¶ Alex' Weg aus der Sucht
NZZ Megaherz Schuld und Sühne Die Drogen machen, dass du dich besser fühlst. Aber dass du an Drogen kommst, machst du Sachen, in denen du Menschen schadest. Und wenn du wieder aus dem Drogenrausch aufwechst... dann realisierst du das und dann musst du eigentlich noch mehr Drogen nehmen, um diese Schuld nicht zu spüren, oder? Alex war über 20 Jahre lang drogenabhängig. Um an Drogen zu kommen, hat er damals auch seine liebsten Mitmenschen geschädigt.
Er hat sie belogen, beklaut und immer wieder ihr Vertrauen missbraucht. Aber das war früher. Heute ist Alex 58 Jahre alt und hat seinen Weg gefunden. Ein Umgang mit der Sucht. Und vor allem mit der Schuld. Darüber möchte ich heute mit dir sprechen, Alex. Ganz herzlich willkommen hier bei uns im Megaherzstudio. Danke, sehr schön hier zu sein. Danke vielmals. Und danke auch für die Einladung.
Alex, du warst viele Jahre lang abhängig von harten Drogen und hast dich dann aber der Selbsthilfegruppe Narcotics Anonymous angeschlossen. Das kann man übersetzen mit die anonymen Drogensüchtigen. Wie lange bist du jetzt schon clean? Also völlig abstinent lebe ich jetzt seit etwas mehr als 23 Jahren. Ich habe sogar ein Clean-Datum, das ist der 17. März 2002.
Gab es seitdem mal irgendwo so einen Moment, wo du knapp davor warst, irgendwie wieder rückfällig zu werden? Nein, also ich muss so sagen, im ersten...
¶ Erste Jahre der Abstinenz
Im ersten Jahr war der Drang immer wieder Drogen zu nehmen immer wieder sehr gross. Und dabei hat mir eigentlich diese Selbsthilfegruppe oder diese Meetings, die ich da besucht habe, sehr geholfen. Und zwar einfach, indem ich es ausgesprochen habe. Was hast du genau ausgesprochen zu dieser Zeit? Dass ich halt, wir nennen das das Reissen oder eben den Suchtdruck, oder? Dass ich einfach etwas in mir hatte, wie eine Stimme, die sagt, hey, geh Drogen nehmen. Aus bestimmten Gründen.
mich Situationen getriggert haben. Zum Beispiel, was für eine Situation? Könnte das sein? Wir sagen da zum Beispiel alte Spielplätze und alte Spielkameraden. Das sind dann halt wirklich Leute, mit denen ich Drogen genommen habe oder Orte, wo ich Drogen genommen habe. Und die gibt es in der Stadt Zürich ziemlich viele. So ein Beispiel, als ich dann wirklich clean geworden bin, ich habe im Kanton Aargau gewohnt nach Therapie.
Ich bin nach Zürich in diese Meetings, weil in Marga hat es da noch keine gehabt. Und ich bin meinem Dealer begegnet, am HB. Und das hat starken Suchtdruck ausgelöst. Hast du mit ihm gesprochen oder hast du ihn nur so von Weitem? Er hat mir noch zugewinkt oder zugezwinkert. Das Gedankenkarussell ging dann schon los. Was hast du dann konkret gemacht, um nicht rückfällig zu werden in dieser Situation?
Ja, eben. Es findet dann oft so ein innerer Kampf statt. Und wir sagen halt, wenn das gross wird in einem, irgendwann siegt die Sucht. Also dieses Geverlangen. Die Möglichkeit, die z.B. nach Cardix Anonymous anbietet, ist, geh in ein Meeting, sprich darüber, teil dich mit oder ruf jemanden vor, bevor du Drogen nehmen möchtest, an. Oder mach mit dir selber ab. Nur für heute nehme ich nichts. Das ist so ein grosses Motto, das wir haben. Nur für heute nicht. Also so ein Tag.
nach dem anderen angehen. Genau. Und das hat dann in der Situation da funktioniert? Ich bin da auf dem Weg ins Meeting gewesen und ich konnte es dann im Meeting aussprechen. Und das ist so eine... Eine sehr tiefe Erfahrung dann oder wurde immer, das musste ich wie üben, aber die Erfahrung war dann, hey, ja, das nützt. Und es war wie von mir genommen irgendwie. Also dieser Drang, wieder Drogen zu nehmen.
¶ Das Zwölf-Schritte-Programm von NA
ist dann wie von mir genommen worden. Die Narcotics Anonymous sind eine der größten Selbsthilfeorganisationen weltweit. Allein in Zürich gibt es jeden Tag mehrere Treffen, bei denen sich die Menschen in kleinen Gruppen zusammenfinden, sich austauschen und einander zuhören. Um clean zu werden, gibt es bei den Narcotics Anonymous einfache Richtlinien, die man im Alltag anwenden soll. Und daraus ergibt sich dann das sogenannte Zwölf-Schritte-Programm.
Dieses Programm hat spirituelle Züge, es ist aber offen für Menschen aller Glaubensrichtungen oder Religionen. Die Mitglieder der Narcotics Anonymous treten gegen Außen anonym auf. Und deswegen heißt Alex hier in unserem Gespräch auch einfach Alex. Wenn wir...
¶ Alex' tiefster Punkt der Sucht
So die Jahre, das Rad der Zeit jetzt noch ein bisschen mehr zurückdrehen. Wenn du zurückdenkst, so ein bisschen an den tiefsten Punkt deiner Suchtjahre. Was warst du da für ein Mensch? Also Sucht aus meiner Sicht, das ist wie eine Veranlagung, die ich von frühester Jugend eigentlich gehabt habe, bevor ich überhaupt Drogen genommen habe. Das ist wie eine Form für mich auch von Flucht.
Also von meinen Gefühlen. Ich würde sagen, ich war eben ein ziemlich unsicherer, zielloser junger Mann. Viele Ängste eigentlich und das habe ich kaschiert, indem ich... verschieden, wenn es Tee Drogen genommen habe, wie Alkohol am Anfang, Kiffen war da, dann wurden die Drogen immer mehr und es hat mir einfach ein gutes Gefühl gegeben. Es hat wie die Realität schöner gemacht eigentlich. Und irgendwann war mein Leben eigentlich nur noch von Drogen beherrscht.
Kannst du, ich weiß nicht, so ein typischer Tag in dieser Phase von deinem Leben, kannst du mir mal so einen typischen Tag beschreiben? Ich bin nie ganz obdachlos gewesen, aber zu meiner schlimmsten Zeit habe ich mit einem anderen Junkie zusammen gewohnt. Das war ein Abbruchhaus, eigentlich so eine Wohnung, Abstiege, wirklich schrecklich aussehend. Und ja, morgen mal aufstehen und wenn man noch Drogen gehabt hat, zuerst mal einen Schuss setzen.
Und dann hat man einigermassen funktioniert und ist dann auf die Suche nach Mitteln, wie man jetzt zu Geld kommt. Oder zu Drogen, also gerade direkt. Oder man hat irgendwen besucht, den man gekannt hat, der Drogen gehabt hat. Also mein ganzes Leben war eigentlich von diesem. von diesem Drang beherrscht. Mit welchen Menschen hattest du damals so Kontakt? Was hattest du für Leute um dich herum? Das wurden immer weniger eigentlich Leute, die... Also ich habe zum Teil...
Zuerst habe ich noch mit Leuten gewohnt, die ich gekannt habe. Ich habe zum Beispiel eine Wohngemeinschaft mit einer Bekannten von mir. Da habe ich sogar noch ein bisschen gearbeitet. Dann habe ich immer schneller meine Jobs verloren, weil ich unzuverlässig war, weil ich nicht mehr aufgetaucht bin. Und ich konnte dann irgendwann auch die Miete nicht mehr bezahlen. Und eigentlich am Schluss...
War es so, also das sagt man auch, also die Sucht hat mich so isoliert, auch weil ich meine Drogen mit niemandem teilen mehr wollte. Also ich wollte raus, habe meine Drogen gekauft. Ich bin nach Hause, habe das konsumiert. Und in dem Sinn, Freunde. waren nur da, um diesen Zweck zu erfüllen. Also entweder Fahrgemeinschaften zum Dealer fahren oder irgendwie Geld zusammenzulegen. Wann hast du dann das erste Mal selber so gemerkt, dass du ...
¶ Schuld und der Schaden an anderen
auch anderen Menschen schadest mit deinem Verhalten? Ich würde sagen, das habe ich eigentlich ziemlich früh. Ich meine, ich habe schon mit 15 angefangen, zu Hause zu klauen. Also ich hatte ein Wirtshaus zu Hause. Ich habe immer wieder meiner Mutter ins Portemonnaie gelangt. Also im Restaurant von deinen Eltern hast du aus dem Portemonnaie geklaut?
Ich habe eigentlich immer in meinem Elternhaus geklaut. Wenn ich was wollte, und das ist auch so ein Ausdruck von Sucht, wenn ich was wollte, dann unbedingt, dann habe ich es mir genommen mit... Gott sei Dank nie mit... Gewalt, also ich war nie sehr gewalttätig gegen aussen, höchstens gegen mich. Aber wenn ich was wollte, dann...
Da habe ich ziemlich viel Hebel in Bewegung gesetzt, um das zu kriegen, was ich wollte. In solchen Momenten hast du dich da auch schuldig gefühlt? Ja, auf jeden Fall. Schuld ist ein Riesenthema, oder? Die Drogen machen, dass du dich besser fühlst. Aber dass du an Drogen kommst, machst du Sachen, in denen du Menschen schadest. Und wenn du wieder aus dem Drogenrausch aufwechst...
Dann realisierst du das. Dann realisierst du das und dann musst du eigentlich noch mehr Drogen nehmen, um diese Schuld nicht zu spüren. Also irgendwie ist dieser Teufelskreis und dieses ... ja, dieser Teufelskreis der Drogensucht macht dann, dass ich immer mehr nehme, oder? Wie ging es, konkret jetzt deinen Eltern, wie ging es ihnen damit, dass du sie beklaut hast und dass du so abgerutscht bist?
Also ich meine, mein Vater ist jemand, der hat es, ich denke, auch ein bisschen ausgeblendet, aber meine Mutter hat das immer sehr mitgekriegt. Mit 24 bin ich so wirklich, da war so auch noch offene Drogenszene offen. Also offene Drogenszene in Zürich wirklich. Genau. Da habe ich immer noch gearbeitet. Also ich habe immer noch in Kloten gearbeitet und bei einer Metallbaufirma haben wir nach der Arbeit noch mein Zeugs beschafft, bin wieder weg.
Ich bin wieder arbeiten gegangen. Ich habe immer noch funktioniert. Aber mit der Zeit bin ich immer, wenn es mir schlechter ging, eigentlich auch nach Hause. Ich habe natürlich auch versucht... davon wegzukommen. Also ab, ich würde sagen, die letzten zehn Jahre meiner Drogensucht, von ab 24, 25, habe ich mit verschiedenen Sachen probiert, von den Drogen wegzukommen. Und eine davon war...
Zum Beispiel, ich habe Cold Turkey in meinem Elternhaus gemacht, bei meiner Mutter. Hat sie das mitgekriegt? Zum Teil schon. Sie hat immer einen grossen Unterschied zwischen den harten Sachen und dem Alkohol gemacht. Und ich habe mir eigentlich zu der Zeit...
Ich bin von einer Droge in die andere. Also ich habe dann wieder mit Alkohol viel getrunken, statt Heroin zu nehmen oder so. Also am Anfang hat sie das noch besser gefunden und irgendwann hat sie gemerkt, dass das genau das Gleiche ist. Alles dasselbe. Alles dasselbe, genau. Also dass es mich wirklich an einen Ort bringt, wo ich völlig im Ehlen bin. Aber würdest du schon sagen, dass du eigentlich von Anfang an ...
dass dir bewusst war, welchen Schaden du damit anrichtest, auch bei anderen Menschen und was es für diese Menschen bedeutet? Also war dir das auch da schon bewusst und du hast es einfach verdrängt oder kam die Erkenntnis dazu erst ein bisschen später mit dem Abstand? Also sicher nicht im vollen Umfang. Ich habe natürlich im ...
Ja, ich mache es ja nur mit mir selber. Das war meine Entschuldigung dafür. Irgendwann bin ich eigentlich auch nicht mehr in meinem Elternhaus. Das sind auch meine Geschwister gewesen. Mehrere Schwestern, ein Bruder. Und aus Scham und Schuld bin ich nicht mehr da hingegangen, weil ich gemerkt habe, hey... Du schadest ihn.
Ich schade ihnen einfach auch emotional, nicht nur finanziell, emotional. Das ganze Vertrauen war hin. Also meine ältere Schwester hat zum Beispiel zwei Kinder da aufgezogen und die hat mir immer gesagt, hey. in diesem Haus konsumierst du nicht. Also harte Drogen. Ich habe das immer gebrochen. Irgendwann war das Vertrauen hin und irgendwann wollte ich da auch nicht mehr hin. Ich habe gemerkt ...
¶ Kurze Fragen zum Leben
Also es hat mir auch wehgetan. Alex, wir haben hier im Podcast bei Megaherz immer noch so eine Sektion mit ganz kurzen Fragen, wo du ganz spontan kurz antworten kannst, was dir in den Sinn kommt. Gut. Also, wann hat sich das letzte Mal jemand bei dir entschuldigt? Gestern. Was war das? Meine Partnerin. Sie entschuldigt sich oft. Was schätzen deine Freunde besonders an dir? Ich denke meine Zuverlässigkeit und meine Geduld. Was ist dein liebster Ort auf dieser Welt? Ein No-Meeting. Wirklich? Ja.
Ich fühle mich da sehr verbunden. Meditation in mir drin. Und äußerlich würde ich sagen, meine Partnerin hat ein sehr schönes Haus. Hast du eine Lieblingsweisheit? Ein grosses Gesetz für mich, das ich auch aus Meditation kenne, ist, das einzig Beständige ist die Unbeständigkeit. Und eine andere Weisheit, die ich auch sehr schön finde.
ist, wenn der Schmerz so zu bleiben, wie man ist, grösser ist als die Angst vor Veränderung, dann lassen wir los. Es ist auch so ein bisschen, dass man zuerst mal so ganz tief runter muss, bis der Schmerz gross genug ist.
¶ Wiedergutmachung mit den Eltern
Dass es dann den Wechsel gibt, oder? Genau. Bei den Narcotics Anonymous gibt es ja dieses 12-Schritte-Programm, um clean zu werden. Das hast du selber auch durchgemacht. Und sehr interessant ist dabei der Punkt 8 von diesen 12. Da steht nämlich, mache eine Liste aller Personen, denen du Schaden zugefügt hast. Du hast das auch gemacht. Wer stand da bei dir auf deiner Liste?
Also es gibt so wie, wir haben so einen sogenannten Schritteführer und da kannst du Institutionen, dir nahestehende Personen, Freunde natürlich, Arbeitgeber. Wer war ganz oben auf der Liste? Welche Person ist die als Erste? Meine Eltern. Deine Eltern. Kannst du konkret benennen, was du deinen Eltern angetan hast? Ja, es gibt so wie, das habe ich vorhin schon erwähnt, es gibt so wie diese Sektion, also ganz starken emotionalen Schmerz natürlich und auch diesen finanziellen Schaden.
Sie hat sich so viele Schuldgefühle gemacht. Ich habe sogar einmal in meiner Draufzeit ihr diese Schuld zugeschoben. als ich sie manipuliert habe, mir Geld zu geben. Sie habe mich falsch erzogen und sie sei schuld. Also sie ist schuld, dass du so geworden bist. Wie ich bin. Also das ist so dieser emotionale Missbrauch, sage ich jetzt mal.
Und eben dieser finanzielle, also ich habe den Überblick nicht, wie viel ich ihn gestohlen habe. Ich habe dann irgendwann finanziell ein Wiedergutmachen gemacht bei ihm. Ich habe dann einen grossen Betrag zurückgezahlt. Der nächste Schritt, also wenn man diese Liste angefertigt hat, alles aufgeschrieben hat, ist ja der nächste Punkt, das Wiedergutmachen.
bei diesen Menschen? Also ein Gedanke, den ich zu Wiedergutmachung habe. Meine Mutter ist gestorben, als ich neun Monate clean war. Also sie hat noch erlebt, wie ich clean wurde. Ich bin auch nicht einfach clean geworden. Es war ein Prozess von fünf Jahren. Ich habe vorher noch stationäre Suchttherapie gemacht. Dann habe ich... bin ich nach 18 Monaten Abstinenz wieder rückfällig geworden. Und dann habe ich, ich habe Anna schon vorher gekannt, bin aber nicht hingegangen.
Und dann habe ich angefangen, da hinzugehen. Und als ich dann wirklich clean wurde, ging es neun Monate und dann ist meine Mama gestorben. Ich meine, ich konnte mit ihr, ich war da noch nicht so weit in den Schritten und ich konnte mit ihr eigentlich dann nicht wie einen bewussten Wiedergutmachungsschritt machen. Aber ich habe mit ihr gesprochen. Sie hatte so einen Tumor, so eine Krebsform, glaube ich. Also konntest du dich noch...
Bei ihr entschuldigen? Ja, das konnte ich machen. Und es war wirklich sehr bewegend für mich auch. Und ich denke, eine Wiedergutmachung für mich heute ist, dass ich einfach nur im Andenken an sie clean bleibe. Ich hatte eine sehr liebevolle Beziehung zu meiner Mutter. Sie hat mir immer die Stange gehalten.
meiner grössten Trafzeit immer noch die Krankenkasse bezahlt. Das hat eigentlich immer gehofft. Und schlussendlich auch an mich geglaubt. Wie war das da, als du doch noch mit ihr sprechen konntest, wo du schon clean warst? Was war das für ein Gespräch? Wie ist das? Oder wo war das?
Kannst du das ein bisschen beschreiben, wie das war? Das war bei uns zu Hause im Elternhaus. Sie ist auch, glaube ich, da gestorben. Meine Schwester ist Krankenschwester und hat sie betreut, auch ein Stück weit. Sie war auch... eigentlich unter Morphin, glaube ich. Bei dem Gespräch schon? Ja, aber sie war wach und ich konnte dieses Gespräch führen. Und sie hat mir so gesagt, einfach, das ist mir so geblieben, du machst das schon gut.
Was hat dir das gegeben, das zu spüren? Wir sprechen ja in diesem achten Schritt auch. Indem ich Wiedergutmachung mache, bekomme ich Vergebung, Versöhnung. indem ich auch Verantwortung für mein Tun übernehme, indem ich hinstehe. Es geht nicht nur um sich zu entschuldigen.
Oder sagen, es tut mir leid. Weil das habe ich in meiner Suchtzeit sehr oft getan. Also das hast du auch schon gemacht, während du süchtig warst und es dann eigentlich nicht eingehalten? Ich habe jeden Tag wieder dann von Neuem den gleichen Scheiss gemacht. Ich war einfach nicht mehr glaubwürdig. Was heute meine Wiedergutmachung ist, ist, dass ich eigentlich mein Handeln verändere und natürlich auch wiedergutmache in irgendeiner Form.
Wie war das bei deinem Vater? Wie bist du dort die Wiedergutmachung angegangen? Mit meinem Vater, das war eine konfliktbehaftete Beziehung. Also mein Bruder und ich, wir mussten halt, wie das halt auf dem Bauernhof ist, wir haben viel geholfen zu Hause, mussten halt dann auch. Ich habe mich so ein bisschen missbraucht gefühlt, mein Vater. War auch manchmal jähzornig und da hat es mal auch eine Ohrfeige gegeben oder so. Und er war jetzt nicht irgendwie...
böswillig, gewalttätig oder so. Aber du würdest ihn schon auch als einen Teil der Ursache bezeichnen, warum du so ein bisschen die Geschichte hattest, die du hattest. Ich denke schon. Also ich wollte vor allem Aufmerksamkeit auch von ihm. Also dass er mal sagt, hey, das machst du gut. Von meiner Mutter habe ich das eigentlich aufbekommen, aber von meinem Vater bei ihm war das immer irgendwie so eine Selbstverständlichkeit.
Was war es denn bei ihm konkret für einen Schaden, den du angerichtet hattest? Also irgendwann war ich dann körperlich auch genug stark zum Gegenhalten. Ich habe ihn beleidigt. oder habe ihm nicht mehr geholfen, bin wochenendlang nicht nach Hause gekommen, als ich noch zu Hause gewohnt habe. Also habt ihr euch auch mal körperlich gestritten, geschlagen? Es ist nie so weit gekommen. Nein, das nicht. Aber eben, also Wiedergutmachung...
Das machst du so auch ein bisschen im vierten Schritt. Im vierten Schritt machst du eine Innenschau, eine Inventur, sagen wir dem. Und da schaust du... Sachen an, wo du Groll empfindest und wo du Schuld empfindest. Und das sind dann oft Menschen, denen man Schaden zugefügt hat, aber die dir auch Schaden zugefügt haben. Also das ist der Groll.
Genau, bei meinem Vater habe ich sehr grossen Groll gehabt, auch immer wieder mal. Und dieser achte Schritt oder der neunte ist es eigentlich. Das Wiedergutmachen. Das Wiedergutmachen, da geht man einfach vor allem hin und zagt seinen Teil. Also du kannst nicht verlangen, dass die andere Person dann dir sofort vergibt. Genau. Vor allem diese Erwartungshaltung nicht reinbringen. Wenn ich jetzt das mache, dann nimmt das das Gegenüber an.
¶ Unerledigte Schuld und neue Freiheit
Gibt es Leute, die dir bis heute nie vergeben haben, was du getan hast? Ich weiss von niemandem. Es gibt Sachen, für die ich keine Wiedergutmachung machen konnte. Zum Beispiel? Also es gibt so ein Beispiel, ich war einmal im Entzug, einer meiner vielen Entzüge, muss ich auch dazu sagen, und da war eine junge Frau zwischen 16 und 18.
Wir haben einen Ausflug gemacht von der Station aus. Wir sind ins Auto eingestiegen und haben gesehen, wie diese junge Frau 100 Franken gefunden hat. Mein einziges Interesse war … dass sie mit mir diese 100 Franken teilt. Es war einfach mein Interesse, die Hälfte der Zahn zu kriegen auf der Entzugsstation. Aber um Drogen zu kaufen. Um Drogen zu kaufen. Das ist auch dieses Schizophrenie der Sucht.
Ja, wir haben dann noch ein Gespräch geführt und dann ist sie aber über das Wochenende abgehauen und ist dann einer Überdosis gestorben daran. Und dieses Nichtsagen, oder? Also was hast du dir genau vorgeworfen? Was hättest du machen müssen? Ich hätte das melden können. Ich hätte einfach sagen können, hey, die hat 100. Das löst natürlich sofort diesen Suchtdruck aus. Wie stark meine Schuld daran ist oder ob sie später an ihrer Sucht gestorben ist, das steht.
in den Sternen, aber ich habe es nicht gesagt. Konntest du dir dafür selber vergeben? Ja, ich meine, ich lebe heute mit dem und ... Da kommt auch wieder dieses indirekte Wiedergutmachen, dass wir eigentlich versuchen, die Botschaft weiterzugeben. Die Botschaft von NA ist eigentlich sehr einfach. Du kannst ein Leben ohne Drogen finden und du kannst das Verlangen nach Drogen verlieren. Also du kannst es schaffen, wenn du willst, kannst du den Ausstieg schaffen. Genau.
Also was heute in diesen Meetings, und das finde ich sehr schön, immer mehr passiert, es kommen immer mehr auch junge Leute, also die nicht so einen langen Suchtweg haben wie ich. sondern vielleicht schon, also wir haben schon irgendwie unter 20-Jährige bei uns in den Meetings und ich versuche dann die halt zu ermutigen. Du hattest eine wahnsinnige Auf- und Ab-Lebensgeschichte.
Und danach oder nach dieser Wiedergutmachung oder später bist du so an einem Punkt, wo du mit dieser indirekten Wiedergutmachung halt anderen hilfst. Würdest du auch sagen, das ist etwas, was aus dieser... Wiedergutmachung aus diesem Schritt etwas Neues entstehen kann. Würdest du das so bezeichnen? Also Dieses Programm ist ja ein spirituelles Programm und es hilft mir einfach heute ein besseres Lebens, mit mir mehr in Frieden zu sein.
Ein Resultat ist nicht nur Vergebung, sondern auch Freiheit von diesen Gedanken, von diesen Schuldgedanken, die ich ständig mit mir herumgetragen habe oder die mir dann bei irgendwelchen Situationen plötzlich wieder in den Sinn kommen. Also dieses Hinstehen, Verantwortung zu übernehmen. Und das hat mir geholfen. Ja, und dann konnte wirklich etwas Neues entstehen. Also es ist eine Freiheit in meinem Kopf entstanden. Es ist auch so ein bisschen dort sein lassen.
¶ Kontinuierliche Genesung und Vertrauen
wo es ist und nicht noch bis in die Ewigkeit weiterdreht. Genau. Gibt es irgendeinen Punkt, wo die Wiedergutmachung genug ist? Ich würde es, glaube ich, nicht so formulieren. Ich versuche einfach heute ... diese Prinzipien in meinem Leben anzuwenden und ein besserer Mensch zu sein. Aber das heisst nicht, dass ich ohne Fehler bin, zum Beispiel. Also es gibt diesen zehnten Schritt und der geht so.
Wir setzten die Inventur fort und als wir Fehler machten, gaben wir sie sofort zu. Sucht ist etwas, das tief in meinen Verhaltensweisen eingegraben ist. Mensch sein ist nicht perfekt sein, sage ich jetzt mal. Und wenn ich Fehler mache, dann einfach wirklich... zu jemandem hingehe und sage, hey, es tut mir leid, da habe ich irgendwie überreagiert. Also das geht dann um Beziehungen, oder? Zu meiner Partnerin hinzugehen und zu sagen, hey, es tut mir leid. Gelingt dir das immer?
Es gelingt mir nicht immer. Also eine schwierige Sache ist immer auch, wenn ich das Gefühl habe, ich bin im Recht. Aber was ich bemerkt habe, im Recht sein macht mich immer auch alleine. Und das sehe ich oft auch bei anderen Mitgliedern, dass wenn ich ungerecht behandelt werde, dann kommt die Rache. nachtragend sein oder whatever. Also so ein Muster, was du da bei dir erkennst. Genau.
Doch nochmal wegen den Schuldgefühlen. Wie würdest du sagen, wie hat sich dein Umgang mit diesen Schuldgefühlen verändert? Von in der Sucht, nach der Sucht und jetzt. Heute kann ich einfach sagen, wenn ich das untersuche, sie sind weniger geworden, sie sind nicht mehr so stark, weil ich sie auch ans Licht gebracht habe, weil ich mich mit denen gezeigt habe. Das ist auch ein...
Ein Ergebnis dieser Schritte. Also würdest du sagen, dass die Schuldgefühle auch durchaus etwas Wertvolles haben, weil sie einen weiterbringen? Ja, auf jeden Fall. Aber sie sind auch gute Freunde der Sucht. Es ist so wie ein zweischneidiges Schwert. Gab es noch, abgesehen von deinen Eltern, andere Menschen, wo du später irgendwie noch dazugekommen bist und diesen Wiedergutmachungsschritt gemacht hast?
Ja, natürlich auch bei meinen Geschwistern. Das war immer Thema, bis die mir wieder vertrauen konnten. Das hat einfach auch eine gewisse Zeit. gebraucht. Wie bist du das konkret angegangen, um dieses Vertrauen zurückzugewinnen? Also heute gehe ich wieder auf diesen Bauernhof und ich habe da sogar eine Werkstatt. Und sie wohnen immer noch dort. Und eine meiner Schwester hat das Ganze übernommen. Ja, und das ist einfach sie zu respektieren. Und auch...
Hilfsbereit zu sein zum Beispiel, das ist für mich auch eine spirituelle Sache. So proaktiv hilfsbereit sich zeigen. Man hat einen Haufen Arbeit da und da gibt es auch immer wieder mal Unstimmigkeiten. aber es ist eigentlich eine tiefe Verbundenheit wieder entstanden daraus. Und das Vertrauen ist wieder da. Eben, wo ich wirklich gemerkt habe, hey, da ist wieder Vertrauen da.
Sie sind dann irgendwann in die Ferien gegangen und sie fragen mich, hey, bist du da? Also ich habe wie eine kleine, schöne umgebaut. Das ist so mein Workspace. Kannst du zum Haus schauen? Kannst du zu meinen Blumen schauen? Also sie geben das Haus in deine Obhut. Genau. Und das… No way. Wie war das für dich, als sie dich das gefragt hat? Für mich wurde plötzlich klar, hey, da ist was passiert, nach vielen Jahren dann. Ich bin immer wieder tief berührt, natürlich, über diese, sage ich jetzt...
Genesungsgeschenke. Ich habe viel Dankbarkeit in meinem Leben heute. Das ist ein schwierig beschreibendes Gefühl. Auch Demut. Ich habe viel Demut.
¶ Lehren aus dem Leben und Hoffnung
Also was auch in meiner Familie, wir haben so zwei rechte Schicksalsschläge gehabt in meiner Familie. Und also mein Bruder ist tödlich verunglückt und mein Neffe. So in den letzten sechs Jahren. Und heute frage ich mich oft, wieso sie und nicht ich? Weil ich habe wirklich, ich könnte so oft tot sein. Also so ein bisschen der Zufall, warum es dich nie erwischt hat und sie dann schon. Ich weiss halt auch nicht. Das ist ja auch in diesem Programm, an irgendwas zu glauben.
Das Stärke ist diese Sucht. Ich glaube ein bisschen an Schicksal und ich glaube auch ein bisschen an Karma. Schicksal ist, irgendwie ist es vorbestimmt, dann passiert es mir nicht. Und es hat oft auch eine positive Seite, auch solche Schicksalsschläge zum Beispiel. Was war in dem Fall jetzt die positive Seite für dich? Was hast du daraus positiv gedeutet?
Ja, also es hat uns als Familie sehr stark zusammengeschweisst. Als mein Neffe gestorben ist, ist einfach dieses Zusammenstehen auch miteinander teilen. Das habe ich auch in den Meetings gemerkt. Da stehen wir auch zusammen und wir sagen da, wir können das zusammentun, was wir alleine nicht konnten. Das ist für mich das Fassbare. höherer Macht, wie wir sie nennen, oder höhere Kraft oder Gott oder was auch immer das ist. Und das habe ich dann auch in der Familie.
Und ja, wir haben ein sehr schönes und gutes Verhältnis miteinander heute. So als Abschlussfrage ein bisschen von diesem Gespräch. Was würdest du anderen Menschen... die sich jetzt erst gerade bewusst werden, dass sie eine große Schuld irgendeiner Art auf sich geladen haben und das jetzt anfangen zu erkennen? Was würdest du diesen Menschen raten?
Tja, ich würde vor allem sagen, es ist nie zu spät, sich zu verändern. Und es gibt Hoffnung, das würde ich auch sagen. Aber man muss es angehen. Also eine Sache, ein Satz, den ich... Vor allem auch in der Selbsthilfe. Ich gehe nicht dahin, um mir selber zu helfen, sondern für mich bedeutet Selbsthilfe eigentlich, ich muss es selber tun, aber nicht alleine.
Also du beziehst dich auf die Selbsthilfegruppen, auf diese Lieblings? Ja, und das kann aber auch in der Familie sein oder irgendwo. Also auch in meinem Arbeitsalltag. Ich muss es selber tun, aber nicht alleine. Das ist ein sehr schönes Schlusswort. Das lasse ich sehr gerne so stehen. Und ich bedanke mich ganz herzlich, Alex, für dieses sehr persönliche und offene Gespräch. Gern geschehen.
Falls ihr selber von einer Suchtthematik betroffen seid oder ihr jemanden kennt, in der Folgenbeschreibung findet ihr Links und Telefonnummern von Beratungsangeboten. Die Folge mit Alex war unsere letzte reguläre Episode der Staffel Schuld und Sühne. Falls ihr noch nicht alles gehört habt, nächste Woche sprechen Jenny und ich noch über unsere persönlichen Highlights dieser Staffel.
Und wenn ihr Megaherz auch einmal live erleben wollt, dann könnt ihr das sehr gerne tun und zwar am 3. November hier in Zürich. Dann ist die Journalistin und Autorin Ronja von Rönne zu Gast im Zürcher Volkshaus. Den Link zum Event und natürlich auch zu den Tickets findet ihr ebenfalls in den Shownotes. Ich bin Alice Grosjean. Macht's gut. Tschüss.
