Ein 80-jähriger männlicher Patient, schwer krank, war im Urlaub an der Ostsee. Und da hat er wohl auch eine Wunde gehabt, ist damit aber schwimmen gegangen. Dem Patienten ging es dann so innerhalb von einem halben Tag sehr schlecht. Die haben den dann sofort in den OP genommen, so ein radikales chirurgisches Debridement für den Unterschenkel, wo man wirklich die komplette Haut, Unterhaut und ganz wichtig die Faszie wegnehmen muss.
Um der Infektion und auch dieser Bakterie, also dieser Blutvergiftung, Herr zu werden. Er war wirklich kritisch krank und, muss man ganz klar so sagen, wäre fast gestorben. Die Amputation stand natürlich immer mit im Raum. Bei solchen Erkrankungen schwebt das immer mit beim Patienten. Das ist natürlich die radikalste Form des Debridements, dass man dadurch im Gesunden das Körperteil abtrennt, um dann das komplett saniert zu haben.
Ärztinnen und Ärzte sollen Leben retten. Sie sollen Krankheiten erkennen und Leiden heilen. Aber was ist, wenn sich eine Krankheit nicht so leicht erkennen lässt? Was, wenn rätselhafte Beschwerden es den Medizinerinnen und Medizinern schwer machen, die Ursache einer. Ich bin Annika Geißler, Ärztin und Redakteurin und beim Stern für die Rubrik Die Diagnose verantwortlich. Hier erzählen Medizinerinnen und Mediziner von ihren ungewöhnlichsten Fällen.
Mein heutiger Gesprächspartner ist Dr. Heinz Lothar-Meyer. Er ist Oberarzt in der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum Essen. Er ist außerdem Sportmediziner und leitender Notarzt der Stadt Essen. Unfallchirurg zu werden war tatsächlich schon seit der Grundschule sein Wunsch. Nach dem Zivildienst und dem Medizinstudium begann er seine Facharztausbildung an der Uniklinik Essen. Dort ist er mittlerweile seit mehr als zehn Jahren tätig.
Mit ihm spreche ich über den drastischen Fall eines 80-jährigen Patienten, der sich im Badeurlaub an der Ostsee eine gefährliche Infektion zuzog. Das ist jetzt auch schon ein paar Jahre her, aber ich kann mich eigentlich noch ganz gut daran erinnern. Das war auch so ein Spätsommertag im September. Ich hatte Dienst in der Notaufnahme, ganz normaler Tag mit doch schon hohen Patientenaufkommen, auch Schwerverletzten und eben auch Verlegungsanfragen aus anderen Kliniken.
Das ist ganz normal bei uns. Und eben auch diese eine Anfrage nach Verlegung aus einer andersweitigen Uniklinik an der Ostsee oder in der Nähe von der Ostsee, ich weiß jetzt nicht mehr ganz genau, welche Uniklinik, die eine Anfrage hatten zu einem 80-jährigen Patienten, schon kritisch krank, aber stabil, sodass er verlegungsfähig ist, der sich dort im Urlaub befand, chirurgisch schon versorgt wurde und sich jetzt im künstlichen Koma befand. Und die Familie wünschte eine heimatnahe Verlegung.
Der kam hier aus der Rhein-Ruhr-Region, sodass sie dann die Anfrage gestellt haben, ob wir den Patienten übernehmen konnten. Okay, das ist ja erst mal was, was wahrscheinlich ganz... Zu Ihrer Alltagsroutine gehörten Verlegungsanfrage, 80-jähriger Patient, der schon in einer anderen Klinik versorgt worden ist, auch unfallchirurgisch. Da dreut ja noch nicht so viel Großes oder Böses. Und er war im Urlaub krank geworden. Das ist sehr interessant.
Was haben Sie denn so nach und nach über seine Geschichte erfahren, bevor Sie ihn dann in echt gesehen haben? Im Prinzip eigentlich vorher noch nicht viel. Das ist, wie Sie genau gesagt haben, eigentlich ganz normaler Zustand. Hier viele Anfragen und wir checken dann, ob wir die Kamerazitäten haben. Die haben wir meistens natürlich. Wir haben eine eigene Intensivstation, unfallchirurgisch geführt, sodass wir den Patienten dann auch übernehmen konnten.
Und dann im Vorhinein wird halt nicht viel gefragt. Natürlich so Vorerkrankungen, was der Patient hat, wie alt und was da bis jetzt gelaufen ist, in welchem Zustand er ist. Und das andere, das weiter, was dann in die Ursachenforschung geht und um sich Patienten genauer zu befassen, läuft dann auch meistens erst vor Ort. Dann kam der Patient bei Ihnen an, dann haben Sie mehr rausgekriegt. Was war das alles?
Ja, im Prinzip kam er dann abends bei uns an, also ist tatsächlich mit dem Hubschrauber verlegt worden, so größere Strecken, wenn ein Patient stabil ist, war im künstlichen Koma, intubiert und beatmet, also maschinell beatmet, kam der dann bei uns an. Wir holen ihn dann immer bei uns, landet der Pupschrauber auf dem Dach, holen wir ihn dann ab und wird dann bei uns im Schockraum in Empfang genommen. Das machen wir üblich.
Also es ist so ein Prozess bei uns, dass wir schwerkranke Patienten, die verlegt werden, erstmal bei uns über den Schockraum verlegen und den Patienten uns erstmal gründlich angucken und da dann die ganze Krankheitsgeschichte uns darlegen lassen und dann entscheiden, wo der Patient hingeht, ob er zuerst in den OP muss oder auf die Intensivstation stabilisiert werden muss und dann, ob er überhaupt stabil genug ist, dass wir ihn weiter im Haus verlegen können. Schockraum ist ja ein...
Das klingt ja erstmal dramatisch, so ein bisschen nach Emergency Room und so ist es ja auch. Ich glaube, da kommen dann auch wirklich, wenn ein Autounfall stattgefunden hat oder irgendwie eine größere Verletzung, die Patienten als erstes bei Ihnen in die Klinik oder in Kliniken, die das so machen, da kommt ja eine ganze Mannschaft zusammen, nehme ich an bei Ihnen.
Genau, also das ist so der typische Schwerverletzte, Unfall, die kommen dann über den Schockraum und der Vorteil ist, dass da die ganze Mannschaft direkt vorhanden ist, das heißt Anästhesist, bei uns Neurochirurg, Unfallchirurg, wir als Traumalieder. Viel Pflegepersonal, der Radiologe, sodass wir den Patienten dann direkt auch komplett einem auf den Kopf stellen können, um zu gucken, dass er auch wirklich stabil ist und wir den intern auch richtig weiter versorgen können.
Sei es direkt in den OP, wenn da ein Problem ist oder durch die anästhesiologischen Kollegen, falls da ein Problem ist, durch den Transport mit dem Sauerstoff, mit der Intubation, dass wir sofort reagieren können. Natürlich, bei so einer Langstrecke der Verlegung kann ja natürlich viel passieren.
Da können Beatmungsschläuche, Zugänge, alles verrutschen, sodass wir den Patienten erstmal stabil halten können, einmal uns eine Übersicht machen können und der Patient wirklich gut versorgt ist, sodass wir den dann intern weiter verlegen können. Nun hatten Sie diesen 80-jährigen Patienten von dem Hubschrauber-Landeplatz zu sich in den Schockraum geholt. Die ganze Mannschaft war beisammen und hat ihn von oben bis unten angeguckt, unter die Lupe genommen, durchgecheckt.
Was war das für ein Patient? Was haben Sie da vorgefunden? Genau, also berichtet wurde dann von dem Hubschrauber-Notarzt. Das ist ein 80-jähriger männlicher Patient, wie angekündigt. Schwer krank, in einem kritischen Zustand, aber stabil, im künstlichen Koma, maschinell beatmet, mit Unterkatekulamin-Therapie, das heißt mit kreislaufunterstützenden Medikamenten. Zur Vorgeschichte, wie berichtet, war er im Urlaub an der Ostsee und hatte ein paar Vorerkrankungen.
Im Prinzip hatte er ein Diabetes mellitus, war kardial vorerkrankt, das heißt so koronare Herzgefäßerkrankungen, hohen Blutdruck und auch eine Polyneuropathie, wahrscheinlich durch den Diabetes geschuldet und auch schon einen schlechten Gefäßstatus an den unteren Extremitäten, also an den Beinen vor allem. Und da hat er wohl auch eine Wunde gehabt. Das wurde dann berichtet, dass er das wohl schon öfters hatte, kannte.
Bei solchen Patienten dauert das immer ein bisschen, bis die Wunden dann zuheilen durch den schlechten Gefäßstatus, weil das dann schlecht mit Blut versorgt ist. Und wieder im Urlaub hatte er wieder so eine Situation, Patienten vor allem mit der Polyneuropathie, Die stoßen sich manchmal, haben Wunden und merken das nicht richtig. Und durch den schlechten Gefäßstatus und auch durch die Vorerkrankung heilt er schlecht.
Das hat er wohl auch in dem Urlaub gehabt, ist damit aber schwimmen gegangen, hat er auch berichtet, wie man so schön sagt, Salzwasser soll ja desinfizieren. Und das hat sich dann im Laufe des Urlaubs infiziert. Das kannte er auch von vorher schon, dass das halt ein bisschen grötet, dass da so ein bisschen Eiter rauskommt, dick wird. Aber mit einem Unterschied diesmal, dass das sehr, sehr schnell und fulminant sich ausgebreitet hat.
Das heißt, die Rötung, die Schwellung ist sehr schnell größer geworden. Auch dem Patienten ging es dann so innerhalb von einem halben Tag sehr schlecht, wurde schläfrig, hat Hochfieber bekommen, Unwohlsein, mit Übelkeit erbrechen. Woraufhin dann die Ehefrau den Rettungsdienst gerufen hat und der Patient dann erst mal dort vor Ort in ein Kreiskrankenhaus gekommen ist.
So wie es berichtet wurde. Und die Kollegen das dann schon richtig erkannt haben, dass den Patienten schon so ein Sepsis hat, also eine Blutvergiftung und auch schon die höhere Stufe einen septischen Schock hat. Mit dem Fokus von dieser Wunde am Unterschenkel ausgehen. Da gibt es dann so ein Wort, diese nekrotisierende Fasziitis, das schon ein großer Notfall, ein chirurgischer Notfall ist.
Das war dann im Raum eine Verdachtsdiagnose, sodass die Kollegen den Patienten dann richtigerweise in ein Uniklinikum vor Ort verlegt haben. Und dort ist er dann sofort in den OP gegangen. Und dann hat man Antibiotika über die Vene gegeben. Und hat ihn intensivmedizinisch versorgt, stabilisiert, sodass er dann nach 48 Stunden circa zu uns verlegt werden konnte.
Ich fasse nochmal zusammen, weil das doch von einem, ich sag jetzt mal, so wie ich es mir vorstelle, lauschigen Urlaubsort an der Ostsee, man geht baden, sehr schnell sich geändert hat diese Situation. Der Mann hatte einen Diabetes, war vorerkrankt und sie haben gerade erklärt, naja, bei Diabetikern, dann gibt es die sogenannte Polyneuropathie.
Das heißt, dass die Nerven zum Beispiel in den Beinen oder Extremitäten nicht mehr so sensibel sind und man nicht mehr so schnell merkt, wenn man sich stößt oder eine Wunde hat. So scheint es ja da gewesen zu sein. Und er hatte sich verletzt, war baden gegangen. Das war schlimmer geworden und er war schwer krank geworden.
Fieber, Schüttelfrost, Blutvergiftung haben sie gesagt. also ein dramatisches Krankheitsbild und ist dann in die Uniklinik verlegt worden, also noch nicht in ihre, sondern in die dortige. Haben die chirurgischen Kolleginnen und Kollegen dort noch was mit ihm unternommen oder wurde er gleich so zu ihnen weiterverlegt? Wie war da die Lage?
Also genau, da war die Verdachtsdiagnose von einer Nikotisierenden Fasciite stand im Raum und die haben den dann sofort in den OP genommen, was die richtige Therapie bei solchem Krankheitsbild ist. Das ist ein radikales chirurgisches Debridement für den Unterschenkel, wo man wirklich die komplette Haut, Unterhaut und ganz wichtig die Faszie wegnehmen muss, um der Infektion und auch dieser Bakterie, also dieser Blutvergiftung Herr zu werden.
Genau, das haben die dann auch gemacht. Und dann auch, was wichtig ist, natürlich in dem Rahmen dann danach, die antibiotische Therapie zu beginnen bei der Blutvergiftung. Darf ich da nochmal nachfragen, weil jetzt doch zwei so schwierige Begriffe kamen, ob Sie die nochmal ein bisschen uns erklären können. Das Débridement, das klingt schön nach einem französischen Begriff, was das unfallchirurgisch heißt im OP. und nochmal die nekrotisierende Fasziitis.
Sie haben ja gesagt, da steckt eine Infektion dahinter. Warum das jetzt genau das eine so heißt und das andere? Bloß, dass man diese Begriffe nochmal einordnen kann, bitte. Genau, also die nekrotisierende Fasziitis, das ist, wie gesagt, ein sehr fulminantes chirurgisches Krankheitsbild. Das ist durch jetzt eine Wunde, eine Eintrittspforte, können dann Bakterien einbringen, die dieses Krankheitsbild auslösen.
Meistens, so der Klassiker, sind Streptokokken der Gruppe A. Aber es gibt auch ein paar Ausnahmen, die das machen. Auch so gasbildende Bakterien können sowas auch mal machen. Das knistert dann klinisch so ein bisschen unter der Haut. Das sind Bakterien, die sich sehr schnell an der Faszie entlang ausbreiten und dann sehr schnell von den Extremitäten bis zum Rumpf vorwandern und auch im Blut einschwemmen und sozusagen eine Blutvergiftung machen.
Die dann auch sehr schnell zu einem Multiorganversagen, zum septischen Schock und auch zum Tod führen kann. Ich glaube, in der Literatur ist die nekotisierende Facette mit einer Letalität an den Extremitäten von ca. 20% angegeben. Und wenn das dann den Rumpf, also den Körperstamm, übergreift, nahezu 100% Letalität. Also schon ein sehr fulminantes Krankheitsbild. Was man nur Herr werden kann mit dem Debridement. Das Débridement ist jetzt eine chirurgische Intervention.
Im Prinzip schneidet man dort das komplette kranke Gewebe weg, was man sieht und sozusagen nur noch, gesundes Gewebe hinterlässt. Hier bei der nekotisierenden Faszitis, wie der Name das schon sagt, ist das sehr charakteristisch, dass die Faszier betroffen ist. Das sieht man richtig, da sind so kleine Trompen auf der Faszier, die man dann komplett wegnehmen muss und dann auch mit einem scharfen Löffel so abschabt, ordentlich spült und dann erstmal offen lässt nach der Operation.
Sie haben den Patienten jetzt im Schockraum vor sich gehabt. Das klingt jetzt für die Hörerinnen und Hörer, aber auch für mich alles sehr dramatisch. Sie sind nun Unfallchirurg, sie kennen solche Situationen. Ich weiß, dass das für sie Alltag ist.
Aber das, was sie erzählt haben, dass sozusagen die Bakterien sich verteilt haben, dass es wirklich ein großer Notfall ist, dass es eine hohe Todesrate gibt, wenn man da nicht schnell genug reagiert und wirklich diese befallenen Flächen reinigt im OP beziehungsweise dann auch wirklich entfernt, weil das so gefährlich ist. Das ist ja wirklich ein dramatischer Zustand. Nun war der Patient versorgt worden, zu Ihnen gekommen.
Sie haben ihn im Schockraum begutachtet. Zu welchem Schluss sind Sie gekommen? Wie haben Sie weitergemacht? Genau, also im Prinzip haben wir einen kritisch kranken Patienten vor uns gesehen, der erst mal stabil war, aber noch unter Kreislauf unterstützter Medikamente und künstlich beatmet. Wir haben uns dann natürlich auch als Chirurgen die Wunden einmal im Schockraum angeguckt. Wo wir dann schon gesehen haben, dass das, wie wir sagen, so ein bisschen nachgebrannt hat.
Das heißt, dass sich wahrscheinlich noch nicht alles, krankes Gewebe weggenommen wurde. Das ist ganz typisch, dass man, deshalb lässt man das auch offen nach der ersten OP, dass man dann schauen kann, ob das noch ein bisschen nachgeht, dass wir noch ein krankes Gewebe entdeckt haben, sodass wir den Patienten dann nach Versorgung im Schockraum direkt in den OP genommen haben.
Und dann ein zweites Debridement durchgeführt haben, nochmal krankes Gewebe, Haut, Unterhaut und auch die Faszie weggenommen haben, gespült haben und auch dieses Gewebe, wie das bei uns Standard ist, in die Pathologie und in die Mikrobiologie bei uns geschickt haben. Um einmal zu gucken, ist es überhaupt eine nekotisierende Facitis oder kann es auch was anderes sein?
Und mit welchem Bakterium oder mit welchem Keim haben wir es denn überhaupt zu tun, um dann auch dementsprechend die Antibiose steuern zu können? Was kann denn im schlimmsten Fall passieren? Ich sage jetzt mal neben der Gefahr zu versterben, weil das wirklich so ein schweres Krankheitsbild ist. Sie haben das nochmal sauber gemacht, Sie haben nochmal Gewebe entfernt, was doch noch befallen war. Aber wenn das nichts nützt, was ist denn der nächste Schritt im schlimmsten Fall? Was passiert dann?
Genau, also im schlimmsten Fall ist natürlich die Amputation stand natürlich immer mit im Raum. Bei solchen Erkrankungen schwebt das immer mit beim Patienten. Das ist natürlich die radikalste Form des Debridements, dass man dadurch im Gesunden das Körperteil abtrennt, um dann das komplett saniert zu haben. Nun hatten Sie Gewebeproben in die Pathologie geschickt und in die Mikrobiologie.
Es war ja noch gar nicht klar, welcher Keim eigentlich schuld war, der sich da eingenistet hatte und all diese schrecklichen Beschwerden, Symptome und dieses Krankheitsbild ausgelöst hatte. Wann haben Sie erfahren, was für ein Bakterium das ist? Die ersten Ergebnisse aus der Mikrobiologie, Pathologie kriegen wir so nach 24, 48 Stunden. Und genau, auch in diesem Fall haben wir das dann also gesagt bekommen.
Man fängt natürlich vorher schon mit dem Antibiotikum auch. Auch die Kollegen aus dem anderen Uniklinikum haben natürlich auch schon mit einem Antibiotikum über die Vene angefangen. Da gibt es Standard-Antibiotika, das sind Breitspektrum-Antibiotika. Bei der nekrotisierenden Fasziitis nehmen wir da oft Meronem und Clindamycin, die dann viele Keime abdecken sollen.
Und genau nach 24 bis 48 Stunden haben wir dann den Anruf aus der Mikrobiologie bekommen, dass es sich um ein Vibrio vulnificus handeln würde. Das ist nun ein Begriff für ein Bakterium, der mir gar nicht so geläufig ist. Hat der Ihnen gleich was gesagt? Was ist das? Da kann ich Sie beruhigen. Auch für einen Unfallchirurgen ist das nicht so ein geläufiger Keim.
Wir kannten den vorher auch nicht. Also auch erstmal die Fachliteratur studiert und auch mit den Mikrobiologen Rücksprache gehalten, sodass wir dann nachhinein oder langsam Stück für Stück rausgefunden haben, womit wir zu tun haben und auch ein bisschen mehr Licht in die Vorgeschichte gekommen, wie das zu Infektionen gekommen ist.
Also das ist ein grammnegatives Stäbchenbakterium, was überwiegend in Brackwasser vorkommt, also im Wasser mit niedrigem Salzgehalt, oft an Flussmündungen und eben auch in der Ostsee, da die Ostsee ein niedrigerer Salzgehalt hat als die Nordsee und dort auch in der Nähe von Flussmündungen viele Strände gibt, wo Urlauber baden gehen. Und das Vibrio vulnificus wird erst aktiv ab 20 Grad.
Das heißt, vorher ist es inaktiv und sobald die Wassertemperatur über 20 Grad steigt, wird das Bakterium dann aktiv. Und wenn Patienten oder Menschen dann ins Wasser gehen mit offenen Wunden. Können diese Bakterien in diese Wunde eintreten und diese fulminanten Infektionen auslösen? Das ist ja interessant, dass zum einen die Temperatur, die Wassertemperatur damit zu tun hat, aber auch der Salzgehalt.
Das heißt, die Ostsee scheint dafür eher geeignet zu sein als jetzt, wie Sie sagen, die Nordsee oder der Atlantik. Ich glaube, man liest auch ab und zu im Sommer in den Zeitungen oder in den Medien davon, dass es solche Infektionen mal gab. Aber ich habe das sozusagen nie genau diesem Keim zuordnen können. Das ist sehr interessant.
Als Sie da die Fachliteratur gewälzt haben über dieses Bakterium, ich glaube, man kriegt das nicht nur, wenn man eine Wunde hat und baden geht, sondern es gibt, glaube ich, auch noch einen anderen Infektionsweg, der ganz interessant ist. Genau, über rohverzehrte Meeresfrüchte, vor allem Austern, sind sehr viel beschrieben. Vor allem gibt es da Fallberichte aus den USA und aus Taiwan, die damit in Kontakt gekommen sind.
Insbesondere bei Überschwemmungssituationen infizieren sich dann auch die Meeresfrüchte. Und dann bei dem Verzehr kann man sich damit auch infizieren. Dann natürlich mit anderen Symptomen wie Diarrhoen, also Durchfällen und Magen-Darm-Infektionen und Symptomen. Also es ist vielleicht interessant für alle Liebhaberinnen und Liebhaber von Austern. Die bekommen dann andere Beschwerden, Durchfälle oder Magen-Darm-Probleme.
Das ist dann natürlich unangenehm, aber vermutlich nicht so lebensbedrohlich wie diese Wundinfektion, die Sie heute beschrieben haben. Wie ging es denn mit Ihren Patienten nach der OP weiter? Genau, er kam dann auf die Intensivstation wieder, zur Stabilisierung. Zur Kreislauf, unterstützenden Medikamenten, maschinellen Beatmung und dann weiterhin zur Antibiotikatherapie über die Vene. Das konnten wir dann ein bisschen anpassen, die Antibiotikatherapie, die auch großartig ist.
Angeschlagen haben. Die Infektwerte gingen runter, den Patienten hat sich gebessert. Wir haben den Patienten nach 48 Stunden dann nochmal in den OP genommen. Das sind so normale Zeitabstände, das macht man bei solchen Infektionen, um einmal sicher zu gehen im OP, dann einen Verbandwechsel zu machen, um dann direkt reagieren zu können, wenn wieder nekrotisierendes Gewebe untergegangen ist, um das nochmal zu depredieren.
Aber das sah dann schon deutlich besser aus, wo wir dann eine sogenannte Wacktherapie genommen haben, die sie drauf gemacht haben im OP. Das ist ein Saugverband mit einer Pumpe, die das Wundsekret ablaufen lässt, sodass die Wunde trocken wird und die Bakterien keinen Nährboden mehr haben, um sich weiter auszubreiten und dass die Wunde dann schön granulieren kann und sauber bleibt. Wie lange blieb der drauf? Wie ging das in den nächsten Schritten weiter?
Im Prinzip kann der Verband fünf bis sieben Tage draufbleiben. Man wechselt diesen meistens im OP. Und wenn das dann gut aussieht, das Gewebe, dem Patienten es besser geht. Muss man sich dann überlegen, wie man diese große Wundfläche, wie man die große Wunde wieder, auf gut Deutsch gesagt, zumacht. Dem Patienten ging es dann auch besser. Der konnte dann nach zwei Wochen, meine ich, bis zweieinhalb Wochen wieder auf Normalstation.
War nicht mehr künstlich beatmet, war wach, Keine Medikamente mehr, ein Antibiotikum hat er natürlich noch bekommen, aber die Wunde sah dann soweit gut aus, woraufhin wir uns dann Gedanken machen mussten, wie wir diese große Wundfläche decken. Ich muss da kurz nochmal nachfragen, der Patient war ja, wie Sie gesagt haben, noch im künstlichen Koma, wenn man das so nennt, oder noch beatmet in dieser
Zeit, als es in den OP reinging. Dann haben sie auf Intensivstationen weitergeguckt, noch mal in den OP. Das heißt, da hat er ja nichts von diesen Interventionen mitbekommen. Nun kam er auf Normalstation, da musste er ja wieder wach sein. War das ein großer Schock für ihn? Weil ihm fehlte ja wirklich einen Zeitraum von, ich weiß jetzt nicht, mehreren Tagen. Ja, schon so auch mehreren Wochen, ja.
Klar, für den Patienten, wenn er in so einer Situation aufwacht, ist das natürlich erstmal ein Schock. Er ist auf einer Intensivstation, ihm fehlen zwei Wochen, er wurde mehrmals operiert, er war wirklich kritisch krank und muss man ganz klar so sagen, wäre fast gestorben. Und er sieht natürlich sein Bein, was jetzt geschält wurde und wo man auf den Muskel sieht. Das ist für den Patienten natürlich keine einfache Situation.
Gut, wenn man erklärt, sie wären fast gestorben, sie waren in Todesgefahr, wir mussten so handeln, dann relativiert sich das natürlich nach und nach. Nehme ich an, doch und ja, könnte ich mir so vorstellen. Sie haben gesagt, jetzt war es an Ihnen zu überlegen, wie versorgen wir dieses Bein, wie decken wir das wieder ab, wie haben Sie das gemacht?
Natürlich gibt es da mehrere Möglichkeiten, um so eine Wundfläche wieder zu decken. Im Prinzip, Muss man da viele Sachen mit einbeziehen, natürlich auch Alter des Patienten, Vorerkrankungen. Hier hatten wir natürlich einen Patienten mit fortgeschrittenem Alter, wenn ich das so sagen darf, und ordentlichen Vorerkrankungen.
Wo viele Deckungsmethoden und natürlich auch nur mit einem schlechten Gefäßstatus, viele Deckungsmethoden wie mit freien Lappenplastiken, also so Vollhauttransplantationen und Ähnlichem, natürlich nicht erfolgsversprechend ist, sodass wir natürlich auch die Amputation des Unterschenkels mit dem Patienten besprechen mussten.
Dies hat der Patient nachvollziehbarer Weise abgelehnt, strikt, sodass wir uns andere Gedanken machen mussten und uns schließlich dazu entschieden haben, eine Spalthauttransplantation durchzuführen.
Was ist Spalthaut? Das klingt interessant. Im Prinzip nimmt man gesunde Körperstellen, die nicht befallen waren und trägt die oberste Hautschicht davon ab, mescht die, das heißt man macht so durch ein Apparat kleine Schnitte in die Haut, sodass ein Gitternetz entsteht und das legt man dann auf die betroffenen Hautstellen drauf und die Haut im besten Fall wächst dann dort an, sodass da neue Haut entsteht.
Und das klappte bei diesem Patienten? Genau, und das hat erfreulicherweise bei dem Patienten geklappt, das haben wir durchgeführt, bis auf ein paar kleine Stellen, da ist die Spalthaut nicht angegangen, aber das war kein Problem, das ist dann irgendwann im Verlauf dann zu granuliert und zu gewachsen. Wie lang blieb der Mann denn insgesamt bei Ihnen? Das ist ja doch ein großes Prozedere mit vielen Eingriffen und dauert seine Weile. Auf alle Fälle.
Von Verlegung bis Entlassung waren das zwei Monate. Aber der Patient konnte nach zwei Monaten die Klinik laufend verlassen. Das Bein war gedeckt mit Haut und er konnte laufen. Also ein Happy End nach einem dramatischen Verlauf und einem dramatischen Urlaubsende. Auf alle Fälle. Was ist denn so das Fazit oder die Botschaft, die Sie vielleicht den Hörerinnen und Hörern gerne mitgeben würden?
Sie waren ja selber überrascht über dieses Bakterium und hatten das vorher nicht gekannt, geschweige denn, dass das jetzt in der Ostsee auch beheimatet ist. Was würden Sie gerne den Hörerinnen und Hörern noch mitgeben? Vielleicht, also ich habe auch regelmäßig Urlaub an der Ostsee gemacht. Da geht man natürlich jetzt mit einem anderen Gefühl baden. Natürlich ist das ein sehr seltenes Krankheitsbild und betrifft nicht jeden.
Also ich würde jetzt auch mit einer Wunde noch in der Ostsee baden gehen. Jedoch sollten Menschen mit höherem Alter und starken Vorerkrankungen, insbesondere Diabetes und immunsuppressiven Erkrankungen mit chronischen Wunden oder auch Wunden, um aufpassen, in solchen Gewässern, Brackwassern, Gewässern mit niedrigem Salzgehalt, warmem Wasser, baden zu gehen und das auch im Hinterkopf behalten.
Gerade jetzt im Zug des Klimawandels wird es ja die Polekappen schmelzen, der Wassergehalt steigt, der Salzgehalt sinkt und die Wassertemperatur steigt natürlich auch an, sodass es durchaus sein kann, dass dieser Keim sich weiter verbreitet und das von dieser seltenen Entität doch ein bisschen häufiger wird. Das war die Diagnose. Ich bin Annika Geißler. Bleiben Sie gesund. Bis zum nächsten Mal. Die Diagnose. Der Stern-Podcast.
