Das tote Mädchen in der Tiefgarage - podcast episode cover

Das tote Mädchen in der Tiefgarage

Nov 13, 202423 min
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3. November 1992: Eine Neunjährige verschwindet nach einem Besuch beim Kieferorthopäden in der Mannheimer Innenstadt. Kurz darauf findet ihre Mutter den leblosen Körper des Mädchens in der Tiefgarage unter dem Marktplatz. Was ist passiert?

Transcript

Am 6. November 2022 erhalte ich eine E-Mail, die um ein grausames Verbrechen kreist, das sich an einem Novembertag vor 30 Jahren in der Mannheimer Innenstadt zugetragen hat. Bis zum heutigen Tag ist der Mord an Michelle noch nicht geklärt worden. Möglicherweise könnte ein Aufruf in ihrer Zeitung neue Hinweise ergeben und den Fall wieder aus der Vergessenheit zurückholen. Nach langen, quälenden Jahren habe ich mich entschlossen, diese Nachricht an sie zu senden.

Michelle war neun Jahre alt, als sie starb. Bis heute wissen wir nur wenig über die Begleitumstände ihres Todes in der Tiefgarage unterhalb des Mannheimer Marktplatzes. Music. Musik Musik Musik Musik, Ich bin Agnes Pulewka, Gerichts- und Kriminalreporterin beim Mannheimer Morgen. Ich bin der neue Host von Verbrechen im Quadrat. In diesem Podcast tauchen wir in Verbrechen ein, die Mannheim und die Rhein-Neckar-Region erschüttert haben.

Verbrechen, die aufgeklärt werden konnten oder nicht. Wieder Fall, um den es heute geht. Neue Folgen gibt es alle 14 Tage immer donnerstags, überall, wo es Podcasts gibt. Falls ihr nicht warten wollt, alle Folgen zu unseren fünf neuen Fällen gibt es schon jetzt als MM-Plus-Inhalt. Link in den Shownotes. Und jetzt geht es los. Episode 2 – Das tote Mädchen in der Tiefgarage. Music. Unser Archivar macht sich für mich auf die Suche nach alten Berichten, die mich in die Vergangenheit katapultieren.

Ich wühle mich durch Artikel über ungeklärte Fälle in den 80er und 90er Jahren in Mannheim. 1988 wird die Prostituierte Heidelinde B. auf dem Straßenstrich in der Neckarstadt erdrosselt. 1991 ersticht ein Unbekannter einen Juwelier in dessen Laden in den Quadraten. 1995 verschwindet die 17-jährige Helena D. nach einem Disco-Besuch. Bis heute bitten ihre Angehörigen in den sozialen Netzwerken um Hinweise. 1996 wird ein Schmuck- und Münzhändler mit einer kleinkalibrigen Waffe in seinem

Laden in Q3 erschossen. Der unbekannte Täter flüchtet. In dem Archivmaterial finden sich auch die Texte, nach denen ich gesucht habe. Artikel, in denen es um den Fall Michelle geht. Aus dem Jahr 1992. 1992 bin ich fünf Jahre alt. Vier Jahre jünger als Michelle. Michelle ist neun. Heute wäre sie eine Frau in ihren 40ern. Doch ihr Leben endet an einem Novemberabend im Jahr 1992.

Music. Am 3. November 1992 hat Michelle einen Termin bei einem Kieferorthopäden in der Nähe des Mannheimer Marktplatzes in der Innenstadt. Während sie behandelt wird, ist ihre Mutter in der Stadt unterwegs. Das sagen Praxismitarbeiterinnen und die Mutter von Michelle später bei Befragungen durch die Polizei. Mutter und Tochter wollen sich nach Michelles Behandlung in der Praxis wieder treffen. Doch aus irgendeinem Grund verlässt Michelle die Praxis alleine. etwa gegen 17.30 Uhr.

Die Mutter kommt in der Praxis an, doch Michelle ist da schon weg. Sie macht sich auf die Suche nach ihrem Kind, das erzählt sie später bei der Polizei. Und sie findet es nach 40 Minuten in der Tiefgarage unterhalb des Mannheimer Marktplatzes, zwischen ihrem eigenen Auto und einem Betonpfeiler, auf Platz 330. Michelle trägt an diesem Wintertag einen Schal, der fest um ihren Hals geknotet ist. Sie liegt auf dem Boden, ist nicht ansprechbar.

Die Mutter hat halt verständlich die Rettungsleitstelle angerufen. Die haben einen Rettungswagen zum Notarzt geschickt. Das Kind wurde zunächst vor Ort versucht zu reanimieren und dann ins Krankenhaus transportieren. Und dann war er wahrscheinlich von Anfang an schon tot. Wie sich dann herausgestellt hat und bestätigt durch die Obduktion, wurde das Mädchen erdrossert mit dem Scham, den es gebraucht hat. Die Schilderung, die ihr eben gehört habt, stammt von Bernd Striebel.

Bernd Striebel war 20 Jahre lang Leiter der Mordkommission in Mannheim. Er besucht mich in der Redaktion, um über diesen alten Fall zu sprechen. Ihr habt es gehört. Michelle stirbt an diesem Tag im November 1992. Wenige Minuten, nachdem sie in ein Mannheimer Krankenhaus eingeliefert worden ist. Und dann nehmen die Polizeibeamten die Mordermittlung auf. Unter katastrophalen Rahmenbedingungen, weil die Reanimation noch am Fundort erfolgt ist.

Dadurch war für uns der Tatort oder der Fundort nicht mehr brauchbar. Und vor allen Dingen im Rahmen der ärztlichen Versorgung haben unzählige Leute das Mädchen entgleitet, der Kleidung umgemacht. Und so, dass sogar von der Spurenlage her da eigentlich nichts mehr zu holen war. Das war das Unglückliche. Die Ermittler müssen sich zunächst auf andere Spuren konzentrieren. Eine Sonderkommission mit 40 Beamten wird eingerichtet.

Ein Tag nach der Tat verteilen PolizistInnen Flyer mit einem Foto von Michelle auf dem Marktplatz. Sie bauen einen Infostand und eine Puppe mit der Original-Kleidung des Mädchens auf. Keine Duplikate, sondern die echte Kleidung. Das kann ich zunächst kaum glauben, aber Bernd Striebel bestätigt mir das. An dem Tag, an dem sie stirbt, trägt Michelle eine lilafarbene Jacke, einen roten Pullover mit Teddy-Aufdruck, Jeans und Stiefel und einen dunklen Schall mit Pünktchenmuster. Die Tatwaffe.

Denn wenige Tage nach der Tat liegt ein erstes Obduktionsergebnis vor. Und das bestätigt, wovon die Ermittler gleich nach der Tat ausgegangen sind. Michelle wurde erdrosselt. Und es steht noch mehr fest. Es gibt keine Hinweise auf eine Sexualstraftat.

Music. Wenn Beamte die Kleidung eines getöteten Kindes ausstellen und Fahndungszettel verteilen, wenn sie einen Infostand in Tatortnähe aufbauen, auf einem belebten Platz in der Innenstadt, dann macht das natürlich etwas mit den Menschen in einer Stadt. Und so ist das auch in diesem Fall. Also der Fall löste eine größere Betroffenheit. Einmal deswegen, weil es sich um ein Kind handelte. Das hat die Leute doch recht aufgewühlt, die Menschen hier in Mannheim.

Und zweitens, die Garage hier unter dem Marktplatz ist ziemlich frequentiert. Da hatten sich die Leute gefragt, wie kann sowas passieren in einer Garage, wo es ein ständiges Kommen und Gehen gibt. Und wie weit muss man überhaupt auch Angst haben? Ich hatte damals eine gerade zweijährige Tochter. Und als Vater empfindet man es dann doch recht tief, wenn dann ein Kind getötet wird. Ich war dann auf der Schönau und wenn ich mich recht entsinne, versuchte ich auch mit der Mutter zu sprechen.

Das ist die Stimme von Jan Czerny. Jan Czerny war in den 90er Jahren Polizeireporter für den Mannheimer Morgen. Mit ihm treffe ich mich auf dem Marktplatz, um mehr über das Gewaltverbrechen an Michelle zu erfahren. Jan hat die meisten Texte geschrieben, die sich in unserem Archiv zu dem Verbrechen finden. In seinen Texten von damals beschreibt er, dass die Menschen nicht nur erschüttert und betroffen sind, sondern auch wütend. Es gibt Rufe nach Selbstjustiz, die Stimmung ist aufgeheizt.

Und ja, die Leute haben auch Angst. Mütter und Väter haben Angst um ihre Kinder. Und auch Menschen, die oft rund um die Tiefgarage unterwegs sind, sind beunruhigt. Zum Beispiel Taxifahrer. Anfang der 90er Jahre gibt es dort noch keine Videoüberwachung. Und nicht zu vergessen, es gibt auch keine sozialen Netzwerke, keine Smartphones. Aber die Nachricht von Michelles Tod spricht sich natürlich trotzdem schnell herum.

Vor allem auf der Schönau in dem Mannheimer Stadtteil, in dem das Mädchen zu Hause war und zur Schule ging. In den alten Berichten finde ich auch Details über die Trauerfeier. Am 19. November 1992 wird Michelle beerdigt. 150 Menschen erweisen ihr die letzte Ehre. In der Trauerhalle läuft Michael Jacksons Heal the World. Und dann wird der kleine weiße Sarg zum Grab getragen. Dieses Bild bekomme ich lange nicht aus dem Kopf. Den kleinen weißen Sarg.

Music. Während Fassungslosigkeit, Wut und Angst durch die Stadt wabern und die tiefe Trauer um den Tod des Kindes sich Bahn bricht, laufen die Ermittlungen auf Hochtouren, in diesen ersten Wochen nach Michels Tod. Die Staatsanwaltschaft schreibt eine Belohnung von 8000 Mark aus. Über 400 Hinweise gehen bei der Soko Michel ein. Und die Ermittler suchen mit einem Phantombild nach einem Mann, den Zeugen in der Nähe des Tatorts gesehen haben.

Die Beamten werden ihn aber nie finden. Wir haben alle möglichen Leute geprüft. Es gab auch Hinweise auf Leute, die irgendwie dort aufgefallen sind. Da war zum Beispiel auch einer dabei, der als Pädophile aufgefallen war schon in der Vergangenheit. Aber der konnte ausgeschieden werden, weil er ganz einfach nachweisen konnte, wo er dort genau war und was er gemacht hat. Wir haben also niemanden gefunden, der zu den Mädchen noch Kontakt gehabt hätte

nach dem Verlassen der Arztboxes. Und dann kursieren Gerüchte in der Stadt. Hat die Mutter von Michelle etwas mit ihrem Tod zu tun? Die ganze Geschichte ist schon ein bisschen ungewöhnlich. Dass man sich hinten in der Arztpraxis zurücklässt und ein Kaufer geht, ist sicherlich nicht ganz alltäglich. Und deswegen gab es schon Zweifel an den Angaben der Mutter. Aber auf der anderen Seite gab es auch nichts, was ihren Angaben widersprochen hätte oder was die widerlegt hätten.

Die Situation war natürlich. Natürlich auch schwierig, weil bei den Vernehmungen der Mutter stand ja immer im Hintergrund, die hatte ihr Kind verloren. Die können uns nicht unbedingt mit dem Vorwurf konfrontieren, du hast den Sohn gebracht oder so. Das hat es nicht einfacher gemacht, aber es hat sich auch nichts ergeben, was irgendwie den Verdacht gegen die Mutter erhärtet hätte. Die Polizei veröffentlicht deshalb sehr bald eine offizielle Stellungnahme.

Es gibt oder gab keinerlei Anhaltspunkte, die ein derartiges Gerücht begründen könnten. Ein solches ist lediglich geeignet, den Schmerz der ohnehin schon leidgeprüften Familie in der Trauer um den Tod des Kindes unnötigerweise zu vergrößern. Das betont eine Sprecherin der Polizei mir gegenüber auch während meiner Recherchen 30 Jahre später. Und zwar ausdrücklich. Bis heute gibt es keine Hinweise auf eine Tatbeteiligung der Mutter, sagt sie. Music.

Wir haben damals mit einem relativ großen Personalaufwand auch die Ermittlungen betrieben. Aber nach relativ kurzer Zeit, sage ich jetzt mal zwei, drei Wochen, war eigentlich nichts mehr da, wo man hätte ansetzen können von Ermittlung zu Ermittlung. Dann wurde das Personal auch entsprechend reduziert. Die Motivation der Kollegen, einschließlich mir, war schon groß, weil so eine Geschichte mit so einem kleinen Kind bewegt einen schon.

Da ist auch der Wille oder die Bereitschaft, da auch endlos Überstünde zu machen. Da war eigentlich bei einem Kollegen da. Weiß ich noch, wie heute. Wir saßen freitagsabends eigentlich nach Dienstschluss noch zusammen in die Sonderkommission. Wir haben beratschlagt, was wir jetzt als nächstes tun. Dann kam auf einmal über Hauslautsprecher, dass der Herr Dressler, der damalige Pressesprecher, sich dringend melden soll. Wir haben dann mal nachgefragt, was ist denn da und wie wir sie anbrühen sind.

Eine Mutter mit zwei Tüchtern ermordet in der Wohnung von der Wohnung. Das war auch ein Fall, der sehr bewegt hat. Der Täter konnte relativ kurz und er konnte noch am selben Abend ermittelt und festgenommen werden. Das hat dann insofern Auswirkungen gehabt, dass natürlich zunächst einmal Michelle nicht weggeschoben, aber etwas in den Hintergrund geraten ist, zumindest die nächsten zwei, drei Tage, weil dann da was Neues, Aktuelles war. Am 14.

November 1992 dominiert dieser aktuellere, neuere Fall auch die Berichterstattung im Mannheimer Morgen. Darin heißt es, nach dem Mord an der neunjährigen Michelle schockiert ein neues Kapitalverbrechen die Region. Und weiter, ein 51 Jahre alter Familienvater fand gestern Abend gegen 18 Uhr seine Frau, 48, und seine beiden Töchter, 17 und 20 Jahre alt, ermordet in der eigenen Wohnung in Brühl bei Mannheim vor. Ich lese mir die Texte zu diesem grausamen Verbrechen wieder und wieder durch.

Die Ermittlungen hier laufen ganz anders als bei Michelle. In den Stunden nach der Tat überschlagen sich die Ereignisse in Brühl. Sehr bald haben die Beamten ein Täterprofil. Wenige Stunden später, in der Nacht nach dem Verbrechen, dann der Durchbruch. Die PolizeibeamtInnen nehmen einen 20-jährigen Soldaten in einer Kaserne in der Nähe von Ulm fest. Er gesteht den Mord an den drei Frauen. Für die Ermittler steht schnell das Motiv fest.

Verschmähte Liebe. Der 20-Jährige soll der 17-Jährigen getöteten Avancen gemacht haben, doch sie wollte keine Beziehung mit ihm eingehen. Die BeamtInnen rekonstruieren das Verbrechen zunächst so. Der 20-Jährige suchte die junge Frau in ihrem Zuhause in Brühl auf. Es kam zum Streit und der Mann zückte sein Messer, das er dabei hatte. Er stach auf die 17-Jährige ein. Währenddessen kam ihre Mutter und die Schwester nach Hause. Auch sie hatten keine Chance.

Bei der Polizei streitet der Metzgerssohn, selbst gelernter Fleischer und Soldat, später ab aus verschmähter Liebe gehandelt zu haben. Er spricht von einem Blackout und einer psychischen Ausnahmesituation, in der er feindlich gesinnte Angreifer abwehren wollte. Vor Gericht schweigt er zum Tatgeschehen. Während seiner Lehre zum Metzger soll der Mann von den anderen Azubis gehänselt worden sein. Die Hänseleien ertrug er stoisch, berichtet ein Zeuge vor dem Mannheimer Landgericht.

Dem Angeklagten fiel es schwer, Kontakte zu Mädchen aufzubauen, steht in den alten Prozessberichten. Ende 1991 lernte er eine Schülerin kennen, die das Mannheimer Bach-Gymnasium besuchte und in Brühl wohnte. Aber auch sie wollte keinen engeren Kontakt. Als er dann zur Bundeswehr nach Ulm kam, erfuhr er Bestätigung und Anerkennung. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. Und so fasste der Mann den Entschluss, nach Brühl zu fahren, um sich der 17-Jährigen nochmals zu nähern.

Nach Auffassung des damaligen vorsitzenden Richters bewaffnete er sich mit einer Gaspistole, dem Messer und nahm auch zwei Kondome mit. Er sei entschlossen gewesen, und jetzt zitiere ich den Richter, bei dem Mädchen zum Ziel zu kommen und sexuelle Handlungen vorzunehmen, im Falle einer Ablehnung auch mit Gewalt. Und das tat er auch. Der 20-Jährige tötete die 17-Jährige, die sich massiv wehrte. Danach legte er sie auf ihr Bett, um sich an ihr zu vergehen.

Gestört wurde er dabei, so das Gericht, von der Mutter und der Schwester, die aus dem Keller des Hauses zurück in die Wohnung kamen. Mit der Gaspistole in der Hand zwang er die beiden Frauen, sich auf den Boden zu legen und stach dann mehrfach auf sie ein. Dann fuhr er zurück nach Ulm und bestellte sich eine Pizza. Wenige Stunden später war die Polizei da. Vor dem Mannheimer Landgericht wird der inzwischen 21-Jährige schließlich zu zehn Jahren Jugendstrafe verurteilt.

Neun Jahre später wird er als 30-Jähriger entlassen. Nur wenige Tage nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis versucht er in Göppingen ein 17-jähriges Mädchen in sein Auto zu zerren, um sie zu entführen und zu vergewaltigen. 2003 verurteilt ihn das Landgericht Ulm deshalb erneut zu zehn Jahren Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung. So viel zu dem Fall, den Bern Striebel eben angeschnitten hat und der indirekt auch mit dem Fall Michel zusammenhängt.

Denn schon 1992 konstatieren Journalisten in den regionalen Medien, der schnelle Fahndungserfolg nach dem Dreifachmord war dadurch möglich, dass die Mordkommission bei der Kriminalpolizei sofort einsatzbereit war. Alle waren ja schon da, wegen Michelle. Sie konnten sofort aktiv werden und den Täter überführen. Währenddessen fehlt im Fall Michelle Mitte November 1992 eine heiße Spur. So vergeht Tag um Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt.

Ohne dass dieses Verbrechen aufgeklärt werden kann. In Mannheim gibt es laut Polizei rund 40 ungeklärte Todesfälle in den vergangenen 70 Jahren. Michelle ist einer von ihnen. Music. Nach Angaben der Polizei überprüft die Staatsanwaltschaft in regelmäßigen Abständen immer wieder die alten Ermittlungsakten im Fall Michel, um vielleicht doch noch einen Treffer zu landen. Denn heute gibt es bekanntermaßen andere, neue kriminaltechnische Untersuchungsmethoden, bislang aber ohne Erfolg.

Generell gilt, die Ermittlungen zu ungeklärten Morden werden nicht eingestellt. Mord verjährt nicht. Und auch aus den Köpfen der Ermittler ist der Fall nicht verschwunden. Gerade wenn man da reinfährt, fällt es eben schon wieder ein oder kommt es wieder hoch. Und jeder ungeklärte Fall in der Dienstzeit ist irgendwie unbefriedigt. Man hat ja schon den Ehrgeiz, alles nach Möglichkeit aufzuklären.

Einige Monate, nachdem ich mich zum ersten Mal in den Fall um die getötete Michelle eingearbeitet habe, sitze ich in einem anderen Gerichtsverfahren. Es geht um einen Cold Case, in dem nach vielen Jahren, nach Jahrzehnten, ein mutmaßlicher Täter vor Gericht kommt. Der Fall ist außergewöhnlich und spektakulär. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich euch in einer der nächsten Staffeln mehr darüber erzählen werde.

Und so sitze ich also in dieser Gerichtsverhandlung am Landgericht in Darmstadt und die Ermittler berichten, dass sie selbst in Internetforen recherchiert haben, in denen sich Hobbyermittler austauschen. Hobbyermittler, das sind Menschen, die sich hobbymäßig in Kriminalfälle einarbeiten, teilweise selbst ermitteln, versuchen, Puzzleteile zusammenzuführen. Und ich frage mich, gibt es das auch im Fall Michelle? Music. Ich schaue im Netz in zwei großen Foren nach. Das erste, das HET-Forum.

HET steht für Überraschung, Hobbyermittler. Doch hier finde ich nichts zu Michelle. Dann probiere ich es bei AllMystery. Bingo. Dort finde ich 32 Beiträge zum Tod von Michelle. Darin erinnern sich Menschen an den Fall. Und vor allem tauschen sie sich darüber aus, dass es kaum Infos im Internet zu dem Fall gibt. Sie diskutieren verschiedene Theorien. Eine davon, die Ermittlungen könnten in ein nicht aufzulösendes Deadlock geraten sein, schreibt ein User.

Das heißt, schreibt er weiter, die Ermittler sind sich sicher, wer die Tat begangen hat, können jedoch nichts nachweisen. Interessante These, aber eben auch nur Spekulation. Dass es diesen Austausch im Internet gibt, zeigt jedoch, dass dieses Verbrechen die Menschen bis heute beschäftigt. und auch, dass sie das Bedürfnis haben, sich darüber auszutauschen. Mit diesem Abstecher in die Hobbyermittler-Szene sind wir tatsächlich schon am Ende der heutigen Episode angekommen.

Ich weiß, das Ende dieser Folge lässt einen ratlos zurück, weil die Ermittlungen eben ins Leere gelaufen sind. Da ist nichts, kein Motiv, kein Täter, nichts. Und wenn uns dieses Ende schon ratlos zurücklässt, wie sollen die Angehörigen je damit abschließen? Nach der Mail, die ihr eingangs gehört habt, telefoniere ich mehrere Male mit dem Mann, der sie mir geschrieben hat. Mit dem nahen Angehörigen von Michelle, der heute nicht mehr in der Region lebt. Und er sagt immer wieder einen Satz.

Vielleicht erinnert sich ja doch noch jemand. Und deshalb wollte auch ich an diesen Fall erinnern. Mehr über andere zurückliegende und aktuelle Fälle erfahrt ihr in unserem MM-Verbrechen-Newsletter. Weitere Infos und den Link zur Anmeldung findet ihr in der Folgenbeschreibung. Ich freue mich, wenn ihr bei der nächsten Folge in zwei Wochen wieder mit dabei seid. Die nächste Episode ist eine sehr emotionale. Darin geht es um einen verhängnisvollen Moment, der alles verändert hat.

Und ein Verbrechen, das bis heute ungesühmt geblieben ist. Wenn ihr keine Folge von Verbrechen im Quadrat mehr verpassen wollt, abonniert den Podcast auf dem Streaming-Dienst eurer Wahl. Lasst uns außerdem gerne ein paar Sterne da und empfehlt uns euren Podcast. Music.

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