¶ Podcast Intro und Warnung
Hi, ihr hört German Horror Stories, Deutsche Sagen. Noch mehr Folgen unseres Podcasts, erzählt von Albrecht Schuch, gibt es exklusiv und kostenlos auf RTL Plus Musik. Die Geschichten in diesem Podcast beinhalten fiktive, potenziell verstörende Szenen und explizite Darstellungen körperlicher Gewalt. Wenn ihr wisst, dass ihr darauf sensibel reagiert, hört lieber einen unserer anderen Podcasts.
Willkommen zum RTL Plus Podcast German Horror Stories – Deutsche Sagen. Mein Name ist Andrea Sawatzky, ich bin Schauspielerin und Autorin und ich interessiere mich, solange ich denken kann, für … Deutsche Märchen und Sagen, weil ich glaube, dass sie uns unsere Urängste widerspiegeln, was einen gerade bedrückt oder bedroht. Und genauso ist es ja bei Märchen und Sagen, dass es manchmal sehr überspitzte Schilderungen sind.
Wie in den Albträumen, die wir manchmal haben. Und ich freue mich, euch auf die Reise mitzunehmen. Unsere heutige Geschichte handelt vom Erkänger.
¶ Die Legende vom Erkinger
Habt ihr euch schon mal in einer warmen Sommernacht auf eine Wiese gelegt, hoch zu den Sternen geschaut und euch dabei winzig klein gefühlt wie Sandkörner am Strand der Unendlichkeit? Es gibt tatsächlich Menschen, die nicht wahrnehmen, wie klein sie im Vergleich zum Universum sind. Sie finden sogar Gefallen daran, auf andere herabzuschauen. Sie versuchen alles, damit wir uns in ihrer Gegenwart klein und wertlos fühlen.
Sie fürchten. Sie fühlen sich groß, solange sie uns klein halten. Doch es gibt auch solche, die buchstäblich riesig sind. Ich meine nicht solche Menschen, die sich ab und zu den Kopf am Türrahmen stoßen oder im Supermarkt in das höchste Regal greifen können. Ich spreche von Riesen. Im beschaulichen Bad Liebenzell am Rande des Schwarzwalds gab es der Sage nach einst eine Burg. In deren Turm hauste der Riese Erkinger. Dieser Erkinger soll mehr als vier Meter groß gewesen sein.
Und die Menschen fürchteten ihn. Nicht nur wegen seiner Größe und Brutalität, sondern auch wegen seiner Essgewohnheiten. Denn der Erkinger fraß gern frisch vermählte Bräute. Ihre Knochen warf er aus dem Fenster seines Turmes mit solcher Kraft, dass sie minutenlang flogen, bevor sie endlich zu Boden fielen. Im Laufe der Jahre bildeten die Knochen einen wahren Berg an Gebeinen.
So versetzte der Riese Erkinger die Bad Liebenzeller in Angst und Schrecken, bis ihm eines Tages ein mutiger Mann entgegentrat und ihm ein Ende setzte. Die Leiche des Erkingers wurde jedoch nie gefunden. Wer weiß, ob er damals nicht davon kam und heute noch Hunger auf junge Frauen hat. Unsere heutige Geschichte handelt von einer verliebten Frau, die sich einem Monster entgegenstellt.
¶ Kishas Junggesellinnen-Abschied
Hey Jungs, schreit Lola quer über den Parkplatz vor der Disco. Schon mal was von Klos gehört? Oder wollt ihr Bambi wirklich eure Schwänze zeigen? Die drei Typen, die schwankend am Waldrand nebeneinander stehen und zwischen ein paar Autos pinkeln, drehen sich synchron zu Lola und ihrer besten Freundin Kisha um. Kisha lacht und stößt Lola an. Halt die Klappe, sonst kommen die noch her.
Hey, Süße, komm mal rüber, ruft einer der Männer und greift sich an den Schritt. Ich brauche noch Hilfe beim Abschütteln. Die Typen lachen. Kisha rollt genervt mit den Augen und dreht sich weg. Nimm die Hände von der Hose, wenn du mit einer Lady redest, ruft Lola. Einer der beiden streckt ihnen den Mittelfinger entgegen. Ein anderer spuckt auf den Boden und ruft Schlampen. Der dritte wischt sich die Hand an der Hose ab und lallt.
Los Mann, ich will wieder rein. Dann verziehen sich die drei wieder, schwankend und grölend, in die Disco. Kisha atmet auf. Lola lacht. Männer, wow. Wieso willst du sowas gleich nochmal heiraten? Kisha lacht zurück. Frag die, die am längsten von uns allen unter der Haube ist. Sag ja nur, meint Lola. Noch ist es nicht so spät. Du bist nur verlobt. Ich weiß, Jan ist ein Guter, aber niemand sagt, dass du dich für immer an einen Typen ketten musst. Schon klar, grinst Kisha und denkt an Jan.
Wäre der hier, hätte er mit den drei besoffenen Idioten den Boden aufgewischt, wenn sie irgendwas Schräges versucht hätten. Jan macht Kampfsport und hat schon mal ein paar Nazis in den Arsch getreten, die Kiescher in der Fußgängerzone beschimpften. Wegen ihrer Hautfarbe hat sie schon oft rassistische Kommentare und mehr ertragen müssen. Die beiden steigen in Lolas Auto.
¶ Kishas Ängste und Verschwinden
Während sie sich anschnallt, schaut Lola zu Kisha. Sicher, dass du schon nach Hause willst? Ich fahr dich ja gern heim, aber es ist noch nicht mal zwölf. Die Mädels sind alle noch drin und wollen dich feiern. Kisha schüttelt den Kopf. Die können auch ganz gut ohne mich Party machen. Wenn ich mit Jan morgen um zehn beim Wedding Planner antanze, würde ich gern auf Kater und Augenringe verzichten. Wedding Planner, ruft Lola mit übertriebenem Pathos. Oh. Oh. Oh.
Immer nur Jan, Jan, Jan. Ehrlich gesagt war ich schon überrascht, dass sie dich heute mit uns hat losziehen lassen. Was meinst du damit? fragt Kisha verwirrt. Lola lacht nervös. Nichts. Aber manchmal hat er schon ein bisschen so ein Beschützerkomplex, oder? Kisha zuckt mit den Schultern. Doch sie weiß genau, was Lola meint. Fast alle ihre Freundinnen beneiden sie um Jan und sehen ihn als Hauptgewinn.
Dass er wahnsinnig gut aussieht und ebenso gut verdient, ist das eine. Aber er ist dazu noch einfühlsam, witzig, respektvoll und fürsorglich. Manchmal vielleicht zu fürsorglich. Das verunsichert Kisha ab und an. Sie ist 28 Jahre alt und ihre Unabhängigkeit ist ihr immer extrem wichtig gewesen, nicht nur als Frau, sondern auch als Künstlerin. Musik als Beruf, davon träumte sie.
Bisher ist der große Durchbruch zwar ausgeblieben, aber mit ihrer Indie-Band The Bad Loving Cells hat sie schon einige Erfolge in der Region gefeiert. Die Musik war immer die Nummer eins in ihrem Leben. Dann kam Jan dazu. Jan, der darauf besteht, sie zu jedem Konzert zu begleiten, der bald ihr Bräutigam sein wird, mit dem sie nach Stuttgart ziehen wird und der einen topbezahlten Job als Start-up-Berater angenommen hat. Sicher.
Kishas Proben und Konzerte wären weiterhin am Wochenende möglich. Aber wenn es um Jans Premium-Job oder eine künftige Familienplanung geht, ist klar, was Priorität haben wird. Manchmal hadert Kisha, ob sie nicht genau das macht, worüber sie bei manchen Freundinnen so auf den Kopf schüttelt. Die eigenen Träume zurückstellen, damit der Mann seinen Träumen folgen kann. Sie dachte bisher, mit Jan würde alles ganz anders.
Lola startet den Motor. Okay, los geht's. Was für eine Nacht. Das erste Mal, dass ich in so einem Bumsschuppen nüchtern geblieben bin. Und für dich die letzte Partynacht in Freiheit? Lola grinst. Kisha versteht den Scherz, aber so richtig mitlachen kann sie nicht. Was dagegen, wenn ich Musik anmache? fragt sie, als das Auto den Parkplatz verlässt.
und auf die bewaldete Straße einbiegt. Klar, mach, sagt Lola. Aber bitte nicht noch mehr von diesen 90er-Jahre Trash-Pop. Zum Tanzen war's mega, sagt Kisha. Aber hallo! Die beiden wippen auf ihren Sitzen rum, dann brechen sie lachend ab. Warte mal kurz, sagt Kisha. Ich glaube, ich schaffe es nicht ganz bis nach Hause. Kannst du kurz anhalten? Zum Pinkeln? Dein Ernst?
Warum hast du dich nicht einfach zu den drei Pissern auf dem Parkplatz gestellt? Witzig, brummt Kisha. Lola fährt behutsam auf den Grasstreifen zwischen der Straße und dem Fahrradweg. Der Waldrand entlang der Straße wirkt wie eine finstere Kathedrale aus Bäumen. Die dichten Baumkronen lassen keinem Blick auf den ohnehin sternlosen verhangenen Himmel zu. Kaum zehn Meter vor ihnen erleuchtet der Wagen mehrere dicke Stämme, wo die Straße eine scharfe Kurve macht. Lola schaltet den Motor aus.
Da hast du dir ja ein kuscheliges Plätzchen ausgesucht. Ist doch nur Wald, der tut mir nichts. Auf jedem Schützenfest hätte ich mehr Angst, lacht Kisha und löst den Gurt. Sie steigt aus und wirft Lola durchs Fenster einen Luftkuss zu. Als die Tür hinter ihr zufällt, dreht Lola die Musik laut auf und Elektrobeats wummern aus den Boxen. In der Dunkelheit erkennt Lola gerade noch, wie Kisha im Wald verschwindet. Dann lehnt sie sich müde im Fahrersitz zurück.
Kisha braucht ungewöhnlich lange. Nach fünf Minuten, die Lola wie eine Ewigkeit vorkommen, schaltet sie die Musik aus und schaut angestrengt durchs Beifahrerfenster in die Dunkelheit. Sie hört ein Rascheln. Hat sich da etwas bewegt? Kisha? Nein, das war größer. Viel größer. Lola schnallt sich ab und will die Tür öffnen.
Dann stoppt sie sich und lässt das Beifahrerfenster herunter. Kisha! ruft sie nach draußen. Komm jetzt, wir müssen weiter! Niemand antwortet. Lolas Herz fängt an zu rasen. Dann schreit sie in den düsteren Wald.
¶ Erwachen in Gefangenschaft
Kisha! Kisha erwacht in Dunkelheit. Ihr Kopf fühlt sich an, als hätte sie jemand mit einem Baseballschläger umgehauen. Sie kann ihr linkes Auge kaum öffnen, etwas Klebriges ist hineingelaufen. Sie wischt mit der Hand darüber. Eindeutig Blut. Kisha fühlt sich benommen. Ihre Gedanken sind wie Seifenblasen im Nebel. Nur langsam wird sie klarer und erkennt Umrisse der Umgebung. Einen schmalen Lichtstreifen wie von einem offenen Türspalt.
Sie lehnt an etwas Kaltem. Eine Steinwand? Als sie die Füße anzieht, spürt sie etwas an ihrem rechten Knöchel. Sie berührt es vorsichtig mit ihren Fingern und ertastet an ihrem Fuß. Einen Ring aus rostigem Eisen. Er besteht aus zwei runden Hälften. Auf der einen Seite verbunden mit einem Kettenglied, auf der anderen Seite ist ein Bolzen hindurchgetrieben. Sie versucht, ihr Bein auszustrecken.
Da klirrt eine Kette und spannt sich. Der Ring schneidet in Kishas Knöchel und sie stöhnt vor Schmerz. Er sitzt bombenfest. Eine fiese altmodische Fußfessel, wie in einem schlechten Historienfilm. Sei still! flüstert eine Frauenstimme aus dem Halbdunkel wenige Meter von Kisha entfernt. Mit Mühe erkennt sie eine zusammengekauerte Gestalt an der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Wo bin ich hier? fragt Kisha verwirrt.
Ich weiß es nicht, wimmert die Frau von gegenüber. Ich war auf dem Nachhauseweg von einer Party und dann, keine Ahnung, irgendwas ist mir gegen den Kopf geknallt und dann bin ich hier wieder aufgewacht. Wie bei mir, sagt Kisha. Mit ihrer Hand tastet sie die Kette entlang. Sie ist an einem Metallrohr festgemacht. Kisha ertastet das Rohr und das Gestell, zu dem es gehört. Es ist ein Etagenbett aus rostigem Metall.
Ich habe ihn gesehen, als er dich herbrachte. Kisha hält inne. Wen gesehen? Den Mann, das Monster, flüstert die Frau unter Tränen. Wenn das kein Albtraum ist... Muss es wohl ein schlechter Scherz sein, denkt Kisha. Eine absurde Reality-Show mit versteckten Kameras oder vielleicht ein Escape-Game. Hatten sich Kishas Freundinnen einen letzten Prank für den Junggesellinnen-Abschied überlegt?
Sie klammert sich an diesen Gedanken, obwohl der stechende Schmerz in ihrem Schädel und das Blut in ihrem Gesicht etwas anderes andeuten. Vorsichtig steht sie auf und stöhnt, als eine weitere Schmerzwelle durch ihren Schädel jagt. Dann zerrt sie mit beiden Armen am Bett. Es ächzt, bewegt sich aber keinen Zentimeter. Hör auf, sei still, verdammt nochmal, zischt die andere Frau. Das bringt nichts. Willst du, dass er uns hört?
Wenn uns jemand hierher gebracht hat, weiß er doch sowieso, dass wir hier sind. Was ist das überhaupt für ein Typ? Ein Riese, flüstert die Frau. Ein Zyklop, bestimmt vier Meter groß. Mit Händen so groß wie mein Kopf. Oberarme so dick wie Baumstämme. Kisha schüttelt den Kopf. Vier Meter? Baumstammarme? Das Mädel muss vor Angst durchgedreht sein. Und sein Gesicht?
So schrecklich, die Narben, der Gestank. Weinend sackt die Frau in sich zusammen. Irgendwie muss das doch alles Sinn ergeben, denkt Kisha. Die ganze Sache muss sich doch auflösen. Bestimmt kämen jede Minute Lola und die anderen hereingestürmt. Nein, noch besser, Jan in seinem Jujitsu-Outfit. Das würde ihr ein gutes Gefühl geben. Wie heißt du? fragt Kisha. Ich bin Helen.
sagt die andere Frau leise. Ich heiße Kisha und ich muss morgen früh das Menü für meine Hochzeit festlegen. Ich muss scheiße noch mal hier raus. Hast du ein Handy? Meine Handtasche ist noch... Sie unterbricht sich. Was ist eigentlich mit Lola? Wenn das hier kein Prank war, müsste ihre beste Freundin doch längst nach ihr suchen. Und Jan?
Wartet der etwa schon beim Hochzeitsplaner auf sie und ärgert sich, wie so oft, über ihre Unpünktlichkeit? Kisha hat keine Ahnung, wie lange sie schon hier ist. Minuten? Stunden? Ich hab ein Handy in der Hosentasche, aber hier gibt's keinen Empfang. sagt Helen. Kisha überlegt kurz. Aber es hat doch sicher eine LED-Leuchte. Mensch Helen, mach doch das verdammte Licht an. Bitte, bitte sprich leiser, fleht Helen. Ich kann kein Licht machen. Das erregt seine Aufmerksamkeit.
Ah, stimmt, lacht Kisha trocken. Der 4-Meter-Riese. Dann holt sie tief Luft und ruft mit aller Kraft. Hallo, hört mich jemand? Hilfe, ich will hier raus. Keine Reaktion. Nur hellen Swimmern. Nein, nein, nicht doch. Einen kurzen Moment ist es still. Dann rumpelt es.
¶ Der Riese erscheint
Mit einem lauten Knall fliegt die Tür auf. Der Lichtschein blendet Kisha und sie kneift die Augen zusammen. Als sie sie wieder öffnet, ist es beinahe dunkel, denn eine riesige Gestalt füllt den Türrahmen aus. Gebückt zwängt sich das Wesen in den Raum. Kisha erkennt eine Silhouette, die bis zur nackten Betondecke über ihnen reicht. Die Gestalt muss sich ducken, um nicht mit dem Kopf anzustoßen.
Wildes, verknotetes Haar steht nach allen Seiten von ihrem riesigen Schädel ab. Ihre dreckige Kleidung sieht aus wie ein Dutzend zusammengenähter Decken. Starr vor Schreck drückt sich Kisha gegen das Etagenbett. Helen hat sich zusammengerollt und zittert. Dann brüllt das Wesen. Ein unmenschliches Grollen, das jedes andere Geräusch in der Luft zermalmt. Unerträglich stinkender Atem schlägt Kisha ins Gesicht.
Es riecht nach Fäulnis, Verwesung und widerwärtig süßlich. Sie muss würden. Das abartig große Ungetüm dreht sich zu Helen um und kniet sich hin. Kisha hört metallisches Klacken. Scheppernd fliegt eine Kette zur Seite. Mit seiner Pranke packt der Riese die langen, blonden Haare der jungen Frau und steht auf. Helen kommt schreiend mit ihm auf die Beine.
Er macht einen Schritt rückwärts hin zu Kisha, die sich an der Seite des verrosteten Doppelstockbettes gegen die Wand drückt. Als hoffe sie, die kalte, rissige Mauer könne sie verschlucken. Mit einem Ruck dreht sich der Riese zu ihr um. Helens Körper hängt hilflos zappelnd an ihm. Im Schatten des Raumes sieht Kisha etwas aufblitzen. Ein Auge?
Als er noch einen Schritt auf sie zustappt, fällt Licht auf den Kopf des Riesen. Sein Gesicht wirkt menschlich, irgendwie. Oder vielleicht war es das mal. Die Züge sind grotesk verzerrt. Von furchigen Narben durchzogen, als hätten riesige Hunde ihre Zähne in sein Fleisch geschlagen. Manche Proportionen sind falsch. Das linke Auge ist eine vernarbte, überwucherte Höhle.
Das rechte funkelt bösartig im Zwählicht. Der Riese öffnet den Mund und wieder verbreitet sich der schlimme Gestank. Gut, scheint er zu grunzen. Vielleicht auch gut. Es ist schwer verständlich. Der Riese geht vor Kisha auf die Knie und öffnet mühelos ihre Fußfessel.
¶ Reise zur Gewölbe des Horrors
Der Gang, durch den der Riese die Frauen zerrt, wäre breit und hoch genug für einen Reisebus. Die Wände sind aus demselben nackten Beton, wie ihr vorheriges Verlies. Hier und da sind sie mit unleserlichen Fragmenten. Aufschriften versehen. An der Decke hängen vergitterte Lampen, doch das Licht stammt von selbstgebauten, russigen Vatteln, die alle fünf Meter in primitiven Halterungen stecken. Kisha und Helen stolpern hinter ihm her.
ihre Arme fest im Griff seiner riesigen Hände. Links und rechts des Ganges führen geöffnete Türen in dunkle Räume. Kisha sieht weitere Etagenbetten, etwas, das wie ein primitives Klo aussieht. Und ein Lager mit großen, leeren Holzkisten. Ein Bunker, denkt sie und erinnert sich vage an Geschichten über Sperrgebiete im Schwarzwald. An vermeintlich geheime Versuchsgelände der Nazis und später der französischen Armee.
Und an Gruselgeschichten auf dem Schulhof, von untoten SS-Männern, magischen Ritualen im Wald und einer Burgruine, in der ein riesiger Menschenfresser wohnen soll. Plötzlich bleibt der Riese stehen und Kisha prallt beinahe gegen ihn, als er die Frauen loslässt. Helen stürzt zu Boden und stöhnt vor Schmerz. Wäre jetzt der Moment, um einfach wegzurennen? Aber wohin sollten sie fliehen?
Sie hätten keine Ahnung. Der Riese nimmt eine Fackel aus der Halterung und deutet auf einen Durchbruch vor ihnen in der Wand am vermeintlichen Ende des Ganges. Dahinter erkennt Kisha undeutlich Felsen und uraltes Mauerwerk. Der Riese grunzt und zeigt auf das Loch. Erwartet er, dass sie da reinkriechen? Nein, nein!
Heult Helen und schüttelt den Kopf. Der Riese stößt die brennende Fackelspitze in Helens Unterschenkel und versenkt zischend ihre Haut. Sie kreischt vor Schmerz, dann zieht er die Fackel zurück. Kisha schaut entsetzt auf Helens rotglänzende, verbrannte Haut. Sie hilft Helen aufzustehen und stützt sie. Über einen kleinen Haufen Schutt klettern die Frauen in den finsteren Durchgang.
Hinter ihnen quält sich der Riese auf allen Vieren in den Gang, die Fackel vor sich haltend, immer nur ein paar Zentimeter von ihren Fußsohlen entfernt. Vor ihnen sieht Kisha schwaches Licht. Sie stolpern darauf zu, bis sie das Ende des Ganges erreichen und vor einem uralten, gemauerten Gewölbe stehen bleiben. Das Gewölbe ist etwa 10 Meter lang und 5 Meter breit und wird von einem guten Dutzend Fackeln erhält.
In der Mitte steht ein gigantischer Tisch mit einem krude, gezimmerten, absurd großen Stuhl davor. Daneben ein Regal mit Flaschen und Krügen. An den Wänden stapeln sich weitere blind gewordene Flaschen. Und verrostete Konservendosen. Seltsame Zeichen, die wie Runen oder magische Symbole aussehen, bedecken die Wände. Es riecht muffig und faulig wie vergammeltes Fleisch.
¶ Helens schreckliches Schicksal
Rostige Eisenketten an schweren Ringen hängen an einigen Stellen von der Mauer herab. Sein Bunker liegt neben der Burgruine, denkt Kisha. Ein Schnauben hinter ihnen. Die Frauen springen erschrocken ein paar Schritte nach vorn in das Gewölbe. Hinter ihnen zwängt sich der Riese durch das Loch und richtet sich zu seiner ganzen unglaublichen Größe auf.
Helen sinkt wimmernd zu Boden, umklammert ihr Bein und wiegt, wie in Trance, ihren Oberkörper vor und zurück. Kisha will zu ihr, doch der Riese schleudert sie mit einem beiläufigen Wisch seiner Hand zur anderen Seite des Ries. Sie prallt schmerzhaft gegen die Mauer und rutscht zu Boden. Der Riese schleift Helen über den kalten Stein und kettet sie mit einer Schelle ums Handgelenk an der Wand fest. Kisha wirft einen Blick zurück auf den Durchbruch.
Mit wenigen großen Schritten könnte sie dort sein. Der Riese bemerkt Kishas Blick und verzieht seine Fratze zu einem schauerlichen Grinsen, als könne er ihre Gedanken lesen. An der Wand neben dem Durchbruch lehnt eine dicke Stahltür mit halb abgerissenen verdrehten Scharnieren. Auch sie ist mit seltsamen Zeichen versehen, grob dahingeschmiert mit brauner Farbe oder Blut.
Mühelos greift der Riese die Tür und schiebt sie vor das Loch. Das war's mit dem Fluchtplan, denkt Kisha. Der Riese hebt Kisha vom Boden auf wie ein Katzenbaby und zerrt sie zur nächstgelegenen Kette. Klackend schließt sich die Schelle um ihr Handgelenk. Dann geht er in den hinteren, kaum einsehbaren Teil des Gewölbes und beginnt zu hantieren. Es klappert metallisch. Fast wie Besteck.
denkt Kisha. Und in diesem Moment packt sie die Panik. Bisher war sie vor allem überfordert von dieser Situation und der Angst. Doch das Grauen, das sie jetzt spürt, geht tiefer. Aus diesem Albtraum wird sie nicht mehr wach. Das hier ist real. Vor ihr steht ein Monster, gegen das sie keine Chance hat, das sie nie wieder gehen lassen wird.
Jan, wenn der jetzt hier wäre, auch ein Riese würde ihm keine Angst machen, selbst wenn er sechs Meter groß wäre. Verdammt, Jan hatte ihr noch angeboten, sie von der Disco abzuholen. Aber sie musste ja ablehnen und sich über sein Helfer-Syndrom lustig machen. Flammen erhellen das Gewölbe, als die Riese sich an einer Feuerstelle zu schaffen macht. Die Symbole an den Wänden scheinen kurz aufzuleuchten.
Als würden sie auf etwas warten. Kisha erkennt einen riesigen Drehspieß über dem Feuer. In der Nähe des Tisches sieht sie einen großen Kübel. Er steht neben einem weiteren grob gehauenen Loch in der Steinwand, durch das bläuliches Licht in den Raum fällt. Aus dem Kübel ragt ein eindeutig menschliches Bein. Reste einer Hose ein nackter Fuß.
Kisha erschrickt. Auf dem Boden daneben liegt ein Arm, blutverschmiert, schlank, offenbar der Arm einer Frau. Sie presst sich den Arm vor den Mund und beißt in den Ärmel ihrer Strickjacke, um nicht zu schreien. Der Riese fährt unbekümmert mit seiner Arbeit fort, bis er schließlich zu Helen läuft, ihre Handschelle öffnet und sie mit sich zahlt. Helen schreit und schlägt um sich.
Der Riese scheint es gar nicht zu spüren. Als er Helen zum Tisch zerrt und sie ebenfalls den Kübel bemerkt, kreischt sie panisch. Dann erstickt ihr Schrei, als der Riese sie an der Kehle packt. und auf seine Augenhöhe hebt. Mit der freien Hand drückt er beinahe vorsichtig einen Finger in ihren Bauch. Helen strampelt panisch, doch sie kann sich nicht aus der Umklammerung lösen.
Der Riese dreht sie langsam hin und her, wirkt beinahe neugierig und seltsam konzentriert. Als wolle er ihr Fleisch prüfen, denkt Kisha entsetzt. Hisha schießt in den Kopf, dass sie wahrscheinlich als nächstes an der Reihe ist. Sie zerrt an der Kette, versucht ihre Hand durch die Schelle zu ziehen. Das rostige Eisen schneidet schmerzhaft in ihre Handgelenke, bis sie bluten.
Kisha gibt auf. Dann sieht sie, wie der Riese Helens Arm packt und zu ziehen beginnt. Langsam, unaufhaltsam. Er zieht und zieht. Sie brüllt. Es ist das schrecklichste Geräusch, das Kisha je gehört hat. Helens Arm reißt ab. Dann wird sie still. Eine Blutfontäne schießt aus ihrer Schulter und der Riese wirft ihren Körper achtlos auf den Tisch. In der Hand hält er ihren Arm, von dem er nun langsam die Reste von Helens Jacke und Bluse abzieht.
Kisha erbricht sich auf dem Steinboden. Helen, wach bloß nicht auf, fleht Kisha in Gedanken. Du willst nicht wissen, wo der Geruch von brennendem Menschenfleisch herkommt oder was sich jetzt dort drüben über dem Feuer dreht. Der Riese hockt hinter dem Tisch am Feuer. Er dreht den Spieß, an dem Helens Arm steckt, langsam und methodisch. Langsam erhebt er sich, geht um den Tisch herum. In seiner Hand glänzt ein Beil.
Als sein Blick auf Kisha fällt, kauert sie sich zusammen. Bitte nicht, komm nicht zu mir, denkt sie. Doch der Riese ist noch nicht mit Helen fertig. Er stellt sich vor den Tisch mit dem Rücken zu Kisha und hebt das Beil. Kisha schließt die Augen und presst die Hände auf die Ohren. Und dennoch hört sie die Schläge. Hört, wie das Beil wieder und wieder niederfährt. Haut, Knochen, Sehnen durchdreht. Hatte Helen auch einen Jan?
Jemanden, der irgendwo verzweifelt auf sie wartet und sich fragt, was passiert ist? Jemanden, der sich das Schlimmste ausmalt und sich doch nicht vorstellen kann, wie der Mensch, den er liebt, von einem Monster zerstückelt wird?
¶ Kishas Entschlossenheit zum Kampf
Die Schläge hören auf. Helen hat es hinter sich. Wenigstens musste sie nicht vorher mit ansehen, was ihr bevorsteht, denkt Kisha. Sie malt sich aus, wie Jan begleitet von einem Trupp Polizisten hereinstürmt. Er ist sonst immer zur Stelle. Manchmal sogar, wenn sie es gerade gar nicht gebrauchen kann. Wo zum Teufel bleibt er?
Gehört nicht zu jedem Märchen von Burgen, Riesen und gefangenen Prinzessinnen auch ein fucking Ritter, der sich aufmacht, um das Monster zu töten? Vorsichtig hebt Kisha den Blick und schaut zum Tisch. Sie sieht gerade noch, wie der Riese einen blutigen Klumpen in Richtung des Kübels wirft. Der Geruch nach verbranntem Fleisch, nach Blut und Exkrementen überwältigt sie. Wieder muss sie sich übergeben.
Kisha weiß, das ist der Endpunkt. Sie ist auf sich allein gestellt. Niemand wird kommen, um sie zu retten. Ritter Jan wird nicht kommen. Und das hier ist kein Märchen. Ihre Strickjacke ist zerfetzt. Das Kleid darunter, in dem sie sich auf der Tanzfläche noch so schön fühlte, ist vollgekotzt und ihr gefesselter Arm ist schmierig von warmem Blut. Kisha denkt nach. Dann beginnt sie, an der Schelle zu ziehen.
Fester und fester. Ein stechender Schmerz, dann fällt die Kette klimpernd zu Boden. Erschrocken blickt Kisha hoch, doch Teresa hat nichts gemerkt. Mit der Hand wischt er über den Tisch. Klatschend fallen Fleischreste und Blut auf den Boden. Dann geht er wieder zum Feuer. Er greift nach dem Spieß, hebt ihn hoch. Kiescher muss sich zwingen, hinzuschauen. Helens toter Arm ist braun und dampft.
Ihre verbrannten Finger sind zu klauen, verkrümmt. Mit einem Ruck zieht das Monster den Arm ab. Er betrachtet ihn zufrieden und hängt den Spieß zurück ins Feuer. Als er seine Zähne in das brutzelnde Fleisch schlägt, und einem Bissen herausreißt, muss Kisha sich wegdrehen. Nur raus hier, denkt sie. Raus, raus, raus. Doch wo lang? Sie scannt den Raum konzentriert.
Der Rückweg in dem Bunker ist versperrt. Auf der anderen Seite des Raumes ist eine weitere Tür, die jedoch mit einem alten, eisernen Schiebeschloss verriegelt ist. Wenn das der Ausgang ist, habe ich nur eine Chance, denkt Kisha. Der Riese setzt sich zufriedenschmatzend auf den absurd großen Stuhl an der schmalen Seite des Tisches und nimmt einen weiteren großen Bissen aus Helens Arm. Kisha und die Tür liegen nun in seinem toten Winkel.
Wenn ich vorsichtig hinter ihm entlang schleichen könnte, denkt Kisha. Sie hebt einen großen Stein vom Boden auf. Nur zur Sicherheit. Dann schiebt sie sich leise an der Wand entlang. Als sie direkt hinter ihm ist, dreht sich der Riese plötzlich um. Sein intaktes Auge blitzt vor Wut. Doch auch Kisha spürt jetzt inmitten all der Angst etwas Starkes, Glühendes, Unbezwingbares. Ihre eigene Wut.
¶ Der finale Kampf und Flucht
Mit einem Kampfschrei schleudert sie ihm den Stein gegen den Kopf und rennt, ohne zurückzuschauen, zur Tür. Der Riese brüllt. Markerschütternd. Unmenschlich. Kisha erreicht die Tür und zerrt mit aller Gewalt an dem Schiebeschloss. Es bewegt sich keinen Zentimeter. Kisha entfährt ein verzweifelter Schrei. Als er sich umdreht, steht der Riese am Tisch, reibt sich den Kopf und gritt.
Doch Kisha will nicht kampflos aufgeben. Sie sprintet zum Tisch und zieht das blutverschmierte Beil von der Platte. Sie wuchtet es mit aller Kraft in die Höhe und schleudert es stöhnend in Richtung des Wesen. Es trifft ihn am Schienbein und poltert zu Boden. Verblüfft greift er sich an den Schnitt, betrachtet seine dreckigen, blutigen Finger und leckt sie genüsslich ab. Seine bösartige Visage verzerrt sich und es dringt ein Geräusch aus seinem Schlund,
das noch schlimmer ist als alles, was Kiescher bisher mit anhören musste. Der Riese lacht, läuft zur Feuerstelle und schnappt sich den heißen Spieß. Kiescher springt zurück, als er anfängt, wild damit nach ihr zu schlagen. Dabei stößt der Riese den Kübel mit den menschlichen Überresten um. Eine eklige Masse aus Blut, Fleischklumpen und Knochen überschwemmt den Boden. Ein Kopf rollt heraus. Hellens Kopf.
Kishas Herz rast in ihrer Brust. Auf dem nassen Boden rutscht der Riese plötzlich aus und fällt rein. Keine Zeit mehr für Panik, denkt Kisha. Sie hat den Kampf aufgenommen. Jetzt muss sie das Märchen zu Ende erzählen. Scheiß drauf, wie sie aussieht. Scheiß auf das vollgekotzte Kleid, auf die Schmerzen und auf Ritter, die niemals kommen werden. Sie wird nicht in diesem verdammten Kerker verrecken und wenn sie sich dafür selbst einen Arm abreißen muss. Ihr Blick wandert hektisch hin und her.
Und fällt wieder auf das grob gehauene Loch neben dem Kübel. Aus ihm dringt jetzt ein deutlicher hellblauer Lichtschein. Kisha traut ihren Augen nicht. Ist das Tageslicht? Während der Riese auf die Beine kommt, nimmt sie Anlauf, springt und zieht sich durch das Loch. Als sie sieht, was sich dahinter verbirgt, entfährt ihr ein Schrei.
Sie blickt auf die Spitze eines Berges aus Knochen und menschlichen Überresten, der mehrere Meter nach unten reicht. Auf den Gebeinen glänzen noch frische, blutige Fleischfelsen. Essensreste, denkt Kisha. Das muss der Abfallschacht sein. An der Schachtwand gegenüber, so nah, dass er sie fast mit der Hand erreichen würde, wenn sie auf die Spitze des Knochenberges steigen könnte, scheint helles Tageslicht durch eine Öffnung.
Der Ausgang. Doch ihr bleibt keine Zeit mehr nachzudenken, denn sie hört schon den Riesen hinter sich brüllen. Kisha wuchtet sich aus dem Loch und lässt sich in den Schach fallen. Sie stürzt den Knochenhaufen hinunter, überschlägt sich, holtert scheinbar endlos den Gebeinshügel hinunter und landet hart auf dem kalten Boden. Knochen bohren sich in ihren Rücken. Ihre ganze Seite ist aufgerissen.
Doch sie spürt keinen Schmerz mehr, nur noch pures Adrenalin, ihr pochendes Herz und den Hass auf dieses Monster. Sie schaut nach oben auf den kleinen Fleck Tageslicht und das Loch in der Schachtwand. Der Riese drückt seinen Kopf hindurch und brüllt sie an. Vorsichtig, aber zielstrebig beginnt Kisha den steilen Aufstieg an die Spitze des Knochenberges, dem Licht entgegen und den brüllenden Zyklopen.
Immer wieder sackt ihr Fuß ein, wenn etwas unter ihm nachgibt und mit einem Knacken bricht. Mehrmals rutscht sie ab und reißt sich die Unterschenkel an etwas Spitzem, Scharfkantigem auf. Doch Tritt für Tritt, Zentimeter für Zentimeter kämpft sie sich nach oben. Zum Kopf ihres Peinigers, der drückt und schiebt und seine Schultern doch nicht durch die Öffnung zwängen kann. Dann hat Kisha ihn erreicht.
steht ihm Auge in Auge gegenüber. Sie bückt sich und ertastet einen glatten, spitzen Knochen. Kisha sieht jetzt etwas Neues im Auge des Riesen. Verzweifelte, nackte Angst. Dieselbe Angst, die er ihr und Helen eingejagt hat. Und vermutlich vielen vor ihnen. Mit einem kräftigen Ruck und weit aufgerissenem Mund versucht er nach ihr zu schnappen. Kisha zuckt, verliert fast die Balance.
Dann kallt sie sich an seinem verfilften, verworrenen Haarschopf fest. Der Riese stöhnt verzweifelt. Oh, ist dir das unangenehm? fragt Kisha. Also ich mag ja Gespräche mit Männern. Auf Augenhöhe. Sie hebt den Arm und rammt die Knochenspitze in das Auge des Riesen. Der grauenvolle Schmerzensschrei heilt im Schacht wieder.
und wird zu einem erbärmlichen Jaulen. Aus der Augenhöhle des Riesen tritt eine glibberige weiße Flüssigkeit, durchsetzt mit dickem Blut. Kisha zieht den Knochen heraus und sticht ihn jetzt in die andere, vernarbte Augenhöhle. Wieder spritzt ihr Blut entgegen, sie spürt dicke, warme Tropfen im Gesicht. Kisha schiebt den Knochen noch ein Stück tiefer hinein, bis das Gebrüll endet und der riesige Kopf leblos nach unten sackt.
Mit einer Mischung aus Triumph und Ekel klettert Kisha von der Spitze des Knochenberges auf den Rumpf des Riesen, der leblos aus dem Loch hängt. Auf seinen Schultern stehend erreicht sie endlich den Rand der Öffnung. und zieht sich raus in die Freiheit. Das grelle Tageslicht des Waldes brennt in ihren Augen. Neben dem Schacht liegen uralte zersplitterte Holzbalken, die wohl früher als Abdeckung dienten.
In der anderen Richtung, zwischen dichten Büschen und Bäumen, ragt ein grauer Betonklotz auf. Der Bunker fährt es ihr durch den Kopf. Kisha läuft los durch den Wald und gelangt an einen rostigen Stacheldrahtzaun. Sie zwängt sich durch eine offene Stelle. Dann hört sie die Hunde und kurz darauf die Rufe. Hier, hier, schnell, da ist jemand.
Als der erste Polizist sie erreicht, muss sie lächeln. Kein Ritter, denkt sie. Kein Jan. Aber wer braucht den schon, wenn man sich selbst retten kann? Sagt Jan, dass ich ein bisschen später komme? Flüstert sie noch. Dann schließt sie die Augen und lächelt. Denn sie hat gerade einen Riesen besiegt.
¶ Fazit und Abspann
Wer sich klein und machtlos fühlt, übersieht oft die Chance, über sich selbst hinauszuwachsen. Gerade wenn wir auf uns allein gestellt sind, uns harten Herausforderungen oder gefährlichen Riesen gegenübersehen, brauchen wir das Vertrauen in unsere eigene innere Stärke und den unbedingten Willen, etwas zu verändern. Dabei können wir die überraschen, die es gewohnt sind, zu erniedrigen, zu missbrauchen und uns zu bestimmen.
Der Riese Erkinger ist ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Heute wissen wir, dass wahre Stärke nicht in der körperlichen, sondern in der menschlichen Größe liegt. Mit ihr können wir sie besiegen. Die Monster in uns und vor uns. Wenn euch diese Geschichte gefallen hat, abonniert diesen Podcast, um keine Folge zu verpassen. German Horror Stories – Deutsche Sagen ist ein Podcast von RTL Plus Musik. Skript Volker Strübing
Regie, Sprachaufnahmen Johanna Steiner. Idee, Story, Redaktion und Skriptbearbeitung Christopher Koch. Redaktionsleitung Silvana Katzer und Ivy Hase. Audio, Produktion und Sounddesign Nikolas Fehmerling. Ein besonderer Dank gilt Bernie Mayer von Wakeworld Studios, Simone Terbrack, Luisa Hanke und Lucy Kieschke. Ich. Ich bin Andrea Sawatzky. Dieser Podcast ist eine Produktion der Audio Alliance.
