¶ Obdachlosigkeit in Deutschland: Zahlen und Konzepte
Kurz und bündig. Sie verändern Deutschland. Willkommen zu einer neuen Ausgabe Kurz und bündig. Mein Name ist Linda Achtermann und ich freue mich, dass Sie auch heute wieder mit dabei sind. In dieser Folge wollen wir uns dem Thema Obdachlosigkeit widmen. In Deutschland gelten laut dem ersten Obdachlosenbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2022 40.000 Menschen als obdachlos, die also zum Beispiel über keinen festen Wohnsitz verfügen und im öffentlichen Raum im freien
oder Notunterkünften übernachten. Doch das ist nicht die einzige Zahl, die man dazu findet. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe spricht nach einer Erhebung aus dem Jahr 2018 von 237.000 Menschen ohne Obdach. Doch wie kommen so unterschiedliche Zahlen zustande?
Es gibt keine wirklichen verlässlichen Statistiken. Wir können ganz viele Menschen gar nicht erfassen, weil wir sie nicht sehen, weil sie sich zu Recht auch verstecken, also auch bei Zählungen nicht sichtbar werden. Es gibt ganz viele Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen, sicherlich auch aus Scham, sich nicht
nicht registrieren lassen würden. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie sowas funktionieren kann. Die leben dann vielleicht bei Freunden auf dem Sofa oder werden irgendwo geduldet. Und bei Wohnungsnotfallfällen reden wir ja auch von ganz vielen Wohnverhältnissen, wo wir vielleicht nicht von Obdachlosigkeit reden, aber von Wohnungsnotfällen.
Das war Corinna Münchow, unser heutiger Gast der Folge. Und auch wenn Frau Münchow recht hat und es verschiedene Parameter dafür gibt, ab wann jemand wirklich als obdachlos gilt, ist klar, dass wir in Deutschland von einer Zahl ausgehen können, die mindestens... Ganz anders sieht das bei unserem europäischen Nachbarn Finnland aus. Dort gelang es, die Zahl von einst rund 17.000 Wohnungslosen auf rund 4.000 zu verringern.
Das Konzept dahinter heißt Housing First, stammt aus Amerika und findet mittlerweile auch in Deutschland Anwendung. Unser Gast Corinna Münchow ist Leiterin von Housing First Berlin und Vorsitzende des Bundesverbandes Housing First.
¶ Housing First: Prinzipien und Wirksamkeit
Schön, dass Sie bei uns sind. Sehr gerne, vielen Dank für die Einladung. In Deutschland startete Housing First 2018 in Berlin und wurde inzwischen auf weitere Städte ausgeweitet. Doch was ist Housing First eigentlich? Ich versuche das einmal kurz zu fassen. Unser Leitmotiv ist Wohnen ist ein Menschenrecht. Und das gilt dann für alle Menschen, auch für Menschen, die eben viele Probleme haben. Die Idee ist, zu schauen, was genau brauchen diese Menschen.
um trotzdem in einer Wohnung leben zu können. Deswegen Housing First. Es ist ein ganz umfangreiches Hilfeangebot, aber die Wohnung steht am Anfang und nicht wie in vielen herkömmlichen wohnungslosen Hilfen. dass man sich eben erst das Wohnen in einer Wohnung erarbeiten muss, indem man ganz viele Teilschritte gegangen ist. Man hat erst eine Therapie absolviert, man hat sich um seine Schulden gekümmert, man hat versucht, wieder einen Job zu finden.
wie auf so einer Karriereleiter steht dann ganz oben der Erhalt der Wohnung. Das funktioniert für einen Großteil der Menschen. gut und für einen großen Teil der Menschen gar nicht. Und für die, für die dieses Modell nicht funktioniert, haben wir den Spieß umgedreht und sagen, die Wohnung braucht es erstmal, damit die Menschen ankommen können, dass sie Kraft tanken können, dass sie ein Gesicht haben.
Bei Housing First wird nach mehreren Prinzipien gearbeitet. Zentral dabei ist, dass davon ausgegangen wird, dass Wohnen ein Menschenrecht ist. Darüber hinaus ist wichtig, dass bei allem die Wahlfreiheit und Entscheidungsmöglichkeit der Teilnehmenden gewahrt bleibt. Das heißt, wenn jemand Hilfe über Housing First bekommt, bekommt er einen eigenständigen Hauptmietvertrag, an den keine Bedingungen geknüpft sind. Allerdings gibt es ein großes Hilfsangebot und eine umfassende Begleitung.
Gewahrt bleiben ist ein Ausdruck, der gleichbedeutend mit dem Wort erhalten verwendet wird. Es bedeutet, dass darauf geachtet wird, dass etwas bestehen bleibt. Hier wird damit ausgedrückt, dass bei allen Teilnehmern des Projekts Housing First die Wahlfreiheit bei den Angeboten, die sie wahrnehmen wollen, bestehen bleibt und es keine Konsequenzen gibt, wenn sie diese Angebote ablehnen sollten.
Und deswegen haben wir im Team SozialarbeiterInnen, wir haben eine Psychologin, wir haben SozialbetreuerInnen, wir haben Peergroup-Mitarbeiter, der das alles selbst erfahren hat, der selber auf der Straße gelebt hat und vieles ist Beziehungsarbeit. Vieles ist eben auch alleine in schweren Zeiten dabei zu sein, Gespräche anzubieten, die eine Reflexion ermöglichen.
Zeit zu geben, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, hilft, dass die Personen ganz allein realistische Wege entwickeln können. Es wird ja auch immer gesagt, dann machen sie eine Therapie und dann ist alles schön. So ist es nicht. Eine erfolgreiche Therapie zu absolvieren, das ist was ganz, ganz Komplexes. Und das kann man nicht einfach aufdrücken und dann kann man sich das auch nicht vornehmen und das ist nach einem halben Jahr wieder gut. Was muss in Deutschland anders gemacht werden?
¶ Herausforderungen und politische Ziele zur Beendigung
Zunächst mal, das wird Sie jetzt nicht überraschen, brauchen wir mehr bezahlbaren Wohnraum. Es kann ganz tolle Konzepte geben und ganz viel Bemühungen im Wohnungslosenhilfebereich. Das alles wird nicht ausreichen, wenn wir nicht ausreichend Wohnraum haben. Wenn wir eine flächendeckende Versorgung aller Menschen mit Wohnraum haben wollen, müssen wir den Wohnraum haben. Das ist es.
Aber damit alle Menschen diesen Wohnraum auch gut nutzen können und da auch rankommen, den bekommen, dort gut auch leben können, braucht es natürlich auch Unterstützungskonzepte, die das ermöglichen. Und da sehen wir das Housing First. ein großes Potenzial hat, eben auch Menschen, die jetzt schon viele, viele Jahre ohne Hilfe waren oder wo die Hilfen nicht gegriffen haben, dass man diesen Menschen eine Perspektive geben kann. Und dazu braucht es den politischen Willen.
Den gibt es noch nicht im ganzen Bundesgebiet. Da ist Berlin relativ weit vorne. Andere Städte fangen jetzt erst an, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Es gibt keine bundesweite Strategie. Also alles ist so. Wenn wir sagen, gerade in den Großstädten haben wir das Problem am meisten, dann versucht jetzt irgendwie jede Großstadt für sich herauszufinden, wie können wir es machen. Und was ich auch finde, was ganz, ganz wichtig ist, es braucht den gesellschaftlichen Rückhalt.
Wir brauchen eine Gesellschaft, die sagt, Genau, alle Bemühungen und wir nehmen auch einen Euro in die Hand. Wir möchten das nicht, dass Menschen auf der Straße wohnen. Das sollte ein Mindeststandard sein, dass in unserem Land niemand auf der Straße leben muss. Auch das brauchen wir.
Ich habe in Vorbereitung für dieses Gespräch auch im Koalitionsvertrag nochmal nachgeschaut, weil ich das auch im Kopf hatte, da stand doch was drin und ich habe es tatsächlich gefunden, dass die Ampel sich vorgenommen hat, die Obdachlosigkeit bis 2030 komplett abzunehmen. Und da gerate ich ins Stutzen, weil ich dachte, puh, okay, direkt abschaffen. Ich weiß gar nicht, ob das so realistisch ist. Was sagen Sie? Kann man Obdachlosigkeit abschaffen?
kann man vielleicht, aber ganz bestimmt nicht in diesem Zeitrahmen. Diese Zahl 2030 ist ja in Europa schon als Idee. Das steht dann jetzt im Koalitionsvertrag und es steht auch für Berlin im Masterplan.
sozialen Senat. Und ich finde das nicht schlimm, dass das da so gesagt wird und dass es da drin steht, weil in meinen Augen ist es eine Absichtserklärung, ist es vielleicht auch wie ein visionäres Ziel, dass man mit allen Kräften und Mitteln jetzt Wie können diese Veränderungen auf den Weg gebracht werden? Ich glaube nicht, dass es dafür nur Housing First braucht, sondern das ist ein Zusammenwirken von ganz, ganz vielen Kräften. Wir haben ja ein ganz, ganz umfangreiches...
Wohnungsnotfallprogramm mit ganz, ganz vielen unterschiedlichen Hilfen und Housing First sollte dort in angemessener Größe eine wichtige Rolle spielen. Da muss man einfach das Gesamtkonzept angucken und überlegen, wie viel brauchen wir an Notversorgung. Wie viel mehr sollte Housing First angeboten werden? Für welche Personengruppe sind auch diese klassischen Stufenmodelle geeignet? Das muss man sich einmal im Gesamten angucken. Dann kann man auch Gelder...
besser verteilen, denn ich glaube, dass bereits ganz, ganz viel Geld ausgegeben wird. Die Frage ist nur, wie sinnvoll sind die Maßnahmen? Wenn ich ganz viel Geld in die Notversorgung stecke, dann habe ich für noch niemanden eine Person. Angucken ist ein Verb, das ausdrückt, dass man sich jemanden oder etwas prüfend ansieht. Hier bedeutet es, dass Frau Münchow fordert, dass sich die Verantwortlichen das aktuelle Gesamtkonzept zur Obdachlosenhilfe in Deutschland ansehen und prüfen.
Und da sollten wir die Verhältnisse verändern. Und dazu braucht es alles. Dazu braucht es die Politik, dazu braucht es die sozialen Verbände, dazu braucht es aber auch die Verwaltung. Denn Verwaltung ist etwas, was oftmals sehr, sehr stark ist. Und da gibt es den politischen Willen. aber noch keine Idee, wie man das umsetzen soll.
Und das ist gerade etwas, wo wir in Berlin uns sehr versuchen, wie kriegt man dann jetzt den politischen Willen, Housing First, wirklich auch eine bedeutende Rolle zuzumessen in die schon bestehenden Systeme. Wie kriegen wir das integriert? An was müssen wir jetzt noch schrauben? Wir brauchen andere Finanzierungsmodelle vielleicht, wir brauchen vielleicht in der Verwaltung andere Abläufe, andere Regelungen. Das ist ganz schön viel, aber ich glaube fest daran, dass es machbar ist.
¶ Umsetzung, Hindernisse und persönliche Erfahrungen
Was ist das größte Hindernis bei dieser Veränderung? Ich glaube, es sind tatsächlich zwei Stellschrauben. Wir brauchen die Wohnung. Wir können nicht Hause först flächendeckend anbieten mit dem Anspruch, eine Wohnung zuerst zu geben, wenn wir die Wohnungsgeber nicht haben, die den bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung halten. Das ist das eine. Und das andere ist die Bereitschaft umzudenken, die Bereitschaft, Dinge anders zu machen, Dinge auszuprobieren. Ich erlebe das oft.
viel darüber geredet wird, was vielleicht schiefgehen könnte oder was möglicherweise nicht geht. Also ich würde mir wünschen, dass es mehr Mut gibt, mehr Engagement, einfach zu sagen, wir müssen es anders machen, weil so wie es ist, funktioniert es nicht gut. Lass uns alle die Ärmel hochkrempeln und die Sache angehen. Das wünsche ich mir. Schiefgehen ist ein Verb, das im Deutschen in der Umgangssprache Verwendung findet.
Es bedeutet, dass etwas misslingt bzw. nicht so ausgeht, wie man es sich erhofft oder vorgestellt hat. Hier spricht Frau Münchow davon, dass viele beim Projekt Housing First immer erst daran denken, wie es scheitern könnte. Corinna Münchow ist von Housing First überzeugt. Das wird auch in unserem Gespräch deutlich. Was für sie auch deutlich ist, ist, dass Housing First da ansetzen kann, wo andere Hilfestellungen nicht hinkommen, was für sie auch aus ihrer eigenen Berufserfahrung klar wird.
Ich bin eigentlich schon seit 2005, gleich nach Ende meines Studiums, ich habe Sozialpädagogik studiert, habe ich direkt in der Wohnungslosenhilfe angefangen, habe da also ganz viele Bereiche in Berlin kennengelernt, von ganz niedrigschwelligen Einrichtungen, Notunterkünfte, bis eben...
auch die hochschwelligen Hilfen, die dazu da sind, Menschen auch wieder in eigenen Wohnraum zu integrieren. Das habe ich ganz, ganz viele Jahre gemacht. Und die Träger, die das in Berlin machen und auch die Kollegen und Kolleginnen, die das machen, die sind da sehr, sehr engagiert.
der Sache, aber durch die Struktur, die es in diesen herkömmlichen Hilfeangeboten gibt, habe ich gelernt und gemerkt, dass ganz, ganz viele Menschen herausfallen, dass sie durch diese Hilfen nicht erreicht werden. Und es scheint eine Personengruppe zu geben und das sind die Menschen.
die so eine Mehrfachproblemlage haben, wo Sucht eine Rolle spielt, wo psychische Erkrankungen eine Rolle spielen, wo wir von einer langjährigen Wohnungslosigkeit sprechen. Da scheint es in Berlin, das sind eben unsere Erfahrungen. kein richtiges Angebot geben zu haben. Mich hat das sehr frustriert, dass ich eben einer bestimmten Person keine Hilfe anbieten konnte.
Und von daher war ich ganz neugierig auf das Projekt Housing First, weil das ja eben genau für diese Zielgruppe in Berlin gedacht war. Eine Hilfe zu schaffen, die es Menschen ermöglicht. auch trotz der vielen Probleme, die sie haben, in einem eigenen Wohnraum eine Perspektive entwickeln zu können. Und das mache ich jetzt seit vier Jahren und ich habe meine Entscheidung nicht bereut.
Am Beispiel Finnlands ist zu sehen, dass das Konzept Housing First das Potenzial hat, viel zu bewegen. Doch wie Frau Münchow es angedeutet hat, allein das Konzept macht noch keine Lösung. Aber es scheint einen Lösungsweg zu eröffnen für diejenigen, die als hoffnungslos galten. Und dazu passt auch Frau Münchus' Lieblingsspruch. Ein deutscher Spruch, der mir da einfällt, ist, was mich oft begleitet, ist, dass man sagt, geht nicht, gibt's nicht.
Ich bin Linda Achtermann und jetzt sind Sie gefragt. Schauen Sie sich doch einmal auf der Internetseite des Goethe-Instituts und dem Europa-Netzwerk Deutsch um. Das Skript, eine Vokabelliste und ein Arbeits- und Lösungsblatt zu dieser Folge gibt es wie immer unter www.goethe.de. Tschüss! Der Podcast Kurz und Bündig ist eine Zusammenarbeit der Apparat Multimedia GmbH und des Europa-Netzwerks Deutsch.
Das Auswärtige Amt und das Goethe-Institut fördern mit dem Programm Europa Netzwerk Deutsch seit 1994 die deutsche Sprache als Arbeits- und Verfahrenssprache in den europäischen Institutionen. Linda Achtermann
