Es ist wohl eine der größten Sorgen von Eltern, dass ihre Kinder nicht sicher durch den Straßenverkehr kommen könnten. Sei es beim Spielen als Fußgänger oder mit dem Fahrrad oder auch dann Jugendliche auf dem E-Scooter in irgendeiner Weise verunglücken. Darüber will ich jetzt mit zwei Frauen sprechen, die sich besonders gut mit Kindern und Jugendlichen auskennen.
Ich begrüße ganz herzlich bei mir im Studio Dr. Claudia Haupt, Vorsitzende des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärztinnen in Hamburg. Hallo Claudia. Hallo. Und liebe Charlotte, Dr. Charlotte Schulz. Sie ist Sprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärztinnen in Hamburg. Beide arbeiten als Kinderärztinnen in Hamburg und kennen sich sehr gut aus. Und ich wollte mal als erstes wissen, was muss man sich denn klar machen, was Kinder nicht können?
Was macht es ihnen überhaupt schwierig, sich im Straßenverkehr zu orientieren? Ja, wir wollten dazu einmal einen ganz kurzen Überblick geben, ab wann Eltern sozusagen ihren Kindern, also die Bewegung, sich im Straßenverkehr zu orientieren, zu laufen, zu gehen, zu fahren mit dem Fahrrad, wann sie ihnen das zutrauen dürfen und wann es vielleicht einfach doch noch zu früh ist. Denn Kinder brauchen ja erstmal besondere Grundvoraussetzungen, um sich sicher im Straßenverkehr zu bewegen.
Da geht es um Gleichgewicht, Koordination, Reaktionsvermögen, aber vor allem auch um Wahrnehmung, hören, sehen, Richtung hören, woher kommt das Geräusch von, wo kommt das Auto von hinten, von rechts, von der Seite.
Geschwindigkeiten einschätzen. Da kommt ein Auto, schaffe ich es noch über die Straße, schaffe ich es nicht, wie schnell mag es wohl sein und wir sagen so ungefähr, ab dem sechsten Lebensjahr können Kinder zu Fuß, die das gut gelernt haben und gut geübt haben, sich im Straßenverkehr bewegen.
Und mit dem Fahrrad ist das noch deutlich später, denn da braucht es eben die Routine fürs Fahrradfahren, dass die Kinder sich nicht mehr nur aufs Fahrradfahren konzentrieren, sondern auch wieder ihre Augen und Ohren für den Straßenverkehr überhaupt frei haben.
Ich finde aber schon wichtig, dass wir sagen, dass man mit sechs, wo wir sagen, es geht los, man könnte vielleicht auch erst begleitet und dann alleine zur Schule laufen, mit seinen Routinen, seinen Eingeübten, trotzdem natürlich immer noch nicht den Überblick hat in Verkehrssituationen, weil die zu fokussiert sind aufs Hier und Jetzt und auf ihren kleinen Ausschnitt, die Kinder. Das gehört einfach dazu, dass sie auch noch nicht ausreichend gut Tiefen sehen können.
Das haben wir mal in der Folge zum Sehvermögen erzählt, dass man erst zwischen zehn und zwölf Jahren so gut abschätzen kann. Wie weit ein Objekt entfernt ist wie ein Erwachsener und entsprechend auch erst dann etwa antizipieren kann, wann es einen erreicht haben wird, was du eben schon mal ansprachst, Charlotte. Und das gilt für ganz viele andere Dinge. Also ja, sie können teilnehmen, aber sie müssen immer noch unter besonderen
Vorkehrungen teilnehmen. Ja und es muss auch, die Distanz muss auch passen. Ich kann jetzt nicht ein sechsjähriges Kind eine Dreiviertelstunde durch den Straßenverkehr von Hamburg City irgendwie schicken. Alleine, es geht ja hier um kurze Wege, aber es ist so wichtig, dass die Kinder das üben und dass wir Eltern unseren Kindern das zutrauen. Dann fehlt den Kindern manchmal tatsächlich diese Übung und erst recht der Überblick,
wenn sie dann mit zehn plötzlich alleine los sollen. Das stimmt, das stimmt. Und dieses, ich bleibe am Kantstein stehen, ich stehe nicht direkt an der Straße, auf dem Gehweg gehe ich immer nahe an den Häusern und nicht an der Kante, wo die Autos fahren. Ich muss immer stoppen, ich muss im deutschen Rechtsverkehr links, rechts, links gucken. Ich muss mich immer, immer versichern, weil Erwachsene halten sich nicht immer an die Regeln, wenn ich mich an denen orientiere, kann es schief gehen.
Auch die anderen Verkehrsteilnehmer halten sich nicht immer an die Regeln, ich als Kind muss gut für mich selber aufpassen. Zum Beispiel ein Zebrastreifen, das bedeutet trotzdem stehen und sorgsam gucken. Die Ampel, selbst wenn sie auf grün gegangen ist, heißt sorgsam gucken. Und das kann man Kindern aber sehr gut vermitteln, wenn man es übt. Genau, das Üben nochmal ganz kurz, das kann ja so, oder ich stelle es mir so vor.
Dass man mit den Kindern vielleicht erst an der Hand, also an der Hand der Mutter oder des Vaters zusammen das durchgeht, also an der Ampel stehen bleibt, dann geht und so weiter und dass man dem Kind dann sozusagen in der Betreuung, weiter in der betreuten Situation mehr Freiheiten auch gibt selbst so, wann würdest du denn jetzt losgehen und zeig mal, dass du das kannst.
Ja genau, dass man aber auch einfach Routinen übt, dass man auch das bespricht und sagt, oh guck mal da vorne, da fährt jemand aus der Einfahrt, lass uns mal hier warten. Also, dass die Kinder auch üben, einfach so ein bisschen vorauszuschauen und ach guck mal, die Ampel ist grün, meinst du, wir schaffen das? Nein, lass uns lieber stehen bleiben, jetzt ist sie nämlich schon rot, sonst bringen wir uns in Gefahr und man muss einfach ganz viel mit den Kindern
diese Situation bereden. Und man bewegt sich da ja hin. Und ich weiß nicht, ob du es auch tust, aber ich frage bei der Vierjahresuntersuchung unserer U8 immer die Kinder, bei welcher... Und Ampelfarbe darf man dann rübergehen? Oder ich frage eigentlich, darf man bei Rot über die Ampel? Dann sagen die nein, alle. Alle sagen nein. Aber wenn du fragst, und warum? Was kann denn passieren, wenn du das tust? Sagt weit mehr als die Hälfte, weil dann die Polizei kommt.
Aber der eigentliche Grund, dass man das dann mit ihnen durchspielt, und das mache ich dann, weil die Eltern das vorher offensichtlich nicht gemacht haben oft, dass dann ja, wenn die rot haben, die Autos grün haben und stell dir mal vor, und wenn das Auto dann kommt und das fährt vielleicht auch ganz schnell, das kann in der schlimmsten Fall passieren, das muss man halt mit Kindern einfach wirklich ansprechen.
Da kann man sie nicht vorschützen davor, dass man dieses Szenario einfach mal durchspielt, Damit sie dann wissen, ich bleibe bei Rot stehen, weil das gefährlich ist und nicht, weil sonst die Polizei kommt. Ihr hattet ja schon genannt den Schulweg, beziehungsweise mit sechs Jahren fängt das an, dass Kinder, wenn sie es erst begleitet vielleicht und geübt, dann auch alleine machen können.
Das bietet sich ja sehr an, der Weg zur Schule, der dann idealerweise mit den Eltern erst zusammengestaltet wird und dann können Kinder vielleicht auch in einer Gruppe gemeinsam den dann bewältigen. Wie ist es mit dem Fahrradfahren? Wann können Kinder das überhaupt lernen? Wann kann man damit anfangen?
Wann dürfen die alleine in den Straßenverkehr? Also Fahrradfahren lernen ja viele Kinder heutzutage viel früher, als das noch so zu unseren Zeiten üblich war, weil viele Kinder vom Laufrad, auf das sie mit zweieinhalb Jahren, Steigen so, zwei, drei Jahre. Nahtlos aufs Fahrrad sich setzen und einfach losfahren. Weil das wirklich ein super Training ist. Ja, weil das wirklich die Gleichgewicht- und Koordinationsgeschichten so unheimlich gut trainiert.
Und dennoch ist das ja eine sehr komplexe Leistung, auf der einen Seite das Fahrrad zu fahren, die Geschwindigkeit anzupassen, Hindernissen auszuweichen, zu bremsen, zu lenken und dann den Verkehr im Auge zu behalten.
Und man sagt auch wieder mit sehr viel vorausgegangener Übung und Routine und gemeinsamen Fahrradfahren zur Schule, dass die Kinder eigentlich erst nach der Fahrradprüfung in der Schule, da sind sie neun oder zehn Jahre alt, meistens in der vierten Klasse ja, dann den Weg auch alleine mit dem Fahrrad machen dürften. Ganz viele Schulen sagen, dass die dritte Klasse der frühestmögliche Zeitpunkt ist, wenn die Eltern das so einschätzen, dass ihre Kinder das können.
Und dann ist man unter Umständen genau in dem Alter neun bis zehn. Aber diese Tretroller, also diese Laufräder, die sind auf jeden Fall sinnvoll, ne? Das ist schon eine tolle Übung für die Kinder. Die sind ja alle so verschieden, aber es gibt Kinder, die springen da so drauf an. Und da muss man unglaublich aufpassen, weil sie natürlich mit zwei bis drei, ehrlich gesagt, überhaupt kein Gefahrenbewusstsein haben. Und sich überall einfach kopfüber runter stürzen.
Und es gibt andere, die da sehr zurückhaltend sind. Und dann erst später eben auf das zweirädige Fahrrad steigen. Wichtig ist die Situation, in der das ist. Darf keine Gefahren bergen und sie müssen ihre Helme immer, immer, immer tragen.
Genau, gutes Stichwort. Gutes Stichwort, weil das hat uns neulich auch so ein bisschen angefressen, dass man jetzt nochmal so eine Erhebung gemacht hat und festgestellt hat, dass unter den zwölfjährigen, jetzt sind wir mal bei den größeren, unter den zwölfjährigen Kindern mehr Leute inzwischen, mehr Kinder eine Zahnspange haben, als ihren Helm tragen.
Das spricht ja Bände. Wenn man mit seinem Kind das übt und anfängt, meinetwegen erste, zweite Klasse mit den Kindern gemeinsam mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren, ist es so, das finde ich nochmal so ganz gut, nochmal so als Richtmarke, bis zum achten Geburtstag müssen die Kinder auf dem Gehweg fahren und dann dürfen Begleitpersonen auch auf dem Gehweg mit dem Fahrrad fahren. Natürlich muss man gucken, dass man keinen Fußgänger da umfährt.
Bis zum 10. Geburtstag dürfen sie fahren und danach müssen sie auf der Straße fahren. Ja, und das finden wir eigentlich schon sehr, sehr früh. Also dass ein Viertklässler, der gerade 10 geworden ist, auf die Straße muss, das ist in manchen Verkehrsgegenden eigentlich aus kinderärztlicher Sicht nicht schön. Nee und ich fand das auch als Mutter unheimlich und auch ist es immer noch unheimlich das zu sehen, wenn die so. Also ich glaube man muss sich das gut angucken.
Es gibt nun ja auch viele Radwege in den größeren Städten und die das Ganze natürlich viel viel sicherer machen und das muss man eben immer gucken, dass man seinen Kindern nicht irgendwelchen Gefahren aussicht. Oft ist es ja so, bevor die jetzt selber aufs Fahrrad steigen oder auch am Fahrrad alleine unterwegs sind, sitzen die ja in Fahrradanhängern oder in Lastenrädern und werden so transportiert. Wie funktioniert das denn so?
Das ist eine ganz häufige Frage, auch in der Sprechstunde. Es gibt verschiedene Modelle, wie du gesagt hast. Es gibt zum einen den Fahrradanhänger, den viele auch umbauen können zu einer Art Buggy, den man auch schieben kann, mit dem man auch joggen kann. Und dann kommt immer die Frage, ab wann dürfen wir unser Baby da reinsetzen. Wir könnten ja das Baby im Maxi-Cosi reinsetzen. So weit, so gut, aber die Kinder dürfen einfach noch gar keine Erschütterung haben.
Das heißt, das ist alles nur zum Schieben gedacht, also ganz langsam im Lauftempo. Ab einem Jahr etwa, wenn Kinder wirklich sicher sitzen können mit Helm, darf man sie dann darin transportieren und das heißt am Fahrrad hintendran hinterherziehen. Und das ist mir, wenn ich das mal sagen darf, immer im Straßenverkehr, wenn wir jetzt schon drüber reden, ein ziemlicher, also das finde ich einfach wirklich schwierig, weil die Kinder hinter den Eltern sind.
Die Eltern sind mit ihren Augen nach vorne gerichtet, sehen nicht, was hinter ihnen ist. Die Kinder sind ja angeschnallt, das heißt, sie steigen da ja auch in der Regel nicht aus. Und sie sind sehr niedrig. Aber sie sind sehr niedrig und sie sind im Grunde von einer zeltartigen Struktur umgeben. Das heißt, wenn irgendwas von der Seite kommt, dann sind die Kinder eigentlich
ziemlich ungeschützt. Also das finde ich irgendwie auf Radwegen, im Park, irgendwo im Urlaub, am Strand, irgendwo auf der Promenade alles fein, aber im Straßenverkehr… muss man sich das überlegen. Würdest du jetzt persönlich eher nicht machen mit deinen Kindern? Nicht auf der Straße. Also ganz ehrlich, das kann ich mich ja jetzt outen, ist schon lange her.
Ich habe natürlich, früher gab es ja die Lastenfahrräder nicht, als meine Kinder klein waren und ich hatte natürlich auch so einen Anhänger, aber ich bin ganz penetrant mit dem auf dem Fußweg gefahren. Naja, man muss sich auch mal klar machen, die Abgase gehen alle in Höhe der Kinder irgendwie raus, also von den Autos, die davor, dahinter und daneben fahren. Ich finde es aber vor allen Dingen einfach Das ist gefährlich. Sie sind ein sehr schwaches Glied.
Und bei den Lastenfahrrädern, da spielt noch immer die Straßenlage eine Rolle, die Geschwindigkeit, die damit erreicht wird. Dass diejenigen, die sie steuern, in unserer Wahrnehmung oft sich sehr stark als deutlich stärkerer Part als Verkehrsteilnehmer wahrnehmen, als sie es eigentlich sind. Und dadurch auch wirklich teilweise ein Fahrverhalten an den Tag legen,
das aus unserer Sicht echt riskant ist. Und die Kinder sind da, wenn so ein Ding umfällt, die sind ja gar nicht geschützt mit ihren Köpfen. Und achte mal drauf, wie viele Kinder in solchen Lastenfahrrädern ohne Helm transportiert werden. Das ist wirklich heftig. Und eure Empfehlung wäre immer, dass sie einen Helm aufsitzen, im Anhänger und im Lastenfahrrad. Helm angeschnallt. Und dann hätte ich gerne nochmal hier ein kleines Plädoyer für Kinder jenseits von 5, 6 Jahren.
Ich sehe manchmal Zehnjährige, die in Lastenrädern rumgekarrt werden, wie kleine Prinzen und Prinzessinnen. Ich meine, wir können unsere Kinder künstlich klein halten. Das ist kurz vor Elterntaxi, würde ich sagen. Das ist gleichwertig. Also ich finde das wirklich, man macht seine Kinder so unselbstständig. Ja, es ist praktischer, man muss die nicht alle zusammenhalten und gucken, ob einer vor oder hinter und irgendwie zur Seite fährt.
Der Witz ist ja, bis sieben ist es nur erlaubt vom Hersteller. Also es gibt eine Altersgrenze, für die das überhaupt geeignet ist und freigegeben ist, aber die wird sehr häufig überschritten. Also traut euren Kindern mal ein bisschen was zu. Okay, vielen Dank, das war sehr informativ. Liebe Claudia, liebe Charlotte und bis zum nächsten Mal. Vielen Dank. Bis zum nächsten Mal.
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