Music. Der 19. September 2020 ist einer dieser Tage, die sich mitten in der Pandemie endlich wieder normal anfühlen. Die Sonne scheint, die Menschen strömen ins Freie. Viele zieht es in die Weindörfer der Vorderpfalz. Sie stoßen an, entspannen bei einem Glas Wein oder Seko. Da steigt am frühen Abend Rauch über den Weinbergen auf. Nach einer schicksalhaften Begegnung sind drei Menschen tot, darunter ein kleiner Junge.
Music. Musik Musik Musik, Ich bin Agnes Pulewka, Gerichts- und Kriminalreporterin beim Mannheimer Morgen. Ich bin der Host von Verbrechen im Quadrat. In diesem Podcast tauchen wir in Verbrechen ein, die Mannheim und die Rhein-Neckar-Region erschüttert haben. Um ein Verbrechen aufzuklären, ist eine detailgetreue Rekonstruktion des Falls wichtig. Und dies gilt für unseren heutigen Fall in besonderem Maß. Neue Folgen gibt es alle 14 Tage immer donnerstags. Überall, wo es Podcasts gibt.
Und jetzt geht es los. Episode 5 Der Raserunfall. Wir waren drauf auf dem Platz und haben Holz gesägt, ja, gespalten. Irgendwas haben wir gemacht mit Holz. Und wir haben dann eine kurze Pause gemacht und plötzlich sagt er, steig ein, rum weg, steig ein, wir fahren fort, wir fahren fort. Richtig schrecklich. Und dann fahren wir da rauf und dann sagt er plötzlich, oh, guck mal da rüber.
Und dann guck ich rüber. Oh, was ist da passiert? Ich weiß dann nur noch, es war abgesperrt und ich wollte bloß wissen, was ist. Das sind die Stimmen von Traudl und Steffen Kirchner. Steffen Kirchner ist Holzhändler in dem kleinen Weindorf Weisenheim am Berg, das man in einer halben Stunde von Mannheim aus erreicht. Rund 1500 Menschen leben hier am Rande des Pfälzer Walls. Am 19. September 2020 ist Steffen Kirchner arbeiten. Seine Mutter hilft ihm.
Er ist irgendwie unruhig an diesem frühen Abend. Ihn beschleicht zunehmend ein ungutes Gefühl. Und auf dem Heimweg sieht er ein Meer aus Blaulichtern. Zu Hause angekommen, findet er ein leeres Haus vor. Das Auto seiner Frau Sarah ist weg. Das ihrer Freundin steht noch vor dem Haus. Dabei sollten sie eigentlich schon längst zurück sein. Sie wollten mit Sarahs und Steffen Kirchners Kindern eigentlich nur kurz einkaufen fahren fürs Abendessen.
Mit der vier Wochen alten Nora Luna und ihrem Bruder Finn Maximilian. Er ist 14 Monate alt. Doch das Haus ist leer und still. Steffen Kirchner fährt intuitiv zur Unfallstelle, stellt sich an die Absperrung. Dann ist dann irgendwann die Polizei gekommen mit einer Psychologe. Da ist ein völlig zerstörtes Fahrzeugwrack. Und Steffen Kirchner erfährt, es ist Sarahs Auto. Das Fahrzeug, in dem seine Familie unterwegs war. Music.
Was ist passiert? Sarah fährt auf der Kreisstraße unweit ihres Zuhauses entlang. Ein SUV kommt ihr entgegen. In einer Rechtskurve driftet der Jaguar auf die linke Spur, auf der Sarah, ihre Kinder und ihre Freundin in Sarahs kleinem Mitsubishi unterwegs sind. Der Jaguar ist schnell, viel zu schnell. Er fährt 120 kmh, vielleicht auch 130. Und dann kracht der SUV in den Kleinwagen. Ein anderer Autofahrer, der den Zusammenstoß beobachtet, beschreibt die Szene später so.
Der Jaguar räumt den Mitsubishi wie Kegel auf der Bowlingbahn ab. Beim Zusammenprall hat er eine Geschwindigkeit von 117 Stundenkilometern drauf, rekonstruieren Sachverständige später. Dichter Qualm steigt auf. Schwarze Rauchschwaden. An der Unfallstelle geht es chaotisch zu. Die beiden Insassen des Jaguar, zwei junge Männer, können aussteigen. Sie sitzen neben dem Auto auf dem Boden. Der Beifahrer schreit. Er schreit immer wieder die gleichen Sätze, an die sich Ersthelfer später erinnern.
Er schreit, ich wollte es nicht, ich will nach Hause, ich will sterben. Dann kommt der Notarzt an die Unfallstelle. Der Jaguar hat automatisch Hilfe verständigt. Unfallzeugen wahrscheinlich auch. Und dann bekommt der Unfallfahrer, Daniel M., die wahrscheinlich schockierendste Nachricht seines Lebens. Er hat gerade einen Unfall verursacht, bei dem drei Menschen gestorben sind. Zwei Frauen, die 31 Jahre alte Pfarrerin und ihre 27 Jahre alte Beifahrerin und ein 14 Monate alter Junge.
Das vier Wochen alte Mädchen im Auto hat den Unfall überlebt. Ein Hubschrauber bringt sie in ein Krankenhaus. Sie ist das einzige Familienmitglied von Steffen Kirchner, das den Unfall überlebt hat. Ein Unfall. Ihr habt richtig gehört. Warum sprechen wir bei Verbrechen im Quadrat über einen Unfall? Weil dieser Unfall zu einem der ersten Raserprozesse in der Rhein-Neckar-Region führt. 2017 ist der sogenannte Raserparagraf im Strafgesetzbuch verankert worden.
Dieser sorgt dafür, dass Autofahrer wegen eines verbotenen Autorennens verurteilt werden können. Auch wenn sie das Rennen nur gegen sich selbst fahren. Wenn sie also maximal Tempo machen. Und genau dieser Paragraf kommt bei unserem Fall zum Einsatz. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen fahrlässiger Tötung, einem verbotenen Kraftfahrzeugrennen und einer vorsätzlichen Straßenverkehrsgefährdung.
Fast zwei Jahre nach dem Unfall beginnt der Prozess gegen Daniel M. Am Landgericht in Frankenthal. Das öffentliche Interesse ist groß. Der Prozess ist juristisch bedeutsam. Es ist der erste Raserprozess am Landgericht in Frankenthal, bei dem Todesopfer zu beklagen sind. Wir befinden uns in den Ausläufern der Pandemie. Die Zuschauerzahlen sind reduziert. Aber es kommen viele Menschen ans Gericht, um den Prozess zu verfolgen.
Unter den ProzessbeobachterInnen sind viele Freunde und Angehörige der toten Frauen und des toten Kinds. Es gibt strenge Sicherheitskontrollen. Der Fall ist emotional aufgeladen. Das war eine Besonderheit bei diesem Fall, dass wir eben zwei junge Frauen und dabei noch eine Mutter mit ihrem Kind hatten. Mutter und Kind gestorben sind und dann war noch dieses Wunder, dieses Kleine mit eingebaut, dass dieses Baby, das erst einen Monat alt war, fast unbeschadet den Unfall überstanden hat.
Und was diesen Fall von anderen jetzt auch noch unterscheidet, wenn man jetzt die Opferseite ansieht, das ist, dass es halt nicht nur dieses überlebende Baby gab, sondern auch noch die Familienangehörigen, die mit den Folgen dann zu kämpfen haben ihr Leben lang. Ich glaube, das ist auch sozusagen der Schauder, den man bei diesem Fall hat, dass es unausweichliche, schicksalhafte Situationen geben kann, wo man sich vorstellen kann, da könnte ich es auch rein vorstellen.
Was natürlich auch eine Rolle spielt, das war dieses wirklich, kann ich nur sagen, apokalyptische Bild, das an der Unfallstelle geherrscht haben muss. Also auch die Ersthelfer, die Polizeibeamten und vor allem die Zeugen, die als erstes an der Unfallstelle waren, die waren ja traumatisiert. Und ich kann mich an die Aussage von einer Zeugin erinnern, die mit als erste an der Unfallstelle war, die hat gesagt, ich wollte 1-1-0 wählen, den Notruf wählen. Ich konnte das nicht.
Also die war feinmotorisch nicht mehr in der Lage, angesichts dieses Schreckens ihr Telefon zu bedienen. Die Herausforderung für uns war, bei all dieser Emotionalität, da ging es um die wirklich detaillierte und haargenaue Unfallrekonstruktion. Und diese Unfallrekonstruktion sachlich durchzuführen und sich eben nicht mitreißen zu lassen von den Emotionen, die ja auch in der Öffentlichkeit dann hochgeschwarrt sind.
Das ist Oberstaatsanwalt Wolfgang Seifert, der die Anklage in dem Fall geführt hat. In seinem Büro bei der Frankenthaler Staatsanwaltschaft spricht er im Nachgang mit mir über den Fall. Diese Unfallrekonstruktion, warum war die so wichtig? Also der Tatverdacht war ja das verbotene Kraftfahrzeugrennen. Wobei man sagen muss, stehen da mehrere Vergehen im Raum oder mehrere Delikte. Die fahrlässige Tötung ist klar.
Dann die Straßenverkehrsgefährdung durch zu schnelles Fahren an einer unübersichtlichen Stelle und es nicht ein Erhalten der rechten Fahrspur. Aber eben das verbotene Kraftfahrzeugrennen, das war der entscheidende Tatverdacht. Und wenn hier auch dann Menschen zu Tode kommen, dann ist es ein Verbrechens-Tatbestand mit einer deutlich höheren Straftatung. Also da hat der Gesetzgeber, das ist ja auch ein neuer Tatbestand, eine Mindeststraf von einem Jahr angesetzt, das ist ein Verbrechen.
Dieser Tatbestand ist für uns sehr schwierig. Es ist ganz schwer nachzuweisen. Ob ein verbotenes Kraftfahrzeugrennen vorliegt. Warum ist das so? Es gibt da verschiedene Tatbestandsalternativen. Es gibt also das klassische Rennen, wo also mehrere Autos gegeneinander fahren. Die sind manchmal auch nicht so ganz einfach, weil man feststellen muss, wann kommt es und wie kommt es zu solchen Rennen. Da muss eine Kommunikation stattfinden.
Also es kann aber an der Ampel schon passieren, wenn sich zwei sozusagen an der Ampel einen Blick zuwerfen und sich entscheiden, wir geben jetzt Gas, dann kann es schon so ein Rennen sein. Aber der eigentlich schwierige Tatbestand, und den hatten wir hier, das ist der sogenannte Einzelraser. Bei dem Einzelraser, da müssen wir ihm unter anderem nachweisen, dass er die Absicht hatte, die höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen.
Und das ist ein subjektives Tatbestandsmerkmal. Das heißt, das spielt sich ja nur im Kopf des Fahrers ab. Das ist seine Absicht. Und in den Kopf können wir ja gar nicht reingucken. Und wenn der uns dazu nichts sagt oder wenn er bestreitet, so war das ja hier auch, dass er so ein Rennen vorgenommen hat, dann müssen wir anhand der äußeren Umstände rekonstruieren, was wohl er sich bei alledem gedacht hat und welche Absichten er hatte oder er nicht hatte.
Und dazu brauchen wir eben diese detaillierte Rekonstruktion, wie hat er beschleunigt? Wann hat er beschleunigt? Wie schnell ist er gefahren? Wie war die Strecke? Und was muss er sich dabei gedacht haben? Deswegen war diese Unfallrekonstruktion entscheidend auch für die Frage, verbotenes Kraftfahrzeug rennen, ja oder nein. Der Prozess beginnt mit einem Geständnis. Daniel M. räumt ein, zu schnell gefahren zu sein.
Und er räumt die fahrlässige Tötung dreier Menschen ein. Aber er sagt, ich bin kein Rennen gegen mich selbst gefahren. Und so muss die Staatsanwaltschaft das Gegenteil beweisen. Das versucht sie mithilfe zweier Sachverständiger, die die Unfallstelle untersucht haben und die alle technischen Daten ausgelesen und ausgewertet haben, die sie bekommen konnten. Music. Bevor wir aber dazu kommen, was Sie herausgefunden haben, sollten wir uns den Angeklagten Daniel M. einmal genauer ansehen.
Vor Prozessbeginn führe ich ein Interview mit Wolfgang Fastenmeier. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Verkehrspsychologie. Und in dem Gespräch sagt er mir, dass sich bei Menschen, die wegen sogenannter Raserdelikte vor Gericht stehen, bestimmte Gemeinsamkeiten beobachten lassen. Meist sind die Täter jung, stammen aus schwierigen Verhältnissen, haben keinen oder nur einen basalen Schulabschluss. Sie fühlen sich oft abgehängt, übrig geblieben.
Und dann besorgen sie sich ein aufgemotztes Auto, um einmal in ihrem Leben jemand zu sein. Unter dem Eindruck dieses Gesprächs mit dem Verkehrspsychologen sitze ich also im Sommer 2022 im größten Sitzungssaal des Frankenthaler Landgerichts und frage mich, trifft das auf Daniel M. zu? Auf der Anklagebank sitzt ein junger Mann Ende 20 und er wirkt schüchtern, fast schon apathisch. Am ersten Prozestag erfahren die Menschen im Saal mehr darüber, wer er ist, wie er groß geworden ist.
Die Mutter verließ die Familie früh. Er und sein Bruder wuchsen beim Vater auf und verbrachten viel Zeit mit den Großeltern. Er machte eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker bei einem großen Unternehmen in der Region. Und sein ganzer Stolz ist sein Jaguar XF. Auf mich macht er nicht den Eindruck eines Übriggebliebenen. Er scheint ein solides Leben zu führen. Und doch bleibt vieles schemenhaft.
Mir fällt es schwer, mir ein echtes Bild von Daniel M. zu machen, obwohl ich an jedem der Prozesstage im Gerichtssaal bin. Benz Gerichtsverfahrens kristallisiert sich heraus, dass der tödliche Unfall nicht der erste Zwischenfall im Straßenverkehr in Daniel Ems Leben gewesen ist. 2015 gab es schon mal einen Unfall, in dem er verstrickt war. Dafür kassierte er Punkte in Flensburg und eine Geldstrafe. Und er wurde mehrere Male geblitzt.
Einmal war er so schnell unterwegs, dass es ein Fahrverbot für ihn gab. Und doch bezeichnet er sich vor Gericht als entspannten Autofahrer. Music. Daniel M. spricht während des Prozesses auch über den 19. September 2020, der auch für ihn einschneidend war, sagt er. Und zwar nicht nur, weil er sich vor Gericht verantworten muss. Er gibt an, er habe anderthalb Jahre nicht arbeiten können, bekam psychische Probleme und auch sein familiäres Umfeld hat das, was passiert war, sehr belastet.
Wie äußert er sich aber nun zum 19. September 2020? Daniel M. verabredet sich an diesem Tag mit einem Freund. Beide fahren von Südhessen aus, wo sie wohnen, in die Pfalz. Ihr Ziel? Eine Winothek in Weisenheim am Berg. Daniel M. trinkt kein Alkohol. Ein Drogen- und Alkoholtest fällt negativ aus. Aber die beiden Männer fallen auf. Das sagen andere BesucherInnen der Winothek im Gerichtssaal.
Daniel M. parkt prominent vor dem Eingang. BeobachterInnen haben den Eindruck, er und sein Beifahrer wollen gesehen werden mit dem weißen Jaguar XF. Nach dem Besuch in der Venothek cruisen die weiter. Anfangs fährt noch eine Gruppe von Freunden, die auch in dem Lokal war, hinter ihnen her. Doch die jungen Leute können den Jaguar schon bald nicht mehr sehen. Daniel M. ist schnell. Er beschleunigt auf 150 Stundenkilometer. Er fährt im sogenannten Sportmodus.
Vereinfacht gesagt heißt das, dieser Modus erhöht die Leistung des Motors und verbessert die Beschleunigung des Autos. Der Sportmodus ist für schnellere Fahrten gedacht. Die Kreisstraße, auf der die beiden Männer im Jaguar unterwegs sind, eignet sich dafür eigentlich nicht. Und dann passiert es. Daniel M. verliert die Kontrolle in einer Rechtskurve, driftet auf die Gegenfahrbahn und es kommt zum Crash. Daniel M. sagt, er hat nur verschwommene Erinnerungen an das Unfallgeschehen.
Er sagt, er kann sich selbst nicht erklären, was da passiert ist. Das Ganze dauert nur wenige Sekunden. Doch die verändern alles. Music. Kurz Zeit später steht Steffen Kirchner an der Unfallstelle und er erfährt, dass fast alle Menschen, die im Auto saßen, tot sind. Alle bis auf eine, seine vier Wochen alte Tochter Nora Luna, die mit dem Hubschrauber weggebracht worden ist. Er sucht nach ihr, weiß nicht, wo seine Tochter ist.
Erst Stunden später erfährt er, in welchem Krankenhaus sich das kleine Mädchen befindet. Sie lebt und scheint keinen bleibenden Schaden davongetragen zu haben. Später diagnostizieren Ärzte eine Beeinträchtigung des Atlaswirbels des kleinen Mädchens. Aber heute ist Nora Luna nach mehreren Behandlungen weitgehend beschwerdefrei. Und sie ist ein aufgewecktes vierjähriges Mädchen. Als ich mich mit Steffen Kirchner und seiner Mutter zum Gespräch treffe, lerne ich auch die Kleine kennen.
Sie zeigt mir Zeichentrickfiguren auf dem Tablet und hat großen Hunger an diesem Nachmittag. Dass das Mädchen lebt, hat Oberstaatsanwalt Wolfgang Seifert als Wunder bezeichnet. Und das ist es auch. Steffen Kirchner schickt Nora Lunas Kindersitz später an die Herstellerfirma. Auch den seines Sohnes, der im Innern komplett zerbrochen war. Ich wollte, dass sie die Sitze untersuchen, um sie noch besser zu machen, erzählt er mir. Music.
Was haben die Sachverständigen nun herausgefunden? Hat Daniel M. maximal Tempo gemacht? Ist er gerast? Der Frankenthaler Ingenieur Hubert Brugalla und sein Münchner Kollege Peter Stolle haben technische Daten ausgelesen, ausgewertet und so die Fahrgeschwindigkeit ermittelt. In Computersimulationen haben sie nachgestellt, wie die beiden Fahrzeuge zusammenprallten. Allerdings gestaltete sich ihre Arbeit nicht ganz einfach.
Was sehr schwierig war für die Sachverständigen und dann auch für uns, das war, dass die Firma Jaguar sich quergestellt hat, als es um die Auswehrtutsteuergeräts ging. Also das Steuergerät war ganz wichtig für uns, um die Unfallrekonstruktion durchzuführen. Und Jaguar hatte uns zunächst auch signalisiert, dass sie voll und ganz kooperieren würden. Und diese Kooperation ist dann tatsächlich nicht erfolgt. Also die haben die Sachverständigen nicht unterstützt bei der Auswertung.
Man braucht dazu eine bestimmte Software, die hatten nur die. Und als es dann um die Entscheidung ging, was macht so eine Firma dann? Dann haben sie sich sozusagen aus der Affäre gezogen und haben eine Wirtschaftskanzlei beauftragt. Und die haben dann lange Schriftsätze verfasst und kompliziert dargelegt, warum diese Mitarbeit der Firma Jaguar jetzt nicht erfolgen kann. Das ist dann in so einer Situation ein Kräftemessen.
Also da versucht man dann als Ermittlungsbehörde, wir haben Anspruch auf die Daten, die dürfen sich grundsätzlich nicht weigern, aber es ist trotzdem schwierig für uns, weil hier nicht nur die Herausgabe von Daten sozusagen verlangt wird, sondern wir brauchten ja an die Mitarbeit die Software, um an die Daten ranzukommen. Und da muss man dann versuchen, den Druck zu erhöhen, dass man dann schließlich bekommt, was man will.
Also wir hatten, das kann ich jetzt hier sagen im Nachgang, die Durchsuchungsbeschlüsse für Jaguar Deutschland schon in der Akte. Die waren dann nicht erforderlich, weil nach Monaten des Hin und Her hat sich dann Jaguar entschieden, der Firma Bosch zu erlauben, uns die Software zur Verfügung zu stellen. Aber trotzdem hat sie im Ergebnis das Verfahren um zwei, drei Monate mit Sicherheit verzögert.
Doch dann kommen die Sachverständigen an die Daten. Und nun liegen ihnen Anhaltspunkte für Daniel M.'s Fahrweise unmittelbar vor dem Crash vor. In Computersimulationen stellen sie nach, wie die beiden Fahrzeuge zusammenprallen. Daniel M. fährt zu schnell in eine Rechtskurve. Viel zu schnell. Mit 130 Stundenkilometern driftet er dann auf die Gegenfahrbahn und erfasst den Kleinwagen, in dem Steffen Kirchners Familie unterwegs ist, mit 117 kmh.
Am 8. Juli 2022 wird Daniel M. zu drei Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Wegen fahrlässiger Tötung und vorsätzlicher Straßenverkehrsgefährdung. Das Gericht verhängt außerdem eine zweijährige Führerscheinsperre. Die Vorsitzende Richterin Mieter Hütt sagt bei der Urteilsbegründung, das Rasen allein mache aus einer Fahrt noch kein Rennen. Die Auswertung des Steuergeräts habe gezeigt, dass er wohl nicht die ganze Zeit so schnell gefahren sei.
Er habe nicht Maximal Tempo gemacht. Daniel M. habe sich außerdem nicht gefilmt, kein Publikum gehabt und er habe sich nicht profilieren wollen. Die Richterin findet aber dennoch sehr deutliche Worte. Sie sagt, das war kein Augenblicksversagen, das war keine Unachtsamkeit, das war Wahnsinn. Und die Kammer habe keinen Zweifel daran, dass der Mann zu schnell fahren wollte. Zum Schluss wird es noch einmal sehr emotional.
Hier im Gerichtssaal sitzen vier Eltern, die ihre Kinder begraben mussten, sagt die vorsitzende Richterin. Music. Die Urteilsbegründung fällt sehr gefühlsmäßig aus. Doch die Strafe bleibt unter dem, was Oberstaatsanwalt Wolfgang Seifert gefordert hat. Viereinhalb Jahre Freiheitsstrafe und eine fünfjährige Führerscheinsperre. Und eine Verurteilung auch wegen des illegalen Autorenns.
Für Wolfgang Seifert steht fest, Daniel M. wollte die schmale Kreisstraße offenbar mit der gerade noch möglichen Maximalgeschwindigkeit befahren. Er kündigt unmittelbar nach dem Urteil an, ich werde Revision einlegen und tut dies auch. Aber er zieht sie relativ bald wieder zurück. Das Urteil wird rechtskräftig und Daniel M.
Tritt seine Strafe an. Es ist ja nicht so, dass man die Frage, ob man eine Revision durchführt, gleich an dem Tag endgültig trifft, indem man die Revision dann einlegt oder wo das Urteil gesprochen wird. Man lässt sich das Urteil kommen und liest es dann durch und beurteilt dann, führe ich die Revision weiter durch oder nicht. Und da wägt man ab.
Und hier war es jetzt so, dass das Landgericht sehr gute Gründe angeführt hat, weshalb sie eben diese beschriebene Absicht, die höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen, dass sie sich davon nicht überzeugen konnten, warum der Angeklagte die nicht hatte. Also da hatten die wirklich gute Argumente und sie haben sich vor allem auf zwei Argumentationslinien gestützt.
Das eine war, dass man nur wenige Sekunden wirklich exakt rekonstruieren konnte, nämlich die, wo die Daten vom Steuergerät noch vorhanden waren. Das waren die letzten fünf Sekunden. Und noch ungefähr, wenn man Rückschlüsse auf die eineinhalb Sekunden davorziehen konnte, noch mal eineinhalb Sekunden mehr als insgesamt sechs Sekunden. Und da hat das Gericht gesagt, das ist zu wenig, um darauf auch bei einer Absicht schließen zu können, ein Rennen zu fahren.
Und da hat das Gericht eben gesagt, wir können nicht ausschließen, dass es einfach nur ein schnelles Einfahren nur in diese Kurve, also um den Fahrspaß nur bei dieser Kurve ging. Und das lässt sich ja hören. Natürlich hätte man auch das überprüfen können, weil man hätte auch anders begründen können. Aber die Frage ist, ob man deswegen dann noch eine Revision durchführen muss. Die Hauptverhandlung war aus meiner Sicht durch die Vorsitzende besonders gut geführt worden.
Also ich bin der Meinung, dass das Gericht und hier auch die Vorsitzende Frau Hütt allen Beteiligten gerecht geworden ist. Dass sie auch dieser Situation der Emotionalität in dem Verfahren, dass es im Sinne so einem Verfahren zum Rechtsfrieden führt, das hat funktioniert.
Und wenn man jetzt so eine Verhandlung hat, die so gut abgelaufen ist, Und ich habe auch schon Verhandlungen erlebt, wo man unglücklich rausgegangen ist, wo man nicht wirklich zufrieden war mit der Art und Weise, wie sie geführt worden ist. Oder wo man das Gefühl hatte, wichtige Aspekte sind einfach unter den Tisch gefallen und so war das irgendwie ja nicht. Da muss man sich überlegen, was wäre denn, würde ich diese Revision mit Erfolg durchführen?
Dann würde das ganze Verfahren wiederholt werden mit einer anderen Kammer. Und dass die nochmal so kompetent und so gut besetzt ist und das Verfahren so gut geführt ist wie dieses, ist sehr unwahrscheinlich. Und das nächste ist, ob das andere Gericht dann davon überzeugen könnte, dass das ein verbotenes Kraftfahrzeug rennen war, das steht ja in den Sternen, das wissen wir nicht. So, das sind die Erwägungen und dazu kommt eine ganz wichtige noch.
Ich habe ja jetzt schon den Begriff des Rechtsfriedens erwähnt. Für die Beteiligten ist dieses Verfahren sehr schwierig, besonders auf der Opferseite. Und das Ganze nochmal von vorne anzufangen und wieder durchzuführen, mit dem dann ja auch wieder offenen Ergebnis, das alles nochmal durchleben zu müssen, das ist ja auch eine Zumutung. Da muss man dann natürlich als Staatsanwalt, wenn man sich alle Beteiligten überlegen, ob das sinnvoll ist.
Das war es hier aus meiner Sicht ganz, ganz sicher nicht. Wolfgang Seifert hat hier den Begriff des Rechtsfriedens gebraucht. Und tatsächlich kommt mir dieser Begriff auch in einem anderen Gespräch unter, das ich für diese Podcast-Folge führe. Mit Bastian Bubel, dem Verteidiger von Daniel M. Der Rechtsanwalt ärgert sich vor Gericht maßlos darüber, dass sein Mandant von vielen Medien vorverurteilt wird. Das sagt er vor Gericht und das betont er auch noch einmal in unserem Telefonat.
Ein Boulevardmedium bildet Daniel M. nach dem Urteil ungepixelt ab. Das geht natürlich gar nicht. Und auch mein Eindruck im Gericht ist, es herrscht eine regelrechte Belagerung. Steffen Kirchner wird an jedem Tag von einer Traube aus JournalistInnen verschlungen. Er und ich telefonieren während des Prozesses oft. Meistens am Abend. Oft ruft er mich an. Für mich ist das wichtig, um die Grenzen für meine Berichterstattung mit auszuloten.
Und für ihn sind unsere Gespräche auch wichtig, habe ich das Gefühl. Dies aber nur am Rande, um euch zu zeigen, dass unsere Arbeit oft eine Gratwanderung ist, wenn es um echte Kriminalfälle geht. Zurück zum Verteidiger von Daniel M., Bastian Bubel. Er fordert vor Gericht eine Bewährungsstrafe. Auch, weil kurz vor Schluss noch gezeigt werden kann, dass Daniel M. Eine Zusatztasse nicht drückte, mit der man die größtmögliche Beschleunigung erzielt.
Die Strafe des Gerichts fällt dann, wie ihr schon wisst, aber deutlich höher aus. Er bekommt keine Bewährungsstrafe. Und doch, sagt mir Bastian Bubel am Telefon, das Urteil ist eins, mit dem alle Beteiligten irgendwie leben können, das für alle okay ist. Es ist ein gerechtes Urteil. Und mit diesem gerechten Urteil sind wir tatsächlich schon bei der letzten Folge dieser Staffel von Verbrechen im Quadrat angekommen.
Wenn ihr bis zur nächsten Staffel die Zeit überbrücken wollt, meldet euch gern für unseren MM-Verbrechen-Newsletter an. Darin geht es um aktuelle Fälle und zurückliegende, die uns in der Redaktion beschäftigen. Weitere Infos dazu in den Show Notes. Wenn ihr das Startdatum der nächsten Staffel von Verbrechen im Quadrat nicht verpassen wollt, abonniert den Podcast auf dem Streaming-Dienst eurer Wahl. Lasst uns außerdem gerne ein paar Sterne da und empfehlt uns euren Freunden weiter. Music.
Ein Podcast des Mannheimer Morgen. Produktion Mischa Krumpe.
