Ausbildung garantieren - podcast episode cover

Ausbildung garantieren

Nov 25, 202214 minSeason 2Ep. 10
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Summary

In dieser Folge diskutiert Linda Achtermann mit Kristof Becker, Bundesjugendsekretär der DGB-Jugend, über die kritische Situation auf dem deutschen Ausbildungsmarkt. Trotz sinkender Ausbildungsangebote und Verträge gibt es eine Rekordzahl unbesetzter Stellen, was auf Qualitätsprobleme und regionale Ungleichheiten hinweist. Die DGB-Jugend fordert eine umlagenfinanzierte Ausbildungsplatzgarantie, die bereits im Koalitionsvertrag der Ampelregierung verankert ist, wobei die Finanzierung weiterhin umstritten ist. Becker erläutert, wie durch konsequentes politisches Engagement dieser Erfolg erzielt wurde.

Episode description

In der letzten Folge der 2. Staffel geht es um den Ausbildungsmarkt in Deutschland: Der Deutsche Gewerkschaftsbund Jugend, mit rund 500.000 jungen Gewerkschafter*innen, fordert von der Politik eine Ausbildungsplatzgarantie. Kristof Becker, der Bundesjugendsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbunds Jugend, gibt Einblicke in die aktuelle Situation und erklärt die Forderungen.

Deutsch ab B2/C1, hören, lesen, lernen: Hier hören Sie Spannendes aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland. In jeder Folge (ca. 15 Min.) gibt es interessante Worterklärungen oder Redewendungen. Unter www.goethe.de/kurzundbuendig finden Sie zusätzlich zu jeder Folge das Skript, ein Arbeitsblatt und Vokabellisten.

Transcript

Intro / Opening

Kurz und bündig. Sie verändern Deutschland.

DGB-Jugend und die Ausbildungssituation

Herzlich willkommen bei einer neuen Folge kurz und bündig. Mein Name ist Linda Achtermann und wie es in der zweiten Staffel unseres Podcasts so üblich ist, treffe ich auch heute jemanden, der in Deutschland etwas verändern will. Heute zu Gast ist Christoph Becker, 32 Jahre alt und Bundesjugendsekretär der Jugendorganisation des Deutschen Gewerkschaftsbunds, kurz DGB-Jugend.

Hinter ihm versammeln sich rund 500.000 junge Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter der Mitgliedsgewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Danke, dass Sie mich hier im DGB empfangen, Herr Becker. Good morning. Kommen wir erstmal zu Ihrer Person. Vielleicht auch mal so in Ihren eigenen Worten. Was ist denn Ihre Aufgabe als Bundesjugendsekretär der DGB Jugend?

Die halbe Million junger Menschen, die sich gewerkschaftlich organisieren, haben Interessen. Und diese Interessen vertreten sie im Betrieb und in der Dienststelle, ganz konkret, machen Aktionen Setzen Tarifverträge durch. Aber diese jungen Menschen haben auch politische Interessen, die sie an unseren Gesetzgeber, an die Politik, an die Bundesregierung.

Und meine Aufgabe ist es, als DGB Bundesjugendsekretär, diese Interessen der jungen Gewerkschaftsmitglieder gegenüber der Politik zu vertreten, aber auch intern gegen unseren Erwachsenenverband in die Kinder.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund bündelt die Interessen der Mitglieder der insgesamt acht Mitgliedsgewerkschaften, nämlich von IG Bauen Agrarumwelt, der IG Bergbau Chemie Energie, Ig BCE, Der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, EVG, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, GEW, Der Ig Metall, Gewerkschaft Nahrung, Genuss und Gaststätten, der Gewerkschaft der Polizei, GdP und die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi.

Die zusammengenommene Mitgliedsstärke beziffert der DGB auf rund sechs Millionen Menschen. Um die 500.000 davon befinden sich in den Jugendorganisationen der Mitgliedsgewerkschaften. Und wie kamen sie dazu? Das ist ja jetzt keine. Alltägliche Aufgabe, sage ich mal so. Ich bin ganz klassisch mit 16 zu Beginn meiner Ausbildung als Bankkaufmann in die Gewerkschaft eingetreten und wurde dann sehr schnell auch gewerkschaftlich aktiv in meiner Gewerkschaft Verdi und auch in der DGB-Jugend vor Ort.

Ich habe dann nach dem Ende der Ausbildung nochmal die Möglichkeit bekommen, über ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung mein Abitur nachzuholen und zu studieren. Und dann gab es die Möglichkeit, dass ich für die Gewerkschaft arbeite, also mein Hobby zum Beruf mache. Das war vor sieben Jahren und seit dieser Zeit habe ich auf verschiedenen Ebenen, vor Ort und auf Landesebene, die Gewerkschaftsjugend vertreten und mit der Gewerkschaftsjugend gemeinsam Politik.

Und vor wenigen Monaten wurde die Stelle vakant und ich hatte die Möglichkeit, mich darauf zu bewerben und wurde gewählt. Das ist ein großes Privileg und da freue ich mich sehr drauf, gemeinsam mit einer halben Million Menschen Dinge zu gestalten.

Gewählt wurde Christoph Becker vom DGB Bundesjugend Ausschuss. Dieser setzt sich aus Vertretern der Mitgliedsgewerkschaften und des DGB zusammen und ist neben der Bundesjugendkonferenz, die alle vier Jahre stattfindet, das höchste Gremium in der DGB Jugend.

Wir haben ja drei große Fragen an diesem Podcast, die jede und jeder unserer InterviewpartnerInnen beantworten muss. Und da sie vor allem ja die Belange junger Auszubildenden vertreten, lassen Sie uns doch heute mal über den Ausbildungsmarkt in Deutschland sprechen. Weil die Situation ist ja folgende. Zum einen gehen die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze zurück und sind auf einem Rekordtief. Gleiches gilt auch für die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge, aber gleichzeitig

Ist die Zahl der unbesetzten Lehrstellen auf einem Rekord hoch? ExpertInnen waren jetzt vor allem Fachkräftemangel, und jetzt kommen sie. Was muss in Deutschland anders gemacht werden? Also wir sehen auf dem Ausbildungsmarkt eine Situation, die wir so noch nie hatten. In Deutschland. Wir sehen das und das schon länger so, dass keine zwanzig Prozent aller Betriebe in Deutschland sich überhaupt an der betrieblichen Ausbildung

Wir sehen, dass noch nie in der Geschichte der dualen Ausbildung so wenige Ausbildungsverträge abgeschlossen wurden wie in den beiden Corona-Jahren jetzt. Und das muss sich endlich sein. Es müssen sich mehr Betriebe an der Ausbildung beteiligen. Und wenn die Betriebe den Fachkräftemangel bedauern, dann muss es eben gute Ausbildung geben. Und dann muss es mehr gute Ausbildung geben, die den Menschen ermöglicht und ihnen auch eine Perspektive geben.

In den jeweiligen Berufen. Deswegen fordern wir als Gewerkschaftsjugend, dass es eine Ausbildungsplatzgarantie gibt, dass jeder junge Mensch die Garantie hat, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, wenn er oder sie das möchte. Und selbstverständlich müssen das die Betriebe bezahlen, weil sie profitieren von den Fachkräfteln. Die Corona-Pandemie hat der Situation auf dem Ausbildungsmarkt stark zugesetzt. Insgesamt wurden bis zum 30. September 2021

473.100 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Das sind zwar über 5.000 mehr als 2020, aber 52.000 weniger als noch 2019. Auch das Angebot an Ausbildungsplätzen stieg 2021 im Vergleich zum Vorjahr an. Trotzdem standen damit immer noch mehr als 40.000 Lehrstellen weniger als 2019 zur Verfügung. Im deutschen Modell der dualen Berufsausbildung werden Azubis, das ist die Abkürzung für Auszubildende, im Betrieb und der Berufsschule ausgebildet.

Die Ausbildung erfolgt also an zwei Lernorten und zeichnet sich zudem durch lernortübergreifende Lernprozesse aus. Vor allem die Gewerkschaften setzen darauf, dass diese Art der Ausbildung gestärkt werden müsse, um einem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen. Doch das Verblüffende? Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen erreichte sogar ein neues Rekordniveau von 63.200 Plätzen.

Etwas ist verblüffend, wenn eine vorangegangene Annahme überraschenderweise umgeworfen wird. Hier könnte man meinen, dass bei einer sinkenden Zahl der Ausbildungsplätze auch die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze sinkt. Doch genau das Gegenteil ist der Fall.

Details zur Ausbildungsplatzgarantie

Wie können diese Veränderungen auf den Weg gebracht werden? Sie haben vor der Bundestagswahl den Umlagen finanzierte Ausbildungsplatzgarantie gefordert. Vielleicht können wir nochmal im Detail den Hörerinnen und Hörern erklären, was heißt das und warum brauchen wir die Ihrer Ansicht nach? Bisher ist es so, dass nicht jeder junge Mensch eine Ausbildung findet, der eine Ausbildung ist.

Das ist schlimm und das bedeutet, dass viele in sogenannten Warteschleifen sind, also in einjährigen Maßnahmen, also zum Beispiel noch mal einmal auf die Schule gehen, da keine Ausbildung machen und warten, darauf im nächsten Jahr einen Ausbildungsplatz zu suchen. Das heißt, es muss mehr betriebliche Ausbildungsplätze geben. Also mehr betriebliche Auswirkungen, damit junge Menschen eine Perspektive bekommen.

Wenn nicht genug Betriebe ausbilden können, aus welchen Gründen auch immer, dann brauchen wir Möglichkeiten, dass Betriebe zusammen ausbilden, in einer sogenannten Verbundausbildung zum Beispiel, oder eben, dass man eine außerbetriebliche Ausbildung macht. In einer Ausbildungswerkstatt zum Beispiel und darüber dann zu seinem Ausbildungs Die Forderung nach einer Ausbildungsplatzgarantie hat sich Herr Becker natürlich nicht alleine ausgedacht.

Die Ziele und aktuellen Forderungen der Deutschen Gewerkschaftsjugend werden alle vier Jahre auf der Bundesjugendkonferenz mit ehrenamtlichen Delegierten der Mitgliedsgewerkschaften diskutiert, konsolidiert und demokratisch beschlossen. So auch die Forderung nach einer Ausbildungsplatzgarantie. Was ich mich noch frage an dieser Stelle, wie hilft denn eine umlagenfinanzierte Ausbildungsplatzgarantie, diesen Widerspruch aufzulösen? Oder hilft sie da überhaupt?

Von vielen Ausbildungsplätzen, die einfach nicht besetzt werden, die Zahl steigt und dann trotzdem die Leute finden keine gute Ausbildung. Sie haben natürlich recht. Das sind verschiedene Sphären, die da aus meiner Sicht zusammenlaufen. Das eine ist, wenn in einer Region der Ausbildungsmarkt ausgeglichen sein mag oder da in bestimmten Branchen sehr viele Ausbildungsplätze vorhanden sind, heißt das nicht, dass in Region B das auch so ist.

Das ist das eine. Dann gibt es die Situation so, dass viele Ausbildungsplätze in bestimmten Berufen auch oft unbesetzt sind. Wir stellen einmal im Jahr die Qualität der Ausbildung dar, indem wir Auszubildende fragen, wie ist die Qualität ihrer Ausbildung? Und da gibt es schon auch ein Verhältnis zueinander. Also die Betriebe, die am schwierigsten Ausbildungsplätze besetzen können, sind oft die Betriebe, die in den Bereichen ausbilden, wo die Ausbildungsqualität auch schlecht ist.

Dass das eine und zum anderen muss auch sichergestellt werden. Es gibt eine freie Berufswahl, die sind in unserem Grundgesetz garantiert. Das bedeutet auch, dass es. Mehr Ausbildungsplätze geben muss, als es Bewerbende gibt. Das Verfassungsgericht hat damals festgestellt, dass es 112 Ausbildungsplätze auf 100 Bewerberinnen und Bewerber geben muss. Zum Schluss will ich auch nochmal sagen: Also die Zahl der erfassten Bewerberinnen und Bewerber tendenziell immer ein bisschen zu niedrig.

Weil man muss sich da bei der Bundesagentur für Arbeit melden, sich quasi ausbildungssuchend melden, wie man sich arbeitslos suchend meldet. Also ich zum Beispiel habe mich mit 16 einfach beworben, war da nie in der Vermittlung und so fallen da viele durchs Raster und sind überhaupt nicht in der Statistik.

Durchs Rasterfallen ist eine deutsche Redewendung, die verbildlicht, dass es Situationen oder Personen gibt, die nicht von Standardprozessen berücksichtigt werden oder diese absichtlich oder unabsichtlich umgehen. So gibt es das Verfahren, dass sich Menschen beim Arbeitsamt ausbildungssuchend melden können und so auch in der Statistik aufgenommen werden. Viele aber melden sich dort nicht und werden dann auch nicht in der Statistik erfasst.

Erfolgreicher Kampf für Ausbildungsplätze

Die Forderung nach einer Ausbildungsgarantie hat es in den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung geschafft. Auf Seite 66 steht dort: Wir wollen eine Ausbildungsgarantie, die allen Jugendlichen einen Zugang zu einer voll qualifizierenden Berufsausbildung ermöglicht, stets vorrangig im Betrieb. Wie diese genau gestaltet oder finanziert werden soll, bleibt offen. Was ist das größte Hindernis bei dieser Veränderung?

Wir freuen uns sehr, dass der Koalitionsvertrag der Ampel eine Ausbildungsplatzgarantie. Das ist ein großer Erfolg, und es ist ein großer Erfolg der Gewerkschaftsüber. Wenngleich, das muss man einschränkend sagen, die Frage der Finanzierung und der Zukunftsfonds ist für uns sehr essentiell, dort keine Erwähnung findet. Und darüber müssen wir weiter kämpfen und streiten mit der Politik.

Lange war es so, dass die Politik die Wirtschaft aufgefordert hat, über Selbstverpflichtungen, über Bündnisse mehr Ausbildungsplätze zu schaffen. Das hat leider nicht funktioniert. Und deswegen begrüßen wir es sehr. Dass die Politik jetzt sieht, dass die Politik am Zug ist und handelt. Dass diese Forderung in der Politik Gehör gefunden hat, ist für Herrn Becker erfreulich, aber nicht überraschend.

Über den Sommer 2021 hinweg haben die Mitglieder der DGB-Jugend viel dafür getan, um Politikerinnen und Politiker für ihre Belange zu gewinnen. Wenn sich eine halbe Million Menschen auf den Weg macht, die in den Betrieben und Dienststellen Millionen Menschen erreichen, um gemeinsam eine Sache durchzusetzen, und das haben wir in dieser Frage getan, dann können wir sehr viel bewegen.

Hier auf Bundesebene haben wir Talkrunden gemacht, an denen tausende junge Menschen als Zuschauerinnen und Zuschauer teilgenommen haben. Wir haben Spitzengespräche geführt mit dem Arbeitsminister, mit Politikerinnen und Politikern. Aber ich würde sagen, noch wichtiger waren Gespräche in den Wahlkosten.

Wo junge Menschen kandidierende aller demokratischen Parteien zu sich in den Betrieb eingeladen haben, in den Jugendlichen Wo es Gespräche gab zu den einzelnen Forderungen, wo Kandidierende sich ganz konkret zu unseren Forderungen jeweils einzeln positionieren können. wo sie die jungen Menschen versprechen konnten. Wenn ich gewählt werde, werde ich mich für die Themen der Gewerkschaftsjuge.

Die DGB-Jugend wurde übrigens wie die Erwachsenenorganisation 1949 gegründet. Nachdem Gewerkschaften von den Nationalsozialisten zerschlagen wurden, geht das Engagement von Gewerkschaften über die Betriebe hinaus. Kern der Organisation ist bis heute vor allem Zusammenhalt und Solidarität. Das spiegelt sich auch in Herrn Beckers Motto wider. Dass wir gemeinsam mehr erreichen als jeder und jede Einzelne allein. Und das ist etwas, das mir an.

Schauen Sie sich doch einmal auf der Internetseite des Goethe-Instituts und dem Europanetzwerk Deutsch um. Das Skript, eine Vokabelliste und ein Arbeits- und Lösungsblatt zu dieser Folge gibt es wie immer unter www.goethe.de. Ich freue mich, wenn wir uns wiederhören. Der Podcast Kurz und Bündig ist eine Zusammenarbeit der Apparat Multimedia GmbH und des Europanetzwerk Deutsch.

Das Auswärtige Amt und das Goethe-Institut fördern mit dem Programm Europa-Netzwerk Deutsch seit 1994 die deutsche Sprache als Arbeits- und Verfahrenssprache in den europäischen Institutionen. Moderation.

This transcript was generated by Metacast using AI and may contain inaccuracies. Learn more about transcripts.
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