Ich sitze gerade in Hamburg auf meinem Stuhl und mir kommt ein ganz, ganz toller, lieblicher Blumenduft entgegen, denn neben mir steht ungefähr der schwerste Blumenstrauß, den ich in meinem Leben jemals hatte und der kommt von euch beiden. Ist richtig, ja. So ist es. Hallo, Doreen. Hallo, Doreen. Hier ist Blume. Und der Anlass ist jetzt so mittellustig, weil du uns verlässt.
Du aufbrichst, davonziehst in die Weite der Welt. Und naja, tut uns jedenfalls sehr, sehr leid, Lorraine, dich gehen zu sehen. Ja, manchmal geht es im Leben schneller, als man denkt. Aber ich bin extrem dankbar. Und jetzt fängt diese Folge ganz schnulzig an, weil ihr die letzten, ich glaube, fast dreieinhalb Jahre an meiner Seite wart, ich auch an eurer Seite war. Ich habe viel von euch gelernt. Ihr, glaube ich, auch ein bisschen von mir.
Und es ist wirklich ganz toll, dass ich mich nicht darin getäuscht habe, dass alte weiße Männer immer schlimm sind. Nee, richtig? Habe ich das richtig formuliert? Nicht getäuscht? Also ihr seid auf jeden Fall... Fast richtig, Lorena. Da fehlte war das Nichts, war so ein bisschen schief gesetzt, aber sonst... Das ist immer das Problem mit den doppelten Verneinungen. Das passiert mir auch immer. Am besten ist es immer, wenn du jemandem eine Frage stellst mit einer doppelten
Verneinung. Dann weiß man nicht, ob er ja oder nein antworten soll. Ich habe aber dich, glaube ich, emotional richtig verstanden und das ist ja wohl die Hauptsache. Okay, gut. Ja, ich bin ein bisschen nervös. Man sieht nur mit dem Herzen richtig. Man sieht nur mit dem Herzen, richtig. Gut, das stimmt zwar, gilt für sie aber nicht. Ach, Loreen, na gut, spielst du uns noch einmal das letzte Mal das Intro ab? Ganz wehmütig spiele ich euch jetzt ein letztes Mal das Intro.
Hier kommt Loreens Intro. Danke. Hallo Blome, hier spricht Jakob Augstein. Nein, Sie sind gar nicht Augstein. Hier spricht Blome und Sie werden auch als Blome angesprochen, weil diese Sendung bald Blome und Blome heißt. Gestern Abend in der Paris-Bar kam eine Frau zu mir und meinte, Nikolaus, Blome? Und dann habe ich zu ihr gesagt, das wird ihn sehr, sehr freuen, wenn ich ihm morgen mitteile, dass sie mich mit ihm verwechselt haben.
Und dann hat sie mich noch versörter angeguckt und ist dann irgendwann weggegangen, hat sich nochmal umgedreht und so. Und ich habe sie jetzt nicht erlöst, weil mir das irgendwie auch zu doof war. Aber ich fürchte, Blume, dass vielleicht kommt das, was wir hier machen, irgendwann an sein Ende. Weil wenn die Leute nicht nur unsere Stimmen nicht mehr auseinanderhalten können, sondern auch uns sozusagen als Personen. Und vielleicht endet das alles hier sozusagen in so einer Art Fusion.
Wir verschmilzen, wir werden nur ein Mensch. Und dann ist es irgendwie, dann wird es, vielleicht ist es einfach dann auch zu viel. Nein, nein, der erste Schritt wird, glaube ich, sein, lieber Kollege Augstein, dass Sie meine Autogrammkarten mitbekommen. Damit sie die einfach dann auch... Weg geben können, denn darum geht es ja auch so ein bisschen, dass Menschen auch was mitnehmen wollen und so weiter und so fort.
Aber dann sind wir ja schon fast bei Friedrich Merz, denn der hat zwar keinen Doppelgänger, aber einen potenziellen Nachfolger. Und in dieser Stadt, ich liebe ja diese Stadt in jeder Hinsicht, in ihrer ganzen Dysfunktionalität, aber eben auch in ihrem ganzen Charme und vor allen Dingen in ihrer ganzen Polithaftigkeit, schwirren und flirren die Gerüchte durch die Gegend. Der Kanzler habe nun fertig und werde demnächst ausgetauscht. Sie als Politprofi, glauben Sie das?
Moment, ganz kurz, Sie wissen, dass ich kein Politprofi bin. Wenn Sie mich so nennen, ist das im Grunde wie so eine Art Kränkung. Die Ironie sticht mir. Sie sind doch von uns beiden hier der Politprofi. Was soll denn das? Ich bin doch hier nur der feutonistische, ich möchte mal sagen, Amateurflaneur. Ich finde, ich habe jetzt viel gelesen über diese Gerüchte. Praktisch in allen Zeitungen, das ist ja sehr komisch. Also wirklich überall.
Ich glaube, die einzige Zeitung, die das nicht so groß gemacht hat, war jetzt die FAZ. Sonst überall praktisch die Gerüchte über Merzens. Möglichen Rückzug oder ich weiß auch nicht, der Kanzlerwechsel. Dann werden die verschiedenen Szenarien durchgespielt. Was kann es denn sein? Eine Minderheitenregierung unter Merz, wenn praktisch diese Regierung nicht hält.
Ein konstruktives Misstrauensvotum im Bundestag und dann die Wahl eines neuen Kanzlers und dann wird der Name Wüst genannt, der NRW-Kollege. Worauf ich hinausfühle, ist, es werden verschiedene Szenarien gehandelt und dann enden alle diese Artikel immer damit, nee, das ist irgendwie unrealistisch, nee, das wird es eigentlich auch nicht, nee, das kann es eigentlich auch nicht sein, nee, das macht ja gar keinen Sinn, nee, dazu wird es nicht kommen.
Und vorher war aber stundenlang irgendwie so, wie darüber geredet wird. Und das vielleicht ein bisschen, ich weiß nicht, ist das ein Performer-Widerspruch? Nee, es ist kein Widerspruch. Es ist ein Paradox. Ah, Paradox. Ja, warum? Weil diese Gespräche hinter den Kulissen in den verschiedensten kleinen Kreisen oder meinetwegen auch adieu mit Journalisten oder auch ohne und dann hört nur der Journalist von solchen Gesprächen, diese Gespräche sind real.
Die finden tatsächlich statt, die sind nicht erfunden. Insofern stimmt das Wort Gerücht auch nicht wirklich. Denn die Gespräche, in denen ventiliert wird, wir können nachher noch der Frage nachgehen, warum diese Gespräche zustande kommen, aber ventiliert wird, wie könnte es weitergehen, muss es mit diesem Kanzler weitergehen, geht man mit diesem Kanzler unter, ja, nein, weiß nicht. Die sind also real. Der Inhalt ist aber nicht realistisch.
Weil es im Moment zumindest keine, auch nur annähernd ein bisschen, ein kleines wenig wahrscheinliche Variante gibt, irgendwelche Ideen von Kanzlerwechsel wirklich ins Werk zu setzen. Technisch ist das möglich. Der Bundeskanzler könnte zurücktreten und ein neuer könnte mit den Stimmen der Koalition gewählt werden. Also wenn der Koalitionspartner mitmacht, kann die CDU den Kanzler quasi täglich wechseln, wenn sie das unbedingt möchte.
Es ist aber nicht realistisch. Friedrich Merz will nicht gehen. Und zweitens würde es ja auch in der Lage der Probleme und all dem Zeugs kein Stück was ändern, den Kanzler auszulösen. Moment, also das ist ja auch, sie Spaßvögelchen, würde ich in dem Fall sogar höchstens sagen. was heißt Friedrich Merz will nicht gehen, ja Hüßle, ich meine, keiner will gehen bis zu dem Moment, wo er das Gefühl hat, er hat keine andere Wahl mehr und dann geht er dann eben doch, also was soll denn das?
Auch wie Sie das jetzt hier eben versucht haben abzumoderieren, ja Gerüchte und so Gerüchte gibt es zwar, es wird zwar geredet und deshalb ist dann auch ein Gerücht, aber es ist eben nicht dahinter. Sie sind vielleicht doch nicht so der Politvuchs, was Ihnen offensichtlich vollkommen entgeht, ist die Dynamik und die Mechanik der Macht und was wir hier erleben ist ein Machtverfall, Denn nur in einem Klima, in einer Situation des Machtverfalls kommt es überhaupt zu solchen Gerüchten.
Nur in einem Klima des Machtverfalls kommt es überhaupt dazu, dass der, um den es geht, nämlich Merz und seine Leute öffentlich dementieren. Das haben die gemacht. Die haben ja dazu Stellung bezogen. Und spätestens das ist wirklich das Döfste, was man machen kann und das Schwächste.
Die haben gesagt, denn aus Merzens Umfeld wurde dann so verbreitet, also sprich praktisch, weiß ich nicht, Stefan Cornelius Bundespresseamt oder keine Ahnung, das seien wüste Spekulationen, die seien naiv und gefährlich und man würde damit das Geschäft der AfD betreiben und außerdem Zündelei und so. Und dann sogar noch der Satz würde noch kolportiert, es sei immer einfacher über Personal zu quatschen, als sich ernsthaft mit den Einkommenssteuersätzen oder der Pflegereform zu beschäftigen.
Das ist das Schwächste, was der Mächtige sozusagen sagen kann, so ich bin hier am Regieren und ihr wisst ja gar nicht, wie das alles ist, so wie die Last der Einkommenssteuersätze auf mich drückt. Worauf ich hinausfülle ist, das Gerücht validiert sich dann selbst. Verstehen Sie das? Das ist ja eine Unterstellung, lieber Kollege Augstein.
Also das Gerücht, das Gespräch, würde ich es lieber nennen, über den Zustand des Bundeskanzlers mit all seinen wirklich verheerend schlechten Umfragewerten, aber auch Zustand des Landes, wo man gar nicht weiß, wie kommen wir da jemals wieder raus. Also dass darüber dann philosophiert wird und inklusive der Spekulation wäre es mit einem anderen Kanzler anders und besser.
Das noch einmal findet real statt, aber es hat keinen Bezug zur Realität und ich glaube auch nicht, dass es die Realität in ihrem Sinne von realem Machtverfall beschleunigen kann. Das würde ja bei Ihnen, wenn Sie recht hätten, lieber August Stein, hieße das ja, wenn die noch ein bisschen länger so weiterreden, ist er hinterher definitiv quasi folgerichtig nahezu automatisch tatsächlich real weg. Und ich glaube, diese Verbindung existiert zumindest noch keineswegs.
Aber das ist schwer vorstellbar. Darf ich nur einen Satz hinzufügen? Bitte sehr gerne. Ich glaube, diese Gespräche, die sich ja so durch die Stadt wälzen. Sind deswegen, glaube ich, eher sinnbild Beleg für eine totale Ratlosigkeit im Umfeld des Bundeskanzlers, sei es Partei oder Regierung und keineswegs Beleg für einen sich anbahnenden Putsch oder gar eine Verschwörung hinter den Kulissen gegen seine Person.
Ja, also ich weiß nicht, reden wir jetzt gerade total aneinander vorbei oder stehe ich im Moment auf dem Schlauch und checke einfach nicht, was die da gerade reden? Können wir nochmal ansetzen, weil vielleicht bin ich auch zu simpel, meine ich jetzt ohne Spaß, vielleicht ist mein Gehirn einfach zu einfach gestrickt, um sozusagen den komplizierten Windungen dieses Vatikanhaften, Kreml-mäßigen Berliner Politbetriebes so zu folgen.
Ich würde sagen folgendes, Sie haben einen Bundeskanzler und es läuft nicht so gut, geht so, also praktisch so mit den Reformen kommt er nicht aus dem Quark, irgendwie so praktisch Herbstreform ausgefallen, Frühjahr des Aufbruchs ausgefallen, jetzt praktisch kommt Sommer und dann wieder der nächste Herbst und so geht es immer weiter.
Und die Leute sind unzufrieden im Land. Offensichtlich sind die Leute in seiner Partei unzufrieden, weil sie sich was anderes versprochen haben und weil er ihnen etwas anderes versprochen hat. Wichtiger Punkt, ja, Stichwort Erwartungsmanagement. Und in diesem Umfeld kommt jetzt, vielleicht macht Henrik Wüstes aus Nordrhein-Westfalen, vielleicht stellt Merz die Vertrauensfrage und darüber wird gesprochen.
Dann wird darüber berichtet, dass darüber gesprochen wird. Und dann sagen die Kanzlerleute, das sei ja naiv und gefährlich und solche Unterhaltung dürfe es gar nicht geben. Das ist sozusagen die Situation. Und jetzt sage ich zu ihnen, ich halte das für ein Zeichen von Schwäche.
Und wenn diese Schwäche sich fortsetzt und sich vor allen Dingen der Eindruck der Schwäche fortsetzt, denn das hat ja immer ganz viel mit Wahrnehmung zu tun, wenn die Leute merken, oh der ist ja wirklich total wackelig, oh der ist aber ganz schön empfindlich, oh die Gerüchte werden ja lauter, dann kann das irgendwann zur berühmten Self-Fulfilling Prophecy werden. Es fängt als kleiner Schneeball an und endet als große Lawine und sie begräbt
Friedrich Merzens politische Karriere unter sich. Und das ist der Analysefehler. Durchaus möglich, dass Friedrich Merz unter einer Lawine begraben wird. Aber das ist dann eine Lawine von realen Problemen und nicht dieser Gespräche. Also wenn ihn wirklich etwas diese Regierung zu Fall bringen könnte, inklusive des Kanzlers. Dann ist es, dass die Wirtschaft nicht aus dem Quark kommt.
Dann ist es, weil diese Regierung doch nicht in der Lage ist, eine halbwegs durchgreifende Steuerreform hinzukriegen, die nicht 2 Milliarden entlastet, sondern 25. Dann ist es, weil die den Sozialstaat nicht getrimmt kriegen, weswegen die Arbeitskosten immer weiter durch die Decke explodieren und noch mehr Arbeitslosigkeit produzieren. Und, und, und, und, und. Kann gut sein, dass dieser Kanzler an den inneren und äußeren Problemen, denen sich Deutschland gegenüber sieht, scheitert.
Aber der Anteil der Gerüchte, dieses Gesprächs, dieses Gemurmels an diesem Scheitern, den werden sie mit der Lupe suchen müssen. Pass auf, jetzt wird es kompliziert. Mal gucken, ob ich das jetzt durchziehen kann. Friedrich Merz hat neulich in einem Interview den antiken Philosophen Epictet zitiert. Das Zitat geht etwa so, es sind nicht die Dinge, die die Menschen verwirren, sondern die Ansichten über die Dinge.
Ich glaube, dass er da auf eine gewisse Weise sozusagen das Motto für unser Gespräch hier gerade gegeben hat. Denn ich glaube, dass was Sie sagen, ist ja völlig richtig mit den realen Problemen. Das ist auch so, wie aus seinem Umfeld kommt die Einkommenssteuerlasten und so. Das stimmt schon alles. Das ist alles irre kompliziert und so weiter. Aber die Ansichten über die Dinge verwirren halt die Menschen noch viel mehr.
Also sozusagen, es ist nicht die Einkommenssteuerlast oder die Rente oder die Ukraine oder so, sondern es ist das Gerede darüber, es ist sozusagen die Missverständnisse darüber, es sind die Ansichten über diese Dinge, mit denen die Leute dann nicht klarkommen und die ein eigenes Gewicht entwickeln und völlig unabhängig davon sozusagen, wie es dann mit der Einkommenssteuerlast ist, kann es sein, dass das Gerede darüber ihn trotzdem in die Tiefe zieht. Verstehen Sie, was ich meine?
Und das kommt bei Ihnen nicht vor sozusagen. Und ich finde ganz kurz, das ist mir wirklich wichtig, weil das macht mir auch gerade großen Spaß, wie Sie vielleicht merken. Denn ich persönlich interessiere mich auch nicht für die Einkommenssteuer oder für die Ukraine oder für die Rente. Vielleicht ist das auch mein Problem, ist auch mein eigenes Problem. Ich interessiere mich aber grundsätzlich immer schon seit vielen Jahren viel, viel mehr darüber, wie darüber geredet wird.
Weil ich glaube, dass in unserer Wirklichkeit, vielleicht ist das auch meine persönliche Perversion sozusagen, ich glaube, dass in unserer Wirklichkeit die Gedanken über die Dinge viel, viel wichtiger sind als die Dinge selber. Weil wir uns mit diesen Gedanken die Wirklichkeit erzeugen. Es gibt schon die Ukraine und die Ankomststeuer. Aber wie wir darüber reden und wie wir sozusagen miteinander darüber streiten, ist fast wichtiger als das Ding selbst.
Und Merz weiß das. Das zeigt, dass er dieses Zitat benutzt hat. Sie wissen das aber nicht, weil Sie immer noch sagen, es kommt am Schluss darauf an, wie er mit der Rente umgeht. Ich glaube, was Sie beschreiben, ist ein Luxusproblem, ist eine Betrachtung der Wirklichkeit aus einer sehr saturierten Position heraus. Für Sie mag es interessant sein, sage ich jetzt in aller Freundschaft, wie über bestimmte Dinge, die Sie nicht interessieren müssen,
geredet wird. Weil die Dinge Sie nicht interessieren müssen. Die Leute, die am Ende des Geldes noch eine Menge im Monat vor sich haben. Die Leute, die die Schwierigkeit haben, ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen, weil die Zinsen zu hoch sind und ihr Gehalt zu klein, die interessieren die Dinge, dann glaube ich sehr existenziell. Und gewiss gibt es auch eine Gruppe von Leuten, denen könnte man jetzt eine Million schenken, jedem Einzelnen, gerade auch in Ostdeutschland.
Und die werden immer noch stinkesauer auf alles, weil sie einfach stinkesauer auf alles sind. Und die sind gar nicht mehr für die Dinge und die Veränderung von Dingen erreichbar. Sehen wir ja bei manchen Fragen. Und trotzdem ähm. Gehen wir doch hier jetzt der Frage nach, woran scheitert Friedrich Merz, wenn er scheitert? Daran, dass hier ein paar Leute durch die Stadt laufen, in irgendwelchen Hinterzimmern miteinander reden, was ihr gutes Recht ist.
Und vielleicht auch ein bisschen mit Journalisten reden, auch mit mir reden und so weiter und so fort. Oder scheitert er daran, dass dieses Land nicht mehr wächst? Mann, Blome à la Bonheur, wie Sie versuchen, mich hier irgendwie so als realitätsfernen Schnösel darzustellen. Geschenkt, nehme ich jetzt einfach mal so hin. Ich sage nochmal, was Ihnen entgeht, ist, dass es Friedrich Merz nicht gelingt. Die Psychologie dieses Landes zu wenden, die Ansichten, die dieses Land hat,
über die Dinge zu wenden. Die Stimmung, wollen Sie sagen. Ja, die Stimmung, weiß ich nicht. Die Stimmung ist mir ein bisschen zu wenig. Es ist ehrlich gesagt ein bisschen mehr als Stimmung. Also da muss ich sagen, Stimmung ist ein bisschen oberflächlich. Es geht tatsächlich sozusagen um die Selbstsicht.
Und das schafft er nicht zu wenden. Und deshalb ist natürlich in dieser Mediendemokratie, in der wir leben, in der Erregungsdemokratie, in der Demokratie, in der Öffentlichkeit, der sozialen Medien, ist natürlich, da können Sie dann wieder sagen, die Stimmung, Entschuldigung, mindestens ebenso wichtig wie die Realität.
Und es ist doch geradezu, es ist jetzt wirklich auch ein bisschen frivol von Ihnen zu sagen so, die Wähler, die wissen ganz genau, wie die Rentenbeträge sind und die Einkommenssteuersätze und wie das Wachstumspotenzial ist, bla bla blub und so und nur ich weiß das nicht in meiner komischen, wie sagen Sie immer, wie nennen Sie das, wo ich wohne, die lichtdurchflutete Altbauwohnung in Berlin-Charlotte-Lottenburg oder so. Paket und Stück.
So, da kann ich nur sagen, Entschuldigung, Mann Blume, dann haben Sie echt den Mechanismus unserer Mediendemokratie nicht verstanden. Sie Top-Journalist, Sie. Augstein, wirklich, wirklich, die armen Lorraine, wirklich, wo müssen wir denn mit ihnen anfangen, Augstein, das ist ja fürchterlich, Ludwig Erhard, Doppelpunkt, Anführung, Zitat, Wirtschaft ist zu 50% Psychologie, Schrägstrich Stimmung, Abführung.
Ja, soweit waren wir schon, dass die Stimmung im Land eine reale Bedeutung auch für große Aggregate wie Bruttosozialprodukt, Inflation und ich weiß nicht was hat. Ist mir schon klar. Die Frage ist doch, noch einmal zurück, kann dieser Bundeskanzler diese Stimmung vermittels politischen Handelns im weitesten Sinne noch einmal drehen, und damit, ob die Hände oder das Ei zuerst da war, auch die reale wirtschaftliche Lage dieses Landes wieder in Wachstum verwandeln.
Oder ist er schon auf einer Rutsche, von der er nicht mehr runterkommt, so wie diese Gerüchte das beschreiben, diese Gespräche das ventilieren? Und ich würde Ihnen an einer Stelle recht geben, es könnte sogar Sinn machen, den Kanzler auszuwechseln, auch wenn alle Probleme drumherum dieselben bleiben, einfach um einen frischen Satz neuer Karten zu haben. Ich glaube nur nicht an diesen Ausgang der Ereignisse.
Ich glaube nicht daran, dass die CDU hingeht, ihren Kanzler auswechselt, gegen seinen Willen. Und dann bliebe der einzige Ausweg, dieser Kanzler muss sich selber neu erfinden. Er muss selber irgendetwas machen, um das Spiel noch einmal komplett neu aufzuladen. Um aus dieser Spirale, in der er sich befindet, der schlechten Laune, der schlechten Werte, der Nervosität, der falschen Reaktionen, der unglücklichen Kommunikation, auch noch einmal mit einmal Reset rauszukommen.
Okay, und wie soll er das machen? Ich habe da einen Plan. Bitte? Ich glaube, es wäre sinnhaft für einen nunmehr 70-jährigen Bundeskanzler zu sagen, dies ist meine einzige Amtszeit. Ich strebe keine Wiederwahl an. Das würde ihm von vielen... Das droht ihm im Moment auch nicht. Die Wiederwahl steht auch nicht unmittelbar bevor. Er ist der unbeliebteste Kanzler, den es überhaupt jemals, wenn ich das richtig verstanden habe, gegeben hat.
Also, dass er wiedergewählt hat, das ist wirklich sehr, sehr lustig. Das ist so, als würde ich jetzt sagen, ich strebe nicht die Weltherrschaft an. Liebe Hörerinnen und Hörer, ich strebe nicht die Weltherrschaft an, ich mache es doch nicht. Das ist jetzt überraschend, Entschuldigung, uninformiert, von den Parteien der sogenannten demokratischen Mitte, wird immer der Kanzler, der halt noch vor den beiden anderen Parteien in der demokratischen Mitte liegt. Denn es sind ja nur noch drei.
Das heißt, solange wie Linkspartei und AfD nicht zusammen rechnerisch eine Mehrheit haben, bleibt ein CDU-Mitglied Bundeskanzler. It is as easy as such. Ja gut, aber die Leute werden den nicht nochmal wählen. Egal. Das ist keine Direktwahl. Vielleicht sollte ich mir das auch nochmal auf die Hunde helfen. Sie sagen, was ist denn heute mit Ihnen los? Sie sind halt so unangenehm, so bürstig, so biestig irgendwie. Sie sind gar nicht so lustig drauf wie ich.
Worauf ich hinaus wollte, ist, dass Friedrich Merz also ihrer Meinung nach sagen sollte, Leute, ich trete nicht nochmal an. Also keine Angst, ich trete nicht nochmal an. Und daraus schöpft er dann die Kraft für diese Reform, diese Groundbreaking-Reform, die in Deutschland notwendig sind. Das finde ich echt eine interessante These.
Andere Leute würden jetzt wahrscheinlich sagen, in dem Moment, in dem der Machthaber sagt, dass seine Tage gezählt sind, denn darauf läuft es hinaus, hat er seine Macht bereits verloren. Dann ist er bereits eine lame duck. Eine lahme Ente. Das könnte sein. Quark, Quark. Die andere Lesart ist aber, es heißt doch immer, wir machen keine richtigen Reformen, weil die alle gesehen haben, was Gerhard Schröder passiert ist. Der hat richtige Reformen gemacht und mit seinem Amt bezahlt.
Ach, hätten wir doch bloß Politiker, die nicht immer nur auf die Wiederwahl schielen. Das ist doch hier die gängige Mantra. Und ein Teil der Analyse des Scheiterns, in Anführungsstrichen, von Gerhard Schröder. So, und das Einzige, was ich daraus schließe, ist, wenn jetzt einer hingeht und sagt, das ist mir egal mit der Wiederwahl, ich bin frei. Ich muss nicht darauf achten, hinterher immer noch eine Mehrheit zu haben. Wo Sie Gerhard Schröder nennen. Es würde das Spiel neu aufladen.
Glauben Sie doch auch, der Blickwinkel auf Merz würde sich völlig verändern. Und der braucht einen neuen Blickwinkel auf sich. sind menschen sind eben keine roboter und lassen sich nicht mit dem taschenrechner ausrechnen deshalb kommen sie doch ist noch gut wenn sie gerhard schroeder erwähnen gerhard schroeder wäre. Vielleicht länger, also Kanzler geblieben und hätte sein Amt nicht so früh verloren, wenn er einfach die Nerven behalten hätte und nicht dieses Misstrauensvotum damals im Bundestag.
Er hatte die Herzkammer der Sozialdemokratie verloren. Aber vielleicht hätte er einfach durchziehen sollen und dann hätten die Wähler, wenn dann die Reform, die er da eingeleitet hat, die haben dann ja Wirkung gezeigt und dann konnte irgendwie schön Angela Merkel von dem profitieren, was er da vorgearbeitet hatte. Wenn er es einfach durchgezogen hätte und so lange ausgehalten hätte. Vielleicht hätte er dann selber von der Ernte sozusagen seiner Arbeit profitiert.
Und das ist doch das Interessante, dass Regierungen scheitern nicht, weil die Leute sich das so vornehmen, sondern weil sie einfach scheitern, weil das einfach in sich zusammenbricht oder weil auch einer nicht mehr kann. Schröder hat einfach die Nerven verloren und konnte nicht mehr.
Wenn Merz jetzt schon dementieren lässt, ist er vielleicht auch gerade dabei, die Nerven zu verlieren und vielleicht haut Merz dann irgendwie in einem halben Jahr einen Sack und sagt irgendwie, oh nee Leute, wisst ihr was, Ihr wisst gar nicht, wie schwer das hier ist mit der Einkommenssteuer und ich weiß nicht was und so. Da fliege ich lieber mit meinem kleinen Privatflugzeug rum. Exakt. Und diese Art Gespräche, so wie Sie jetzt paraphrasiert haben, die gibt es in dieser Stadt.
Aber macht eines dieser Gespräche, das Inhalt, den Sie genau gerade perfekt paraphrasiert haben, seinen Rücktritt wahrscheinlicher oder weniger wahrscheinlich? Oder ist es einfach Kreuz, Entschuldigung, scheißegal, was diese Gespräche für einen Inhalt haben, für die Frage, ob Friedrich Merz tatsächlich den Abflug macht?
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, hier spricht Jakob Augstein und Sie haben eben zugehört, wie der Kollege Blome so eine Art Selbstzweifel bekommen hat, ob die Zunft, zu der er gehört, nämlich die des politischen Journalisten, eigentlich so, was eigentlich der Sinn dieser Arbeit, also ob die eigentlich ihre Arbeit so gut machen oder nicht. Da kann ich Ihnen nicht helfen.
Also ich möchte quasi dieses Kapitel beschließen mit dem Satz, dass ich denke, Es ist wahrscheinlicher, dass sich dieser Kanzler neu erfindet, als dass es einen neuen Kanzler gibt in den nächsten sechs Monaten. Ja, aha, okay. Ich wäre dafür, wir holen Robert Habeck zurück. Aber Lorraine, als was? Als Bundespräsident. Als Bundesteddy? Als Bundespräsident. Er ersetzt ihn. Ich weiß nicht.
Ich glaube, der Robert hatte es auch nicht im Zeug. Der Robert hat nämlich dann, als er irgendwie so in seinem ganzen Narzissmus angekündigt hat, dass er jetzt, als ich aus dem Bundestag zurückzieht, hat er gesagt, ja, oder soll ich hier so rumlaufen als so, Gespinst, als so Ex-Vizekanzler hier so.
Wo man sagt, ja, in der Demokratie wäre das zum Beispiel durchaus möglich, dass du jetzt einfach Abgeordneter bist und trotzdem weiter irgendwie deiner Partei in deinem Land dienst und jetzt bist du dann halt nicht mehr der Bundesrobert, sondern nur so. Aber das ist für ihn nicht vorstellbar. Worauf ich hinaus will, ist, ich glaube, der war auch zu eitel. Der hat sich ja jetzt ein schönes Leben in Kopenhagen gemacht.
Ja, das war mal der beliebteste Politiker Deutschlands und zwar lange Zeit mit großem Abstand. Und da sieht man, dass diese Umfragen vielleicht doch nicht alles sind. Was macht der jetzt in Kopenhagen? Ich glaube, der lebt da sein Leben und kann auf die Straße gehen, ohne belagert zu werden. In Kopenhagen? Ja. Ah, okay. Blume, ein ganz neues Thema. Weg von Kopenhagen, weg von Friedrich Merz, hinein ins Herz der deutschen Geschichte, nämlich zur NSDAP.
Die Mitgliederkartei der NSDAP, der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Die steht ja, wie viele von Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer wissen, seit geraumer Zeit öffentlich zur Verfügung. Erst haben die Amerikaner sie veröffentlicht. Das war irre kompliziert, da konnte sich keiner so richtig durchfuseln. Und dann hat erst die Zeit und dann der Spiegel Anwendungen entwickelt und sozusagen ihren zahlenden Nutzern zur Verfügung gestellt.
Jeder kann jetzt gucken, war Opa, war Oma in der Partei, ja oder nein. Und das ist halt aber auch ganz genau alles, was die Leute dann wissen, nämlich ja mit Mitgliedsdatum und Nummer oder eben nein, konnten wir zumindest nicht finden. Das heißt auch nicht, dass sie nicht in der Partei waren, sondern nur, dass man sie nicht finden kann. Das ist die Situation. Ich muss jetzt mal in einem klaren Satz zu machen, Augstein.
Sie finden heraus, ob es in jenem Teil der NSDAP-Mitgliederkartei, die existiert, eine Karteikarte von Oma oder Opa oder Papi oder Mami gibt. Genau, super. Vielen Dank für diese Präzisierung, die war notwendig. So. Jetzt läuft das Ding beim Spiegel und bei der Zeit schon seit einigen Wochen und offenbar geht es durch die Decke, weil das sieht man daran, dass es immer noch oben steht. Offenbar zieht es die Leute zu diesem Thema hin.
Offenbar beschäftigen sich die Leute mit diesem Thema. Und wir beiden haben über dieses Thema hier in den letzten Wochen nicht geredet. Ich weiß auch gar nicht, warum nicht. Irgendwann habe ich dann gedacht, eigentlich müssen wir doch darüber mal sprechen. Wenn das die Menschen alle so doll bewegt, das scheint es ja zu tun. Ich bin da ja sehr... Zwiegespalten. Ich sage gleich, wie es mir damit geht. Aber sagen Sie doch erstmal, wie fanden und finden Sie das?
Rauchstein, wenn ich Ihnen so zuhöre und Sie angucke, habe ich das Gefühl, Sie haben einen Plan. Da ich Ihnen aber noch nicht durchschaue, zögere ich mit der Antwort. Nein, ich finde es bemerkenswert, wie groß das Interesse zu sein scheint. Ich kenne die Zahlen nicht. Die sind sieben Zweifel für den Spiegel zumindest ja besser. Das scheint aber wirklich viele, viele Menschen zumindest neugierig zu machen.
Und das ist ja mal der erste Schritt zur Erkenntnis, beziehungsweise zur weiteren Ausleuchtung der eigenen Vergangenheit, der Vergangenheit der eigenen Familie, an diesem sehr, sehr schwierigen, dunklen oder neuralgischen Punkt, ganz wie Sie es nennen wollen. Insofern finde ich das eigentlich gut, wenn es denn stimmt, dass sich dafür ganz, ganz viele, womöglich Millionen Menschen interessieren und das dann quasi einfach mal in Anführungsstrichen googeln.
Denn so einfach ist es inzwischen, Das ist wie googeln, eben in dieser Suchmaske, die dann durch die Millionen Karteikarten von zwei verschiedenen Karteien sogar noch dazu flöht und eben nach einem einschlägigen Trefferdokument dann sucht. Aber was haben die Leute davon? Also was bringt das sozusagen für die deutsche Geschichtskulturverarbeitung? Was ist sozusagen der Gewinn? Das wüsste ich gerne. Naja, das liegt doch auf der Hand.
Viele werden da Namen googeln ihrer eigenen Vorfahren, also Eltern, Großeltern aber vor allen Dingen, glaube ich inzwischen, die sie selber, weil sie zu klein waren oder vielleicht noch gar nicht geboren waren, nicht befragen konnten, als diese Großelterngeneration in einem aussagefähigen, sprechfähigen Lebensabschnitt stand. Also, wenn die Großeltern tot sind... Heute können Sie nur über diese Kartei herausfinden, ob es so eine Karteikarte gibt.
Also da können Sie nicht das Gespräch nachholen, das ja einen Wert an sich hätte, aber immerhin die Information nachholen. Ja, aber da sind wir doch dem Ding schon auf der Fährte. Das bedeutet, Sie halten es zumindest für vorstellbar, dass da etwas nachgeholt wird, was nicht stattgefunden hat.
Ja, aber die Frage ist, nicht stattgefunden hat, weil irgendjemand willentlich darauf verzichtet hat, zu fragen oder zu erzählen, A oder B, oder nicht stattfinden konnte, weil es einfach technisch nicht ging. Der eine war noch nicht geboren und der andere war schon tot oder wie auch immer. Ja. Gut, irgendeiner, also in den allermeisten Fällen ist immer schon irgendeiner geboren und ein anderer lebt noch, weil sonst hätten wir es ja hier mit lauter Kaspar Hausers zu tun.
Also ich glaube, was mich sozusagen ein bisschen irritiert hat an der Geschichte ist, ganz grundsätzlich, glaube ich, hat es wieder was mit dem Internet zu tun. Also das Medium ist tatsächlich die Message, der leichte Zugriff ermöglicht den Leuten, das einfach mal so zu machen. Gucken wir einfach mal nach, irgendwie ist ja abpräscht nur ein Klick weit entfernt, also praktisch so null Hürde.
Und dann kriegst du ein Ergebnis und dann sitzt du da plötzlich und denkst, was fange ich jetzt mit dem Ergebnis an? Oh fuck, ja Opa war in der NSDAP, aber mehr weißt du jetzt trotzdem nicht. Das heißt, in Wahrheit, warum Opa in der NSDAP war, was er da gemacht hat. Wie er nachher... Welche Bedeutung das hatte in seinem Leben oder meinetwegen auch im Gefüge der NSDAP sogar, weiß man damit überhaupt nicht. Und das ist sozusagen ganz grundsätzlich mein Problem mit dem Datenjournalismus.
Riesenthema ja im modernen Journalismus, ganzen Rechenkapazitäten werden dann geschmissen auf irgendwelche Sachen. Ja, praktisch 800 Millionen Dateien werden irgendwie so durchforstet, 800 Millionen Steuerdateien von 700 Millionen Deutschen ergeben, dass praktisch 60 Millionen Deutsche irgendwie so mit dem linken Fuß morgens aufstehen.
Und dann weiß man immer noch nicht so, ja gut, okay, ich habe jetzt irgend so eine total isolierte Information, die ohne Kontext einfach nichts bedeutet und von der ich einfach original gar nichts lernen kann. Naja, lieber Kollege Ausstein, jetzt möchten Sie mal wieder schlauer sein als Millionen Leute, die da draufklicken und das ausfüllen, um zu schauen. Natürlich können Sie mit dieser isolierten Information erst einmal nichts anfangen, solange diese Information isoliert bleibt.
Aber wenn diese Information dazu führt, weiter zu recherchieren, was Sie, glaube ich, über das Spiegel Online-Tool sogar können, bis hin in Entnazifizierungsakten, also weiteren Informationen zu einer bestimmten Person XY, so die denn überliefert sind in dieser Datei oder überhaupt jemals existiert haben, dann, kriegen sie weitere Mosaiksteinchen und im Idealfall können sie noch Gespräche führen mit der Person selbst. Nahestehenden Personen, dieser Person und dann haben sie ein ganzes Bild am
Ende. Es ist doch der Ausgang. Und der Pfiff ist doch, hier geht doch offenkundig, Das haben Sie ganz richtig gesagt, weil es so easy ist, weil es so leicht ist wie Googlen, geht doch jetzt hier plötzlich potenziell millionenfach ein Gespräch los. Aber es ist doch total pervers. Ich finde schon, gut, dann machen wir das nochmal systematisch. Warum nochmal müssen die Amerikaner diese Datei ins Internet stellen? Warum haben das nicht längst deutsche staatliche Stellen getan?
Erste Frage. Ja gut, das ist doch das erste Thema, was man haben muss. Zweitens, wenn die Amerikaner das schon gemacht haben, warum hat dann nicht der deutsche Staat sozusagen diese Daten irgendwie veröffentlicht, sondern warum müssen das privatwirtschaftliche Unternehmen machen? Also warum hat nicht die Gesellschaft in ihrer demokratischen Repräsentation sich dieses Themas längst viel stärker angenommen?
Es zeigt doch, dass unsere Erinnerungskultur, ja praktisch Weltmeister in der Ermordung von Juden und dann Weltmeister in der Erinnerungskultur, das ist auch das, was mich an diesem Thema sowieso innerlich auch immer so ein bisschen zurückzocken lässt, zu dieser Erinnerung, der Sündenstolz der Deutschen. Wir haben sie zwar ermordet, aber jetzt erinnern wir uns so gut daran, wie kein anderer, da lassen wir uns praktisch von niemandem hier in den Schatten stellen.
Ich würde das jetzt nicht in den Dreck ziehen. Was heißt in den Dreck? Ich ziehe in den Dreck, dass die Leute in dem Moment, in dem sie sozusagen keinen Familienzoff mehr fürchten müssen, weil die alle tot sind, und ihnen das Internet, das ihnen ganz, ganz leicht macht, sagen, okay, dann gucken wir jetzt auch nochmal nach. Gibst du mir nochmal die Tüte Chips? Läuft RTL schon? und dann gucke ich zwischendurch mal, ob Opa eine NSDAP war.
So kommt mir das vor. Es ist auch pervers, es ist History-Porn. Man nennt das History-Porn. Es ist meiner Meinung nach ein perverses Sich-Aufgeilen, ein Voyeurismus, der mir ehrlich gesagt, wie Sie vielleicht merken, auch echt zuwider ist. Ja, das merke ich. Danke. Ja, lieber Auxian, aber Sie verwechseln zwei Dinge, fürchte ich. Also Erinnerungskultur und jetzt mal Ihren ganzen Zynismus, den können Sie mal schön zu Hause lassen bei dem Thema, das passt da echt nicht hin.
Erinnerungskultur, seltsames Wort, wie ich finde, aber egal, ist ja ein Begriff. Es klingt nach Kulturbeutel, Erinnerungskulturbeutel. Haben Sie Ihren Erinnerungskulturbeutel schon dabei? Nein, es klingt nach Holocaust-Mahnmal, lieber Kollege Augstein und wenn es Ihnen auch schwerfällt.
Ach Blume, ja. So, Erinnerungskultur, also das gesellschaftliche, staatliche, mitunter administrierte, organisierte, beförderte Erinnern an den Kulturbruch, den Zivilisationsbruch, den millionenfachen Mord an den Juden.
Ist es eine, die Frage, wie gehen, keine Ahnung, 80, 84 Millionen Deutsche im Verlauf verschiedener Jahrzehnte, noch dazu ganz lange in zwei verschiedenen deutschen Staaten, die sehr unterschiedlich in dieser Richtung agiert haben und haben agieren lassen, also Freiraum gelassen haben. Wie also die Individuen, der Einzelne, die einzelne Familie, die einzelne Person sich diesem Thema genähert haben, ist eben Einzelfrage, Einzelentscheidung gewesen.
Von Verdrängen bis radikalem Aufarbeiten, von peinlich-notpeinlich Befragen der älteren Generation bis Beschweigen und lieber nicht dran rühren. Und in dieses Gefüge auf der Seite der individuellen Aufarbeitung, in Anführungsstrichen, der individuellen Neugier, kommt jetzt nochmal ein großer Schwung Bewegung rein. Durch die, noch einmal ein drittes Mal, total niederschwellige Zugänglichkeit zu dieser Akte. Zu diesem Aktenzettelchen, Jan, behalten wir.
Und was dann daraus wird, liegt wieder bei den Einzelnen. Das werden wir sehen. Also Sie wollen im Grunde sagen, bisher hatten wir dieses institutionalisierte Gedenken der Parteien, der Universitäten, der Medien und jetzt ermöglicht das Internet den Leuten praktisch das individuelle Beschäftigen mit der Sache. Ich glaube nicht erstmals, da hätten Sie früher natürlich auch in die Archive steigen können und versuchen können, das auf eigene Faust sehr kompliziert auch herauszufinden.
Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob Sie das bei natürlich Chips machen können, in Anführungsstrichen. Oder ins Bundesarchiv nach Koblenz müssen, wenn da die Sachen liegen, keine Ahnung, oder lagen. Glauben Sie, und das würde mich wirklich interessieren, Sie persönlich, glauben Sie daran, dass die Beschäftigung mit Geschichte für den Einzelnen etwas bedeuten kann für das Verständnis der Gegenwart und für die, ja so als Kompass praktisch für die Zukunft? Ja, natürlich.
Sie sagen natürlich, Sie sagen das so leicht hin, das ist für Sie also eindeutig, dass das so ist. Die Frage, die auf diese Situation hier jetzt passt mit den Akten und der Zugänglichkeit, lautet auch anders. Bedeutet diese Recherche etwas für den, der recherchiert, der nachguckt und für sein Leben individuell, völlig unabhängig davon, was aus dieser Republik wird?
Und das weiß ich nicht, das kann ich nicht beurteilen. Bedeutet etwas, macht es etwas Massives, Ausschlaggebendes mit Ihrem Leben, wenn Sie als Einzelner hingehen und feststellen, heiliges Kanono, ich wusste gar nicht, dass mein Großvater, meine Großmutter in der Partei waren. Und jetzt weiß ich es aber. Oder noch näher dran, entsprechend das Alter vorausgesetzt, dass mein eigener Vater, meine eigene Mutter in der NSDAP, in der HJ oder im BDM, Bund Deutscher Mädel, war.
Also Martin Walser, der ja wie Sie wissen mein Vater ist, hat ein Buch geschrieben, was ich für sein Bestes halte und das heißt Der springende Brunnen und in diesem Buch geht es darum, das hat er selber so gesagt, dass sein Startmotto ist, ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich verstehen wollte, warum meine Mutter in die Partei eingetreten ist, also seine Mutter in die Partei eingetreten ist, weil wenn ich das verstehe, dann verstehe ich, warum ganz Deutschland in die Partei eingetreten ist.
Das war das Motto dieses Buches und das Buch handelt eben von seiner Kindheit da am Bodensee, 20er, 30er Jahre, Aufkommen des Nationalsozialismus, wie eben die Partei und der Nationalsozialismus sich in diesem Dorf Schritt für Schritt bemerkbar macht, sozusagen. Entschuldigung, Augstein, das ist schon mir persönlich, so toll ich dieses Buch fand, eins zu hoch gestochen.
Ich würde nicht aus diesem individuellen Schicksal irgendetwas ableiten wollen ins ganz Generelle, im Sinne, wie Sie gerade formuliert haben. Also wenn ich nur weiß, warum meine Mutter damals in die Partei eingetreten ist, vielleicht auch ohne Not in die Partei eingetreten ist, dann weiß ich es und verstehe ich es, warum es so viele, ich glaube bis zu 8 Millionen Deutsche damals getan haben. Den Schluss würde ich mich nicht trauen. Mein Vater war in der HJ.
Und hat uns zumindest im Nachhinein glaubhaft gemacht, dass er das deswegen getan hat, weil er so unfassbar gerne Motorrad fuhr. Und da gab es eben so eine Motorrad-Staffel. Und dann macht er mal das halt. Und dann musste er mit 19 in den Krieg, 1939, und wurde Pilot. Okay Blume, wir lassen das jetzt mal, Ihr Vater, was der da meint. Das ist jetzt auch egal. Also, ich bleibe bei meinem grundsätzlichen Pessimismus, dass ich diese Aktion für folgenlos halte.
Ich halte es jetzt, natürlich kann jeder machen, was er will, soll er klicken, soll er nicht klicken, keine Ahnung. Aber es ist, glaube ich, vollkommen, es ist ohne Konsequenz, es ist ohne Folgen. Das ist das Erste, was mir dazu einfällt. Und das Zweite, das hat jetzt mit dieser Aktion grundsätzlich nichts zu tun, aber das ist ganz allgemein so.
Also ich glaube, dass wir uns alle, also ich auch, ich habe mich auch fundamental irren, wenn wir glauben, dass die Beschäftigung mit Auschwitz uns irgendwie sicher macht für irgendeine Zukunft. Ich glaube, dass das ein Riesenirrtum war. Vielleicht ein notwendiger Irrtum kann schon sein. Aber wenn ich so zurückgucke auf die letzten 20 Jahre, dann macht jeder mit Auschwitz das, was er sowieso schon gemacht hätte. Der eine rechtfertigt es für Waffenlieferung und Kriegführung.
Der andere rechtfertigt damit, gerade keine Waffen zu liefern, keinen Krieg zu führen. Denn jeder macht sowieso das, was er will und sagt dann, Auschwitz sei mein Zeuge sozusagen. Und ich meine das nicht sarkastisch, ich meine das auch nicht böse. Vielleicht ist das sozusagen die Tragik der menschlichen Geschichte, dass die Geschichte wiederholt sich und wir lernen trotzdem nichts draußen. Da kann man auch gar nichts dagegen machen. Sollen die Leute ruhig gucken, ob Opa in der NSDAP war.
Aber die AfD wählen sie dann halt am nächsten Tag trotzdem. Und das ist irgendwie so, wie es ist. Noch einmal, ich glaube, Sie verwechseln Dinge. Sie sagen, die Beschäftigung mit diesen Karteikarten ist folgenlos. Ich sage, sie ist ergebnisoffen. Sie wissen gar nicht, was daraus wird für den Einzelnen. Oder ob für Millionen Leute dasselbe daraus wird. Oder gar nichts daraus wird. Das ist doch das Spannende daran. Das eröffnet eine neue Möglichkeit. Das ist doch interessant.
Und das jetzt als folgenlos wegzustempeln, nur weil es in die Raster nicht passt, finde ich, Entschuldigung, echt viel zu einfach. Und die Beschäftigung mit Auschwitz an ihrem Nutzen, ihrer Nützlichkeit festzumachen, finde ich auch einen echt seltsamen Blick darauf. Aber super Thema. Vielleicht ist es auch einfach ein Selbstzweck.
Vielleicht ist es eine Schuld, die man hier abzutragen hat, im einen Sinne, und die man zu erfüllen hat, im anderen Sinne, nämlich sich damit zu beschäftigen, wie es dazu kommen konnte. Und ja, richtig, das verhindert womöglich nicht für die nächsten 200 Millionen Jahre. Andere schreckliche Dinge. Und trotzdem müsste man es doch tun. Absolut. Aber das ist natürlich jetzt super Thema. Da streifen wir jetzt hier gerade sozusagen en passant eines der größten Themen überhaupt.
Nur was Sie da gerade sagen, ist, da reden Sie ja einer Beschäftigung mit der Geschichte, das Wort, die im Grunde einem religiösen Dienst gleichkommt. Dass man sagt, egal ob es irgendwas bringt oder nicht, wir müssen uns quasi aus kultischen Gründen damit beschäftigen. Nein, aus Gründen der Selbstbefragung.
Ja, ich glaube aber schon, dass die meisten Historiker und Politiker der Meinung sind, dass man sich mit Auschwitz und der deutschen Schuld und der deutschen Geschichte beschäftigt, um etwas zu lernen für die Zukunft. So jedenfalls wird in der gesamten politischen Rhetorik und auch im größten Teil der sozusagen veröffentlichten Rhetorik das Thema behandelt. Die Leute sagen ja nicht, benutzt es als stille Selbstkontemplation, um in euch hineinzuhorchen, sozusagen als meditative Übung.
Na, aber Auschwitz... Sie wollen mich ja jetzt offenkundig missverstehen, aber es geht um natürlich die Selbstbefragung des Einzelnen. Was hätte ich getan? Eine der unsinnigsten Fragen, die es überhaupt gibt. Finde ich nicht. Finde ich absolut. Okay, geschenkt. Gerade zu zynisch. Wie konnte es dazu kommen? Finde ich eine sehr, sehr legitime Frage. Und ja, noch einmal, das verhindert nicht, dass die Leute...
Parteien wählen, die mit diesem Holocaust offenkundig gar nichts mehr anfangen können, denen das auch nichts mehr sagen soll, die gar nichts davon wissen wollen, weil das nicht mehr in ihr Weltbild passt. Gut, müssen diese Parteien selber mit klarkommen, ob sie das aus dem Kanon des Unterrichts meinetwegen von Jugendlichen rausstreichen oder ob sie es für normal finden, wenn Jugendliche in einem KZ stehen und irgendwelche Hitlerparolen brüllen.
Ja, AfD Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt oder so, mehr Otto der Große. Also Lorraine, wir nähern uns ja dem Ende jetzt unserer Sendung. Wird dir das fehlen? Wird dir das fehlen? Unheimlich. Ihr habt mir heute nochmal die volle Breitseite gegeben. Oh ja, scheint mir auch so. Hitzinger konnte es nicht werden, also ja, ich bin ganz traurig, dass ich euch bald nicht mehr beim Streiten zuhöre. Zum Abschied. Zumindest nicht persönlich, ich höre natürlich weiter zu.
Wir haben das alles nur für dich getan. Alles gut. Loreen, also jedenfalls alles Gute wünsche ich dir und vielen Dank für deine Unterstützung und deine Freundlichkeit und deine Professionalität und alles Gute. Das könnte ich nicht besser sagen, als der Kollege auch schon das gesagt hat. Und möge der Duft der Blumen dich ewig begleiten. Danke euch. Das war toll, Blume. Wir hören uns nächste Woche wieder. Bis dann. Tschüssi. Ciao.
