Gefahr im Anzug - Ein Mann verliert den Halt - podcast episode cover

Gefahr im Anzug - Ein Mann verliert den Halt

Aug 16, 202542 min
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Summary

Dieses Hörspiel begleitet einen Mann in seinen letzten Minuten, während er aus einem Fenster im 32. Stock fällt. Es ist eine intensive Reise durch seine Erinnerungen an eine vergangene Liebe, die von der Ablehnung wegen seines Gesichts geprägt war, und mischt diese mit physikalischen Details des Sturzes, existenziellen Reflexionen und surrealen Parallelgeschichten. Der Hörer erlebt seine innere Welt, von der Euphorie bis zur philosophischen Auseinandersetzung mit dem Tod und der menschlichen Verbundenheit, bis zum ergreifenden Finale aus der Perspektive der verlassenen Frau.

Episode description

•Essay• Am 30. Juli um 10 Uhr und drei Minuten fällt ein Mann in der Berliner Rochstraße aus seinem Küchenfenster im 32. Stock. Von Peter Stamer Autorenproduktion 2024 www.wdr.de/k/hoerspiel-newsletter

Transcript

Einleitung: Warnung vor Suizid

ARD Bitte beachtet, in diesem Hörspiel kommt ein Suizid vor.

Der Mann stürzt: Erste Sekunden

Am 30. Juli um 10 Uhr und drei Minuten fällt ein Mann in der Berliner Rochstraße aus seinem Küchenfenster im 32. Stock. Die Anziehungskraft eines ganzen Kontinents wirkt auf ihn. Die Beschleunigung nimmt zunächst aufgrund der Schwerkraft zu, um nach sieben Sekunden gegen null zu tendieren. Leider liegen keine verlässlichen Daten über Wind und Auftrieb vor.

sodass weder die Stokes noch die Newtonreibung berechnet werden können. Das Einzige, worauf man sich verlassen kann, ist, dass der Mann der Erde entgegenfällt und dass er einen Anzug trägt. Es ist nicht bekannt, ob er seine Steuererklärung gemacht hat oder ob sein Kühlschrank erfüllt ist. Mag er Fleisch? Trinkt er Alkohol? Hat er einen Organspendeausweis?

Selbst wenn er die Lottozahlen richtig getippt hätte, es wäre jetzt egal. Nichts davon ist mehr wichtig, denn er stürzt dem Waschbetonboden entgegen. über den ein paar Stunden später die Kinder aus der Nachbarschaft lärmstark ihre Bobbycars kratzen lassen. Sein Ende ist sehr nah und nichts wird dieses Ende aufhalten.

Das Einzige, was nun keine 64 Meter über dem Erdboden zählt, ist das absolute unaufschiebbare Jetzt. Und dieses Jetzt blickt dem Mann unmittelbar in sein mittelmäßig attraktives Gesicht.

Sinneseindrücke und erste Reflexionen

Der Mann hat schon vier Meter zurückgelegt. Von zurückfallen kann keine Rede sein, denn sein Fallen ist ein Sturz nach vorne, nach unten. Hat er das begriffen? Weiß er, was genau vor sich geht? Woran denkt der fallende Mann? Er war nur zum Fenster gegangen, hat sich etwas zu weit nach vorne gebeugt, um zu sehen, ob die Frau, die vor drei Minuten seine Wohnung verlassen hat, unten aus der Haustür tritt.

und hat dabei den Halt verloren. Seine Unfallversicherung wird später klären wollen, wie es dazu hat kommen können. Ob bauliche Mängel oder ein Versagen der Hausverwaltung vorliegen. Oder ob der Mann in suizidaler Absicht ans Fenster getreten sein könnte. Man wird nach Erklärungen für das Unerklärliche suchen, wie das bei Unfällen immer ist, um Ähnliches in Zukunft zu vermeiden.

Vielleicht wird man für Neubauten die Sockelhöhe überdenken oder bei Altbauten entsprechende Vorkehrungen treffen. Diese Fragen sind für den Mann ohne Bedeutung. Er selbst hat keine Antwort darauf. weswegen er aus dem Fenster gefallen ist. Allenfalls seine Muskeln erinnern den Moment, in dem sein Gleichgewichtssinn versagte.

Im Vorbeiflug sieht er die Deckenlampe in der Küche der Frau, die drei Stockwerke unter ihm wohnt. Wenn man die elektrischen Impulse, die durch sein Gehirn blitzen, als Denken bezeichnen kann, dann denkt er, dass ihm die Lampe zu weiß ist. Denn er mag einen niedrigen Kelvin-Bereich, wenn es um Raumbeleuchtung geht. Alles, was um 2700 K liegt, liegt ihm.

Ihn überrascht die Stille des Falles. Kein inneres oder äußeres Schreien. Der Deckel seines Kehlkopfes ist fest verschlossen, keine Luft, die über die Stimmbänder streicht. Dieser Kehlkopf hätte ihm, dem Raucher, in den kommenden Jahren wahrscheinlich ernste gesundheitliche Probleme bereitet. Statistisch betrachtet, genetische Disposition mit einberechnet.

hätte er irgendwann mit über 85%iger Wahrscheinlichkeit mit einem Karzinom zu rechnen gehabt, das sich zunächst mit einem Halskratzen und dann hartnäckigen Kataren angekündigt hätte, um den Deckel in der Folge dann zu perforieren. In diesem Moment aber schließt der knöcherne Kehlkopfdeckel dicht und hält, was er verspricht. Er wird, ein anatomisches Wunder, beim Aufschlag nicht entzweigehen, obwohl der Schädel und die Halswirbelsäule brechen werden. Aber noch ist es nicht so weit.

Es ist ja nun das erste Mal, dass er in den Tod stürzt. Und dafür geht es erstaunlich gut. Was ihn noch erstaunt? Die Intensität der Farben. Das Grün, der an den Betonboden angrenzenden Wiese unter ihm, ist satter als in den saftigsten Maimonaten. Das Rot der Rosen an der Hecke sticht ihm fast in die Augen. Und erst jetzt muss er an sie denken. Die Farbe ihrer Bluse, ihrer Haare, ihrer Augen, wie sie die Tür hinter sich zuzieht.

Parallele Schicksale: Flugzeug und Maus

Über 8000 Meter über diesem Mann, der aus dem Fenster fällt, schaltet der Pilot eines Airbus 350 das Anschnallzeichen aus. Er lehnt sich bequem zurück, nachdem der Autopilot den Steuerknüppel übernommen hat. und betrachtet sich die Wolkenformationen, die sich vor ihm auftürmen. Er fliegt mit einer Geschwindigkeit von 900 kmh durch sie hindurch, ohne dass die Maschine auch nur um ein Viertelgrad vom Kurs abweicht.

Als sie aus den Wolken wieder hinausfliegt, übergibt er seinem Co-Piloten das Kommando und schnallt sich los, um sich in der Bautküche einen Kaffee zu holen. Als er die Tür zur Passagierkabine entriegelt und öffnet, bemerkt er, dass etwas Kleines durch den Spalt huscht. Er reißt die Tür auf und sieht, wie eine Maus unter den Sitzen der Business Class verschwindet.

Außer, dass der fallende Mann und die Maus 80% ihres genetischen Materials teilen, haben die beiden mindestens zwei Dinge gemeinsam. Zum einen haben sie dort, wo sie sind, nichts verloren. Sie sind schlicht nicht in ihrem Element. Zum anderen wird das Überschreiten ihres Lebensraumes für beide tödlich enden. It is not to be afraid that the captain, who was the mouse after a over half hour search, who was the whole crew and half the economy class, will let them live.

Zunächst wird er das Mäuschen zwar vor alle Augen in einen ausreichend großen, mit Luftlöchern versorgten Essenskarton stecken, in welchem die Cateringfirma die Sandwiches anliefert,

Und dann wird souveräner und sonorer Stimme ein paar lockere, die Gewissheit der Passagiere beruhigende Scherze über die bestimmt schnellste Maus machen, die jemals mit Mausdrehen Airlines geflogen ist. Noch bevor er aber die Tür zur Pilotenkabine geschlossen, und den Kanton dem ersten Offizier überreicht haben wird, wird er diesem unmissverständlich klar machen, dass die Maus die Bordtoilette heruntergespült werden soll.

25 A. Im gleichen Moment nun, als der erste Offizier, unsichtbar für die Passagiere in den ersten Reihen, den Karton in die Bordtoilette trägt, den Deckel öffnet, die kleine Maus am Schwanz packt, sie in die Schüssel fallen lässt und den Spülknopf betätigt, damit der dadurch ausgelöste Unterdruck ihr Körperchen auf Nimmerwiedersehen hinabsaugt, verliert der Mann am Fenster sein Gleichgewicht und fällt hinaus.

Eine globale Achse des Unglücks

Wenn man jetzt noch annehmen mag, dass 12.000 Kilometer senkrecht durch den Erdball, also auf der anderen Seite der Erde, mehrere hundert Kilometer vor der Ostküste Neuseelands im südlichen Pazifik, Etwas weiter östlich vom 180. Lenggrad und noch in gehöriger Distanz zu den Chatham-Inseln. Ein Pulk-Gelbflossen-Thunfische.

katapultiert von knochenartigen Schwanzflossen, einen Schwarm Sardinen auseinander treibt und sie aus dem Wasser buxiert, wo sie in der Luft aufgrund ihrer Sauerstoffschuld die Orientierung verlieren, und dadurch beim Aufklatschen leichte Beute der gefräßigen Fische werden, kann man sagen, dass zeitgleich auf einer direkten geografischen Achse, die durch diesen Planeten verläuft, drei Ereignisse stattfinden, bei denen Lebewesen

außerhalb ihres angestammten Territoriums um ihr Leben bringen. Wenn man sich also vorstellen mag, dass eine Achse über eine Distanz von 20.000 Kilometern durch gerade einmal drei Ereignisse hindurchgeht, dann könnte man sagen, dass es auf diesem Planeten relativ übersichtlich zugeht. Es ist ungewiss, welche Gefühle, Bilder, Sensationen

dieser letale Ausflug in ein unvertrautes Sauerstoff-Gas-Gemisch in der Maus und den Sardinen auslöst. Der Mann jedoch, der gerade in der Berliner Rochstraße aus dem 32. Stock fällt, ist geradezu von solchen überwältigt. Im Unterschied zu Nagetier und Fisch verfügt er nämlich über eine vollentwickelte Großhirnrinde, die ihn mit Erinnerungen füttert.

Anfänge der Beziehung und Spiele

Ich glaube, ich möchte mich auf keinen Fall in dich verlieben, sagte sie. Daher haben wir uns noch nicht mal richtig kennengelernt, sagte er. Ich glaube, ich will nicht, dass wir uns besser kennenlernen. sagte sie, und er, schade, da gäbe es noch so viel zu erfahren. Was denn zum Beispiel, fragte sie, wie ich Spaghetti esse? Und was ist daran so besonders?

Ich kann das ohne Löffel. Das kann ich auch, sagte sie. Und er, aber da haben wir ja schon was gemeinsam. Das haben wir mit Millionen Menschen gemeinsam. Und ich pinkle auch im Sitzen, sagte er. Ich glaube, ich will mir das gar nicht so genau vorstellen. Und darauf eher, weißt du, was wir noch gemeinsam haben? Was? Dass wir jeden Morgen aufwachen. Bei mir wird's auch mal mittags, sagte sie.

Und wenn morgen der erste Tag wäre, an dem wir zusammen aufwachten, fragte er. Wie kommst du darauf, dass wir heute zusammen einschlafen, fragte sie. Und wenn wir aus dem Fenster schauten und die ganze Nacht die Sterne zählten. Um nicht einzuschlafen, hatten sie irgendwann angefangen, ich packe meinen Koffer und nehme mit, zu spielen.

Während er gerade dabei war, eine gelbe Socke, ein VW Golf, das Handbuch der schrägen Witze, einen Zimmermannsnagel, Schellers Handschuh und einen Toffifee einzupacken, hatte sie geflüstert, ich werde mich einfach nicht in dich verlieben und ihm den Mund zu gehalten. Ihre Hand roch nach warmem Wind.

Das Kennenlernen und ein Vater-Traum

22. Er hatte sie am Vorabend auf der Feier eines Freundes kennengelernt, auf der er sich nicht wohlgefühlt hatte. Man hatte angeregt durcheinander gesprochen, während er am Rand gesessen war. Er hatte nichts getrunken. sich stumpf vom Tisch Salat genommen, auf ihm herumgekaut. Er hatte nicht lange bleiben wollen. Sie war mit zwei Kerlen im Türrahmen gestanden. Sie hatte ihn irgendwann gesehen.

Ihre Blicke hatten sich immer wieder gekreuzt. Dann war sie auf ihn zugegangen, einfach so, hatte sich neben ihn gesetzt und gesagt, wenn du meinen Vornamen errätst, gehe ich mit dir nach Hause. Ich heiße übrigens Astrid. 21. In dieser Nacht träumte er von seinem Vater. In seinem Traum saß er in seiner Wohnung auf dem Sofa und las Zeitung. Und als er beim Umblättern aufsah, saß ihm plötzlich sein Vater gegenüber und schaute ihn an. Sein Vater trug den Schlafanzug.

in welchem er ihn zum letzten Mal gesehen hatte, als er sich von ihm am Krankenbett verabschiedet hatte. Der Vater blickte ihm schallkraft in die Augen und lächelte. Er wollte aufstehen, zu seinem Vater gehen und ihn umarmen. Aber die Tränen, die ihm aus den Augen schossen, wogen wie Blei. Er stammelte so etwas wie, Papa, ich. Doch der Vater hob beschwichtigend die Hand, räusperte sich und sagte dann mit fester Stimme, Nein.

14, 15, 24, 36, 47. Allerdings wachte er dann auf und starrte verwirrt in das Dunkel seines Schlafzimmers.

Die unüberwindbare Sache mit dem Gesicht

Am nächsten Morgen wollte er ihr von seinem Traum erzählen, doch sie schien in Eile. Weil es war nämlich nicht so, dass sie ihn mit diesem Gesicht nicht mochte. Sie war sich nur einfach sicher, dass sie ihn ohne dieses Gesicht lieber mögen würde. Das hatte sie ihm auch so gesagt. Sie hatte ihm, nachdem sie die Nacht zusammen verbracht hatten, gesagt, wenn du dieses Gesicht nicht hättest, würde ich dich lieber mögen können. Was natürlich, das wusste sie.

ein Ding der Unmöglichkeit war. Sie meinte das nicht unverschämt oder bösartig. Es war einfach nur logisch. Sie würde ihn ohne sein Gesicht mehr mögen. Und da es ihn ohne dieses Gesicht nicht geben konnte, Konnte sie ihn nur weniger mögen und das war ihr nicht genug. Er verstand sie irgendwie und irgendwie auch nicht. Er mochte sein Gesicht auch nicht besonders, aber warum sollte man um sein Gesicht ein solches Aufheben machen?

Ein Gesicht hat man, man kann ja nicht ohne Gesicht herumlaufen. Sie meinte dann, dass sie ihm ja immer in dieses Gesicht blicken müsste, wenn sie zusammen wären. Jeden Tag, den sie neben ihm aufwachen würde, würde sie in sein Gesicht blicken müssen. Er verstand immer noch nicht, was daran so schlimm sein sollte. Er hatte sich ja auch seit Kindesbeinen mit seinem Gesicht arrangiert. Aber, sagte sie, warum sollte ich mich an diesem Gesicht abarbeiten müssen,

Wenn ich doch auch in ein anderes blicken könnte. Wenn, so meinte er nun, er doch aber für dieses Gesicht nichts könnte. Sie sagte, dass sie das ja so auch gar nicht meinte. An seinem Gesicht wäre ja nichts falsch, meinte sie. Es wäre nur nicht richtig für sie. Aber wenn es doch nicht richtig für sie wäre, sagte er, dann wäre es doch falsch. Sie meinte dagegen, wenn etwas nicht richtig ist,

dann ist es nicht unbedingt auch gleich falsch. Und schon führten sie eine Diskussion, die sie eigentlich nicht hatten führen wollen. Sie stand bereits im Mantel und war auf dem Weg aus der Wohnung. Sie sah, dass er nach einem Beispiel suchte. Wenn man, sagte er, doch sie zog einfach die Tür hinter sich zu.

Er stand noch ein wenig da und starrte auf die Türklinke. Dann dachte er, dass er alle Dinge, die er noch über sie hätte erfahren können, nur nie erfahren würde. Dass er alle Gefühle, die er hätte mit ihr haben können, nur nie fühlen würde.

Der Moment am Fenster vor dem Sturz

Und dann war er ans Fenster getreten, um ihr nachzusehen. Sobald sie aus dem Treppenhaus herausträte, wollte er sehen, ob ihr Anblick etwas mit ihm anstellte. Würde sie sich umdrehen? Vielleicht ihren Kopf nach seinem Fenster heben? Was würde er entdecken in ihrem kurzen Zögern, im Innehalten ihres Torsos, im Bruchteil jener Sekunde, die der Kopf braucht?

um sich auf dem Halsgelenk zur Seite und dann schließlich nach oben zu drehen. Was würde er sehen in jenem Moment, den der Körper dem Gehirn voraus hat, vor dem Gehirn weiß? Und was dann? Er wusste nicht, wovor er sich mehr fürchten sollte. Dass sich ihre Augen träfen oder dass sie einfach weitergehen würde. Was auch immer sie täte, er war machtlos.

Wofür auch immer sich ihr Körper entschied, er fühlte sich dieser Entscheidung ausgeliefert. Er öffnete das Fenster, nicht ohne vorher darin die Spiegelung seines Gesichts gesehen zu haben. jenes Gesichts, das er nun mal hatte. Er verstand noch immer nicht, was daran falsch sein sollte. Sie war noch immer im Hausblur unterwegs.

Existenzielle Reflexionen des Falls

Er berechnet den Aufschlag. Die Luft strömt ihm in die Lungenflügel. Er kann gar nicht so viel einsaugen. Die Luft, der Wind, sein eigenes Fleisch sind ihm egal. Es ist ihm leicht um die Hüfte geworden. Pfund um Pfund. Wenn ein Asteroid auf die Erde stürzt, zerreißt er die Erdkruste und bringt tief in sie ein. Die Schockwellen sind auf der ganzen Welt nachweisbar. Sein Aufschlag wird lediglich von einem etwas lauteren Klatschen begleitet. Kein Krater. Sein Körper ist auch dem Beton gleichgültig.

Wir sind, denkt er, auf Grund gebaut, auf Grund wovon. Gehen wir, denkt er, auf den Grund dessen, was uns hier hält. Dieser Grund, auf den wir gehen, der erste Mensch auf dem Mond. Wer hat bereits vor uns Fuß auf diesen Grund gesetzt, den Grund geschaffen für die Generationen nach uns? Das Haus, Ruine oder Rohbau auf halbem Weg der Zeit? Was der Wind hier abträgt, landet er woanders wieder an. Der Mensch. Ausgrabungsstätte seines Überlebens.

Wo vor ihm vor hunderten, tausenden Jahren Menschen Stein um Stein aufeinander getürmt haben, auf denen wir nun herumgehen, ohne deren Namen zu kennen, ohne von diesen Menschen zu wissen. Wir sind ihre Zukunft. Sieh unsere Vergangenheit. Wenn wir hier graben, worauf stoßen wir? Das Haus, in dem ich wohne, wer hat's gebaut? Der Platz, an dem ich sitze, wer saß hier vor mir?

Wenn die Zeit kollabierte, sich auf einen Punkt verdichtete, stürzten wir aufeinander und säßen uns im Nacken. Und er würde ihren Atem spülen. Wer ein Loch in die Erde gräbt, ein Grab aushebt, produziert Aushub. Erdüberschuss, der als Haufen neben dem Loch zum Liegen kommt. Dieser Aushub ist das, was der Erde entnommen wurde.

was dem Loch als Füllung fehlt. Ein Abraum. Ein ausgeräumtes. Das Ausgehobene nimmt einen neuen Platz ein und wird an diesem Platz aufgehoben. An seine alte Stelle wird der Körper gelegt. Eine Grabstelle. Der Körper ist nun wie dieser Aushub, der Überschuss, der Platz einnimmt, anderes nicht Platz nehmen lässt. Da, wo ich sitze, stehe, liege, kann kein anderer Mensch sitzen, stehen, liegen.

Es gibt in dieser Welt immer nur diesen einen Ort, an dem ich bin, und diesen besetze ich. Wenn ich diesen Platz verlasse, nehme ich woanders Platz ein. Einsichtartigkeit ist nur eine Frage der Raumbesetzung. Ich fülle in diesem Moment diesen Raum aus, keinen anderen. Mit und auf dem Abraum, mit und auf dem Überschuss aus dem Loch wird die Welt errichtet. Werden Häuser gebaut, in denen Körper wohnen. In einer dieser Wohnungen wohnt der fallende Mann.

Die fantasierte Wiederbegegnung

Das muss ich ihr erzählen, denkt er. Das muss ich ihr alles erzählen, sobald ich sie wiedersehe, denkt er. Ich werde sie, wenn das hier vorbei ist, sofort anrufen und ihr sagen, dass ich sie unbedingt treffen muss, um mir etwas zu erzählen. Und sie wird über meinen Anruf erstaunt sein. Und ich werde schon am Klang ihrer Stimme hören, dass sie sich darüber freut, obwohl sie versuchen wird, sich nichts anmerken zu lassen. Und dann werden wir uns in einem Café im Park irgendwo draußen treffen.

Und ich werde schon da sein, bevor sie kommt und auf sie warten. Und wenn sie dann kommen wird? werde ich sie schon aus der Ferne an ihrem Gang erkennen und sie dann dabei beobachten, wie sie versucht, meinem Blick beim Näherkommen auszuweichen, um so zu tun, als wäre ich ein Arbeitskollege oder ihr Bankberater oder ein Nachbar.

um sich und mir zu zeigen, dass es sich bei diesem Treffen um etwas ganz Gewöhnliches handelt. Und sie wird erst, wenn sie anderthalb Meter von meinem Tisch entfernt sein wird, mich mit einem Lächeln anschauen, Hallo sagen und sich ohne Umarmung setzen. Denn wir beide werden nicht wissen, ob wir uns umarmen oder küssen oder die Hand schütteln sollen. Und sie wird dann sofort einen Blick in die Karte werfen, um mich nicht anzusehen, um mir zu signalisieren,

dass nichts passiert ist, was den Lauf der Dinge gestört haben würde. Und ich werde sie nicht unterbrechen, solange sie ihr Getränk aussuchen und dann dem Ober ihrer Wahl mitteilen wird. Und ich werde so lange schweigen, bis sie mich dann anschauen wird. Denn irgendwann wird sie mir in mein Gesicht, das sie nicht mag, aber auch nicht nicht mag, schauen, weil sie neugierig sein wird, was ich ihr zu erzählen habe. Und auch froh sein wird, dass ich den ersten Schritt gemacht haben werde.

Und dann werde ich ihr zuallererst von meinem Traum erzählen. Und sie wird zunächst ein wenig übertrieben reagieren, um mir zu zeigen, dass sie die Geschichte interessant findet. was ich wiederum als Aufforderung verstehen werde, den Traum etwas auszuschmücken, um sie zu einem Lachen zu bewegen, was mir auch gelingen wird. Und dann wird sie mich nach meinem Vater fragen, nach unserer Beziehung, nach Kindheitserinnerung.

Und irgendwann werde ich sie nach ihrem Vater fragen. Und sie wird mir alles erzählen über ihre Eltern, die sich im Schwarzwald als Teenager kennengelernt haben und dann heiraten mussten. weil ihr Bruder auf die Welt gekommen war und sie das eigentliche Wunschkind sei. Und ich werde ihr sagen, dass man ihr das an jeder Faser ihres Seins ansehen könne, woraufhin sie ein wenig unsicher ihre Augen abwenden und vielleicht auch ein wenig rot werden wird.

Und dann wird sie mir die Geschichte der Narbe auf ihrer Stirn erzählen, als ihr, sie war noch klein, der Bruder im Wohnzimmer ihrer Eltern ein Bein stellte, als sie durch die Tür gerann kam. und sie mit dem Kopf gegen den Couchtisch knallte und sie ins Krankenhaus fahren mussten, um die Wunde nähen zu lassen. Und dass ihr Bruder geschockter und aufgeregter gewesen wäre als sie, die sich schon als Kind eher in die Rolle der Beobachterin begab.

und sie sich noch genau an die Augenfarbe des Arztes erinnern kann, der ihr in der Notaufnahme die Spritze zur Anästhesie setzte, während ihr Bruder auf einem Hocker in der Ecke aus Scham und Schuldgefühl vor sich hinwimmerte.

Und ich werde am Ende ihrer Geschichte ihr auf die Narbe schauen, die mir am Abend zuvor schon aufgefallen ist, weil sie sie so kunstvoll zu verstecken versteht. Und sie wird sich etwas unsicher durch ihre Haare streichen. Und ich werde in genau diesem Moment mein kleines Herz spüren. das kurz aussetzen wird, bevor es dann umso heftiger wieder zu schlagen beginnt. Und dann werde ich dich ansehen, deine Hand nehmen und dir erzählen, was ich gerade erlebe. Und du wirst mich ansehen.

Die Augen ein wenig zusammenkneifen, weil du es gar nicht glauben magst. Und dann werden dir Tränen in die Augen schießen. Und du wirst deinen Mund öffnen und deine Lippen werden beben. Und kein Laut wird aus deinem Mund kommen, weil du dann begreifen wirst, dass ich in jenem Moment, in dem ich dir von diesem Erlebnis berichte, bereits tot bin.

Die Anziehung der Selbstzerstörung

Man steht irgendwo an einem Geländer und blickt hinunter. Man sitzt hinter dem Steuer eines Wagens und unterquert eine Brücke. Man biegt auf seinem Fahrrad um die Kurve, während ein Bus entgegenkommt. Man sägt mit der Stichsäge direkt neben der Hand, die ein Stück Holz hält, einen Kreis. Man betrachtet sich eine Mauer und denkt sich, man könnte seinen Kopf dagegen schlagen. Man denkt sich, warum springe ich nicht?

Warum steuere ich nicht auf den Brückenpfeiler zu? Warum fahre ich nicht in den Bus hinein? Warum säge ich mir jetzt nicht in die Hand? Warum folge ich nicht dieser Erregung, was hält mich davon ab? Ruinen, Skelette, Flügelschlag. Bäume lachen sich einen Ast. Blumen drehen ihre Köpfe und öffnen ihr Maul. Zwei Vögel zerhacken einen Wurm. Drei große Wolken verschlingen eine kleine. Nur dem wachsen Flügel, der sie zu Nutzen versteht. Der Rest fällt wie ein Stein.

Was nützen einem Augen dort, wo kein Sonnenstrahl hinfällt? Was soll ein Gehirn, wenn Denken nicht gefragt ist? Ohne festen Boden keine Füße, ohne Sauerstoff keine Lungen. Was anfangen jetzt mit den Armen, die nicht zu Flügel werden? Was tun mit dem Körper, der keinen Panzer anlegen kann? Er, ein Fisch? Ein Fisch auf dem Trockenen.

Der Aufprallort: Waschbeton und Euphorie

Im Gegensatz zu Steinplatten werden Waschbetonplatten gegossen. Damit deren Oberfläche nicht abbinden kann, wird ein Erstarrungsverzögerer eingesetzt, der die Aushärtung verhindert. Dann wischt ein unter hohem Druck komprimierter Wasserstrahl die Oberfläche aus. auf der sich nur die gröberen Steinchen halten können. Die Hersteller verwenden entweder Kies, Granit oder Marmor, um eine runde Oberflächenkörnung zu erzielen, oder Basaltsplit, um eine rauere Struktur zu erhalten.

Waschbeton ist robust und für den täglichen Gebrauch wie auch den gelegentlichen Einsatz von Hubstaplern sehr gut geeignet. Trotz eines nicht zu vernachlässigenden Rollwiderstandes. Die typische Waschbetonplatte misst 40 auf 80 cm. und wird auf einen harten, aber wasserdurchlässigen Untergrund verlegt. Ihr Vorteil? Sie ist rutschfest bei Nässe und Eis und daher bei Häuslebauern recht beliebt. Ihr Nachteil?

Sie wird schnell unansehnlich, da sich Dreck zwischen ihren Steinchen festsetzt. Da muss man mit dem Hochdruckreiniger ran, was Extrakosten für Personal und Gerätemiete nach sich zieht. Und die vermeiden Hausbesitzer oder Immobilienverwalter lieber. Worum sie in seinem Fall aber nicht herumkommen werden. Denn es steht zu befürchten, dass es ihm nicht gelingen wird, die Aufprallzone auf einer einzelnen Waschbetonplatte beschränkt zu halten.

Am Fenster gegenüber steht die alte, verwirrte Frau. Sie lacht. Auch sie trägt ihren Grabstein bereits um den Hals. Das Gehirn spielt ihm einen Streich. Er ist high. Der Körper schüttet massiv Glückshormone aus. So wie im Falle eines Verlustes des Kabinendrucks in Flugzeugen reiner Sauerstoff in die Lungen der Passagiere gepumpt wird, um sie gefügig zu machen.

Eine zuverlässige Mischung aus Noradrenalin und Endorphinen wird von seinen Nebennieren und seiner Hypophyse produziert. Alles erscheint ihm leicht. Er ist euphorisch bis zum allerletzten Augenblick. Das Einzige, das er hört, ist der Fallwind, der sich in seinen Ohrmuscheln verfängt. Sein Flüstern beruhigt ihn. Als würde der Wind eine ihm bekannte Tonlage imitieren. Ihre Tonlage. Das Säuseln des Windes hat ihre Stimme angenommen.

Zum Glück trage ich bereits einen Anzug, denkt er. Da muss ich mich für die Beerdigung nicht mehr umziehen.

Letzte Gedanken: Panna Cotta Erinnerung

Vor ein paar Tagen hatte er einem Kind dabei zugesehen, wie es eine Panna Cotta aß. Es war ganz in seiner Beschäftigung versunken. Mit dem Löffel in der Hand zog es direkt am Rand des Bechers einen Kreis. und leckte die am Löffel hängen gebliebene Süßspeise ab. Der Graben versperrte nun den Weg zum Becherrand. Das Kind legte den Kopf schief. Aus der Mitte floss Erdbeersoße langsam nach und füllte den Graben auf.

Die Mitte lag nun bloß. Das Kind nahm Maß, mit einem genau kalkulierten, vorsichtigen Spatenstich hob es, der Form des Löffels folgen, eine nussgroße Portion heraus, die sogleich in der weichen Rundung zur Ruhe kam. Das Kind hatte eine sehr ruhige Hand. Es schaute sich das Ausgehobene genau an, um es dann sehr vorsichtig wieder passgenau an die ursprüngliche Stelle zurückzulegen. Das zuvor Entfernte verband sich wieder mit der Masse, als sehnte es sich nach nichts anderem.

Nun hob das Kind den Becher hoch und betrachtete sein Werk von allen Seiten. Es war nichts von seinem Eingriff zu sehen. Alles war wieder beim Alten, als wäre nichts gewesen.

Abschied und ihre Perspektive

Wolken sind Gestalten, die nichts von ihrer Schönheit wissen. Würde sie zu seiner Beerdigung kommen? würde sie zu seiner Beerdigung kommen? Lasst los. Sie zieht also die Tür hinter sich zu. Sie spürt, dass er noch etwas sagen will, aber sie will es nicht hören. Nicht, weil sie seiner überdrüssig ist. Sie hat einfach genug Gefühle für eine Nacht gehabt und muss diese erst ordnen.

in die richtige Reihenfolge bringen. Wenn sie die Tür zuzieht, das weiß sie, schlägt sie ein Buch zu, das sie noch nicht mehr richtig angefangen hat. Eine Fußnote. Mehr nicht. Diese Frau tritt also ins Freie dieses herrlichen Sommertages. Und diese Frau bin ich.

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