Glück gehabt! - podcast episode cover

Glück gehabt!

Jul 02, 202630 minEp. 153
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Ein Mann hat seit zwei Wochen Bauchweh, Durchfall und Fieber. Die Ärzte entdecken etwas

Großes, Auffälliges in seinem Leib.

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Transcript

Also er hat tatsächlich diese Medikamente, die ihm da verordnet wurden, korrekt eingenommen, also sowohl in der richtigen Dosierung als auch in der richtigen Anzahl pro Tag. Es hat aber letztendlich gar nichts gebracht. Im Gegenteil, also das Ganze ging tatsächlich eher in die falsche Richtung. Die Symptome wurden noch schlimmer. Das heißt, er hatte weiterhin mehrmals am Tag flüssigen Stuhlgang, Durchfall, hatte weiterhin diese erhöhten Temperaturen.

Und war einfach auch, wir nennen das Allgemeinzustand, also war vom Allgemeinzustand her auch reduziert. Man hat wirklich gemerkt, dass in die letzten Tage und Wochen da ordentlich mitgenommen haben. Also die Bilder, die habe ich mir direkt mit dem Kollegen von der Radiologie am Bildschirm angeschaut. Ich habe gar nicht den Befund abgewartet, weil es mich so interessiert hat. Und man hat dann tatsächlich gesehen, dass im Bauch des Patienten sich ein Abszess gebildet hat.

Und zwar kein kleiner Abszess, sondern wir reden da über ungefähr sieben auf sechs Zentimeter, die diese Abszesshöhle gemessen hat. Ärztinnen und Ärzte sollen Leben retten. Sie sollen Krankheiten erkennen und Leiden heilen. Aber was ist, wenn sich eine Krankheit nicht so leicht erkennen lässt? Was, wenn rätselhafte Beschwerden es den Medizinerinnen und Medizinern schwer machen, die Ursache einer Erkrankung zu finden?

Dann kann man nur hoffen, dass man Expertinnen und Experten an seiner Seite hat, die dranbleiben. Die nicht nachlassen, bis sie sie endlich gefunden haben. Die Diagnose, der Stern-Podcast. Ich bin Annika Geißler, Ärztin und Redakteurin und beim Stern für die Rubrik Die Diagnose verantwortlich. Hier erzählen Medizinerinnen und Mediziner von ihren ungewöhnlichsten Fällen. Heute spreche ich mit Dr. Lukas Keiber.

Er hat bereits mit 17 Jahren sein Abitur gemacht und sich dann erstmal für ein Physikstudium entschieden. Bald war aber klar, dass er lieber mit Menschen zusammenarbeiten möchte und so ist er über ein Praktikum im Krankenhaus zur Medizin gekommen. Heute ist er Assistenzarzt in der Facharztausbildung zum Allgemeinchirurgen an den Hessing-Kliniken in Augsburg. Gereizt hat ihn an der Chirurgie das handwerkliche Arbeiten, also als Arzt direkt zu sehen, was man tut.

Mit ihm spreche ich heute über einen Mann Mitte 40, der sich über mehrere Wochen mit Bauchschmerzen und Durchfall quälte. Nachdem erste Behandlungen bei anderen Ärztinnen nicht angeschlagen hatten, kam man in die Notaufnahme. Mit blassem Gesicht, Schweiß auf der Stirn und Fieber. Es war deutlich zu sehen, ihm ging es richtig schlecht. Ja, also das ist wirklich ein sehr interessanter Fall. Und er hat sich zugetragen zu Beginn einer meiner Nachtdienste.

Man muss dazu erwähnen, Nachtdienste an der Uniklinik in Augsburg, die gehen um 15 Uhr los. Und die gehen bis 9 Uhr am nächsten Morgen. Und ich bin dann da also an dem Tag um 15 Uhr zum Dienst erschienen, bin erstmal in die Notaufnahme gegangen, um zu schauen, wie da das Patientenaufkommen ist, und habe mich dann da mit meiner Kollegin aus dem Tagdienst unterhalten. Und die hat mir gesagt, aktuell würden so ungefähr drei bis vier Menschen noch darauf warten, gesehen zu werden.

Und wir haben so eine Grafik im Computer, da sieht man einfach dann den Namen und ganz grob, mit welchen Beschwerden die kommen. Zum Beispiel Durchfall oder Übelkeit seit zwei Tagen. Und dann war eben dieser Mensch, der hatte die Beschreibung hinterlegt, Bauchschmerzen seit zwei Wochen. Und das fand ich erstmal tatsächlich ein bisschen irritierend, dass so jemand in die Notaufnahme kommt.

Da habe ich ihm natürlich mit Unrecht getan. Man denkt natürlich zuerst, warum geht man mit sowas nicht zum Hausarzt, wenn es seit zwei Wochen geht. Aber ja, das war zuerst mal eine Fehleinschätzung von mir. Das sind die Informationen, die man aus dem Computer abrufen kann. Also so Mitte 40 war das Alter und es war ein Mann. Mehr habe ich tatsächlich aus dieser Grafik auch gar nicht erfahren. Wie war das denn, als Sie auf den Patienten persönlich trafen?

Welchen Eindruck hat er auf Sie gemacht? Wen haben Sie da angetroffen? Ich habe einen, würde ich sagen, sehr gepflegten Menschen angetroffen, der total sortiert erstmal rüberkam auf der einen Seite. Auf der anderen Seite hat man ihn aber auch wirklich angesehen, dass er krank ist.

Also er hat so dieses Blasse gehabt, er hatte ein bisschen Schweiß auf der Stirn, dann haben die Kolleginnen und Kollegen von der Pflege seine Vitalparameter gemessen, dann hat man da auch schon gesehen, dass er eine erhöhte Temperatur hat. Zum einen, wie gesagt, das sehr sortierte Bild nach außen, aber zum anderen hat man als Mediziner oder Medizinerin natürlich auch den Blick dafür, dass er tatsächlich eine Erkrankung hat, die man herausfinden muss.

Ja, also mir war dann natürlich schnell klar, dass ich ihm Unrecht getan habe und es hat in mir dann diese natürliche Neugier geweckt, dass ich halt jetzt natürlich herausfinden wollte, warum dieser Mensch seit zwei Wochen Beschwerden hat, weil das dann ziemlich glaubhaft erschien. Nun haben Sie erfahren, zwei Wochen Bauchschmerzen. Sie haben ihn vermutlich genauer befragt. Was haben Sie erfahren? Was ist in diesen zwei Wochen passiert? Und was waren das für Bauchschmerzen?

Gab es da ein bisschen mehr drumherum noch? Ist da noch mehr daheim passiert? Ja, genau. Also ich habe ihn, wie Sie gesagt haben, erst mal genauer befragt. Ich habe ihn dafür in so eine Notaufnahmekabine gebracht. Und er hat mir eben erzählt, dass er seit tatsächlich knapp mehr als zwei Wochen, an Bauchschmerzen leidet. Die Schmerzen hätten im Unterbauch angefangen, wären manchmal krampfartig gewesen, dann wiederum eher stechend.

Er hat zuerst versucht, das auszuhalten, ob es von alleine wieder weggeht. Das ist aber nicht eingetreten. Dann ist er zum Hausarzt gegangen. Und der Hausarzt hat erst mal eine symptomatische Therapie begonnen. Also hat gedacht, er hat irgendwie eine Gastroenteritis, also sprich eine Magen-Darm-Erkrankung. Und hat gesagt, er müsse viel trinken, auf seine Elektrolyte aufpassen. Das hat er auch dann tatsächlich gemacht, hat sie auf sich geachtet. Aber dann wurde es wirklich nicht besser.

Also er hatte immer wieder Durchfälle, die er so auch nicht kannte. Das war tatsächlich neu. Er hat zunehmend erhöhte Temperaturen gehabt. Und tatsächlich noch eine Sache, die ziemlich interessant ist. Er hat an sich keine relevanten Vorerkrankungen bis auf einen Diabetes Mellitus Typ 1. Also eine Zuckererkrankung, wo er dann im Prinzip vom Zuspritzen von Insulin abhängig ist. Und er hat gemerkt, dass er tatsächlich mehr Insulin braucht als sonst in den letzten zwei Wochen.

Nun haben Sie gerade berichtet, der Hausarzt hat empfohlen, Vieh zu trinken, auf die Elektrolyte zu achten. Klingt ja immer so als Stichwort, wahrscheinlich auch mal eine Brühe oder eine Saftschorle oder so zu trinken. Ich nehme an, sowas wie Ibuprofen oder Schmerzmittel hat er auch genommen? Genau, Ibuprofen hat er auch genommen. Er hat wirklich versucht, sich so gut es ging, zu helfen. Naja, mit der symptomatischen Therapie ist es nicht wirklich besser geworden.

Das heißt, die Durchfälle, die haben weiter bestanden. Die Temperatur ist immer weiter erhöht gewesen. Er ist dann zuerst nochmal zum Hausarzt, aber der wusste da nicht so wirklich weiter. Und daraufhin erfolgte dann die Vorstellung an einem kleineren Krankenhaus bei ihm in der Nähe, also in der Nähe von seinem Wohnort, wo er im Prinzip auch schon mal die Beschwerden dann dem nächsten Arzt oder dem nächsten Ärztin geschildert hat.

Wir haben tatsächlich aus diesem Krankenhaus nicht die vollständigen Dokumente da, aber in dem Krankenhaus wurde dann wahrscheinlich aus der Anamnese, also seiner Krankengeschichte und seinen Symptomen, der Verdacht geäußert, dass er eine chronisch entzündliche Darmerkrankung hätte, ein sogenannter Morbus Crohn. Und die haben das tatsächlich dann auch schon medikamentös anbehandelt mit speziellen Medikamenten, die man dann gibt, wenn man denkt, dass so eine Erkrankung vorliegt.

Dazu zählt unter anderem auch so ein Glucocorticoid, also ein Cortisonpräparat. Morbus Crohn, das Stichwort kennen vielleicht einige Hörerinnen und Hörer. Ja, was weiß man darüber? Eine Autoimmunerkrankung, wo kommt das her? Ja, so eine chronisch entzündliche Darmerkrankung bezeichnet eine Erkrankung des Magen-Darm-Traktes, die verschiedene Abschnitte betreffen kann. Es gibt ja im Prinzip zwei große Erkrankungen, die immer erwähnt werden.

Das ist einmal die Colitis ulcerosa, ohne jetzt an der Stelle da näher drauf einzugehen, und dem angesprochenen Morbus Crohn. Und der Morbus Crohn bezeichnet eine fortschreitende Entzündung, sage ich mal, die bei den meisten Menschen zuerst auftritt mit Schmerzen im rechten Unterbauch. Also auch da, wo es bei diesen Patienten tatsächlich wehgetan hat. Von daher war der Gedanke auch nicht ganz abwegig. Es war halt nur noch nicht vollständig korrekt diagnostiziert in diesem Moment.

Nun hatte er schon Cortison bekommen. Das ist ja durchaus ein Medikament, wo man hellhörig wird und sagt, ja, das ist schon was Stärkeres. Das hat ihm aber nicht geholfen. Und letztlich ist er dann deswegen bei Ihnen gelandet, weil es irgendwie doch gar nicht besser wurde? Ja, genau so kann man das sagen. Also er hat tatsächlich diese Medikamente, die ihm da verordnet wurden, korrekt eingenommen. Also sowohl in der richtigen Dosierung als auch in der richtigen Anzahl pro Tag.

Es hat aber letztendlich gar nichts gebracht. Im Gegenteil, also das Ganze ging tatsächlich eher in die falsche Richtung, die Symptome wurden noch schlimmer, und das, was ich gerade eben auch schon mit dem Insulin angesprochen habe, hat sich auch nochmal verändert. Er musste dann zusätzlich noch mehr Insulin nachspritzen, das kann natürlich, auch an diesem Cortisonpräparat gelegen haben, weil das Cortison im Körper auch eine Auswirkung auf den Blutzuckerspiegel hat.

Ich fasse nochmal zusammen. Das Ganze lief schon mehr als zwei Wochen, länger als zwei Wochen. Bauchschmerzen, 40-jähriger Patient, eher im Unterbauch, eher rechts, ein bisschen fiebrig oder Fieber. Durchfälle hat er immer wieder und das war auch noch so, als er bei Ihnen saß. Also das heißt, das war über die zwei Wochen mit den Durchfällen und dem Fieber nicht besser geworden. Ja, das ist richtig. Die Symptome, die haben auch noch bestanden, als er dann zu uns in die Uniklinik gekommen ist.

Das heißt, er hatte weiterhin mehrmals am Tag flüssigen Stuhlgang, Durchfall, hatte weiterhin diese erhöhten Temperaturen. Und war einfach auch, wir nennen das Allgemeinzustand, also war vom Allgemeinzustand her auch reduziert. Man hat wirklich gemerkt, dass ihn die letzten Tage und Wochen da ordentlich mitgenommen haben. Nun tasten Ärztinnen und Ärzte ja ab, gerne in der Notaufnahme und wenn sie Chirurgen oder Chirurgin sind, die Internisten und Internistinnen natürlich auch.

Was haben Sie denn mit ihm gemacht und was haben Sie gespürt beim Abtasten? Ich habe zuerst den Bauch mit dem Stethoskop abgehört. Das ist einfach der Beginn von jeder Untersuchung am Bauch. Da habe ich rege Darmgeräusche gehört. Das bedeutet einfach, dass es eifrig gegluckert hat. Das ist jetzt aber auch nicht überraschend, wenn der Mensch eben angibt, dass er Durchfall hätte.

Dann habe ich begonnen, den Bauch abzutasten und habe vor allem im Unterbauch, aber speziell auch im rechten Unterbauch eine Verhärtung gespürt. Die Chirurgen nennen das eine Abwehrspannung. Das bedeutet eben, dass der Mensch, den man untersucht, gegen dieses Reindrücken in den Bauch dagegen spannt. Das ist ein Hinweis zum Beispiel auf eine Entzündung, aber einfach generell, darauf, dass da im Bauch was im Argen ist, weil ein gesunder Mensch das wirklich nicht haben sollte.

Was hatten Sie da für Differenzialdiagnosen im Hinterkopf? Ich habe in verschiedene Richtungen gedacht. Bei mir ist das so, dass im Kopf immer alle möglichen Schubladen aufgehen. Wenn wir zum Beispiel weibliche Patienten haben, dann denke ich natürlich vor allem erstmal an gynäkologische Differenzialdiagnosen. Das war uns bei dem Herren natürlich nicht notwendig. Da habe ich auch an chronisch entzündliche Darmerkrankungen gedacht.

Ich habe aber auch an mögliche Divertikelleiden gedacht. Das ist ein Zustand, bei dem sich Ausstülpungen aus der Darmwand entzünden. Ich habe auch daran gedacht, dass es von den Nieren kommen könnte, dass vielleicht ein Infekt im Bereich der ableitenden Harnwege vorliegen könnte. Es sind also in verschiedene Richtungen, die ich da gedacht habe. Also wir haben in dem Moment dann eine Urinuntersuchung abgenommen.

Das ist ja zum Glück etwas, was recht unkompliziert funktioniert und was auch ein schnelles Ergebnis liefert. Und gleichzeitig habe ich auch schon bei den Patienten Blut abgenommen und weggeschickt, eben um da nach den Entzündungswerten zu schauen. Können Sie zum Stichwort rektale Untersuchung ein bisschen was erklären? Ich nehme an, das haben Sie auch gemacht. Das ist ja für den Patienten erstmal eine Untersuchung, wo man sagt, das ist unangenehm, muss das sein.

Das hilft Ihnen aber weiter, wenn Sie das machen und ein Häkchen dahinter machen können. Warum macht man das? Ja, absolut. Also ich glaube, dass viele, die jetzt damit noch keine Berührungspunkte haben, sage ich mal, gar nicht wissen, wie viel wertvolle Informationen man daraus ziehen kann. Die rektale Untersuchung beginnt ja mit der Inspektion, Also mit dem Anschauen von außen. Und schon da kann man mögliche Hinweise auf eine Grunderkrankung bekommen.

Zum Beispiel ist es so, dass bei diesen chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, speziell bei dem Morbus Crohn, der ja auch im Raum stand, sogenannte Fisteln vorliegen können. Also das sind so künstliche oder wieder natürliche Gänge, die man im Analbereich sehen kann, die diese Patienten oft haben. Die rektale Untersuchung an sich, die kann einem auch einen Hinweis darauf geben, ob dabei Blut zu sehen ist, ob Schleim dabei zu sehen ist.

Also auf verschiedenen Ebenen kann man tatsächlich dann schon eine Einschätzung treffen, die einem als Arzt oder Ärztin weiterhilft. Tatsächlich habe ich bei diesem Patienten nichts wirklich Auffälliges gefunden. Also sowohl von der Inspektion, vom Anschauen her war das ein fast Normalbefund und auch von der eigentlichen digital-rektalen Untersuchung ist nichts herausgekommen, was mich jetzt weitergebracht hätte. Wie sind Sie denn dann weiter vorgegangen? Sie haben ja vieles veranlasst,

sich vieles angeguckt, abgetastet, abgehorcht. Und dann? Ja, dann war der nächste logische Schritt, einen Ultraschall zu machen von dem Bauch. Ich weiß aus der Geschichte von den Patienten, dass man in diesem ersten Krankenhaus, wo er war, auch schon einen Ultraschall gemacht hat, hat da aber nichts Wesentliches gefunden.

Ich habe trotzdem nochmal eins gemacht, oder um genau zu sein, habe ich eine internistische Kollegin gebeten, eins zu machen, weil die Internisten das bei uns einfach ziemlich gut können. Und die hat sich dann den Bauch im Ultraschall angeschaut. Sie hat so eine gewisse Routine, das heißt, sie schaut sich die Organe immer in einer ganz bestimmten Reihenfolge an, hat die Nieren beurteilt, da war alles okay, also kein Harnstau zum Beispiel, die Gallenblase war okay.

Im Prinzip hat sie nur im rechten Unterbauch, also da, wo es dem Menschen auch wehgetan hat. Er hat den Verdacht geäußert, dass da so eine Flüssigkeitsansammlung sein könnte, die da nicht hingehört, aber so richtig einordnen konnte sie es auch nicht. Gut, dann war das schon mal näher eingekreist und ein paar Sachen waren auch ausgeschlossen oder nahezu ausgeschlossen durch den Ultraschall. Wie ging es denn dann weiter danach? Also Ultraschall gemacht und als nächstes noch feinere Bildgebung?

Genau, also die nächstfeinere Bildgebung wäre dann ja eigentlich ein CT. Es war so, dass in der Zwischenzeit dann schon die ersten Ergebnisse von den, Blutwerten da waren und auch der Urinstatus war da. Das heißt, da habe ich dann schon einen Hinweis darauf bekommen, dass im Blut eine Entzündung nachweisbar ist, aber dass der Urin an sich nicht das Problem war. Also war dann im Prinzip schon der Verdacht da, dass es sich um eine Entzündung im Bauchraum handeln könnte.

Natürlich denkt man bei rechtzeitigem Unterbauchschmerz auch immer an die Appendizitis, also die Entzündung des Blinddarms, wie man ja im Volksmund sagt, obwohl es eigentlich der Wurmfortsatz ist. Ich hätte aber gedacht, dass das die Kollegen auswärts im Ultraschall auch schon gesehen hätten. Wir haben deswegen ein CT gemacht bei diesen Menschen, was eben eine sehr, sehr feine und zuverlässige Bildgebung darstellt. Also die Bilder, die habe ich mir direkt mit dem Kollegen von der Radiologie

am Bildschirm angeschaut. Ich habe gar nicht den Befund abgewartet, weil es mich so interessiert hat. Und man hat dann tatsächlich gesehen, dass im Bauch des Patienten sich ein Abszess gebildet hat. Und zwar kein kleiner Abszess, sondern wir reden da über ungefähr sieben auf sechs Zentimeter, die diese Abszesshöhle gemessen hat. Jetzt müssen Sie uns bitte mal erklären, was ein Abszess ist. Man kennt das irgendwie als Fachbegriff oder Ausdruck, hat was vor Augen oder

ich jetzt gerade. Sie sagen sieben mal sechs Zentimeter, ganz schön groß. Ja, genau. Aber was ist das eigentlich? Man kann ganz einfach sagen, dass es eine abgekapselte Ansammlung von Eiter ist. Also das ist nicht in einer stehenden Körperhöhle wie in einem Gelenk oder wie im Bauch, sondern das ist ein in sich geschlossener Raum. Dieser Abszess war unten rechts im Bauch zu lokalisieren oder auf diesen CT-Bildern gut zu sehen für Sie.

Hatten Sie eine Idee, wie der entstanden war, wo der herkam, warum der jetzt gerade da aufgetaucht ist? Ja, ich hatte dann schon die Idee, dass der Blinddarm oder die Appendix, wie der Fachbegriff ja lautet, dann doch vielleicht der Übeltäter sein könnte, weil das passt genau zu der Lokalisation im rechten Unterbauch. Die Divertikulitis, also die Entzündung von diesen Darmwand-Ausstülpungen, die war auch noch nicht ganz vom Tisch.

Man muss sagen, die tritt hier bei uns in Deutschland tatsächlich eher linksseitig auf. Selten sieht man es aber trotzdem auf der rechten Seite. Wie sind Sie weiter vorgegangen, wenn Sie sagen, ich hatte da schon eine ziemlich klare Idee im Hinterkopf, wo dieser Eiter hergekommen war? Warum jetzt dieser Abszess, also ich finde 6x7 cm, wenn man sich das mit den Fingern abmesst, wirklich großen. Wie dieser große Abszess entstanden ist. Was haben Sie mit dem Mann gemacht?

Naja, zuerst mal habe ich ihm gesagt, was wir gefunden haben und er war darüber sehr erleichtert, dass man endlich eine Ursache, eine fassbare Ursache für seine Beschwerden gesehen hat. Die Therapie, die man dann einleitet, ist tatsächlich die Anlage von einer sogenannten Drainage, Also von einem dünnen Plastikschlauch, den man in diesen Abszess einlegt, damit der Eiter, der sich da gebildet hat, ordentlich abfließen kann.

Diese Drainage legt man an, indem man die Haut am Bauch ein bisschen lokal betäubt und dann einen kleinen Schnitt setzt und das durchführt. Oder wie muss man sich das bildlich vorstellen? Sie als Chirurg machen das ja. Häufig in der Woche oder am Tag. Sie müssen es ja nicht zu blutig beschreiben, aber dass man so ein bisschen versteht, was sie da machen oder wie dieser Schlauch da eigentlich hinkommt. Ja, das ist tatsächlich ein Verfahren, das sie schon sehr gut beschrieben haben.

Die Bauchdecke wird eben über dem betroffenen Gebiet lokal betäubt. Und dann kann man unter Kontrolle mit dem Ultraschall diesen Abszess auffinden und dann punktieren. Das ist tatsächlich nicht ganz so einfach, wie sich das jetzt anhört. Bei uns in der Uniklinik machen das auch wirklich die Radiologen unter Ultraschallkontrolle, weil die eben sehr viel Erfahrung mit dieser Bildgebung haben und mit den Interventionen.

Die legen tatsächlich mehrere Drainagen dieser Art pro Tag und konnten uns auch in dieser Situation dann mit diesem Patienten helfen. Und wie muss man sich das vorstellen? Passiert das in der Notaufnahme noch? Gibt es dann einen extra kleinen OP-Raum, OP-Saal, wo der Patient hingekommen ist? Da muss ja dann auch ein Team zusammenkommen. Wie läuft das ab? Das läuft so ab, dass wir in der Notaufnahme am Uniklinikum, mehrere, ich nenne es mal, Eingriffsräume haben.

Also das sind keine normalen Kabinen, wie man sich vielleicht kennt, sondern das sind speziell ausgestattete Räume, wo solche kleineren Eingriffe durchgeführt werden können. Da ist dann sowohl der Platz da, um das zu machen, aber eben auch das Material ist da vorrätig. Bevor Sie jetzt erzählen, wie es mit dem Patienten weiterging, ich möchte nochmal zurückspringen zu dieser Sache Appendizitis, beziehungsweise im Volksmund sagt man ja Blinddarmentzündung.

Das wäre jetzt auch so ein bisschen mein Gedanke gewesen, wenn ich von einem Menschen höre, der sagt, ich habe irgendwie Bauchweh unten rechts und da drückt es oder es tut weh, wenn man reindrückt und loslässt. Oder ja, es gibt ja verschiedene Zeichen. Können Sie die nochmal uns erklären? und sagen, warum es jetzt in diesem Fall gar nicht so eindeutig war. Weil ich meine, seit zwei Wochen hatte der Patient Schmerzen und das war nicht

so klar herauszuarbeiten gewesen. Ja, richtig, genau. Das war wirklich nicht klar in dem Fall. Also zunächst mal ist es so, dass die klassische Schmerzsymptomatik bei so einer Blinddarmentzündung, ich bleibe jetzt einfach mal bei diesem Begriff, dass sie so aussieht, dass die Menschen zunächst einen diffusen Schmerz überall im Bauch schildern. Der kann zum Beispiel auch im Oberbauch beginnen. Und sie können gar nicht so richtig sagen, wo es wehtut, es zwickt irgendwie überall.

Und mit dem Verlauf, also innerhalb von ein paar Stunden oder einem Tag, wandert dieser Schmerz dann in den rechten Unterbauch. Das wäre so der klassische Verlauf bei einer Blinddarmentzündung. Das lag ja hier nicht vor, die Schmerzen haben direkt irgendwie im Unterbauch angefangen, waren auch eher krampfartig. Das hat also schon mal nicht unmittelbar gepasst. Dann ist es so, dass in der klinischen Untersuchung von uns Ärztinnen und Ärzten sogenannte Appendizitis-Zeichen überprüft werden.

Also ganz spezielle Druckpunkte oder Manöver, die man macht in der Untersuchung des Bauches, die einem einen Hinweis darauf geben können, dass der Appendix, also der Blinddarm betroffen ist. Auch da hat er nicht so wirklich die klassischen Untersuchungsbefunde geboten, muss man sagen. Können Sie da ein, zwei nennen? Also ich glaube, es interessiert die Hörerinnen und Hörer oder mich würde es interessieren, wenn ich jetzt denke, vielleicht bin ich mal selber betroffen, liege daheim.

Natürlich kann ich mich nicht gut selber untersuchen, aber was sollte man da im Blick haben? Ein bestimmter Druckpunkt, wo es dann wehtut unten rechts oder wenn ich auf einem Bein hüpfe, tut es auch weh? Also ich stelle mir jetzt mal vor, ich habe unten rechts Bauchschmerzen und überlege, warte ich ein bisschen oder gehe ich vielleicht doch lieber irgendwo? hin und lass es anschauen. Ja genau, also diese Schmerzen im rechten Unterbauch, die sind Teil dieser Appendizitis-Zeichen,

aber es gibt noch ein paar speziellere. Es gibt zum Beispiel den sogenannten kontralateralen Loslassschmerz. Was heißt das jetzt? Das heißt im Prinzip, dass ich auf der gegenüberliegenden Seite des Unterbauches, also links, rein drücke und dann abrupt loslasse. Und charakteristisch wäre zum Beispiel, dass das Loslassen dann für den Patienten schmerzhaft ist, weil es eine Reizung des Bauchfells verursacht. Und das hatte er zum Beispiel nicht so ganz ausgeprägt in dem Fall.

Also es ist interessant, dass Sie das jetzt nochmal so genau uns erklärt haben, weil man sozusagen, wenn man nur kurz zuhört oder nur kurz sich die Geschichte anguckt, gesagt, ja, wieso, der hat doch Bauchschmerzen und das war ja auch unten rechts und warum sind nicht alle sofort auf Blinddarm gekommen oder dass da was im Argen lag. Aber so richtig gut passten die Zeichen dann eben doch nicht und das war eher irgendwie untypisch, die Lage. Das habe ich jetzt verstanden.

Ich nehme an, Sie haben den Patienten aufgenommen, nachdem die Drainage angelegt war. Wie ging das denn auf der Station mit ihm weiter? Hat er denn schon gemerkt, das tut mir gut oder merkt man das gar nicht so schnell? Ja, ganz so schnell merkt man Aber ich glaube, dass es für den Patienten einfach, vom Kopf her eine enorme Erleichterung war, dass man endlich seine Grundprobleme herausgefunden hat.

Wir haben diese Drainage angelegt und parallel dazu haben wir eine Therapie mit einem Antibiotikum begonnen, das man auch über die Vene gegeben hat, einfach weil das so besser auch an dem Entzündungspunkt ankommt. Und an dem ersten Tag ging es ihm noch nicht wesentlich besser, aber dann doch schon ab dem zweiten, dritten Tag hat man eine merkliche Besserung von seinem Zustand festgestellt und das hat er auch selbst dann so geäußert.

Das heißt, die Durchfälle und das Fieber wurden auch weniger jeweils? Genau, ja, das Fieber hat zügig nachgelassen und auch diese Symptomatik hinsichtlich der Durchfälle, die war regredient, also die hat dann irgendwann aufgehört. Könnten Sie mir noch erklären, wenn ich das Stichwort Blinddarmentzündung höre, würde ich jetzt mal so denken, das muss man doch operieren, da ist irgendwas durchgebrochen, da ist Eiter entstanden, da gab es diesen Abszess in der Bauchhöhle.

Warum machen die Chirurginnen und Chirurgen nicht den Bauch auf und schauen, was da los ist? Sie haben sich ja für diese, ich sage jetzt mal kleinere, feinere Lösung entschieden. Das ist interessant, weil bei Blinddarm denkt man ja immer so, ja, das muss operiert werden und gleich ran. Das war ja jetzt hier zurückhaltender und hat auch funktioniert. Ja, genau, richtig. Man muss aber dazu sagen, dass das eben zutrifft für diese ganz spezielle Form der Appendizitis.

Es ist natürlich selten, dass wir einen so großen Abszess finden. In der Regel sind die kleiner, aber auch dann legt man eine Drainage ein. Warum wird das jetzt nicht operiert? In der Situation liegt natürlich dort im Unterbauch eine ausgeprägte Entzündung vor. Und die Idee ist, dass man zunächst einfach dieses Gebiet mal beruhigt, die Entzündung zum Abklingen bringt und den Eiter nach außen hin ableitet. Das haben wir gemacht mit der Drainage und mit dem Antibiotikum.

Und dann kann man eben im Verlauf schauen, ob es notwendig ist, diesen Blinddarm- bzw. Wurmfortsatz doch nochmal im Rahmen einer OP zu entfernen. Okay. Das heißt, es hätte theoretisch, wenn es jetzt gar nicht sich gebessert hätte, auch noch kommen können, dass Sie sagen, Fieber wird nicht besser, Entzündungswerte werden nicht besser, die Symptome sind immer noch da. Der Eiter ist zwar abgelassen, aber jetzt müssen wir doch nochmal nachschauen. Das hätte schon sein können.

In der Situation, wenn die Symptome bestanden hätten, obwohl wir schon mehrere Tage ein Antibiotikum geben und obwohl der Eiter abgelassen ist, dass man dann gesagt hätte, jetzt muss man vielleicht doch nochmal genauer nachschauen. Wie lange blieb der Patient bei Ihnen? Wie lange hat er diese Drainage gehabt? Wann konnte er wieder nach Hause gehen? Wie ging es mit ihm weiter?

Der hat diese Drainage vier oder fünf Tage gehabt, war besonders dann gegen Ende dieser vier oder fünf Tage wieder ziemlich fit. Wir haben dann die Entzündungswerte im Blut kontrolliert, die waren deutlich rückläufig. Wir haben auch nochmal einen Ultraschall veranlasst von diesem Abszess zur Kontrolle, ob das alles gut funktioniert hat. Es hat sich gezeigt, dass das alles hervorragend klappt.

Wir haben uns dann dazu entschlossen, die Drainage herauszuziehen und den Patienten nach Hause zu schicken. Allerdings mit der Empfehlung, ein Antibiotikum noch weiter einzunehmen als Tablette, nicht als IV-Gabe und das Ganze beim Hausarzt kontrollieren zu lassen. Für Sie ist das ja ein ganz besonderer Fall. Das haben Sie ja eingangs gesagt und ich glaube, Sie erzählen den auch im Studierendenunterricht gerne mal.

Was macht den Fall so besonders und was ist das Fazit für Sie daraus, warum Sie das doch an die Studierenden weitergeben wollen? Ja, dieser Fall hat bei mir dazu geführt, dass ich mich wirklich auch intensiv, mit dieser, man sagt, abszedierenden Verlaufsform der Apendizitis auseinandergesetzt habe. Und ich habe gemerkt, dass diese Form tatsächlich im Studium kaum gelehrt wird.

Also es ist einfach vielen Ärztinnen und Ärzten, wenn sie mit dem Studium fertig sind, gar nicht bekannt, dass es eine Form der Blinddarmentzündung gibt, die sich so atypisch äußert. Und das habe ich zum Anlass genommen, alles einfach öfter mit Medizinstudierenden durchzusprechen und sie dafür zu sensibilisieren, was es für spezielle Verlaufsformen geben kann.

Und wir nehmen mit, oder ich nehme persönlich mit, Blinddarmentzündung, Appendizitis ist nicht einfach nur unten rechts mal mit dem Finger reindrücken und dann tut es weh. So einfach ist es ja nicht. Es gibt einen Strauß von Symptomen, es gibt viele verschiedene Facetten. Und wenn sich das über mehrere Tage und Wochen zieht, Fieber dabei ist, Durchfälle dabei sind, dann darf man vielleicht sogar mal in die Notaufnahme gehen, wenn man es zum Hausarzt nicht mehr schafft.

Ja, absolut. Ja, es vorher nicht so richtig klar war, was es ist. Also das ist für mich irgendwie auch eine Erkenntnis, die neu ist. Ganz herzlichen Dank, dass Sie bei uns waren und den spannenden Fall mit uns geteilt haben. Ja, vielen Dank nochmal für die Einladung. Es hat sehr viel Spaß gemacht. Das war die Diagnose. Ich bin Annika Geißler. Bis zum nächsten Mal.

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