Der Fall Bachmeier: Wenn eine Mutter den Mörder ihrer Tochter tötet - podcast episode cover

Der Fall Bachmeier: Wenn eine Mutter den Mörder ihrer Tochter tötet

Jun 12, 202632 min
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Summary

Diese Episode beleuchtet den Fall Marianne Bachmeier, die 1981 im Lübecker Gerichtssaal den mutmaßlichen Mörder ihrer siebenjährigen Tochter tötete. Der Podcast taucht in ihre traumatische Vorgeschichte ein, analysiert die kontroverse öffentliche Reaktion und den Prozess, der zwischen Totschlag und Mord entschied. Es wird auch ihr Leben nach der Haft, ihre Medienpräsenz und ihr spätes Geständnis der geplanten Tat beleuchtet.

Episode description

Im März 1981 fallen in einem Gerichtssaal in Lübeck 8 Schüsse. Marianne Bachmeier erschießt den mutmaßlichen Mörder ihrer siebenjährigen Tochter, mitten im Prozess. Während die einen ihre Tat gutheißen, sehen andere in ihr eine kaltblütige Mörderin. In dieser Folge erzählen wir die Geschichte einer Frau, die aus grenzenlosem Schmerz heraus eine Entscheidung traf, die ihr Leben für immer verändern sollte. 

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Transcript

Intro / Opening

P

Achtung! Triggerwarnung! In dieser Folge werden sexualisierte und physische Gewalt sowie Mord beschrieben.

Die Gerichts-Schießerei in Lübeck

B

Es ist der 6. März 1981. Lübeck, Landgericht, Spurgerichtssaal 157.

D

Thank you.

B

Der dritte Verhandlungstag im Mordprozess gegen einen Mann namens Klaus Grabowski. Grabowski ist in seinen 30ern. Schütteres braunes Haar, braune Augen, ein etwas wild wachsender Bart. Hier am Landgericht wird gerade verhandelt, ob er die siebenjährige Anna Bachmayer vor einem knappen Jahr in seiner Wohnung mit einer Strumpfose erdrosselt hat. Der Ausgang dieses Prozesses wird den Rest seines Lebens bestimmen. Befindet man ihn für schuldig, wird er für sehr, sehr lange Zeit ins Gefängnis gehen.

Aber so weit kommt es nicht.

D

Thank you.

B

Hinter Klaus Grabowski betritt eine Frau den Saal: braune, glatte, schulterlange Haare, Pony bis knapp über die Augen. Sie ist unauffällig, trägt einen langen Mantel und geht entschlossen auf den Angeklagten zu. Dann zückt sie eine Waffe, eine Beretta, Kaliber 22. und zielt auf seinen Rücken. Achtmal drückt sie ab. Grabowski schafft es nicht mal mehr, sich umzudrehen. Er bricht zusammen. Noch im Gerichtssaal stirbt er. Die Frau, die ihn erschossen hat, sagt das hier.

K

Ich wollte ihm ins Gesicht schießen. Leider habe ich ihn in den Rücken getroffen.

🎵 Music

B

Sie lässt sich widerstandslos festnehmen. Sie hat geschafft, was sie wollte. Der Mörder ihrer Tochter Anna ist tot. Marianne Bachmeyer betreibt eine Kneipe, ist 31 Jahre alt und jetzt wird sie über Nacht bekannt. In ganz Deutschland wird diskutiert.

G

Aber so etwas darf man nicht machen.

H

Das ist Selbstjustiz, das geht gar nicht.

P

Keine andere Straftat hat die deutsche Öffentlichkeit so sehr bewegt wie die sieben Schüsse, die Marianne Bachmeier abfeuerte.

B

Schreibt der Spiegel 1984. In dieser Folge erzählen wir Marianne Bachmeyers Geschichte. Es ist eine Geschichte über Verlust, über Wut und über den schmalen Grad zwischen Gerechtigkeit und Rache.

🎵 Music

B

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A

für wenig Geld.

Marianne Bachmeiers turbulentes Leben

B

Kapitel 1, die Mutter. Um Marianne Bachmeyers Tat zu verstehen, müssen wir zurückgehen. Ihre Geschichte beginnt in Saarstädt bei Hildesheim in Niedersachsen. Dort verbringt Marianne in den 50ern ihre Kindheit. Ihre Mutter ist wohl aus Ostpreußen geflohen. Ihr Vater war bei der Waffen-SS. Seine Härte lebt er auch an Marianne aus. Als sie mit neun einen sexualisierten Übergriff von einem Nachbarn erlebt, sollen ihre Eltern ihr Bonbons und Geld gegeben haben, damit sie schweigen.

Die Familie zerbricht früh. Die Eltern trennen sich, da ist Marianne gerade drei. Auch ihr Stiefvater soll sie geschlagen haben, bis sie mit 16 in ein Heim kommt. Zu dieser Zeit ist sie zum ersten Mal schwanger, mit 18 nochmal. Kurz bevor sie ihr zweites Kind zur Welt bringt, wird sie vergewaltigt. Eine Wochenzeitung schreibt später.

P

Die Vergewaltigte, so die Richter, habe den Mann provoziert: Bewährungsstrafe für den Täter.

B

Marianne Bachmeyer gibt beide Kinder zur Adoption frei. Damals spricht sie nicht darüber. Noch ist sie ja auch keine öffentliche Person. Sie hat nicht die Cover von Hochglanzmagazinen, sitzt auch noch nicht in Talkshows und hat noch keine eigene Doku. In Lübeck betreibt sie mit ihrem Freund in der Altstadt eine Kneipe, das Tipassa. 1972 bringt sie mit 22 ihr drittes Kind zur Welt. Diese Tochter behält sie. Anna wächst bei ihr auf.

Aber Marianne ist jung. Von ihrem Freund hat sie sich mittlerweile getrennt. Sie ist alleinerziehend und arbeitet lange Abende hinter dem Tresen. That's why Anna is often alone.

W

Ihre kleine Anna saß oft nebenan bei der Käsehändlerin Tante Länchen oder spielte mit den Katzen von Klaus Grabowski, der ihr Mörder wurde.

B

So schreibt es die Zeit später über ihr damaliges Leben. Es ist der 5. Mai 1980, ein ganz normaler Montagmorgen in Lübeck. Anna ist mittlerweile sieben. Sie sieht ihrer Mutter ähnlich: braune Haare, Pony, ein fröhliches Lächeln. Sie will heute nicht in die Schule und lieber zu einer Freundin. Ihre Mutter hat verschlafen, also erlaubt sie Anna zu schwänzen. Aber ihre Freundin ist nicht zu Hause. Stattdessen trifft sie auf Klaus Grabowski. 35 Jahre alt, von Beruf Fleischer, aktuell arbeitslos.

Anna kennt ihn und seine Katzen. Sie vertraut ihm und kommt mit in seine Wohnung. Dort hält Grabowski sie mehrere Stunden lang fest. Er erdrosselt sie mit einer Strumpfhose. Dann versteckt er ihre Leiche, packt das tote Kind in einen Karton, verschart es am Ufer eines Kanals. Marianne Bachmeyer schreibt dazu später.

K

Das war die Nacht, in der sie ihn schließlich fassten. Etwa gegen 24 Uhr des 5. Mai. Und die sie Die er getötet hatte, draußen im Krummmesse, in Oberbüssau, etwa elf Kilometer von ihrem Bett entfernt, in dem ihr Kuschelbär und ihre Puppe auf sie warteten, ganz allein, Mutterseelen allein verbrachte. In einem von ihm gescharrten Loch in der Erde, am Rande eines Knicks, gefesselt, zusammengeschnürt zu einem handlichen Paket toten Fleisches.

B

Noch am selben Abend wird Grabowski verhaftet. Er gesteht die Tat. Wie konnte es so weit kommen? Um das zu verstehen, müssen wir auch Klaus Grabowskis Geschichte kennen. Denn der Mord an Anna war nicht seine erste Straftat. Er war zu dieser Zeit schon zweifach vorbestraft, wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern. Eine Freiheitsstrafe in der Psychiatrie hat er hinter sich.

Es gibt ein Detail, das damals viel diskutiert wird in den Medien. 1976, während seiner Haft, hatte Klaus Grabowski sich operativ kastrieren lassen, um früher entlassen zu werden. Aber dann, nur zwei Jahre später, hat er eine Hormonbehandlung begonnen. Eine, die den Sexualtrieb wiederherstellen kann. Und die Justiz hat es erlaubt, obwohl er ein verurteilter Sexualstraftäter war. Hat diese Behandlung etwas damit zu tun, was als nächstes passiert?

Mit dem Mord an der Tochter seiner Nachbarin, der kleinen Anna Bachmeier, die ihrer Mutter so ähnlich sah mit ihrem Pony. Marianne Bachmeyer hat ihr drittes Kind verloren. Die Tochter, für die sie sich entschieden hat, die sie großgezogen hat. Und das kriegt sie auch noch vorgehalten.

X

Die Umwelt sehr strenggläubig und sehr Autoritär reagierte so, so beschrieb sie es. Pfui, dass du Mutter geworden bist, aber verflickst nochmal, sei jetzt eine gute Mutter. Und genau das hat sie nicht geschafft.

B

Wie muss das für eine Mutter sein? Eigentlich unvorstellbar. Knapp ein Jahr lang musste sie warten, bis dem Mörder ihrer Tochter der Prozess gemacht wird. Der Prozess gegen Klaus Grabowski beginnt Anfang März 1981 vor dem Lübecker Landgericht. Saal 157, der aus dem Intro: Holzverteffelte Wände, heller Steinfußboden. Marianne Bachmeyer sitzt dort als Zeugin, als Neben.

Als Mutter. Und sie muss zuhören, wie Grabowski ihrer Tochter die Schuld gibt. In seiner Version der Ereignisse habe Anna ihn erpresst. Er hätte ihr eine D-Mark geben sollen, sonst hätte sie ihrer Mutter erzählt, dass er sie angefasst hätte. Aus Angst, erneut ins Gefängnis zu müssen, habe er sie getötet.

Das muss krass für Marianne Bachmeier gewesen sein. Dass der Mörder ihrer siebenjährigen Tochter dem Mädchen selbst auch noch die Schuld gibt. Außerdem schildert Grabowski den Mord im Prozess wohl sehr detailliert. Sie wiederholt das später.

K

Und dann auch das Wie, also, dass ich mich hinter das Mädchen stelle und zuziehe. Das ist jetzt wörtlich aus seiner Aussage. Ich höre, dass etwas aus ihrer Nase tritt. Dann ziehe ich fest dazu, dann kann ich den Anblick der Leiche nicht mehr ab.

B

In einem Buch, das sie später schreiben wird, erzählt sie davon, wie sehr sie die Details gequält haben.

K

Was gab es dazu noch zu sagen, außer dass er nicht nur ein feiger und gemeiner Mörder war, dieser Grabowski oder wie er hieß, sondern auch noch ein verdammt dreckiges Schwein?

B

Dann kommt der 6. März 1981, der Ausgangspunkt dieser Folge. Ungefähr 10 Uhr morgens. Marianne Bachmeyer bringt eine Beretta, Kaliber 22, in den Gerichtssaal, versteckt unter ihrem weißen Mantel. Damals sind die Kontrollen noch nicht so streng. Es gibt keine Metalldetektoren in deutschen Gerichten. Grabowski ist auf der Anklagebank, hinter einer schwarzen, hüfthohen Barriere. Sie nähert sich ihm von hinten. Zielt auf seinen Rücken und schießt. Sieben Schüsse treffen. Ziemlich treffsicher.

F

Habe ich nur noch ihre Bewegung, die Hand mit dem Revolver und diese Bewegung, mit der sie den Revolver so über den Steinfußboden. वेग्ष्छिद्टर्ण ये

B

Eine Augenzeugin berichtet.

P

Die Mutter kam mit mir rein und guckte zur Anklagebank und sagte: Ach, ist ja noch alles leer. Das war also eine ganz normale Reaktion. Wir gingen dann nochmal raus und als dann wieder der Saal geöffnet wurde und offensichtlich die Anklagebank nicht mehr leer war, ging sie als erste wieder rein, zog eine Pistole und hat das ganze Magazin leergeschossen. Dann kam sie wieder aus dem Saal raus, warf die Pistole auf den Boden und ließ sich sofort abführen.

B

Grabowski stirbt. Marianne Bachmeyer lässt sich widerstandslos festnehmen. Sie sagt, sie habe im Affekt gehandelt. Die Waffe habe sie nur zum Schutz dabei gehabt. Stimmt das?

W

Der Staat machte Klaus Grabowski den Prozess. Aber Marianne Bachmeier fällte das Urteil.

B

Es ist der erste Fall von Selbstjustiz in einem deutschen Gerichtssaal. Und er wird Deutschland beschäftigen, wie kaum ein anderer Kriminal. Wie geht man mit einer Mutter um, die den Mörder ihres Kindes tötet?

Das öffentliche Spektakel und die Debatte

Kapitel 2 Das Spektakel Es dauert nur wenige Stunden, bis der Fall öffentlich wird.

J

Heute eine Mutter im Gerichtssaal selbst Justiz geübt. Sie erschoss den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter. Aus dieser Pistole gab die 32-jährige Frau sechs Schüsse ab, kurz bevor das Schwurgericht den vollbesetzten Saal betrat. Sie wurde nach der Tat festgenommen. Es war der dritte Verhandlungstag im Moff-Prozess gegen den Schlachter Klaus Grabowski, der am 5. Mai vergangenen Jahres das siebenjährige Mädchen erdrosselt haben soll.

B

Die Tagesschau macht den Anfang. Andere Medien stürzen sich drauf.

N

Sechs Todeskugeln in Lübecker Gericht. Mutter erschießt Mörder ihrer Kleintochter.

P

Eine Mutter rechte ihre.

E

Mutter übte Rache für den Tod ihres Kindes.

B

Bachmeyers Story ist einfach zu gut. Eine liebende Mutter, die Rache übt. Aber nicht nur, weil sie Mutter ist. Die Öffentlichkeit befindet sie auch noch für attraktiv. Eine Gerichtsreporterin, die damals dabei war, beschreibt das in einem Radio-Interview so.

L

Es wurde ja da sie so attraktiv war, so ausufern gerichtet. Und mir war klar, das wäre sie unansehnlich gewesen. Kein Schwan hätte sich dafür interessiert. Einen Tag lang hätte man vielleicht wahrgenommen, dass da jemand im Gericht jemanden umgebracht hat. Das ist dann ja sensationell für ein, zwei Tage. Aber ansonsten doch nicht. Das wäre keine Fortsetzungsgeschichte, kein Film wird gewesen, keine große Illustrierte hätte sich drum gerissen.

B

Zeitungen und Fernsehsender diskutieren darüber. Und auch die Bevölkerung. An Küchentischen, in Kneipen, an Stammtischen. Plötzlich scheint jeder eine Meinung zu haben zu dieser Frau Bachmeier. Fernsehteams reisen nach Lübeck. Sie befragen Menschen auf der Straße.

H

Ich habe es genauso gemacht, wie die Frau das gemacht hat. Umgebracht.

B

Ein Leser der Bild-Zeitung schreibt,

W

Marianne Bachmeier hat einen Orden verdient.

B

Eine Boulevardzeitung druckt dieses Zitat auf ihrer Titelseite ab. Die öffentliche Meinung scheint klar. Das, was die Bachmeier da getan hat, ist verständlich. Ihre Rache war gerecht. Fotos von damals zeigen sie oft still, nachdenklich, kontrolliert, nicht etwa aggressiv oder wütend. Es gibt Leute, die Bachmeier Blumen in die Uhr haft schicken. Sie bekommen tausende Briefe, in denen sie als Heldin gefeiert wird. Und sogar Geld. Krass irgendwie.

D

Amen.

B

Aber nicht alle sehen sie als Heldin.

H

Das ist Selbstjustiz, das geht gar nicht. Dafür haben wir unsere Gesetze. Hier ist jeder gleich vor.

G

Sie hätte das nicht machen dürfen. Ist egal. Wir haben auch alle so viel Kummer und alles, ne? Aber sowas darf man nicht machen.

B

Egal auf welcher Seite man steht. In der Öffentlichkeit haben die Leute ihr Urteil schon gefällt, lange bevor ihr Fall vor einem Gericht entschieden wurde. Irgendwo schon fast ironisch, weil sie ja selbst das finale Urteil über Grabowski gefällt hat. Bevor das Gericht je seine Chance hatte. Und das ist gleichzeitig auch der Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte. Es geht um einen der Grundsätze unseres Rechtsstaats.

Wer darf über Recht und Unrecht urteilen? Und was macht das mit einem Gerichtsprozess, wenn die öffentliche Debatte so extrem hochkocht? Eins ist klar, Marianne Bachmeyers Prozess wird in die Geschichte eingehen.

Bachmeiers Prozess und juristische Feinheiten

Kapitel 3 Der Prozess Am 2. November 1982 steht Marianne Bachmeyer selbst vor Gericht. Sie behauptet, ihre Tat sei im Affekt geschehen. Die Waffe habe sie eigentlich nur dabei gehabt, um sich zu schützen.

K

Ich wollte ihm ins Gesicht schießen. Leider habe ich ihn in den Rücken getroffen. Hoffentlich ist er tot.

B

Ihr Verteidiger sagt, sie habe spontan aus Verzweiflung gehandelt. Die Staatsanwaltschaft hält dagegen. Ihre Tat sei ein eindeutiger Fall von Mord. Sie habe Grabowski schließlich heimtückisch. Von hinten erschossen. In Deutschland gilt für Mord immer lebenslange Haft. Keine Ausnahme, kein Ermessen. Die Grundlage dafür ist 211 des Strafgesetzbuches, der Mordparagraf. Achtung! Hier kommt jetzt ein kurzer juristischer Exkurs. Bleibt aber unbedingt dran, der ist wichtig.

D

Yeah.

B

Der Paragraf 211 kommt aus der NS-Zeit. Verantwortlich dafür war Roland Freisler, einer der furchtbarsten Juristen jener Zeit. So hat es der Ex-Justizminister Heiko Maas mal gesagt. Freisler hat zum Beispiel Gesetze der Nazis mitgeschrieben. In seinem Text zum 211 geht es gar nicht um eine Tat, also was ein Mord ist.

Sondern darum, wie jemand zum Mörder wird. Jemand muss zum Beispiel niedrige Beweggründe haben oder eben Heimtücke vorweisen. Juristinnen kritisieren diesen Paragraf seit Jahrzehnten.

I

Der erste Punkt ist der, dass die Tötungsdelikte noch auf der Strafrechtsideologie des Nationalsozialismus fußen. Man nennt das die Täter-Typen-Lehre.

B

Das sagt Eva Kiel. Sie war Staatsanwältin und ist jetzt Professorin für Strafrecht an der Uni Kiel.

I

The zweite growth is derjene, die Tütungsdedikte sehr schematisch sind. Der Mord is nämlich mit der absolute Strafe, der lebenslangen Freiheitsstrafe zu bedenken, zu sanktionieren. Während der Totschlag ja einen sehr flexiblen Strafrahmen, Freiheitsstrafe zwischen 5 bis 15 Jahren, vorsieht mit der Möglichkeit eines minderschweren Falls.

B

Ein Beitrag im Deutschlandfunk fasst die Kritik so zusammen. Die sogenannten Mordmerkmale seien mal zu starr, mal zu weit und unbestimmt. Mal sei lebenslang einfach ein zu hartes Urteil. Der Fall Bachmeyer wird noch heute als Beispiel für diese Kritik genannt. Trotzdem hat der Mordparagraf alle Reformversuche überlebt.

Zurück zu Bachmeyers Prozess. Wir haben ja schon gehört: im Mordparagraf steht auch Heimtücke. Und sie hat Klaus Grabowski von hinten erschossen. Er hat die feindliche Absicht nicht erkannt. Das ist auf dem Papier genau das. Heimtücke. Und das ist dann Mord. Heißt lebenslänglich. Aber lebenslänglich für Marianne Bachmeier, sie hat doch nur ihr Kind gerecht, sagen viele.

Bei dieser Rache hat sie achtmal geschossen und die Treffer auf Grabowskis Rücken lagen nah beieinander. Das schafft aber eigentlich nur jemand, der schießen kann. Ein Regisseur, der später einen Film über die Tat machen wird, sagt dazu,

T

Ich weiß, dass man ja eine Bachmeier Schießübungen gemacht hat. Also all das tut man ja nicht, wenn man nicht die Absicht hat, mit der Waffe und gezieltem Schuss irgendwas durchzusetzen.

B

Marianne Bachmeyer hat vor der Tat anscheinend Schießen geübt. Auch der damalige Staatsanwalt sagt,

U

Frau Bachmeyer schoss mit einer sehr kleinen Waffe aus einer Entfernung von 6-8 Metern, anders Experten, this is a hervorragende Schützenleistung.

B

Bachmeyer bestreitet das zu dem Zeitpunkt. Und dann ist da noch eine Frage. Was wäre mit Grabowski passiert, hätte Bachmeier ihn nicht erschossen.

S

Als das unmittelbare Entsetzen sich legte, kam so ein spontaner Gedanke, ich finde den heute eigentlich verrückt, was sollte das denn? Den hätten wir doch sowieso verurteilt.

B

Das sagt Ingo Hurlin, damals beisetzender Richter im Prozess. Er glaubt, Klaus Grabowski wäre so oder so als Mörder verurteilt worden. Lebenslang. In der Öffentlichkeit wird all das hitzig diskutiert.

E

Freispruch für diese Frau.

V

Stimmlich muss sie verurteilt werden. Es berechtigt sie noch lange nicht dazu, jemanden umzubringen.

B

Flütiger Mord, nicht? Das macht es für die Richter kompliziert. Der damals vorsitzende Richter sagt.

E

Der große Medienrummel und dass Aussagen auch von Zeugen schon vorher in der Zeit entstanden, macht natürlich eine Prozessführung nicht einfacher und eine Wahrheitsfindung nicht einfacher.

B

Marianne Bachmeier wird verurteilt, aber die Höhe ihrer Strafe wird für Diskussionen sorgen. Wie viele Jahre sie ins Gefängnis muss, das sagen wir euch nach einer kurzen Werbung. Nutz die gerne für eine schnelle Trinkpause, weil du wahrscheinlich nicht auf deine mindestens 1,5 Liter am Tag kommst.

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🎵 Music

R

Das Lübecker Schurgericht hat heute die 32-jährige Marianne Bachmeyer wegen Totschlags zu sechs Jahren Haft verurteilt.

B

Am 2. März 1983, nach 27 Verhandlungstagen, verkündet der Vorsitzende Richter das Urteil: Totschlag. Sechs Jahre. Kein Mord, kein Lebenslänglich. Es gibt Leute, die sagen, das sei damals eine dogmatische Verrenkung der zuständigen Richter gewesen. Oder, einfacher gesagt, eine Fehlentscheidung.

I

Das würde ich jetzt dem Landgericht Lübeck keinesfalls vorhalten wollen.

B

Aber Eva Kiel sagt auch.

I

Wenn wir uns die Indizienlage im Fall Bachmaier einmal genauer anschauen, die Tat war ersichtlich geplant. Man hatte offenbar auch Schießübungen absolviert. Dann wurde eine Gelandewaffe mit in den Gerichtssaal geschmuggelt und dann hat die Frau Bachmeier ja letztendlich auch die

Ja, man kann schon fast sagen, erstbeste Gelegenheit genutzt, als er der Angeklagte den Rücken zugekehrt hatte. Das alles spricht also dafür, dass man heute unter Zugunderlegung der aktuellen Rechtsprechung schon eher einen Heimdückemord bejahen könnte.

B

Waren die Richter von der öffentlichen Meinung vielleicht beeinflusst?

I

Also, wir können nie ausschließen, dass die mediale Berichterstattung die Presse Einfluss auf Gerichtsentscheidungen nimmt. Das liegt ganz einfach daran, dass Richterinnen und Richter, die darf man sich jetzt nicht so vorstellen, dass sie hermitisch abgeschlossen vom Rest der Welt leben.

C

Aus meiner Sicht musste deutlich werden, dass Selbstjustiz in keiner Weise akzeptabel ist. Auf der anderen Seite war natürlich dem Umstand Rechnung zu tragen, dass Frau Bachmeyer ihre Tochter durch ein schreckliches Verbrechen verloren hat.

B

Das sagt ein ehemaliger Staatsanwalt des Prozesses später im Interview. Aber Moment. Ist Mord nicht Mord? Auch damals schon. Kann Selbstjustiz durch eine schreckliche Vorerfahrung legitimiert werden, quasi ausgeglichen?

I

Das muss man jetzt auch zu erkennen. Dem Landgericht ist es schon gelungen, hier eine Art Befriedung herzustellen. Denn es war ja eine wirklich herausfordernde Aufgabe, hier einerseits eben das staatliche Gewaltmonopol zu bringen.

betonen, andererseits aber eben auch das Leid der Frau Bachmeier nicht vollständig zu ignorieren, mit dem sich ja gerade eine Vielzahl der Menschen eben auch identifiziert haben. Und dadurch, dass hier eine Verurteilung wegen Totschlags erfolgt ist, hat eben das Gericht betont, Bacherakt.

Selbstjustiz geht nicht, verstößt gegen unsere Rechtsordnung. Es hat aber eben keine Verurteilung gegen Mordes ausgesprochen und damit eben auch dem Leid und der Sympathie und der ja in gewisser Weise Nachvollziehbarkeit in ganz großen Anführungsstrichen aus der Gesellschaft eben auch Rechnung betrachtet.

B

Die Richter argumentieren damals, Bachmeyer habe die Heimtücke ihrer Tat nicht erkannt. Also, sie habe schon gewusst, dass sie schoss. Aber sie habe die rechtliche Qualität ihres Handelns nicht durchschaut. Fehlendes Ausnutzungsbewusstsein. Heißt das in Juristendeutsch.

I

Heute würde man das anders beurteilen. Der Mordparagraph staht so unverändert im Gesetz, wie er es auch in den 1980er Jahren schon stand. Was sich aber verändert hat, ist die Rechtsprechung zur Auslegung des Ausnutzungsbewusstseins. Heute is man da. Sehr viel differenzierter und versteht dieses Ausnutzungsbewusstsein schon eher als psychologische Frage.

B

Sie sagt aber auch, dass das Urteil schon damals in der Sache angreifbar gewesen sei. Für Marianne Bachmeyer ist ihr Racheakt jedenfalls denkbar gut ausgegangen. Sie kommt schon nach drei Jahren wieder frei. Und auf gewisse Art beginnt ihre Geschichte dann erst so richtig.

🎵 Music

Leben nach Haft: Ruhm und Reflexion

B

Kapitel 4 Die Autorin Marianne Bachmeier ist jetzt ein Promi. Und ihre Geschichte, der spektakulärste Fall von Selbstjustiz in Deutschland jemals, ist richtig Geld wert. Noch während ihr Prozess lief, hat sie ihre Geschichte an den Stern verkauft. Für irgendwas zwischen 100.000 und 250.000 D-Mark. Da sind sich die Quellen nicht ganz einig. Auf jeden Fall ziemlich viel Geld. Die Sternserie heißt Annas Mutter. In der Ankündigung steht.

P

Seit über einem Jahr besucht Sternautor Heiko Gebhardt Marianne Bachmeier im Gefängnis. Er ist der Einzige, dem sie ihre Geschichte erzählt hat: Die Geschichte eines zerstörten Lebens.

B

Bachmeyers Leben wird jetzt hoch und runter erzählt. In Filmen. Es geht um ihr Privatleben und ihr schwieriges Elternhaus. Liebesaffären, Schwangerschaftsabrüche. Es kommt auch ans Licht, dass sie geplant haben soll, Anna in eine Pflegefamilie zu geben. Und je mehr die Medien berichten, desto mehr ändert sich auch ihr Image. Von der gerecht rechnenden zur gebrochenen Frage.

Zur Rabenmutter. Ihr wird unterstellt, sie gebe sich selbst Mitschuld am Mord von Anna. Im Interview mit SpiegelTV sagt sie,

M

Das war auch eine Suggestivfrage. Das lief so darauf hinaus, haben Sie den vielleicht umgebracht, weil Sie selber Schuldgefühle hatten. Das wird ja so schnell gesagt. Und da habe ich gesagt, nein.

B

Zwei Regisseure verfilmen ihre Geschichte. Hier ein Ausschnitt aus Keine Zeit für Tränen von 1984.

Y

15 wollte ich so gern einfach nur in den Arm genommen werden, dass ich gleich ein Kind bekomme. Für meinen Stiefvater war ich sowieso völlig verdorben. Nur Dreck. Und meine Mutter war immer auf seiner Seite.

B

Mit der Zeit will Bachmier Abstand von all dem. Sie heiratet und verlässt Deutschland. Sie zieht mit ihrem Ehemann erst nach Nigeria. 1990 lässt sie sich dann scheiden und geht nach Sizilien. In Palermo findet sie eine neue Berufung. Hier arbeitet sie als Sterbebegleiterin im Hospiz. Man nennt sie dort Gioia, die Freude. Und dann, in den frühen 1990ern, kehrt sie zurück ins Rampenlicht. Nicht als Angeklagte, nicht als Verurteilte, sondern als Studiogästin in Talkshows.

Q

Ihren Namen kennen Sie wohl alle. Marianne Bachmeyer, die Frau, die 1981 im Lübecker Gerichtssaal den Mörder ihrer Tochter Anna erschossen hat. Schönen guten Abend.

B

14 Jahre nach der Tat spricht sie wieder über den Mord an Anna. Wie schlecht es ihr danach ging.

M

Zehn, elf, zwölf Jahre hatte Horror. Natürlich war er, sagen wir mal, als ich in Lagos war, nach sechs, sieben, acht Jahren nicht mehr so wie am Anfang. Die ersten drei Jahre waren der Rhein-Trip, ne? Da konnte ich überhaupt gar nichts anderes denken. Even auch dadurch, dass ich mich in dieses Gefängnis dann sperrte, nicht durch die Tötung Grabowskis war ich ja so eingesperrt und dem absolut ausgesetzt. Da gab es kein Entkommen.

B

Aber Marianne Bachmeier macht noch etwas. Sie spricht Klartext.

M

Es war am dritten Verhandlungstag, dass ich auf dem Flur hörte, er wollte eine Aussage machen. Ich habe gedacht, so jetzt hat er sich die neue Konstruktion gemacht, wieder eine Lüge, was das Kind gemacht hat, was nicht gemacht hat. Und da ging es bei mir irgendwie nur noch. Über meine Tochter wird nicht noch einmal öffentlich.

L

Yeah, that's all.

B

Ein Geständnis. Die Tat war geplant. Keine Schüsse aus dem Affekt. Kein Impuls. Das war kalkuliert. 1993 sitzt sie im Spiegel-TV-Interview in einem Garten mit weißem T-Shirt und ihren braunen, glatten Haaren mit dem Pony. Sie raucht eine Zigarette und sie sagt, sie habe nicht das Gefühl, einen Menschen getötet zu haben.

M

Geht's mir davon vom Gewissen her noch ganz gut?

B

Sie habe mit Gott gesprochen über die Tat. Und er habe ihr vergeben.

M

Wenn ich es jetzt in Worte fassen soll, war das so, dass er gesagt hat, also weißt du, forget it.

B

Reue zeigt Marianne Bachmeier keine.

K

Den Willigen führen die Schicksalsgöttinnen. Den Unwilligen zerren sie.

B

Das sind die ersten Zeilen von ihrem Buch, Palermo Amore Mio. 1994 kommt es raus. Es ist ein Roman, aber jeder, der ihre Geschichte kennt, erkennt auch Autobiografisches wieder.

K

Ich fühle mich so ausgebrannt und leer. Ob ich jemals wieder etwas froh und glücklich sein darf oder werden oder so, ist ja auch egal. Das war die Nacht, in der man im Hause des vermissten Kindes kein Auge zutat. Wartete, wartete, immer zwischen Hoffen und Bangen, wehem Bangen, denn sie, unsere Heldin, wusste da schon, dass ihrem Kind fürchterliches zugestoßen sein musste.

B

Unsere Heldin, das ist sie selbst. Und das Kind, das ist Anna. Marianne Bachmeier will ihre Geschichte wieder in die eigene Hand nehmen. Und so macht sie noch etwas Unerwartetes. Sie bittet einen NDR-Reporter, Lukas Maria Böhmer, sie mit der Kamera auf ihrem letzten Lebensabschnitt zu begleiten. Denn sie ist mittlerweile tot krank und Bauchspeicheldrüsen kreativ. Das langsame Sterben der Marianne Bachmeier heißt der Film, der so 1996 entsteht. Es ist ein intimes Porträt.

In einer Szene sitzt sie im Auto. Jeansjacke, Karohose. Sie sieht krank aus und trotzdem irgendwie stark.

M

Wenn ich das Gefühl habe, dass es mit mir zu Ende geht, dann sage ich,

K

Yeah.

M

Ich fee das sterben sich naht, dann finde ich nicht, dass das ein Aufgeben ist. Das heißt ja nicht, ich will sterben, sondern ich will ganz einfach in dem Moment sterben, wo ich merke, dass das Leben unerträglich wird, dass die Schmerzen... Und dass ich nur noch mit diesem gespannten Bauchumlauf und allen Menschen und mir selbst eine Last bin. Und das wird von Tag zu Tag jetzt einfach mehr so. Und deshalb bin ich bereit zu gehen.

B

In Marianne Bachmeyers Leben wurde viel über sie geredet. Heute wissen wir, dass sie die Tat geplant hat, dass sie den Mörder ihrer Tochter bewusst erschossen hat und dass sie das nicht bereut hat. Es gab immer Menschen, für die sie eine Heldin war. Sogar heute noch. Eine Frau, die ihr Leben lang Gewalt erfahren hat, von Männern, von Institutionen und dann zurückgeschlagen hat. Bachmeyer als Feminist-Icon. So in etwa analysiert eine Wissenschaftlerin den Diskurs in sozialen Medien um den Fall.

Am 17. September 1996 stirbt Marianne Bachmeyer im Alter von 46 Jahren in einem Lübecker Krankenhaus. Ihr Wunsch, in Palermo aus dieser Welt zu gehen, erfolgt. Sie wird auf dem Burgtorfriedhof in Lübeck begraben, im selben Grab wie ihre Tochter Anna.

🎵 Music

B

Ein Shoutout an unsere Sponsoren Simon Mobile und Holy. Dank Ihrer Unterstützung können wir diesen Podcast machen. Ihren Angeboten gibt es wie immer in den Shownotes. Habt ihr schon mal von diesem Fall gehört? Was denkt ihr dazu? Schreibt es uns in die Kommentare. Und wenn ihr noch keine Bewertung dargelassen habt, dann holt das gerne nach.

wie fünf Sterne? Die nächste Folge kommt dann in zwei Wochen. Dann geht es um einen Schüler, der die deutsche Politik gehackt hat. Seid gespannt. Unfassbar ist eine Produktion von Simplicissim. Recherche und Skript sind von Sarah Ullrich mit redaktioneller Unterstützung von Jonas. Der Faktencheck kommt von Lisa Viktoria Peter. Gesprochen habe ich,

Die komplette Audioproduktion kommt von Christoph Meyer von der Audioform Berlin unter Regie von Max Stern. Theme- und Automusik sind von Marcel Bäcker-Neu, die CI ist von Mari. Cheers und bis zum nächsten Mal.

🎵 Music

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