#104 Die Anhalterin - podcast episode cover

#104 Die Anhalterin

Apr 22, 20261 hr 12 min
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Episode description

Eine Gruppenreise zum Plattensee endet für die 51-jährige Magdalene Heinrich im September 2001 frühzeitig: Weil ihr Reisepass abgelaufen ist, wird sie an der österreichisch-ungarischen Grenze abgewiesen und muss alleine den Rückweg nach Hause antreten – Doch dort kommt sie nie an. Acht Tage später wird ihre Leiche in der Nähe eines Autohofs an der A70 bei Thurnau aufgefunden. Es ist der Beginn einer aufwändigen Ermittlung nach dem Fahrer, der Magdalene Heinrich als Anhalterin mitgenommen und getötet hat. 


Zu Gast bei Rudi Cerne und Nicola Haenisch-Korus im Studio ist der Erste Kriminalhauptkommissar und Dienststellenleiter a. D. Ernst Pittroff von der Kripo Bayreuth. Er leitete die Sonderkommission, die zur Tötung von Magdalene Heinrich ermittelt hat und berichtet von einem Manager und Familienvater, der ein Doppelleben als Mörder geführt hat. Jahre später kommt ans Licht, dass er noch einer weiteren Frau das Leben genommen hatte. Wie dieser Fall schließlich aufgeklärt werden konnte und was der Verlust für die Familie bedeutete, darüber berichten im Interview die Schwester des Opfers und ihr Anwalt Mario Seydel.


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Alle Podcastfolgen und weitere spannende Dokus gibt's auch auf Youtube-Kanal "ZDF True Crime": https://www.youtube.com/@ZDFTrueCrime/videos


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Moderation: Rudi Cerne, Nicola Haenisch Korus

Gast: EKHK a. D. Ernst Pittroff, Kripo Bayreuth 

Interviewpartner: Schwester des zweiten Opfers (anonym), Rechtsanwalt Mario Seydel

Autorin dieser Folge: Lale Artun

Audioproduktion & Technik: Sebastian Muxeneder

Leitung Postproduktion: Stephan Gossen

Produktionsleitung Securitel: Marion Biefeld 

Produktionsleitung Bumm Film: Melanie Graf, Nina Kuhn 

Produktionsmanagement ZDF: Julian Best 

Leitung Digitale Redaktion Securitel: Nicola Haenisch-Korus  

Produzent Securitel: René Carl 

Produzent Bumm Film: Nico Krappweis

Redaktion Securitel: Katharina Jakob, Zoë Jungblut

Redaktion ZDF: Sonja Roy, Kirsten Zielonka

Regie Bumm Film: David Gromer

Transcript

Hallo und herzlich willkommen zu Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen. Mein Name ist Rudi Zerne. Und ich bin Nikola Hinnisch-Koros. Schön, dass ihr wieder dabei seid. Rudi, wer uns hier regelmäßig zuhört, weiß, bei den allermeisten Gewaltverbrechen ist der Täter nicht der düstere Unbekannte, der Mörder, der seinem Opfer in der Dunkelheit auflauert und aus dem Nichts zuschlägt.

Im Gegenteil, die meisten Taten sind Beziehungstaten. Täter und Opfer kennen sich gut, oft sind sie sogar verwandt oder leben zusammen. Absolut richtig. Doch das heißt nicht, dass es nicht auch Fälle gibt, bei denen es anders ist. Fälle, bei denen sich Täter und Opfer nie zuvor begegnet sind. Bei denen das Opfer schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort war. Und bei denen im Grunde ein grausamer Zufall darüber entscheidet,

gegen wen sich die tödliche Gewalt richtet. Über einen solchen Fall, eigentlich muss man sagen zwei solcher Fälle, sprechen wir heute. Beide Opfer waren in diesen Fällen Frauen, beide begegneten rein zufällig ein und demselben Mann. Und beide waren nach dieser verhängnisvollen Begegnung tot und hinterließen Familien, die bis heute darum ringen, zu begreifen, was damals passiert ist.

Und zwar nicht nur, was die Taten selbst angeht, sondern zumindest in einem der Fälle auch mit Blick auf die nachfolgenden Ermittlungen. Ja, denn vor allem der zweite Fall zeigt eindrücklich, wie herausfordernd polizeiliche Ermittlungen sind, wenn zwischen Täter und Opfer keinerlei Beziehung besteht. Aber auch, wie wichtig es ist, in solchen Fällen ergebnisoffen und in alle Richtungen zu ermitteln. Bevor wir darauf zu sprechen kommen, möchte ich unseren heutigen Studiogast

begrüßen. Sein Name ist Ernst Pitroff. Er war viele Jahre lang Kommissariatsleiter, später auch Dienststellenleiter der Kriminalpolizei Bayreuth und als solcher mitverantwortlich für die Sonderkommission, die in dem Fall ermittelt hat, über den wir heute zuerst sprechen. Heute sind Sie, Herr Pitroff, im Ruhestand. Wir freuen uns umso mehr, dass Sie uns noch einmal Einblick in Ihre Arbeit gewähren. Herzlich willkommen bei uns. Ja, herzlich willkommen, Herr Pitroff.

Ja, danke schön für die Einladung, habe ich gerne wahrgenommen. Klasse, schön, dass Sie hier sind. Herr Pitroff, mehr als 40 Jahre haben Sie im Polizeidienst verbracht, angefangen als Streifenpolizist, später dann als Sachbearbeiter für Rauschgiftdelikte und viele Jahre als Chef der Mordermittlung. Gab es eine Phase während Ihrer Polizeikarriere, die Sie besonders geprägt hat? Ja, das war eigentlich schon zu Beginn meiner Dienstzeit. Da war eine Geschichte, die mich sehr geprägt hat.

Und zwar wurde eine 18-Jährige an der Böschung vom Roten Main vergewaltigt. Und es ging so zu Ende, dass sie mir dann gesagt hat, wer der Täter ist. Also das war ein sehr prägendes Erlebnis für mich. erstens einmal auf eine Person einzugehen, die zu reden zu bringen, nicht zu unterbrechen, einfach auch Pausen machen und warten, bis das Gegenüber wieder sich äußert, ob es jetzt Täter ist oder Opfer. Also manchmal bei Vernehmungen sich ein wenig zurückzuhalten, das hat Sie geprägt. Ganz wichtig.

Es gibt auch diese Situation, dass Sie mit Menschen zu tun hatten, also mit Tätern oder vermeintlichen Tätern, die pausenlos gelogen haben. Richtig, das war in meiner Zeit. Die ersten sechs Jahre habe ich bei der Kriminalpolizei Rauschgiftdelikte bearbeitet. Und da habe ich sehr schnell gelernt, dass dieser Typ von Mensch ganz einfach lügt von vorn bis hinten. Ob das die eigenen Eltern sind, die Geschwister sind, die besten Freunde sind, die lügen alle. Und nur alles zu verduschen.

Da muss man dann eben das Gespür finden, da einzuhaken, wo man merkt, hoppla, jetzt hast du dich verplaudert. Und heute wollen wir ja auch über einen Fall sprechen, wo der Täter eben genau das getan hat, nämlich pausenlos gelogen hat, ein Blender war, der eine falsche Fassade von einem bürgerlichen Leben aufgebaut hat. Darüber sprechen wir auch gleich noch ausführlich und zwar auch mit der Schwester, einer der beiden getöteten Frauen, um die es heute geht.

Und man kann wohl sagen, ohne die Hartnäckigkeit dieser Schwester und der ihres Rechtsanwalts wäre der Mord an ihrer Angehörigen wohl bis heute nicht aufgeklärt. Auch ihren Rechtsanwalt, Mario Seidel, werden wir später in dieser Folge noch hören. Doch nun zu dem, was sich damals ereignet hat. Nur noch ein kurzer Hinweis. Aus rechtlichen Gründen haben wir den Namen des Täters geändert.

Freitag 28 september 2001 die terroranschläge vom 11 september sind gerade einmal zwei wochen her und auch wenn die welt nach wie vor in aufruhe ist vielerorts kehrt langsam wieder so etwas wie normalität ein so auch bei magdalena heinrich, Die 51-Jährige aus Obersontheim in Baden-Württemberg engagiert sich im örtlichen Landfrauenverein. An jenem Freitag besteigt sie einen Reisebus mit den Vereinskolleginnen aus dem benachbarten Schwäbisch Hall.

Es soll nach Ungarn gehen. Eine fünftägige Reise mit dem Ziel Balaton. Fünf Tage soll die Reise dauern. Endziel der Plattensee. Der Bus fährt über Regensburg und Passau. Die Grenze zu Österreich passiert die Gruppe ohne Zwischenfälle. Dann, gegen 17 Uhr, erreichen die Frauen die österreichisch-ungarische Grenze, am Übergang Nickelsdorf-Hedje-Shalom. Doch die Durchfahrt lässt auf sich warten. Ungarn ist zu der Zeit noch kein EU-Mitglied und seit dem 11.

September finden zusätzlich verstärkte Kontrollen statt. Schließlich steigt ein ungarischer Grenzbeamter in den Bus. Wir haben die Szene damals für Aktenzeichen XY nachgestellt. Guten Tag, ungarische Passkontrolle. Hi, Denei. Was ist denn? Mein Pass ist abgelaufen. Zeigen Sie mal. Nicht da? Tatsächlich. Was mache ich denn jetzt da? Vielleicht können Sie einen vorläufigen Ausweis oder sowas kriegen. Nein, nicht so. Ich habe gerade gemerkt, dass mein Pass abgelaufen ist. Was kann man denn da

machen? Haben Sie andere Dokumente? Neue Notenpass. Moment. Es klappt schon. Magdalena Heinrich? Sie können nicht einreisen. Was? Wie nicht einreisen? Da muss man doch was machen können. Ohne gültige Papiere darf man nach Ungarn nicht einreisen. Aber wir sind doch eine Gruppe. Mit einem Hotel am Plattesee. Das sind fünf da. Der Pass ist vor über einem Jahr abgelaufen. Das ist kein gültiges Dokument. Nach längeren Diskussionen bleibt Magdalena Heinrich nichts anderes übrig, als auszusteigen.

Die Einreise wird ihr verweigert. Ihre Vereinskolleginnen wollen die Fahrt nach Ungarn zuerst ganz abbrechen. Doch Heinrich beschwichtigt. Der Rest des Landfrauenvereins solle sich die Reise nicht verderben lassen. Sie selbst wolle sich einen Bus oder ein Taxi für die Heimfahrt suchen. Doch zu Hause kommt Magdalena Heinrich nie an. Acht Tage später, am 6. Oktober 2001, macht ein Landwirt am Rande einer Wiese bei Turnau in Oberfranken eine erschütternde Entdeckung.

Dort, etwa 650 Kilometer vom ungarischen Grenzübergang entfernt, liegt im Gestrüpp der Leichnam einer Frau. Es ist Magdalene Heinrich. Herr Petroff, wir haben es eben gehört. Magdalena Heinrich war Ende September 2001 an der österreichisch-ungarischen Grenze verschwunden. Gut eine Woche später war ihr Leichnam durch Zufall in der Nähe von Turnau in Bayern entdeckt worden. Wie haben Sie damals von dem Leichenfund erfahren? Ich war da abends auf einer Veranstaltung, da klingelte mein Handy.

Mir wurde berichtet von der Einsatzzentrale, eine tote Frau liege im Wald bei Turnau. Ich bin natürlich dann sofort in die Dienststelle, habe dann unser ganzes Gebot aufgerufen und die Spurensicherung, Rechtsmedizin, alles verständigt und wir sind sofort rausgefahren. Es war schon finster und die mussten die ersten Ermittlungen in der Dunkelheit durchführen. Also erschwerte Bedingungen, muss man sagen. Was waren Ihre ersten Eindrücke am Fundort?

Ja, die ersten Eindrücke waren natürlich ein bisschen niederschmetternd. Die lag da völlig durchnässt, abgedeckt mit einem blauen Müllsack da im Wald. Und was die Spurenlage anging, war es natürlich katastrophal. Es hatte eine Woche lang nur geregnet. Auf den ersten Blick waren wenige verwertbare Spuren vor Ort vorhanden. Der Frau war die Kehle durchgeschnitten worden. Es zeigten die Schnittverletzungen am Hals.

Wir konnten zudem schnell feststellen, wer die Frau war. In ihrer Handtasche, die sie noch um den Hals trug, war zwar kein Personalausweis mehr, aber der Zurückweisungsbeschluss der ungarischen Grenzbehörden. Damit konnten wir in die Dateien der Polizei gehen und stellte sich schnell heraus, dass die Frau als vermisst gemeldet war. Die Überprüfung ergab Magdalena Heinrich, 51 Jahre alt, aus Obersontheim. Sie führte dort gemeinsam mit ihrem Ehemann ein Schreibwarengeschäft.

Die Angehörigen haben uns dann erzählt, sie hätten bereits vor einer Woche sie als vermisst gemeldet, nachdem sie an der österreichisch-ungarischen Grenze abgewiesen worden war und danach nicht nach Hause zurückgekehrt. Die Frage war demnach also, was war Magdalena Heinrich nach ihrem Verschwinden am 28. September 2001 zugestoßen? Hat denn jetzt die Obduktion des Leichnams darüber etwas verraten können? Die Rechtsmediziner konnten uns ziemlich schnell eindeutige Ergebnisse liefern.

Sie waren der Meinung, dass die Frau stehend von hinten, dass ihr da die Kehle durchgeschnitten worden sei, mit einem sehr scharfen Messer mit großer Kraft. Die sehr grausame Tat deutete auf eine große Emotion beim Täter hin. Da es keine Schleifspuren gab und es einen hohen Blutverlust gegeben haben musste, der wohl andere Blutspuren auch hinterlassen hätte, gingen wir davon aus, dass der Fundort auch der Tatort sein musste.

Die Rechtsmedizin konnte zudem durch den Madenbefall sehr genau den Todeszeitraum eingrenzen, in der Nacht vom 28. auf 29. September, also bald nach der Zurückweisung an der Grenze. Und einen weiteren Befund, der später noch wichtig werden sollte, ergab diese Obduktion. Am rechten Handgelenk Magdalene Heinrichs fanden sich weitere leichte Schnittverletzungen. Ist das richtig? Das ist richtig so. Es war insbesondere ein ca. 5 cm langer Schnitt.

Die Rechtsmediziner aus Erlangen hielten dies anfangs für eine Abwehrverletzung. Entsprechende Hautpartien wurden auch entnommen, gesichert und asserviert. Zum Glück, muss man sagen. Es sollte sich zum späteren Zeitpunkt herausstellen, dass dies ein entscheidendes Indiz war. Dazu kommen wir noch. Nun aber zu den weiteren Ermittlungen nach dem Leichenfund. Die haben sich ja vor allem auf die Fahndung nach dem Täter konzentriert. Ist das richtig?

Ja, das ist richtig. Das letzte Lebenszeichen von Magdalene Heinrich hatten wir ja vom Grenzübergang Nickelsdorf-Heike-Schalom. Wir wussten, von dort aus wollte sie nach Hause fahren. Die ungarischen Grenzbeamten hatten Weisung, die Leute bei Zurückweisung auch weiter zu versorgen. Das hatten sie anfangs auch uns gegenüber behauptet. Sie hätten die Frau in einen Reisebus zurück nach Deutschland gesetzt. Ja, und mit dieser ursprünglichen Annahme haben Sie sich ja damals auch schon

sehr schnell an die Redaktion von Aktenzeichen XY gewandt. Am 12. Oktober 2001 lief die Sendung, damals noch nicht mit dir als Moderator, Rudi, sondern mit Butz Peters und Sabine Zimmermann, der Tochter des Aktenzeichen XY-Erfinders Eduard Zimmermann. Richtig, das war kurz bevor ich dann 2002 die Moderation übernommen habe. Überhaupt werden wir in dieser Folge immer wieder Ausschnitte verschiedener XY-Sendungen aus verschiedenen Jahren hören.

Nun aber zur besagten Sendung. Sabine Zimmermann spricht darin mit dem Leiter des Wiener Aufnahmestudios Peter Niedetzki über das Verschwinden von Frau Heinrich. Hören wir mal rein. Zuletzt gesehen wurde sie in Österreich. Peter Niedetzki, was weiß Interpol denn über diesen Mordfall? Interpol hat nun ermittelt, Frau Heinrich müsste in einen anderen Reisebus eingestiegen sein, der von Ungarn in Richtung Österreich fuhr. In diesem Bus sollen sich deutsch sprechende Personen befunden haben.

Und die, sowie auch der Fahrer des Busses, möchten sich bitte melden. Herr Pitruf, gab es Hinweise nach der Sendung? War Frau Heinrich in besagten Reisebus eingestiegen? Nein. Wir konnten nach der Sendung viele Busunternehmen ausfindig machen und das Personal befragen. Dabei zeigte sich, Frau Heinrich hatte tatsächlich nie einen Reisebus bestiegen. Die ungarischen Grenzbeamten waren ihrer Sorgfaltspflicht nicht wie behauptet nachgekommen.

Sie hatten Frau Heinrich offenbar einfach stehen gelassen. Sie mussten also im Grunde wieder bei Null anfangen, neue Ermittlungsansätze suchen. Hatten Sie damit Erfolg? Ja, den entscheidenden Erfolg eigentlich. Die zuständigen Behörden in Österreich und Ungarn haben uns in der Zwischenzeit informiert, welche Fahrzeuge zur fraglichen Zeit an der Grenze kontrolliert worden waren. Wir haben von den österreichischen Beamten genaue Listen über Zeit, Kennzeichen, Fahrer und Insassen bekommen.

Wir haben dann alle zuständigen Dienststellen im Land angeschrieben, je nachdem, wo die Fahrzeuge gemeldet waren, die Halter wohnten. Die haben uns geholfen, Fahrzeughalter zu kontaktieren, nachzufragen, ob jemand eine Anhalterin mitgenommen hätte. Und tatsächlich, es kam der Treffer. Und um wen es sich bei diesem Treffer handelte, dazu kommen wir jetzt. November 2001. Es sind die ersten Wochen nach dem Leichenfund in der Nähe von

Turnau. Die Sonderkommission rund um Ernst Pitroff bittet Kolleginnen und Kollegen deutschlandweit um Mithilfe. Mehrere hundert Kennzeichen müssen überprüft und die Fahrzeughalter befragt werden. Denn die Ermittler wollen wissen, hat jemand Magdalena Heinrich am 28. September 2001 am Grenzübergang gesehen oder sie vielleicht sogar mitgenommen?

Knapp zwei Monate lang bleibt die Suche ergebnislos. Doch dann lädt die Kripo Hof im Auftrag ihrer Bayreuther Kollegen einen Mann vor, der annimmt, dass Videokameras ihn am Grenzübergang zusammen mit Magdalena Heinrich gefilmt hätten. Deshalb gibt er in der Vernehmung gleich zu, die Frau in seinem Fahrzeug mitgenommen zu haben. Es ist die erste heiße Spur in den Ermittlungen. Der Mann heißt Norbert Meier, ist 50 Jahre alt und ein erfolgreicher Geschäftsmann.

Jahrelang hat er als Top-Manager gut verdient. Nun, so erfahren die Beamtinnen und Beamten, leitet er ein eigenes Dienstleistungsunternehmen mit Call-Centern in Ungarn. Das ist auch der Grund, erklärt der Mann der Polizei, warum er immer wieder beruflich nach Ungarn fahre. So auch Ende September, als er auf der Rückreise am Grenzübergang Nickelsdorf auf Magdalena Heinrich getroffen sei.

Sofort fahren Ermittlerinnen und Ermittler der Kripo Bayreuth ins 60 Kilometer entfernte Hof, um den Pendler selbst erneut zu vernehmen. Am 23. November 2001 befragen sie ihn dort auf der Polizeiinspektion. Die Szene haben wir für eine Aktenzeichen-XY-Sendung nachgestellt. Und Sie sind sich absolut sicher, dass Sie es, wa? Hundertprozentig. Wieso melden Sie sich nicht? Das Foto war doch überall, sogar im Fernsehen. Tut mir leid. Ich arbeite unter der Woche meistens in Ungarn, in meiner Firma.

Da habe ich von der ganzen Sache nichts mitbekommen. Ja, dann erzählen Sie doch noch mal, wie war das an der Grenze? Ja, Sie wissen ja, es war ein Freitag. Ich bin von Ungarn aus nach Hause gefahren. Ich wohne bei Hof. Wir sind die Strecke gefahren, die ich immer nehme. Wien, Passau, Regensburg. Bei Regensburg haben sich dann unsere Wege getrennt. Ich habe sie auf einer Raststätte rausgelassen. Das war so gegen 22 Uhr. Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen.

Herr Petruf, ein Wendepunkt in den Ermittlungen, kann man schon so sagen. Sie selbst waren bei der Vernehmung des Mannes nicht dabei, aber Sie haben ihn später erlebt und wissen, glaube ich, aus Erzählung Ihrer Kolleginnen und Kollegen, welchen Eindruck er in dieser ersten Vernehmung und später weiteren gemacht hat. Insgesamt, er machte einen sehr selbstsicheren Eindruck. Er war von sich, wie in seiner gesamten beruflichen Lage, sehr überzeugt.

Er wusste auf alles gleich eine Antwort und gab sich auch sehr kooperativ. Er hat uns auch gleich ganz konkrete Daten genannt. Wann er am Grenzübergang war, wann er und wo er gedankt hat, wo er sie rausgelassen hätte und hat uns auch gleich sein Notizbuch und seine Abrechnungsunterlagen zur Verfügung gestellt. Und er war auch mit einer Speichelprobe einverstanden.

Da stelle ich mir vor, das wirkt erstmal glaubwürdig. Warum sollte jemand, der etwas zu verbergen hat, von sich aus zugeben, dass er die Frau mitgenommen hat und dann noch so viele konkrete Angaben machen? Oder wie war das? Ja, das ist natürlich der erste Eindruck, den man hat, aber man darf dem nicht glauben. Er glaubte ja, dass es auch Videoaufzeichnungen vom Grenzübergang gab, die angeblich zeigten, wie die Frau bei ihm einstieg.

Das war schon mal der erste Punkt, weil das nicht stimmte. Es erklärt aber auch, warum er so offensiv ins Gespräch ging. Er hat uns dann auch sehr schnell ein Alibi präsentiert. Er sei noch vor Mitternacht zu Hause gewesen, habe dort vom Festnetztelefon aus mit seiner Frau telefoniert, die zu der Zeit bei ihren Eltern in München gewesen sei. Wenn er also tatsächlich telefoniert hätte, wenn dies zugetroffen hätte, so konnte er nicht der Täter sein.

Das wäre zeitlich unmöglich gewesen, vorher das Tatopfer nach Turnau zu fahren, zu töten und dort abzulegen. Sie haben jetzt gesagt, sofern zutreffend. Also haben Sie ihm das Alibi gar nicht abgenommen? Nein. Es geht bei so einem Punkt in den Ermittlungen nicht darum, was ich glaube, sondern dass die Fakten zählen. Wir überprüfen grundsätzlich alle Angaben von Zeugen, so auch hier. Wir haben sogar auf seinen Hinweis hin die Netzbetreiber kontaktiert, um die Daten zum Telefonat zu ermitteln.

Wir haben aber vom Netzbetreiber die Auskunft erhalten, es seien keine Daten mehr vorhanden. Die Ehefrau selbst hat alle Aussagen verweigert. Ihre Mutter gab als einzige Aussage zu Protokoll, dass sie vom Hörensagen von einem Anruf ihres Schwiegersohnes an ihre Tochter wüsste. Später reichte der Mann noch eine Telefonrechnung des Festnetzanschlusses seiner Schwiegereltern nach. Dort waren tatsächlich zwei Anrufe in der fraglichen Zeit zu seinem Festnetz- und Mobiltelefon vermerkt.

Bloß, es war so eine kurze Verbindungsdauer, dass es sich auch um einen Anrufbeantworter hätte handeln können. Sie hatten also zunächst einmal nur ein sehr wackeliges Alibi. Ja, es ist ja bekannt, dass die Personenbeweise, also somit eine Zeugenaussage, nicht die zuverlässigste Konstellation zum Tatnachweis ist. Er hatte uns ja durch seine Aussage diverse Ansätze für weitere Ermittlungen selbst gegeben. Man muss natürlich immer ergebnisoffen an die Sache rangehen, darf sich nicht verrennen.

Aber sagen wir so, wer nach dem aktuellen Stand der Letzte war, der die Frau gesehen hatte, das war er. Die Möglichkeit, dass es sich bei ihm um den Täter handelte, war also durchaus gegeben. Die Kripo hat ja dann gleich am Tag der ersten Vernehmung in Hof auch das Fahrzeug des Mannes genauer untersuchen lassen, mit dem er zur Polizeiinspektion gefahren war. Dort gab es einige Spuren, die verdächtig nach Blut aussahen. Erzählen Sie mal.

Ja, das stimmt. Wir hatten ja die Rechtsmedizin verständigt und haben die auch gleich nach Hof geschickt, um das Fahrzeug zu untersuchen. Und der damalige Rechtsmediziner hat tatsächlich Blutspuren an der inneren Fahrertür gefunden. Es waren aber Wissspuren und die TNA-Anließe steckte damals noch so in den Kinderschuhen, dass man diese geringen Blutanhaftungen nicht eindeutig einer Person hätte zuordnen können. Aber klar war, da ist Blut und die Frage war, wie ist es dort hingekommen?

Das verstärkte natürlich schon den Eindruck, dass wir hier an der richtigen Person waren. Wo genau befand sich das Blut? Das Blut befand sich am Verriegelungsknopf der Fahrertür, wo also das Opfer mit Sicherheit nie hingekommen wäre. Zu der zweiten Untersuchung kommen wir später noch. Umso wichtiger war es ja nun, die Angaben von Norbert Mayer genau zu überprüfen. Darauf haben Sie Ihre Ermittlungen nun vor allem konzentriert. Wie sind Sie da genau vorgegangen?

Wir haben zunächst einmal den genauen Fahrtverlauf überprüft. Das heißt, wir sind die Strecke von Nickelsdorf bis Regensburg, von Regensburg bis Hof, von Regensburg bis Tornau, von Tornau bis Hof, also zu dem Ortbeihof, durchgefahren. Wir sind schnell gefahren, wir sind langsam gefahren, wir haben alle Möglichkeiten überprüft, Und er wäre nie zu der Zeit, wo er angegeben hat, mit seiner Frau telefoniert zu haben, zu Hause gewesen. Das geht nicht.

Er hat ja gesagt, er habe die Mitfahrerin an der Tankstelle bei Regensburg rausgelassen. Dort habe sie vorgehabt, sich ein Taxi in die Stadt zu nehmen, eine Nacht im Hotel zu verbringen und am nächsten Tag weiterzufahren. Wir haben in Regensburg alle 140 Taxifahrer befragt. Keiner hatte zu dieser Zeit eine Frau dort mitgenommen. Wir haben alle Hotels im Umkreis abgefragt nach Übernachtungsgästen in der fraglichen

Nacht. Es war alles negativ. Keiner hat diese Frau dort wahrgenommen, bis auf einen Herrn aus Berlin. Wir haben auch mit der Bereitschaftspolitik eine große Haus-zu-Haus-Befragung in den Orten um diese Raststätte gemacht. Es ist dabei nichts herausgekommen. Wir hatten auch die Lkw-Fahrer, die in der Ortschaft an Raststätten geparkt hatten, befragt. Keiner konnte uns irgendeinen Hinweis geben.

Es war extrem zeit- und personalaufwendig, aber hiermit konnten wir auch beweisen, dass die Frau nicht dort gesehen wurde. Zeitweise waren ja bis zu 20 Mitarbeiter in der Soko beschäftigt. Hinzu kam, wie bereits erwähnt, die 100-scher-bereitschaftspolitik bei der Haus-zu-Haus-Befragung. Ja, zu dem Mann aus Berlin, zu dem kommen wir gleich noch.

Sie, soweit kann man zumindest schon mal sagen, haben jeden Stein umgedreht und sich in dieser Situation auch nochmals an die Redaktion von Aktenzeichen XY gewandt. Diesmal mit dir als Moderator, lieber Rudi. Am 3. Mai 2002 lief die Sendung, in der die Krepo Bayreuth erneut um Mithilfe gebeten hat. Wir hören noch mal rein. An der Regensburger Autobahnraststätte hat die Krepo die Ermittlungen wieder aufgenommen. Im Studio begrüße ich jetzt Michael Hübsch.

Er ist Pressesprecher der Polizeidirektion bei Reut. Wie sehen Ihre Ermittlungen jetzt aus? Was können Sie tun? Für uns ist es jetzt natürlich besonders wichtig, Zeugen zu finden, die uns Hinweise geben können, wer hat Frau Heinrich hier an der Rastanlage gesehen, wer weiß, wie sie wieder von der Rastanlage weggekommen ist oder wer hat sie vielleicht in Begleitung von Personen oder Fahrzeugen gesehen.

Die tatrelevante Zeit können Sie auch genau eingrenzen. Die tatrelevante Zeit wäre für uns der Bereich Freitag, 28. September 2001 nach 22 Uhr. Herr Petroff, hat sich nach all dieser Ermittlungsarbeit irgendjemand gefunden, der Frau Heinrich in jener Nacht in Regensburg und Umgebung gesehen hat? Ja, wie bereits erwähnt, hat sich ein Herr aus Berlin gemeldet. Meine Kollegen sind selbst nach Berlin gefahren, haben den vernommen. Der Mann war sehr zuverlässig, hat einen sehr guten Eindruck gemacht.

Also warum sollte man denen nicht glauben? Er hat geschildert, dass er mit einer Reisegruppe aus Indien in dem Hotel gewesen sei und da sei ihm diese Frau aufgefallen mit dem markanten Rucksack. Lange Rede, kurzer Sinn, wir haben sogar die Kontakte zu der Familie in Indien aufgenommen, haben die befragt und die haben bestätigt, dass sie solche Wahrnehmungen in dem Hotel nicht gemacht hätten. Sie hätten keinen Koffer gesehen, keinen Rucksack gesehen und die Frau schon gleich gar nicht.

Wie der Mann zu der Aussage kommt, ist bis heute nicht geklärt. Gut, das war also eine Trugspur. Frau Heinrich war zu der Zeit der vermeintlichen Sichtung nachweislich noch in Österreich. Das konnten sie nachvollziehen anhand eines Tankstops, den Norbert Mayer Ihnen genannt hatte und den sie überprüft hatten. Dieser Stopp an einer Tankstelle im österreichischen Suben sollte Ihnen darüber hinaus ja noch einen entscheidenden Hinweis liefern.

Welcher war das? Ja, das ist richtig. Das war der entscheidende Hinweis. Er hatte uns ja gesagt, dass er dort noch einmal Halt gemacht hätte, gedankt, auch um Getränke zu kaufen. Wir haben den Einkauf geprüft, ursprünglich vor allem, um den zeitlichen Ablauf nachzuvollziehen.

Der Tankstellenbetreiber war sehr kooperativ. Wir haben damals die ganzen Kaufunterlagen, die ganzen Kassenprotokolle durchgesehen und bei der Überprüfung des Kassenschurnals haben wir festgestellt, dass neben Getränken Herr Norbert Mayer an der Tankstelle noch etwas gekauft hat. Drei Rollen Isolierband. Und zwar ein rotes, ein grünes und ein gelbes. Das hatte er in seiner Zeugenvernehmung nicht erwähnt. Das ließ uns natürlich aufhorchen.

Ja, zu Recht, wie sich bald zeigen sollte, weshalb dieser Fund letztlich zu einem Durchbruch in den Ermittlungen führen sollte, dazu kommen wir jetzt. Februar 2003. Rund anderthalb Jahre sind seit der Tötung von Magdalene Heinrich vergangen. Monate, in denen die Soko um Ernst Pitruf zahllose Zeugen befragt und Hinweise überprüft hat. Stück für Stück haben sich die Beamtinnen und Beamten den Angaben des Zeugen Norbert Mayer angenommen.

Natürlich immer mit der Frage im Hinterkopf, könnte er nicht vielleicht selbst etwas mit dem Tod der Frau zu tun haben? Nun, da die Ermittlerinnen und Ermittler das Kassenjournal der Tankstelle in Händen halten, stellt sich diese Frage umso dringlicher. Isolierband. Wozu hatte Norbert Meier das während der Fahrt gekauft? Womöglich, um Magdalene Heinrich zu fesseln? Sie wehrlos zu machen? Als die Ermittler von den Isolierbändern lesen, erinnern sie sich an einen Befund der Obduktion.

Damals hatte man die feinen Schnitte am Handgelenk und Unterarm von Magdalene Heinrich für Abwehrverletzungen gehalten. Doch nun liegt ein anderer Schluss nahe. Hatte der Täter Magdalena Heinrich gefesselt und die Fesseln nach der Tötung mit einem Messer abgeschnitten und entsorgt? Konnten die Verletzungen auch so entstanden sein? Die Ermittlerinnen und Ermittler der Kripo Bayreuth schauen sich die Fotos vom Leichenfund noch einmal genauer an.

Und tatsächlich. Am rechten Handgelenk der Frau entdecken sie einen länglichen grünen Schatten. Reste vom Klebeband? Die Rechtsmedizin untersucht das asservierte Hautpräparat nun erneut. Dabei stellt sie fest, die Wunden sind offenbar tatsächlich nach dem Tod der Frau entstanden. Die Rechtsmediziner können darin mehrere grüne Partikel sicherstellen. Zur weiteren Untersuchung werden sie zu einem Sachverständigen des Rechtsmedizinischen Instituts in Münster geschickt.

Das Ergebnis bei den winzigen Partikeln handelt es sich wie vermutet um Reste eines Klebebands. Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stammen sie von eben jenem grünen Isolierband, das Norbert Mayer am 28. September 2001 im Tankstellenshop gekauft hatte. Herr Pietroff, ein ziemlich eindeutiges Ergebnis und ein Fund, der Norbert Mayer, der ja bis dahin als Zeuge aufgetreten war, jetzt schwer belastet hat.

Ja, wir hatten eine mögliche Täterschaft von ihm natürlich schon vorher auf dem Schirm. Er war nun mal der Letzte, der Magdalena Heinrich lebend gesehen hatte. Nun war uns klar, wir sind an der richtigen Person dran. Wir brauchen nur noch gerichtsfeste Sachbeweise. Das fehlte uns noch. Die Partikel des Klebebandes waren so ein entscheidender Baustein, den wir richtig pflegen mussten. Jetzt ging es darum, auch noch weitere zu finden.

Welche weiteren Beweise und Indizien das waren, dazu kommen wir gleich noch. Zuvor aber noch die Frage, Sie haben den Verdächtigen ja sicher spätestens jetzt etwas genauer durchleuchtet. Wer war Norbert Mayer, also der Mann, der Magdalena Heinrich am Grenzübergang Nickelsdorf mitgenommen hatte? Nach außen hin ein sehr erfolgreicher Manager. Aus einfachsten Verhältnissen hat er sich hochgearbeitet. Seine Mutter war eine Kriegerwitwe, die ihn und zwei ältere Halbbrüder allein durchbringen musste.

Schon früh war er sehr geschäftsüchtig. Hat als Schüler Zeitungen ausgetragen, laut eigenen Angaben schon 35 bis 50 Mark pro Woche verdient, was damals ja sehr viel war. Aber er hat alles für Zigaretten und Alkohol ausgegeben. Aufgrund exzessiven Konsums hatte er früh gesundheitliche Probleme. Er hatte Magenblutung, die er auch zur Zeit der Ermittlungen noch hatte. Er hat eine kaufmännische Lehre gemacht bei einem Hamburger Betrieb und sich rasant hochgearbeitet.

Allerdings fiel bei genauer Betrachtung auf, sehr oft hat er die Betriebe gewechselt. Ein Mensch, der sich gut verkauft hat, aber es steckte nichts dahinter. Das war so unser Eindruck. Er wurde immer wieder mit Abfindungen zum Gehen bewegt. Über seine Unfähigkeit bewahrte man Stillschweigen. So konnte er immer weiter erfolgreich weiterziehen.

Wenn man bedenkt, dass er zwischenzeitlich 700.000 T-Mark Jahresgehalt als Finanzvorstand in einem großen Unternehmen kassierte, er war ein Blender vor dem Herrn, ein geübter Lügner. Aber welches Ausmaß das hatte, sollte sich erst im Laufe der Ermittlungen zeigen. Zuletzt, das haben wir vorhin gehört, hatte er ja dann ein eigenes Unternehmen mit seinem Schwiegervater gegründet. Ein Dienstleister mit Callcentern mit Sitz in Ungarn. Daher auch die regelmäßigen Fahrten über die Grenze.

Ja, er hatte ja nichts anderes mehr, kein Einkommen, also hat er sich an so ein Callcenter gewagt und zusammen mit seinem Schwiegervater. Aber der hat sehr schnell gemerkt, dass da was nicht stimmt mit dem Mann. Er war für ihn ein unzuverlässiger Blender. Er hat sich dann aus dem Geschäft herausgezogen. Norbert Mayer war zu der Zeit bereits zum zweiten Mal verheiratet. Er hatte ein Kind aus erster Ehe.

Von der ersten Frau wurde er 1998 geschieden und im gleichen Jahr hat er seine zweite Frau geheiratet, mit der er noch zwei weitere Kinder bekommen hat. Die Mutter eben dieser Frau hat ihm dann für die Tatnacht das Alibi mit dem angeblichen Telefonat gegeben, von dem sie etwas mitbekommen haben will. Ein Alibi, von dem Sie mittlerweile überzeugt waren, dass es nicht stimmte. Wie sind Sie denn nun weiter vorgegangen?

Unser damaliger Sachbearbeiter, ein sehr engagierter Kollege, er hat sich ungeheimlich in den Fall hineingefuchst. Er hat jeden Stein umgedreht, dafür wurde er später auch Kommissariatsleiter. Er war eben sehr hartnäckig. Er hat dann auch die Rechtsmedizin 2003 gebeten, in Anführungszeichen, Blutspuren, die man im Auto gefunden hatte, nochmals zu untersuchen. Und hat dafür Spurenmaterial persönlich von Erlangen nach Münster gefahren, damit auch bloß nichts verloren geht.

Die DNA-Technik hat sich ja in den frühen 2000er Jahren rasant weiterentwickelt. Innerhalb weniger Monate und Jahre hat die Wissenschaft in dieser Zeit enorme Sprünge gemacht. Wie haben Sie das wahrgenommen? Ja, das ist richtig. Wir haben natürlich diesen schnellen Fortschritt mitbekommen. Man konnte inzwischen viel feiner analysieren. Es hat dann dieses RNS-Systemverfahren gegeben und die Kollegen von der Rechtsmedizin haben dann doch noch einmal genauer untersucht.

Und tatsächlich, wir konnten Blut eindeutig der Magdalena Heinrich zuordnen. Ja, ist wirklich unglaublich. Norbert Mayer war für Sie jetzt also dringend tatverdächtig, nehme ich an. Ja, so ist es. Die Staatsanwaltschaft hat es genauso gesehen und am 25. Juni 2003 lag dann letztlich ein Haftbefehl vor. Wir haben ihn festgenommen, aber das Landgericht Bayreuth hat auf die Beschwerde hin den Haftbefehl am 25.07.

Wieder außer Vollzug gesetzt. Die Staatsanwaltschaft hat dagegen Beschwerde eingelegt und das Oberlandesgericht Bamberg hat am 28.07.2003 den Haftbefehl wieder in Vollzug gesetzt. Wir haben ihn daraufhin am 13.08. Das zweite Mal festgenommen. Da sind Sie dann rausgefahren zum Wohnhaus von Herrn Mayer? Wir sind dann rausgefahren zum Wohnhaus von Herrn Mayer in der Nähe von Hof. Er war zunächst nicht zu Hause, war mit Familie unterwegs.

Wir haben uns dann mit mehreren Fahrzeugen in der ganzen Gegend um das Haus und in dem Ort positioniert. Ich saß mit dem leidenden Oberstaatsanwalt im Auto, als er schließlich mit der Familie vor Gefahren kam. Wahrscheinlich eine ziemlich heikle Situation. Sie saßen da mit einem Haftbefehl vor dem Haus des Mannes, den Sie verdächtigen, eine Frau brutal getötet zu haben. Und der fährt nun mit Frau und seinen kleinen Kindern vor.

Ja, es hat sich in der Tat etwas problematisch dargestellt, weil eben die Kinder dabei waren. Es war keine ideale Situation. Es ging aber gut. Wir haben dann mit unseren Kräften sofort ihn zur Seite genommen, ihm die Rechte erklärt und verhaftet. Die Kinder und die Frau waren zu diesem Zeitpunkt bereits wieder im Haus. Wie hat Norbert Mayer reagiert? Norbert Mayer hat ganz cool reagiert. Sie wissen ja, ich habe nichts damit zu tun, so ungefähr.

Wenn die Sache jetzt so ist, dann ist sie so. Sie haben den Mann ja dann noch einmal vernommen. Wie hat er die Blutspuren von Magdalena Heinrich denn in seinem Auto erklärt? Ja, da hat er die Geschichte gebracht, die Frau Heinrich hätte während der Fahrt Nasenbluten bekommen. Aber wie sollte das Blut vom Nasenbluten an die Fahrradtür kommen und zumindest an den Verriegelungsknopf der Fahrradtür?

Auch den Kauf der Kleberbänder wollte er uns später dann damit erklären, dass er sie für die Firma benötigt habe, um Kartons zu verschließen. Dafür waren sie aber völlig ungeeignet, viel zu schmal. Außerdem, davon abgesehen, in dieser Vernehmung hat er auch später vor Gericht keine konkreten Angaben mehr gemacht. Nur gesagt, ich habe damit nichts zu tun. Er hat immer auf das Alibi seiner Frau verwiesen.

Das Alibi, wonach Meier in der Nacht der Tötung vor Mitternacht vom heimischen Festnetztelefon aus mit seiner Frau telefoniert habe. Hierzu haben Sie ja bei der Durchsuchung von Meyers Haus, soviel ich weiß, noch eine interessante Entdeckung gemacht. Welche war das? Ja, bei dieser Durchsuchung haben wir gezielt nach Telefonrechnungen auch gesucht. Er hatte uns ja in seiner ersten Vernehmung noch selbst dazu aufgefordert, Telefondaten vom Mobilfunkanbieter seiner Frau zu erfragen.

Wir hatten ja die Info halten, keine Daten seien mehr vorhanden. Nun, bei der Durchsuchung fanden wir Rechnungen, die Auskünfte über die Telefonverbindung ergaben. Daraus konnten wir auch ablesen, er hatte kurz nach seiner ersten Vernehmung im November 2001 selbst bei eben jenem Mobilfunkanbieter angerufen. Er wusste also offenbar schon, als er uns zum Nachforschen aufforderte, dass keine Daten über die angeblichen Telefonate mehr vorhanden seien.

Also ist sie da recht raffiniert vorgegangen, glaubte er. Ja, ein weiteres Glied in der Indizienkette, die sie und ihre Kolleginnen und Kollegen nun über Monate gegen Norbert Mayer zusammengetragen hatten. Weil in der sichergestellten Geldbörse von Magdalene Heinrich 400 Mark fehlen, klagt die Staatsanwaltschaft Norbert Meiers schließlich 2004 wegen Mordes aus Habgier in Tateinheit mit schwerem Raub an.

Der Prozess beginnt am 19. April 2004 vor einer Schwurgerichtskammer des Landgerichts Bayreuth. 13 Verhandlungstage dauert das Verfahren. Der Angeklagte lässt die Tat über seine Anwälte bestreiten. Er beharrt auf seinem Alibi, das sowohl seine Frau als auch seine Schwiegermutter vor Gericht bestätigen. Zu den Zeugen vor Gericht gehören neben dem Landwirt, der Magdalene Heinrichs Leiche gefunden hatte, und diversen Sachverständigen auch die zuständigen Sachbearbeiter der Kripo Bayreuth.

Sie legen minutiös ihre Ermittlungsergebnisse dar. Ernst Pitroff und seine Kolleginnen und Kollegen sind sich sicher, dass es zu einer Verurteilung Meiers kommen wird. Aus ihrer Sicht ist das Alibi des Angeklagten schwach und die Sachbeweise, davon sind sie überzeugt, sprechen eine eindeutige Sprache. Doch am Ende kommt es anders. Die Schwurgerichtskammer verkündet am 21. Juni 2004 ihr Urteil.

Freispruch. Der Mord an der damals 51-jährigen Magdalena Heinrich sei dem Angeklagten nicht nachzuweisen. Der Haftbefehl gegen Norbert Mayer wird aufgehoben. Er ist ein freier Mann. Herr Petroff, wie haben Sie vom Freispruch erfahren? Noch am gleichen Tag, ich war im Dienst, es war ein Schlag ins Gesicht. Wir waren völlig geradlos. Wie konnte das passieren? Uns hat erschüttert, dass das Gericht den Personenbeweis, das Alibi der Ehefrau, höher gewertet hat als unsere Sachbeweise.

Die Staatsanwaltschaft und die Nebenkläger sind natürlich in Revision gegangen. Und das mit Erfolg. Der BGH hat das Urteil ein halbes Jahr später, am 11. Januar 2005, aufgehoben. Die Beweiswürdigung sei nicht ausreichend. Zur erneuten Verhandlung hat der BGH das Landgericht Würzburg angewiesen. Das hat dann auch dazu geführt, dass im Oktober 2005 erneut Haftbefehl gegen Norbert Mayer erlassen wurde.

Allerdings musste die Bayreuther Polizei diesmal gar nicht tätig werden, denn Norbert Mayer saß bereits seit November 2004 wieder in Haft. Er war nur vier Monate nach seinem Freispruch in einer anderen Sache verhaftet worden. Weil er nämlich in der kurzen Zeit in Freiheit versucht hatte, einen internationalen Ölkonzern zu erpressen. Herr Petroff, was hat es denn damit auf sich? Er hat natürlich, nachdem er diesen Callcenter in Ungarn in den Sand gesetzt hat, Schulden.

Er musste zu Geld kommen, alles war weg. Und dann hat er sich überlegt, er wird einen Ölkonzern in Hamburg erpressen, dass er Anschläge auf Tankstellen mit möglichen Todesopfern ausführen wird. Die Hamburger haben natürlich sofort Anzeige erstattet. Die Hamburger haben ihn auch sehr schnell ermittelt. und er konnte dann bei einer vermeintlichen Geldübergabe in einer Telefonzelle festgenommen werden.

Er hatte den Decknamen Garibaldi sich zugelegt und mit Briefen den besagten Konzern mit diesen Brandanschlägen gedroht. Er hat vier Millionen Euro gefordert. Man muss sagen, er ist dabei recht dilettantisch vorgegangen, was zu seinem bisherigen Verhalten nicht passt. Er wurde dann bei der Geldübergabe in Lüneburg verhaftet. Das Landgericht Hamburg hat Norbert Mayer wegen versuchter räuberischer Erpressung zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt.

Als am 16. Januar 2007 schließlich das Revisionsverfahren im Fall Magdalena Heinrich am Landgericht Würzburg losging, saß er also schon in Strafhaft und musste für den Prozess nur von Hamburg nach Würzburg verlegt werden. Herr Pitruf, die Ehefrau hatte sich mittlerweile von Norbert Mayer getrennt und im Zuge dessen kam noch ein interessantes Detail ans Licht. Welches?

Ja, es stellte sich heraus, dass sie ihre Mutter zuvor um die falsche Aussage gebeten hatte, von dem angeblichen Anruf Mayers an sie etwas mitbekommen zu haben. Entscheidender Unterschied in dem Verfahren war, dass die Mutter eben ihre Aussage wieder rief und auch erklärte, dass ihre Tochter sie dazu aufgefordert hätte. Sie sagte nun, dass sie ihn zuletzt am Nachmittag des Dattages auf dem Mobiltelefon erreicht habe, als er noch in Ungarn gewesen sei.

Das Alibi war somit hinfällig. Und jetzt war sie auch bereit, in Würzburg dann gegen ihn auszusagen. Die Aussagen der Frau und weiterer Zeugen haben auch Aufschluss über die Persönlichkeitsstruktur und die mögliche Tatmotivation des Angeklagten gegeben, nicht wahr? Also da ging es um sexuelle Vorlieben? Da ging es um sexuelle Vorlieben, das ist stark von Sadismus und Dominanz geprägt.

Wir hatten bei der Hausdurchsuchung schon diverse pornografische Filme gefunden, ausnahmslos sehr gewaltvolle Praktiken im sexuellen Bereich. Er hatte auch die finanzielle Situation seiner Ex-Frau nach der Scheidung ausgenutzt, sie vom Geld abgeschnitten und ihr dann Geld gegen Geschlechtsverkehr geboden. Und wenn er besonders gewaltvoll war, gab es besonders viel Geld. Wie sie das überhaupt ertragen konnte, ist mir schleierhaft.

Ja, er hatte über all das sogar Buch geführt, von wem das Ganze nun ausging und ob sie das freiwillig gemacht hat oder ob er sie erpresst hat. Das kann man jetzt, glaube ich, im Nachhinein gar nicht mehr so sagen. Das Gericht hat auf jeden Fall festgestellt, dass es da offensichtlich eine Form von Vereinbarung gegeben haben muss. Trotzdem liegt das alles aber natürlich den Schluss nahe, dass es auch bei der Tötung von Magdalena Heinrich eine sexuelle Komponente gegeben haben könnte.

Gab es dafür irgendwelche Hinweise? Die Vermutung hatten wir natürlich. Aber wir konnten nichts finden. Das Ungeklärte bis heute ist ja, warum Magdalena Heinrich bei der Auffindung andere Kleidung trug als bei ihrem Verschwinden. Es gab ja das Foto bei einer Rast, wo sie eine andere Kleidung trug, als sie dann am Dadort war. Am Oberkörper war sie nur mit Strickjacke und Weste begleitet, eine eher ungewöhnliche Bekleidung. Wir vermuten, dass er sie am Dator sexuell missbraucht hat.

Das Spurenmaterial von ihm an ihrem Oberteil war und sie deshalb nötigte, die verschmutzte Kleidung abzulegen und er ließ diese dann verschwinden. Wir haben ja auch nie den Rucksack gefunden und wir haben auch nie ihren Koffer gefunden. Das Gericht hat diese Möglichkeit auch in Würzburg diskutiert, aber es ließ sich nicht beweisen und er hat sich ja dazu nie geäußert.

Die Frage war ja auch deshalb relevant für das Gericht, weil es sich um ein Mordmerkmal hätte handeln können, wenn der Angeklagte Magdalena Heinrich vor der Tötung zu sexuellen Handlungen gezwungen hätte. Zum Beispiel zur Verdeckung einer Straftat oder zur Befriedigung des Geschlechtstriebs. Mord oder Totschlag? Das war letztlich die entscheidende Frage in diesem zweiten Verfahren, Herr Pietroff. Ja, da standen mehrere Mordmerkmale im Raum.

Die Verdeckung einer Straftat, Mordlust, Habgier, 400 DM fehlten ja, niedrige Beweggründe. Das Gericht kam allerdings zu dem Schluss, dass es Mordmerkmale nicht nachweisen, nicht revisionssicher begründen könne. Also ging man auf Nummer sicher Totschlag. Ja, das Urteil fiel am 11. Mai 2007. Sie sagten es gerade, Norbert Mayer wurde nicht wegen Mordes, sondern wegen des Totschlags von Magdalene Heinrich Schuldig gesprochen.

Während Mord zwingend mit lebenslanger Haft von mindestens 15 Jahren bestraft werden muss, stehen auf Totschlag maximal 15 Jahre. Im Fall von Norbert Mayer verhängt das Gericht zwölf Jahre und sechs Monate Freiheitsstrafe. Das vorherige Urteil wegen der versuchten Erpressung des Ölkonzerns ist da schon mit eingerechnet. Herr Pittroff, wie haben Sie das Urteil damals aufgenommen? Tja, mit sehr gemischten Gefühlen natürlich.

Für uns war natürlich klar, die ganze Vorgehensweise, das ganze Bild am Tatort, der Zustand der Leiche, das war eindeutig ein Mord. Und natürlich auch für das Gericht schwer zu beweisen, für den BGH, aber es war ein Mord. Und wir wussten, er kommt wieder raus. Wir hatten damals schon den wagen Verdacht, dass er noch weitere Morde begangen haben könnte. Konnten es aber nicht beweisen. Es war zu diesem Zeitpunkt nur ein Gefühl, leider.

Ein Gefühl, das sich Jahre später bewahrheiten sollte. Ja, an dieser Stelle könnte diese Folge zu Ende sein, doch das ist sie nicht. Warum? Um das zu erklären, müssen wir noch einmal zurückgehen. Und zwar ins Jahr 1995. Es ist Freitag, der 14. Juli 1995. Eine warme Sommernacht im baden-württembergischen Sindelfingen. Die 35-jährige Brigitta Jacobi ist freischaffende Künstlerin.

Um sich etwas dazu zu verdienen, jobbt sie bei verschiedenen Modefirmen, seit kurzem auch bei einem Hersteller für Damenoberbekleidung, der im Sindelfinger Industriegebiet ansässig ist. Für die Arbeit pendelt sie aus dem 15 Kilometer entfernten Stuttgart, erst mit der S-Bahn, dann mit dem Fahrrad, das sie in Sindelfingen an der S-Bahn-Station abgestellt hat. Doch an jenem Tag ist Brigitta Jakobis Fahrrad kaputt, sodass sie den Weg durchs Industriegebiet zu Fuß antritt.

Tagsüber geht es dort recht liebhaft zu. Doch abends, wenn die meisten Betriebe geschlossen sind, ist die Gegend wie ausgestorben. Brigitta ist an jenem Abend eine der letzten, die das Unternehmen verlässt. Um 23.28 Uhr stempelt Brigitta Jakobi aus und macht sich auf den Weg zur S-Bahn. Die letzte fährt um 23.57 Uhr. Doch die 35-Jährige wird sie nicht erreichen. Was genau Brigitta Jacobi auf ihrem Fußweg durch das Industriegebiet zustößt, werden später mehrere Zeugen schildern.

Die ersten, die am Ort des grausamen Geschehens vorbeikommen, sind zwei US-Amerikaner. Beide Männer sind Angehörige der US-Streitkräfte, ein Luftwaffenoffizier und ein Soldat, die damals für kurze Zeit in der Gegend stationiert sind. Die beiden sind mit dem Auto unterwegs, als sie im Vorbeifahren eine merkwürdige Szene beobachten. Eine Frau und ein Mann ringen am Straßenrand miteinander. Durch das geschlossene Autofenster hören die Soldaten die Frau schreien.

Erst denken sie, es handele sich um ein streitendes Pärchen. Sie wollen schon weiterfahren, aber dann halten sie doch ab. Durch den Rückspiegel sieht der Fahrer etwas, das er für Schläge gegen die Brust der Frau hält. Nun wendet er den Wagen und steuert auf das Paar zu. Die Frau liegt inzwischen am Boden. Der Mann, der das heranfahrende Auto bemerkt, läuft zur Fahrertür, redet auf Deutsch auf die schockierten US-Amerikaner ein. In seiner Hand bemerken sie ein Messer und ein weiteres Werkzeug,

das an einen Schraubenschlüssel erinnert. Aus Angst, der bewaffnete Mann könne auch sie angreifen, halten sie Türen und Fenster geschlossen. Wenige Sekunden darauf hält ein weiterer Wagen am Tatort. Eine Limousine mit vier jungen Leuten. Die Gruppe vermutet einen Autounfall und steigt aus, um zu helfen. Der Angreifer springt in sein Fahrzeug und flüchtet. Als der Luftwaffenoffizier nun zu der verletzten Frau am Boden eilt,

ist es bereits zu spät. Die 35-Jährige Brigitta Jacobi stirbt in seinen Armen. Erst jetzt aus der Nähe entdeckt der Offizier mehrere Stichverletzungen im Oberkörper der Frau. Eine Obduktion wird später ergeben, dass der Täter offenbar mit jenem spitzen Werkzeug auf sein Opfer eingestochen hat, das die Militärangehörigen zuvor in der Hand des Angreifers gesehen hatten. 22 Einstiche werden später gezählt. Brigitta Jakobi, so stellt man fest, ist innerhalb kürzester Zeit verblutet.

Brigitta Jakobi war ein Zufallsopfer. Sie kannte den Mann nicht, der sie niedergestochen hat. Es gab keine Verbindung zwischen den beiden. Für ihre Familie blieb deshalb vor allem eine Frage. Wer war dieser Fremde? Und warum traf es ausgerechnet Brigitta? Für diese Folge haben wir mit Brigitta Jakobis Schwester gesprochen. Sie möchte anonym bleiben, das respektieren wir natürlich. Viele Jahre lang hat sie für die Aufklärung des Mordes an ihrer Schwester gekämpft.

Bis heute ist es ihr wichtig, dass die Umstände der Tat nicht in Vergessenheit geraten. Am Anfang unseres Gesprächs hat sie uns erzählt, wie ihre Schwester als Mensch war. Die Brit war damals 35 und die Brit war eigentlich eine Künstlerin. Die war so von ihrem ganzen Lebensstil nicht jetzt ausgeflippt oder so, aber sie war eigentlich immer so ein bisschen der Kunst verschrieben.

Sie hat Keramikerin gelernt und sie ist dann nach Stuttgart gegangen, nachher in die Kunstakademie und war immer, ja, sie hat das Leben einfach genossen, so wie es war. Und die hat immer so eigentlich mehr im Heute gelebt wie im Morgen. Da waren wir einfach unheimlich verschieden. Brigitta Jakobis Schwester hat uns erzählt, dass ihre Familie telefonisch über den Mord an Brigitta informiert wurde und es zu Anfang nicht glauben konnte. Von jenem Tag an, sagt sie, sei alles anders gewesen.

Es hat die Fröhlichkeit gefehlt, dieses Lustigsein. Es ist immer so gewesen, dass eigentlich jemand gefehlt hat. Dass immer die Tat, wie das passiert ist im Hintergrund, war die Grausamkeit, dieses Unvorhersehbare. Meine Kinder, die waren klein damals gewesen, die waren fünf und drei. Man hat nach außen hin immer was anderes vorspielen müssen, als wie es einem eigentlich in seinem Innersten gegangen ist.

Es war immer präsent, egal was Weihnachten oder Geburtstage oder wenn man Bilder angeschaut hat. Immer. Es hing immer wie so ein bisschen wie so ein Schatten über der Familie. Und letztendlich ist es so gewesen, dass mein Vater an dem Ganzen eigentlich zerbrochen ist. Neben der Tat selbst, dem Verlust der Schwester und Tochter, belastet die Familie damals vor allem, dass die Ermittlungen im Fall nicht vorankommen. Und schließlich, so scheint es, im Sande verlaufen.

Und das, obwohl ja im Grunde diverse Zeugen die Tat beobachtet und den Täter aus nächster Nähe gesehen haben. Warum die Ermittlungen 1995 dennoch ins Stocken geraten, dazu kommen wir jetzt. Wenige Augenblicke, nachdem der Täter in der Nacht vom 14. Juli 1995 geflüchtet ist, trifft die Polizei am Tatort ein und beginnt, die Zeugen zu befragen. Auf Grundlage ihrer Aussagen wird ein Phantombild erstellt. Vor allem die beiden US-amerikanischen Soldaten haben den Mann aus nächster

Nähe gesehen. Sie beschreiben eine auffällige Fehlstellung der Vorderzähne und auch das Fahrzeug, in das der Täter gestiegen ist. Bloß die Erinnerungen der Amerikaner und jene der jungen Gruppe aus der Limousine gehen stark auseinander. Während die Soldaten einen hellen Lieferwagen beschreiben, meint die Freundesgruppe einen schwarzen Sportwagen in Erinnerung zu haben.

In den folgenden Wochen konzentrieren sich die Ermittlerinnen und Ermittler der Kripo Stuttgart vor allem auf die Suche nach dem Lieferwagen. Ein Fehler, wie sich später zeigen wird. Mit ihren Erkenntnissen wenden sie sich auch an Aktenzeichen XY. Am 12. Januar 1996, ein halbes Jahr nach der Tat, wird der Fall in der Sendung vorgestellt. Damals noch mit Eduard Zimmermann als Moderator. Da die beiden US-Bürger den Täter gesehen haben, sind sie natürlich wertvolle Zeugen.

Auf jeden Fall. Nur mit ihrer Hilfe konnten wir ein Phantombild des Täters anfertigen. Von ihnen haben wir auch die Beschreibung seines Fahrzeugs erhalten. Das ist umso wichtiger, als wir nicht ausschließen können, dass der Mann weitere Verbrechen begeht. Nach den Beobachtungen der beiden Zeugen aus Amerika flüchtete der Mann mit einem beigefarbenen Fahrzeug. Trotz aller Bemühungen ist es bisher nicht gelungen, den genauen Typ festzustellen.

Aber mit Hilfe eines Computers konnte diese Rekonstruktion des Wagens angefertigt werden. Für Hinweise, die zur Aufklärung der Tat führen, sind hohe Belohnungen ausgesetzt. Insgesamt 17.000 Mark. Allerdings, der beigefarbene Lieferwagen wird nie gefunden. Fündig wird die Polizei hingegen, was den schwarzen Sportwagen angeht, den die anderen Zeugen beschrieben hatten. Sogar einen Teil des Kennzeichens hatten sie sich gemerkt.

Am Ende bleibt den Ermittlerinnen und Ermittlern eine Handvoll Fahrzeuge, die sie überprüfen. Doch sie sind damals überzeugt, da die Zeugen zwei unterschiedliche Fahrzeuge am Tatort gesehen haben wollen, handle es sich bei dem Fahrer des schwarzen Wagens allenfalls um einen weiteren Zeugen, der womöglich ebenfalls am Tatort war und den Täter vielleicht gesehen hat. Auch wenn keiner der Befragten eine weitere Person am Tatort bemerkt haben will.

Unter den überprüften Fahrern ist auch ein gewisser Norbert Meier. Ein erfolgreicher Manager und Kaufmann. Als die Ermittler ihn befragen, gibt er an, zur Tatzeit mit einem Bekannten in einem Restaurant gewesen zu sein. Die Polizisten überprüfen sein Alibi telefonisch. Und tatsächlich bestätigt der Bekannte den gemeinsamen Restaurantbesuch. Norbert Mayer, der später wegen der Tötung von Magdalene Heinrich verurteilt werden wird, verschwindet von der Bildfläche der Ermittlungen.

Es vergehen Monate, dann Jahre. Und der Fall Brigitta Jacobi wird schließlich zum Cold Case. Wir haben ihre Schwester gefragt, wie sie und ihre Familie die Zeit damals erlebt haben. Das hat einen irgendwo wie in so eine Unruhe reinversetzt, weil man sich immer gedacht hat, die Britta hat sterben müssen, der lebt seinen Stiefel weiter wie bisher. Das macht einen dann auch ein bisschen nachdenklich im Umgang mit anderen Leuten, weil man irgendwo eigentlich so ein bisschen sieht oder schläft.

Man hat vor Augen geführt, dass man eigentlich in die Menschen nicht reinschauen kann und wie viel Grausamkeit hinter manchen Menschen stecken kann. Wenn ich irgendwo gegangen bin, mich hat das verrückt gemacht, wenn hinter mir einer gegangen ist. Der Papi hat uns dann so Warngeräte gekauft und ja, es war irgendwo immer eigentlich so diese Angst mit dabei.

So vergehen mehr als 20 Jahre, in denen die Familie immer wieder bei der Kriminalpolizei in Stuttgart anruft und immer die gleiche Auskunft erhält. Nichts Neues in den Ermittlungen. Irgendwann, so hat es uns die Schwester von Brigitta Jacobi erzählt, ist es ihre mittlerweile erwachsene Tochter, die sie zum Handeln antreibt. 2017 recherchiert sie den Kontakt zu einem Berliner Rechtsanwalt.

Er heißt Mario Seidel und gemeinsam mit einem Privatermittler hat er bereits mehrfach Mandanten vertreten, deren Angehörige Opfer ungeklärter Tötungsdelikte geworden sind. Brigitta Jakobis Schwester sagt, ohne Mario Seidel und dem Ermittler wäre der Mord vielleicht nie aufgeklärt worden. Auch mit Herrn Seidel haben wir im Vorfeld dieser Folge gesprochen. Er hat uns erzählt, wie der Fall damals zu ihm kam. Ich bin, ich glaube, 2017 zu dem Fall gekommen.

Das Erste, was man macht, wenn man wissen will, was hat die Polizei gemacht, das hat die Staatsanwaltschaft gemacht, man beantragt Akteneinsicht. Das gestaltete sich sehr schwer hier, weil ich bekam irgendwann... Teile der Akte, allerdings sehr wenige Blätter, aus dem Staatsarchiv. Was natürlich etwas merkwürdig ist, weil in einem laufenden Verfahren, so ist es ja hier gewesen, das war ja ein laufendes Verfahren, war ja nicht beendet, kann die Akte ja nicht ins Staatsarchiv wandern.

Und wir haben dann noch insistiert, dass wir noch die Akte haben wollen. Und dabei hat sich herausgestellt später, dass die Akte sozusagen auch für die Polizei nicht ganzheitlich verfügbar war, sondern aufgrund einer Polizeireform, ich glaube, war die Landespolizeidirektion, die sie aufgelöst hatten oder so, war auf verschiedene Dienststellen verteilt. Und natürlich im normalen Dienstbetrieb kommt niemand auf die Idee, diese Akte zusammenzutragen und der Staatsanwaltschaft vorzulegen.

Aber durch unsere Anfrage war die Staatsanwaltschaft natürlich gezwungen, danach zu forschen. Und dann ist auch die Akte zusammengetragen worden. Die Initiative der Angehörigen, sagt Mario Seidel, bringt in den folgenden Monaten wieder Leben in die Ermittlungen. Von Seiten der Kripo Stuttgart und der zuständigen Staatsanwaltschaft wird nun eigens eine Cold-Case-Ermittlerin eingesetzt, die den Fall erneut überprüfen soll.

Sie schaut sich die Beweismittel, die 1995 gesichert wurden, nur noch einmal genau an. Dabei stellt sie fest, bereits 1995 war unter den Fingernägeln des Opfers Spurenmaterial sichergestellt und ein DNA-Muster isoliert worden. Nun, mit der fortgeschrittenen DNA-Technik, lassen die Ermittlerinnen und Ermittler die Spur noch einmal untersuchen und geben das Profil schließlich in die DNA-Datenbank zum Abgleich ein. Mitte Mai 2018 dann ein Treffer. Es ist der Wendepunkt im Fall Brigitta Jacobi.

Der Mann, dessen DNA unter den Fingernägeln des Opfers sichergestellt wurde, heißt, Norbert Meier. Im Jahr 2018 hat er seine Haftstrafe wegen der Tötung von Magdalene Heinrich bereits abgesessen. Er lebt nun in einer Kleingartensiedlung in Hamburg. Dort wird er im Februar 2020 wegen des Verdachts des Mordes an Brigitta Jacobi verhaftet. Der Rechtsanwalt Mario Seidel sagt heute, was ihn vor allem beschäftigt ist, dass man Meier ja schon bei den ersten Ermittlungen im Jahr 1995 befragt hatte.

Und, davon ist Mario Seidel überzeugt, dass man schon damals schnell hätte merken können, dass sein Alibi, das angebliche Abendessen mit einem Bekannten zur Tatzeit, falsch war. Und dieser Zeuge, dieser Alibi-Zeuge, wird von der Polizei angerufen. Der Zeuge hatte so den Eindruck, es geht um eine Verkehrsordnungswidrigkeit, die sollen ein bisschen was getrunken haben. Hat er gedacht, dann schützt er ihn vielleicht.

Also er ist noch nie mal vernommen worden auf der Polizeidienststelle, sondern telefonisch. So, jetzt hätte man ganz einfach mal alles unter die Lupe nehmen können. Nämlich die Frage, konnten die zu dieser Zeit in dem Restaurant gegessen haben? Und dann hätte man sehr schnell festgestellt, dem war nicht so, weil nämlich dieses Restaurant, Das hat sich herausgestellt, im Rahmen der Gerichtsverhandlungen zu der Zeit schon geschlossen hatte. Die haben keine Essen mehr ausgeschenkt zu der Zeit.

Dann wäre er jedenfalls ins Visier gekommen und dann hätte man noch intensiver nachgeforscht. Aber so ist die Sache schlicht und einfach als eine Spur abgelegt worden. Brigitta Jakobis Schwester hat uns gesagt, für sie und die Familie sei die Nachricht vom DNA-Treffer und der Verhaftung des mutmaßlichen Täters nach all den Jahren ein Schock gewesen. Ich glaube, es war auf der einen Seite die Erleichterung, aber letztendlich irgendwo, wir haben das eigentlich gar nicht realisiert erst.

Ich habe eigentlich erst gemeint, ein bisschen, das ist irgendeine Fehlmeldung, uns will jemand hinters Licht führen. Ich habe dann schon diese Polizistin, die da angerufen hat, gefragt. Ob ich denn sicher sein kann, dass sie bei der Polizei auch ist und ob sich nicht jemand einen Scherz macht. Und das kam dann eigentlich wirklich so erst mit der Zeit, aber das war, ich weiß, es war keine Freude oder sonst irgendwas, das war einfach irgendwo, ja, sie haben ihn.

Das waren sicher überwältigende Gefühle, die die Familie von Brigitta Jacobi da erneut durchleben musste. Im September 2020, rund 25 Jahre nach der Tat, beginnt schließlich am Landgericht Stuttgart der Prozess gegen Norbert Mayer. Der einstige Erfolgsmanager ist mit 70 Jahren inzwischen ein alter Mann. Doch Einsicht oder gar Reue zeigt er nicht. Im Gegenteil. Gegen Ende des Verfahrens verließ er eine mehrseitige Stellungnahme.

Darin beteuert er weder seine Unschuld, noch spricht er der Familie von Brigitta Jacobi sein Beileid aus. Stattdessen zählt er Fehler in den Ermittlungen auf und legt ausführlich dar, warum man ihm die Tat angeblich nicht nachweisen könnte. Für Brigitta Jakobis Familie ist das nur schwer zu ertragen. Ihre Schwester fährt an 20 der insgesamt 30 Prozesstagen von ihrem Wohnort in Österreich nach Stuttgart.

Jedes Mal steht sie um halb vier Uhr morgens auf, um mit dem Auto nach München zu fahren und von dort aus mit dem Zug weiter. Auch Brigittas Bruder kommt so oft er kann ins Gericht. Es ist ein stetes Bangen. Wie auch im ersten Prozess stellt sich die Frage, ob man Norbert Mayer, zumal nach all den Jahren, noch ein oder mehrere Mordmerkmale nachweisen kann. Sollte die Kammer, wie im Fall von Magdalene Heinrich, auf Totschlag entscheiden, wäre die Tat verjährt.

Und Norbert Mayer würde den Gerichtssaal als freier Mann verlassen. Das Urteil fällt am 7. Juli 2021. Es lautet, lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes aus Heimtücke. Doch die Erleichterung währt nur kurz. Bereits im Juni 2022 hebt der Bundesgerichtshof das Urteil auf. Das Mordmerkmal der Heimtücke ist aus Sicht der höchsten Richter nicht ausreichend begründet worden. Für die Angehörigen ist es ein Kraftakt. Noch einmal eine neue Verhandlung, noch einmal alles durchleben.

Der Revisionsprozess wird vor einer anderen Kammer des Landgerichts Stuttgart verhandelt. Diesmal an nur 13 Verhandlungstagen und diesmal werden auch mögliche sexualsadistische Motive genauer beleuchtet. Die Ex-Frau Norbert Meyers wird als Zeugin gehört. Und es werden Filme aus der Sammlung des Angeklagten gezeigt, die seine Gewaltfantasien offenbaren. Ein Gutachter geht bei ihm von einer narzisstisch-psychopathischen Persönlichkeitsakzentuierung aus.

Ein weiterer Zeuge, der diesmal persönlich befragt wird, ist der US-amerikanische Luftwaffenoffizier, der die Tat 1995 beobachtet. Er reist eigens aus den USA an, um auszusagen. Und er gibt an Norbert Mayer, auf Fotos vom ersten Verfahren in Stuttgart eindeutig als den Täter von 1995 wiedererkannt zu haben.

Davon abgesehen, sagt Rechtsanwalt Mario Seidel, sei die Aussage des Mannes über die letzten Minuten im Leben von Brigitta Jacobi insbesondere für deren Angehörige von großer Bedeutung gewesen. Dieser Moment der Aussage über die letzten Minuten war emotional sehr ergreifend sowohl für den Zeugen als auch für meine Mandantin. Denn der Zeuge hat sich ja sehr lange Vorwürfe gemacht, dass er vielleicht hätte eingreifen können, irgendwas verändern.

Und das hat ihn praktisch über all die Zeit innerlich belastet und für ihn war das eine Befreiung, sich mit der Familie auseinanderzusetzen und für die Familie war es ein Trost, dass sie wussten, in den letzten Minuten, Sekunden hat er die Schwester am Arm gehalten, die hat also praktisch nicht einfach so, ist nicht verblutet einfach so auf der Straße, sondern war jemand da, der sie gehalten hat Und das war tatsächlich ein emotional sehr ergreifender Moment.

Das Urteil, das Endgültige in dieser Sache, ergeht am 9. März 2023. Norbert Mayer wird wegen Mordes verurteilt, zu lebenslanger Haft. Das Gericht sieht diesmal zwei Mordmerkmale als gegeben an. Heimtücke und niedere Beweggründe. Und diesmal verwirft der Bundesgerichtshof den Revisionsantrag der Verteidigung als unbegründet. Das Urteil ist rechtskräftig und der Täter verbüßt die Haftstrafe bis heute.

Brigitta Jakobis Schwester sagt, das Urteil und auch die Zeit haben ihr geholfen, mit dem Schmerz umzugehen. Doch verschwinden tut er nicht. Und es ist so ein Stück Erleichterung, dass es letztendlich nach all den Jahren doch irgendwo eine gewisse Gerechtigkeit widerfahren ist. Muss ich ganz ehrlich sagen. Und wir schauen immer wieder XY und ich denke mir immer, wir sind in der glücklichen Lage. Wir wissen jetzt, was passiert ist, wie es passiert ist. Es ist Gerechtigkeit widerfahren.

Aber so viele Cold Case Fälle, die jetzt eben auch, wo es beim Aufklären sind, was eigentlich da auf die Angehörigen noch drauf zukommt. Ich sage immer, eigentlich hat so ein Fall zwei Seiten. Das ist der Fall an und für sich und dann ist es das ganze Verfahren. Und dann ist, wenn es ein Cold Case Fall ist, wird es nochmal alles aufgerollt. Und du musst dich wieder mit all dem durchsetzen und auseinandersetzen. Und ich denke, das ist für eine Familie eine unheimliche Belastung.

Ja, ein sehr wichtiger, sehr richtiger Punkt. Für mich ist es nach wie vor kaum vorstellbar, was Angehörige solcher Cold Case Fälle durchmachen. Herr Pitroff, Sie kennen den Fall Brigitta Jakobi natürlich. Sie haben ihn verfolgt. Wie wichtig war es aus Ihrer Sicht, dass der Täter hier wegen Mordes verurteilt wurde? Das war sehr wichtig für uns. Wir waren ja davon überzeugt, dass er weitergemacht hätte, wieder zu töten. Somit war es zunächst mal ausgeschlossen, dass er auf freien Fuß kommt.

Das wäre unvorstellbar gewesen für uns. Auch bei späteren Fällen habe ich immer wieder feststellen müssen, solche Täter hören nicht auf. Vielen Dank, Herr Petroff. Und damit sind wir auch am Ende der heutigen Folge. Wir danken Ihnen ganz herzlich, dass Sie zu uns gekommen sind und uns diesen Einblick in Ihre Ermittlungen gewährt haben. Ja, auch von mir sehr herzlichen Dank, Herr Pitroff, dass Sie da waren. Ich danke Ihnen, dass ich kommen durfte. Tschüss.

Vielen Dank auch an die Schwester von Brigitta Jacobi und an Rechtsanwalt Mario Seidel und an Lala Artun, Autorin dieser Folge. Wie immer am Ende vielen Dank an Euch fürs Zuhören. Ich sage bis zum nächsten Mal bei Aktenzeichen XY unvergessene Verbrechen. Und bleibt sicher. An dieser Folge mitgearbeitet haben Katharina Jakob und Zoe Jungblut. Für Ton und Technik sorgten Stefan Gossen und Christina Mayer. Die Regie hatte David Gromer und die Redaktion im ZDF Sonja Roy und Kirsten Zilonka.

Die Podcast-Folgen könnt ihr übrigens auch auf dem ZDF True Crime YouTube-Kanal anhören. Den Link dazu, wie auch alle Infos zu dieser Folge, findet ihr wie immer in den Shownotes. Aktenzeichen in XY Unvergessene Verbrechen, eine Produktion der Securitel in Kooperation mit Bumpfilm im Auftrag.

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