#314 Der Prophet des Todes - Jim J. und der Peoples Temple - podcast episode cover

#314 Der Prophet des Todes - Jim J. und der Peoples Temple

Jun 23, 202659 minEp. 326
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Episode description

Eine Gemeinschaft voller Hoffnung. Ein Prediger, der Gleichheit verspricht. Und Menschen, die glauben, endlich angekommen zu sein. Doch hinter den Kulissen des Peoples Temple lauern Angst, Kontrolle und Fanatismus. Warum folgen Hunderte ihrem Anführer Jim bis in den Dschungel von Guyana? Und weshalb erkennt lange niemand, wie gefährlich die Sekte wirklich geworden ist?


Links zur Folge:


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Fotos von Jim 

https://t1p.de/83dpv

https://t1p.de/bsydv


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Foto von Jim bei einer Predigt

https://t1p.de/ngzlt


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Foto von Deborah im Juni 1978

https://t1p.de/41u0z


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Foto vom Kongressmann Leo

https://t1p.de/el6f5


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Foto von Jonestown und den Leichen. (Achtung grafischer Content!)

https://t1p.de/nwbbe


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Foto von Jonestown aus der Vogelperspektive

https://t1p.de/4re1o


[Wir übernehmen keine Haftung für die Inhalte externer Links.]


--- Credits ---


Hosts: Anne Luckmann & Patrick Strobusch

Redaktion: Stefanie Eisenlauer

Schnitt: Anne Luckmann

Intro und Trenner gesprochen von: Pia-Rhona Saxe

Produktion: Nadine Lentfer-Unterweger und Teresa Emmert

Eine Produktion der Julep Studios


Du möchtest Werbung in der Schwarzen Akte schalten? Unsere Kolleg:innen von Julep helfen dir gerne weiter: 

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Spoiler: 

Dieser Fall ist gelöst.


--- Content Hinweis ---


In dieser Folge sprechen wir über Mord. Gewalt an Frauen. Gewalt an Kindern. Gewalt an Männern. Suizid. Massensuizid. Psychische Folter. Folter. Vergewaltigung. Wenn du dich mit diesen Themen nicht wohlfühlst, höre dir die Folge bitte nicht alleine an.

Transcript

Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung. Das schrille Heulen der Sirenen reißt sie aus einem tiefen Schlaf. Harte Schläge donnern an die Tür ihrer Holzhütte. Laute Stimmen drängen zur Eile. Deborah öffnet blinzelnd die Augen und ist sofort hellwach. Eilig stürzt sie aus ihrem Bett, hinaus in die Dunkelheit. Auch mitten in der Nacht ist es noch ziemlich warm. Die Luft ist feucht.

Schweißperlen bilden sich auf ihrer Stirn, an der ihre kurzen, dunklen Haare kleben bleiben. Gemeinsam mit anderen Kindern und Erwachsenen läuft sie schnurstracks zu einem hell erleuchteten Pavillon, der sich inmitten der einfachen Holzhütten erhebt. Aus dem Urwald rundherum knallen Schüsse. Verängstigt blickt die junge Frau in die Dunkelheit links und rechts von ihr. Doch dann hört Deborah über einen Lautsprecher eine vertraute, warme Stimme, die nur zwei Worte sagt. Weiße Nacht.

Weiße Nacht, das ist das Signal für sie und die rund 900 anderen Jüngeren und Jünger, sich um den offenen Pavillon zu versammeln. Der festgestampfte Lehmboden fühlt sich kühl unter Deboras nackten Füßen an. Sie kann einige ihrer Bekannten erkennen, die sich auf Holzbänken zusammenkauern, müde und erschöpft von der langen Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern. In einem hohen, hölzernen Sessel thront ein Mann vor ihm.

Er hat schwarzes Haar, sauber gescheitelt und trägt trotz der dunklen Nacht eine Sonnenbrille. Wir werden belagert, ruft er in ein Mikrofon. Seine Stimme heilt durch die Nacht. Dieser Mann heißt Jim. Er ist der Gründer und Führer der religiösen Gemeinschaft People's Temple. Während er spricht, sieht Deborah aus den Augenwinkeln wie Wachen mit Gewehren durch die Gebäude und Zelte des Lagers streifen. Der Wachtrupp aus den eigenen Reihen prüft, ob sich jemand versteckt hält.

Andere zählen die Versammelten durch. Im Dschungel sind erneut Schüsse zu hören. Jim reckt seine geballte Faust in die Luft und fragt schreiend, ob sie die Söldner schon kommen hören. Das Ende stehe kurz bevor. Ihre Zeit sei abgelaufen. Wie auf Kommando tragen Helfende einen großen Aluminium-Bottich in die Mitte des Pavillons. Er ist mit einer rötlichen Flüssigkeit gefüllt. Der Prediger blickt ernst in die Menge und befiehlt den Anhängern, das Gebräu zu trinken.

In 45 Minuten seien sie alle tot, sagt er. Niemand könne ihnen dann mehr Böses tun. Deborah klopft das Herz bis zum Hals. Trotzdem reiht sie sich widerstandslos in die lange Schlange ein, um das Gift in Empfang zu nehmen. Kurz denkt sie daran zu fliehen. Doch die Präsenz der bewaffneten Wachen lässt sie diesen Impuls schnell im Keim ersticken. Plötzlich sieht die 25-Jährige, wie eine Frau aus der Funkstation des Lagers läuft. Sie flüstert Jim etwas ins Ohr.

Bedächtig nickt er und greift zum Mikrofon. Er sagt, die Krise konnte abgewendet werden. Geht zurück in eure Betten. Wie benommen kehrt Deborah zu ihrer Hütte zurück. Erst jetzt nimmt sie die Geräusche des Dschungels wieder wahr. Das Rascheln der Blätter, das Zwitschern der Vögel. Es dämmert inzwischen. Die Zeremonie hat mehr als sechs Stunden gedauert. Dass diese Generalprobe schon bald bittere Realität wird, ahnt Deborah zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte. Und ihr wisst es doch, wie immer, mit Patrick Strohbusch. Und wie immer mit Anne Lückmann. Hello! Der Fall, über den wir heute sprechen wollen, ist wohl einer der erschütterndsten der US-amerikanischen Geschichte. Wir befinden uns im Jahr 1978. Werbung. Werbung Ende. Die Fronten im Kalten Krieg entspannen sich langsam etwas, doch das Misstrauen bleibt.

Es ist das Jahr der drei Päpste. Innerhalb kurzer Zeit werden gleich zwei neue gewählt. Das gab es seitdem nie wieder. Die Geburt des ersten IVF-Babys, Louise Joy Brown, markiert einen wissenschaftlichen Meilenstein. Und der DDR-Kosmonaut Sigmund Jena wird der erste Deutsche im All. In den Radios laufen Hits wie Rivers of Babylon von Boney M, Stayin' Alive von den Bee Gees, aber auch das Lied der Schlümpfe. Gleichzeitig schwappt so langsam die Punkwelle aus England nach Deutschland herüber.

Der Musicalfilm Grease mit Olivia Newton-John und John Travolta löst eine riesige 50er-Nostalgie-Welle aus und wird zum Kino-Hit des Jahres. Blockbuster wie Krieg der Sterne läuten eine neue Ära des Eventkinos ein. Modisch gesehen gibt's nur ein Motto, nämlich Disco. Also Schlaghosen, enge Oberteile, Jumpsuits, Glanzstoffe, Plateauschuhe und Polyesterhemden mit weitem Kragen. Bei Frauen liegt der gestufte Farrah-Fawcett-Look im Trend, voluminös nach außen geföhnte Haare.

Die Männer tragen ihre Haare nackenlang, gerne kombiniert mit einem ausgeprägten Schnauzer, dem sogenannten Pornobalken. Es ist im November 1978, als sich die Zeitungen weltweit mit Schreckensnachrichten über einen charismatischen Prediger aus den USA füllen, der über Leben und Tod entscheidet. Wer ist dieser Mann, der so viel Macht über andere Menschen gewinnt, dass sie sich ihm völlig hingeben, ihr eigenes Leben in seine Hände legen? Der Name des Mannes ist James Warren, auch genannt Jim.

Er wird am 13. Mai 1931 in Crete im US-Bundesstaat Indiana geboren. Als Einzelkind wächst er in sehr ärmlichen Verhältnissen in einem Dorf namens Lynn auf, gut anderthalb Stunden von Indianapolis entfernt. Hier leben zu dieser Zeit gerade mal 1350 Menschen. Sein Vater James erleidet im Ersten Weltkrieg ein schweres Lungenleiden, ausgelöst durch einen Senfgasangriff, was ihn lebenslang arbeitsunfähig macht. Seine Mutter Lynetta arbeitet als Fabrik- und Gelegenheitsarbeiterin.

Als Kind ist Jim ein Einzelgänger, ruhig und zurückhaltend. Er bleibt oft sich selbst überlassen. In einer Doku beschreiben ihn ehemalige Klassenkameraden als seltsam jung. Schon früh sei Jim von Religion und dem Tod besessen gewesen. Immer wieder hält er Beerdigungen für kleine Tiere ab, die gestorben sind. Und das, obwohl der Glaube an Gott in seiner Familie keine Rolle spielt. Seine Mutter steht dem Christentum gar skeptisch gegenüber.

Eine tiefreligiöse Nachbarin nimmt Jim regelmäßig mit in die Kirche der Nazarener und gibt ihm die Aufmerksamkeit, die ihm daheim fehlt. Im Ort gibt es sechs verschiedene Kirchen. Jim besucht sie alle und wechselt mehrfach die Konfession. Erst schließt er sich den Nazarenern an, dann der Pfingstbewegung. Doch mehr als ein bestimmter Glaube fasziniert ihn das religiöse Zeremoniell, insbesondere die Predigt.

Er ist beeindruckt von der Macht der Sprache, der Rhetorik der Prediger und der Art und Weise, wie man eine Gemeinschaft durch Glauben lenken kann. Schon mit zwölf Jahren predigt Jim auf der Straße seines Heimatdorfes. Ein Radiofeature beschreibt eine Szene aus dem Sommer 1943. Eine Gruppe schwarzer Kinder sitzt aufgerallt und schweigend vor einem Schuppen. Sie lauschen andächtig. Vor ihnen steht ein Junge, relativ klein für sein Alter.

Er steht auf einer Kiste und spricht von Gott, der für die Schwachen und Ausgestoßenen da sei. Zu dieser Zeit ahnt noch niemand, dass dieser ruhige, seltsame Junge einmal die Macht haben wird, sehr viele Menschen gleichzeitig in den Tod zu führen. Als Jim 14 Jahre alt ist, lassen sich seine Eltern scheiden. Er zieht mit seiner Mutter nach Richmond. Das liegt eine halbe Stunde von Lynn entfernt. Bereits in seinem Heimatdorf setzt sich Jim für die Gleichberechtigung von Schwarzen und Weißen ein.

Beispielsweise lädt er schwarze Freunde zu sich nach Hause ein. Für die damalige Zeit ist das ziemlich revolutionär. Während der Jahre auf der Oberschule verstärkt Jim sein Engagement. Mit 16 Jahren arbeitet er als Pfleger in der Nachtschicht im Reed Memorial Hospital. Dort lernt er die Krankenschwester Marcella kennen. Sie ist vier Jahre älter als er und die beiden werden ein Paar. Die schlanke, intelligente Frau hat ein Herz für Menschen in Not.

Spätere Kommilitonen von Jim beschreiben in einem Artikel der New York Times, er wäre abhängig von ihr gewesen und habe sich vor Entscheidungen immer mit ihr abstimmen wollen. Für Jim wird sie zu einer Art Mutterfigur. Am 12. Juni 1949, kurz nach seinem 18. Geburtstag, heiraten Jim und Marceline. Ein Jahr später, 1950, ziehen die beiden nach Indianapolis. Hier hat übrigens der rassistische Ku Klux Klan sein Hauptquartier.

Der inzwischen 19-jährige Jim übernimmt eine Fahrstelle in der methodistischen Gemeinde, ohne Theologiestudium oder spezielle Wein. Die Methodisten sind eine der größten protestantischen Kirchenfamilien weltweit. Für sie ist der Glaube eng mit gesellschaftlichem Engagement verbunden. Es gibt keinen Papst, sondern die Gemeinden organisieren sich in sogenannten Konferenzen und sehen Geistliche und Gläubige als gleichberechtigt an.

Das passt natürlich zu Jim und seinen Überzeugungen. Er vertritt liberale Ansichten für Bürgerrechte und engagiert sich aktiv für die Rassenintegration. Das gefällt damals natürlich nicht jedem. Viele ältere Gemeindemitglieder feinden ihn offen an. Seine Gegner werfen sogar tote Katzen in die Kirche. Nachdem Jim Anfang 1950 einen Gottesdienst von Father Divine in Philadelphia besucht hat, ist er tief beeindruckt von der Zuneigung, Loyalität und Verehrung seiner Anhängerschaft ihm gegenüber.

Father Divine bedeutet auf Deutsch göttlicher Vater. Der religiöse Führer des Peace Mission Movement setzt sich für Gleichberechtigung, Gemeinschaftseigentum und ein moralisch strenges Leben ohne Alkohol und Sex ein. Das wird euch bald noch bekannt vorkommen. Er wird Jims großes Vorbild. Und auch Jim lässt sich später von seinen Anhängern Vater nennen. Father Jones, Jim beginnt auch, Spenden zu sammeln. Für eine eigene Kirche.

Sein Traum ist es, dass Schwarze neben Weißen im Gottesdienst sitzen dürfen. Damals ist das ein ziemlich revolutionärer Gedanke, denn die Kirchen in Indianapolis praktizieren noch strenge Rassentrennung. Mit Fliege und auffallend gestreiften Tweetsacko geht der 22-jährige Jim außerdem von Haustür zu Haustür und verkauft importierte Affen aus Südamerika und Asien als Haustiere. Zum Stückpreis von 29 Dollar.

1956, nach gut drei Jahren, hat Jim endlich genug Geld gesammelt, um eine ehemalige Synagoge zu mieten. Seine Kirche trägt den Namen People's Temple Full Gospel Church. Priester ist er immer noch nicht. Erst acht Jahre später wird er von der protestantischen Freikirche Disciples of Christ offiziell zum Pfarrer geweiht. Pastor Jones gilt als sehr humorvolle, hilfsbereite, sensible, aber auch einnehmende Person. Seine Frau und er engagieren sich nicht nur in der Kirche.

Sie eröffnen auch Suppenküchen, verteilen Kleidung an Bedürftige und unterstützen Weisen. Das, was Jim in seinen Gottesdiensten sagt, ist nicht neu. Neu ist dagegen sein Auftreten. Er inszeniert sich als eine Art Elvis Presley der Religion, wie ihn die Zeitschrift Geo beschreibt. Jim trägt samtene Roben, seine schwarzen Haare sind akkurat gescheitelt und meist hat er noch eine Ray-Ban-Sonnenbrille auf der Nase. Wir haben euch mal ein Bild von ihm in den Shownotes verlinkt.

Jim behauptet von sich selbst, ein Weißer mit einer schwarzen Seele zu sein. Und so predigt er auch. Das Radio-Feature namens Unser Vater, der du bist in der Hölle, beschreibt seine Anziehungskraft als überwältigend. Er besitzt die Fähigkeit, Menschen zu fesseln und sie mit seinen Reden an sich zu binden. Und das mit einer nahezu animalischen Körperlichkeit. Das zeigt sich auch auf Fotos und Videoaufnahmen. Jims Körpersprache wirkt kämpferisch. Geballte Fäuste hoch in die Luft gereckt.

Auf alten Tonbandaufnahmen wird seine sanfte Baritonstimme in den Predigten zunehmend lauter. Am Ende schreit er sogar ins Mikrofon. Seine charismatischen Reden ziehen die Menschen in Scharen an. Jim trifft eine Stimmung. Hinter seiner Gemeinschaft steht der Traum einer vollkommenen Harmonie zwischen den Menschen. Ohne Hass und ohne Gewalt. Denn auch wenn die Rassentrennung in den USA seit Mitte der 60er Jahre gesetzlich aufgehoben ist, zeigt sie sich im Alltag weiterhin deutlich.

Schwarze und weiße Menschen leben oft in getrennten Vierteln, besuchen unterschiedliche Schulen und haben ungleiche Chancen auf Bildung oder auf dem Arbeitsmarkt. Mit seinen Überzeugungen spricht Jim gleich mehrere Gruppen Menschen an. Benachteiligte, Bedürftige, Arbeitslose, Drogenabhängige, Desorientierte. Ein Drittel davon sind Kinder, ein Drittel ältere Menschen und 80% von ihnen sind schwarz. Sie alle vereint der Wunsch nach einer gerechteren Welt. Ohne Diskriminierung und ohne Ausbeutung.

Um sein propagiertes Weltbild auch nach außen hin zu untermauern, adoptieren Jim und Marceline insgesamt sieben Kinder schwarzer, weißer und asiatischer Herkunft. Mit dieser, wie sie es nennen, Regenbogenfamilie will er beweisen, dass Menschen aller Hautfarbe in Frieden zusammenleben können. Als Jim 28 Jahre alt ist, komplettiert der einzig leibliche Sohn des Paares die Familie, Stefan Gandhi. Zwei Jahre später tauft Jim seine Kirche offiziell im People's Temple um, zu Deutsch Volkstempel.

Er predigt Antikapitalismus, Antirassismus und brüderlichen Kommunismus. Zunehmend tritt er als Prophet und Heiler auf und verkündet, er sei gesegnet mit göttlichen Kräften. Und so schleppen sich auch immer mehr Kranke und Gebrechliche in seine Gottesdienste. Wie ein Radiofeature beschreibt, begreift Jim sich als ein Mann der Geschichte. Und das schon zu Lebzeiten. Deswegen ist alles, was er sagt, wichtig. Und deshalb zeichnet er auch alles, was er sagt, für die Nachwelt auf.

Dank dieser teils minutiösen Aufzeichnung lässt sich auch heute noch die Stimmung in seinen Gottesdiensten nachempfinden. In einer dieser Aufnahmen geht es um eine sogenannte Heilungszeremonie. Jim redet lautstark auf eine Frau ein. Er sagt, er würde sie jetzt erhören und von ihrem schlimmsten Tode erretten, dem Tod im Hals. Sie solle nun erbrechen und den Krebs herauswirken. Jim fordert die Gemeinde zum Klatschen auf.

Es folgt ein rhythmisches Klatschen, das von fröhlich klingenden Chorallengesängen unterbrochen wird. Die kranke Frau wird aufgefordert, sich den Finger in den Hals zu stecken. Jim jubelt frenetisch und befiehlt, sie solle das Blut ausspeien. Er würde es fühlen, der Tumor habe ihren Körper verlassen und sie sei nun geheilt. Es ist nur eine Szene von vielen, die sich in den Gottesdiensten abspielt.

Heute weiß man, dass es meist Mitarbeitende von Jim waren, die sich als schwer krank oder gar blind getarnt haben, um von ihm dann auf wundersame Weise geheilt zu werden. Neun Jahre nach der offiziellen Gründung von People's Temple zieht Jim 1965 mit seiner Familie und 140 seiner treuesten Jüngeren und Jüngern auf eine Farm. Sie ziehen in den Ort Redwood Valley in Kalifornien. Das liegt etwa 200 Kilometer nördlich von San Francisco. 1965 ist auch die Zeit des Wettrüstens der Supermächte.

Jim warnt vor einem nuklearen Holocaust, wie er es nennt. Dieser wird den mittleren Westen der USA zerstören. Doch er versichert seinen Anhängern, Hier, inmitten von Weinbergen und Wiesen, seien sie vor der atomaren Auslöschung sicher. Hier soll eine Gemeinschaft entstehen, die frei und utopisch ist und offen für Menschen jeder Hautfarbe. Der Zeitpunkt hätte für Jim nicht besser sein können. Denn zu dieser Zeit werden gerade in Kalifornien neue Lebensformen ausprobiert.

Bewusstseinserweiterung und kollektive Selbstfindungstrips liegen im Trend. Als Deborah, die ihr ja aus dem Intro kennt, zum ersten Mal vom People's Temple hört, ist sie 17 Jahre alt. Es sind die Sommerferien 1970. Deborah ist gerade aus ihrem englischen Internat auf Heimatbesuch. Dorthin haben ihre Eltern ihre abhängige, jüngste Tochter geschickt, weil sie Drogen konsumiert, in der Hoffnung auf Besserung.

Deborah ist eine rebellische Teenagerin. Das normschöne Mädchen mit den kurzen, dunklen Haaren fühlt sich vor allem mit Außenseitern verbunden. Und sie will den Prediger Father Jones kennenlernen. Ihr Bruder Larry ist bereits ein Anhänger von Jim. Der Prediger hat ihm erfolgreich geholfen, seinen Wehrdienst zu verweigern. So muss Larry nicht nach Vietnam. Deborah fährt also gemeinsam mit ihrem Bruder und dessen Frau Carolyn zu einer Messe des People's Temple.

Nach Redwood Valley, zwei Busstunden nördlich von Berkeley, ihrer Heimatstadt. Es ist ein sonniger Tag. In der Gemeindekirche fallen Deborah sofort die vielen jungen Gesichter auf. Die Menschen strahlen und wirken fröhlich. Aufgeregt wartet sie auf den Moment, als Jim die Empore betritt. Der 39-jährige Prediger trägt wieder eine schwarze Satinrobe. Sein schwarzes Haar ist sauber gescheitelt. Seine Züge wirken wohlgeformt, seine Stimme angenehm und warm.

Mit großzügigen Gesten unterstreichen seine manikürten Hände jedes einzelne Wort. Der Bra fühlt sich von seiner Erscheinung sofort in den Bann gezogen. Es fühlt sich an, als würde er nur mit ihr sprechen. Er sagt, es sei kein Zufall, dass sie heute hergekommen sei. Sie wäre hier, weil die Welt Größeres für sie bereithält. Die Sonne glitzert durch die Glasfenster. Die Menschen springen auf, jubeln, recken die Arme in die Luft, singen und wiegen sich im Takt der Gospelmusik.

Es ist kein klassischer Gottesdienst, mehr eine Show aus Musik und Worten. Es fühlt sich an wie ein Rausch und Deborah weiß in diesem Moment ganz genau, dass sie Teil dieser faszinierenden Gemeinschaft sein will. Eine Entscheidung, die sie schon bald bereuen soll. Nachdem Deborah ihren Schulabschluss in England gemacht hat, schließte sich ein Jahr nach ihrer ersten Begegnung mit Jim dem Peoples-Tempel an. Das ist 1971.

Was bringt ein junges Mädchen, das in einer liebevollen und gebildeten Familie aufgewachsen ist, dazu, einem Mann bedingungslos zu folgen, den sie gerade einmal gesehen hat? Deborah erklärt später in einem Interview, dass sie nicht mehr die Teenagerin sein wollte, der alle misstrauten. Stattdessen wollte sie so handeln, dass alle stolz auf sie sein können. Daher beschließt sie, sich ein paar Jahre einer guten Sache zu widmen.

Wie schon zuvor auch ihr Bruder Larry, der in wenigen Jahren eine tragende Rolle in der Sekte spielen wird. In den nächsten Jahren erarbeitet sich der Brud das Vertrauen von Jim. Anfangs ist sie noch für die Kollekte zuständig. Das heißt, sie sammelt und verwaltet die Geldspenden, die im Rahmen der Gottesdienste eingehen. Dank ihrer bedingungslosen Hingabe an die Ideale der Bewegung, ihrer Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit gehört sie schnell zu Jims innerem Kreis.

Jedes zweite Wochenende touren elf Greyhound-Busse nach San Francisco, Los Angeles und in andere kalifornische Städte, um dort neue Anhängerinnen und Anhänger zu rekrutieren. Auf dem Heck des Busses steht groß der Schriftzug Brotherhood is our religion. Brüderlichkeit ist unsere Religion. Die klare Zielsetzung sind Werbung, Spenden und Imageaufbau. Auch Deborah ist regelmäßig mit dabei. Lädt Neugierige zum Gottesdienst ein, verteilt Broschüren und organisiert Messen vor Ort.

Wir verlinken euch auch mal ein Foto von Deborah in den Shownotes. 1972 zieht der People's Temple nach San Francisco. Die Stadt an der kalifornischen Westküste gilt als aufgeschlossen für alternative Lebensformen und spirituelle Bewegungen. Die Anhänger leben hier entweder in ihren eigenen Wohnungen und Häusern oder in Wohngemeinschaften, sogenannten Kommunalhäusern des People's Temple. Und die Gemeinschaft wächst kontinuierlich. Nach eigenen Angaben zählt sie bei 7500 Mitglieder.

Das entspricht etwa einem Prozent der damaligen Bevölkerung San Franciscos von rund 700.000 Menschen. Für die amerikanische Politik sind das auch wichtige Wählerstimmen. Und Jim weiß seinen Einfluss auf der politischen Bühne geschickt zu nutzen. Er kann innerhalb von sechs Stunden 2000 Wählerinnen und Wähler mobilisieren und die Politiker wissen das.

Wer für ein Amt in San Francisco kandidiert und dabei auf arme Menschen, schwarze oder junge Leute setzt, tut gut daran, sich die Unterstützung von Jim zu sichern. So erinnert sich der Pressesprecher des damaligen Bürgermeisters in einem Interview mit der New York Times. Jim unterstützt auch den Wahlkampf eines demokratischen Bürgermeisterkandidaten. Als Belohnung wird er dafür 1976 Vorsitzender der städtischen Kommission für Wohnungsbau.

Dem damaligen Präsidentschaftskandidaten Jimmy Carter verhilft er bei einer Wahlkampfveranstaltung zum Erfolg, weil er im September 76 einfach die benötigte Zuschauermenge herankarren kann. Ein Jahr später lädt ihn die zukünftige Präsidentengattin Rosalind Carter zur Amtseinführung ihres Mannes nach Washington ein. Jim ist auf dem Höhepunkt seines Ansehens. Doch wie die Welt innerhalb der Sekte aussieht, davon ahnen die wenigsten etwas.

Das Leben in der Gemeinschaft spielt sich nach festen Regeln ab. Die oberste Regel lautet, niemand darf die Worte von Father Jones, wie Jim ja genannt wird, in Zweifel ziehen oder gar kritisieren. Jede freie Minute dient der Bewegung. Schlaf gilt als verpönt. Die Mitglieder konkurrieren geradezu, wer am wenigsten schläft. Eine Anhängerin berichtet an einer Doku, sie wäre sechs Tage am Stück wach gewesen, ganz ohne Kaffee.

Die einen besuchen den Sozialismusunterricht, die anderen absolvieren paramilitärisches Training, um als Elite für einen möglichen Atomkrieg gerüstet zu sein. Indem Jim seine Mitglieder beschäftigt hält, haben sie weniger Zeit und Energie, selbst nachzudenken. Es gelingt ihm auch, die einzelnen Mitglieder des Tempels voneinander zu isolieren. Es gibt keine vertraulichen Gespräche, keine Freundschaften. Jeder muss den Kontakt zu Freunden oder Verwandten außerhalb der Gemeinschaft abbrechen.

Höchstens in Begleitung anderer Mitglieder ist ein Besuch möglich. Jim fordert bedingungslose Loyalität. Jeder, der seine Regeln missachtet, wird von ihm zur Rede gestellt und meist öffentlich gedemütigt. Körperliche Züchtigung wie Schläge oder Bespucken sind hier an der Tagesordnung. Jedes Mitglied wird von ihm aufgefordert, in regelmäßigen Berichten verräterische Gedanken aufzuschreiben, auch wenn Jim von sich selbst behauptet, sowieso alle Gedanken lesen zu können.

Jeder soll den anderen beobachten. Mögliche Zeichen von Schwäche oder Missachtung melden. Denunziation wird zu einem Beweis der Loyalität. Und so bleibt schon bald kein Raum mehr für eigene Meinung oder ein selbstständiges Urteil. Auch die finanzielle Abhängigkeit wächst, denn es wird erwartet, dass man als Mitglied der Sekte seine Ersparnisse, Lebensversicherung und sogar Häuser und Gehalt der Gemeinschaft überschreibt.

Dafür bekommt jeder ein kleines Taschengeld ausgezahlt. Laut einer Anhängerin sind das gerade mal 5 Dollar pro Woche. Dafür bezahlt die Sekte alle anderen Dinge, wie zum Beispiel Arztbesuche oder Kleidung. Wie der Spiegel berichtet, hat die Sekte bis Ende 1977 10 bis 15 Millionen Dollar aus Lebensversicherungen und Vermögen ihrer Mitglieder angehäuft. Das wären heute umgerechnet und inflationsbereinigt rund 70 Millionen Euro.

Und Jim geht sogar noch einen Schritt weiter. Er kontrolliert alle Beziehungen. Er arrangiert Ehen oder löst sie auf. Er behauptet, alle Männer seien generell homosexuell und Sex sei egoistisch und schädlich. Seine Anhänger sollen alle enthaltsam leben, es sei denn, Jim erlaube ihnen eine Ausnahme. Die einzige Ausnahme, die er zulässt, ist er selbst. Er ist der einzige, der sich jungen Frauen und Männern in der Gemeinde sexuell nähern darf.

Einer seiner Adoptivsöhne erzählt in einem Interview, dass sein Vater immer wieder Geliebte hatte. Meist sind das junge Frauen aus der Gemeinschaft, denen er in seinen Augen nur einen Gefallen tut. Doch das ist wohl nicht immer alles freiwillig abgelaufen. Das erlebt auch Deborah am eigenen Leib. Sie ist schnell in der Gemeinschaft des People Temple aufgestiegen, ist mittlerweile Finanzsekretärin und Jims Vertraute.

In einer Doku erzählt sie, wie sie eines Abends in einer langen Buskolonne von einer Messe in Los Angeles nach San Francisco zurückgefahren ist. Sie sitzt in Bus 7, in Jims Bus. Der Prediger kommt zu ihr und beugt sich über sie. Ihr fällt sofort der Geruch von Alkohol auf, obwohl der innerhalb der Sekte streng verboten ist. Jim fragt sie, ob sie eigentlich wisse, wie hübsch sie sei und was sie da mit ihm mache. Er befiehlt ihr, sie solle in seinem Raum warten.

Jims Raum befindet sich hinten im Bus, ausgestattet mit Büchern, einem Schreibtisch und einem Bett. Als alle anderen an einer Raststätte aus dem Bus steigen, macht sich Deborah auf den Weg in das Zimmer und wartet dort auf ihn. Jim öffnet die Tür, sagt kein Wort, zieht seine Hose herunter und hat Sex mit ihr. Verängstigt und zitternd liegt Deborah danach auf dem Bett, nicht sicher, was sie jetzt tun soll. Jim schaut sie lange an und sagt zu ihr, dass er das nur für sie tun würde.

Es wird leider nicht das letzte Mal sein. Doch ganz kann auch Jim nicht geheim halten, was innerhalb seiner Glaubensgemeinschaft vor sich geht. Das öffentliche Bild vom Gutmenschen Father Jones bekommt 1977, also rund 21 Jahre nach der Gründung von People's Temple, erste Risse. Ausgestiegene Templer berichten von Prügelstrafen für Erwachsene, Stromstößen für Kinder, Vergewaltigung und Erpressung. In der Öffentlichkeit wächst das Misstrauen. Vielen ist Jims Einfluss in San Francisco suspekt.

Es erscheinen erste kritische Berichte in der Presse über den Geistlichen mit der Sonnenbrille, der sich mit Leibwächtern aus den eigenen Reihen umgibt. Und Jim reagiert darauf. Und zwar mit noch schrilleren Reden und Verschwörungserzählungen. Als das FBI Büros der Scientologen durchsucht, rechnet auch Jim mit einer Razzia. Er befiehlt seiner Finanzsekretärin Deborah und anderen Mitgliedern seines Führungszirkels, mehrere Millionen Dollar auf Konten im Ausland zu deponieren.

Doch auch als die ersten Berichte von Folter und Unterdrückung die Außenwelt erreichen, halten die Behörden sich zurück. Dazu muss man wissen, dass die freie Religionsausübung zu den Säulen der amerikanischen Verfassung zählt und damit auch extrem geschützt wird. Im gleichen Jahr erfährt Jim von einem Enthüllungsbericht, den das New West Magazin in San Francisco über den People's Temple veröffentlichen will.

Die Aussagen darin stammen von zehn Aussteigern, die Jim als Betrüger darstellen und seine manipulativen Methoden und psychischen Folterspielchen entlarven. Jim versucht die Veröffentlichung mithilfe seiner politischen Kontakte zu verhindern, doch vergeblich. In einer Dokumentation schildert Deborah, wie Jim in einem letzten Versuch nochmal alles daran setzt, das Erscheinen des Enthüllungsberichtes zu stoppen.

Der Prediger ruft die Herausgeberin an und überzeugt sie davon, ihm den Artikel vorzulesen. Deborah und weitere Anhänger zeichnen das Gespräch auf. Während die Herausgeberin den Artikel vorliest, schaut sich Jim im Raum um, in dem sie zu fünft sitzen. Deborah bemerkt, wie sein Gesichtsausdruck immer ängstlicher wird. Es scheint so, als würde ihm bewusst, dass dieser Artikel ihn und den Traum seiner Kirche vernichten kann.

In der Mitte des Artikels formt er mit den Lippen lautlos die Worte »Wir reisen heute Abend ab«. Sechs Stunden bevor der Artikel am 1. August 1977 erscheint, setzt sich der Prediger nach Guyana ab. Das liegt 7300 Kilometer Luftlinie und gute zwölf Stunden Flugzeit von San Francisco entfernt. Innerhalb weniger Wochen folgen ihm hunderte seiner Anhänger. Die meisten verschwinden spurlos, ohne sich von ihren Angehörigen zu verabschieden.

Bereits 1974 hat Jim in der früheren britischen Kolonie Guyana 15 Quadratkilometer Wildnis gepachtet. Das Gelände befindet sich zwischen Venezuela und Surinam. Die Größe des gepachteten Landes entspricht übrigens in etwa dreimal der Insel Helgoland. Das kleine Land im Norden Südamerikas wird zu dieser Zeit von einer sozialistischen Regierung geführt. Das passt perfekt zu den Idealen des People Temple. 50 treue Anhängerinnen von Jim sind bereits 74 als Pioniere hierher gereist.

Sie haben den Urwald gerodet, Felder angelegt, Holzhütten sowie eine Gemeinschaftsküche, einen Kindergarten und eine Krankenstation errichtet. Der Ort trägt den Namen Jonestown, benannt nach dem Nachnamen von Jim. Wie das aus der Vogelperspektive aussieht, haben wir euch auch mal in den Shownotes verlinkt.

Deborah bleibt zunächst noch in Kalifornien. Als Finanzsekretärin muss sie helfen, das Millionenvermögen der steuerbefreiten Sekte auf diverse Konten in der Schweiz und nach Panama zu übertragen. Viereinhalb Monate später, Mitte Dezember 1977, reist die 24-Jährige gemeinsam mit ihrer Mutter von San Francisco nach Guyana. Nach der Trennung von ihrem Vater Mitte der 70er Jahre hat auch Debras Mutter Lisa beschlossen, sich dem Peoples-Tempel anzuschließen und ihm ihr Vermögen überschrieben.

Es ist eine harte Reise nach Guyana. Alleine der Weg von Georgetown, der Hauptstadt des kleinen südamerikanischen Landes, zu dem Ort mitten im Urwald, wo Jonestown liegt, dauert mehr als 28 Stunden. Erst per Schiff und dann auf dem Traktor geht es immer tiefer ins Landesinnere hinein. Es ist schon mitten in der Nacht, als der Traktor schließlich stehen bleibt und Deborah ein Schild über der schlammigen Piste entdeckt.

Dort steht, Willkommen in Jonestown, Landwirtschaftsprojekt des Peoples-Tempel. Nur wenige Glühbirn, die an den Masten baumeln, erhellen das Camp. In deren Schatten erblickt Deborah einfache Holzhütten und grüne Zelte, verteilt über das ganze Gelände. Als erstes wird das Gepäck der Neuankömmlinge durchsucht und vieles konfessiert. Pässe und Bargeld zum Beispiel. Deborahs an Krebs erkrankte Mutter muss sogar ihre Medikamente abgeben.

Deborah kommt in einen Raum, den sie sich mit zwölf anderen Frauen teilen muss. Spätestens zu diesem Zeitpunkt warnt der jungen Frau Böses. Ist das Paradies etwa nur eine einzige große Lüge? Werbung. Werbung Ende. Der nächste Morgen bestätigt ihre Befürchtungen. Ihr bietet sich ein erschreckendes Bild. Die provisorisch errichtete Siedlung ist dem Massenansturm nicht gewachsen. Rund 900 Anhänger sind Jim in den Dschungel gefolgt.

Davon sind dreiviertel Schwarze, ein Viertel Weiße und nur eine kleine Minderheit hispanischer, asiatischer oder indigener Abstammung. Jonestown ist hoffnungslos überfüllt. Es fehlt heißes Wasser. Vieles ist improvisiert. Die Menschen müssen jeden Tag elf Stunden auf den Feldern arbeiten. Und trotzdem sind die Essensportionen karg. Für gewöhnlich gibt es etwas Reis. Um die Siedlung herum ziehen bewaffnete Wärter ihre Runden. Zum Schutz vor einer Invasion, wie Jim immer wieder beteuert.

Über Lautsprecher gibt er Anweisungen oder lässt seine Reden in Dauerschleife laufen. 24 Stunden am Tag. Abends müssen sich alle Jüngeren und Jünger am Pavillon versammeln. Jim predigt bis tief in die Nacht, bereitet sie alle auf die Gefahr einer Belagerung vor und steigert sich immer mehr in seine Paranoia. Er spricht von Verschwörung und Feinden, die überall lauern.

Die Regierung würde sie umzingeln und die Kinder foltern. Und er beruft mittlerweile beinahe wöchentlich die sogenannten Weißen Nächte ein, mit denen er die Loyalität seiner Jünger auf eine makabere Probe stellt, wie ihr im Intro ja gehört habt. Demütigung, Unterwerfung und Folter sind an der Tagesordnung. Ein Artikel der Zeitschrift Geo beschreibt, dass Jim einige Jünger tagelang in ein enges Erdloch einsperren lässt.

Kinder, die wegen des ständigen Hungers Essen aus der Küche stehen oder gar Heimweh zeigen, werden über Nacht von Wächtern kopfüber in einen Brunnen gehängt und immer wieder ins Wasser getaucht. Viele Mitglieder der Sekte sind Jim gefolgt, weil sie sich nach dem Paradies gesehnt haben, das er ihnen schon so lange versprochen hat. Eine Art Garten Eden, in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe in Frieden miteinander leben können.

Dass es für sie die Hölle auf Erden wurde, hätten sie sich niemals träumen lassen. Es ist im Frühjahr 1978, nach gut sieben Monaten in Jonestown, als Deborah zu zweifeln beginnt. In den USA hat sie zum engsten Kreis von Jims Vertrauten gehört. Doch hier, im Dschungel von Guyana, wirkt er auf sie zunehmend verwirrt. Er scheint nervös, fast schon paranoid. Sein Gesicht ist aufgedunsen. Sie fragt sich, ob er Drogen nimmt oder an einer Krankheit leidet.

Seit beinahe sieben Jahren ist Deborah Mitglied des People Temple und genießt sein Vertrauen. Lange hat sie sämtliche Zweifel verdrängt. Doch langsam wird ihr klar, dass harte Feldarbeit und Selbsttötungsübungen zum Alltag der Kommune gehören. Dass sie und auch ihre Mutter jederzeit hart bestraft werden können. Deborah beschließt also, Jonestown zu verlassen. Doch genau das ist das Problem. Für diejenigen, die gehen wollen, gibt es kein Entkommen.

Die Siedlung liegt zu abgelegen. Rundherum ist ja nur dichter südamerikanischer Dschungel. Und kein Telefon weit und breit. Deborah bleibt keine andere Wahl, als vorerst zu bleiben. Zwei Monate nach ihrem Entschluss, Jonestown zu verlassen, soll sie für Jim einen Auftrag in der 240 Kilometer entfernten Hauptstadt Georgetown erledigen. Dort hat der Peoples-Tempel sein städtisches Hauptquartier.

Eine Art Verbindungsbüro zur Weiterleitung von Vorräten, Briefen und Geld zwischen den USA, Georgetown und Jonestown. Das ist die Chance, auf die Deborah seit Wochen gewartet hat. In Georgetown angekommen, geht sie in die US-Botschaft. Sie hat Angst, als sie sich dem Konsul anvertraut. Zu oft hat sie Jims Lüge gehört, er hätte die Botschaft infiltriert. Doch sie bekommt Hilfe. Der Konsul stellt ihr einen neuen Pass aus.

Ira ist schließlich in Jonestown beschlagnahmt worden. Zwei Tage später ist sie auf dem Weg nach New York. Allein die Sorge um ihre kranke Mutter, die sie in Jonestown zurücklassen muss, trübt die Freude über ihre Flucht. Kurz nach ihrer Ankunft in den USA beschließt Deborah, sich an die Öffentlichkeit zu wenden und diese vor den Machenschaften von Jim zu warnen. Sie schickt eine eidesstattliche Erklärung an Politiker, Behörden und Medien.

Darin berichtet sie von den Züchtigungen, den bewaffneten Männern und dem Ritual der Weißen Nächte. Von einer lebensbedrohlichen Terrorherrschaft, wie der Spiegel schreibt. Das so richtig ernst nimmt niemand ihre Warnungen. Währenddessen kocht Jim vor Wut, als er von Deboras Flucht erfährt. Er überlegt ernsthaft, alle Bewohnern von Jonestown zu vergiften oder zu erschießen.

Er hat große Angst, dass Deboras Enthüllung die US-amerikanische Botschaft in Georgetown dazu bringt, das Camp zu durchsuchen. Und das könnte das Ende von Jonestown bedeuten. Erst Stefan, Jims mittlerweile 19 Jahre alter leiblicher Sohn, kann ihn schließlich von seinen Mordplänen abbringen. Vorerst. Drei Monate später wird der kalifornische Kongressabgeordnete Leo auf den Bericht von Deborah aufmerksam. Ein Mitglied seiner Familie ist ebenfalls einer anderen Sekte verfallen.

Und seit einiger Zeit häufen sich bei ihm Meldungen von Angehörigen, deren Partner, Geschwister oder Kinder sich dem People's Temple angeschlossen und jeglichen Kontakt zu ihren Familien abgebrochen haben. Und dann ist da noch eine Sache, die Leo keine Ruhe lässt. Ein junger Mann aus seinem Wahlkreis ist im November 1977 für einen Zug gestürzt und gestorben. Nur einen Tag, nachdem er die Volkstempler verlassen hat. Leo entschließt sich, den Vorwürfen gegen die Sekte auf den Grund zu gehen.

Es ist der 14. November 1978, als sich Leo zusammen mit seiner Assistentin Jackie und einem Team aus Fernsehreportern, Zeitungsjournalisten, Aussteigern und Angehörigen von Sektenmitgliedern auf den Weg nach Jonestown macht. Er hat ein Telegramm nach Guyana gesendet, um seinen Besuch anzukündigen. Einen Tag später landet Leo mit seinen Begleitern in Georgetown. Zwei Tage später fliegen sie mit einem gecharterten Flugzeug weiter nach Jonestown.

Es regnet, als die amerikanische Delegation gegen 18 Uhr das Lager erreicht. Als die Besucher das Camp betreten, sind sie erstmal beeindruckt. Sie entdecken die Hütten und die Felder, auf denen mitten im Dschungel Getreide, Reis und Bohnen angebaut werden. Sie bemerken eine kleine Krankenstation und einen Kinderbetreuungsbereich. Jim empfängt die Gruppe voller Widerwillen im Pavillon. Trotz der Dunkelheit trägt er sein Markenzeichen, die Sonnenbrille.

Schweiß rinnt ihm von der Stirn. Er wirkt erschöpft. Trotzdem erscheint der Empfang freundlich. In einem Artikel der Welt erinnert sich ein Reporter vom San Francisco Chronicle, wie ihnen Kaffee angeboten wird. Später gibt es ein Abendessen und anschließend spielt eine ausgezeichnete Rockband. Die Musik ist gut, mitreißend. Junge Männer und Frauen singen für die Delegation und die Jüngeren und Jünger klatschen im Takt.

Sogar eine Komikerin tritt auf. Es wirkt, als wäre Jonestown tatsächlich eine heile Welt. Bis zu diesem einen Moment. Bis ein Mann einem der TV-Reporter heimlich einen Zettel zusteckt. Darauf steht, bitte helfen Sie uns aus Jonestown herauszukommen. Darunter vier Unterschriften. Spätestens jetzt wird der Delegation aus den USA klar, hier stimmt etwas ganz und gar nicht. Am nächsten Morgen, dem 18. November 78, peitschen Sturm und Regen durchs Lager.

Jim lässt den Kongressabgeordneten Leo und die Journalisten durch die Siedlung führen. Wachleute begleiten sie dabei auf Schritt und Tritt. Doch eine der Hütten ist versperrt. Nach dem Einschreiten der Anwälte der US-amerikanischen Delegationen darf die Gruppe jedoch in das abgesperrte Haus rein. Nur wenige Augenblicke später ist ihnen klar, warum sie das Innere nicht hätten sehen sollen. Denn in der Baracke stehen 60 oder sogar mehr Betten, zwei- und dreistöckig übereinander.

30 ältere Frauen sitzen auf den Betten, andere Frauen huschen noch schnell zum Hinterausgang hinaus. Fast alle sind schwarze Frauen. Sie wirken bedrückt und verängstigt, so schildert es Leos Assistentin Jackie in der Doku. Und doch versichern sie nachdrücklich, sie seien so glücklich und würden hier im Paradies leben. Doch plötzlich sagt eine der Frauen mit fester Stimme, sie wolle mitkommen und Jonestown verlassen. Jim stürzt auf sie zu, sichtlich erregt, und flüstert ihr hastig etwas ins Ohr.

Die alte Frau starrt vor sich hin, ihre Hände im Schoß verkrampft, ohne zu antworten. Jim scheint zunehmend verzweifelt, ihm bricht der Schweiß aus. Doch in Anwesenheit des Politikers kann er nichts tun, außer Zähneknirschen zuzustimmen. Im Laufe des Tages melden sich immer mehr Menschen, die Jonestown im Schutz der Delegation verlassen wollen. Am Ende sind es insgesamt 20 Anhänger. Jim hat keine andere Wahl, er muss sie gehen lassen.

20 klingt jetzt nicht gerade nach einer hohen Zahl, verglichen mit den mehr als 900 Anhängern, die im Camp leben. Doch für ihn ist es der Verrat des Jahrhunderts, wie er später selbst sagt. Und es schürt seine paranoiden Ängste. Er befürchtet, die Aussteiger würden in den USA Lügen über sein Lager berichten. Ihm ist klar, dass er gerade die Kontrolle verliert und das kann er nicht zulassen.

Das ist auch einigen Mitgliedern seiner Sekte bewusst. Vernon sucht die Nähe zum Kongressabgeordneten im Pavillon und warnt ihn. Leo sei in großer Gefahr und müsse dringend aus Jonestown verschwinden. Leo aber winkt lächelnd ab. Vernon solle sich keine Sorgen machen. Er stehe unter dem Schutz des Kongresses. Vernon kann ihn nur noch ungläubig ansehen. Ihm wird klar, dass der Politiker keine Ahnung hat, zu was Jim fähig ist. Gegen 15 Uhr am Nachmittag trifft ein LKW im Lager ein.

Er soll die Gruppe zum Flugfeld nach Port Katschtuma bringen. Kurz vor der Abfahrt zieht ein Tempelmitglied plötzlich ein Messer heraus und ruft dem Kongressabgeordneten zu, du wirst sterben. Daraufhin sind entsetzte Schreie zu hören, ein Tumult bricht aus. Liu taumelt nach vorne, sein Hemd ist mit Blut beschmiert. Doch er kommt mit dem Schrecken davon. Denn andere Mitglieder der Sekte haben den Angreifer rechtzeitig von ihm weggezogen.

Das Blut auf dem Hemd stammt vom Attentäter selbst, der sich mit dem Messer in die Hand geschnitten hat. Unverletzt erklimmt Leo den Truck, um Jonestown zu verlassen. Im letzten Moment, kurz vor der Abfahrt, steigt Larry mit auf den LKW. Deboras Bruder. Auch er gibt an, er wolle aus Jonestown fort. Es könnte ein Family Happy End sein. Aber niemand ahnt, dass Jim ihm einen besonderen Auftrag erteilt hat.

Nach dem Start des Flugzeugs soll Larry den Piloten erschießen und damit die Maschine über dem Dschungel zum Absturz bringen. Mitsamt allen in Jims Augen Verrätern an Bord. Es ist 16.20 Uhr, als der LKW am Rollfeld ankommt. Zwei kleine Maschinen warten dort bereits. Auf Königin-Videoaufnahmen, die das FBI gesichert hat, sieht man, wie Menschen mit kleinen Koffern und Säcken über der Schulter in schnellen Schritten auf das Flugzeug zugehen. Eine gelb-grün-weiß gestreifte zweimotorige Twinotter.

Plötzlich taucht ein roter Traktor vom hinteren Ende der Piste auf. Mehrere Männer springen vom Traktor herunter und eröffnen mit Gewehren das Feuer auf die Gruppe wartender Menschen. Es sind Mitglieder des Peabirds-Tempel. Es scheint, als hätte Jim Larry doch nicht vertraut. Der Kongressabgeordnete Leo wird im Gesicht getroffen und ist sofort tot. Mit ihm sterben drei Journalisten und eine Aussteigerin. Weitere neun Menschen werden verletzt, teilweise schwer.

Nach vier bis fünf Minuten verschwinden die Angreifer wieder auf dem Traktor. Nur Larry, Deboros Bruder, bleibt zurück. Auch er hat gefeuert und dabei zwei Aussteiger der Sekte verwundet. Guyanische Soldaten stürmen aufs Rollfeld und nehmen ihn fest. Es ist gegen 17 Uhr, rund eine halbe Stunde nach dem Angriff auf dem Flugfeld, als in Jonestown die Sirenen ertönen. Die Menschen strömen in die Mitte des Camps, wachen durchkämmen das Lager und umzingeln den Pavillon.

Dort steht Jim. Er erzählt seinen Jüngerinnen und Jüngern, dass das Flugzeug mit Liu im Dschungel abstürzen wird. Und dann würden Fallschirmjäger kommen, die Kinder und ältere Menschen foltern und abschlachten. Das wisse er genau. Er ruft in die Menge, wenn wir nicht in Frieden leben können, dann lasst uns in Frieden sterben. Daraufhin bricht Applaus aus. Ein älteres Sektenmitglied wagt es, Jim zu widersprechen. Ihr Name ist Christine.

Christine fragt ihn, ob es denn keinen Ausweg gäbe. Ob es nicht wenigstens die Säuglinge verdient hätten, zu überleben. Jim weist all ihre Argumente zurück. Nach einem kurzen Wortgefecht wird Christine vom Protestgemurmel der anderen überstimmt. Sie setzt sich also wieder hin. Jim schwört seine Anhänger weiter ein. Er drängt zur Eile. Er verspricht ihnen, dass es ganz einfach sei. In großen Metallzubern bringen Helfer den tödlichen Cocktail.

Limonade vermischt mit Ciancali und Beruhigungsmitteln. Angerührt von Jims Frau Marcelin und dem Arzt des Camps. Jim befiehlt, dass die Kinder zuerst sterben sollen. Per Wegwerfspritze bekommen es Säuglinge und Kinder von ihren Eltern als erstes in den Rachen gespritzt. Marceline beteuert, dass wenn Babys und Kinder weinen, dann nur wegen des bitteren Geschmacks. Nicht, weil es Schmerzen verursacht.

Danach stellen sich die Erwachsenen in Reihen auf. Bewaffnete Aufpasser stehen bereit, jeden zu erschießen, der fliehen will. Während sich die Ersten in Krämpfen winden, treten Frauen wie Männer an das Mikrofon und danken Jim für sein Werk. Die letzte Weiße Nacht in Jonestown ist deswegen so gut dokumentiert, weil Jim sie, wie alle anderen Predigten zuvor auch, aufgenommen hat. Das sogenannte Death Tape gilt als eines der verstörendsten Beweisstücke des

20. Jahrhunderts und zeichnet den Massensuizid auf. Auf jenem Tonband hört man Babys und Kinder weinen und dazwischen immer wieder die Stimme von Jim, mahnend mit Klagelauten, die lauter werden. Nur wenigen gelingt es, sich zu verstecken oder ins Dickicht des Urwaldes zu fliehen. Aus seinem versteckt beobachtet ein Augenzeuge, wie das Gift nach qualvollen fünf Minuten wirkt. Erst tritt Schaum vor die Münder der Vergifteten, dann rollen sie mit den Augen

und sinken zu Boden. Einer nach dem anderen. Die Opfer sind zwischen 0 und 70 Jahren alt. Währenddessen redet Jim immer hysterischer auf seine Gemeinde ein. Er ruft, sterbt mit Achtung, sterbt mit Würde. Der Tod sei kein feiger Suizid, sondern ein revolutionärer Akt des Protests gegen eine inhumane Welt. Dann ist auf dem Death Tape, das die letzten Minuten des Massensterbens dokumentiert, nur noch Musik zu hören. Danach herrscht Stille.

Insgesamt 909 Menschen sterben an diesem Tag in Jonestown, darunter 276 Kinder und Jugendliche. Auch Jim selbst ist unter den Toten. Er stirbt im Alter von 47 Jahren. Allerdings trinkt er kein Gift. Er wird mit einer Schusswunde an der linken Schläfe gefunden. Bis heute ist nicht ganz klar, ob er sich von jemandem hat töten lassen oder sich selbst erschossen hat, auch wenn man von einem Suizid ausgeht. Der Schuss ist auf dem Todestape übrigens nicht zu hören.

Vielleicht war er zu feige, seinen Todescocktail selbst zu trinken. Denn anders als er es seinen Anhängern prophezeit hat, verursacht eine Zyanidvergiftung durchaus qualvolle Krämpfe. Der Tod kann also äußerst langwierig und schmerzhaft sein. Später kommt heraus, dass Jim vor Beginn der letzten Weißen Nacht in Jonestown einen Funkspruch in das Hauptquartier der Sekte sendet. Eine Villa in Georgetown.

Er befiehlt der Leiterin des Büros und allen Anwesenden, sich umzubringen. Die Zeit sei gekommen. Wie sein Adoptivsohn Jim Jr. in einem Fernsehinterview schildert, versuchen er und seine Brüder, die Behörden vor dem Massen Selbstmord zu warnen. Währenddessen geht die Leiterin des Büros mit ihren drei Kindern ins Badezimmer der Villa. Sie schneidet erst ihn und dann sich selbst die Kehle durch. Es sind die einzigen Volkstempler, die außerhalb von Jonestown sterben.

Als einen Tag später, am 19. November, guyanische Soldaten Jonestown erreichen, bietet sich ihnen ein Bild des Grauens, das viele bis heute nicht vergessen können. In die flirrende Dschungelhitze mischt sich ein beißender Geruch. Die Siedlung ist geflastert mit Leichen. Tote Kinder kuscheln sich an ihre Mütter. Menschen liegen starr Hand in Hand nebeneinander. Andere eng umschlungen. Das Bild ist in sämtlichen Zeitungsartikeln zum Fall abgedruckt.

Also, wenn ihr euch das auf eigene Gefahr ansehen möchtet, dann findet ihr es auch in den Shownotes verlinkt. Wegen der tropischen Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit hat die Verwesung bereits eingesetzt. Der Chefpathologe von Guyana stellt fest, dass mehrere der 39 Leichen, die er in Jonestown eingehend untersucht, kleine Einstichstellen im linken sowie im rechten Arm aufweisen. Einstichstellen, wie sie bei einer Injektion mit einer Spritze entstehen.

Für ihn deutet das darauf hin, dass diese Anhänger gezwungen wurden, das Gift zu nehmen. Gegenüber der Polizei gibt er an, solche Spuren an einer weitaus größeren Anzahl von Leichen gesehen zu haben, bei schätzungsweise mindestens 70 Personen. Er ist der Erste, der die Theorie aufstellt, dass es sich hier nicht um einen Massenselbstmord, sondern um Massenmord handelt.

Da die Beweise am Tatort aber nur unzureichend gesichert wurden, bleibt unklar, wer genau das Gift freiwillig getrunken hat und wer zum Suizid gezwungen wurde. Neben Jim werden weitere vier Mitglieder mit Schusswunden entdeckt. Scheinbar wollten sie fliehen. Umfassendere postmortale Untersuchungen werden erst am 15. Dezember 1978, also knapp einen Monat später, in den USA durchgeführt.

Dabei werden lediglich sieben Leichen obduziert, darunter die von Jim und auf Wunsch von Familien vier weitere Mitglieder. Da die Verwesung der Leichen jedoch bereits vor dem Abtransport stark fortgeschritten ist und sie bei der Ankunft in den USA chemisch einbeisamiert werden, können keine Toxine nachgewiesen werden. Auch kein Cyanid. Denn das wird nach dem Tod im Körper rasch abgebaut.

Und die bei der Einbeisamierung verwendeten Chemikalien reagieren mit Cyanid, indem sie es binden oder zerstören. Insgesamt 918 Menschen hat Jim auf dem Gewissen. 909 sterben in Jonestown, 5 auf dem Flugfeld und 4 im Badezimmer der Villa in Georgetown. Das Jonestown-Massaker beschreibt den größten Verlust an amerikanischen Zivilisten in der Geschichte. Bis zum 11. September 2001.

Deborah erfährt in den USA von dem Massensuizid. Sechs Monate zuvor hat sie die Öffentlichkeit noch gewarnt, dass solch eine Tragödie möglich sei. Und doch konnte sie es nicht verhindern. Sie wird von Schuldgefühlen geplagt und fühlt sich als Verräterin. Deborahs Bruder Larry wird als einziger der Verschwörung zum Mord an einem Kongressabgeordneten angeklagt. Die Angreifer vom Rollfeld haben sich gemeinsam mit den anderen Sektenmitgliedern vergiftet.

Larry wird 1987 in den USA zu lebenslanger Haft verurteilt. Er verbringt 15 Jahre im Gefängnis, bevor er 2002 auf Bewährung entlassen wird. Deborah ist heute 73 Jahre alt und lebt in ihrer Heimatstadt Berkeley bei San Francisco. Lange hat sie ihre Identität als ehemaliges Sektenmitglied verschleiert. Sie ist mittlerweile verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und ein Enkelkind. Die Tragödie von Jonestown wird in zahlreichen Büchern, Dokumentationen und Filmen verarbeitet.

Auch die Musikindustrie greift das Thema in Songs wie zum Beispiel in Cool Eight von Marilyn Manson auf. Die Redewendung Drinking the Cool Eight bedeutet im englischsprachigen Raum in etwa etwas unkritisch akzeptieren und wird als Metapher für blinde Loyalität, Gruppenzwang oder Manipulation verwendet. Im Rahmen einer umstrittenen Jonestown Memorial Tour können Touristen seit 2025 das ehemalige Dschungelcamp besichtigen.

Unter den Beweisstücken, die am Tatort in Jonestown gefunden werden, ist übrigens auch ein anonymer Brief, wie eine Doku zeigt. Ein Appell eines Sektenmitglieds an die Nachwelt. Zitat An denjenigen, der diesen Zettel findet. Sammle alle Tonbänder, alle Aufzeichnungen, die gesamte Geschichte. Die Geschichte dieser Bewegung muss immer wieder aufgearbeitet werden. Wir wollten kein solches Ende. Wir wollten Leben, Strahlen, Licht bringen in eine Welt, die sich nach ein wenig Liebe sehnt.

Also erstmal vielen Dank an Jesse. Du hast uns nämlich diesen Fall geschickt und hast ihn dir in der schwarzen Akte gewünscht. Ich habe zum ersten Mal im Podcast Food Crimes davon gehört tatsächlich und fand den Fall da schon völlig absurd und hatte auch Lust, diesen Fall hier bei uns in der schwarzen Akte zu erzählen. Also ich weiß nicht, wie es dir geht, Patrick, aber dieses Ausmaß des Falls ist einfach unfassbar, oder?

Ja, auf jeden Fall. Und was ich halt auch so ultra tragisch finde, ist, dass es ja eigentlich mit einer sehr, sehr guten Idee gestartet hat, nämlich mit der Gleichberechtigung zwischen allen Menschen, egal welcher Hautfarbe. Ja, die Frage ist, ob er das von Anfang an auch wirklich so ernst gemeint hat oder ob er versucht hat, sich da eine Mannschaft zu rekrutieren, die er unterdrücken kann, weil er hatte ja wirklich die Macht über alles, sogar über die Sexualität der Menschen.

Und wir haben ja auch gehört, dass es um Unterdrückung ging und Folter und so weiter. Deswegen weiß ich jetzt nicht, wie gut seine Absichten von Anfang an waren, wenn du plötzlich am Ende alle zu einem Massensuizid bewegst, weißt du? Also ich wäre mir da gar nicht so sicher, ob es ihm zu Beginn schon direkt um dieses Gute ging. Aber das, klar, wissen wir natürlich nicht. Da können wir jetzt nicht in den Kopf reingucken, ja.

Ich meine, er hätte es auch ganz ursprünglich ganz anders starten können mit deutlich mehr Hass direkt zum Start, aber das ist auf jeden Fall, was mir aufgefallen ist, dass es eigentlich eher mit dieser Liebe angefangen hat. Aber ja, wie du schon sagst, vielleicht hat er sich auch nur genau diesen Weg ausgewählt, also ausgesucht, weil er da halt bei den zu der Zeit Schwachen auf so viel Gehör getroffen ist.

Total und gerade das sieht man ja auch immer wieder in diesen Sekten-Dokus zum Beispiel, dass sich da die Anführer mit Absicht extra auf die Schwachen der Gesellschaft stürzen, auf die, die sowieso nichts haben, weil die eben so leicht zu beeinflussen sind. Weil ich finde, wenn man so diese Geschichte hört, dann ist so ja der erste Gedanke, wow, wie konnten so viele Leute dem folgen und sich letztendlich dann sogar freiwillig das Leben nehmen.

Und wenn du nichts hast im Leben und eben zu den Schwachen gehörst, kein Geld, keine Liebe, vielleicht eine Krankheit oder so, dann klammerst du dich ja an alles, was man dir gibt. Und wenn da dieser Jim kommt und dir die Hand reicht und sagt, hey, komm doch in meine People's Temple Religionsgemeinschaft, dann nimmst du das ja auch an und bist wahrscheinlich irgendwann so tief drin in diesem Sog, dass das sehr schwierig ist, rauszukommen.

Und Deborah hatte ja auch Probleme, aus diesem Dschungel irgendwie zu entkommen, was halt für sie gar nicht so einfach war. Also spätestens als alle dann in Jonestown waren, war es ja wirklich extrem schwierig für die Leute, da rauszukommen. Es kamen keine Infos rein. Sie haben ja nichts mitbekommen von dem, was in der Welt abging.

Und es war halt super schwierig, da fliehen zu können. Ja, und dann irgendwann fängt man ja auch an, die Lügen zu glauben, dass er das Konsulat irgendwie unterwandert hat, der hat die durchgängig arbeiten lassen, dass sie wirklich keine Sekunde Zeit haben, irgendwie nachzudenken, zu müde sind, um nachzudenken. Und was ich ursprünglich gesagt habe, was ich, wie gesagt, so super tragisch finde, ist, dass es eigentlich ja unter diesem Gleichberechtigungsaspekt mal angefangen hat.

Nehmen wir jetzt mal, wissen wir nicht, ob er wirklich mit diesen eigenen Gedanken gestartet hat oder ob er da schon hinter Gedanken hatte. Aber der Hauptteil der Opfer waren am Ende wirklich schwarze. Also rund 70 Prozent der Opfer am Ende waren. Waren schwarz. Und viele davon auch Frauen und Kinder. Das finde ich übrigens auch ultra krass, wie viele Kinder da gestorben sind. Also eine kleine Ergänzung zu der Story.

Es gab hier zum Thema schwarze Opfer noch eine Familie. Freddie Lewis ist da ein Hinterbliebener, dessen Frau mit den sieben Kindern einfach nach Jonestown abgehauen ist. Und Freddie musste die ganze Familie in Särgen dann halt wieder zurück zu Hause willkommen heißen. Das ist so krass. Und wenn man das hört, dass 70 Prozent der Opfer schwarze Menschen waren, dann finde ich, kann man schon stark daran zweifeln, wie gut seine Absichten da von Anfang an waren. Ja, gebe ich dir recht.

Ob er sich einfach auf die Menschen gestürzt hat, weil die eben auch Halt gebraucht haben oder sich eben die Gleichberechtigung gewünscht haben natürlich. Deswegen, ja, das ist einfach wirklich sehr, sehr traurig, was da alles passiert ist und was den Menschen angetan wurde.

Ja, ich finde auch, das ist, also wir haben, die Folge wird ziemlich lang werden, da bin ich mir sicher, aber trotzdem ist es auch so ein Fall, auch weil es so ein typisch psychologischer Fall ist wieder, wo man so viel diskutieren kann. Ich würde es einfach mal rausgeben an euch, außer du hast jetzt noch einen spezifischen Take, ich würde es einfach mal rausgeben an euch, was sind eure Gedanken zu dem Fall?

Schreibt uns das gerne entweder auf Spotify in die Kommentare oder der Social-Media-Plattform eurer Wahl, TikTok, Instagram, YouTube. Und ich würde sagen, haben wir zum Abschluss vielleicht noch was Positives für die Personalakte? Ja, ich kann es noch nicht so ganz direkt sagen, aber vielleicht wissen einige jetzt schon bei dem Hinweis, um was es sich handelt. Denn heute, an diesem Tag, wo diese Folge rauskommt, werde ich in Köln sein, zu Gast in einem anderen Podcast und eine Folge aufnehmen.

Zwinker, zwinker, vielleicht wissen einige jetzt schon, was das bedeutet. Darauf freue ich mich sehr. Und ansonsten, was steht bei dir an? Ich muss sagen, bei mir, ich habe gar keine Ahnung. Kleines Behind-the-Scenes. Wir nehmen die Folge hier gerade auch ein bisschen vorab auf, ein bisschen doll vorab auf. Also die Folge, die wir jetzt gerade hier aufnehmen, kommt, glaube ich, in drei Wochen oder so raus. Ja, ein bisschen Abstand ausnahmsweise. Ja, genau.

Wir haben vor ein paar Tagen erst die 312 aufgenommen. Und deswegen so weit in die Zukunft kann ich noch gar nicht planen. Ich müsste da aus meinem Urlaub zurück sein. Aber selbst da, weil es dieses Mal so last minute ist, weiß ich noch nicht mal, wohin es geht. Also ich freue mich auf jeden Fall nur, es war bestimmt ein super toller Urlaub, aber ansonsten wird die Woche einfach ganz normal sein. Da wird, glaube ich, nichts Besonderes sein die Woche.

Dann werdet ihr am heutigen Tage von Instagram wissen, wo Patrick im Urlaub war, weil er es sicherlich dann im Weekly Recap gezeigt hat. Das ist ziemlich witzig, dass du zum jetzigen Zeitpunkt nicht weißt, wohin es in den Urlaub geht. Aber wenn ihr das hört, dann war Patrick schon dort. Also ja, checkt gerne bei Instagram, wo Patrick denn letztendlich im Urlaub war. Und dann freuen wir uns, wenn ihr hier nächste Woche Dienstag wieder zuhört,

uns bis dahin gerne Vorschläge schreiben könnt und dann hören wir uns. Bis dann! Wir sind eure Hosts Anne Luckmann und Patrick Strobusch. Redaktion Stefanie Eisenlauer und wir. Schnitt Anne Luckmann. Produktion Nadine Lenfer-Unterweger und Lea Backes. Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios. Besonderer Dank geht an Falco Schulte.

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