Warum verteidigen Sie Schwerverbrecher, Anja Sturm? - podcast episode cover

Warum verteidigen Sie Schwerverbrecher, Anja Sturm?

Jul 31, 202533 min
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Summary

In dieser Folge erläutert die renommierte Strafverteidigerin Anja Sturm die essenzielle Bedeutung der Strafverteidigung in einem Rechtsstaat. Sie spricht über ihre vielseitigen Fälle, die enormen Eingriffsmöglichkeiten des Staates und die Notwendigkeit, Mandanten gegen Vorwürfe zu verteidigen, selbst wenn diese dem eigenen moralischen Verständnis widersprechen. Sturm betont die Wichtigkeit professioneller Distanz, die Gefahr reflexartiger Vorverurteilungen und warum jeder Mensch das Recht auf eine bestmögliche Verteidigung hat, um seine Würde im Prozess zu wahren.

Episode description

In ihrer Laufbahn als Strafverteidigerin hatte Anja Sturm mit allen möglichen Fällen zu tun: sexualisierter Gewalt, Wirtschaftskriminalität, Betäubungsmittelverfahren, Mord. Bekannt wurde sie vor allem als eine der Pflichtverteidigerinnen von Beate Zschäpe im NSU-Prozess. Im Podcast erzählt Anja Sturm, warum die Rolle der Strafverteidigerin in einem Rechtsstaat essenziell ist – gerade dann, wenn die Öffentlichkeit ihr Urteil bereits gefällt hat.

Gast: Anja Sturm, Fachanwältin für Strafrecht

Host: Jenny Rieger

Kontakt und Links:

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Berichte zum NSU-Prozess liest du auf nzz.ch

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Transcript

Einführung in die Strafverteidigung

NZZ Megaherz Schuld und Sühne Weil das aber so wichtig ist, dass ein Beschuldigter oder eine Angeklagte nicht zum Objekt eines Verfahrens degradiert werden soll, weil es mit der Würde des Menschen schlicht... unvereinbar wäre, kommt der Verteidigung eine solch große Bedeutung zu. Ist sie ein so hohes Gut? Ist sie ein Menschenrecht? Stellt euch doch mal folgende

Mehr oder weniger alltägliche Situationen vor. Ihr seid auf einer Dinnerparty. Euch gegenüber sitzt eine Person, die ihr noch nicht kanntet vorher. Und irgendwann kommt dann die unausweichliche Frage. Was machst du beruflich? Wie reagiert ihr?

Vielleicht redet ihr gerne über euren Job oder ihr rollt schon innerlich mit den Augen, weil ihr genau wisst, welche Reaktion gleich kommen wird. Oder vielleicht sagt ihr auch gar nicht erst die Wahrheit, weil ihr diese Reaktion einfach nicht mehr hören könnt. Aus Köln zugeschaltet ist heute Anja Sturm. Herzlich Willkommen.

Ja, guten Morgen. Hallo. Frau Sturm, wenn Sie mal auf einer Dinnerparty diese Frage gefragt werden, wie oft antworten Sie dann ehrlich? Immer. Dazu muss man vielleicht jetzt hier mal auflösen. Sie sind Strafverteidigerin. Genau, ich bin Strafverteidigerin und dann kommt eben die Reaktion zunächst mal, oh, dann muss ich ja aufpassen, was ich hier sage.

Und dann erkläre ich regelmäßig, dass ich eben Strafverteidigerin und nicht Staatsanwältin bin. Sprich, ich verfolge nicht Menschen wegen des Verdachts von Straftaten, sondern ich verteidige sie gegen. entsprechende Anschuldigungen oder Beschuldigungen. Anja Sturm ist Jahrgang 1970 und lebt in Köln. Im März 2025 hat sie zusammen mit Kollegen die Kanzlei Gabler-Lang-Legleder Sturm gegründet, die in München und in Hürth bei Köln angesiedelt ist. Anja Sturm ist Fachanwältin für Strafrecht.

Unter anderem war sie Verteidigerin in Untreue- und Betrugsverfahren im Zusammenhang mit Firmen wie Siemens, MAN und ThyssenKrupp. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Anja Sturm vor allem als eine der Pflichtverteidigerinnen von Beate Zschäpe. Zschäpe wurde nach einem sehr langen Prozess im Jahr 2018 als Mittäterin bei der Ermordung von zehn Menschen durch die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund oder kurz NSU zu lebenslanger Haft verurteilt.

Rolle der Verteidigung gegen Staatsmacht

Anja Sturms Rolle im NSU-Prozess soll nicht im Zentrum dieser Folge stehen, aber wir werden später noch darauf zu sprechen kommen. Vor allem wollen wir in dieser Folge darüber reden, was die Aufgabe einer Strafverteilgerin ist und warum sie in einem Rechtsstaat wichtig ist. Und damit herzlich willkommen zu NZZ Megaherz. Ich bin Jenny Rieger. Was wäre denn so ein typischer Fall oder vielleicht ein Fall, mit dem Sie...

häufig zu tun haben vom Tatbestand her? Einen typischen Fall gibt es so überhaupt nicht und gab es auch nicht. Also ich muss vielleicht sagen, ich habe früher sehr viele... eben Ermittlungsverfahren und auch Verfahren in der Hauptverhandlung verteidigt und bin jetzt zunehmend mehr im Bereich der Rechtsmittelinstanz, also in der Revision tätig, sodass

Es zu diesen Situationen gar nicht mehr kommt. Und früher, muss ich sagen, war das wirklich ein gemischtes Portfolio. Da ging es entweder... um den Vorwurf sexuellen Missbrauchs oder ich wurde zu Durchsuchungen in Unternehmen hinzugezogen, wenn es eben um Tatvorwürfe im Zusammenhang mit Wirtschaftskriminalität ging.

Betäubungsmittel, Strafrecht, also alles Mögliche. Sie vertreten also auch Straftäter, die Taten begangen haben, die wahrscheinlich auch ihrem moralischen Verständnis widersprechen. Entstehen dabei für Sie manchmal Konflikte oder Widersprüche? Also ich würde sagen, das ganze Leben sind doch ständige Konflikte, seien es Missverständnisse. Aber wenn Sie darauf anspielen, ob ich... unter Umständen wieder mich meiner eigenen Überzeugungen verhalte, dann...

Würde ich sagen, nein. Das hat eben etwas damit zu tun, wie ich meine Rolle im Rahmen eines Strafverfahrens definiere. Können Sie das ein bisschen erklären? Genau, ich stehe dem Mandanten, der Mandantin bei. die sich also...

das muss man einfach sagen, der geballten Staatsmacht ausgesetzt sieht, der sehr viele Möglichkeiten hat, in die Rechte eines Einzelnen einzugreifen. Wir als Gesellschaft erstmal haben uns ja einer... eine demokratische Ordnung gegeben, wie wir miteinander leben wollen und eben auch Verbote formuliert, sprich also Strafgesetze. Und das Gewaltmonopol eben dem Staat übergeben. Das heißt, nur der Staat ist dafür verantwortlich, eben Straftaten zu verfolgen und zu ahnden.

Im Bereich der Strafjustiz, also bei Strafverfahren. bin ich ein ganz kleines Rädchen, aber eben für den einzelnen betroffenen Bürger oder die Bürgerinnen ja sehr, sehr wichtig. Denn die sieht sich der geballten Staatsmacht ausgesetzt und ich stehe ihr bei.

Sie haben gesagt, der Staat hat Möglichkeiten, in die Freiheit von Bürgerinnen und Bürgern einzugreifen. Welche Möglichkeiten sind das denn? Also zum einen erstmal... in die absolute Freiheit, Bewegungsfreiheit, nämlich indem sie inhaftiert werden. Fingerabdrücke nehmen, DNA-Proben zu nehmen, Stimmproben, Überwachungsmaßnahmen, Observationen, Telefonüberwachungen, Hausdurchsuchungen, die Überwachung.

Zu Hause, also ganz im privaten Bereich. Es gibt verdeckte Ermittler, also das heißt Polizeibeamte, die als solche eben... nicht zu erkennen sind. Es gibt ganz viele Möglichkeiten, die der Staat hat, um zu ermitteln. Gut, und dann kommen Sie als Strafverteidigerin ins Spiel. Was ist denn genau Ihre Rolle? Meine Aufgabe als Verteidigerin ist es, hier Beistand zu leisten. Eine bestmögliche Verteidigung zu liefern, so hat es mal der Bundesgerichtshof formuliert. Das heißt, juristisch zu schauen.

Darf der Staat das, was er gerade machen möchte an Untersuchungsmethoden, Ermittlungsmethoden, sonstigem, wenn er das aus meiner Sicht nicht darf, nach meinem rechtlichen Verständnis, dann muss ich da eben... Anträge stellen, widersprechen oder eben einfach aktiv werden. Und ich sage mal, entweder geht es darum,

eine Verurteilung wegen des Vorrufs einer bestimmten Straftat zu verhindern oder überhaupt eine Verurteilung zu verhindern. Oder es geht darum, eine möglichst milde oder günstige Strafe für den Mandanten zu erreichen.

Strategien und Rechte der Verteidigung

Warum ist Ihre Rolle als Strafverteidigerin wichtig? Weil es eben darum geht, dass der Beschuldigte oder die Beschuldigte ihre Verteidigungsrechte wahrnehmen kann. gehört werden kann mit all ihren Belangen und auch mit dem, was unter Umständen juristisch Das kann ein Einzelner, eine Einzelne überhaupt nicht. Also auch ich als Verteidigerin, wenn ich Beschuldigte in einem Verfahren wäre, könnte mich nicht selber...

sinnvoll verteidigen. Also man sagt dann immer so ungefähr, der Verteidiger, der sich selbst verteidigt, hat einen Esel zum Mandanten. Weil mir einfach die Distanz fehlt. Und ich muss mit meiner Mandantin besprechen, ist was an den Vorwürfen dran oder eben überhaupt nicht. Also sagen Sie hier, ich war überhaupt nicht vor Ort oder sagen Sie, es war alles ganz anders.

Und dann muss man sich überlegen, okay, es war aber alles ganz anders. Wie bringen wir das zu Gehör? Jetzt kann man natürlich hingehen und einfach sagen, ja, dann sagen Sie doch einfach mal, wie es war. Das Problem ist, in dem Augenblick, wo Sie sich äußern, verlieren Sie die Deutungshoheit über das, was Sie gesagt haben.

Als Verteidigerin versuche ich eben zu erklären, dass es in jedem Falle erst einmal, also von wirklich ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, sinnvoll ist, von seinem Schweigerecht Gebrauch zu machen. dass eben der Gebrauch des Schweigerechts nicht beinhaltet so ein quasi stillschweigendes Schuldeingeständnis, was ja viele Menschen damit verbinden. So nach dem Motto, wenn ich nichts zu verbergen habe, dann muss ich doch nicht.

Jeder kennt das im Alltag, wie schnell kommt es zu Missverständnissen. Und deswegen muss man sich eben überlegen, okay, wie kann ich unter Umständen das, was mir mein Mandant berichtet. auf andere Weise vor Gericht zu Gehör bringen. Eben nicht durch eine Einlassung oder Erklärung, sondern unter Umständen durch Beweisanträge oder andere Stellungnahmen oder indem ich Zeugen bestimmte Fragen stelle. der Punkt, wo Verteidigung wichtig ist. Oder

Als Verteidigerin habe ich darauf zu achten, wenn Zeugen befragt werden in der Hauptverhandlung, dass die Fragen zulässig gestellt werden. Was heißt eine zulässige Frage? Dass sie auf Erkenntnisgewinn ausgerichtet ist. nicht suggestiv ist. Kann es nicht gewesen sein, dass? Unzulässige Frage. Es geht nicht darum, dass der Zeuge darüber spekuliert, was gewesen sein kann, sondern das, was er wahrgenommen hat.

Oder die Wortwahl an sich, da gibt es also zahlreiche Studien zu, zum Beispiel, wenn Sie jemanden fragen, wie schnell fuhr das Auto, als Sie sich berührten. Oder wie schnell war das Auto, als sie aneinander stießen? Oder wie schnell war das Auto, als sie ineinander krachten? Da merken Sie schon selber nur an der Wortwahl bei der Fragestellung, dass die Schätzung...

am Ende unterschiedlich ausfallen wird. Und so war das auch bei dieser Studie zum Beispiel. Und also Sie merken, es ist am Ende so eine Detailarbeit an den Stellen, auf die es ankommt. Das kann jemand, gerade jemand, der in Untersuchungshaft sitzt, nicht alleine. Weil das aber so wichtig ist und weil es darum geht, dass... ein Beschuldigter oder eine Angeklagte nicht zum Objekt eines Verfahrens dekadiert werden soll, weil es mit der Würde des Menschen schlicht unvereinbar wäre.

kommt der Verteidigung eine solch große Bedeutung zu. Ist sie ein so hohes Gut? Ist sie ein Menschenrecht?

Öffentliche Meinung und schwierige Fälle

Frau Sturm, Sie haben sich 2012 einer sehr großen Herausforderung als Strafverteidigerin gestellt, nämlich als eine der Pflichtverteidigerinnen von Beate Zschäpe im NSU-Prozess.

Und ich würde da an der Stelle gerne nochmal auf die Partyfrage zurückkommen, weil ja Opfer oder Angehörige der Opfer, vielleicht auch Beamte im Strafvollzugssystem, sicherlich die breite Öffentlichkeit, den Verteidigern von... gerade wenn das ein medial so gut aufbereiteter Fall ist, so eine Art Verantwortung vielleicht zuschreiben oder zumindest die Frage stellen, wie kann man eine Straftäterin von diesem Kaliber

Es ist tatsächlich immer dasselbe. Man muss einfach sagen, wer Täter ist, ergibt sich... Am Ende eines Prozesses oder eben nicht. Aber es ist eben erst das Ergebnis und nicht schon der Anfang. Das heißt, in dem Augenblick, wo ich ein Mandat übernehme, verteidige ich einen Menschen. der unter Umständen sehr schwerer Tatvorwürfe sich ausgesetzt sieht. Aber das ist es. Insofern habe ich selbstverständlich Verständnis für Betroffene, sprich für Angehörige.

Wenn sie das Gefühl haben oder vermittelt bekommen, das muss doch die Schuldige oder der Schuldige sein. Das ist immer die Frage, habe ich der Person selber als Betroffene seinerzeit gegenüberstanden und sage, ich weiß doch genau, das war derjenige oder diejenige. Oder wird mir jetzt eben diese Person als Schuldige, als mutmaßlich Schuldige heißt es dann ja immer erst mal präsentiert.

Dass jemand zur Verantwortung gezogen werden soll für das, was mir oder meinen Angehörigen widerfahren will, das verstehe ich. Und meine Aufgabe ist es eben trotzdem. Dafür zu sorgen, generell, wenn jemand eben einer Straftat beschuldigt wird, eine Gegenposition aufzumachen. Und dann ist immer noch die Frage, geht es um eine Strafmaßverteidigung, was jetzt bei dem Tatverwurf des Mordes der...

die ultimative Strafe, nämlich lebenslange, immer zur Folge hat. Da bleibt wenig Raum dafür, aber ansonsten ist das natürlich relevant. Aber deswegen noch einmal, ich... Ich verteidige erstmal einen Menschen, der sich bestimmten Vorwürfen ausgesetzt sieht. Das ist meine Aufgabe. Und ich muss sagen, ich glaube, es ist sehr wichtig, generell auch für das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit unserer Justiz und in den Rechtsstaat letztlich, dass das, was...

der Gesetzgeber sich so vorgesehen hat für den Strafprozess, in dem ich eben eine wichtige Rolle spiele, das hat seinen Sinn und seine Gründe. Und wir wollen nicht den kurzen und schnellen Prozess. Das kann niemand wollen. Deswegen werbe ich immer dafür, erstmal misstrauisch zu sein, egal was einem medial vermittelt wird. Das, was offensichtlich...

zu sein scheint oder gewesen zu sein scheint, ist vielfach vielschichtiger. Und es ist nicht immer so einfach und skeptisch zu bleiben und die Mühlen der Justiz malen zu lassen. Und das Ganze sachlich anzugehen. Also damit meine ich jetzt nicht Betroffene. Ich erwarte von keinem Betroffenen und keiner Angehörigen Sachlichkeit. Aber die würde vielfach Medien gut zu Gesicht stehen.

Und auch im Übrigen denke ich es, dass es unserer Gesellschaft gut täte, nicht immer gleich empörungsmäßig auf alles aufzuspringen und Menschen zu verurteilen. Es geht ja letztlich immer um Abgrenzung und um Ausgrenzung, sondern sich eben erstmal zu überlegen, naja, wer weiß, was am Ende dabei rauskommt.

Empathie und professionelle Distanz

Welche Rolle spielt denn Empathie mit dem Mandanten? Ist es wichtig für Sie, sich in die Personen reinversetzen zu können? Also ich finde Empathie grundsätzlich hilfreich, jetzt gar nicht mal nur in Bezug auf meinen Mandanten oder die Mandantin, sondern generell im Umgang mit, weiß was ich, Richterinnen, Richtern, Staatsanwältinnen oder Polizeibeamten. Unter Umständen zu verstehen, wie verhält sich jemand, was sagt jemand.

Zu viel Empathie im Sinne von zu viel Verständnis und eben auch für die Sorge oder die Angst vor einer zu harten oder falschen Verurteilung. ist eher hinderlich, denn dann werde ich unter Umständen auch besorgt und ängstlich und agiere nicht mehr so, wie es erforderlich wäre. Fachliche Distanz ist auch nötig.

Ja, und die würde ich sagen, entwickelt man auch. Ich weiß nicht, ob man das mit einem Arzt oder einer Ärztin vergleichen kann, die auch nicht jedes Mal, wenn sie eine Krebsdiagnose mitteilen muss, sich das zu Herzen nehmen kann, dann laugt man aus. Und vor allen Dingen hilft das nicht. Das hilft niemandem. Es geht ja darum, der Fels in der Brandung zu sein.

Und die Übersicht zu wahren, um zu sagen, so und wir sind jetzt gerade in einem tiefen Tal, vielleicht wird es auch noch tiefer, aber es gibt einen Weg. Und diesen Weg, entweder zu sagen, wir werden diesen Weg finden, ich sehe. im Augenblick noch nicht genau klar oder ich kann ihn schon aufzeigen. Aber das würde ich jetzt als einen empathischen Umgang bezeichnen. Aber Sachlichkeit.

Halte ich für ganz wichtig, einfach weil dann meine Wahrnehmung und mein Verstand am besten arbeiten. Ich stelle mir das schwierig für und ich habe gerade überlegt, warum mir das so schwierig vorkommt. Ich glaube, das liegt daran, in solchen Situationen, man kommt ja ganz schnell ins Ohr.

Wenn man hört, Person X hat dies und das getan und es muss jetzt kein Straftat sein, das kann irgendwie auch was sein wie, war irgendwie nicht nett zu einem Nachbarn oder hat sich in einer Beziehungssituation blöd verhalten, dass ich dann ganz schnell automatisch diese Besitzung... Bewertung.

Wahnsinnig schwierig, das nicht zu tun oder beziehungsweise man muss dann so im Nachhinein ein bisschen zurückrudern und sagen quasi, was sind denn vielleicht mildernde Umstände oder wie finde ich jetzt ein Verständnis für diese Person und was sie getan hat, um dann so dieses Urteil...

Teil, das ich mir in so einem Reflex schon gebildet habe, quasi irgendwie wieder neu einzuordnen. Ja, ich glaube, das, was Sie sagen, Dieses reflexhafte Urteilen ist sicherlich etwas, was auch unsere Gesellschaft prägt. Ich persönlich aber recht schwierig finde. Also ich wünsche mir immer auch im Umgang mit mir, dass Menschen eben nicht reflexhaft oder am besten auch eigentlich gar nicht gleich urteilen oder bewerten, sondern...

Es erstmal vielleicht zur Kenntnis nehmen, was auch immer sie wahrnehmen und neugierig bleiben. Nachfragen unter Umständen. Wie war das denn? Oder was waren denn jetzt hier die genauen Umstände? Oder kann das überhaupt so gewesen sein? Das hat vielleicht auch was damit zu tun mit...

welchem Menschenbild ich so grundsätzlich so durch die Welt gehe. Ja, erwarte ich permanent, dass jeder einfach nur... Böses im Schilde führt beziehungsweise halte es für möglich, dass jeder ständig irgendwie sich übel oder verachtenswert verhält oder rechne ich damit eigentlich nicht, sondern gehe ich schon davon aus, dass zunächst einmal jeder doch danach bestrebt ist, in seinem sozialen Gefüge zurechtzukommen und eben auch Gefühle von Glück, Zufriedenheit und sonstigen zu erleben.

Wie gesagt, Konflikte und Reibung entsteht überall. Letztlich ist ja das gesamte Leben ein permanentes Kompromisse finden. Sei es schon, wenn ich jetzt rede, müssen sie mir zuhören oder halt ins Wort fallen. Mein Vater hat früher im Urlaub immer gesagt, okay, im Urlaub kann jeder tun und lassen, was er will, solange er den anderen nicht stört. Das war so ein...

Wie ich finde, sehr schlauer Satz, der uns jetzt etwas abgebracht hat von der Frage eben, muss ich eigentlich alles bewerten und verurteilen? Und vor allen Dingen traue ich mir das zu. Im Sinne von, ich kann doch erst etwas wirklich bewerten, wenn ich... alle Facetten, alle Umstände irgendwie kenne. Also Sie schaffen das auch, diese reflexhafte Vorverurteilung oder Einschätzung von der Situation erstmal komplett auszublenden oder das passiert gar nicht?

Ich würde einfach sagen, das hat mich schon als Kind oder jedenfalls als Jugendliche eher ausgezeichnet. Ich weiß gar nicht, das hat jetzt auch nichts mit Misstrauen oder Skeptik zu tun, sondern einfach so einem... Naja, vielleicht war es ja auch anders. Also das merke ich regelmäßig, wenn ich im Radio, Fernsehen irgendwie höre, dies und jenes ist passiert und klar, der und der hat das und das gemacht, dass ich immer erst einmal denke.

Warten wir mal ab, was da am Ende bei rauskommt oder wie es denn letztlich war.

Kritik an Gesetzgeber und Medien

Insofern wünsche ich mir manchmal auch, gerade jetzt in den Zeiten, in denen ja einfach sehr viel passiert, schlimme Taten begangen werden. dass von Politikern, die sich ja gerne dann auch immer sofort äußern, nicht sofort eine Bewertung erfolgt. Ich finde, es ist nicht erforderlich, wenn irgendwo ein Mensch getötet wird, ermordet.

oder sonst wie irgendwie zu Tode kommt, nochmal zu bekunden, wie schlimm ich das finde, um deutlich zu machen, dass also ich bin auf der guten Seite. Ich finde das ganz schlimm. Das ist doch unser gesellschaftlicher Konsens, dass wir das alle eigentlich. ablehnen und dass es darum geht, Erstmal die Ermittlungsbehörden ihre Arbeit machen zu lassen, um dann zu prüfen, okay, handelt es sich jetzt hierbei um einen Einzelfall oder liegen hier strukturelle oder systemische?

Probleme vor, die die Begehung solcher Taten irgendwie begünstigen. Und es geht in eine ähnliche Richtung, wenn, sei es jetzt eben im Sexualstrafrecht, dass irgendetwas passiert und sich eben auch Menschen hinstellen oder sofort der Ruf wieder nach schärferen Strafen laut wird oder nach neuen Gesetzen. Wir haben sehr viele und aus meiner Sicht sehr gute.

fast allen Fällen auch wirklich genügende Gesetze. Und es geht am Ende dann um Ermittlungsarbeit und um die Anwendung und nicht um Gesetzestexte, in denen drinsteht, wer das und das macht. Der wird so und so bestraft. Kann man jetzt nicht darüber streiten, dann soll der Strafrahmen verschärft werden.

Aber auch das muss man sich dann wieder anschauen, welche Konsequenzen damit unter Umständen verbunden sind, wenn beispielsweise ein Straftatbestand, der vorher ein Vergehen dargestellt hat, zum Verbrechen wird, was zufolge hat, das Verfahren eben nicht mehr in Anführungszeichen. aus Opportunitätsgründen eingestellt werden können. Auf jeden Fall, ich will damit nur sagen, dass Aktivismus seitens des Gesetzgebers unsere Gesellschaft sicherlich nicht sicherer macht, sondern ...

Ein aufmerksamer Umgang miteinander, ganz sicher und letztlich ein Vertrauen in die Justiz, auch wenn mein Job natürlich darin besteht. gerade hier aufs äußerste Misstrauisch zu sein gegenüber dem, was Staatsanwalt oder Gerichte da machen. Haben Sie Vertrauen ins Justizsystem? Ja, absolut. Also selbstverständlich bin ich sehr häufig und...

sehr viel frustriert gewesen und auch jetzt im Revisionsrecht immer wieder bei bestimmten Entscheidungen nicht damit einverstanden. Aber im Großen und Ganzen, muss ich sagen, ist unser System hier schon ziemlich gut. Gab es jemals einen Moment, wo Sie daran gezweifelt haben? An dem System? Nicht. Aber man muss eben sagen, das System agiert nicht. Es sind jeweils immer individuelle Menschen, die in den einzelnen Institutionen oder also.

Sprich als Richterinnen und Richter in der Staatsanwaltschaft tätig sind oder beispielsweise auch Kollegen, Kolleginnen. Sagen wir so, das ist nicht immer erfreulich, wie das wahrscheinlich in allen Berufen irgendwie ist. Und dann habe ich manchmal mehr Lust.

Menschliche Vorurteile und Unschuldsvermutung

Und manchmal weniger. Ich frage mich ein bisschen, wie gut das System eigentlich verstanden wird. In der Öffentlichkeit. Oder vielleicht auch woher das kommt, dass man so schnell dann zu solchen pauschalisierenden Vorverurteilungen... obwohl man ja eigentlich weiß, dass das Urteil erst am Ende von einem Verfahren gesprochen wird. Da sind wir jetzt, ich sage mal, so ein bisschen das, was...

Ich eben auch insgesamt an der Sache so mich schon immer fasziniert und gereizt hat. Das ist eben einerseits die Struktur, also unser Rechtssystem, die Ordnung. Und andererseits haben wir eben die Menschen, die Psyche, das Verhalten. verhalten sich Menschen wie und Die Bildung von Vorurteilen ist nun mal etwas, was in unserer DNA ja angelegt ist. Da können wir noch so aufgeklärt sein, das kann ich gar nicht überwinden, weil eben in der Steinzeit, wenn ich nur irgendwas geahnt habe, musste ich...

mich frühzeitig entscheiden, ob ich jetzt davonrenne, wenn, weil da vorne das wahrscheinlich der Säbelzahntiger ist. Das heißt, ich werde Vorurteile, die kann man nicht einfach abschalten, aber ... Was ich wichtig finde, ist, man muss sich ihrer bewusst werden und wie sie funktionieren. Und deswegen finde ich dieses Stichwort...

Die Unschuldsvermutung, schweigerecht, wenn ich mich nicht äußere, bedeutet das kein Schuldeingeständnis, sondern es gilt qua Gesetzes, dass ich als unschuldig gelte. Und das ist... Nichts, was. Ich oder wahrscheinlich andere denken und empfinden, dann wäre es ja eigentlich gar nicht nötig, dass wir das eben als quasi verwirktes Grundrecht mit formulieren würden, sondern das ist die Struktur, die wir vorsehen müssen.

weil wir ansonsten im Prinzip permanent mit Vorurteilen umgehen. Oder weil wir, dieser Bias, der wirkt, wenn ich Sachen... nur ausschnittweise wahrnehme, mein Gehirn automatisch Dinge ergänzt. Also deswegen, ich mache das den Menschen überhaupt nicht zum Vorwurf, Vorurteile zu haben.

Ich merke immer wieder, wie ich selber über meine eigenen Vorurteile stolpere. Aber ich finde es wichtig, sich ihrer immer wieder bewusst zu werden. Und dann muss man eben sagen, da habe ich eben höhere Erwartungen an. Gerichte, Staatsanwaltschaften oder eben beispielsweise eben auch an die Medien und Journalisten, Journalistinnen als jetzt einfach meine Nachbarin oder mein Nachbar auf der Straße.

Und würde gleichwohl trotzdem in jedem Gespräch immer wieder auch versuchen, eine andere Sichtweise entweder zu verstehen oder mit aufs Tapet zu bringen. Gibt es irgendwie bestimmte Charaktereigenschaften, die man...

Anforderungen an eine Strafverteidigerin

braucht als Strafverteidigerin oder was für Typen sind jetzt Strafverteidigerinnen im Vergleich zu Richterinnen und Staatsanwältinnen? Kann man das sagen? Also ich... Ich würde es die Frage so beantworten. Ich habe als Schülerin mal ein Praktikum eben in einer Anwaltskanzlei gemacht und der Rechtsanwalt damals sagte zu mir, er würde es so sehen, wenn ich gerne gewinne.

Oder wenn ich im Wettkampf eher Aussätzen bin, dann sollte ich eher Rechtsanwältin werden. Und wenn ich so eher neutral sei, dann sicherlich eher Richterin. Wobei ich jetzt sagen muss, das ist gar nicht das. Also diese Frage oder die Beantwortung dieser Frage, was mich jetzt bei meiner Berufswahl irgendwann geleitet hätte, sondern ich muss sagen, ich finde es einfach...

Wichtig, jemanden, der schwach ist oder einer Übermacht sich ausgesetzt sieht. Sei es eine Einzelperson gegen mehrere oder eben Einzelpersonen gegenüber Staat oder wo auch immer. der Person beizustehen und zwar mit dem, was das Gesetz mir an die Hand gibt, mit juristischem Know-how und natürlich auch Empathie und Fantasie dafür.

was das Leben alles so für Facetten bietet. Also manchmal passieren doch einfach Dinge im Leben, wo man sagt, das kann man sich in keinem Film vorstellen, das kann sich keiner ausdenken. Und so ist doch eigentlich... Fast jeder Tag unseres Lebens. Und insofern ist jedenfalls auch meine Tätigkeit sicherlich sehr, sehr abwechslungsreich, weil ich neben dem Juristischen, was einfach immer wieder sehr viele spannende und also normativen Fragen sind.

Der Psychologie oder dem Umgang mit dem Mandanten oder den Menschen habe ich halt gleichzeitig auch noch mit ganz vielen unterschiedlichen Fachgebieten zu tun. Das Gericht bedient sich der Sachverständigen.

es den Sachverständigen selber nicht hat, also Brandsachverständige, Schriftsachverständige, psychiatrische Sachverständige, so und um aber mit diesen Sachverständigen in der Hauptverhandlung umgehen zu können, muss ich mir auch jeweils im Prinzip diesen Sachverstand aneignen, schon um prüfen zu können, ob das, was die da jetzt eigentlich alle machen, ob das Hand und Fuß hat zumindest.

Das heißt, dann beschäftige ich mich auf einmal mit, wie entstehen Brände, wann explodieren Dinge, woran kann man das wie festmachen, dass ein Brand dort auf diese Art und Weise gelegt worden ist. Wenn es beispielsweise eine Glaubhaftigkeitsbegutachtung, wie funktioniert das, wenn eben dort Psychologen tätig sind, worauf wird geachtet, wie hat sowas abzulaufen. Das sind unglaublich viele Facetten.

die das Berufsleben sehr spannend machen. Auch die intellektuelle Herausforderung quasi. Absolut. Aber würden Sie sagen, sind Sie ein Typ, der gerne gewinnt oder gerne streitet? Ja, ich gewinne gerne. Ich würde behaupten, als Strafverteidigerin... bin ich es gewohnt, sehr oft nicht zu gewinnen. Wobei immer die Frage ist, wie definiere ich einen Gewinn? Wenn ich jetzt einen Beschluss des Bundesgerichtshofs bekomme, der in irgendeiner rechtlichen Sache... geschrieben habe, sagte, habe ich recht.

Dann finde ich das toll. Und wenn dann steht, beruht hier aber nichts drauf oder die Strafe wäre trotzdem so gewesen, dann finde ich es immer noch toll, dass meine Rechtsauffassung verfangen hat für den Mandanten. Die Mandantin ändert es nichts. mal ein bisschen die Frage der eigenen Erwartungshalt und eine Definition. Aber also auf jeden Fall habe ich, glaube ich, eine sehr hohe Frustrationstoleranz.

Und bin ich streitbar? Ich glaube, ja. Also ich diskutiere gerne. Ich möchte gerne Dinge verstehen und unterschiedliche Facetten sehen. Und so Harmoniebedürfnis ist groß. Ist groß, ja. Ist sicherlich groß, aber mit einem Harmoniebedürfnis sollte ich nicht in den Gerichtssaal gehen.

Warum gute Verteidigung zählt

Okay, ja, das bleibt dann einfach vor der Tür. Das gehört nach Hause. Ja, okay. Also wenn Sie jetzt mal so als eine Art kurzes Schlussplädoyer mal zusammenfassen würden, warum hat jeder eine gute Strafverteidigung verdient? Weil ich einfach finde, dass jeder Mensch grundsätzlich Anspruch darauf hat, in seiner Person wahrgenommen und gehört zu werden.

Und mit all seinen Belangen berücksichtigt zu werden und dazu gehört, im Zweifelsfall für nichts verurteilt zu werden, was er oder sie nicht begangen hat, für nichts verurteilt zu werden, was er oder sie so nicht begangen hat. Oder eben so zu verurteilt zu werden, dass er oder sie sagen kann, damit kann ich jetzt umgehen.

Im besten Fall am Ende einer Strafe auch wieder einfach Teil und gleichwertiges Mitglied unserer Gesellschaft zu sein. Das ist doch ein sehr schönes Schlusswort. Anja Sturm, vielen, vielen Dank für das Gespräch. Ich danke Ihnen. Das war's für heute mit NZZ Megaherz. Ich bin Jenny Rieger und ich bedanke mich herzlich, dass ihr zugehört habt. Ich hoffe, ihr seid auch nächste Woche wieder dabei. Dann hört ihr an dieser Stelle wieder meine wunderbare Kollegin, die Alice Grosjean.

Und falls ihr NZZ Megaherz auch mal live auf der Bühne erleben wollt, dann könntet ihr das tun und zwar im November. Dann ist die Journalistin und Autorin Ronja von Rönne Im Zürcher Volkshaus zu Besuch moderiert wird das Ganze von Sven Preger und der Ticketverkauf ist gerade angelaufen. Links zur Veranstaltung findet ihr in den Shownotes. Bis zum nächsten Mal, macht's gut und eine schöne Woche. Tschüss!

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