Music. Praxisnah, der Podcast für Allgemeinmedizin mit Falk Stierkert. In dieser Folge mit dem Thema Stuhlinkontinenz. Ein häufiges und multifaktorielles Krankheitsbild, das bei Betroffenen Einschränkungen der Lebensqualität verursacht. Dazu spricht Falk Stierkert mit der Viszeralchirurgin und Proktologin Dr. Jessica Schneider. Dr. Schneider ist Partnerin der proktologischen Praxis Kiel und Belegärztin der Parkklinik Kiel. Frau Schneider, was ist denn eigentlich eine Inkontinenz?
Inkontinenz heißt eigentlich, dass man entweder Urin oder Stuhl nicht halten kann und den ungewollt verliert. Jetzt muss ich ehrlich sagen, ich habe in meiner Praxis ziemlich viele Patienten, aber das Thema Stuhlinkontinenz, über das wir ja heute sprechen möchten. Das hat bei mir keinen großen Stellenwert. Ich erinnere mich nicht, dass jemals ein Patient kam und gesagt hat, ich kann meinen Stuhl nicht halten. Ihr Artikel sagt aber, dass die Prävalenz sehr hoch ist. Wie ist das zu erklären?
Sind meine Patienten alle nicht inkontinent und es ist Zufall? Nee, das glaube ich nicht. Ich glaube, es liegt eben daran, dass es ein sehr schambehaftetes Thema ist und sich viele Patienten nicht trauen, das anzusprechen, auch nicht wissen, wer der richtige Ansprechpartner ist. Und viele Patienten auch einfach nicht wissen, dass man häufig die Situationsmiss verbessern kann, wenn natürlich auch das Ergebnis immer optimal ist. Aber man kann ja häufig doch eben was tun bei einer Inkontinenz.
Wie nähert man sich denn der ganzen Sache jetzt? Befragen Sie die Patienten ganz direkt zum Thema, gut sie arbeiten in der proktologischen Praxis, aber was schlagen Sie vor, dass man die Frage nach einer Kontinenz mit in die Anamnese einbaut? Also so direkt danach zu fragen, ist sicherlich manchmal mit der Tür ins Haus gefallen. Aber zum Beispiel ein Hinweis ist immer, wenn Patienten zum Beispiel, obwohl sie schon in Rente sind, Termine immer nur mittags wahrnehmen können.
Dann lohnt es sich zum Beispiel einmal zu fragen, warum können sie denn nicht morgens kommen? Dann kriegt man manchmal das Antwort, dass sie einfach vormittags sozusagen noch abwarten möchten, bis sie Stuhlgang hatten, weil sie einfach Angst haben, das Haus zu verlassen, bevor sie Stuhlgang hatten, weil dann keine Toilette in der Nähe ist. Eine andere Möglichkeit ist, manche Patienten sagen, sie haben Durchfälle und dann stellt sich heraus, eigentlich ist der Stuhlgang noch ein bisschen weicher.
Und so rüber kommt man auch dann daran, dass gar nicht die Stuhlkonsistenz an sich das Problem ist, sondern dass sie den Stuhlgang nicht halten können. Ich glaube, aus Ihrem Artikel herausgelesen zu haben, dass es ganz unterschiedliche Arten der Stuhlinkontinenz gibt. Da gibt es denjenigen, der das Gefühl hat, ein, zwei Stunden nach der Defekation nochmal nachzuschmieren. Und es gibt demjenigen, dem es, verzeihen Sie den Ausdruck, weich hinten rausläuft. Wie nähert man sich der Sache?
Ja gut, bei uns in der Sprechland ist es natürlich ein bisschen einfacher, weil viele Patienten ja schon mit der Fragestellung kommen. Und man möchte jetzt erstmal differenzieren, ob es wirklich eine richtige Stuhlinkontinenz ist oder eben eine Störung der Feinkontinenz. Das, was Sie ja beschrieben haben, dass es nach dem Stuhl etwas nachschmiert ist, hilft es zum einen mal zu fragen, wie viel Stuhlgang denn wirklich abgeht.
Und dann kann man ruhig fragen, ob das jetzt eine volle Portion in der Hose ist oder eher eine Bremsspur oder ob Sie einfach Schwierigkeiten haben, den After zu reinigen nach dem Stuhlgang. Dass man erstmal so einen Einblick bekommt, wie viel Stuhl verloren geht. Und was man auch immer gut fragen kann, ist, ob die Patienten den Stuhlgang verzögern können, wenn sie Stuhldrang haben.
Das heißt also, wenn sie einen Toilettendrang haben, ob sie dann sofort auf Toilette rennen müssen oder das, was sie in dem Moment tun, noch zu Ende machen können. Wo kommen wir da jetzt von der Einteilung her hin, wenn jetzt ein Patient sagt, er hat, wie Sie es auch schon gesagt haben, eine Bremsspur? Sind wir dann schon bei Stuhlinkontinenz? Wann fängt das denn an? So von meinem Verständnis wäre es schon eher so, wenn der Patient das praktisch nicht verzögern kann.
Wie ist das aus Ihrer fachlichen Sicht? Also wenn es nur die sogenannte Bremsspur ist, vor allen Dingen bei einem jüngeren Patienten oder der zum Beispiel nochmal nach zwei Stunden reinigen muss, dann würde man eher nicht von einer Inkontinenz sprechen, sondern ist das eine Störung der Feinkontinenz. Und wenn der Patient wirklich sagen kann, er kann den Stuhldrang nicht verzögern, hängt es davon ab, wie die Stuhlkonsistenz ist.
Es gibt so eine Einteilung in Grade, wobei man sagen muss, dass Stuhlkontinenzgrad 1 da schon die Schwierigkeit ist, Luft zu halten. Aber Grad 2 wäre dann, wenn man zum Beispiel Durchfall nicht halten kann und Grad 3 ist dann die schwerste Form, dann kann man auch festen oder geformten Stuhlgang nicht halten. Jetzt hatte ich vorhin schon gesagt, so aus meiner klinischen Praxis habe ich diese Erfahrungen gar nicht so häufig.
Nichtsdestotrotz muss ich ehrlicherweise sagen, wenn jetzt ein Patient tatsächlich mit dem Grad 2 oder 3, wie Sie es gerade beschrieben haben, zu mir käme, würde es mir doch sehr schwer fallen, selbst da etiologisch irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Im Grunde genommen würde man ja den Patienten relativ zügig zum Proktologen schicken. Aber helfen Sie uns doch mal, wo geht es von der Genese her hin?
Also häufig ist es tatsächlich multifaktoriell, weil die Patienten ja auch älter sind und schon viel in deren Leben passiert ist. Aber grundsätzlich kann man sagen, dass zum einen Durchfälle eine Ursache sein können. Da kommen natürlich alle Dinge in Betracht, die Durchfälle verursachen können. Also ein ganz normaler gastrointestinaler Infekt, chronisch entzündliche Darmerkrankungen. Wenn bei Patienten die Gallenblase entfernt wurde und die einfach ein Gallsäureverlustsyndrom haben.
Oder was es zum Beispiel auch geben kann, ist, dass die Patienten eigentlich eine Verstopfung haben und sich einen Stuhlpfropf im Enddarm sammelt, den die Patienten nicht rausbekommen. Und dann läuft quasi der nächste Stuhlgang als Durchfall daran vorbei. Dann haben die Patienten plötzlich eine Stuhlinkontinenz, was dann als Überlaufenkopresis bezeichnet wird. Wäre dann im Endeffekt so eine Art sekundäre Inkontinenz, wenn ich es richtig verstehe. Genau.
Andere Dinge können sein, dass einfach die Muskulatur entweder, ich nenne es mal schwach ist im Sinne einer Beckenbodeninsuffizienz oder auch geschädigt. Zum Beispiel eine vaginale Entbindung, wo es dann zum Darmriss oder Darmschnitt gekommen ist.
Unfälle mit einem komplexen Beckenbodentrauma, dann natürlich auch so Dinge wie sexueller Missbrauch oder homo- und orthodotische Handlungen, Folge von Operationen nach Absess- und Fistelspaltung oder anderen proktologischen Operationen oder auch zum Beispiel, wenn die Patienten einen Rektumprolaps haben, dann führt das auch sozusagen, dadurch, dass immer Druck auf dem Schließmuskel ist, zu einer Atrophie des Schließmuskels. Dann gibt es noch ZNS-Störungen.
Das kann zum Beispiel Demenz sein, Zustand nach Apoplex, dann angeborene Fehlbildungen, Hirntumor, Multiple Sklerose oder eben Sensibilitätsstörungen, auch durch den Rektum prolapsbedingt, dass die empfindliche Afterhaut verdeckt ist. Podendos-Schaden nach einer Geburt, eine Neuropathie beim Diabetes, das ist jetzt nur so ein buntes Potpourri.
Und was natürlich nicht zu vergessen ist, wenn am Rektum operiert wurde, wie zum Beispiel bei einem Rektumkarzinom, dann kann das auch zu einer Inkontinenz führen. Das wollte ich gerade fragen. Kann denn die Inkontinenz aus Ihrer Erfahrung auch primär Manifestation des Rektumkarzinoms sein? Also wenn es noch nicht entdeckt und behandelt ist? Ja, grundsätzlich schon, weil es kann ja stenosierend sein. Und dann geht ja häufig nur noch Durchfall durch und der kommt dann plötzlich.
Und dann kann das auch ein Symptom sein, dass die Patienten Durchfälle haben, gerne auch mit Schmerzen verbunden, weil Tumor irgendwann wehtut, mit einem Gefühl der unverständlichen Klärung und natürlich auch mit Schleim und Blut. Was mache ich denn jetzt mit dem Patienten in meiner Praxis? Wir versuchen ja in diesem Podcast immer so ein bisschen praxisnah zu sein. Deswegen heißt er ja auch so.
Und ich stelle mir jetzt vor, der Patient, ich sitze gerade tatsächlich noch in meiner Praxis an meinem Computer und nehme den Podcast auf. Ich sehe hier meine Stühle, wo die Patienten sitzen und stelle mir jetzt vor, der Patient kommt und sagt, also es ist schwierig für ihn, er kann den Stuhl nicht halten, insbesondere wenn er dann mal auf Toilette muss.
Dann geht das ganz schnell und dann verliert er auch Stuhl. und jetzt gehört ja zu einer Diagnose neben einer Anamnese, die ich gemacht habe, auch eine körperliche Untersuchung. Was war ich mit dem Patienten? Wie gehe ich vor? Es ist so ein bisschen der Drang, den Überweisungsblock zu zücken. Also es hängt ja so ein bisschen davon ab, was für einen Patienten oder eine Patientin man vor sich sitzen hat.
Es kann ja zum Beispiel eine junge Frau nach Entbindung sein, die wirklich eine ausgeprägte Stuhlinkontinenz hat oder es kann eine ältere Dame sein. Ich glaube, das muss man einmal ein bisschen differenzieren.
Grundsätzlich ist es so, wenn man sich das zutraut und das schon mal gemacht hat, kann man sich schon mal den After-Unschauern auch mal austasten, um einfach zum einen ein Gefühl dafür zu bekommen, wie der Schießmuskeltonus ist, und ob man vielleicht nicht auch einen Tumor tasten kann, ob es eng ist, eine Raumforderung da ist oder Ähnliches.
In dem Zusammenhang möchte ich auch gerne auf unseren Podcast über proktologische Erkrankungen hinweisen, wo wir dieses Thema ganz ausführlich besprochen haben. Hatten wir nämlich auch schon. Ja, genau. Und man muss sich halt überlegen, wenn man sich das gar nicht zutraut, dann lieber überweisen, weil es ähnlich ist, die Untersuchung nicht unangenehm. Und wenn man selbst jetzt sich nicht zutraust, daraus dann auch eine Schlussfolgerung
zum Ziehen. Ich glaube, dann kann man es auch sein lassen, ehrlicherweise. Also ist für uns Allgemeinmediziner schon der, Ja, ich habe gesagt, Griff zum Überweisungsblock oder der Klick auf das Überweisungssymbol. Das, was wir am Ende nach erfolgter Anamnese schon tun sollten, wenn da jetzt nicht die extreme Erfahrung damit besteht.
Ja, was man natürlich jetzt ohne weiteres machen kann, ist, dass man in der Stuhlregulation anspricht, wenn die Patienten zum Beispiel über weicheren Stuhlgang klagen, vor allem bei älteren Patienten, dass man eh das sicher, dass der Stuhl geformter ist. Aber das Wichtigste ist einfach, dass man die Patienten überhaupt erkennt.
Wir haben leider die Beobachtung, zumindest in unserer Praxis, dass es sieben, acht, neun, zehn Jahre dauert, bis die Patienten überhaupt den Weg in unsere Praxis finden und teilweise leider auch ärztliche Kollegen sagen, ja, kann man halt nichts machen, tut mir leid, ist halt so. Das ist schon komisch, wo das doch ein sehr unangenehmes Symptom ist. Ja, also wir wären schon dankbar, wenn die Patienten den Weg zu uns finden, weil man vielen wirklich gut helfen kann.
Also wenn ich das jetzt mal schon mal rausgehört habe, ist ja eine ihrer Take-Home-Messages an unsere Hörer, die ja hauptsächlich Allgemeinmediziner sind, das Thema nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn man kann was für den Patienten tun. Man muss es nur fachkundig und gescheit machen. Genau, es sind ja vor allem ältere Frauen, die ja auch eher etwas zurückhaltend sind.
Und da darf man dann auch gerne nochmal nachhaken, was nun eigentlich das Problem ist, wenn man das Gefühl hat, man kommt da irgendwie nicht auf den Punkt, warum die Patientin da ist oder zum Beispiel auch Patienten nach Operationen. Einfach erkennen, im Zweifel nochmal nachfragen und dann gerne weiterschicken. In der Zeitschrift Allgemeinmedizin Up to Date von Thieme findet ihr die Artikel zum Podcast mit der Möglichkeit, direkt Fortbildungspunkte zu sammeln.
Wie oft geht denn die Stuhlinkontinenz mit der Harninkontinenz Hand in Hand? Also Zahlen habe ich jetzt nicht parat. Es gibt es durchaus auch isoliert, dass die Patienten keinerlei Beschwerden mit einer Urinkontinenz haben. Es gibt natürlich auch Mischinkontinenzen, die sind dann teilweise schwierig zu behandeln, weil dann eben manchen Patienten rät, zur Stuhlglasur und mehr zu trinken. Sie natürlich das Trinken nicht mögen, weil sie Urin nicht so gut halten können.
Man muss natürlich auch sagen, dass die Patienten zu uns kommen, die Stuhlingkontinenz ja viel belastender finden als die Urininkontinenz. Urininkontinenz tolerieren manche Patienten, also leichter nenne ich das mal, weil die Stuhlingkontinenz einfach noch unangenehmer ist. Sie haben gesagt, viele Patienten oder einige Patienten hören von ihren Hausärzten, naja, kann man eh nichts machen. Und ich meine durchgehört zu haben, dass...
Ihre fachliche Meinung der eine andere ist, was kann man denn machen? Genau, also das Einfachste ist ja, was ich ja eben schon gesagt habe, eine Stuhregulation, weil Stuhlgang, der geformt oder fest ist, natürlich jetzt nicht zu fest, besser gehalten werden kann und auch nicht so nachschmiert. Das kann man zum Beispiel, das Einfachste sind Flohsamenschalen, das ist einfach nur ein Quellmittel, ein Glas Wasser in Röhren und Trinken. Wenn das nicht ausreicht, kann man Loperamid zum Beispiel geben.
Das sollte man jetzt natürlich nicht bei Patienten machen, die Zimmer am Deck Durchfall haben, der noch nicht abgeklärt ist. Das ist so das Einfachste. Dann bietet es sich immer an, einmal Beckenbodengymnastik zu verschreiben. Weil das, da können die Patienten auch selbst was tun, das tut ihr noch meistens gut. Das müssen sie dann täglich zu Hause fortführen.
Damit ist eigentlich schon mal viel getan in der Regel. Okay, und wenn die Dinge nicht funktionieren, dann kommen ja Sie und Ihre Kollegen ins Spiel. Was haben Sie denn so für Tricks in der Trickkiste? Ich erinnere mich, ich frage das so dezidiert, weil ich meine Ausbildung in Erlangen in der Chirurgie begonnen hatte. Und da war der, ich weiß nicht, der Herr Professor Matzel, ob der Ihnen was sagt, das war da unser Rektum-Spezialist.
Und der hat nämlich immer diese Schrittmacher eingebaut, die ich nie so richtig verstanden habe. Vielleicht können Sie mir helfen und mich aufklären. Genau, also was man erstmal noch ergänzend zur Beckenboden-Gymnastik machen kann, wenn man das Gefühl hat, dass die Patienten ihren Beckenboden gar nicht so richtig ansteuern können, ist die sogenannte Biofeedback-Therapie.
Das checkt man quasi eine Sonde in den After und macht dann diese Beckenbodengymnistik und diese Sonde gibt eine Rückmeldung, wie gut man das macht. Das hilft einigen Patienten einfach, ihren Beckenboden anzusteuern, weil man das noch nie gemacht hat. Männer machen es ja eher noch weniger als Frauen und dann weiß man eigentlich gar nicht, wie das geht. Genau, das sind dann die mehr oder weniger fast alle konservativen Möglichkeiten.
Es gibt noch sowas wie Anal-Tampons, die werden meistens nicht so gut toleriert. Genau, und dann kommen wir schon eher zu den fortgeschrittenen Varianten. Warum werden die nicht so gut toleriert? Ich könnte mir vorstellen, dass das ganz hilfreich ist. Ja, also meistens sitzen sie einfach nicht gut und sind unangenehm im Tragen. Und häufig fallen sie auch einfach wieder raus.
Also wenn die Patienten das gut finden, dann funktioniert es gut, aber es sind, wenn überhaupt, 10 Prozent, die das gut tolerieren und denen es auch hilft tatsächlich. Dann kommen wir schon so ein bisschen in Richtung operative Möglichkeiten, dass man jetzt bei jüngeren Frauen, also jünger heißt bis biologisches Alter 50 Jahre, kann man nach einer Geburtsverletzung den Zwingter rekonstruieren, wenn das einen gewissen Defekt hat.
Wie wird das gemacht? Das ist eine richtige Operation, das muss man sich so vorstellen, ist in Vollnarkose und man entfernt die Haut und dann sieht man richtig die Stümpfe vom Schließmuskel und die präpariert man frei und dann vernäht man die überlappend. Und das funktioniert gut? Genau, also eine Kontinenzleistung für Luft ist nicht immer zu erreichen, aber in der Regel funktioniert das gut. Man muss nur sagen, dass es dann der Effekt mit der Zeit nachlässt.
Das heißt, irgendwann wird das Stuhlhaltevermögen dann wieder schlechter. Genau, dann kann man natürlich noch einen Rektumprolaps versorgen, falls einer vorhanden sein sollte. Und dann gibt es die sakrale Nervenmodulation, die Sie ja schon angesprochen haben. Das muss man sich so ein bisschen vorstellen wie ein Schrittmacher. Das ist eine Operation, die in zwei Schritten durchgeführt hat, in der Regel in Vollnarkose.
Und der erste Schritt führt zu einer Testphase. Da bekommen die Patienten dann über das Osacrum eine richtig eine Elektrode implantiert. Wird richtig reingestochen und zwar so, dass dann S2 oder S3 angesteuert werden können durch die Elektrode. Dann wird so ein externer Schrittmacher angeschlossen und die Patientinnen haben zwei Wochen eine Testphase. Man kann dann verschiedene Programme einstellen. Und wenn das gut funktioniert...
Wird die Elektrode dann an einen permanenten Schrittmacher angeschlossen, der richtig unter die Haut implantiert wird. Und dann ist das wie beim Herzschrittmacher. Man sieht von außen nichts und kann nur diesen Schrittmacher von außen tasten. Und dann haben die so eine Fernbedienung und die aufs Klo gehen, dann drücken sie auf den Knopf. Das erinnere ich mich dran. Nee, der läuft eigentlich immer. Okay. Der ist quasi immer eingeschaltet.
Die Patienten haben ein Handgerät zu Hause und können das, es gibt dann so drei voreingestellte Programme in der Regel. Falls irgendwas schlechter ist, können sie das in gewissen Grenzen verstellen und können ihn aber auch an- und ausstellen. Was ich mich immer gefragt habe, was ist denn da jetzt die zugrunde liegende Äthiologie? Weil da muss ja irgendwie der Nerv geschädigt sein. Was ist da los? Also so 100 Prozent ist es noch nicht verstanden.
Also es ist auf jeden Fall so, man darf sich jetzt nicht vorstellen, dass der Schließmuskel an sich dann besser funktioniert, dass sie einen besseren Tonus haben, dass sie besser kneifen können. Es ist eher so, dass die Sensibilität gesteigert wird, Und dass die Patienten einfach früher merken, dass sie aufzuletten müssen und nicht erst, wenn der Stuhl quasi schon am rausrutschen ist. Ah, dann hatte ich das damals schon falsch verstanden. Das ist interessant.
Genau, es kann tatsächlich sein, wenn Patienten das länger haben und das Gerät ausgeschaltet wird, dass dieser Effekt noch anhält über Monate. Was hat das denn für Erfolgsraten? Die sakrale Nervenstimulation. Ja. Also es hält natürlich so ein bisschen von der Patienten-Selektion ab. Das kommt ja nicht jeder in Frage. Aber ich würde jetzt neun von zehn Patienten profitieren davon. Das ist ja gut. Aber es kommt nicht, ich wollte gerade sagen, es kommt nicht jeder in Frage.
Das heißt, die Indikation wird streng gestellt. Können Sie uns da nochmal Einblick geben in die Kriterien? Der Klassiker oder der klassische Patient oder Patientin wäre jemand, der Stuhl schlecht halten kann, dann konservative Therapiemaßnahmen hat, womit es erstmal vielleicht besser wird. Und letztendlich ist es aber schon ein Kriterium, dass Patienten wirklich festen Stuhlgang nicht halten können. Also die ganz schlimm dran sind.
Genau, also es ist jetzt nicht, das bei jemandem zu machen, der Luft nicht halten kann, weil das wird es nicht verbessern. Ja, jetzt sind wir schon wieder fast am Ende unseres Gesprächs, was ich sehr interessant fand. Ich muss ja ehrlich zugeben, das ist so ein Thema, wo man sich, glaube ich, als Allgemeinarzt sicher auch ein bisschen drumherum drückt.
Genau deswegen wäre für mich ganz wichtig, so ein, zwei, drei Take-Home-Messages, die ganz wichtig wären aus Ihrer fachlichen Sicht für unsere Zuhörer, also hauptsächlich Allgemeinärzte. Was ist so das, wo Sie sagen, wenn ihr was aus dem Artikel, der übrigens sehr gut geschrieben und sehr interessant ist, in unserer allgemeinen Medizin Up-to-Date mitnehmt oder auch aus diesem Podcast, was wäre es dann? Also auf jeden Fall den Patienten, den Patienten im Zweifel offen ansprechen.
Man muss ja auch nicht direkt von einer Stuhlinkontinenz sprechen. Man kann ja sagen, verlieren Sie ungewollt den Stuhl oder sind Sie in Ihrem Tagesablauf eingeschränkt. Dann immer erstmal positiv gestimmt sein, wenn der Patient eben mit einer Studienkontinenz kommt, weil man es häufig einfach wirklich verbessern kann und tatsächlich niedrigschwellig zum Fachkollegen weiterschicken.
Wenn man Hemmungen hat, das selbst zu betreuen, das ist ja auch verständlich, aber einfach niedrigschwellig weiterschicken. Und das wäre dann grundsätzlich mal der Proktologe, nicht gleich Stuhlambulanz oder, ja. Nee, das ist dann erstmal grundsätzlich der Proktologe, genau. Okay, wunderbar. Ja, sehr interessantes Thema. Eine letzte Frage vielleicht noch, weil ich es einfach spannend finde. Es gibt ja diese Bristol-Stuhl-Skala.
Das haben Sie auch in Ihrem Artikel so Bildchen gemalt oder malen lassen. Sehr interessant. Wofür ist die gut? Wofür brauche ich die als Arzt? Ich habe es nicht so richtig verstanden. Ach so, okay. Also Patienten füllen bei uns einen Anamnesebogen aus und müssen ankreuzen, wie der Stuhlgang geformt ist. Viele kreuzen an normalen. Jetzt stelle ich die Frage, was ist normal? Wenn ich seit 20 Jahren Durchfall habe, ist Durchfall für mich normal?
Und wenn man das dann hinterfragt und fragt, was heißt denn für sie normal? Dann zucken viele mit den Schultern und wissen gar nicht, was sie sagen sollen. Und dann ist es manchmal ganz hilfreich, diese Bilder zu zeigen, weil die Patienten auch was zeigen können. Und dann hat man einen Anhaltspunkt dafür, ob der Stuhl jetzt wirklich normal geformt ist oder ob die Patienten eher Durchfall haben oder Verstopfung. Spannend. Und bei Patienten mit Sprachbeere ist es tatsächlich auch hilfreich.
Also wer die Bristol Stuhl-Skala sich angucken möchte, der muss ihren Artikel lesen. Sehr interessant in unserer aktuellen Allgemeinmedizin up to date. Frau Dr. Schneider, ich bedanke mich recht herzlich für das sehr informative und interessante Gespräch. Gerne. Und wünsche Ihnen alles Gute für die weitere Arbeit. Und ade. Ja, vielen Dank. Wiederschauen. Das war Praxisnah, der Podcast für Allgemeinmedizin mit Falk Stierkert.
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