#70 Der Fall Claudia: Werde ich meine Tochter verlieren? - podcast episode cover

#70 Der Fall Claudia: Werde ich meine Tochter verlieren?

Aug 05, 202551 min
--:--
--:--
Download Metacast podcast app
Listen to this episode in Metacast mobile app
Don't just listen to podcasts. Learn from them with transcripts, summaries, and chapters for every episode. Skim, search, and bookmark insights. Learn more

Summary

Diese Episode beleuchtet Claudias bewegendes Leben, geprägt von der Ablehnung ihrer eigenen Mutter und einem tiefen Wunsch nach Familie, der sie nach unerfülltem Kinderwunsch zur Adoption führte. Sie schildert die anfänglichen Herausforderungen beim Aufbau einer Bindung zu ihrer Adoptivtochter Paloma und ihre schliesslich starke Verbindung, die in der komplexen Situation mündet, als Paloma ihre leibliche Familie suchen möchte. Die Geschichte kulminiert in einer herzerwärmenden Wiedervereinigung und Claudias Akzeptanz einer doppelten Mutterschaft.

Episode description

Eine Reifenpanne in Kanada. Ein Mord, der eine Aussprache unmöglich macht. Und ein kleines Mädchen, das in einem dunklen Gerichtssaal sitzt. Heute – bei Spurlos.

Kontakt Info@SpurlosPodcast.de

Instagram https://instagram.com/julia_leischik

TikTok https://www.tiktok.com/discover/Julia-Leischik

Redaktion Sylvia Lutz Natalya Prokhorenko

Ton Migo Fecke (Soundhouse Tonproduktionen GmbH)

Eine Produktion der StellaLuisa GmbH In Zusammenarbeit mit Endemol Shine Germany und Rainer Laux Productions

Du möchtest mehr über unsere Werbepartner erfahren? Hier findest du alle Infos & Rabatte!

Du möchtest Werbung in diesem Podcast schalten? Dann erfahre hier mehr über die Werbemöglichkeiten bei Seven.One Audio!

Transcript

Intro / Opening

Eine Reifenpanne in Kanada. Ein Mord, der eine Aussprache unmöglich macht. Und ein kleines Mädchen, das in einem dunklen Gerichtssaal sitzt. Heute bei Spurlos.

Hörerfeedback und die Einzigartigkeit des Podcasts

So, wir sind hier schon in gelöster Stimmung. Liebe Lieblingskollegin, wie geht es Ihnen? Liebe Lieblings-Podcast-Kollegin, ich habe ja auch noch ein ganzes Team. Bitte melde dich, da muss ich ja ganz vorsichtig sein. Liebe Lieblings-Podcast-Kollegin, wie geht es dir? Deine einzige Podcast-Kollegin. Mir geht es sehr gut. Mir auch. Das merkst du ja schon.

Also ich habe gemerkt, das Schönste, um in einem guten Podcast-Aufzeichnungstag zu starten, ist einfach Post von unserer tollen Zuhörerschaft zu lesen. Ach, wie wunderbar, das stimmt. Und dann muss ich dir was vorlesen und danach komme ich auch. noch zu einer Erkenntnis, die uns jemand geliefert hat. Also hier erstmal ein Beispiel wieder. Ich könnte unzählige vorlesen, aber ich greife mal nur eins raus. Ich muss mal was loswerden. Seit acht Tagen. Oh, eine neue.

ein Neuzugang. Seit acht Tagen höre ich jetzt den Spurlos-Podcast und ich bin absolut süchtig und gefangen, weil es so spannend und emotional ist. Erst einmal danke ich euch für so viele spannende und tolle Fälle und zweitens muss ich sagen, seitdem ich spurlos höre, achte ich definitiv mehr auf meine Umgebung und meine Mitmenschen.

Vielen lieben Dank, dass ihr das macht. Finde ich eine total schöne Rückmeldung. Ganz schön. Ich freue mich da immer so. So und jetzt kommt's. Das wollte ich dir eigentlich vorlesen. Hallo, ich bin treue Zuhörerin der ersten Stunde. Ich finde, euer Podcast ist was ganz Besonderes. Es ist der einzige, den ich kenne, in dem das so ist. Ihr selbst seid oft für die Lösung der Geschichte verantwortlich.

Ihr findet die Menschen, wenn es kein Cold Case ist. Das ist großartig. Respekt und von Herzen danke dafür. Silvi. Warte, ich nehme die Brille ab. Aber, also, klar. Weiß ich, wir finden Menschen. Aber dass das so ein Alleinstellungsmerkmal ist. Das stimmt. War dir das bewusst? Ich habe darüber nie nachgedacht, weil das so eine ganz selbstverständliche Arbeit von uns ist. Schon immer, so zu sagen. Aber dann habe ich überlegt, weil dann dachte ich, hä, wieso? True Crime, das ist doch...

Aber das stimmt, weil im True Crime werden ja, also ich hoffe, dass ich nichts Falsches erzähle, sonst meldet euch bitte, aber da werden ja einfach sozusagen Fälle erzählt, was auch wunderbar ist, um Gottes Willen. Aber da ändert sich ja an der Geschichte dadurch nichts, richtig? Genau. Die suchen ja nicht den Mörder oder den Verbrecher. Und wir finden... Bei der Hälfte unserer Geschichten, wir erzählen ja die ganze Bandbreite, finden wir die Menschen. Ja, das stimmt.

Aber wie gesagt, es ist mir auch nicht aufgefallen. Mir auch nicht. Aber es hat mich irgendwie beglückt. Ja, super. Oder? Ja. Und wenn ihr uns was schreiben wollt, was uns auch so glücklich macht, was der Wind unter unseren Podcast-Flügeln ist. Was uns den Tag verzuckert, bitte nicht versalzen. Schreiben an, weiß schon wieder nicht. Wohin? Info at spurlospodcast.de. So nämlich. Das ist unsere Adresse. Silvi, heutiges Thema.

Claudias Reise und emotionale Adoption

Heute erzählen wir die Geschichte von Claudia. In Claudias Leben gibt es viele Klippen. Oft wird sie zurückgewiesen und sie muss mit großen Verlusten umgehen. Doch ihre Furchtlosigkeit und ihre unglaubliche Kraft helfen ihr, immer wieder aufzustehen und weiterzugehen. Aufgeben, sagt Claudia, aufgeben war nie eine Option. Es geht in Claudias Geschichte um Verzweiflung.

Es geht um Sehnsucht, um Hoffnung, um eine Suche. Und auch bei dieser Geschichte spielen wir eine Rolle? Ja, und es geht um Liebe. Es ist ein heißer Sommertag in Sao Paulo in Brasilien. Die Stadt ist unendlich groß, unbeschreiblich laut und sehr hektisch. Autos hupen, Menschen rufen lauthals etwas über die Straßen, Bagger dröhnen und Pressluftmaschinen knattern.

Es ist eine fremde Welt für die junge Frau, die gerade aus dem Taxi steigt. Diese Frau heißt Claudia und sie kommt aus der Schweiz. Sie ist schmal und hat kurze, dunkle Haare. Sie ist in Begleitung ihres Mannes Bernd, der schnell noch den Taxifahrer bezahlt hat und nun ebenfalls aus dem Wagen steigt. Die beiden stehen jetzt nebeneinander vor einem alten, imposanten Bauwerk.

Es ist ein Gerichtsgebäude. Sie sehen den Eingang vor sich. Wenn Sie gleich in das Innere dieses Hauses treten, dann wird sich Ihr Leben verändern. Und zwar von Grund auf. Claudia und Bernd haben fast 20 Stunden im Flugzeug gesessen, um hier durch diese Türe zu gehen. Die beiden sehen sich an. Sie nicken einander zu und gehen los. In dem Gebäude werden sie erwartet und in einen Raum geführt. Er ist dunkel und ohne Fenster. Auf einer Bank an der Wand kauert ein kleines Mädchen.

Es hat ein weißes Haarband in den dunklen Locken, trägt einen blauen Trainingsanzug und weiße Turnschuhe. Claudia sieht das Mädchen an. Und Claudia ist überglücklich. Sie hat das sichere Gefühl, dass großartige und herrliche Jahre vor ihr liegen. Was sie jedoch nicht ahnt, der Weg, der vor ihr liegt, ist voller Abgründe. Und was sie auch nicht ahnt,

In vielen Jahren wird eine Suche sie an den Rand der Verzweiflung bringen. Denn das kleine Mädchen mit dem weißen Haarband wird als junge Erwachsene in diese Stadt zurückkehren. für eine Suche, die Claudia zutiefst beunruhigen wird. Claudia ist vom ersten Moment an verliebt in das kleine Mädchen, das dort in dem dunklen Gerichtssaal auf der Bank kauert. Und sie ist fest entschlossen, diesen Mädchen zu helfen. Aber es liegt ein weiter Weg vor Claudia.

Dieser Weg ist oft steinig und voller Klippen und so manches Mal wird Claudia all ihre Kraft zusammennehmen müssen, um sich und das kleine Mädchen ans sichere Ufer zu bringen. Ich gebe nicht auf. Das ist von meinem Typ her. Wenn ich mal Ja sage, dann sage ich Ja. Und wenn natürlich Gefühle im Spiel sind, dann bleibt man halt dran. Das hat mich schon immer wieder sehr beschäftigt. Ich habe auch viel geweint.

Die ungewollte Kindheit und Olivias Schatten

Das war keine einfache Zeit, nein, überhaupt nicht. So, wir springen erstmal zurück und zwar ins Jahr 1961. Das ist nämlich das Jahr, in dem Claudia geboren wird. Und da beginnt diese Geschichte. Das ist die Geschichte einer Mutter, die selbst auch schon keine Mutter hatte. In diesem Jahr 1961 reist ein junger Schweizer nach Südafrika.

Er heißt Markus und er hat beruflich in Kapstadt zu tun. Dort lernt er in einem Café Olivia kennen und er ist sofort fasziniert von der jungen Frau mit den roten Haaren. Olivia ist Irin. Aber in Irland hat sie nie gelebt. Ihre Eltern sind nämlich vor ihrer Geburt nach Indien ausgewandert und sie selbst ist in Kalkutta geboren.

Ja, und nun lebt sie in Kapstadt. Mit ihren 20 Jahren ist Olivia also schon weit in der Welt herumgekommen. Oh, viele Länder. Ich bin ja in Deutschland, ich höre Brasilien, ich höre Schweiz, ich höre Südafrika, ich höre Kalkutta und Irland. Wir sind heute ganz international. We are so international. Ja, und man fragt sich, wer ist Olivia? Eine Weltenbummlerin oder eine Flüchtende? Wir werden Olivias Weg noch ein bisschen begleiten, aber was sie bewegt...

und getrieben hat, darauf werden wir keine Antwort erhalten. Jedenfalls kommt in Kapstadt eins zum anderen und diese junge Iren, die Olivia, wird schwanger. Markus bleibt kurz entschlossen, auch in Südafrika. Und im Herbst 1961 kommt schließlich Claudia zur Welt. Claudia, deren Geschichte wir ja hier heute im Kern erzählen. All diese Länder, da wird man schon neugierig, wie es mit dieser kleinen Familie weitergeht und wohin es Claudia mit ihren Eltern, Markus und Olivia, verschlägt.

Ja, aber das klingt leider nur so abenteuerlich. Die Realität ist dagegen ganz ernüchternd. Denn Claudias Mutter Olivia wollte nie Kinder haben. Die Schwangerschaft war nicht beabsichtigt. Im Gegenteil, Claudia war ein sogenannter Unfall. Ja, so sieht sie es ja. Ganz schlimmes Wort übrigens, wenn jemand das sagt. Ganz schrecklich. Markus hofft noch ein paar Monate nach Claudias Geburt, dass Olivia sich doch noch an ihre neue Rolle als Mutter gewöhnt.

dann schweren Herzens ein, dass Olivia für ein Familienleben absolut nicht bereit ist. Und so packt der junge Schweizer seine Sachen und verlässt mit seiner kleinen Tochter, also mit Claudia, Südafrika. Und Claudia wächst also nun in der Schweiz auf, bei ihrem Vater und ihrer Großmutter. Über ihre Mutter Olivia hört sie nicht viel. Und wenn sie etwas hört, dann ist es nichts Gutes.

Ich hatte Fotos von ihr, mein Vater hatte losen Briefkontakt mit ihr und ich habe von meinem Vater her nur Negatives gehört. Und dadurch, dass sie... ja ich sage es jetzt mal so, mich im Stich gelassen hat als Baby. Ich war ja da acht, neun Monate alt. Aufgrund des Verhaltens habe ich mir schon auch gedacht, ja die wollte mich nicht.

Ja und dementsprechend fühlt sich die kleine Claudia schon verstoßen und abgelehnt. Denn hier hat eine Mutter ganz ohne Zweifel ihr Kind wohl wirklich nicht gewollt. Die Oma und Markus versuchen Claudia eine gute Kindheit zu schenken und sie unternehmen alles, um Olivia irgendwie zu ersetzen. Claudia sagt heute, ihre Oma sei eine richtige Powerfrau gewesen, die auch immer für sie da war.

Und Claudia fühlt sich geborgen und glücklich, aber manchmal fehlt ihr halt doch eine Mama in ihrem Leben. Ja, Weihnachten feiert Claudia immer mit ihrer Großmutter und mit ihrem Vater Markus. Und natürlich ist ein Weihnachtsfest zu dritt. Eher eine stille Angelegenheit und deshalb träumt Claudia schon als kleines Mädchen von einer riesigen Familie. Von einem Tisch, an dem ganz viele Kinder sitzen, die mit ihren Eltern Heiligabend feiern. Mit ihrem Vater und ihrer Mutter.

Claudia denkt oft über Olivia nach. Sie fragt sich immer wieder, warum ihre Mutter nicht hier ist, hier an der Seite ihrer kleinen Tochter. Ich hatte grosse Sehnsucht nach meiner Mutter, sehr sogar. Als Kind vor allem auch hatte ich ganz grosse Sehnsucht. Meine Mutter war natürlich für mich irgendwie eine unerreichbare Frau.

mich auf die Welt gebracht hat und die ich hätte gerne gehabt, dass sie mich in den Arm nimmt. Als Claudia etwa zehn Jahre alt ist, kündigt Olivia einen Besuch in der Schweiz an. Claudia ist völlig aufgeregt. Endlich wird sie ihre Mama kennenlernen. Endlich interessiert sich Olivia für ihre kleine Tochter.

Claudia hofft darauf, dass Olivia sich sofort in sie verlieben wird und dass sie im Laufe ihres Treffens ein richtiges Mutter-Tochter-Team werden. Wie das ein Kind halt so macht, sich das einfach so... zurecht träumen, wie es am schönsten wäre. Und im Traum ist halt alles immer möglich und gut, aber die Realität sieht oft natürlich ganz anders aus.

Und auch Claudias und Olivias Geschichte wird sich nicht nach Träumen einer Zehnjährigen richten. Denn im allerletzten Moment sagt Olivia ihren Besuch in der Schweiz ab. Sie fährt nicht zu ihrer Tochter. Und Claudia bleibt zutiefst enttäuscht zurück. Sie hatte gehofft, dass ihre Mama sie vielleicht doch ein bisschen lieben könnte. Aber jetzt ist ihr klar, sie ist ihrer Mutter Olivia wirklich gleichgültig.

Olivia meldet sich auch nicht mehr. Der lose Briefkontakt zwischen ihr und dem Papa Markus kommt zu einem Ende. Und Claudia weiß, genau wie ihr Vater Markus, Über viele Jahre nicht, wo und wie Olivia eigentlich lebt. Und oft sitzt Claudia auf einer kleinen Bank im Garten, schaut in den Himmel und sie träumt von ihrer Mama.

Wiedersehen, Gleichgültigkeit und Olivias Tod

Es gab eine Zeit, da konnte ich keine Filme schauen, wo die Mama mit ihrer Tochter schöne Erlebnisse hatte. Da habe ich nur geweint. Man möchte wissen, wer die Frau ist, die dich auf die Welt gebracht hat und die dich aber gleichzeitig nicht haben wollte. Als Claudia 20 Jahre alt ist, zieht sie aus und beginnt mit einer Ausbildung. Sie genießt die ersten Schritte in ihrem Erwachsenenleben. Aber Olivia ist immer wie eine kleine offene Wunde in Claudias Alltag.

Und die junge Frau merkt, dass sie dieses Kapitel ihres Lebens jetzt in Angriff nehmen und lösen oder in irgendeiner Form beenden muss. Sie möchte entweder eine gemeinsame Geschichte mit ihrer Mutter schreiben oder einen Schlussstrich ziehen.

Aber eines möchte sie nicht mehr. Sie will nicht mehr ständig hoffen, dass Olivia sich doch noch für sie interessieren könnte oder sich unablässig fragen, weshalb sie von ihrer Mutter abgelehnt wird. Also macht sich die 20-Jährige auf die Suche. Sie findet heraus, dass Olivia inzwischen...

Kanada lebt, deshalb nimmt sie Kontakt mit der kanadischen Botschaft in Bern auf. Und dort kann man ihr tatsächlich weiterhelfen. Claudia erhält von den Mitarbeitern der Botschaft eine Adresse von Olivia in Toronto. und schreibt sofort einen Brief. Als Claudia zwei Wochen später ihren Briefkasten öffnet, findet sie darin einen Umschlag. Canada Post Office steht neben einer Briefmarke, auf der die Queen zu sehen ist.

Claudia holt tief Luft. Das ist das erste Lebenszeichen ihrer Mutter seit zehn Jahren, seit sich Olivia zu einem Besuch in der Schweiz angekündigt hatte. Claudia öffnet den Brief. Ihre Mutter schreibt herzlich, aber knapp und unverbindlich. Und sie lädt Claudia ein, sie in Toronto zu besuchen. Claudia setzt sich. Sie denkt kurz nach und beschließt kurzerhand.

dieser Einladung unverzüglich zu folgen. Und so sitzt Claudia schon wenige Wochen später in einem Flugzeug. Sie ist aufgeregt, sie ist jetzt 20 Jahre alt und sie wird das erste Mal in ihrem Leben ihre Mutter treffen. Ihre Mutter, von der sie kaum etwas weiß, deren Stimme sie noch nie gehört hat und von der sie nur Fotos kennt, die über 20 Jahre alt sind. Fotos, die in den Monaten nach ihrer Geburt in Kapstadt aufgenommen wurden.

Das Flugzeug landet pünktlich und kurze Zeit später steht Claudia im Ankunftsbereich des Toronto International Pearson Airport. Aber hier wartet niemand auf sie. Olivia ist nicht da. Und ich dachte schon, okay, jetzt lässt sie mich wiederhängen, wie damals, als ich klein war. Und sie kam dann ungefähr mit einer Stunde Verspätung, sie hatte eine Reifenpanne.

Die Frau, die schließlich mit einer Stunde Verspätung die Ankunftszahle betritt, übertrifft Claudias Erwartungen bei weitem. Die 20-Jährige ist sehr beeindruckt von der Ausstrahlung und dem Charisma ihrer Mutter Olivia. Eine wirklich hübsche, elegante Frau. Damals hatte sie längere, rotblonde Haare, so mittelgross. Sie war nicht durchschnittlich. Sie hatte eine gute Ausstrahlung. Ja, sie hatte eine starke Ausstrahlung auf ihre Art. Sie war sicher nicht nur nach 15.

Und Olivia ist auch herzlich. Sie umarmt Claudia und schlägt ihr vor, sie Mom zu nennen. Claudia entgegnet, dass sie lieber Olivia sagen würde. Aber ihre Mutter schüttelt lachend den Kopf. Davon möchte sie überhaupt nichts wissen und es bleibt bei Mom. Aber viel mehr Nähe oder Intimität als diese Anrede lässt Claudias Mutter im Laufe der folgenden Tage nicht zu. Ja, auf eine Art war sie schon stark und gleichzeitig aber schwach, weil sie...

war nicht in der Lage, mit mir über Vergangenes zu sprechen. Da hat sie gleich geblockt und das fand ich total schade. Natürlich sehr gut nachvollziehbar. Aber es ist, was es ist, egal wie sehr Claudia sich eine andere Mutter wünschen würde oder eben eine zugewandte Mama. Es gibt Frauen, die wollen keine Kinder und Olivia gehört dazu.

Das bedeutet, natürlich kann man so sein Leben gestalten, kinderlos, also da brauchen wir überhaupt nicht drüber diskutieren. Schwierig und folgenschwer wird es natürlich in dem Moment, wo so ein Mensch, der eigentlich keine Kinder wollte, ein Kind bekommt und dieses Kind dann spürt, dass es nicht gewollt war und ist. Das ist dann natürlich was ganz anderes. Claudia ist ja bei ihrem Vater.

Gott sei Dank gut und geborgen aufgewachsen. Und anscheinend kann Olivia ihrer Tochter einfach nicht mehr geben als diese sehr unverbindliche Freundlichkeit. Und übrigens so unverbindliche Freundlichkeit finde ich, kann auch besonders schmerzvoll sein. Weil das ja noch nicht mal eine tiefe Emotion ist. Auch keine tiefe negative Emotion. Das ist Gleichgültigkeit.

Und ich finde mal Gleichgültigkeit besonders schmerzvoll. Eine Sache erfährt Claudia aber doch und zwar erfährt sie, dass Olivia einen Bruder hatte. der bei einem tragischen Autounfall ums Leben kam. Er wurde von einem Wagen angefahren und am Steuer dieses Wagens saß sein eigener Vater. Also heißt, der Vater von Olivia, also der Großvater von Claudia, tötet unabsichtlich bei einem Unfall seinen eigenen Sohn.

Keine Schuld an dem Unglück, aber es ist natürlich ein unbeschreibliches Drama, ein Familiendrama in diesem Fall. Und das hat sich ja auch viel in Olivia ausgelöst. Vielleicht, ich will jetzt nicht so zu tief psychologisieren, aber... hat es auch dann damit zu tun, dass sie keine eigenen Kinder haben wollte, wenn sie so den Schmerz des Vaters über den Verlust des Kindes wahrscheinlich sehr deutlich selber gespürt hat.

Claudia reist nach einigen Tagen wieder zurück in die Schweiz. Der Aufenthalt bei ihrer Mutter in Toronto war schön und sehr freundlich, aber genau wie Olivias Briefe unverbindlich. Wir hatten dann eine Weile keinen Kontakt mehr. Dann habe ich wieder mit ihr Kontakt aufgenommen, ihr wieder beschrieben.

Dann ging das so ein paar Jahre weiter. Sie hat wieder nicht geantwortet. Ich habe wieder geschrieben, das ging so drei, viermal so. Irgendwann kam dann mal ein Brief von ihr, dass sie wieder geheiratet hätte. Und ich habe ihr ein Bild geschrieben, dass ich mich freue. Der neue Ehemann von Olivia ist ein türkischer Geschäftsmann und Olivia verlässt Toronto.

Sie zieht mit ihrem Mann in die Nähe von Istanbul in einen kleinen exklusiven Ferienort. Danach hört Claudia nichts mehr von Olivia, bis sie eines Tages eine Meldung findet. Ihre Mutter ist in der Türkei unter ungeklärten Umständen gestorben. Da war geschrieben, dass sie eventuell ermordet wurde. Das war die Aussage vom Artikel. Ich habe dann noch eine Weile überlegt, ob ich mich mit ihrem Mann in Verbindung setzen soll. Ich wusste eigentlich keinen Namen, nichts.

Und habe es dann aber gelassen. Weil sie hat sich ja nie gemeldet. Ich wusste auch nicht, wie weit weiss sie überhaupt von mir. Ja, wie? Olivia wirklich gestorben ist und ob sie wirklich Opfer eines Verbrechens und ermordet wurde, das konnte nie geklärt werden. Claudia weiß, dass die Wunde, die ihre Mutter ihr zugefügt hat, nie wirklich verheilen wird.

Und die offenen Fragen zu dem möglichen Mord an Olivia machen natürlich diesen Umstand alles andere als leichter. Es gibt jetzt aber keine Chance mehr auf eine Aussprache zwischen Mutter und Tochter.

Familienträume, Kinderwunsch und Adoptionsweg

Claudia wird also nie erfahren, warum Olivia sich weigerte, wirklich ihre Mama zu sein. Aber Claudia ist jetzt an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie sich auf etwas... Neues konzentrieren will und auch muss. Auf sie wartet nämlich ein ganz neues Lebenskapitel. Sie ist dabei, eine weitere Seite aufzuschlagen. Denn Claudia ist frisch verliebt und möchte nun selber Kinder haben. Am liebsten viele Kinder. Sie möchte selbst Mutter werden, denn davon hat sie ja schon als junges Mädchen geträumt.

Und sie will es auch besser machen als ihre Mutter, die so stark war zwar und gleichzeitig aber eben auch schwach, um sich den Fragen und der Sehnsucht und der Liebe ihrer Tochter zu stellen. Ja, ich wünschte mir wirklich eine Familie, dadurch, dass ich halt grösstenteils bei meinem Papa aufgewachsen bin. Wir waren oft ja Weihnachten, Geburtstag und so weiter nur zu zweit oder als meine Oma noch lebte zu dritt. Ich habe immer gerne einen Tisch voll Leute gehabt. Ich liebe das auch heute noch.

Der Freund von Claudia heißt Bernd und die beiden heiraten im Kreise ihrer Familien und Freunde ganz romantisch auf einem Schiff auf dem Bodensee. Genau wie Claudia freut sich auch Bernd auf viele gemeinsame Kinder. Aber der Wunsch des jungen Paares erfüllt sich nicht, denn Claudia wird nicht schwanger. Monatelang hofft sie auf ein positives Ergebnis, aber es klappt nicht.

Ja, wie schlimm, ne? Weil schau mal, Claudias Mutter Olivia, die wollte selbst überhaupt keine Kinder, bekam dann eins und konnte und wollte sich nicht wirklich drum kümmern. Und Claudia jetzt selbst, dieses ungewollte Kind. wünscht sich nichts Sehnlicher als Kinder und wird nicht schwanger. Und Claudia möchte doch sogar Mama sein. Sie möchte ihre Kinder dann mit Liebe überschütten und sie möchte mit ihnen spielen und lachen und sie vor allem auch beschützen.

Aber jeden Monat aufs Neue ist der Schwangerschaftstest negativ. Ja, es war eine schwierige Zeit tatsächlich. Wir haben das ein paar Jahre probiert mit allen möglichen Mitteln. Und ich hatte da tatsächlich mehrere Krisen. Es gab Zeiten, da konnte ich schwangere Frauen nicht mehr anschauen. Ich habe geweint. Und dass dann irgendwo klar war, es klappt halt nicht. Ja, das ist schon berührend. Claudia ist eine junge Frau, in der eine...

ganz tolle Mutter schlummert. Das werden wir ja später im Verlauf der Geschichte auf andere Weise noch sehen. Eine junge Frau, die eigentlich das komplette Gegenteil ihrer eigenen Mutter Olivia ist und schon wieder so schicksalhaft, denn ihr selber bleiben dann eigene Kinder verwehrt.

Ja, es sind schwere Jahre für Claudia und ihren Mann Bernd. Die beiden gehen viele Wege, um ihre eigene kleine Familie zu gründen. Aber die emotionale Belastung wird irgendwann zu groß. Und die Aussichten, dass es noch klappen könnte, die sind minimal. Claudia und ihr Mann brechen die Versuche nach etwa zwei Jahren ab. Sie können nicht mehr. Ja, das tut mir sehr leid. Erinnert mich natürlich auch an viele Geschichten.

von Frauen, mit denen ich auch im Laufe der Jahre gesprochen habe. Ich weiß, was das für diese Frauen bedeutet, einen unerfüllten Kinderwunsch zu haben. Das ist total lebensverändernd. Und der Abschied vom Kinderwunsch, der ist in der Regel ja ein richtiger, großer Trauerprozess. So wie es mir immer beschrieben wurde, gibt es dann da Gefühle wie so eine Ohnmacht. Man sucht ja auch Schuld bei sich, Verzweiflung, Wut, auch Neid auf andere Mütter und Paare.

Und eben dieses Gefühl, versagt zu haben. Also ich glaube, das ist ein Thema, das jede Frau berührt, egal ob sie jetzt Kinder hat oder nicht. Claudia verabschiedet sich von der Idee, eigene Kinder zu bekommen, aber sie will Mutter sein und sie möchte Kinder haben. Deshalb trifft sie mit ihrem Mann zusammen eine Entscheidung. Die beiden beschließen nämlich, Kinder zu adoptieren.

Ja, und das ist natürlich ein Riesenschritt, also eine schwerwiegende Entscheidung mit ganz vielen Konsequenzen. Claudia und Bernd sind offen für eine Auslandsadoption. Ihnen ist nur wichtig, dass alles legal und offiziell geregelt wird. Freunde von ihnen haben schon ein Kind adoptiert und zwar in Brasilien. Claudia gefällt der Gedanke und sie stellt zusammen mit ihrem Mann einen Antrag. Es dauert eine Weile, bis alle Formalitäten erfüllt und geklärt sind und nun heißt es warten.

Palomas Adoption und schwierige Eingewöhnung

Dann, im Frühjahr 2002, klingelt plötzlich Claudias Telefon. Dann war ich am bügeln, da erinnere ich mich natürlich sehr gut daran, an einem Nachmittag, da kam der Anruf. Wir wussten, wenn der Anruf kommt, dann müssen wir innerhalb von zwei, drei Wochen nach Sao Paulo. Und da kam der Anruf, ja, wir haben ein Mädchen, sie wird bald acht, wollt ihr oder wollt ihr nicht? Das ist wirklich so.

Und wenn du ja schon eine Weile in der Familie möchtest und dann dich auch zur Adoption entscheidest, dann sagst du nicht Nein. Obwohl die Kleine damals Paloma ja schon fast acht war und wir eigentlich zwei Kinder adoptieren wollten. Und ja, so sind wir dann gereist, kurze Zeit später. Claudia und Bernd buchen also einen Flug nach Brasilien und nachdem sie in Zürich gestartet sind, dauert es fast zwölf Stunden, bis das Flugzeug endlich in Sao Paulo landet.

Die beiden haben noch kein Foto ihrer zukünftigen Tochter gesehen. Sie wissen lediglich, dass das Mädchen schon acht Jahre alt ist. Das wurde Claudia ja schon am Telefon gesagt. Wir sind am Sonntagabend gelandet, am Montagmorgen wurden wir abgeholt und zum Gericht gefahren, wo Paloma auf uns gewartet hat. relativ engen, dunklen Raum geführt, also ohne Fenster. Und dort sass Paloma mit zwei Betreuerinnen. Ein völlig fremdes Kind sitzt in einem dunklen Raum.

Bis vor wenigen Tagen ahnte Claudia noch nichts von der Existenz dieses Mädchens. Sie weiß nichts über die Kleine. Wer ihre Eltern sind, welche Interessen sie hat, ob sie eher still und schüchtern oder laut und extrovertiert ist. Nichts. Sie weiß überhaupt nichts. Doch in dem Moment, in dem sie Paloma sieht, da kommt Magie ins Spiel. Viele Adoptivmütter werden das kennen und viele haben uns schon mal diesen Moment bei Bitte melde dich beschrieben.

Claudia trifft auf ein ihr völlig fremdes Kind. Die beiden haben noch nie miteinander ein Wort gewechselt, aber Claudia verliebt sich auf der Stelle in das kleine Mädchen. Und sie fühlt sich so, sie ist von diesem Moment an Palomas Mutter. Da war mein Herz, da schmollt sich dahin. Sie war so, ist ja heute noch, sie war so süss und sie hatte so ein... Hübsches Lächeln. Sie war sehr scheu. Sie war wirklich einfach nur zum Knuddeln. Und ich kenne Paloma ja.

Das stimmt, sie ist heute immer noch bezaubernd. Also deswegen dementsprechend, ich kann mir vorstellen, wie unglaublich süß sie auch als Kind war. Und es ist ein Augenblick, der alles in Claudias Leben verändert und der sich natürlich bei ihr eingebrannt hat. Ich erinnere mich absolut an das, was sie anhatte. Sie hatte weisse Turnschuhe an, sie hatte so einen blauen Trainingsanzug an und so ein weisses Haarband hatte sie im Haar. Sie hatte kurze Haare.

Paloma hat ihre zukünftigen Adoptiveltern zuvor schon auf Fotos gesehen und sie weiß, dass Claudia und Bernd aus Europa kommen. Aber wo das liegt, das weiß sie natürlich nicht. Claudia und Bernd haben in den vergangenen Wochen schon ein bisschen Portugiesisch gelernt, aber natürlich klappt es mit der Kommunikation nicht so gut. Sie wollte in einem McDonald's was essen. Und die Betreuerinnen, die kamen dann mit, schon wegen der Verständigung halt. Und ja, so sind wir.

McDonald und die Betreuerin haben sich dann aber relativ bald mal verabschiedet und dann hatten wir eine Tochter. Aber Paloma bleibt reserviert und zurückhaltend. Sie zieht nun zu Claudia und Bernd in deren Hotel und die drei verbringen viel Zeit miteinander. Sie machen Ausflüge, sie gehen mit Palomas Freunden Eis essen und sie spielen täglich Memory. Daran erinnern sich alle drei. Eigentlich eine total gute Idee, weil Memory, da brauchst du ja keine großen Worte. Trotzdem...

Es gelingt ihnen nicht so recht, miteinander warm zu werden. Also Paloma wird nicht warm mit ihren Adoptiveltern, so ist das Gefühl. Vielleicht hat sie ja Angst vor der unbekannten Zukunft. Ich meine, sie ist schon acht. Das macht es nicht leichter. Sie hat Angst vor der Trennung natürlich von ihren Freundinnen und Freunden aus dem Kinderheim. Und sie hat wahrscheinlich auch Sehnsucht nach der leiblichen Familie.

Was wissen wir zu dem Zeitpunkt überhaupt über dieses kleine Mädchen? Paloma wird 1994 geboren. Sie ist das jüngste von acht Kindern. Ihre Mutter lebt irgendwo in einem der großen Armenviertel am Rande der Stadt. In den Favelas. Genau. Und dort hat Paloma auch ihre ersten Lebensjahre verbracht. In größter Armut und Not trifft ihre Mutter irgendwann schweren Herzens die Entscheidung, ihr jüngstes Kind ins Heim zu geben.

Zunächst lebt Paloma in einem Heim im Süden Sao Paulus. Wenige Monate bevor Claudia und Bernd in Brasilien eintreffen, wird Paloma aber verlegt. Sie wird nun in einem Kinderheim namens Don Bosco untergebracht. Claudia kann nachvollziehen, dass Paloma sich nicht sofort auf sie einlassen und sie als ihre Mutter sehen kann. Trotzdem ist sie unglücklich. Sie möchte Paloma zeigen, wie sehr sie darauf brennt, ihr eine gute Mama zu sein.

Und wie gerne sie ihr die Welt, also ihre Welt zu Füßen legen würde. Aber Paloma ist acht Jahre alt, wie gesagt. Und auch für ein jüngeres Kind wäre es schon nicht so einfach, sich direkt auf eine neue Situation mit so vielen unbekannten Faktoren einzustellen. Für dieses Mädchen in dem Alter ist es umso schwieriger. Wir hatten eher eine schwierige Zeit in St. Paulus.

Ja, eher ablehnend zu uns, muss ich sagen, in der ganzen Zeit, mehr oder weniger. Wenn die Betreuerinnen da waren, dann war sie sofort auf die Betreuerinnen fixiert. Das war nicht so einfach für uns. Andererseits muss man natürlich sagen, Ein kleines Mädchen, rausgerissen aus der gewohnten Umgebung mit fremden Leuten.

da kann man das ja absolut nachvollziehen. Aus ihrer Sicht, für uns war es nicht so einfach, für mich speziell nicht, weil ich habe mich so gefreut und ich habe mich wirklich total verliebt in Paloma, vom ersten Moment an, und sie wollte aber wieder gehalten. noch nichts. Sie wollten keinen Körperkontakt, gar nichts. Die kleine, jetzt frisch gebackene Familie tritt schliesslich den Flug nach Europa an.

Zwölf Stunden nach dem Start in Sao Paulo landet die Maschine in Zürich. Und Paloma lernt nun ihre völlig neue Heimat kennen. Claudia und Bernd wohnen in einem alten, renovierten Bauernhaus. Aber dort leben eben nur sie. Paloma fragt nach anderen Kindern. Also du kannst dir vorstellen, aus was für einem Taubenschlag von Leben sie kommt. Egal jetzt, ob in der frühen Kindheit oder im Kinderheim. Da kommt ja natürlich ein Bauernhof in der Schweiz.

Das ist ja wie eine Hallig in der Nordsee dagegen. Das ist schon ein, wie sagt man neudeutsch, Culture Clash. Also sie ist einfach von zu Hause aus dem Heim gewöhnt. dass da ständig unzählige Kinder sind und hier ist sie jetzt mit zwei Erwachsenen allein. Also soll jetzt gar nicht so als Kritik um Gottes Willen rüberkommen, sondern ich versuche mich nur in die Kleine rein zu versetzen.

Claudia merkt jedenfalls, wie schwer sich Paloma einlebt. Und für sie, die voller Liebe und voller Mutterliebe ist, beginnt natürlich so ein schwerer Weg. Zum Glück haben Claudia und Bernd zwei Hunde. Die werden von nun an Palomas treue Begleiter und sie werden ihre Freunde. Aber zu Claudia baut das Kind nur sehr, sehr langsam ein Verhältnis auf. Was für uns am Anfang komisch war, so im ersten Jahr, Paloma hat fast nichts angerührt in ihrem Zimmer.

Es war immer alles sehr, sehr ordentlich, so wie sie es gewohnt war vom Kinderheim her. Und wir haben ihr dann erklärt, das ist ihr Zimmer und sie kann da so weit machen, wie sie will und so weiter. Wir haben viel unternommen miteinander, damit wir uns auch kennenlernen.

Mutterliebe, Herausforderungen und starke Bindung

Trotz der Schwierigkeiten lernt Paloma sehr schnell Deutsch und sie ist auch gut in der Schule. Aber nach zwölf Monaten gibt es auch hier plötzlich einen Rückschlag. innerhalb von einem Jahr gemerkt, dass es mit Paloma doch, ich sage das jetzt halt auch, dass es schon ziemlich schwierig wird. Paloma fällt in der Schule auf und sie scheint unglücklich zu sein. Vielleicht ist es Heimweh, vielleicht hat sie irgendwie Angst, es wird ihr vielleicht alles zu viel.

Claudia ist jedenfalls in der Zwischenzeit eine Löwenmama. Sie begleitet Paloma zu Musikstunden, zum Sport und sie versucht, sie mit anderen Kindern in Kontakt zu bringen. Nichts ist Claudia zu aufwendig, nichts ist ihr zu kompliziert. Sie ist berufstätig, aber für Paloma hat sie immer Zeit. Und trotzdem leidet Claudia unter der Tatsache, dass Paloma sich nicht genauso schnell und Hals über Kopf in sie verliebt hat, wie sie in Paloma. Nähe und Distanz wechseln einander ab.

Und Claudia versucht tapfer Schritt zu halten. Es gab schon Zeiten, wo ich nicht mehr weiter wusste. Im Nachhinein und vor allem auch während der intensiven Zeit mit Paloma haben wir... sind uns schon die Augen aufgegangen, das muss ich schon sagen. Also ein Kind mit acht zu adaptieren, das haben wir total unterschätzt. Das war eine intensive Aufgabe.

Wir haben schöne Zeiten gehabt, auf jeden Fall, aber wir haben auch sehr, sehr intensive Zeiten erlebt mit Paloma. Wir hatten viele, viele, viele Gespräche in der Schule her, sie musste eng begleitet werden. Und wir kamen uns manchmal eher wie Lehrkräfte vor als Eltern. Es ist ganz wichtig zu sagen, es gibt in all den Jahren natürlich auch viele, viele schöne Momente. Claudia geht mit Paloma und den Hunden wandern oder manchmal grillen sie abends auf einem Platz im Wald.

Auch Weihnachten liebt Paloma, wenn die Kerzen am Baum leuchten, wenn die Lieder erklingen und alle einander in die Arme nehmen, dann leuchten auch Palomas Augen. dann ist auch sie glücklich. Aber es gibt eben auch Momente größter Distanz, dann kommt es zu großen Streitigkeiten und Schwierigkeiten. Das sind die Momente, die Claudia immer wieder aufs Neue belasten. Ja, das fühlt sich natürlich als Versagen an.

Es fühlt sich tatsächlich als Versagen an. Wenn du so an die Grenze und darüber kommst, ich meine, das kommen ja alle Eltern, das habe ich mehrfach gehört. Ja, ja, das kenne ich und so weiter. Aber Paloma... Paloma war ja nicht in dem Sinn unser eigenes Kind, sondern sie hatte ihren achtjährigen Rucksack, haben wir jeweils gesagt, bei sich gehabt. Acht Jahre Erfahrung ohne uns und Prägung.

Das war halt die Schwierigkeit, dass wir sie nicht von Anfang an prägen konnten und fördern und unterstützen und für sie da sein konnten. Und eins ist für Claudia auch klar, aufgeben ist auf gar keinen Fall eine Option. Und ich habe auch ein paar Mal gesagt, ich kann mir einfach nicht vorstellen, ich meine Paloma ist ja nicht mein leibliches Kind.

Ich kann mir nicht vorstellen, Paloma jemals zu verlassen, so wie es meine eigene Mutter gemacht hat. Das hätte ich mir nie vorstellen können, obwohl es so viele Schwierigkeiten gab. Ich war immer für sie da, das weiss sie auch. Eine richtig tolle Mutter.

Weil wir haben ja jetzt gerade in den letzten Folgen über Adoptivmütter gesprochen, die nur sich selber sahen, die ganz schön narzisstisch veranlagt waren und denen das Wohl der Kinder ja überhaupt nicht wichtig war. Also der ganz genaue Gegenentwurf. Aber Claudia fühlt sich als Mutter und sie möchte sich auch so benehmen ihrem Kind gegenüber. Sie erwähnt ja auch ihre eigene Mutter Olivia. Claudia weiß...

ganz genau, mit welchen Vorstellungen sie in ihrem Mutterdasein gestartet ist. Und an diesen Grundsätzen hält sie auch ihr Leben lang fest. Und schließlich trägt die Zeit und vielleicht auch ihr Verhalten Früchte. Und die beiden wachsen wirklich zusammen. Und als Paloma eine junge Erwachsene ist, beginnt dann eine intensive und wunderbare Zeit.

Sie sind jetzt endlich zu Mutter und Tochter geworden. Nach all den Jahren des ständigen Auf und Ab fühlen sie sich jetzt verbunden wie nie zuvor. Endlich darf Claudia das sein, was sie sich schon in dem Amtsgebäude in Sao Paulo gewünscht hat. Palomas Mama. Tja, sie ist meine Tochter. Ich liebe sie über alles. Ich bin total stolz auf sie, wie sie sich entwickelt hat. Wir haben heute auch ...

Palomas Suche nach der leiblichen Mutter

Ein sehr, sehr schönes Verhältnis miteinander. Das freut mich sehr. Paloma hat in all den Jahren bei Claudio und Berndt nie den Wunsch geäußert, ihre leibliche Familie in Brasilien kennenzulernen. Claudia hat sie immer wieder gefragt, aber Palomas Antwort lautete stets, nein, es ist alles gut, so wie es ist. Aber mit 21 Jahren ändert sich das. Paloma möchte nun doch ihre Mutter kennenlernen.

Sie erzählt Claudia von der Idee und Claudia ist ja eine kluge und starke Frau und sie kann Palomas Beweggründe sehr gut nachvollziehen. Nein, ich hatte damals keine Angst, überhaupt nicht, weil ich ja selber den Wunsch hatte, meine leibliche Mutter kennenzulernen. Von dem her nein, hatte ich nicht, gar nicht. Das ist natürlich dann hier ein guter Umstand, denn wir wissen es ja von Bitte melde dich sehr gut, dass dieser Wunsch, die leibliche Familie kennenzulernen,

für viele adoptierte Kinder und für die Adoptiveltern dann eine ganz große Herausforderung darstellt. Da schwingen dann natürlich Ängste mit, dass man sich verliert oder dass man irgendwie... die in Anführungszeichen richtige Familie mehr lieben könnte als die Adoptivfamilie. Und die Adoptierten haben andersrum oft das Gefühl, dass sie ihre Adoptiveltern verletzen, wenn sie sich auf die Suche nach den Leibfamilien.

Also das führt dann ganz oft dazu, dass sich ältere Adoptivkinder bei uns melden. Viele sind weit über 50 Jahre alt. Denn sie warten dann ganz bewusst, bis die Adoptiveltern verstorben sind, um sie nicht zu verletzen. Und dann ist es natürlich andererseits oft zu spät, die leiblichen Eltern zu finden, weil die dann auch schon oft verstorben sind. Es ist also ein Thema, mit dem wir fast schon tagtäglich zu tun haben.

Aber in diesem Fall ist es anders. Paloma kennt Claudias Geschichte. Sie weiß von Olivia und von Claudias eigenem Wunsch, ihre Mutter kennenzulernen. Total gut. Und Paloma geht also davon aus, dass sie auf Claudias Unterstützung und auf ihr Verständnis zählen kann. Und sie hat damit auch recht. Claudia ist zu diesem Zeitpunkt noch völlig unbesorgt.

Wir bekommen im Frühjahr 2024 eine Mail mit der Bitte, nach Palomas Mutter zu suchen. Wir sehen natürlich sofort, dass diese Suche schwierig wird. Denn wir haben nur eine einzige Information, die uns helfen könnte. den Namen von Palomas leiblicher Mutter. Aber Sao Paulo ist die bevölkerungsreichste Stadt Brasiliens und hat fast 12 Millionen Einwohner. Ein Name allein wird hier also nicht weiterhelfen.

Wir beraten und überlegen, ob es überhaupt eine Chance gibt, Palomas Familie zu finden. Alles spricht eigentlich gegen eine Suche. Aber dann hast du eine Idee und kurze Zeit später ist es beschlossene Sache. Wir werden Palomas Mutter suchen. Im Frühjahr 2024 geht es dann auch schon los. Das Team besteigt das Flugzeug in Frankfurt am Main. Ziel ist... Der Name von Palomas Mutter wird uns in Sao Paulo nicht weiterhelfen. Und wir wissen ja noch nicht einmal, ob sie dort noch lebt.

Aber ich setze auf die beiden Kinderheime, in denen Paloma vor ihrer Adoption gelebt hat. Und ich versuche von Deutschland aus Kontakt mit den Heimen aufzunehmen. In dem ersten Heim erreiche ich niemanden. Aber im zweiten Heim kann ich mit der Direktorin sprechen und sie verspricht zu helfen und nach Unterlagen über Paloma zu suchen.

In Sao Paulo angekommen müssen wir feststellen, dass das Heim, das ich von Deutschland aus nicht erreichen konnte, gar nicht mehr existiert. Das Gebäude gibt es noch, aber es ist kein Kinderheim mehr. In dem zweiten Heim, es heißt... Don Bosco wartet schon die Direktorin auf uns. Sie hat tatsächlich Palomas Akte gefunden, aber es gibt darin keine Informationen, die uns weiterhelfen. Die Direktorin verspricht sich umzuhören. Und tatsächlich.

Kurze Zeit nach unserem Termin im Dom Bosco meldet sie sich. Sie hat eine alte Adresse von Palomas Mutter gefunden. Und dort wiederum treffen wir auf jemanden, der Palomas Mutter entfernt gekannt hat. Aber nach einiger Zeit verlieren wir ihre Spur. Über viele Umwege finden wir schließlich eine Schwester von Paloma und die ist außer sich vor Freude.

Sie kann sich noch gut an Paloma erinnern und erzählt, dass ihre Mutter wohl auf ist und zu all ihren Kindern ein gutes und enges Verhältnis hat. Nur Paloma fehlt. Als wir Palomas Mutter kurz darauf treffen, bricht sie in Tränen aus. Sie hat nicht damit gerechnet, jemals wieder etwas von ihrem jüngsten Kind zu hören. Und nun erfährt sie, dass Paloma nach ihr sucht. In dem Haus von Palomas brasilianischer Familie wird an diesem Tag viel geweint und viel gefeiert.

Unglaublich, wir hatten nur den Namen von Palomas Mutter und die Namen zweier Kinderheime, als die Suche begann. Manchmal hat es mit Sachverstand zu tun, aber manchmal brauchst du auch einfach Glück. Und hier war es auch echt viel Glück. Ja, Glück, aber auch ein gutes Gefühl. Und nun wartet Palomas gesamte Familie auf die Tochter und Schwester, die vor 13 Jahren Sao Paulo verlassen hat, um mit Claudia und Bernd in die Schweiz zu gehen.

Alle freuen sich unglaublich. Und wir laden dann Paloma und natürlich Mama Claudia nach Köln ein, um Sie mit dem Suchergebnis zu überraschen. Paloma ist wirklich überwältigt, als ich ihr in Bitte melde dich Studio von unserer Suche und der Reaktion der ganzen Familie in Brasilien erzähle. ich teile ihr dann mit, dass sie nach Brasilien, nach Sao Paulo fliegen wird, um ihre Mama und ihre Geschwister in ihrer Heimat zu besuchen.

Emotionen, zwei Mütter und bedingungslose Liebe

Ja, an diesem Punkt enden. Bitte melde dich Geschichten für gewöhnlich. Die vermissten Familienangehörigen sind gefunden und einem Treffen steht nichts mehr im Wege. Aber für Claudia beginnt hier wieder ein neues Kapitel. Denn plötzlich hat ihre Tochter Paloma... eine weitere Mutter. Paloma verlässt also das Bitte-melde-dich-Studio. Ihre Mutter Claudia hat Paloma natürlich nach Köln begleitet, das haben wir ja gesagt, und die wartet schon draußen.

Als sie von Julia zurückkam auf der Strasse, kam sie mir weinend entgegen und wir haben uns dann lange in den Armen gelegen, sind dann zurück ins Restaurant, wo die Crew gewartet hat auf uns und da kam es wirklich über mich wie ein Wasserfall. Ich hatte da totale Angst, Paloma zu verlieren. Sie haben mich dann so lieb getröstet. Ich habe gesagt, Mama, du geschimmst meine Mama und so weiter und so fort. Und die Angst blieb dann aber auch, als sie flog.

Ja, kann ich aber auch so gut nachvollziehen. Du auch bestimmt, bist auch Mama. Also das ist halt im Leben so. Du kannst vielleicht mehrfach heiraten, du hast auch ganz viele Freunde, vielleicht Geschwister. Aber ohne das jetzt hochstilisieren zu wollen, Mutter-Tochter-Beziehung, das ist schon was sehr Besonderes und die ist so in sich ja nicht austauschbar.

Aber hier, in Claudias Fall, ist Claudia dann halt eben nicht die einzige Mutter. Es gibt jetzt zwei Mütter und beide lieben ihr Kind über alles. Sie sind ja beide Mütter. Claudia ist nach Palomas Abreise nervös. Sie wusste immer, was zu tun war. Sie hat alle Krisen in ihrem Leben gemeistert. Aber jetzt, jetzt ist sie wirklich verzweifelt und hilflos. Bei allem Verständnis, trotzdem, kam da schon ein bisschen Eifersucht auf. Und wir haben dann, als sie unten war in San Paolo,

hatten wir ein längeres Telefonat am Sonntag. Und sie hat mir sehr glaubhaft versichert, dass ich ihre Mama bin und bleibe. Und das hat mir damals sehr gut getan. Auch übrigens total mutig, so ein Gefühl zu benennen wie Eifersucht. Das will ja immer keiner benennen. Das ist ja so kein schönes Gefühl. Als Paloma zurückkommt, also voll von diesen ganzen Eindrücken,

Wir waren ja auch schon in Brasilien, ich kann mir das vorstellen. Und natürlich fast erschlagen von der Liebe ihrer großen Familie dort. Da fühlt Claudia ja zunächst... so eine kleine Distanz zwischen ihr und ihrer Tochter. Aber das gibt sich nach einiger Zeit. Ich kann mir vorstellen, das ist einfach eine wahnsinnig schwierige Situation erst mal.

Palomas leibliche Mutter schickt Claudia dann auch eine Videobotschaft, in der sie sich dafür bedankt, dass Claudia ihrer Tochter so eine tolle Mama war. Tochter wieder gesehen hat und dass Paloma auch ein Teil ist von ihr, von ihrem Leben. Und für mich ist es okay. Für mich passt es. Ich freue mich für Paloma. Claudia hat viele Erfahrungen gemacht mit dem Thema Mutter. Da war also Olivia ihre eigene Mutter. Da ist die leibliche Mutter ihre Adoptivtochter.

Und ja, auch ihr eigenes Muttersein. So ganz viele Facetten, also ganz viele verschiedene Mutterrollen. Claudia und Paloma sind heute so eng verbunden wie nie zuvor. Sie sind in einem ständigen Kontakt und sie lieben einander sehr. Und für Claudia hat sich nie in all den Jahren nie etwas an dem Gefühl geändert, das sie überkam, als sie ihre kleine Tochter Paloma in Sao Paulo das erste Mal gesehen hat. Mutter sein bedeutet, da ist ein Mensch, der...

Ja, da ist eine ganz spezielle Verbindung zur Paloma. Ich kann das nicht erklären, wenn ich sie sehe oder wenn ich an sie denke, dann habe ich einfach Liebe in mir. Und ich freue mich jedes Mal sehr. Wir umarmen uns auch immer ganz fest. Da ist einfach Liebe. Ich kann es nicht anders beschreiben. Schön. Und mit so viel Liebe beenden wir nun heute diese Folge. Mein Respekt geht raus, vor allem heute an Claudia, die eine tolle Mama ist. Und mein Respekt gilt heute auch.

allen anderen Müttern, die alles geben für das Wohl von Adoptivkindern oder in manchen Fällen auch Pflegekindern. Ihr seid heute unsere Heldinnen und wir verneigen uns vor euch. So ist es. Silvie, wir wollen ja weiterhin viel tolles Feedback. Am besten nur Gutes. Nein, ihr könnt uns schreiben, auch wenn ihr kritische Anmerkungen habt, nämlich wohin.

Unsere E-Mail-Adresse lautet info at spurlustpodcast.de und alle weiteren Informationen finden sich wie immer in den Shownotes. Und übrigens könnt ihr uns natürlich auch sehr, sehr gerne auf den verschiedenen Portalen eine hoffentlich möglichst gute Bewertung hinterlassen. Das würde uns auch sehr freuen. Sylvie, herzlichen Dank fürs Miterzählen. Ich danke dir. Und danke an euch fürs Zuhören. Bis ganz bald und passt aufeinander auf.

This transcript was generated by Metacast using AI and may contain inaccuracies. Learn more about transcripts.
For the best experience, listen in Metacast app for iOS or Android