¶ Sophie von Hatzfeld: Eine Rebellin
ARD Man hat sie dann versucht, unglaubwürdig zu machen als Frau. die ihre Grenzen überschreitet, als hexenartiges Wesen, das mithilfe ihres Geldes versucht, ihre eigenen Vorstellungen umzusetzen. 10. August 1805. Geburtstag der Gräfin Sophie von Hatzfeld. Diese Frau beherrscht den großen Auftritt. Im Revolutionsjahr 1848 hält die Gräfin Hatzfeld vom Balkon ihres Düsseldorfer Hauses aus eine glühende Rede an die versammelten Arbeiter.
Ich habe alles verlassen, um dem Volke zu dienen. Und ich bin Proletarierin wie ihr. Da steht mein Freund, da mein Sohn. Schützt uns gegen die aristokratische Reaktion, die uns zerreißen möchte. Ihr Publikum applaudiert eifrig. ist aber auch ein bisschen irritiert von dieser Dame in pompöser Robe, die so gar nicht proletarisch wirkt. Sophie von Hatzfeld, wegen ihres Engagements für die Arbeiterbewegung, auch die Rote Gräfin genannt, gerät in ihrem Leben immer wieder zwischen alle Fronten.
Sie stammt aus dem Hochadel und ist mit einem der reichsten Männer des Landes verheiratet. Doch nach 23 Jahren Horror-Ehe wagt sie es, die Scheidung zu verlangen. Ein Skandal, den sie tapfer durchsteht. Bringt man mich zum Äußersten, so werde ich auch den Mut haben, es zu tun. Es wird einer der spektakulärsten Prozesse des 19. Jahrhunderts. Die Schlammschlacht zieht sich über acht Jahre hin, begierig verfolgt von einer sensationslösternden Öffentlichkeit.
Dass die Gräfin Freiheit und Selbstbestimmung fordert, gilt als unerhört. Und dann hat sie als Rechtsbeistand auch noch den jungen Revolutionär Ferdinand Lassalle erwählt. Es gärt in dieser Zeit in Europa. Auch in Deutschland erheben sich immer mehr Menschen gegen die alten Eliten mit ihren Privilegien. Sie fordern einen liberalen Nationalstaat und mehr Mitbestimmung.
Lassalle erkennt sofort, dass der Hatzfeld-Prozess in diesem Sinne auch als ein Kampf für die deutsche Demokratie funktionieren könnte. Ich sah vor mir, in der Person eines einzelnen, individuellen Lebens, Die Verkörperung aller empörenden Ungerechtigkeiten der veralteten Welt. Die Verkörperung aller Missbräuche der Macht, der Gewalt und des Reichtums gerichtet gegen den Schwachen.
LaSalle ist 20, als er die 40-jährige Sophie von Harzfeld kennenlernt. Ihre Begegnung führt zu einer der ungewöhnlichsten Beziehungen dieser Zeit. Und sie wird die Gesellschaft verändern. Denn zusammen mit Lassalle gründet die Rote Gräfin später den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, eine Vorläuferorganisation der SPD. Manche sehen in Sophie von Hatzfeld heute gar die Mutter der Sozialdemokratie.
Auch wenn das übertrieben sein mag, ist es doch befremdlich, dass sie in der Geschichtsschreibung der Männer kaum vorkommt. Da hat man sie ungerechterweise negiert von Anfang an. und hat sie gar nicht zur Kenntnis genommen. Die Historikerin Christiane Kling-Mattei, die sich in einer Biografie mit Sophie von Harzfeld beschäftigt hat. Sie war natürlich eine wichtige Akteurin in der Anfangszeit der Arbeiterbewegung.
Und dass sie jahrzehntelang überhaupt nicht auftauchte, ist wirklich ein Unding. Oder wenn in einer Rolle, also ich glaube, sie würde sich im Grab umdrehen. wenn sie das mitbekäme, dass sie quasi als Plappe-Äffchen von La Salle Dabei hat niemand Geringeres als Karl Marx zunächst ihren politischen Sachverstand ausdrücklich gelobt. Marx hat sie auch zu Anfang sehr geschätzt.
kluge und kenntnisreiche Frau. Ihre Verdammung, die setzt ja eigentlich erst ein, als sie versucht hat, das Erbe Lassals weiterzuführen. Da wird es dann weniger schön. Dass sie es wagt, in der Männerwelt der Politik mitzumischen, führt zu den übelsten misogynen Hetzkampagnen. Am Ende bezeichnet Marx sie nur noch als Saumensch und alte Hure Hatzfeld.
Der Frauenbewegung wiederum ist die Gräfin suspekt, weil sie die Befreiung des Proletariats immer über die der Frauen vom Patriarchat stellt. Dennoch kann man in ihr durchaus eine frühe Feministin sehen. Die ist wichtig auch für die Frauenbewegung, als sie ein Beispiel dafür ist, dass Frauen auch im 19. Jahrhundert durchaus in der Lage waren, ihre Vorstellungen...
bis zu einem gewissen Grad umzusetzen. Es gibt das Montmot von ihr in der Zeit, als sie in Berlin einen Salon geführt hat, dass sie, sobald der große Teil der Gäste sich verabschiedet hatte, dann zu den Übungen. gebliebenen Männern sagte, so jetzt sind wir Männer unter uns und können eine Zigarre rauchen. Das zeigt, wie selbstbewusst sie eigentlich war, dass sie diese Freiheit einfach für sich herausnahm.
¶ Ehe-Hölle und Gerichtsdrama
Heute vor 220 Jahren, am 10. August 1805, wird Sophie von Hatzfeld-Schönstein zu Drachenberg in Berlin geboren. Ihr Vater, Fürst Franz Ludwig, ist ein einflussreicher Diplomat in preußischen Diensten. Nach einer unbeschwerten Kindheit mit vielen Reisen musste junge Sophie 1822 ihren Cousin Edmund heiraten, der aus der rheinischen Linie der Familie stammt. Meine Eltern haben das größte Unrecht gegen mich begangen.
Sie haben mich als Kind von 16 Jahren des Vorteils wegen in eine Ehe verkauft, von der sie wussten, dass sie sehr unglücklich für mich sein musste. An ihrem 17. Geburtstag findet im Rheinland die Trauung statt. Edmund entpuppt sich schnell als Wüstling. Schon in der Hochzeitsnacht soll er seine junge Braut mit seiner Mätresse, der Gräfin Nesselrode, betrogen haben. Keine Frau in seinen Schlössern ist vor dem Grafen sicher.
1823 bekommt Sophie ihr erstes Kind, eine schwere Geburt, die der Säugling nicht überlebt. In der Nacht nach der Entbindung, als die junge Gräfin in den fürchterlichsten Schmerzen sich wand, vollzog... Fünf Zeugen werden darüber deponieren, der Graf mit der Gräfin Nesselrode bei halb offener Tür den Beischlaf. Die in Lebensnöten ringende junge Frau bemerkte es und weinte bittere und laute Tränen.
Edmund sperrt Sophie ein, strecht ihr den Unterhalt und schlägt sie mit der Reitpeitsche. Sie bekommt drei Kinder, an denen sie mit inniger Liebe hängt. Doch der Graf nimmt ihr den ältesten Sohn weg und lässt die Tochter in ein Kloster nach Wien bringen. Als er versucht, ihr auch noch den jüngsten Sohn abspenstig zu machen, entschließt sich Sophie zur Scheidung. Im Januar 1846 lernt sie im Salon eines Berliner Freundes den jungen Ferdinand Lassalle kennen.
Der ist von der schönen Gräfin und ihrer traurigen Geschichte fasziniert. Das hat ihn derartig eingefixt. Für ihn war das von Anfang an eben keine individuelle Situation, sondern er hat darin ein... gesamtgesellschaftliches Problem gesehen. Sophie von Hatzfeld lässt sich auf den wortgewaltigen Studenten ein, obwohl er Salga keine juristische Ausbildung hat. Zusammen mit ihm zieht sie in den Kampf. Ein Kampf!
Voll der grausamsten Leiden für die Gräfin und mich. Ein unmöglicher Kampf. Doch ein Kampf, in welchem ich niemals einen einzigen Schritt zurückgewichen bin und den ich schließlich siegreich, ganz siegreich beendet habe. Dass die Gräfin durchaus selbst ihren Teil zum Sieg beigetragen hat, unterschlägt ihr eitler junger Recher gern. Sophie übernimmt von Lassalle die Vorstellung, dass ihre Scheidung einer übergeordneten Sache dient.
In der Aufbruchsstimmung des Vormärz entdeckt die Hochwohlgeborene ihre Sympathien fürs Proletariat. Mein ganzes Herz empört sich, wenn ich die Not, das Elend, die Unterdrückung der unteren Klassen... Den Übermut, die Hartherzigkeit, die Genusssucht der Reichen sehe, die sich alles ungestraft erlauben. Während der langen Jahre des Rechtsstreites leben Sophie, ihr Sohn Paul und Lassalle zusammen in einer Art Wohngemeinschaft in Düsseldorf.
Dass sich die Dame aus dem Hochadel mit dem Sohn eines jüdischen Seidenhändlers abgibt, ist Stadtgespräch. Über die Art ihrer Beziehung wuchern die wildesten Spekulationen. Und das bis heute. Ich könnte mir vorstellen, dass es anfangs auch eine erotische Komponente gegeben haben mag, aber wir wissen es halt nicht.
Graf Edmund kämpft derweil mit allen Mitteln gegen seine Frau, die es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen versucht. Spione werden losgeschickt, Zeugen bestochen, Beweismittel gestohlen. Einmal zetteln Lassalle und die Gräfin sogar einen kleinen Bauernaufstand vor einem der Schlösser des Grafen an. Ein anderes Mal bringt Edmund seine Frau wegen übler Nachrede vorübergehend ins Gefängnis. Auch Lassalle muss mehrfach in Haft.
und verpasst dadurch fast die kurze deutsche Revolution von 1848. Mit einer fulminanten sechsstündigen Rede erlangt er seinen Freispruch und gilt fortan als Volksheld und Wortführer der Umstürzler. Sophies Haus wird zum Treffpunkt für Revolutionäre und Verfolgte. Düsseldorfs Polizeipräsident konstatiert, bekanntlich gehören die Gräfin von Hatzfeld und der berüchtigte Literal Assal zu den tätigsten und gefährlichsten Leitern der Umsturzpartei in der Rheinprovinz.
¶ Partnerschaft, Politik und Abschied
Erst 1851, nach fünf Jahren, wird die Ehe der Herzfels geschieden. Und danach muss Lassalle noch drei weitere Jahre darum kämpfen, dass der Graf seiner Frau den Unterhalt zahlt, der ihr zusteht. Die Historikerin Christiane Kling-Mattei Ab dem Zeitpunkt ist sie wirklich sehr vermögend. Es gab nur ganz wenig Menschen, die so viel Geld zur Verfügung hatten. Die Gräfin setzt LaSalle eine Leibrente aus, von der er fortan auf großem Fuß leben kann.
In den nächsten Jahren wohnen die beiden mal zusammen, mal getrennt. Sie reisen viel, unter anderem ins revolutionäre Italien, wo sie den Freiheitskämpfer Garibaldi treffen. Beide haben andere Liebschaften, streiten sich zwischenzeitlich heftig und können doch voneinander nicht lassen. Ihre Briefe zeugen von einer tiefen Verbundenheit. Sie stellen meine zehn besten Jahre dar.
Darin haben Sie recht, liebes Kind. Wenn sie mich auch manchmal noch so sehr gequält haben, so bedarf es nur der kurzen Zeit, damit ich fühle, dass sie ein Teil meiner selbst geworden sind, den ich nicht missen könnte. Als Ferdinand Lassalle 1863 den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gründet, die erste große deutsche Arbeitervertretung, unterstützt ihn Sophie so gut sie kann.
Wegen des preußischen Vereinsrechts darf sie als Frau kein Mitglied werden. Doch sie begleitet ihren Freund zu Auftritten, hält selbst Reden und gibt Geld. Nur ein Jahr später wird LaSalle jedoch in einem Duell tödlich verletzt. Eigentlich so ein bisschen typisch für ihn. Er wird ja oft dargestellt als sehr eitle Persönlichkeit mit einer gewissen Selbstverliebtheit.
Dass der jetzt ausgerechnet an einem Duell zugrunde geht, ist schon eine gewisse Ironie des Schicksals. LaSalle hatte beschlossen, die junge Helene von Döniges zu heiraten. Als ihr Vater seine Zustimmung verweigert, fordert ihn der Hitzkopf zum Duell. Statt des Vaters erscheint der Verlobte Helenes und trifft Lassalle so unglücklich, dass der 39-Jährige wenig später in den Armen der Gräfin stirbt. Sophie ist untröstlich. Mich hat die Kugel ebenso getroffen.
Mir das Herz abgerissen. Ich hätte, wenn ich ihn glücklich wusste, ohne das beständige Zusammensein existieren können. Obgleich schwer. So sehr waren wir verwachsen. Aber so früh. Und auf solche Weise. Und sie hat dann halt versucht, indem sie mit dem einbalsamierten Leichnam über den Rhein gefahren ist auf einem Boot und jeweils Stationen gemacht hat, in Arbeiterhochburgen, um ihn quasi noch einmal zu präsentieren. ihn und sein politisches Erbe aufrechtzuerhalten.
Sophie von Hatzfeld, inzwischen fast 60, ist besessen davon, den Arbeiterverein in LaSalle's Sinn weiterzuführen. Sie hält starr an seinen Vorstellungen fest. Da sie selbst kein Amt übernehmen kann, bezahlt sie eigene Kandidaten und schuldig. Warum? Weil ich eine Frau bin? Diesen Grund erkenne ich sogar im Allgemeinen nicht an, im Speziellen für mich gar nicht. Ich finde, dass ich ein ebenso großes Recht dazu habe als irgendjemand.
Man hat sie dann versucht, unglaubwürdig zu machen als Frau, die ihre Grenzen überschreitet, als hexenartiges Wesen, das sie mithilfe ihres Geldes versucht. Ihre eigenen Vorstellungen umzusetzen, das war schon sehr, sehr auffällig. Der Gegenwind wird so heftig, dass sie sich schließlich resigniert zurückzieht. Die letzten Jahre verbringt Sophie von Harzfeld in großer Einsamkeit. Sie stirbt im Januar 1881 in einem Hotel in Wiesbaden. 26 Jahre nach ihrem geliebten La Salle.
Ferdinand war mein Stolz und mein Ruhm war seine Freundschaft für mich, sein Vertrauen zu mir. Jetzt kann ich nur noch den einen Wunsch nach dem Ruhm haben. dass neben seinem großen Namen der Meinige einen bescheidenen Platz behalte, als der seines besten und einzigen Freundes. WDR Zeitzeichen. Jeden Tag ein Stück Geschichte. Autorin Christiane Kropka. Redaktion Caroline Rückel und Matti Hesse.
Nächste Folge über die Mathematikerin und Philosophin Hypatia von Alexandria. Vom Kampf um die junge Demokratie zum Widerstand gegen eine Diktatur. Im Podcast Vier Töne gegen Stalin schaut Malte Hemmerich auf das dramatische Leben des Komponisten Dmitri Shostakovich. In Stalins Sowjetunion kann niemand mehr frei seine Meinung äußern.
Deshalb versteckt Shostakovich seine wahren Gedanken in der Musik. Seine Kompositionen sind doppeldeutig. Man kann sie als Propaganda hören oder als Kritik am System. Unter Stalin gerät Shastakovich damit in Lebensgefahr, aber er wird auch unsterblich. Heute, 50 Jahre nach seinem Tod, ist er einer der meistgespielten Komponisten. Malte Hemmerich erzählt in Vier Töne gegen Stalin, der Fall Schostakovich, eine bewegende Geschichte über Moral, Mut und die Macht der Musik.
Alle vier Folgen findet ihr jetzt im Feed vom ARD-Podcast Alles Geschichte in der ARD-Audiothek und überall da, wo es Podcasts gibt.
