#103 Sein letzter Coup - podcast episode cover

#103 Sein letzter Coup

Apr 08, 202640 min
--:--
--:--
Download Metacast podcast app
Listen to this episode in Metacast mobile app
Don't just listen to podcasts. Learn from them with transcripts, summaries, and chapters for every episode. Skim, search, and bookmark insights. Learn more

Episode description

Im Februar 2013 bereiten die Mitarbeiter eines Hamburger Auktionshauses gerade eine Versteigerung vor, als ein Mann erscheint und sich teuren Schmuck zeigen lässt, den er für seinen Kunden im Ausland erwerben will. Stunden später kommt er noch einmal vorbei – doch diesmal zieht er eine Pistole aus der Tasche, bedroht eine Angestellte und nimmt die wertvollsten Stücke aus der Vitrine an sich. Auf seiner Flucht durchs Haus steht ihm der Geschäftsführer plötzlich im Weg. Ein Schuss fällt, der Täter flieht unbehelligt weiter. 


In einem solchen Fall hatte das Raubkommissariat beim Hamburger LKA zuvor noch nie ermittelt. Nicht nur der Tatort war ungewöhnlich, auch die Arbeitsweise des zunächst unbekannten Täters: unmaskiert, keine Handschuhe, Anfahrt per Taxi. Als hätte er es darauf angelegt, gefasst zu werden. Später behauptet er: Der Juwelenraub im Auktionshaus sollte sein letzter Coup sein.


Zu Gast im Podcast-Studio: Erster Kriminalhauptkommissar Christian Meinke vom LKA Hamburg. Im Gespräch mit Rudi Cerne und Conny Neumeyer berichtet er vom kriminellen Werdegang des Täters: ein erfolgreicher Firmeninhaber, den krumme Geschäfte und Drogen innerhalb weniger Jahre auf die schiefe Bahn führten. Im Interview erläutert der Sicherheitsexperte Sebastian Brose von der VdS Schadenverhütung GmbH, wie sich Unternehmen und Privatpersonen vor Raubüberfällen schützen können.


***


Alle Podcastfolgen und weitere spannende Dokus gibt's auch auf Youtube-Kanal "ZDF True Crime": https://www.youtube.com/@ZDFTrueCrime/videos


***


Moderation: Rudi Cerne, Conny Neumeyer  

Gast: EKHK Christian Meinke, LKA Hamburg

Experte: Sebastian Brose, Sicherheitsexperte bei der VdS Schadenverhütung GmbH

Autor dieser Folge: Rüdiger Wellnitz

Audioproduktion & Technik: Sebastian Muxeneder, Christina Maier

Leitung Postproduktion: Stephan Gossen

Produktionsleitung Securitel: Marion Biefeld 

Produktionsleitung Bumm Film: Melanie Graf, Nina Kuhn 

Produktionsmanagement ZDF: Julian Best 

Leitung Digitale Redaktion Securitel: Nicola Haenisch-Korus  

Produzent Securitel: René Carl 

Produzent Bumm Film: Nico Krappweis  

Redaktion Securitel: Katharina Jakob, Zoë Jungblut

Redaktion ZDF: Sonja Roy, Kirsten Zielonka 

Regie Bumm Film: David Gromer

Transcript

Hallo und herzlich willkommen zu Aktenzeichen XY Unvergissener Verbrechen. Hier ist Rudi Zerne und mir zur Seite sitzt wieder meine Kollegin. Conny Neumeier, auch von mir herzlich willkommen. Unser heutiger Fall spielt in einem renommierten Hamburger Auktionshaus. Dort fand allerdings kein Mord und Totschlag statt, sondern ein Raubüberfall. Der Kripo-Beamte, der damals den Fall zusammen mit seinen Kollegen bearbeitet hat, ist heute bei uns im Studium.

Erster Kriminalhauptkommissar Christian Meinke. Willkommen Herr Meinke bei uns in Bayern. Ja, hallo. Vielen Dank für die Einladung. Schön, dass ich da sein darf. Schön, dass Sie da sind. Herr Meinke, die Kriminalbeamtinnen und Beamten, die sonst bei XY Ungelöst zu Gast sind und einen Raubüberfall vorstellen, hatten als Tatorte überwiegend Juweliergeschäfte.

Ein Auktionshaus fällt da etwas aus der Reihe, nicht? Ja, das war bis dahin für mich auch neu und ich glaube, bislang ist es auch bei diesem einzigen Fall geblieben. Sie waren damals im Raubdezernat des Landeskriminalamts in Hamburg tätig. Das ist ja schon ein paar Jahre her. Heute sind Sie stellvertretender Leiter des Kriminaldauerdienstes, also mit allen Arten von Verbrechen befasst. Ich stelle mir das sehr abwechslungsreich vor. Erzählen Sie mal.

Ja, das ist es in der Tat. Also wir sind immer für den sogenannten ersten Angriff zuständig. Also wir sind immer die ersten Ermittler vor Ort, egal was es ist. 24, 7, 365 Tage im Jahr und vorwiegend natürlich, wenn die anderen Kollegen frei haben, nachts und am Wochenende. Also tatsächlich, es wird nie langweilig. Das Verbrechen, um das es jetzt geht, das fand am frühen Abend statt, in einem recht noblen Stadtteil der Hansestadt. Die Namen aller Beteiligten haben wir geändert.

Von älteren, eleganten Mietshäusern flankiert, befindet sich ganz in der Nähe der Außenalster eine dreistöckige Stadtvilla, in der ein Auktionshaus residiert. Ein alteingesessenes Familienunternehmen, das weit über die Grenzen Hamburgs bekannt ist. In den ehemaligen Wohnungen des Hauses sind großzügige Ausstellungsräume untergebracht. Dort können sich Interessenten die Stücke ansehen, die bei den nächsten Auktionsterminen versteigert werden.

Hauptsächlich Kunst und Antiquitäten aus mehreren Jahrhunderten, aber auch wertvoller Schmuck und Uhren. Am Dienstag, dem 19. Februar 2013, ist in den Räumen einiges los. Die nächste Auktion findet in ein paar Tagen statt. Es ist die erste in diesem Jahr. Die Auktionskataloge sind längst gedruckt, verschickt und auch im Internet abrufen. In überregionalen Zeitungen und Fachzeitschriften wirbt das Auktionshaus für dieses Event.

Viele Kundinnen und Kunden reisen in den Tagen vor den Auktionen zum Teil von weit her an, um sich die Objekte aus der Nähe anzuschauen, die sie ersteigern möchten. Durchaus üblich ist auch, dass vor allem ausländische Kunden nicht selbst vor Ort sind, sondern Experten damit beauftragen. Gegen 14 Uhr erscheint ein junger Mann in der Villa. Gut gekleidet, dunkler Anzug, sehr gepflegt.

Zielsicher läuft er an den wertvollsten Ausstellungsstücken der Biedermeier- und Barockzeit im Erdgeschoss vorbei. Und auch die Wertsachen im ersten Stock interessieren ihn nicht. Dort befinden sich unter anderem Kunst aus der Epoche des Impressionismus sowie asiatische Motive. Sein Ziel ist der zweite Stock, in dem neben zeitgenössischer Kunst auch jede Menge Schmuck ausgelegt ist.

In jedem Ausstellungsraum des Auktionshauses stehen zwei bis fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Kunden bereit. Als der Mann im zweiten Stock eintrifft, kommt eine Mitarbeiterin, wir nennen sie Ilona Feldmann, auf ihn zu und kümmert sich um den Kunden. Er stellt sich als Inhaber einer Schweizer Agentur vor. Im Auftrag eines Zürcher Interessenten soll er sich die angebotenen Schmuckstücke und Uhren anschauen.

Er sei extra hierfür am Morgen aus der Schweiz angereist. Die 45-jährige Angestellte führt den Besucher zu den Schmuckvitränen und zeigt ihm etliche Stücke. Der Mann hat ziemlich genaue Vorstellungen, was er sich ansehen möchte. Offenbar hat er sich auf diesen Besuch gut vorbereitet. Während er sich die Schmuckstücke anschaut, führt er mit Ilona Feldmann ein sehr fachkundiges Gespräch. In erster Linie interessiert er sich für Diamantschmuck, aber auch für teure Armbanduhren.

Mit der Erstellung von Expertisen scheint er sich auszukennen und lässt durchblicken, dass er gemologische Labore kennt, in denen Edelsteine oder Perlen analysiert werden. Für Ilona Feldmann steht fest, der Mann ist vom Fach. Nach einer halben Stunde verabschiedet er sich von ihr. Und das sogar mit Handschlag. Das ist in dieser Branche zwar eher unüblich, aber es passt irgendwie zum galanten Auftreten dieses Mannes, findet Ilona Feldmann.

Ihre Chefin, Mitinhaberin des Familienunternehmens, ist dagegen skeptisch. Als sie durch die Abteilungen geht, beobachtet sie den Besucher aus der Schweiz. Und nachdem er gegangen ist, äußert sie gegenüber ihrer Mitarbeiterin, ihr habe der Mann ganz und gar nicht gefallen. Sie fand ihn irgendwie komisch, ohne das näher begründen zu können. Einfach so ein Gefühl. Und wie sich ein paar Stunden später herausstellen sollte, ist auf ihre Menschenkenntnis in diesem Fall Verlass.

Am späten Nachmittag um 17.35 Uhr stattet der Fremde dem Auktionshaus erneut einen Besuch ab. Inzwischen hat er sich umgezogen und erscheint in recht legerem Outfit. Statt des Anzugs trägt er ausgewaschene Blue Jeans und ein schwarzes Lederblouson. Seine schwarzen Lederschuhe hat er gegen dunkelblaue Turnschuhe getauscht. Diesmal hat er eine schwarze Sporttasche umhängen. Er wendet sich erneut an Ilona Feldmann, die einigermaßen überrascht von seinem Auftreten ist.

Er sagt, er habe inzwischen mit seinem Kunden gesprochen und müsse sich noch einmal ein paar Schmuckstücke ansehen. Ilona Feldmann bietet ihm den Stuhl vor ihrem Schreibtisch an. Der Mann setzt sich und stellt seine Sporttasche neben sich auf den Boden. Der Besucher will sich zunächst ein Collier mit Rubinen noch einmal ansehen. Ilona Feldmann holt es aus dem Vitrinenschrank und legt es vorhin auf ein schwarzes Tablett.

Während er sich das Schmuckstück mit einer Juwelierlupe anschaut, holt sie auf seine Bitte hin noch eine noble Schweizer Armbanduhr aus dem Glasschrank, die er sich ebenfalls genauer ansieht. Inzwischen räumt Frau Feldmann das Collier wieder zurück in den Schrank und verschließt ihn. Dann möchte der Besucher noch mal zwei Diamantringe sehen. Und zwar gleichzeitig, um die Farbe der Diamanten vergleichen zu können. Auch diesen Wunsch erfüllt ihm die Angestellte.

Der erscheint ihr plausibel, obwohl den Kunden aus Sicherheitsgründen eigentlich immer nur ein Stück ausgehändigt werden soll. Während er die beiden Ringe in seiner linken Hand hält, beugt der Mann sich weit vor und öffnet mit rechts die auf dem Boden stehende Sporttasche. Frau Feldmann hat sich inzwischen wieder an die gegenüberliegende Seite des Schreibtisches gesetzt. Sie wird aufmerksam und beobachtet genau, was der Mann da treibt.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein vermeintlicher Interessent die echten Ringe gegen Plagiate austauscht. Doch ihr Gesprächspartner hat kein Betrugsmanöver vor. Schlimmer noch, während die Frau versucht, die Sporttasche besser sehen zu können, hat der Besucher plötzlich eine schwarze Pistole in der Hand, steht auf und stellt sich vor sie. Während er sie bedroht, fordert er sie in ruhigem Ton auf, sitzen zu bleiben und ruhig zu sein.

Er wendet sich der Schrankvitrine zu, die lediglich angelehnt ist, rafft mehrere Schmuckstücke zusammen und lässt sie in seine Sporttasche fallen. Elona Feldmann wird wütend. Die Schranktür ist im Griffweite. Sie schlägt die Glastür mehrfach mit voller Wucht gegen den Arm des Täters. Es kommt zu einer lauten, verbalen Auseinandersetzung. Bevor andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darauf aufmerksam werden, bricht der Täter sein Vorhaben ab.

Er schnappt seine Tasche und läuft aus dem Zimmer. In der Sporttasche befinden sich unter anderem mehrere Uhren, die beiden Diamantringe und das Collier. Gesamtwert mehr als 100.000 Euro. Inzwischen schauen einige Angestellte schon aus ihren Zimmern, doch sie trauen sich nicht einzugreifen. Im Vorbeirennen bedroht der Flüchtende sie mit seiner Pistole. Nach einer Schocksekunde greift Ilona Feldmann zum Telefon und will die Polizei anrufen.

Doch sie verwehlt sich und versucht stattdessen, ihre Kollegen im Erdgeschoss per Telefon vorzuwarnen. Zu spät. Aus dem Treppenhaus sind bereits tumultartige Schreie zu hören. Auf seiner Flucht über die Treppe der Villa nach unten begegnet der Täter mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die aus ihren Ausstellungsräumen kommen. Auch sie hält er auf Abstand und strebt weiter dem Ausgang zu.

Doch plötzlich steht der Geschäftsführer des Auktionshauses vor ihm, der auf die Unruhe aufmerksam geworden ist. Was danach im Treppenhaus passiert, wird von einer Überwachungskamera aufgenommen. Der 51-Jährige stellt sich dem Flüchtenden in den Weg. Dieser hebt die Waffe und zielt aus nächster Nähe auf das Gesicht seines Gegenübers. Gleich darauf fällt ein Schuss. Instinktiv dreht der Geschäftsführer sein Gesicht zur Seite.

Damit verhindert er vermutlich schwere Verletzungen. Bei der Waffe des Täters handelt es sich, wie sich jetzt herausstellt, um eine Gaspistole. Die Wucht der Tränengaswolke verschlägt den im Treppenhaus stehenden Mitarbeitern den Atem. Der Täter nutzt den Moment und entkommt durch die Haustür. Herr Meinke, der Schuss hat den Angestellten des Auktionshauses ja bestimmt einen gewaltigen Schrecken eingejagt. Und einer der Mitarbeiter hat sich sehr schnell aus der Schockstarre erholt.

Dadurch entstand dann eine Situation, die Ihnen als Polizeibeamter ja sicher die Sprache verschlagen hat, als Sie davon gehört haben, oder? Tatsächlich hat der Mitarbeiter so reagiert, von dem wir eigentlich immer abraten. Er solle sich halt möglichst nicht selbst in Gefahr bringen. Hier war es so, dass der Lagermeister des Auktionshauses den Schuss und die Flucht vom Erdgeschoss aus mitbekommen hat. Der Täter lief praktisch auf seiner Flucht direkt an ihm vorbei.

Er hat dann spontan so reagiert, dass er ihn verfolgte über die Straße hinweg, bis zur nächsten Querstraße ungefähr und ihn da dann aus den Augen verloren hat. Wie gesagt, nicht unbedingt eine ungefährliche Aktion. Ja, zumal der Täter ja schon bewiesen hatte, dass er nicht davor zurückschreckt, sich den Weg freizuschießen. Zum Glück ist die Verfolgung ohne weitere Verletzungen dann abgelaufen. Gleich darauf kamen auch schon die ersten Streifenwagen zum Tatort.

Andere fuhren die Gegend ab, um den Täter noch zu erwischen. Ohne Erfolg. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Und sie hatten schnell damals ein Verdacht, wie das passieren konnte. Ja, wir befinden uns ja in unmittelbarer Nähe der Hamburger Innenstadt. Das Auktionshaus ist umgeben praktisch von diversen U-Bahn-Stationen und S-Bahn-Stationen. Auch der Hauptbahnhof ist nicht weit entfernt.

Wir haben also ziemlich schnell vermutet, dass er sich wahrscheinlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln davon gemacht hat. Was es dann schwierig macht, wenn wir nicht wissen, welcher Bahnhof es gewesen ist. Die Rettungswagen waren ja dann auch schon vor Ort. Die hatten vermutlich einiges zu tun. Ja, der Täter hatte zwar in Anführungszeichen nur eine Gaspistole benutzt, aber auch die kann ja schwere Verletzungen verursachen, oder?

Ja, in Anführungszeichen ist es richtig. Also oft werden Gaspistolen oder auch Schreckschusspistolen verharmlost, weil es ja eben keine, in Anführungsstrichen, scharfen Schusswaffen sind. Aber auch diese können üble Verletzungen verursachen, vielleicht sogar tödliche Verletzungen. Am schlimmsten hat es in diesem Fall den Geschäftsführer erwischt. Der hat ein sogenanntes Knalltrauma erlitten, also eine Schädigung des Innenohres, was zu Hörverlust oder auch im Lebenslangen Tinnitus führen könnte.

Primär haben die Sanitäter ihn allerdings ins Krankenhaus gebracht wegen etwaiger Verletzungen der Augen. Aber auch da hatte er Glück gehabt. Also er wurde dort nur ambulant behandelt und kam dann relativ schnell wieder zurück zum Tatort, zu seinem Geschäft. Allerdings war eine Vernehmung mit ihm so gut wie unmöglich, weil er hörte einfach nichts. Und auch die übrige Belegschaft, die hat sicher auch einiges abbekommen, oder?

Ja, es ist so eine Altbauvilla mit zentralem Treppenhaus. Da hat sich das Gas ziemlich schnell verteilt und eigentlich haben alle was davon abbekommen. Die Sanitäter hatten eine ganze Menge zu tun, aber ins Krankenhaus musste keiner mehr. Inzwischen nahm die Kriminaltechnik im Auktionshaus ihre Arbeit auf. Der Täter trug keine Handschuhe und hatte deshalb eine Menge an Spuren hinterlassen. Währenddessen wurden weitere Zeugen befragt. Konnten die Ihnen weiterhelfen?

Ja, das war primär der Geschäftsführer selbst, als er wieder am Tatort erschien. Da hat er uns dann, obwohl er kaum was hören konnte, fast beiläufig erzählt, dass er den Täter halt Mittag schon gesehen habe, also bei seinem ersten Besuch im Auktionshaus. Sein Büro liegt nämlich zur Straße hinaus und er hat zufällig aus dem Fenster geguckt, als der Täter ein Taxi verlassen hatte. Das heißt, bei seinem ersten Besuch ist der Täter mit einem Taxi vorgefahren

und das Taxi konnte uns der Geschäftsführer beschreiben. Und dann blieb ja nur noch übrig, oder, bei der Taxizentrale anzurufen und zu fragen, wer war das, wer hat ihn zum Auktionshaus gefahren? Genau, das ging relativ zügig. Also das Kennzeichen konnte uns der Geschäftsführer natürlich nicht sagen. Taxen sehen erstmal alle gleich aus. Aber er konnte uns den Typ und die Marke sagen. Und dann war es relativ einfach. Wir haben sämtliche Hamburger Taxizentralen

abtelefoniert. Und schließlich und endlich kamen eigentlich nur zwei Fahrzeuge in Frage. Es war nun inzwischen später Abend. Wir haben die Taxifahrer einfach wieder aus dem Bett geklingelt. Und der eine konnte sich sofort daran erinnern. Also hat eine Person beschrieben, die auf unseren Täter passte. Und dann war klar, er hat ihn aus einem renommierten Vier-Sterne-Hotel in Hamburg abgeholt und zum Auktionshaus gefahren.

Mit einer kleinen Besonderheit, es gab noch einen Zwischenstopp am nahegelegenen Hauptbahnhof. Und dort, so hat der Taxifahrer beschrieben, hat der Täter offensichtlich einen Koffer in ein Schließfach eingeschlossen. Also man könnte vermuten, zwischen den beiden Besuchen war er wahrscheinlich am Bahnhof, um sich umzuziehen. Genau so müsste es gewesen sein, ja. Ja, ich nehme an, Ihre nächste Station war dann das Hotel, wo ihn das Taxi abgeholt hatte.

Da er seinen Koffer dabei hatte, denke ich mal, dort war ja nicht zu finden. Nee, tatsächlich nicht mehr. Aber dafür haben wir eine ganze Menge Informationen dort abgreifen können. Wir haben ein Bild, was wir relativ schnell hatten aus der Überwachungskamera des Auktionshauses, dem Personal an der Rezeption vorgelegt und wir haben ihn da sofort darauf wiedererkannt. Das allerdings auch, weil es eine kleine Besonderheit gab mit diesem Gast.

Er ist nämlich eigentlich auf der sogenannten schwarzen Liste dieser Hotelkette vermerkt. Das heißt, er hat in der Vergangenheit irgendwo mal in einem Haus eine Übernachtung nicht bezahlt gehabt. Und dann landet man intern auf so einer Liste. Das führte dann dazu, dass er grundsätzlich dort noch übernachten kann. Allerdings muss er immer in Vorkasse treten. So auch in diesem Fall musste er für die gebuchte Übernachtung, in Vorkasse treten, in Bar, was für solche Häuser relativ ungewöhnlich ist.

Und deshalb konnten sich die Angestellten auch noch sehr gut an ihn erinnern, denn beim Auschecken hat er sogar einige Euros wieder zurückerstattet bekommen. Damit hatten wir dann auch seinen Namen. Es handelte sich um den 33-Jährigen Daniel H. Ja, das nenne ich mal schnelle Arbeit. Wenige Stunden nach dem Überfall kannten Sie schon den Namen des Tatverdächtigen. Nächste Station vermutlich die Lebensgefährtin. Ja, so schnell geht es dann nicht, weil dann muss erstmal noch ein bisschen

büromäßig abgeklärt werden. Das haben wir auch gemacht, also routinemäßig haben wir ihn, wie wir so sagen, einmal auf links gedreht und dabei kam dann raus, dass gegen ihn schon mehrere Haftbefehle wegen verschiedenster Delikte aus den Vorjahren vorlagen. Worum ging es denn da konkret? Also war er früher schon in Raub oder Diebstahl verwickelt? Nee, Raub nicht, das nein. Allerdings eine Vielzahl von, ja ich sag mal, ein bunter Strauß gemischter Straftaten.

Das geringste war dabei ein Verkehrsverstoß, ich glaube es war wegen Fahren ohne Führerscheins. Da hat er dann wahrscheinlich eine Geldstrafe nicht bezahlt. Und ansonsten gab es diverse Ermittlungen wegen Betruges, dies im Zusammenhang mit einer Firma, die er mal besessen hatte in Hamburg und die er offensichtlich finanziell gegen die Wand gefahren hat. Danach ist er dann anscheinend untergetaucht und war für die Justiz nicht mehr zu erreichen.

Das führte dann schließlich dazu, dass ein Gericht einen Haftbefehl gegen ihn ausgestellt hat, wegen der Untersuchungshaft. Darauf kommen wir dann später auch noch einmal zurück. Zunächst waren sie ja weiterhin auf der Suche nach Informationen zum Flüchtigen Daniel H. Ah, sein Alter hatten die Zeuginnen und Zeugen des Überfalls auf Anfang bis Mitte 30 geschätzt. Traf das denn zu? Erstaunlicherweise ja. Also er war zur Tat seit 33 Jahren alt.

Insofern haben die ziemlich gut geschätzt gehabt, ja. Wieso erstaunlicherweise? Ja, weil oft trifft es nicht, sag ich mal so, bei Zeugen. Das ist immer so ein bisschen, je mehr Zeugen man hat, umso weiter gehen die Einschätzungen auseinander. Das hängt immer damit zu tun, zum Beispiel wie alt der Zeuge selbst ist oder wie groß der Zeuge selber ist. auch manchmal, ob der Zeuge gesessen hat und der Täter gestanden hat, dann geht das meistens auseinander, was Größer und Alter angeht.

Jedenfalls sind wir dann mit unseren neuen Erkenntnissen, also wir hatten ja nun den Namen und wir wussten, wer war, in die örtliche Presse gegangen. Wir hatten ja nichts mehr zu verlieren und es gab daraufhin auch einige Hinweise, allerdings nichts Konkretes. Wir haben dann nochmal, wie ich schon gesagt habe, büromäßig alles abgeklärt und haben dann festgestellt, dass er und seine Freundin sogar in den Jahren zuvor in Hamburg gemeinsam gewohnt haben.

Sie ist wieder umgezogen, zurück in ihr Elternhaus nach Niedersachsen. Für dieses Haus haben wir uns dann erstmal einen Durchsuchungsbeschluss organisiert. Ja und die Hoffnung war natürlich dann, ihn dort anzutreffen, oder? Ja, es hätte sein können. Für unmöglich haben wir das nicht gehalten, Weil er hatte ja schon beim Überfall sich keine große Mühe gegeben, irgendwie Spuren zu vermeiden. Also Beispiel, er hatte keine Handschuhe getragen, er hatte sich nicht maskiert.

Und auch das Risiko einer Videoüberwachung ist er wahrscheinlich voll eingegangen. Tatsächlich war er dann aber nicht bei seiner Freundin und sie wusste angeblich auch nicht, wo er sich auffällt. Und auch ihre Eltern, also sozusagen seine Schwiegereltern, wussten nichts. Und mehr noch, die konnten sich überhaupt nicht vorstellen, dass er so etwas getan haben sollte. Es gab sogar kurzfristig Tränen.

Und man hat uns geschildert, er sei doch ein Mann von Welt und wir müssten einfach völlig daneben liegen und wir hätten den Falschen. Auch seine Freundin hat dann relativ schnell gemauert und hat uns dann da verkündet, sie seien übrigens verlobt. Dazu muss man eben wissen, als Verlobte kann man die Aussage oder als Verlobter die Aussage verweigern, ähnlich wie bei Ehepartnern oder anderen nahen Verwandten.

Genau so ist es. Da kannte sie sich auch einigermaßen gut aus, weil sie hatte Jura studiert. Sie war Angestellte als Assessorin bei einer Firma im juristischen Bereich. Dazu noch eine Anmerkung, sie hat sich dann auch schon während ihres Jurastudiums auch bei Daniel H. um dessen Geschäfte gekümmert und dort den rechtlichen Part übernommen. Da es nach wie vor keine Anhaltspunkte zum Verbleib von Daniel H. Gab, kam Ihnen jetzt wohl ganz recht, dass unsere Redaktion zu dieser Zeit gerade

die nächste Aktenzeichen XY-Sendung vorbereitet hat, nicht? Genau, das passte ganz gut. Wir wussten inzwischen, dass Daniel H. sich in der Vergangenheit längere Zeit in Berlin aufgehalten hatte und hatten dort jetzt allerdings keine Spur mehr von ihm. Auch die Beute ist nirgendwo aufgetaucht und deshalb haben wir gedacht, wir gehen nochmal in die breite Öffentlichkeit und haben das Ganze dann auf Aktenzeichen Y ausgeweitet.

Ja, und gut fünf Wochen nach dem Überfall wird dann in der Sendung vom 27. März 2013 der Fahndungsaufruf ausgestrahlt. Wir hören da mal kurz rein. Die XY-Top-Fahndung gilt heute diesem Mann. Er wird im Zusammenhang mit einem Überfall auf ein Auktionshaus in Hamburg gesucht. Er hat den Spitznamen Benny, ist 33 Jahre alt, 1,84 groß, kurze dunkelblonde Haare, mit blonden Strähnen, gebräunter Tint, schlanke Figur, insgesamt gepflegte Erscheinungen. Er spricht akzentfrei Deutsch.

Vorsicht, er ist bewaffnet. Kurz vor der Sendung hatte das LKA Hamburg dann noch ein paar neue Informationen zu dem Gesuchten veröffentlicht, die Sie ja durch Zeugen erfahren haben und die ebenfalls fahndungsrelevant waren. Worum ging es denn da? Ja, wir hatten durch Hinweise Tipps bekommen, dass er sich in der Vergangenheit häufiger in Großstädten in Deutschland aufgehalten hat, wie München, Hamburg oder Berlin und dass er dort dann auch mit Vorliebe Spielcasinos aufsuchte.

Das waren konkrete Hinweise, die wir nochmal anstoßen wollten, um eventuell eine Fluchtrichtung herauszubekommen. Und auch zu seiner Sexualität hatten sie mehr erfahren. Demnach fühlte sich Daniel H. offenbar sowohl zu Frauen als auch zu Männern hingezogen. Inwiefern spielt das für ihre Ermittlungen eine Rolle? Ja, diese Informationen haben wir von seinen Angehörigen bekommen. Die machten sich jedoch eher Sorgen, dass ihm was zustößen könnte.

Also aus gesundheitlicher Sicht oder dass er Opfer von Kriminalität wird. Dass er selbst kriminell war oder werden konnte, das haben die bis dahin immer weiter abgestritten und konnten sich auch absolut nicht vorstellen. Aus ihrer Sicht war er halt ein Ehrenmann und ein toller Schwiegersohn. Für uns war es also wichtig, dass wir eventuell neue Hinweise aus dem Milieu bekommen. Denn erfahrungsgemäß ist dort die Polizeiarbeit relativ schwierig.

Wie war denn dann die Lage nach der Sendung? Also was für Hinweise sind eingegangen? Ja, wir haben eine ganze Menge Hinweise bekommen, allerdings nichts Aktuelles, die auch seinen Aufenthaltsort hätten hinweisen können. Also es meldeten sich zum Beispiel Menschen aus seiner Vergangenheit, zum Beispiel ehemalige Geschäftsbeziehungen und auch sein ehemaliger Vermieter hat sich bei uns gemeldet.

Die Hinweise, die wir bekamen, brachten uns leider bei der Suche nach ihm nicht weiter, aber ergaben teilweise interessante Rückschlüsse auf seine Person. Ein gutes Stichwort, werfen wir doch zwischendurch mal einen Blick auf das Leben des Mannes, über den wir hier reden. Daniel H. ist ein durchaus gebildeter Mensch. In Hamburg geboren und in geordneten Verhältnissen aufgewachsen, wie man so schön sagt.

Er macht sein Abitur, widmet sich danach dem Handel mit Lexika und beschäftigt sich dann auch mit sehr wertvollen alten Druckwerken, sogenannten Inkunabeln. Das sind frühe Druckwerke, die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstanden sind, sowie mittelalterliche Handschriften. Mit seiner Handelstätigkeit baut er ein solides Unternehmen auf, mit dem er gut verdient. Die Druckwerke ersteht er auf Auktionen in ganz Europa und in den USA.

Und er findet hierzulande immer wieder Abnehmer, unter anderem auf renommierten Buchmessen, etwa in Frankfurt und Hamburg. Nach und nach kommen weitere Geschäftsbereiche hinzu. Er handelt auch mit stilvollen Möbeln oder edlen Weinen. Dafür gründet er weitere Firmen, in die er Geschäftsführer einsetzt und für die er Mitarbeiter beschäftigt. Bis 2007 etwa 20 insgesamt. Für diese Firmen mietet er Büro- und Lagerräume an. Auch seine spätere Verlobte unterstützt ihn in seinem Unternehmen.

Neben ihrem Jurastudium erledigt sie die Buchhaltung. Er überträgt ihr sogar für einzelne Geschäftsbereiche die Leitung. Anfang 2008 besteht das Unternehmen aus sieben GmbHs, darunter auch ein Auktionshaus für antiquarische Werke. Außerdem hält er Anteile an einer Hamburger Kochschule. Doch so schnell der Aufstieg seiner Firmengruppe entstanden ist, erfolgt bis Ende 2009 der wirtschaftliche Niedergang der Firmengruppe.

Das Unternehmen scheitert wohl auch daran, dass sich Daniel H. Vom finanziellen Erfolg blenden lässt und auf großem Fuß lebt, wie seine Umgebung später berichtet. Er selbst sucht allerdings die Schuld bei anderen. Er sei an Betrüger geraten, die sein Vertrauen missbraucht und ihn finanziell ausgenommen hätten, behauptet er später. Bald steckt er bis zum Hals in Schulden. Zu seinen Gläubigern gehören nicht nur Geschäftspartner, sondern auch seine eigenen Eltern.

Daniel H. ist gegen Ende 2009 schlichtweg pleite. Bei allem Erfolg, zwischendurch hat er immer wieder finanzielle Durststrecken. Und er versucht, diese mit allen Mitteln zu überbrücken. Auch mit Kriminellen. Im März 2008 wird er zum ersten Mal straffällig. Bei einer Bank nimmt er einen Geschäftskredit auf. Angeblich, um ein wertvolles Gemälde erwerben zu können. In Wirklichkeit braucht er das Geld, um die Geschäfte seiner bereits schwächelnden Firmengruppe sicherzustellen.

Als Sicherheit bietet er der Bank zwei Nobellimousinen an, die er aus den USA nach Deutschland importiert hatte. Beide zusammen knapp 200.000 Euro wert. Was er der Bank allerdings verschweigt? Beide Fahrzeuge hat er bereits auf einer Verkaufsplattform angeboten. Und für den einen Wagen hat er bald einen Käufer gefunden. Er verkauft ihn heimlich, Ende April, für 130.000 Euro. Die Bank will natürlich die üblichen Dokumente wie Fahrzeugstreine von ihm sehen.

Er lässt ihr Papiere zukommen, die angeblich bei einem Importfahrzeug die Zulassungsbescheinigung ersetzen. Der Sachbearbeiter glaubt ihm und gibt sich damit zufrieden. Es handelt sich ohnehin nur um einen kurzfristigen Kredit bis August. Als er den Kredit überzieht, kündigt die Bank Mitte November 2009 den Darlehensvertrag und verlangt 203.912 Euro und einen Cent zurück. So viel ist mit Zins und Zinseszins inzwischen zusammengekommen.

Allerdings lässt die Bank mit sich reden und willigt in eine Ratenzahlung ein. Tatsächlich bringt Daniel H. knapp 90.000 Euro in mehreren Raten auf. Dann stellt er die Zahlungen und jeglichen Kontakt zur Bank ein. Diese klagt das restliche Geld ein, bleibt letztlich aber auf einem Schaden von knapp 150.000 Euro sitzen. Jetzt fordert sie eines der zur Sicherheit überlassenen Fahrzeuge ein.

Doch Daniel H. versteht es, der drohenden Sicherstellung zu entgehen, indem er das Fahrzeug immer wieder an neuen Adressen versteckt, bis ihn die Polizei am Lenkrad des 60.000 Euro teuren Wagens erwischt. An dem Auto befindet sich ein falsches Kennzeichen und Daniel H. Hat keinen Führerschein. Das hat mehrere Strafanzeigen zur Folge. Anfang 2009 mietet Daniel H. neue Gewerberäume an. Dabei übergibt er der Grundstücksverwaltung eine angebliche Mietbürgschaft einer weiteren Bank.

Diese stellt sich wenige Monate später als Fälschung heraus, denn er bleibt wieder einmal die Miete schuldig. Auch eine Versicherungsgesellschaft versucht H. Reinzulegen. Bei einem Einbruch in eine seiner Firmen lassen die Diebe wertvolle Bücher mitgehen, nachdem sie mehrere Tresore aufgebrochen haben. Der Firmeninhaber macht einen Schaden von mehr als einer halben Million Euro geltend. Seine Versicherung ist vorsichtig und zieht einen Gutachter hinzu.

Dieser stellt fest, dass Daniel H. bei der Aufstellung der angeblich gestohlenen Bücher großzügig Exemplare aufgelistet hat, die sich gar nicht in den Tresoren befunden haben können. Jetzt ist er auch noch wegen Versicherungsbetrugs dran. Ende 2009 steht sein Firmenkonglomerat endgültig vor dem Aus. Seine Verlobte zieht aus Hamburg weg, zu ihren Eltern zurück.

Daniel H. beginnt ein Leben mit exzessiven Partys. Er verfällt in Drogenkonsum und Sexsucht, ist ständig unterwegs, sozusagen auf der Flucht, in Berlin, Hamburg, in Tschechien. Vorladungen zu Kripo ignoriert er, einen festen Wohnsitz hat er nicht mehr. Zeitweilig kehrt er zu seiner Verlobten zurück und versucht neue Geschäfte anzukurbeln. Mit MP3-Playern, Schmuck und erneut mit antiquarischen Büchern.

Aber diese Unternehmungen scheitern. Die Ermittler lassen nicht locker, kommen ihm wieder auf die Spur, ermitteln erneut gegen ihn, diesmal wegen Diebstahlsdelikten und Hehlerei. All das spricht sich herum im Bekanntenkreis. Immer mehr Freunde und Geschäftspartner wenden sich von ihm ab. In den Jahren 2010 und 2011 zeigen sich dazu auch noch psychische Auffälligkeiten bei Daniel H. Zeitweise leidet er unter Verfolgungswahn, möglicherweise eine Folge seines

Drogenkonsums. Als 2012 immer wieder neue Geschäftsideen scheitern, sucht Daniel H. erneut das Weite. Ohne sich von seiner Verlobten und deren Eltern zu verabschieden, kehrt er nach Berlin und in sein altes Suchtleben zurück. Ecstasy, Ketamin, Kokain und Alkohol bestimmen sein Leben. Das finanziert er durch Geld, das ihm die wenigen Bekannten zustecken, die er noch hat. Und auch seine Verlobte lässt ihn nicht im Stich. Sie erlaubt ihm, ihre Kreditkarte zu benutzen.

Außerdem versucht sie immer wieder, ihn zur Rückkehr zu bewegen. Vergeblich. Daniel H. bleibt in Berlin. Bis er sich entschließt, den Überfall auf das Auktionshaus in Hamburg zu begehen. Einen Tag vor der Tat, am 18. Februar 2013, checkt er in dem Hotel auf St. Pauli ein, wo ihn am nächsten Tag das Taxi abholt und zum Tatort bringt.

Ein recht ungewöhnlicher Tatort, wie wir vorhin schon von Christian Meinke gehört haben, der bei der Kripo Hamburg damals zum Überfall auf das Auktionshaus ermittelt hat. Sebastian Brose, Sicherheitsexperte in Köln, kann das bestätigen. Er arbeitet in Europas größtem Institut für Unternehmenssicherheit, der VDS, und berät verschiedenste Firmen in Sachen Sicherheit, darunter auch viele Museen und Ausstellungshallen. Unterstellungshallen.

Unsere Redaktion wollte von ihm wissen, in welchen Bereichen Unternehmen Unterstützung von ihm in puncto Sicherheit benötigen. Bei uns geht es im Schwerpunkt um Brandschutz, Einbruchdiebstahlschutz, aber auch Naturgefahrenprävention und Cybersecurity. Wir stellen sicher, dass der Schutz von Leib, Leben und Sachwerten jederzeit gewährleistet ist und dazu prüfen wir installierte Sicherheitssysteme wie Feuerlöschanlagen, aber auch Sicherungstechnik, Schlösser und so weiter.

Wir zertifizieren die Produkte, die man dafür braucht, die Fachunternehmen, die das installieren und die Fachkräfte, die damit zu tun haben. Und wir geben mit hunderten Richtlinien auch ein eigenes Regelwerkssystem raus. Wo man, wenn man sich danach richtet, man optimalen Schutz jederzeit gewährleistet hat. Mitarbeiter der kriminalpolizeilichen Beratungsstellen, die ähnliches kostenlos für Bürger anbieten, die mahnen immer wieder, dass ihre Beratung oft zu spät in Anspruch genommen wird.

Also erst nach einem Einbruch oder Überfall. Sebastian Brose, der macht diese Erfahrungen auch sehr oft. Sicherheitstechnik kostet ja immer erstmal Geld und produziert vermeintlich, ich sage vermeintlich, keinen Return und Invest. Aber das begeistert natürlich die wenigsten. Deshalb ist man da immer ein bisschen zurückhaltend. Aber man muss sich vor Augen führen. Irgendwann wird man in Sicherheit investieren. Die Frage ist immer nur, vor dem Schaden oder danach.

Idealerweise sollte man sich vor dem Schaden damit auseinandersetzen und Sicherheitstechnik investieren, damit es dann gar nicht erst zum Schaden kommt. Oder er zumindest so gering wie möglich bleibt. Auch wenn vieles ja versichert ist, der Ärger, der damit verbunden ist, der persönliche Schaden, den man vielleicht erleidet, die psychischen Folgen, das ist natürlich durch keine Versicherung zu bezahlen.

Und es gibt ja gerade im Kunstbereich auch Dinge, wenn sie weg sind, sind sie unwiederbringlich und auch nicht mit Geld zu kompensieren. Prävention, die muss ja auch nicht immer teuer sein. Sebastian Brose hat auch ein paar ganz einfache, aber wirkungsvolle Tipps. Für uns beginnt Vorbeugung schon beim sicherheitsbewussten Verhalten.

Also sich nicht als lohnenswertes Opfer auf dem Silbertablett servieren, nicht zu berechenbar sein in seinen Handlungen und Aktivitäten, nicht alle Informationen preisgeben. Das gilt für Privatpersonen, aber es gilt genauso auch für Unternehmen. Ein Beispiel, wenn Sie Flucht- und Rettungswegpläne haben, die müssen Sie ja aushängen, dann reicht es, wenn man die Umrisse sieht.

Man muss nicht an jeden Raum reinschreiben, was da vielleicht drin ist, sodass jeder Besucher des Unternehmens ablesen kann, wo vielleicht Ihr Tresorraum ist oder irgendwelche anderen wertvollen Dinge liegen. Aber das alleine reicht natürlich nicht. Sicherheitsbewusstes Verhalten ist eine Grundvoraussetzung. Aber am Ende geht es natürlich darum, Sicherheit auch im Ernstfall zu gewährleisten.

Und dafür braucht man mechanische Sicherheitstechnik, die Einbrecher draußen hält und elektronische Überwachung, die dann einen Einbruch erkennt und schnell die nötige Hilfe alarmiert. Ein hochaktuelles Problem, Cyberkriminalität. Wie können sich Unternehmen davor schützen? Auch hier weiß der Fachmann Rat.

Cyberkriminalität ist vielschichtig. Wir haben ja zum einen die sogenannten IT-Systeme, also das, was jetzt zum Beispiel ein Museum, ein Auktionshaus an Abrechnungskassensystemen betreibt, E-Mail, Personaldaten, Buchhaltung und all diese Dinge. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite der Medaille sind die ganzen haustechnischen Anlagen.

Also denken Sie an Heizung, Lüftung, Beleuchtungssysteme und natürlich auch die Sicherheitssysteme wie Brandmeldeanlagen, Einbruchmeldeanlagen. Und auch hier hat sich in den letzten Jahren, Jahrzehnten kann man schon fast sagen, immer mehr auch entwickelt, dass die auch mit dem Internet verbunden sind, dass die aus der Ferne ausgelesen und gesteuert werden können. Und deswegen muss hier bei diesen Systemen genauso die Cybersicherheit betrachtet werden, wie die eigentliche Funktion.

Es kann zum einen sein, dass Täter so ein System außer Gefecht setzen, um zum Beispiel einen Einbruch zu begehen. Es kann aber auch sein, dass es sich hier um Sabotageangriffe handelt, also ein Gebäude außer Kraft setzt, indem man diese Haustechnik sabotiert und so Geld erpresst. Also das ist heute auch was, was man sicherlich betrachten muss. Doch zurück zu unserem Fall und zu unserem Studiogast, Christian Meinkel.

Sie haben uns ja schon erzählt, nach Aktenzeichen XY gab es zwar etliche interessante Hinweise, aber leider keinen zum aktuellen Aufenthaltsort des Flüchtigen. Er war nach wie vor verschwunden. Hätten Sie gedacht, dass Sie ihn bald kennenlernen würden? Das schöne alte Sprichwort, die Hoffnung stirbt zuletzt. Es ist leider bei uns nicht so wie im TV-Krimi, wo der Täter nach anderthalb Stunden festgenommen wird. Bei uns ist manchmal Geduld gefragt. Und die hat sich ja ausgezahlt.

Knapp einen Monat nach der Aktenzeichen XY-Sendung erhielten sie eine erfreuliche Nachricht und die kam aus den Niederlanden. Was war geschehen? Ja, tatsächlich ist unser Mann dort festgenommen worden. Er saß inzwischen in Amsterdam hinter Gittern. Er ist praktisch in einem Jubilägeschäft beim Klauen erwischt worden, ganz profan. Er hat dort versucht, Diamanten, echte Diamanten, gegen Fälschung auszutauschen. Das ist den Angestellten dort aufgefallen und die haben die Polizei gerufen.

In der Zwischenzeit, bevor die Polizei erschien, musste er nochmal zur Toilette. Aber auch das war ein Trick. Dort hat er dann versucht, Beweismittel in der Toilette verschwinden zu lassen. Das misslang und die niederländischen Kollegen fanden dann noch etliche Stücke am stillen Örtchen. Und die Kolleginnen und Kollegen in Amsterdam, die wussten ja auch sehr schnell, wen sie da vor sich hatten, weil inzwischen gab es einen europäischen Haftbefehl.

Wurde er denn dann auch nach Deutschland direkt ausgeliefert? Ja genau, also das ging relativ schnell. Wir hatten schon zeitgleich mit der Sendung Aktenzeichen uns einen europäischen Haftbefehl besorgt, weil wir eben nicht genau wussten, wo er ist. Er ist dann relativ zeitnah an die JVA Lingen im Emsland ausgeliefert worden

und von dort aus nach Hamburg gekommen. Seine Verlobte hat dann auch ziemlich schnell Wind von der Sache bekommen und hat sich dann bei der Staatsanwaltschaft Hamburg gemeldet, sie würde gerne seine Verteidigung übernehmen. Daraus ist dann allerdings nichts geworden, weil inzwischen hatten wir ein Strafverfahren gegen sie eingeleitet wegen Strafvereitelung. Das muss ich kurz erklären, weil sie uns einfach schlichtweg bei dem ersten Kontakt bei der Durchsuchung bei ihr zu Hause angelogen hat.

Sie hatte uns gesagt, sie hätte überhaupt keine Ahnung, wo er sich aufhalten könnte. Tatsächlich konnten wir später belegen, dass sie die ganze Zeit Kontakt zu ihm hatte und ihm auch Geld überwiesen hatte. Deshalb ein Strafverfahren wegen Strafvereitelung. Kurz danach ist Daniel Haar dann tatsächlich nach Hamburg gekommen. Ja und da vor dem Landgericht, da hat dann eben auch schon nach ein paar Monaten der Prozess gegen ihn begonnen.

Der dauerte ziemlich lange, 21 Verhandlungstage, um genau zu sein. Warum? Ja, aus unserer Sicht war das mit dem Raubüberfall eigentlich eine klare Sache. Aber die Kammer hat beschlossen, dass sie eben auch die ausstehenden Sachen, die noch offen waren, mit in die Verhandlung mit reinnimmt. Also das sind die Sachen, die vorhin schon erwähnt worden sind. Und deshalb sind eine ganze Menge Zeugen zu hören gewesen, nicht nur bezüglich unseres Raubüberfalls.

Und dann zieht sich so etwas. Der Angeklagte hatte sich gut vorbereitet. Wie die Presse schrieb, kam er mit einem Stapel Papier unter dem Arm ins Gericht. Unter anderem hatte er sich ein Manuskript geschrieben, aus dem er seine Sicht der Sache vortrug. Seine Ausführungen begannen mit einer Entschuldigung bei den Angestellten des Auktionshauses. Wörtlich soll er gesagt haben, ich habe nie zuvor jemanden verletzt, es tut mir aufrichtig leid.

Herr Meinke, Sie waren ja auch im Gericht dabei. Haben Sie ihm das abgenommen? Tatsächlich nein. Also ich möchte ihm sein Bedauern gar nicht in Abrede stellen, dass ihm das in dem Moment leid getan hat. Er kann das durchaus ernst gemeint haben, aber es kann auch einfach schlichtweg auf Anraten seines Verteidigers eine taktische Geschichte gewesen sein, um ein gutes Licht auf ihn zu werfen. Also tatsächlich zog er vor Gericht eine ganz schöne Show ab.

Aber sowohl die Presse als auch das Gericht haben ihm das alles nicht abgenommen. Nach seiner Ansicht waren ja auch alle anderen schuld an seiner Misere oder die Umstände waren schuld. Je nachdem, er war jedenfalls nicht schuld. Ja, eine Hamburger Zeitung zitierte ihn in der Überschrift mit den Worten, ich wurde zum Räuber, weil ich sterben wollte. Was hat er denn damit gemeint? Ja, angeblich habe er kurz vor der Tat von einem Arzt die Diagnose gestellt bekommen, dass er HIV infiziert sei.

Das habe ihn völlig aus der Bahn geworfen. Er wollte anschließend nicht mehr leben und eine abschließende Wahnsinnstat begehen. Also er habe es darauf angelegt, gefasst zu werden oder vielleicht sogar bei der Festnahme durch die Polizei erschossen zu werden. Deshalb habe er auch keine Handschuhe getragen und keine Maskierung, weil er es eben darauf angelegt hätte, erwischt zu werden.

Das hat ihm aber tatsächlich keiner abgenommen. Und auch der Richter hat später in der Urteilsbegründung betont, dass wir es hier einfach mit einem ganz klassischen Raubüberfall zu tun hatten, um an Geld zu kommen. Wurde die Beute denn jemals wieder gefunden? Nee, nicht ein Stück, gar nichts. Im Prozess hat Daniel H. ausgesagt, dass er nach dem Überfall direkt nach Berlin gefahren sei und später dann über Paris in die Niederlande geflüchtet sei.

In Berlin will er dann schon zwei Uhren verscherbelt haben, eine in einem Pfandhaus für 4000 Euro und die andere will er einem Freund verkauft haben. Die Waffe hat er angeblich in Paris in einen Mülleimer geworfen und auch die restlichen Beutestücke will er gleich nach dem Überfall auf der Fahrt nach Berlin in einem Abfalleimer auf der Zugtoilette entsorgt haben. Also insgesamt alles sehr unglaubwürdige Einlassungen und vor allem welche, die wir eben nicht objektiv belegen können.

Auf jeden Fall sind keinerlei Beutestücke wieder aufgetaucht. Apropos Waffe, auch in Bezug auf den Schuss im Treppenflur des Auktionshauses schob er die Schuld von sich. Nach seinen Worten war die Gaspistole schuld. Damit ist er dann allerdings auch nicht durchgekommen. Genau, er behauptete, er habe eigentlich nur drohen wollen und dabei habe sich aus Versehen der Schuss gelöst.

Schaut man sich allerdings die Videos aus der Überwachungskamera genau an und das hat das Gericht auch getan, dann ist eindeutig, dass sich der Schuss nicht einfach so gelöst hat. Im Gegenteil, er nahm sogar eine ziemlich typische Schusshaltung ein.

Ende März 2014 endet der Prozess gegen Daniel H. Der Angeklagte wird damals zu einem wegen besonders schweren Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung, zum anderen wegen Betrugs in zwei Fällen, Urkundenfälschung, versuchten Betrugs, veruntreuender Unterschlagung und vorsätzlichen Fahrens ohne Führerschein in zwei Fällen verurteilt. Und zwar zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sieben Jahren. Allein der Überfall auf das Auktionshaus brachte ihm sechseinhalb Jahre Haft

ein. Ein gerechtes Urteil, Herr Meinke? Ja, ich glaube schon. Da gibt es nichts dran zu kritisieren. Das Gericht hat sich ja auch viel Zeit genommen, sowohl seine Person als auch seine Verfehlung von allen Seiten zu beleuchten und hat insofern, glaube ich, ein ausgewogenes Urteil durchgeführt. Ja, Daniel H. hat seine Strafe inzwischen längst verbüßt. Wissen Sie denn, was aus ihm geworden ist, was er heute macht? Tatsächlich nein. Wird mich persönlich auch interessieren.

Aber wir haben das nicht weiter verfolgt, können wir auch gar nicht. Der Fall ist für uns abgeschlossen. Und für uns ist es das auch. Herr Malke, vielen Dank, dass Sie bei uns waren und uns von Ihrer Arbeit an dieser recht ungewöhnlichen Geschichte berichtet haben. Ja, auch ich sage danke, dass Sie da waren. Ja, vielen Dank auch nochmal. Hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Unser Dank gilt außerdem unserem Interviewpartner Sebastian Brose, der uns von seiner Tätigkeit als Sicherheitsberater erzählt hat. Conny und ich bedanken uns auch beim Autor dieser Podcast-Folge, unserem Kollegen Rüdiger Wellnitz. Und damit sage ich bis zum nächsten Mal und bleibt sicher. In zwei Wochen gibt es wie immer die nächste Folge. An dieser Folge mitgearbeitet haben Nikola Hänisch-Koros, Katharina Jakob und Zoe Jungblut.

Für Ton und Technik sorgten Stefan Gossen und Sebastian Muxeneder. Die Regie hatte David Gromer. und die Redaktion im ZDF, Sonja Roy und Kirsten Zilonka. Die Podcast-Folgen könnt ihr übrigens auch auf dem ZDF True Crime YouTube-Kanal anhören. Den Link dazu, wie auch alle Infos zu dieser Folge, die findet ihr wie immer in den Shownotes. Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen ist eine Produktion der Securitel in Kooperation mit Bumfilm im Auftrag des ZDF.

Transcript source: Provided by creator in RSS feed: download file
For the best experience, listen in Metacast app for iOS or Android