mich. Du bist die ganze Zeit parallel bei der Bundeswehr. Und wenn ich das richtig sehe, hast du da auch gut Karriere gemacht.

Warst irgendwie Soldat, Offiziersanwärter, hast studiert, IT-Offizier der Luftwaffe, Stabsoffizier und dann Referent im Bundesministerium für Verteidigung. Was bedeutet dir dein Job bei der Bundeswehr? Vieles bis alles, na wahrscheinlich nicht alles, aber doch eine ganze Menge. Soldat sein ist schon so ein bisschen ein Identitätsmerkmal bei mir. Ich mache es jetzt seit 30 Jahren.

Und ich konnte mir zu dem Zeitpunkt auch nicht vorstellen, etwas anderes zu machen und das hat es auch so schwer gemacht. Du hast einen Beruf, der dich total erfüllt, aber in einer Organisation, wo du nicht weißt, ob die, gut zu dir sind, wenn du den Schritt sagst, hey, ich bin übrigens trans, geht das jetzt alles bei euch? Und Sichtbarkeit von queeren Menschen in der Bundeswehr, seitdem ich bei der Bundeswehr war, immer ein sehr schwieriges Thema. Es war nicht alles immer nur positiv besetzt.

Das wäre jetzt nämlich meine Frage gewesen, also wie ist die Bundeswehr zu dem Zeitpunkt? Also ich stelle es mir jetzt nicht unbedingt als den queerfreundlichsten Ort vor. Welcher Zeitpunkt? Ich sage mal, ein schönes Beispiel ist, wenn der dritter Tag meiner Grundausbildung 1994 kam der Spruch, wir sind schwul, das hat schon alles gesagt dazu. Als ich studiert habe an der Uni und das Thema auch mal so trans aufkam, da habe ich auch die Blicke meiner Kameradinnen gesehen oder meiner Kameraden,

wir waren alles nur Dudes. Das war schon sehr, Von despektierlich bis abfällige Anmerkungen, was das Ganze war. Und ein ganz krasser Punkt war tatsächlich, ich bin IT-Offizier, als ich meine technische Ausbildung nach dem Studium gemacht habe, dazu, auf dem Lehrgang, das war im März 2000 rum, gab es einen Artikel in der Welt, weil eine Soldatin, die im Ball stationiert war, tatsächlich transistisch geoutet hat.

Und ich weiß, unser, nennen wir es mal so, Lehrgangsleiter, der da für uns zuständig war, kam völlig bestürzt in unseren Hörsaal rein und hat davon erzählt und hat seinen ganzen Ekel darüber ausgerückt, wie schlimm das alles wäre, dass es ein Niedergang der Bundeswehr ist, wenn wir solche Menschen haben. Dann sitzt du halt da drin als kleiner, junger Offizier und denkst dir so, okay, ich könnte jetzt was sagen dazu, aber ich glaube, wir machen es mal besser nicht.

Also da hatte ich auch den Mut nicht dazu, Mut aufzustehen. Der sprach in dem Moment natürlich für die gesamte Bundeswehr. Das war jemand, der schon lange gedient hat. Das baut dann wieder entsprechend auf. Und das habe ich halt immer so erlebt. Und ja, ich würde nicht sagen, dass die Bundeswehr der querfreundlichste Ort war. Und wir hatten ja bis Ende der 90er Jahre, wurde ja aktiv auch gegen schwule Soldaten, wurden ja diskriminiert aufgrund ihrer sexuellen Orientierung.

Und das ist halt so ein Umfeld, wo, also da müssen wir nicht mal von Sichtbarkeit reden. Da war bis Ende der 90er offene Diskriminierung. Kommt dem Bild dazu, was du vielleicht hast von der Bundeswehr, als sehr homogener, heterosexueller, testosterongesteuerter Alphatierhaufen. Ja, also da fühle ich mich mal im inneren Seelenleben ab. Nicht sicher, würde ich einfach mal sagen. Also ich muss zugeben, dass ich in meinem Privatleben keinen wirklichen Bezug zur Bundeswehr hatte bisher.

Also mein Bild ist da schon so ein bisschen von Stereotypen und Klischees geprägt. Aber nicht nur Anastasias Schilderungen zeigen mir, dass ich damit nicht so falsch liege, sondern auch die blanken Fakten. Heute beinhaltet die Pflicht zur Kameradschaft in der Bundeswehr auch die Pflicht zur Toleranz. Nicht nur gegenüber Homosexualität, sondern auch gegenüber sexueller Minderheiten im Allgemeinen. Das war aber nicht immer so. Im Gegenteil.

Homosexuelle Männer wurden in der Bundeswehr jahrzehntelang diskriminiert und ausgeschlossen. Erst im Jahr 2000, und das ist also wirklich nicht lange her, wurde das Gesetz zum Verbot für homosexuelle Menschen in der Bundeswehr aufgehoben. Also nur nochmal zum Verständnis, homosexuelle Menschen in der Bundeswehr waren verboten. Bis dahin wurden entsprechende Straftaten, und ich hoffe, ihr hört die Anführungsstriche, von einem internen Wehrdienstgericht verfolgt und verhandelt.

Es kam zu Strafen wie Disziplinarverfahren, also Verfahren nur, weil Menschen homosexuell sind. Offiziere verloren zum Beispiel ihre Führungsaufgaben oder wurden sogar entlassen, nur aufgrund ihrer Sexualität. Und wenn wir von Diversität und Vielfalt sprechen, dann müssen wir schon bei den Geschlechtern anfangen. Erst 2001 wurde es Frauen nämlich möglich, in allen Bereichen der Bundeswehr zu arbeiten.

Bis dahin durften sie sich nur auf freiwilliger Basis im Militärmusikdienst oder im Sanitätsdienst verpflichten. Das heißt, Anastasia hätte ihre Karriere gar nicht in der Form machen können, wenn sie sich schon früher geoutet hätte. Und dennoch hielt sie immer und hält bis heute an ihrem Job fest. Und ich will natürlich wissen, was sie dazu gebracht hat. Es muss ja trotzdem etwas geben. Das ist ja das Interessante in dieser Diskrepanz,

was dir sehr Spaß gemacht hat an dem Job, weil du bist ja sehr lange da geblieben. Ja, genau. Ich kann es ja auch nicht erklären. Das finde ich, muss es ja auch nicht. Das ist auch so wahnsinnig schwierig. Aber der Beruf hat mich einfach fasziniert. Das hat Spaß gemacht. Ich mochte meine Arbeit sehr. Sie hat Spaß gemacht. Sie hat mich gefordert. Und dann war ich, anscheinend bin ich auch nicht ganz so schlecht da drin. Das ist ja auch ein Ansporn.

So, und dann war meine Verdrängungstaktik, ja, die nächsten 15 Jahre ja immer noch da. Das hat ja auch gut geklappt, in Anführungsstrichen. Vielleicht nicht für meine mentale Gesundheit in dem Zeitpunkt, aber so nach außen gehen war es ja ganz gut. Es waren ja auch viele überraschter, als ich 2015 sagte, guck mal, ich bin übrigens eine Frau. Dann sagten sie, bitte was?

Also da waren nicht viele, die gesagt haben wir schon immer bei dir gewusst, na schön, dass du es jetzt sagst und das krass daran ist, ich habe 2009.

Eine sehr gute Freundin kennengelernt, die selber trans ist und ich habe ihren ganzen Transitionsprozess miterlebt, wir sind sehr befreundet, immer noch und so weiter, also ich hatte dann ja auf einmal auch Menschen, ich konnte mit dem Thema umgehen, ich hatte die Sprache dafür und habe dann immer gesagt, ja, ganz so schlimm ist es bei dir doch nicht dann, das war dann am Ende auch, als für mich die Entscheidung getroffen habe,

Mich zu outen, das war nicht, ich zeige es jetzt der Welt und wunderbar und ich mache jetzt die Welt besser, sondern ich habe einfach nur gemerkt, mir geht es beschissen. Ich muss mir die Fotos angucken auf 10 Jahren, lächelnd findest du da wenige von mir. Das ist tatsächlich so. Meine Mutter hat es mir so schön gesagt, im Coming Out haben wir dich erstmal wieder lächeln sehen. In der Zwischenzeit passiert ja viel in deinem Leben.

Du trennst dich von deiner damaligen Frau. 2013 war das, glaube ich, hast du gesagt. Und dann, ja, zwei Jahre später kommt dann dieses Coming Out oder drei Jahre später, glaube ich. Da bist du 40. Was ist in der Zwischenzeit passiert, was dich in diese Richtung geschubst hat, außer das Unglücklichsein?

Ich habe eine Person kennengelernt, die, ich nenne sie mittlerweile seit Jahren meine beste Freundin, wo ich Vertrauen aufgebaut habe und ihr relativ früh auch von mir als Frau erzählt habe und wo zum ersten Mal. Interesse dran war. Eine Person, die gesagt hat, also die keinen Bezug hatte dazu, gesagt hat, ich möchte dich so auch kennenlernen. Wo ich ein positives Erleben hatte mit einer Person, die mir was bedeutet hat im Sinne in einer Interaktion im Leben mit mir als Frau.

Also sie kannte mich so quasi als Mann und als Frau. Und das war sehr viel, das war sehr positiv. Da waren einfach immer so einfache Sachen. Ja, dann sei doch einfach so, hat sie immer gesagt. Seid doch einfach, lebt doch einfach so. Denkt doch nicht drüber nach, was andere denken. Und das war so ein bisschen so safe haven aus. Da war irgendeine Verbindung da, die das einfach mal so stark dann mal so auslöst. Wahrscheinlich, weil wir auch, wir haben auch noch zusammen gearbeitet jeden Tag.

Das kam auch noch dazu. Und dann, ich glaube, das hat einfach so gebraucht, dass ich, ich habe für Sachen einfach sehr lange gebraucht. Und das gehörte dazu, wo das auf einmal eine positive Konnotation für mich in meinem Leben auch dann gab. Und das war dann immer dieses, aber es hat dann trotzdem noch so ein bis zwei Jahre gedauert.

Aber du hast ja die ganze Zeit gesagt, dass es für dich so schwierig war, das für dich selbst auszusprechen oder zu verstehen und dann noch mal diesen Schritt zu machen, es jemandem wirklich zu sagen, also dieses Outing als Transident, kannst du da noch mal in diese Situation reingehen, also wer ist die erste Person, der du das erzählt hast, ist das diese Freundin? Ich glaube ja, ich glaube das war die erste Freundin, ich habe es ja im Flugzeug

gesagt, nach Brasilien zu machen, gemeinsam im Urlaub. Da konnte sie ja nicht weg. Neun Stunden gefangen. Aber du auch nicht. Nein, aber ich wollte auch nicht weg. Und was für mich so ist, meine Mutter hat mich mal so beschrieben, du bist ein Mensch. Der macht alles für sich selber aus und dann ist fünf vor zwölf und dann droppst du es und lässt alle anderen damit umgehen und du hast es für dich aber schon gelöst und bist raus aus der Tür.

Und so ungefähr ist es auch, dass er klar ist, also ich hatte dann für mich dann irgendwann den Punkt und dann war es für mich einfach crystal clear, das bin ich, hab's gesagt, da ist mein Weg nach vorne. Und alle anderen so hören, was denn da ist los. Genau, jetzt holt mal auf, ich hab 20 Jahre dafür gebraucht und jetzt renne ich aber. Ich habe 20 Jahre im Geheimen für den Marathon trainiert und jetzt laufe ich ihn auch.

Ich habe es keinem gesagt und alle wundern sich, wo kommt denn das auf einmal her. Als ich für mich gesagt habe, ich bin eine Frau, ich bin trans. Dann war alles für mich in meinem Kopf so einfach, weil es ja einfach 20 Jahre kompliziert war. Und dann war da auch keine Angst mehr. Jeder Schritt, der danach kam, war für mich, ich laufe jetzt einfach ab. Okay, ich muss da, ich muss das machen, ich muss das machen,

das ist alles aufgeplant. War zwar viel, ich wusste auch nicht alles, Aber das waren alles keine schweren Sachen mehr. Deswegen war es eigentlich schwer, dann vorgesagt, was zu sagen. Nein, es war notwendig. Ich bin da vielleicht mit Freude hingegangen, war ein bisschen auch nervös im Sinne davon, mal gucken, wie es danach dann weitergeht. Aber nicht, oh Gott, ich habe jetzt Angst zu sagen, wer ich bin. Das war so. Ich bin auch zu meinem ersten Therapeutentermin gegangen.

Lächeln, strahlen und wunderbar sagen, jo, wann kriege ich Hormone? Und er guckt mich an. Schön, dass Sie hier sind. Willkommen zur ersten Sitzung. Gib mal direkt den guten Stoff. Genau, also das war es halt. Und dann war ich, ich habe auch gesagt, ich brauche sie auch nicht, ich muss jetzt nicht mehr, also ich brauche, ich habe 20 Jahre gebraucht, für mich zu erkennen, dass ich trans bin, und das auch für mich zu sagen, es hat lang gedauert.

Ich brauche sie jetzt nicht meiner Funktion, dass ich das Gefühl ausdrucken möchte, ob das wirklich für mich stimmig ist, sondern ich möchte jetzt, helfen sie mir, durch diese ganze Welt zu gehen. Helfen sie mir, durch das System, rechtliche Sachen zu gehen, helfe sie mit dem System, Medizin zu gehen, dafür brauche ich sie. Alles andere ist mir klar, ich finde, wie ich aussehen werde schon noch und da hatte ich dann eher meine Freundin zu gucken, gehen wir shoppen?

Was steht mir eigentlich? Keine Ahnung. Stimmt, das ist auch eine gute Frage, wenn man sich damit sowas auf einmal auseinandersetzen muss. Aber es war wirklich eine völlige Erleichterung danach und danach war auch kein Hadern mehr, also ich bin auch nicht in ein Loch so nach drei, vier Monaten gefallen im Sinne von oh Gott, was ist alles richtig, was ich mache, sondern da.

Manche Sachen in den ganzen Schritten haben mich genervt. Die waren manchmal auch schwierig, weil so fühlt sich ja fremdbestimmt im System. Das transsexuelle Gesetz macht es einfach in diesem Land. Ich glaube, an dieser Stelle ist es wichtig zu verstehen, welche Schritte Transmenschen gehen müssen, um ihr Leben so leben zu können, wie sie es sich vorstellen.

Falls Betroffene im Rahmen ihrer Transition, und ich spreche das nur Englisch aus, weil ich das dann besser aussprechen kann, auch medizinische Maßnahmen ergreifen wollen, zum Beispiel eine Hormontherapie oder geschlechtsangleichende Operation, dann müssen Sie sich in eine begleitende Psychotherapie begeben. Ein Therapeut oder eine Therapeutin entscheidet dann also, ob die gewünschten Maßnahmen durchgeführt werden.

Und ob die Krankenkasse für alle Kosten aufkommt, das steht dann nochmal auf einem ganz anderen Blatt. Für die meisten Transmenschen ist es außerdem sehr wichtig, dass ihr Name und das ihnen zugewiesene Geschlecht in allen ausweis dokumenten offiziell geändert wird, auch irgendwie nachvollziehbar. Das klingt jetzt erstmal so nach simpler Bürokratie, ist aber bis heute richtig kräftezehrend und kostenintensiv.

1980 wurde in Deutschland das sogenannte Transsexuellengesetz verabschiedet, das es Transmenschen ermöglicht, ihren rechtlichen Geschlechtseintrag und Vornamen ändern zu lassen. Das klingt ja erstmal gut. Was damit per Gesetz einhergeht, empfinden aber viele Menschen berechtigterweise als entwürdigend. Transmenschen müssen zwei psychiatrische Gutachten vorliegen, um ihren Personenstand im Pass ändern zu dürfen.

Diese Verfahren sind langwierig und teuer und die Fragebögen, die dabei beantwortet werden müssen, beinhalten wirklich sehr krasse Fragen wie etwa, wie oft masturbieren sie durchschnittlich innerhalb eines Monats? Oder falls sie das Erscheinungsbild eines Mannes haben, tragen sie dann weibliche Unterwäsche, um sich zu stimulieren? Also es geht sehr in eine sexuelle Richtung. Da werden auch sexuelle Fantasien und Hobbys abgefragt mit übrigens längst überholten Geschlechterstereotypen.

Ein Gericht entscheidet dann mithilfe der Gutachten, ob die Person wirklich transident ist und ob der Geschlechtseintrag geändert werden. Nach 44 Jahren gibt es endlich eine bessere Perspektive, denn im April diesen Jahres hat der Bundestag das Selbstbestimmungsgesetz beschlossen, das zum 1. November 2024 in Kraft treten soll.

Das ermöglicht es trans-, intergeschlechtlichen und non-binären Personen, ihren Geschlechtseintrag künftig durch eine einfache Erklärung beim Standesamt zu ändern, ohne Gutachten von Sachverständigen, sondern mit einer Selbsterklärung.

Anastasia, du selbst hattest jetzt ganz persönlich nichts mehr von dem neuen Gesetz, du musstest den bisherigen langen und schmerzhaften Weg durchlaufen mit all den Schwierigkeiten und dann standest du eben noch vor der großen Herausforderung, über die wir anfangs schon gesprochen haben, dieser eine Moment, in dem du dich vor deinem Vorgesetzten outest. Hattest du da Angst vor?

Nee, ich hatte nicht Angst vor ihm, das nicht, aber ich hatte halt einfach Angst, wie das in dem großen Apparat da mit mir funktioniert, weil ich da eben auch keine Bilder hatte. Das war halt nichts, es gab nichts. Es gab nicht mal eine Leitlinie, die gesagt hat, was habe ich zu erwarten, wie funktioniert das Ganze im System Bundeswehr, was sind meine Rechte, was sind meine Pflichten, das gab es alles nicht.

Es gab transgeschlechtliche Menschen vor mir, aber darüber wurde nichts niedergeschrieben und das Gefühl hatte ich halt auch die ganze Zeit. Also es war eher so die Sorge, was passiert denn jetzt damit? Und dann vor dem Hintergrund auch dessen, dass ich meinen Arbeitgeber auch dann trotzdem nicht mal sehr queerfreundlich dachte im Sinne von. Wow, können die damit denn umgehen? Wenn die mich jetzt meinetwegen zum Beispiel anders beurteilen.

Wenn die sagen, okay, ja, darf gerne Frau sein, wenn sie das dann so möchte. Aber ob das noch zu dem Bild, was wir von leistungsfähigen Soldatinnen und Offizieren haben, weiß ich halt nicht. Und das war so dann eher die Sorge dazu, werde ich jetzt dadurch berufliche Nachteile bekommen. Aber hattest du dann in dem Moment schon so eine Art Plan B, wenn das jetzt nicht so gelaufen wäre, wie du es dir... Nö, Plan B. Es gibt keinen Plan B. Ich war Berufssoldatin, ich wollte auch nicht kündigen.

Für mich war einfach, das muss jetzt funktionieren. Ansonsten setze ich einfach alles daran, dass es dann funktioniert. Und das klingt jetzt alles sehr leichtfertig vielleicht auf der einen Seite, aber auch sehr einfach. Aber es ist tatsächlich so, ich weiß noch, ich habe einen guten Kameraden gesagt habe, dass sie mich outen werden 2014, der einen ähnlichen Karriereverlauf gemacht hat wie ich und auch macht und auch super gut ist.

Und der hat, ja 2014, so vor zehn Jahren, der hat zu mir auch gesagt, ich wünsche dir alles Gute, aber ich glaube nicht, dass das der gute Ort ist, wo du arbeitest, dass das gut für dich läuft im Sinne einer Karriere. So, und das sind natürlich Sachen, das war im Jahr 2014, also es war nicht nur, dass ich so für mich so die Meinung hatte, das war so, ja, das hatten viele geteilt, dass das jetzt vielleicht nicht der karriereförderlichste Weg wäre.

Aber so wie ich dich bis jetzt erlebt habe, hast du das ja alles dann so sehr straight durchgezogen. Hast du dann auch auf dieses Gespräch mit dem Vorgesetzten, wo du ja schon wusstest, dass es eine gewisse Wichtigkeit hat, dich dann auch so vorbereitet und dir vorher genau überlegt, das will ich alles in dem Gespräch sagen und unterbringen? Oder hast du es auf dich zukommen lassen? Nee, ich hatte keine fünf Punkte. Ich wollte ihm nur sagen, dass ich trans bin

und wollte gucken, was er sagt. Das war eine gute Sache. Und wie gesagt, ich kannte ja auch nicht jeden Schritt danach. Also wenn es irgendwas gewesen wäre, das geschrieben hätte, okay, so funktioniert das mit transzidenten Menschen in dieser Bundeswehr, hätte ich sagen können, und jetzt kommen folgende 5, 6, 7, 8 Punkte, müssen wir einhalten. Das gab es ja nicht. Also ich wusste ja auch nicht, was kommt. Ich wusste quasi immer den nächsten Schritt, den ich jetzt machen werde.

Und er hat das Schönste, was er gesagt hat, war einfach, wir schaffen das. Er wusste auch nicht, wie es läuft. Er hat gesagt einfach, ich lasse dich nicht allein, wir machen das zusammen. Und das hat mir einfach völlig gereicht. Damit wusste ich, ich kann zu ihm kommen. Ich habe einen Fürsprecher da, jemanden, der mich unterstützt. Und dann lassen wir das Ganze mal auf uns zukommen. Ist nicht die Realität ganz oft von transzendenten Menschen.

Also die Berufswelt ist da schon manchmal sehr hart oder sehr oft sehr hart. Ich hatte das Glück, dass es bei mir eben nicht der Fall war. Du hast ja auch, glaube ich, zu dem Zeitpunkt einen relativ hohen Dienstgrad gehabt. Du warst Referentin, hat vielleicht auch was damit zu tun gehabt, oder? Ich glaube, das Umfeld, das ist ein sehr akademisches Umfeld, ein hohes Bildungsniveau, da möchte ich jetzt gar nichts absprechen.

Aber so, wenn da jemand gewesen wäre, der mit ihm überhaupt nicht klarkommen könnte oder negativ eingestellt hätte, zumindest gewusst, vielleicht nicht die Zeit, was dazu zu sagen. Ich halte mich mit meiner Meinung vielleicht mal zurück und das schafft dann ja auch schon Raum. Aber ich würde auch gar keinem zu nahe treten. Aber ja, ich hatte einen Dienstgrad in der Organisation, der relativ hoch ist. Ich kannte das System Bundeswehr auch schon seit über 20 Jahren dann.

Und da weißt du ja auch, wie du durch so ein System dich navigierst und wo du rangehst, wo du Ansprechstellen hast und wie du da auch damit mit dem System arbeiten kannst. Das hat das geholfen. Und deswegen ist so mein Fall zwar ein schöner Fall, da immer läuft ja alles gut, aber ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich das an, keine Ahnung, im ersten Jahr meiner Bundeswehrzeit gemacht hätte.

Nicht nur wegen der anderen Zeit, sondern einfach, weil ich einfach eine ganz andere Erfahrungswelt zur Bundeswehr gehabt hätte, mich da gar nicht auskenne. Vielleicht gar nicht die Selbstsicherheit zu hätte, wenn jemand zum Beispiel mal Nein sagt und zu sagen, nee, das ist trotzdem so oder ich kann hier reingucken und ich kenne mich da aus.

Das hätte ich alles nicht gehabt. Also ich hatte ja schon sehr viele Kompetenzen, die ich durch die Zeit mitgebracht habe in mir selber, die dann einfach auch geschafft haben, durch diesen Weg zu gehen. Und da war ich schon in dem Sinne auch privilegiert, muss man schon sagen. Aber hattest du dann auch mal den Gedanken, weil es ist ja jetzt dann im Prinzip besser gelaufen, als du vorher gedacht hättest, oder hast du dann auch mal gedacht so, boah, das hätte ich auch früher machen können?

Der Gedanke kam, glaube ich, relativ schnell. Ja, und dann fallen mir immer zwei Antworten ein. Die eine ist, ob es früher besser genauso gelaufen wäre, kann ich A nicht sagen und B, der einfachste Punkt war der, ja, drüber nachdenken, ob ich es gemacht hätte, wäre schön, aber ich konnte es ja einfach nicht. Ich glaube, das kam mir auch ganz raus, ich hatte ja nicht die Kraft dazu und vielleicht brauchte ich auch einfach die Zeit für mich dazu und das ist auch schon gut so.

Ich finde das einen ganz spannenden Punkt, weil ich hatte jetzt in Anführungsstrichen das Glück, dass ich schon mich mit 16 outen konnte und so leben konnte, wie ich bin. Und ich habe oft darüber nachgedacht, weil ich zum Beispiel auch einen Bekannten habe, der auch, glaube ich, erst mit Mitte 40 diesen Mut gefasst hat, ob das dann für einen so ist, dass man denkt, das waren jetzt in Anführungsstrichen verlorene Jahre, wo ich gar nicht das leben konnte, was ich wirklich bin.

Aber du scheinst das nicht so zu empfinden. Ich würde es nicht als verlorene Jahre bezeichnen. Es waren die Jahre, die ich gebraucht habe, um für mich die Enquetten zu bekommen. Es gab ja keine andere Möglichkeit, also ich kann die Welt ja nicht umkehren.

Weiß nicht, ja Gott hätte ich es mit 30 gemacht, hätte ich 10 Jahre mehr als Frau sein, wäre ich länger als Frau nach außen gewesen, stimmt, ja vielleicht aber dann wäre ich vielleicht auch nicht der Mensch, der ich heute bin vielleicht wäre ich gar nicht so aktivistisch geworden also du weißt es ja einfach nie und ich weiß auch nicht, was dann im Jahr, 2005 passiert wäre ich hatte einfach die Punkte, dass ich es einfach nicht konnte

und so war die Zeit für mich nicht reif und Und dann darüber nachzudenken, was hätte sein können, bin ich nicht der Mensch. Es geht darum, was ist und vor mir liegt noch ganz viel. Das ist eine gute Einstellung, glaube ich, weil zu sehr über was wäre, wenn nachzudenken, bringt einen ja auch oft nicht weiter. Kommen wir mal nach dem Coming Out im Job. Das ist ja dann so der Startschuss für die Geschlechtsangleichung.

Kannst du beschreiben, was das genau bedeutet? Weil ich glaube auch, dass es viele Leute gibt, die gar nicht wissen, was das eigentlich ist und was es macht mit einem. Geschlechtsangleichung im medizinischen Sinne heißt, dass es gewisse medizinische Maßnahmen gibt, um in meinem Fall ein, wahrnehmen beim männlichen Körper ein optisch-weibliches Geschlecht anzugleichen.

Und das Erste, was ich dazu sagen möchte, ist erstmal, nur weil du trans bist, heißt das nicht, dass du eine Geschlechtsangleichung brauchst. Also den Weg, das persönlich zu leben, das ist eine sehr individuelle Entscheidung oder auch abhängig von dem individuellen Neidensdruck, den du einfach hast. Und ich habe ja gesagt, meinen Körper hatte ich nicht als stimmig empfunden für mich. Deswegen war für mich das eine Sache, jawohl, ich möchte auch geschlechtsangleichende

OPs haben. In meinem Fall, was heißt das? Das fing einmal an mit einer gegengeschlechtlichen Hormontherapie. Das heißt, mein Körper produziert Testosteron, also machen wir jetzt Östrogen rein und wir nehmen eine Zeit lang Testosteronblocker, dass das nicht mehr so quasi im Körper wirkt, um da schon mal eine leichte Veränderung zu machen am Körper. Aber das passiert auch viel. Hormonisch, machen sehr viel am Körper aus. Da gibt es so ein paar Veränderungen. Das ist die eine Seite.

Und dann war halt der große Schritt, dann später die Geschlechtszahl einer OP, also aus einem männlichen Geschlechtszahl eine Vagina zu machen oder wie es so heißt, Neovagina und einen Brustaufbau. Das waren so im Wesentlichen die Sachen, die ich gemacht habe. Ich habe Hormontherapie, Neovagina bekommen und habe Brüste. Zack. Das war es. 2017 war ich damit fertig. Meine letzte OP hatte ich eine Woche vor Weihnachten 2017. Insgesamt waren es zwei OPs und eine ganz lange Zeit die Hormonbehandlung.

Und ich kann dir auch noch sagen, wie wichtig das war für mich zum Beispiel, also am 7. September 2015 habe ich das erste Mal meine Hormone bekommen und zu mir genommen. Also der Tag ist nach wie vor in meinem Gedächtnis drin. Das waren dann schon knapp neun Monate nach meinem Coming Out. Also hat auch eine Zeit lang gedauert. Und erst da fängt dann ja auch erst langsam körperliche Veränderungen an. Das ist es dann halt.

Ich konnte mir also die Haare wachsen lassen und mit Make-up experimentieren. Das war das, worauf ich eigentlich so hinaus wollte. Wie war das, nachdem du auch lange auf die Hormone gewartet hast? Du merkst wahrscheinlich, die Stimme wird ein bisschen höher, der Körper verändert sich in die Richtung. Und ich war 40 und ich habe eine Pubertät männlich durchgemacht, mein Körper hat Testosteron. Das war eines der ersten Gespräche, die mein Therapeut auch gemacht hat.

Der hat Expectation Management genannt. Wir machen jetzt mal Realitätscheck bei Ihnen. Frau Biefen hat da gesagt. Eine Geschlechtsangleichung ist nur eine Geschlechtsangleichung. Wir arbeiten mit dem Körper, den Sie mitbringen. Ich bin 1,87 Meter groß. Ich bin relativ breit geworden. Er hat aber auch gesagt, Sie werden jetzt nicht schmaler, nur weil Sie Hormone nehmen. Punkt. Sie können sich gerne runterhungern, ganz viel, aber gewissen skeletal-muskulären Aufbau haben sie.

Sie werden ein bisschen Muskel verlieren, ein anderes Fettgewebe bekommen, das ist es aber so. Und hat er gesagt, sie werden jetzt auch nicht gleich, und ich mag das Wort eigentlich gar nicht nehmen, aber sie werden jetzt keine weibliche Stimme bekommen. Ihr Körper wurde jetzt mehr als 20 Jahre mit Testosteron bearbeitet. Sie kommen mit Estrogen nicht in einen Stimmbruch rein. Das ist bei Frau zu Mann mit Testo etwas anderes. ist. Das ist ein sehr starkes Hormon. Da kriegst du noch mal Stimme.

Da müssten sie, wenn sie eine andere Stimme haben wollen, ähm, andere Maßnahmen machen. Ach krass, ich wusste gar nicht, dass das, gibt es auch OPs, um deine höhere Stimme zu kriegen? Du kannst eine Stimm-OP machen, eine Stimmbandkorrektur machen, du kannst Logopädie machen, um deine Stimme irgendwie anzupassen, das kann alles trainieren. Meine Stimme hat sich nicht geändert, mir war das alles echt zu aufwendig.

Ich habe mal mit Logopädie probiert und das hat, nee, das war mir, nee, das war nachher nicht mehr ich. Und dann ist es die Frage, wie füge ich mich denn in eine, wie auch immer erwartete Rollenbild oder Bild einer Frau rein? Und wenn ihr jetzt meine Bilder an meiner Facebook-Seite von damals bis heute vertreist wirst, wirst du merken, dass ich irgendwann gesagt habe, ihr könnt mich alle machen.

Ich bin Frau, so wie ich sein möchte und fühle mich endlich so mit mir wohl, und renne nicht irgendeinem Bild nach, wo vermeintlich dann Stereotype bedienen möchte. Und wie war es dann, den Körper zu haben, der zu dir passt? Geil! Toll! Es ist schön, also das Gefühl, dich selber anzunehmen, endlich zu können, und das geht nicht, ob ich mich schön gefunden habe oder so, sondern einfach, ich glaube, das Wort stimmig klingt so deutsch-neutral, aber das war es einfach.

Ja, das bin ich. Jetzt ist es endlich so. Es passt. Ich glaube, ich habe, Ich habe echt geheult auf dem Gündstuhl bei der OP und gegenüber, meine Frau hat auch geheult, die Ärztin auch. Aber es war auf einmal sowas von, fuck, endlich, endlich, endlich. Das war halt, ich hatte ein sehr dysphorisches Erlebnis in meinem Körper. Ja, ich finde eine Sache ganz spannend. Du warst, glaube ich, in deinem Job zweimal in Afghanistan eingesetzt,

wenn ich das richtig weiß. Also einmal vor und einmal nach der Transition. Also das ist ja so ein Land, wo queere Menschen unterdrückt werden. Was denkt man da, wenn man da hinfliegt? Das ist doch komisch, oder nicht? Ja, ich habe eine Waffe dabei. Wir sind ja nicht unbewacht in den Krieg gegangen. Ich habe tatsächlich im Vorfeld mit unserem Interkulturellen Einsatzberater ein einziges Mal die Frage gestellt, auf was ich mir einstellen musste, weil ich es so hatte.

Und der hat mir auch nur angekuckt, gesagt, ich kann ja keine gute Antwort drauf geben, weil man zum meisten die Leute, die fragen, so, ah, keine Ahnung, ich bin schwuler, lesbisch, wie ist das in dem Land, da sagt man den Leuten ja, ja sagen sie einfach nicht, da merkt das ja keiner. Das ist bei dir schwierig. Dankeschön, ne?

Pass in das cis-geschlechtliche Bild einer Frau nicht rein, aber nein, es ist natürlich für viele Transidentemente einfach schwierig, wir können, das eben uns nicht verstecken, also Also ich komme dann mit 1,87 Meter imposant, wie ich bin einfach dann so angelatscht, plus Waffe und Kevlarweste und Helm und habe dann aber eher einen ganz anderen Punkt noch nehmen müssen und gesagt, wie werde ich überhaupt als Frau in einer Gesellschaft wahrgenommen,

wo Frauen keine gleichberechtigte Stellung haben. Und damit fing das ja schon an. Und ich hatte ja eine Funktion. Ich war ja da auch da, nicht nur im Stab, den die Arbeit zu machen, sondern ich hatte auch einen tatsächlichen Beratungsauftrag für die afghanische Armee. Also ich bin ständig in der Auseinandersetzung und in die Begegnung mit der afghanischen Armee gegangen, mit Offizieren, hab sie dann auch quasi dann beraten und hab auch Ausbildung da gemacht für die.

Und also ich konnte mich auch gar nicht zurücknehmen. Das lief ganz gut. Ich habe mehr Diskriminierung von den multinationalen Partnern erfahren. Ich weiß noch, dass einer meiner Offizierer nicht dabei hat, irgendwann mal in der Truppenküche völlig ausgeflippt ist, gesagt hat, soll sich Frau Oberson für Sie noch dreimal umdrehen oder haben Sie jetzt genug gegafft? Und das war super halt, aber das war so. Und jetzt hat es natürlich viel Sprachbarien

mit den Afghanen natürlich auch gehabt. Ich spreche weder Pashtun auch Dari.

Auf der anderen Seite wollten die auch etwas von uns als NATO und das war dann rein also ich sag immer so, natürlich haben die gemerkt also die musste erstmal mit einer Frau umgehen das war schon, das ist schon ein riesen Ding, auch wenn der eine afghanische Offizier gesagt hat, ach mit Frauen kennt er sich aus, er hat ja zwei, und ich will das überhaupt nicht verniedlichen, das Ganze, ich hab dann aber nichts mehr hinterm Berg gehalten weil das andere, was dann irgendwann kam also

soweit ich das dann durch meinen Dolmetscher mitbekommen habe und dann die mich immer als Frau gesehen haben und auch so angeredet haben, kam dann irgendwann mal die Frage, Familie ist ja ganz wichtig bei denen, wie es meinem Ehemann geht, weil die ja meinen Ehering gesehen haben. Und dann habe ich immer mal gesagt, ja, ich habe keinen Mann. Ich bin ein Feierer mit einer Frau. Und dann waren die echt verwirrt. Da haben sie gesagt, aber du

bist doch die Frau. Ja, meine Frau ist auch eine Frau. Das ist ein Ding. Also die Unterhaltung ging nicht ganz so lustig, wie es gerade klingt. Aber das war halt so. Und damit dir das Wichtigste ist, habe ich dir meine Hochzeitsbilder gezeigt. Und da habe ich gemerkt, jetzt bist du an die Grenzen des Skulpturraums gegangen. Der schönste Moment, wenn wir dafür Zeit haben allerdings, war, das war im letzten Monat meines Einsatzes, im Jahr 2019, haben wir auch den

Frauentag begangen. Am 8. März dann da gemacht. Und den durfte ich... Mit einer afghanischen Journalistin moderieren. Und das fand ich ganz spannend als deutsche Offizierin, Frau und transzendente Person der afghanischen Armee und den Führungskräften, die allesamt arbeiten. Alte Männer waren, zu erzählen, wie sie sich mehr für ihre Frauen einsetzen sollen. Das hätten die im Leben auch nicht erwartet, dass die mal so zum Thema Gendergerechtigkeit gebracht werden.

Und das fand ich schön. Das war das erste Mal, wo ich mich über den Aspekt reingebracht habe. Sonst hatte ich einen ganz anderen Auftrag. Du hast gerade deine Frau angesprochen. Ihr habt euch, wenn ich das richtig in der Röhung gehabt, bei einer Dating-App oder über eine Dating-App. Tinder. Tinder, genau. Man darf hier ruhig Namen nennen. Welche Rolle hat deine geschlechtliche Identität beim Kennenlernen gespielt? Hat die überhaupt eine Rolle gespielt? Nee, für sie keine. Das war das halt.

Ganz einfach, weil, nette Anekdote, unser erstes Date, ich war heillos nervös und dann saßen wir aber so beim Sushi-Essen in Schöneberg in Berlin und, wir haben echt super uns connected, war super klasse, haben uns super verstanden. Ich glaube, nach zwei oder drei Stunden habe ich gefragt, willst du mich jetzt endlich mal fragen? und sie so, was denn? Ja, seit wann ich eine Frau bin, kann man jetzt offensichtlich, oder?

Und da hat sie zum ersten Mal gesagt so, und das sagt sie heute noch so, oh, ja, ja natürlich, klar. Ja gut, danke, dass du mir das sagst. Und das war's. Das war's. Also sie ist, war da schon immer sehr, sehr offen. Und das hat es auch einfach, das war schön. Zwei Jahre später waren wir verheiratet. Ja, darauf geht jetzt mal in die nächste Frage. Ehebeiden, das ist vielleicht auch für manche Menschen ungewöhnlich, Hier führt eine offene Ehe und die... Das ist hier in Berlin sowas von 0815.

Ja gut, in Berlin, das stimmt. In Berlin bist du was für eine geschlossene Ehe, hast du schon eher komisch. Aber im Rest von Deutschland was Besonderes. Und das hat für dich 2019 zu Ärger geführt. Du hast einen Verweis, einen sogenannten Verweis bekommen bei der Bundeswehr. Und zwar wegen deines Tinder-Profils. Korrekt. Also wenn ich es richtig hier zusammengetragen habe, stand da drin, spontan, lustvoll, trans, offene Beziehung und auf der Suche nach Sex, all genders welcome.

Würde ich jetzt erstmal sagen, ist für eine Dating-App nicht ungewöhnlich. Anastasia, Alter 45 zu dem Zeitpunkt. Ich war sehr ehrlich mit meinen ganzen Angaben. Das stimmt. Im Gegensatz zu vielen anderen auf der Geschichte. Und auf dem Bild bin ich übrigens in Zivil zu sehen und es ist nicht nackt. Das wollte ich noch einhergeben. Und du hast auch keine Uniform in dem Bild. Und da stand noch nichts zum Arbeitgeber. Und der Text war für mich, ich bin aus Afghanistan zurückgekommen 2019.

Und habe gesagt, jetzt kann ich mich auch in den offenen Beziehungsmarkt hier werfen. Also meine Frau hat sich eine ganze Zeit schon gemacht. Und da bin ich wieder zurück. Und Tinder war ihr Erfolgsversprechen. Offensichtlich. in unserer Beziehung auf jeden Fall. Und deswegen habe ich mir dabei, ich habe mir schon so gesagt, das, was ich schreibe, ist das irgendwie anstößend, weil ich schon weiß, dass man mich vielleicht anguckt,

dass ich eine rauskomposition habe. Ich dachte, der Text, den ich habe, ist relativ klar. Er sagt viel über mich auf, sagt, was ich suche. Ich möchte keine Partnerschaft suchen. Ich stehe auf etwas anderes, so etwas anderes. Und ich habe eine große Varianz in dem, was ein Geschlecht angeht, für meinen Gegenüber. Ich fand es einfach sehr achtsam und auch sehr ehrlich. Ihm hat ein Screenshot davon gemacht, dann lief es durch die Bundeswehr und

dann habe ich einen Verweis rausbekommen. Weißt du, wer das war mittlerweile? Nee, das weiß ich gar nicht. Das konnte man nie ermitteln, hat man mir gesagt. Ja, ist klar. Man wollte aber es wahrscheinlich auch nicht rauswissen. Und mein Vorteil hat einfach nur gesagt, das macht man so nicht. So darf man in herausgehobenen Führungsportionen, wie ich sie hatte, mit Bekanntheitsgrad und keine Ahnung, darf man sich nicht so geben, weil das A, das Ansehen der Bundeswehr beschädigen würde.

Und auch mein Wohlverhalten und auch an meine in meiner Funktion als Vorgesetzte in der Funktion, in der ich bin, dann auch nicht das Richtige wäre und meine Interpretation ist einfach, er hat seine moralischen Vorstellungen zum Leben, von Monogamie und Heteronativität hinter der Tür immer in unser Arbeitsfeld reingebracht und mich dadurch diskriminiert und mir einen Verweis gegeben, weil das einfach mit,

sein Moralverstellung nicht einhergeht. Aber Moralverstellung, soweit ich weiß, nicht leiten für arbeitsrechtliche und leitliche Maßnahmen. Aber wie gesagt, das Ganze läuft noch, liegt beim Verfassungsgericht gerade. Ich warte auf Entscheidungen. Ja, aber ich meine, du hättest ja jetzt auch sagen können, Verweis ist ja jetzt erstmal nicht, du verlierst deinen Job, sondern das ist erstmal nur du, du, du, was soll das?

Hättest du auch sagen können, finde ich zwar blöd, aber mein Gott, dann ist es halt so.

Aber du hast gedacht, nee, ich kämpfe jetzt. Ja, genau, weil ich fand es nicht nur blöd, ich fand es, wie gesagt, wir gehen nicht rauf, von Organisationen, die bis in den 90er Jahren mit ähnlichen Argumenten oder vielleicht bei einer schwule Soldatin diskriminiert hat, kommt jetzt jemand an und sagt, etwas, was in meiner Persönlichkeit ist, was nicht Anstöße ist, wo ich, wo nichts Strafrechtliches da ist, also was alles völlig in Ordnung ist,

wo vielleicht nur manchmal der eine oder andere sagen würde, es bleibt im Privatbereich, was ich aber auch nicht in den Dienst getragen habe, Tinder habe ich nicht im Dienst gemacht, es war nicht auf dem Kasernenhof, ich habe keinen Bezug dazu, wird man mir jetzt einen Strick drehen. Und für mich war das Gefühl, das war auch nur der Punkt, wo er endlich was für sich gefunden hat, um was zu machen, das kommt auch, aber das kann ich nicht beweisen, da hat er was gefunden.

Und wenn ich dagegen nicht angehe, dann kann das ja allen anderen auch passieren. Was ist denn das überhaupt? Die Wohlverhaltenspflicht, wann schädig ich das ansehen? Was ist denn mein, was ist denn, das sind ja keine, wir haben ja keine Compliance-Richtlinien, die genau sagen, du darfst das, das, das nicht machen. Das ist ja alles sehr schwammig, bewusst grau genannt. So Graubereiche, wo es ja wirklich, es gibt kein Schwarz-Weiß mehr.

Also da haben wir ja gar keine Handlungssicherheit mehr. Da bin ich ja von der Willkür von Vorgesetzten abhanden, die dann über mein Leben und dein Lebensstil richten, sagen, das passt Ihnen nicht, und dann einen dienstlichen Kontext herum kreieren.

Und es hat ja auch keinen geschadet. Genau. Aber der Schaden muss ja nicht da sein, aber es ist halt einfach und ich glaube in der heutigen Zeit, die Freiheit von der Persönlichkeit, da gehört auch die Sexualität zu, deutlich und es tut mir leid, wenn mein nicht heteronormativer Lebensstil, der sehr queer ist, eben ihm nicht gepasst hat, das ist sein Problem, nicht meiner und das hat auch dann im dienstlichen Verhältnis nichts zu suchen.

Glaubst du ganz ehrlich, wenn das jetzt als Tinder-Profil eines heterosexuellen Cis-Mannes gewesen wäre, der geschrieben hätte, ich bin in einer offenen Beziehung und suche Sex, weil das ist ja abgekürzt, dass der dieselben Probleme gehabt hätte wie du? Ich glaube nicht. Ich glaube, das wäre erstmal kein irgendein Mensch ein Screenshot von gemacht und das wäre auch nicht so hochgekocht.

Ich kann es allein nicht beweisen, allerdings möchte ich hier zum Protokoll geben, wenn ich mit vielen Gleichstellungsbeauftragten unterhalte in der Bundeswehr, die sind ja ähnlich, die sagen, bei einem Mann wäre das alles gar nicht passiert. Ich finde, das ist ein interessantes Thema, dass Transmenschen, das ist zumindest meine Wahrnehmung, einfach schon durch ihre Existenz für manche andere Menschen ein Politikum und ein Ärgernis sind.

Ich habe mich da mal vor einiger Zeit mit Tessa Ganserad darüber unterhalten, die du wahrscheinlich auch kennst. Und ich habe zu ihr gesagt, ich finde es mutig, dass du einfach da bist, damit sich solche Leute über dich aufregen. Also du bist ja auch viel Projektionsfläche dann für manche Menschen, rechte Menschen. Auf jeden Fall. Da musst du nur die Kommentare bei Facebook, Twitter und bei Instagram gucken. Ja, mache ich gerne.

Das wäre jetzt meine Frage gewesen. Das ist doch schon arg, was die über einen schreiben. Das geht ja bis zu Tötungsfantasien. Das ist total arg. Das ist auch nicht schön. Und ich rede jetzt auch nur lockerer drüber, als es manchmal ist. Das ist halt so. Und ich hatte damit auch nicht gerechnet, als er mit angefangen hatte. Weil ich bin ja. Ich habe die Sichtbarkeit nicht aus dem Ego-Trip gemacht, sondern ich wollte einfach Sichtbarkeit machen für transindente Menschen, was das Ganze heißt.

Und auch vielleicht mal der, ich hasse das Wort Vorbild, der Orientierungspunkt sein, den ich in meinem Leben alles nicht hatte. Also sichtbar machen und darüber sprechen. Und dann, wer kann glaubhafter über Narrative sprechen als die Menschen selber? Und das bedarf ja auch ein bisschen Mut und Stärke in die Gesellschaft herauszugehen, das zu sagen in die Öffentlichkeit. Ich habe gesagt, ich kann das machen, ich will das machen.

Ja, also da teile ich mein Leid mit Tessa. Wir haben uns irgendwann vor ein paar Wochen mal unterhalten, getroffen haben in Berlin, wie schlimm und scheiße das eigentlich alles ist. Dass man so einen Anstoßpunkt würde, einen Wettstein, wo sich Leute einfach dran reiben. Und gerade in diesem Jahr mit dem Selbstbestimmungsgesetz hat man ja deutlich projektionsfähig gewählt.

Also wo einfach dann Menschen ihre Vorstellungen vom Leben, von Geschlecht, von Mann und Frau überall werden zu sagen, du passt da nicht rein und du zerstörst hier gerade alles und du bist keine Ahnung, was dir alles so einfällt. Aber das ist das, was ich wirklich daran überhaupt nicht verstehe, woher dieses Feindbild kommt, weil dadurch, dass es Transmenschen besser geht oder dass die endlich die gleichen Rechte haben wie andere, geht es ja niemandem, der heterosexuell ist, schlechter.

Also what's the problem? Das ging ja auch. Schwulen, Lesben haben ja Menschen auch nichts weggenommen. Und trotzdem waren die auch ganze Zeit lang da und auch immer noch. Und das erleben wir einfach. Auf der einen Seite, glaube ich, ist es einfach Angst und das Erlebnis. Aus irgendeinem Grund, wo die herkommt und vielleicht auch im eigenen Unglück zu stecken, nicht zu wissen, wie man sie leben führt.

Und dann hilft natürlich noch ein bisschen eben sich nicht aufklären lassen und dann auf irgendwelche kurz gefassten Parolen von insbesondere sehr rechtskonservativen Kreisen bis hin zu sehr rechten Kreisen reinzufallen, da tief einzugehen.

Und das ist etwas, was ich in den letzten zwei Jahren auch deutlicher merke, also der gesellschaftliche Diskurs gerade zu queeren Menschen, ich möchte es gar nicht auf Transmenschen reduzieren, der wird einfach härter, wo ich sage, da müssen wir einfach noch lauter ansichtbarer werden und stark angehen, aber wichtig ist eben, dass dann auch dieses gesellschaftliche Aliership dann darüber kommt, dass wir eben das nicht alleine machen müssen.

Ja, das stimmt, ich glaube oft, dass queere Menschen Kanonenfutter sind in dem Sinne, als dass Identitätspolitik besonders in den sozialen Netzwerken gut klickt. Und man weiß, dass man damit Wut erzeugen kann. Aber du setzt dich ja auch ein bei Queer BW. Ich hoffe, ich habe es richtig ausgesprochen. Was genau machst du da? Also Queer BW ist erstmal eine Interessenvertretung. Es ist ein privater eingetragener Verein. Wir vertreten die Interessen von queeren Angehörigen der Bundeswehr.

Wir setzen uns ein für ein diskriminierungsfreies und ein wertschätzendes Arbeitsumfeld. Wir sind Ansprechstelle für queere Menschen innerhalb der Bundeswehr, sowohl zivil und militärisch, die, auch heute noch die Frage haben, ich sage es mal, ich bin schwu, wie sage ich es meinem Chef?

Oder wie gehe ich damit um? Und wir setzen halt wirklich stark an, bei dem zu sagen, in der heutigen Welt, auch in einer Armee wie die Bundeswehr, gerade mit der negativen, querien Geschichte, ist es wichtig, vielfältige und wertschätzende Akzente sichtbar zu setzen, darin gemeinsam zu arbeiten, weil es kommt dann allen zugute. Und dafür setzen wir uns ein. Ich bin seit 2016 in dem Verein, uns Mitglied, seit 2017 im Vorstand, seit 2019 sind die stellvertretende Vorsitzende.

Und wir machen halt das, was private Organisationen, Vereine einfach machen, das Vereinsziel umsetzen. Unser Fokuspunkt ist die Bundeswehr. Wir wollen das zu einem guten Arbeitgeber am Arbeitsumfeld machen, auch für queere Menschen, um einfach nicht Leuten was wegzunehmen, sondern für alle diese Welt besser und gerechter zu machen. Sehr gut. Wichtig. Ja, macht auch wahnsinnig Spaß, aber ist alles nebenher.

Was man noch so alles macht, Was würdest du einer Person sagen, die gerade mit ihrem Geschlecht struggelt, vielleicht das Gefühl hat, ich bin mit einem falschen Geschlecht geboren worden, sich aber nicht trauen, mit jemandem drüber zu reden? Was würdest du so einer Person sagen? Das Erste, was ich glaube, ich habe es am Anfang gesagt, was ich mir gewünscht hätte, wäre erst einfach nur etwas Empathisches, was sagt, vertrau deinem Gefühl, deine Gefühle sind echt.

Du musst nicht Angst vor deinem Gefühl haben, du bist der Einzige, der weiß, wie du als Mensch bist. und nix. Und dann ist es immer, glaube ich, da zwei Sätze zu sagen, Finde jemanden, dass du das nicht alleine mit dir ausmachen musst. Finde einen Andockpunkt. Das muss nicht gleich ein Therapeut sein. Es gibt mittlerweile so viele Organisationen, die auf einem sehr niedrigschwellen Niveau einfach Ansprechstellen sind, wo man einfach sich angenommen erst mal

fühlt. Da brauchst du nicht mehr große Hilfe. Und das war so eine Erfahrung, die ich gemacht habe, als ich mit Menschen zusammengekommen bin, die ein ähnliches Erleben haben wie ich. Du verstehst, du musst nicht mehr erklären, du wirst gehört und du bist einfach nicht mehr allein. Und das ist das, was mir geholfen hat. Und ich sage immer, du kannst dir nie früh genug Hilfe holen.

Und Hilfe ist eben, und ich glaube, wenn wir das Wort Hilfe mit Unterstützung einfach ersetzen, ist es einfach noch einfacher, das anzunehmen. Weil das sind Themen, die musst du als Mensch nicht alleine meistern, kannst du auch gar nicht. Dafür gibt es Gemeinschaften, die sich auskennen. Und das hilft. Und das gewusst zu hätten, damals hätte es vielleicht sehr viel einfacher gemacht.

Wenn du heute auf diesen Moment zurückblickst, also diesen Moment, wo du es deinem Vorgesetzten gesagt hast, welches Gefühl löst das in dir aus? Welches Gefühl ist, wenn ich daran zu direkt denke, ein völliges Gefühl von Selbstbestimmung, von Selbstbestimmung über mich selbst. Mhm. Wichtig, sehr wichtiges und tolles Gefühl. Und dann sind wir schon bei der letzten Frage. Wie war das für dich heute, über diesen Moment zu sprechen mit mir und auch

über viele andere Momente in deinem Leben? Ich finde das toll, ich mag das. Ich bin happy, dass du diese Arbeit machst und das teilen kannst. Und das kommt zu dem Punkt, hätte ich damals mit 16 so einen Podcast gehabt, leicht erreichbar, was immer das Modul gewesen wäre. Und in dieser Offenheit, wo du nicht gejudged wirst, das wird so viel einfacher machen. Und deswegen finde ich diese Ressourcen einfach so wichtig und es ist eine wahre Freude, es mitteilen zu dürfen.

Und ich hoffe, es ist maximal ein minimal interessanter Podcast und wenn es der eine oder andere hilft, dann ist es halt so. Das ist dann schön, dann bin ich einfach dankbar und glücklich, die Geschichte teilen zu dürfen, weil auch die Geschichten, die ich so mitnehme von anderen Menschen, helfen mir auch in meinem Leben und bestärken das ja auch. Ich weiß, dass du das Wort nicht magst, aber ich glaube schon, dass du ein Vorbild für Menschen bist.

Und dafür möchte ich dir Danke sagen, Anastasia, und auch für deine Zeit. Es war ein ganz tolles Gespräch. Philipp, vielen, vielen Dank für deine Zeit. Dankeschön. Was mir bei Anastasia direkt aufgefallen ist, ist, dass sie sehr geradeaus ist. Also sie hat, glaube ich, lange nach dem gesucht, was sie will und was sie sein möchte und was sie ist. Und jetzt weiß sie ziemlich genau, wo sie hin will und arbeitet das so richtig straight up und das finde ich bewundernswert.

Ich habe im Vorhinein gedacht, Bundeswehr und Queer sein oder Trans sein geht irgendwie gar nicht, weil in meiner Vorstellung das eben ein nicht besonders queer- oder transfreundlicher Ort ist. Aber ich finde, sie hat ganz gut gezeigt, dass man gerne bei der Bundeswehr arbeiten kann und trotzdem Verfassungsbeschwerde gegen sie einreichen kann, weil man eben über Diskriminierung nicht hinwegsehen darf und weil sie selbst aktiv Teil eines Wandels sein will.

Denn Verdrängung, auch das haben wir, glaube ich, aus dem Gespräch heute gelernt, bringt auf lange Sicht nichts. Und ein Satz, der mir am Ende des Gesprächs sich total eingebrannt hat, ist einfach, vertrau deinem Gefühl, denn Gefühle sind echt. Und das ist so, so wahr. Das trifft nicht nur auf Transsein oder auf Schwul oder auf Lesbischsein zu. Es ist ganz oft so, dass wir uns unserer Gefühle nicht sicher sind und eigentlich in unserem Herzen wissen wir, was richtig ist.

Und ich finde, das hat sie sehr, sehr gut gezeigt. Und sie macht das jetzt nicht, weil sie das unbedingt will oder weil sie diese Öffentlichkeit sucht. Ich finde, das hat man im Gespräch auch gemerkt, sondern weil sie die vielleicht damals selbst gebraucht hätte. Und das finde ich sehr, sehr stark und sehr, sehr bewundernswert. In der nächsten Folge treffe ich Jihan Al-Omar. Jihan ist Jesidin und kommt aus dem Nordirak.

Mit zehn Jahren wurde sie mit ihrer Familie von der Terrororganisation Islamischer Staat entführt und war zehn Monate in der Gefangenschaft des IS, wurde verkauft und versklavt. Mit ihr spreche ich darüber, was sie in dieser Zeit erleben musste, wie sie es geschafft hat zu fliehen und vor allem auch, was ihre Pläne sind für ihre Zukunft hier in Deutschland. Diese Folge solltet ihr auf keinen Fall verpassen, denn Jian ist wirklich eine sehr, sehr beeindruckende junge Frau.

Also abonniert diesen Podcast und wenn ihr schon mal dabei seid, dann lasst mir auch gerne eine Bewertung da. Und falls ihr irgendwen kennt, wo ihr sagt, der sollte auch unbedingt mal bei Philipp in den Podcast kommen, in dieser eine Moment, dann schreibt mir gerne eine Mail an dieser-eine-Moment at wemind.de und wemind schreibt sich W-E-M-Y-N-D, wemind, dieser-eine-Moment at wemind.de. Wir hören uns in zwei Wochen. Sounddesign und Schnitt, Marius Fuchtmann für WeMind.

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